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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 48
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III. Herakles als Dienstmann des Eurystheus und die zwölf Arbeiten.

Der argivische Herakles.

Das Dienstverhältniß zum Eurystheus, welches sehr an das gleichartige des Perseus zum Polydektes, des Bellerophon zum 186 lykischen Könige, des Siegfried zum Könige von Burgund erinnert, ist als Grundlage der Sagendichtung vom argivischen Herakles schon in der Ilias sehr weit ausgebildet. Es ist ein ganz unbilliges Verhältniß (Il. 19, 133, Od. 11, 621), denn Eurystheus ist eben so schwach als feigeDenn er ist αλιτήμερος Hesiod sc. Herc. 91 d. h. ηλιτόμηνος, ein Siebenmonatskind, Et. M. ηλιτόμηνος, Eustath. Il. 1175, 39 vgl. αλιτόκαρπος d. i. ματαιότεκνος Hes. Eurystheus ατάσθαλος b. Apollon. 1, 1317., ja er ist in beständiger Angst vor dem gewaltigen Helden, den er in seinem Dienst hat, wie davon die späteren Dichter manchen spaßhaften Zug zu erzählen wußten, daß Eurystheus den Herakles nicht in das Thor von Myken habe hineinlassen wollen und daß er sich, als er den Löwen oder den Eber lebendig brachte, in ein Faß verkrochen habe. Vielleicht hängt es damit auch zusammen daß Herakles in Tiryns wohnt, Eurystheus dagegen in Myken. Selbst das beständige Hin- und Herlaufen des Herolds KopreusΚοπρεύς d. i. der Bote durch Dick und Dünn., durch den Eurystheus nach der Ilias 15, 638 dem Herakles seine Aufträge zukommen ließ, erklärt sich am natürlichsten aus dieser conventionellen Trennung der sehr ungleichen Vettern.

Von mehreren im Auftrage des lykischen Königs verrichteten Kämpfen (α̃θλοι) wußte auch die Sage vom Bellerophon. In der vom argivischen Herakles waren schon zur Zeit der Ilias der Kämpfe so viele geworden daß man zwei Gruppen zu unterscheiden anfing, solche die im Dienste des Eurystheus und solche die unabhängig von demselben verrichtet wurden, ein Unterschied der sich mit der Zeit immer mehr feststellte. Die Zahl der Kämpfe war in älterer Zeit keineswegs eine geschlossene, sondern künstlerische und poetische Rücksichten bestimmten die Auswahl aus beiden Gruppen, wie man z. B. am Theseion in Athen folgende zehn Kämpfe abgebildet sieht: Löwe Hydra Hirsch Stier Rosse Kerberos Kyknos Amazonen Antaeos Hesperiden, von denen Kyknos, die Amazonen und Antaeos nicht zu den άθλοις im engeren Sinne des Wortes gehörtenSo bemerkte Pausanias unter den alterthümlichen Bildwerken im Tempel der Athena Chalkioekos zu Sparta πολλὰ μὲν τω̃ν άθλων ‛Ηρακλέους, πολλὰ δὲ καὶ ω̃ν εθελοντὴς κατώρθωσε, 3, 17, 2 und am T. des Herakles zu Theben waren beide Klassen eben so wenig geschieden.. Doch war bereits am Zeustempel zu Olympia das ganze System der zwölf Kämpfe, so wie es vermuthlich von Pisander festgestellt war, in Bildern vergegenwärtigt. Nach solchen Vorgängen haben die Künstler und Dichter 187 der späteren Zeit, da das Schematisiren in allen mythologischen Dingen immer geläufiger wurde, die Folge der von Eurystheus aufgegebenen Werke in der Weise fixirt wie sie fortan besungen und abgebildet wurden, obwohl selbst dann noch kleinere Abweichungen vorbehalten blieben und namentlich bei der Folge der beiden letzten Kämpfe, der Hesperiden und des Kerberos, offenbar zwei verschiedene Systeme beobachtet wurdenLysippos hatte die α̃θλοι für das Herakleion der Stadt Alyzia in Akarnanien gearbeitet, welche Bildwerke sich später in Rom befanden, Strabo 10, 459. Außerdem kennen wir einen in Bildern ausgeführten Dodekathlos zu Pergamon, Anthol. Plan. 4, 91 zu Gaza, Stark Gaza 601. Dazu kommen die bestimmten Erwähnungen bei Theokr. 24, 82 u. Apollon. 1, 1318 u. die Aufzählungen in der Anthol. v. 2 p. 651 sqq., b. Apollodor, Diodor, Hygin f. 30, auf der tab. Farnes. u. s. Vgl. Zoëga Bassiril. t. 61–63, T. 2, 43–88, Campana Op. in Plast, t. 20–26, die Vasenbilder b. Gerhard A. V. 2, 35 ff. u. die Nachweisungen b. Stephani ausr. Herakl. 199 ff. 214, 2. Sechs Kampfe, darunter die Kentauromachie und ein Kampf mit der Sphinx an der Basis einer Heraklesst. Mon. d. I. Arch. 1854 p. 92. Krater mit den Arbeiten des H. u. griech. Inschrift aus der Gegend von Frascati Ann. d. I. 29, 101.. Eine vorzügliche Hülfe zur richtigen Auffassung dieser Kämpfe in bildlicher Hinsicht gewähren die hier wieder ganz besonders reichen und mannichfaltigen Vasengemälde, vorzüglich die älteren StilsVgl. O. Jahn Einl. z. Münchn. Vasensammlung p. CLXV. Weniger häufig und in einem andern Sinne aufgefaßt sind die Thaten und Abenteuer des H. auf den Vasen des jüngeren Stils und auf denen von apulischer und lucanischer Fabrik, ib. CCX. CCXXIII.. Die Bedeutung dieser Arbeiten ist im Allgemeinen eine symbolische, ihr örtlicher Ursprung aber ein sehr verschiedener, da manche offenbar orientalischen Ursprungs, andere dagegen aus der landschaftlichen Natur in Argos, Arkadien und Elis hervorgegangen sind. Der zu Grunde liegende Charakter des Herakles ist bei den meisten der des siegreichen und triumphirenden Helden der Sonne und des Lichtes. Eine gewisse Steigerung dieser Aufgaben ist insofern gegeben als Herakles durch sie immer weiter von Myken entfernt und die Aufgabe selbst eine immer gefährlichere wird, in welcher Hinsicht der Kerberos einen würdigen Schluß bildet. Die Zwölfzahl hatte gewiß in älterer Zeit keine andere Bedeutung als die der zwölf Götter, nehmlich die einer numerisch abgerundeten Folge und Gliederung, ohne daß deswegen die Stelle der einzelnen Glieder immer nothwendig dieselbe blieb. Erst in einer dem Geiste des höheren Alterthums entfremdeten Zeit verband man damit gewisse systematische Vorstellungen vom Laufe der Sonne und vom Thierkreise.

188 Die Bewaffnung des Herakles bei diesen und überhaupt bei seinen Kämpfen war in der ältesten Zeit die mit Pfeil und Bogen, wodurch man von selbst an Apoll den Ferntreffer erinnert wird. So verwundet Herakles Il. 5, 395 ff. Hera und Aïdes mit seinem Pfeil, vgl. Od. 8, 224, wo Herakles und Eurytos (ihre Bogen waren später die des Philoktet und des Odysseus) die berühmtesten Schützen der Vorzeit genannt werden, »die es wohl selbst mit den Unsterblichen aufnahmen«, und die grandiose Schilderung des Heraklesbildes in der Unterwelt, die, wenn auch an ihrer Stelle eingeschobenOd. 11, 601 ff. Außer Nitzsch vgl. Lauer Qu. Hom. Berl. 1843 p. 25–44., doch jedenfalls ein Nachklang alter Tradition und Darstellung ist, des furchtbaren Schützen und Würgers, wie er im dichten Gedränge der Sterbenden einer finstern Wolke gleich einherschreitet, mit gespanntem Bogen, den Pfeil auf der Sehne, schrecklich blickend und immer zielend, um seine Brust ein Wehrgehenk mit Verzierungen von wilden Thieren und Kampfscenen, ganz wie man sie noch jetzt auf den ältesten Vasenbildern und etruskischem Erzgeräth sieht. Auch behaupteten sich diese Waffen des Herakles immer sowohl in der bildenden Kunst als in der PoesieSo scheint b. Athen. 12, 6 bei der ‛Ομηρικὴ στολὴ an dieses älteste Costüm gedacht werden zu müssen, desgleichen bei den Bildwerken des Kypseloskastens nach Paus. 5, 17, 4, wo das σχη̃μα nichts Anderes als den H. τοξεύων bedeutet vgl. 19, 2. Auch das Schwerdt führte H. auf diesem Kunstwerke 18, 1. Vgl. Arch. Ztg. 1854 n. 72 S. 293., obwohl mit der Zeit die Keule hinzutrat, die Pfeile mit dem Gifte der lernaeischen Hydra vergiftet und Bogen und Köcher gewöhnlich nach skythischen Mustern abgebildet wurden, daher spätere Mythographen und Dichter dem Helden einen Skythen zum Lehrmeister in der Kunst des Bogens geben. Die völligere kriegerische Ausstattung nach Art der troischen Helden scheint nicht so alt wie Pfeil und Bogen, sondern erst in Folge des jüngeren Epos vom thebanischen und trachinischen Herakles nach dem Muster des älteren trojanischen erdichtet zu sein. Wenigstens ist dieses bestimmt bei dem Hesiodischen Gedichte vom Schilde des Herakles der FallUeber den Schild O. Müller kl. Schr. 2, 616 ff. Die Bemerkung von dem Panzer vs. 125 scheint auf den Krieg gegen die Minyer zu gehen, vgl. Apollod. 2, 4, 11. Der Pfeile wird vs. 130 als einer bekannten Hauptsache, aber beiläufig gedacht. Ueber das Roß Areion s. 1, 461. Auch in Sparta kannte man das Bild des Herakles in voller Rüstung, ωπλισμένος, Paus. 3, 15, 3. Polycletus fecit Herculem, qui Romae, hagetera arma sumentem, Plin. 34, 56 d. h. als αγητήρ, als Anführer im Kriege., wo auch das Roß 189 Areion vor dem Kriegswagen des Herakles diesem nicht ursprünglich eigen, sondern aus der Thebais und von Adrast erborgt ist. Endlich seit Pisander und Stesichoros wurde das Bild des Herakles mit Löwenhaut und Keule das gewöhnliche, vermuthlich nach orientalischen Vorbildern. Beide gaben dem Herakles das wildere Ansehn einer noch nicht civilisirten Vorzeit, wie er denn vorzugsweise für den Entwilderer galt, obwohl daneben auch die älteren Waffen d. h. Bogen und Pfeil und das Schwerdt beibehalten blieben. Das Fell des Löwen ward für unverwundbar gehalten und damit hängt es wohl zusammen daß auf allen älteren Vasen, bei denen dieser Anzug durchaus der vorherrschende ist, das Fell von dem Helden eng anliegend d. h. über einen kurzen Chiton um den Leib geschnürt getragen wirdGanz wie Apollod. 2, 4, 10 es beschreibt: χειρωσάμενος τὸν λέοντα τὴν μὲν δορὰν ημφιέσατο, τω̃ χάσματι δὲ εχρήσατο κόρυθι. Vgl. Athen. 12, 6 του̃τον ου̃ν, φησίν, οι νέοι ποιηταὶ κατασκευάζουσιν εν ληστου̃ σχήματι μόνον περιπορευόμενον, ξύλον έχοντα καὶ λοεντη̃ν καὶ τόξα, καὶ ταυ̃τα πλάσαι πρω̃τον Στησίχορον τὸν ‛Ιμεραι̃ον. Löwenfell u. Keule auf phoenikischen u. kilikischen Münzen aus der Zeit des persischen Reichs b. R. Rochette a. a. O. t. 2, 1–5 vgl. Movers Phönizier 2, 2, 214. Eben so das von den Thasiern in Olympia gestiftete Bild des Onatas b. Paus. 5, 24, 7 u. viele Bronzen etruskischer Abkunft, Braun Gr. G. § 553. Auch der tyrische und gaditanische Herakles führte die Keule., dahingegen diese allerdings sehr unschöne Bekleidung in der jüngeren Kunst immer freier und loser, zuletzt beinahe zur malerischen Chlamys wird. Die Keule war der Wurzelstock eines wilden Oelbaums wie andere Keulen, welche man in den Händen der griechischen Recken und Riesen nicht selten sieht. Nach Einigen war sie künstlich geschnitzt und mit Erz beschlagen, also ein Werk des Daedalos oder Hephaestos.

Obwohl man sich diesen Helden meist mit Kampf und Streit beschäftigt dachte, so fehlte es in Sage und Dichtung doch auch nicht an friedlichen und gemüthlichen Scenen, wenn er bei seinen Freunden einkehrt oder unter den Seinigen lebt oder nach vollendeter Arbeit ausruht und sich durch Bad und Mahlzeit erquickt. In solchen Scenen pflegt er auch wohl die furchtbaren Waffen abzulegen und sich mit einem prächtigen Peplos zu bekleiden, den ihm der Sage nach wieder seine treue Freundin Athena, die große Weberin und Spinnerin zum Geschenk gemacht hatte. Oder er überläßt sich mit unbändiger Lebenskraft dem Genusse der Liebe und des Weins, zu welchem Zwecke ihm Aphrodite und Dionysos zur Hand sind, wie denn überhaupt alle Götter bis auf die einzige 190 Hera gewetteifert haben sollen dem mit Mühsal überbürdeten Helden seine irdische Laufbahn zu erleichternDiod. 4, 14, Apollod. 2, 4, 11, Aristid. 1 p. 61. Mit dem Peplos ist er bei vielen nicht kriegerischen Gelegenheiten bekleidet, s. Gerhard A. V. 2, 116, Stephani ausr. Herakl. 255, 1. H. tunicatus Plin. 34, 93..

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