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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 45
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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e. Der griechische Herakles in landschaftlichen und in Stammsagen.

Was die weitere Entwicklung der griechischen Heraklessage betrifft, so bewährt sich der argivische Herakles als der älteste auch dadurch daß die übrigen örtlichen Sagen meist auf ihn zurückweisen, vollends im Peloponnes, dessen Sagenbildung auch in dieser Hinsicht von der argivischen abhängt. Sie beschäftigt sich mit dem Helden von Argos in vielen bald landschaftlich symbolischen bald geschichtlichen Sagen, von denen jene gewöhnlich die älteren und von den combinirenden Dichtern der Heraklessage unter den zwölf Arbeiten untergebracht, diese oft spätere Nachklänge davon und örtliche Erinnerungen sind. Nächst den Sagen von Argos sind besonders die von Arkadien und Elis alterthümlich und lehrreich. Bei den meisten liegt deutlich genug eine alte landschaftliche Naturdichtung zu Grunde, wo die Sonne als triumphirender Held über alle Schrecknisse des Himmels und der Erde erscheint.

Nächst dem argivischen Herakles wurde immer der thebanische und boeotische für den ältesten und für den eigentlich griechischen gehaltenPlut. de Herod. mal. 14 καίτοι τω̃ν παλαιω̃ν καὶ λογίων ανδρω̃ν ουχ ‛Όμηρος, ουχ ‛Ησίοδος, ουκ ’Αρχίλοχος, ου Πείσανδρος, ου Στησίχορος, ουκ ’Αλκμάν, ου Πίνδαρος Αιγυπτίου έσχον λόγον ‛Ηρακλέους ὴ Φοίνικος, αλλ' ένα του̃τον ίσασι πάντες ‛Ηρακλέα τὸν Βοιώτιον ομου̃ καὶ ’Αργει̃ον .. Zunächst geschah dies wegen 171 seiner Geburt in Theben (Θηβαγενής), von welcher schon das älteste Epos erzählte. Es läßt sich aber nicht leugnen daß die boeotischen Sagen vom Herakles auch sonst einige alterthümliche Züge erhalten haben, die auf eine eigenthümliche Verehrung des Sonnenheros schließen lassen. Nachmals blieb der boeotische Herakles immer vorzugsweise das Vorbild der Gymnastik und Athletik.

Ferner ist der oetaeische Herakles von hohem Interesse, sowohl wegen seiner nahen Beziehung zum Apoll von Delphi als wegen einer eigenthümlichen, auch für das Epos eine Zeitlang recht fruchtbaren Mythenbildung, endlich wegen seiner hohen Bedeutung für die dorische Stammsage. Von der letzteren sei hier nur so viel bemerkt daß, so wichtig sie auch für die spätere Zeit wegen der außerordentlichen Erfolge des dorischen Stammes und der dorischen Herakliden wurde, dieser Herakles doch unmöglich für so alt gelten kann als er namentlich durch Müller erklärt istDor. 1, 411–458., eben so wenig wie der dorische Apoll. Vielmehr scheint der dorische Herakles wesentlich mit jenem Apollinischen Herakles zu Delphi zusammenzugehören, der als Held des dortigen Orakels und der um diesen heiligen Mittelpunkt begründeten Amphiktyonie zugleich der Stammheld der einzelnen in dieser Amphiktyonie vereinigten Völker, darunter der Dorier wurde. Was jene eigenthümliche Mythenbildung betrifft so gehören dahin namentlich die Sagen vom Könige Keyx zu Trachis, vom Könige Aegimios, von dem Verkehre mit Chiron, der Theilnahme an der Argonautenfahrt, dem Zuge gegen die Dryoper und die Lapithen, von der Zerstörung Oechalias und der Selbstverbrennung auf dem Oeta, kurz die Mehrzahl der thessalischen, lokrischen und trachinischen Sagen, welche viel Eigenthümliches haben und in der nachhomerischen Periode des epischen Gesanges manchen vorzüglichen Dichter beschäftigten.

Ferner gab es einen attischen Heraklesdienst, dessen alter Mittelpunkt zu Marathon war, wo die Sage bei der Freundschaft zwischen Herakles und Theseus und bei der Geschichte der dorischen Herakliden anknüpfte. Dasselbe that der makedonische Heraklescult, welchem mit der Zeit als dem Stammheros des regierenden Hauses, aus welchem auch Alexander der Große hervorging, eine besondere Auszeichnung zu Theil wurde.

Endlich war auch die Gegend von Aetolien bis Thesprotien die Heimath alter Sagen vom Herakles, der auch in 172 diesen bald für das Wohl des Landes arbeitend bald Kriege führend bald als Stammvater der königlichen Geschlechter erscheint. In Aetolien bilden die Sagen von dem Kampfe des Herakles mit dem Flußgotte Acheloos, seiner Vermählung mit Deianira, der Tochter des Oeneus, der Mutter des Hyllos, seinem Wohlleben bei dem Weinkönige Oeneus, seinem Auszuge über den Euenos, bei welchem Herakles den Kentauren Nessos tödtet, dieser der Deianira das verhängnißvolle Gift einhändigt, eine eigenthümliche und in dem Zusammenhange der gewöhnlichen Tradition bedeutungsvolle Gruppe. Bei den Thesprotern war Ephyra, einer der ältesten hellenischen Stammsitze, der Mittelpunkt von Traditionen, deren schon die Ilias 2, 658 ff. erwähnt. Aus dieser Gegend führte Herakles die Mutter des Tlepolemos mit sich nach Argos, von wo dieser Heraklide später nach der Insel Rhodos flüchtet, deren Völker er im trojanischen Kriege führt. Und auch in Thessalien gab es Herakliden, welche ihr Geschlecht aus der Gegend des thesprotischen Ephyra ableiteten.

Aber auch die asiatische Heraklessage von Troas, die der mysischen Herakliden und die lydischen Traditionen theilten sich früh den Griechen mit, denen sie viele und bedeutende Beiträge zu ihrer Dichtung von diesem Helden geliefert haben. Bringt man dazu noch die vielen Städte in Anschlag, welche sich nach Herakles nannten und großentheils auch von ihm begründet zu sein behauptetenSteph. B. v. ‛Ηράκλεια zählt 24 auf, welche Zahl sich vermehren ließe. Die wichtigsten sind ‛Ηράκλεια η Τραχινία, welches die Spartaner auf das Gesuch der stammverwandten Malier in derselben Gegend anlegten, wo ehedem Trachis gelegen hatte und von wo sie selbst zur Eroberung des Peloponnes ausgezogen waren, Diod. 12, 59. Ferner das pontische Herakleia, ‛Ηράκλεια εν Πόντω, dessen Sagen Herodot geltend zu machen wußte., ferner die Elemente der libyschen, sicilischen, italischen, keltischen und skythischen Heraklessage, die Nachklänge verwandter Heldensage dieser Länder und Völker, welche die griechische Dichtung allmälig in ihr auf Universalmythologie angelegtes Schema mithineinzog, endlich die aus den griechischen Colonieen und früher von Phoeniken bewohnten oder auf die Dauer von ihnen colonisirten Gegenden immer zahlreicher zuströmenden Elemente der orientalischen Heraklessage: so wird man begreifen, daß es sich hier von einem Helden handelt, der nur bedingter Weise ein hellenischer genannt werden darf. Vielmehr war Herakles, wie Dionysos unter den Göttern, zuletzt ganz zu einer so zu sagen oekumenischen Gestalt und 173 centralisirenden Macht der alten Mythologie und Religion geworden, zu welcher alle Völker und alle Bildungsepochen des vorchristlichen Alterthums ihre Beiträge geliefert haben.

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