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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 44
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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d. Der orientalische Herakles.

Wie der Name Dionysos und der von andern griechischen Göttern bald zu einem Collectivnamen für die verwandten Gottesdienste und Ueberlieferungen vieler andrer Völker geworden ist, so wurde der des Herakles dasselbe für die entsprechenden Nationalhelden, ein Umstand welcher nicht wenig zur Erweiterung der Heraklessage über den ganzen Umfang der den Alten 166 bekannten Welt beigetragen hat. Auf viele derartige Gestalten werden wir gelegentlich zurückgeführt werden, vorzüglich bei den Erzählungen von der Fahrt gegen Geryon und von der nach den Aepfeln der Hesperiden. Andre aber müssen gleich hier zur Sprache kommen, da sie sichtlich auch auf die frühere Entwickelung der griechischen Heraklessage von Einfluß gewesen sind, d. h. wie dieselbe seit Hesiod, Stesichoros, Pisander und Panyasis erzählt zu werden pflegte. Es sind dieses der assyrische und der phoenikische HeraklesO. Müller Sandon und Sardanapal Rh. Mus. 1829 u. kl. d. Schr. 2, 100–113, R. Rochette Mémoires d' Archéologie comparée sur 1' Hercule Assyrien et Phénicien, P. 1848., beide unter einander verwandt, aber doch auch durch wesentliche Merkmale unterschieden. Der Dienst und die Fabel vom assyrischen Herakles hatte sich mit andern Einflüssen des großen assyrischen Centralreiches von Ninive und BabylonDieses Reich ist gemeint b. der Ueberl. des Agathias 2, 24 p. 117 nach Berosos u. A., daß die alten Perser verehrt hätten Zeus unter dem Namen Belos, Herakles als Σάνδης, Aphrodite als Anaitis. Außer den babylonischen Cylindern und den neuerdings bekannt gewordenen Denkmälern von Ninive ist bemerkenswerth Tacit. A. 12, 13, wo der assyrische Herakles als großer Jäger nach Art des Nimrod erscheint. in frühen Zeiten über Kleinasien verbreitet, namentlich über Kilikien, wo Tarsos, Anchiale und Kelenderis für seine Gründungen galtenVon Tarsos Ammian. Marc. 14, 8, 3, wo ex Aethiopia (codd. ex aechio) profectus Sandan quidam nomine vir opulentus et nobilis als Gründer genannt wird, wofür Dio Chr. or. 33 p. 451. 467 Emp. den Herakles nennt, vgl. Basil. de mirac. S. Theclae 2, 15, wo zwei Personen stammen εκ μια̃ς πόλεως τη̃ς δαμαλίδος τε καὶ Σάνδα του̃ ‛Ηρακλέος του̃ ’Αμφιτρύωνος d. h. aus der Stadt der Io und des Herakliden Sandes d. i. wahrscheinlich Tarsos. Kelenderis (auf der Grenze gegen Syrien) nannte seinen Gründer Σάνδακος, einen Abkömmling der Eos und des Kephalos, Apollod. 3, 14, 3, Anchiale (in der Nähe von Tarsos) den Sardanapal, dessen Bild dort zu sehen war, mit einer Inschrift in assyrischen Buchstaben (Keilschrift), nach welcher er Anchiale und Tarsos in einem Tage gegründet habe, Strabo 14, 672, Arrian 2, 5, Athen. 12, 39, Steph. B. v. ’Αγχίαλη u. A., und nach Lydien, aus dessen ältester Geschichte von guten Gewährsmännern die merkwürdige Thatsache überliefert ist, daß über 500 Jahre (1222–716) dieses Land von Sardes aus durch eine Dynastie assyrischer Herakliden beherrscht worden, welche sich von Ninos, dem Sohne des Belos, des Alkaeos, des Herakles ableitetenHerod. 1, 7. Höchst wahrscheinlich gehört das von Herodot auf Sesostris bezogene Monument auf der Straße von Sardes nach Smyrna in diese Periode der assyrischen Herrschaft, Kiepert Archäol. Ztg. 1843 n. 3 ff.,Lepsius ib. 1846 n. 41.. Der einheimische 167 Name dieses Herakles war Sandes oder SandonNach Io. Lyd. d. mag. 3, 64 erklärte Sueton den Namen Σάνδων durch das durchsichtige und fleischfarbige Gewand σάνδυξ, womit Omphale ihn nach Art der lydischen Frauen bekleidet habe, vgl. Plut. an s. s. g. resp. 4 καθάπερ ένιοι τὸν ‛Ηρακλέα παίζοντες ουκ ευ̃ γράφουσιν εν ’Ομφάλης κροκωτοφόρον etc. Nach Poll. 1, 45 beschenkte der tyrische Herakles nach Erfindung des Purpur die vom ihm geliebte Nymphe Tyros (wohl Astarte als Stadtgöttin) mit einem damit gefärbten Gewande.; doch scheinen auch die fabelhaften Ueberlieferungen vom Sardanapal und seinem Ende auf ihn bezogen werden zu müssen. Immer gilt er im Geschmacke des Orients zugleich für sehr üppig in allen sinnlichen Genüssen und für einen sehr starken und muthigen Helden, in Sardes bekanntlich für den Sklaven und Buhlen der Omphale, mit welcher er die Kleider tauscht, eine Vermischung der Geschlechtseigenthümlichkeit welche sich, wie bei den gleichartigen Ueberlieferungen des asiatischen Aphroditedienstes, auch in den Gebräuchen der Festfeier ausdrückteEine Nachwirkung davon im Heraklesculte zu Kos, Plut. Qu. Gr. 58, vgl. Bd. 1, 400 u. R. Rochette a. a. O. 91 ff. – Hes. ’Ηλακάτεια, αγὼν εν Λακεδαίμονι απὸ ’Ηλακάτου, ὸς η̃ν ερώμενος ‛Ηρακλέους, ώς φησι Σωσίβιος, , doch wohl von ηλακάτη d. i. der Spinnrocken, Buttmann Mythol. 2, 358 ff.. Denn beide, Omphale und dieser assyrische Herakles, waren eigentlich Götter, sie eine der Astarte, der Semiramis, der Aphrodite Urania verwandte Mondgöttin, er der Sonnengott als himmlischer Held und König, in der Geschichte des Landes das erste Herrscherpaar, von welchem jene Dynastie der Herakliden ihr Geschlecht ableitete. Aus Tarsos hören wir von der Selbstverbrennung dieses Herakles, welche jährlich durch Errichtung und Verbrennung eines Scheiterhaufens mit seinem Bilde gefeiert wurdeDio Chr. l. c. πυρα̃ς ούσης, ὴν πάνυ καλὴν αυτω̃ ποιει̃τε. Vgl. die Münzen von Tarsos b. R. Rochette pl. 4, 1–11 und die Pyra zu Hierapolis b. Lukian d. dea Syr. 49, wo eine ähnliche Feier gegen Frühlingsanfang begangen wurde. Auch unser Weihnachtsfeuer und das Feuer auf den Bergen zu Ostern und Johannis kann verglichen werden, immer in den kritischen Zeiten des Sonnenlaufs. Auf jenen Münzen sieht man bald Herakles allein bald seine Figur in der Pyra, die auf einem hohen cubischen Untersatze steht, auf ihrer Spitze ein auffliegender Adler, das Symbol der Apotheose. Herakles steht auf einem gehörnten Wunderthiere und ist nach orientalischer Weise bekleidet, dazu bald mit Bogen und Köcher bald mit dem Doppelbeil bald mit einem Kranze versehn. Mit der R. macht er den Gest, welchen die 166, [Anmerkung 603] citirten Schriftsteller am Bilde des Sardanapal zu Anchiale beschreiben., ein Fest der Wiederkehr und Auferstehung der Sonne aus dem Tode und der Finsterniß des Winters, welches vermuthlich auch in 168 dem alten Sardes begangen wurdeWenigstens zeigt eine M. von Philadelphia in Lydien ein ähnliches Gepräge.. Bei den vielfachen Beziehungen Griechenlands zu Kleinasien und dem lydischen Reiche konnte es nicht fehlen daß solche Vorbilder und Analogieen auf die griechische Heraklessage eine Rückwirkung ausübten, zumal sobald auch dieser Herakles zu einem Gott gleich andern Göttern geworden war, welches früh genug der Fall warOd. 11, 601 αυτὸς δὲ μετ' αθανάτοισι θεοι̃σον τέρπεται εν θαλίης καὶ έχει καλλίσφυρον ‛Ήβην, vgl. Hesiod th. 950 ff., welche Stellen man gewöhnlich für Interpolationen des Zeitalters des Pisistratos hält, und Hom. H. 15.. So verräth namentlich die Apotheose des Herakles und seine Selbstverbrennung auf dem Oeta recht deutlich dieses Vorbild, abgesehn von der lydischen Episode der Heraklesfahrten und gewissen Thierkämpfen und Eigenthümlichkeiten des Costüms, welche gleichfalls auf den Orient zurückweisen. Auch wird in solchen Dingen der phoenikische Herakles sich nicht wesentlich von dem assyrischen unterschieden haben, obwohl die eigenthümliche Cultur dieses Volks und die weite Verbreitung seines Handels und seiner Colonieen über das Mittelmeer und darüber hinaus auch seinen Ueberlieferungen über die Thaten und Fahrten seines ersten Helden in vielen Punkten ein eigenthümliches Gepräge verliehen. Die alte Metropole dieses Dienstes war Tyros, für dessen Gründer dieser Herakles galtHerod. 2, 44, Arrian 2, 16, Lukian de dea Syr. 3 u. A. und wo König Hiram, der Zeitgenosse Salomos, den Tempel des Herakles und den der Astarte wiederhergestellt und das Fest einer Auferweckung (έγερσις) des Herakles gestiftet hatte, welches um die Zeit des kürzesten Tages wahrscheinlich gleichfalls mit einer Pyra begangen wurdeMenander b. Ioseph. Antiq. 8, 5, 3 vgl. Clem. Recogn. 10 p. 35 Burs. Herculis (sepulchrum) apud Tyrum, ubi igne crematus est. Mehr zu seiner Charakteristik als des Herrn der himmlischen Heerschaaren und der Jahreszeiten, in dessen Tempel ein ewiges Feuer brannte und kein Bild geduldet wurde, b. Nonn. 40, 369 ff., Sil. Ital. 3, 14 ff., Philostr. v. Apollon. 5, 5 p. 86 (diese beiden letzteren über den Dienst zu Gades) vgl. Movers Phönizier 1, 385 ff.; 2, 2, 109 ff., Stark Leipz. Ber. 1856 S. 44 ff.. Zugleich galt er für den ersten König und für den ersten Erfinder der Schifffahrt und des Purpurs, auch für den Anführer der Colonieen und Heereszüge bis in die entfernten Gegenden von Mauretanien und Andalusien, welche seinen Namen und den der Phoeniker schon zu einer sehr frühen Zeit zu einem weltberühmten machten. Er hieß bald Melkart d. h. Stadtkönig, bald 169 Maker oder Mokar, was dasselbe bedeuteteΜελίκαρθος ο καὶ ‛Ηρακλη̃ς Philo Bybl. b. Euseb. Pr. Ev. 1, 10, 19, Μάλικα τὸν ‛Ηρακλέα ’Αμαθούσιοι Hesych, Μάκηρις Paus. 10, 17, 2. Vgl. Movers 2, 2, 117 u. Olshausen Rh. Mus. f. Phil. N. F. 8, 328.. Man kann seine Spur über Cypern, Rhodos, Kreta, Sicilien und Sardinien, Malta und Libyen bis nach Gades und Spanien verfolgen, in welcher Gegend, der Grenze der alten Schifffahrt, der Heraklesdienst von Gades ein neuer Mittelpunkt der Sagenbildung wurde und sein Ansehn auch in dem römischen Reiche behauptete. In den griechischen Gewässern war der Dienst auf der Insel Thasos besonders wichtig, da hier die Elemente des phoenikischen und des griechischen Glaubens sich zuerst durchdrungen zu haben scheinenHerod. 2, 44. Ueber die Lage des Tempels Conze Reise a. d. Ins. d. thr. Meers S. 17. Das Bild war den älteren Münzen von Thasos zufolge das eines τοξότης, wie das des persischen Königs auf den Dareiken. Ein andres beschreibt Paus. 5, 25, 7.. Die griechische Sage hat auch von diesem Herakles manche Züge angenommen, z. B. seine Thaten und Kämpfe sowohl auf dem festen Lande als zur See, wie davon die griechischen Dichter seit Pindar viel zu erzählen wissenPind. N. 1, 62 όσσους μὲν εν χέρσω κτανών, όσσους δὲ πόντω θη̃ρας αιδροδίκας. I. 3, 75 ναυτιλίαισί τε πορθμὸν αμερώσαις. Soph. Tr. 1011 πολλὰ μὲν εν πόντω κατά τε δρία πάντα καθαίρων. Eurip. Herc. f. 225 ποντίων καθαρμάτων χέρσου τ' αμαοιβάς. 400 ποντίας θ' αλὸς μυχοὺς εισέβαινε θνατοι̃ς γαλανείας τιθεὶς ερετμοι̃ς.. Daher Herakles nach tyrischem Muster auf einem aus Holz gezimmerten Flosse stehend, mit geschwungener Keule und einem Pfeile in der Hand abgebildet wurde, wie dieses namentlich zu Erythrae in Ionien der Fall warPaus. 7, 5, 3 vgl. die Münzen von Erythrae b. R. Rochette t. 3, 8–11 p. 175., oder auf einem aus Krügen oder Schläuchen gebildeten Flosse liegend und mit gespanntem Segel durch die Fluth schiffend, wie man ihn nicht selten auf Scarabaeen abgebildet sieht, welche besonders im südlichen Italien gefunden werdenSteph. ausr. Herakles S. 126.. Oder man erzählte von seinen Zügen und Abenteuern in Libyen und Spanien, wie dieses vorzüglich in den späteren Versionen der Sage vom Geryon und von den Aepfeln der Hesperiden der Fall ist. Oder man verehrte ihn und den Sonnengott neben der Astarte in der Bedeutung der Aphrodite Urania, von welchem Vereine sich die Spuren in verschiedenen Gegenden des griechischen und punischen Verkehrs nachweisen lassenAuf Akrokorinth Helios neben Aphrodite u. Eros, Paus. 2, 5, 1. Herakles Verehrer der kytherischen Aphrodite zu Hypata, Aristot. Mirab. 133 (145), der erycinischen in arkadischen und sicilischen Ueberlieferungen. Neben der Apaturos, für welche er gegen die Giganten kämpft, zu Phanagoria u. Pantikapaeon, Strabo 11, 495, Boeckh z. C. I. n. 2120. H. von den s. g. pythischen Göttern entführt im T. d. Aph. zu Massilia, C. I. n. 6769. Der lyrische H. u. Astarte in England, C. I. n. 6806. 6807.. 170 Dahingegen der aegyptische Herakles, auf welchen Herodot nach seiner Art ein besonderes Gewicht legt, dieses in der älteren Zeit der Sagenbildung und selbst im Zusammenhange der aegyptischen Götterlehre keineswegs gehabt zu haben scheintHerod. 2, 43. Nach dem Et. M. hieß er Χω̃ν, nach Hesych Γιγνω̃ν oder Γιγω̃ν. Vgl. Parthey z. Plut. Is. Os. 210. 238.. Erst in den späteren der allgemeinen Auflösung und Vermengung nationaler Traditionen wurde er nicht selten mit dem punischen identificirt und dadurch zu einem Eroberungshelden wie dieser, vornehmlich wie es scheint in dem Kreise des libyschen und gaditanischen HeraklesdienstesDiod. 1, 24, Plut. 10, 13, 4; 17, 2, Zenob. 5, 48, Sil. Ital. 3, 24 ff., Philostr. v. Apollon. 5, 5, Mela 3, 6..

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