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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 41
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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I. Allgemeines.

a. Der argivische Herakles.

Der argivische Herakles ist wenn nicht schlechthin der älteste, doch jedenfalls der welcher in der griechischen Sagenbildung vom Herakles für den ältesten angesehen werden muß und eben deshalb immer das Vorbild und der centralisirende Kern aller übrigen Dichtungen von diesem Heros geblieben ist. Schon der Name ‛Ηρακλη̃ς altgriechischen Ursprungs weist deutlich genug hin auf die argivische Hera, jenen berühmten Dienst der Himmelskönigin, zu welchem sich die ältesten Städte der Landschaft Argos und Tiryns und Myken wetteifernd bekannten. Wie derselbe auf die Anfänge und den weiteren Verlauf der hellenischen Sagendichtung überhaupt einen bedeutenden Einfluß ausgeübt hat, so ist es namentlich interessant auf die Parallele zwischen Io und Herakles zu achten, welche sich nicht allein dem Geschlechte nach so nahe stehen. Beide sind der Hera scheinbar verhaßt und werden von ihr der Sage nach aufs bitterste verfolgt, bis zur endlichen Aussöhnung. Und doch sind beide eigentlich Diener und Verehrer der Hera, so daß selbst ihre Leiden und Schicksale zur Verherrlichung der großen Göttin dienen, wie andrerseits ihre eigne Verherrlichung nur die Folge dieser ihnen von der Hera auferlegten Schicksale ist. Das haben schon die Alten bei der Erklärung des Namens Herakles erkanntότι δι' ‛Ήραν έσχε κλέος Diod. 4, 10. Schon Pindar hatte den Namen so erklärt Prob. Virg. Ecl. 7, 61. Viele andre Erklärungen, aber mit dem Bemerken daß die Meisten den Namen verständen παρὰ τὸ εκ τη̃ς ‛Ήρας τὸ κλέος εσχηκέναι b. Et. M. Vgl. Διοκλη̃ς Ζηνοκλη̃ς ’Αθηνοκλη̃ς Διονυσοκλη̃ς u. s. w., obwohl wir uns das Verhältniß als ein noch tiefer begründetes denken dürfen, denn wie Io eigentlich der wandelnde Mond im Dienste der Himmelskönigin ist, so ist Herakles eigentlich der streitende Sonnenheld im Dienste derselben Göttin des himmlischen Glanzes, und erst aus diesem Verhältniß ergiebt 159 sich sowohl der volle Sinn seines NamensBd. 1, 124, [300]. als der rechte Schlüssel der argivischen Heraklessage. Diese ist ihren Grundzügen nach folgende. Herakles ist zwar der geliebte Sohn des Zeus, ja dessen Lieblingssohn schlechthin, den sein himmlischer Vater auf alle mögliche Weise schützt und fördert. Aber er ist wie Dionysos der Sohn eines Kebsweibes und deshalb Hera seine unversöhnliche Feindin, so lange er auf Erden wandelte. Das ist sein böses Geschick, wodurch er zuerst in die unwürdige Abhängigkeit vom Eurystheus gekommen ist, die ihm sein ganzes Leben verbittert. Er ist insofern der Gegenstand eines beständigen Antagonismus zwischen den beiden obersten Himmelsmächten, den eine sehr alte Dichtung in großartigen Zügen ausgeführt hatte und dessen ganze Anlage und Auffassung, wie sie durch das Epos mit der Zeit zu einer allgemein anerkannten Thatsache der griechischen Götter- und Heroensage geworden war, sich offenbar in diesem argivischen Sagenkreise vom Herakles und in dem sinnverwandten der Io zuerst ausgebildet hatte. Sein böses Geschick beginnt damit daß er nicht in Argos, sondern in Theben geboren wird, im Auslande, im Exil, wohin seine Eltern in Folge einer Verschuldung hatten flüchten müssen; wenigstens scheint dieses der Sinn seiner Geburt in Theben im Zusammenhange der ältesten Sage gewesen zu sein. Aber auch so dachte ihm Zeus das mächtigste aller Reiche zu verschaffen d. h. das argivische mit den beiden alten Persidenburgen Myken und Tiryns. Das verkündigt er aufs feierlichste bei großer Götterversammlung, an demselben Tage wo die Geburt des Herakles bevorstand (Il. 19, 103 ff.). Aber Hera, die stolze Kronidentochter, die gegen ihren Gemahl immer aufsätzige, auf die Rechte und Pflichten der Ehe, die ihre eigenen Rechte und Pflichten sind, unausgesetzt eifersüchtige Himmelskönigin weiß dieses zu hintertreiben und den Herakles in die schimpflichste Abhängigkeit zu bringen, welche die Bedingung aller seiner Thaten, aber auch die von allen seinen Leiden istOd. 11, 620 Ζηνὸς μὲν πάις η̃α Κρονίονος, αυτὰρ οιζὺν ει̃χον απειρεσίην· μάλα γὰρ πολὺ χείρονι φωτὶ δεδμήμην, ο δέ μοι χαλεποὺς επετέλλετ' αέθλους.. Listig weiß sie ihren Gemahl zu dem Schwure zu bewegen, daß der an diesem Tage zuerst Geborne der so feierlich angekündigte König und Herrscher sein soll, eilt dann schnell nach Argos, wo die Gemahlin des Sthenelos, der gleichfalls Perside war, im siebenten Monat schwanger 160 lag, bewirkt als Herrscherin über alle Geburten daß dieses Kind alsbald ans Licht kommt und hält die Wehen der Alkmene in Theben zugleich so lange auf bis Eurystheus geboren ist: so daß Zeus trotz aller Wuth über die Ate, die seinen Sinn berückt hat, sein Wort halten muß. Der schwächliche, der feige Eurystheus wird der Herrscher über Argos und über Herakles, und Zeus bereut seine Uebereilung stets von neuem, so oft er seinen geliebten Sohn in diesem unwürdigen Dienste sich abmühen siehtIl. 19, 132 τὴν αιεὶ στενάχεσχ' όθ' εὸν φίλον υιὸν ορω̃το έργον αεικὲς έχοντα υπ' Ευρυσθη̃ος αέθλων.. Hera aber läßt es nicht bei diesem ersten Anfange bewenden, sondern auch noch im Dienste des Eurystheus, ja in seinem ganzen Leben und bis zu seinem Tode, denn die Ilias weiß nur von diesem und leitet auch ihn von dem Zorne der Hera abIl. 18, 117 ουδὲ γὰρ ουδὲ βίη ‛Ηρακλη̃ος φύγε Κη̃ρα, όσπερ φίλτατος έσκε Διὶ Κρονίωνι άνακτι, αλλά ε Μοι̃ρ' εδάμασσε καὶ αργαλέος χόλος ‛Ήρης., verfolgt sie den Helden mit allen Listen und Ränken und das mit einer Energie und Ausdauer, welche selbst nach den schwersten Züchtigungen, die der ergrimmte Olympier von Zeit zu Zeit über sie verhängt und welche, wie dieses schon die alten Ausleger empfandenIl. 14, 250 ff.; 15, 18 ff. Diese furchtbar leidenschaftlichen Scenen zwischen Zeus und Hera, deren Anlaß nach der Ilias nichts Anderes war als der sterbliche Herakles, verletzten schon die alten Ausleger dergestalt daß Zenodot durch Streichen zu helfen suchte, während Andre um so nachdrücklicher auf allegorische Interpretation bestanden. Vgl. Bd. 1, 128 ff., eigentlich außer allem Verhältniß zu dieser Ursache sind, nicht abnimmt. Alle die grandiosen Bilder von himmlischen Naturkämpfen, welche wir aus der Ilias kennen, werden an diesem Faden aufgereiht, ja selbst die bekannte Liebesscene auf dem Berge Ida scheint nach einem älteren Vorbilde des epischen Gesanges vom Herakles gedichtet zu sein. Und die späteren Dichter sind in gleichartigen Motivirungen nicht zurückgeblieben, daher fast alle widrigen Momente in der Geschichte des Herakles, von den Schlangen die den Säugling bedrohen und ein Bild der Kämpfe seines ganzen Lebens sind, bis zu den schrecklichen Ungeheuern, gegen welche ihn Eurystheus aussendet, ja alle feindseligen Plane und Aufgaben des Eurystheus und zu guter letzt auch noch dessen Haß gegen die Herakliden von der Hera abgeleitet werden. Es ist ganz im Sinne der ältesten Zeit und ihrer Poesie daß dieser gewaltige Antagonismus der 161 höchsten himmlischen Mächte nicht blos den geistlichen, sondern auch den weltlichen Gesang viel beschäftigte und die Heraklessage darüber zum Mittelpunkte einer immer weiter um sich greifenden Sagenbildung wurde.

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