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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 24
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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b. Minos.

Minos (Μίνως) scheint der Sonnenheld und Sonnenkönig von Kreta zu sein, in einer dem phoenikischen Herakles Melkart verwandten Gestalt. Schildern ihn die älteren Berichte vorzüglich als Gesetzgeber und weit und breit berühmten König, dessen Gerechtigkeit ihm noch in der Unterwelt das Amt des Richters sicherte, so fehlt es in andern Nachrichten nicht an deutlichen Merkmalen eines nicht historischen sondern symbolischen Charakters.

119 Die älteste und wichtigste Stelle, aus welcher wir von dem Minoischen Kreta erfahren, ist Od. 19, 172 ff., wo Kreta als eine reiche, blühende, dichtbevölkerte Insel beschrieben wird, mit der Hauptstadt Knosos, wo Minos in neunjährigen Perioden (εννέωρος) als Sohn und Vertrauter des Zeus regiert habeένθα τε Μίνως εννέωρος βασίλευε Διὸς μεγάλου οαριστής d. i. confabulator, οι γὰρ όαροι λόγοι εισὶ καὶ οαριστὴς συνουσιαστής εστιν εν λόγοις, Plat. Min. 319 E, vgl. Il. 13, 449 ὸς πρω̃τον Μίνωα τέκε Κρήτη επίουρον, und die Verse des Euripides aus den Kretern fr. 475 Φοινικογενου̃ς τέκνον Ευρώπας καὶ του̃ μεγάλου Ζανός, ανάσσων Κρήτης εκατομπτολιέθρου. Knosos seine Residenz auch b. Diod. 33,13, Serv. V. Ecl. 6, 60. Ueber das Wort εννέωρος vgl. H. Weber Philol. 17, 163 ff.. Und so preist auch Hesiod in einigen bei Plato Min. 320 D erhaltenen Versen den Minos als den großen, den mächtigen König, den König der Könige (ὸς βασιλεύτατος γένετο θνητω̃ν βασιλήων), der mit dem Scepter des Zeus weit und breit über die benachbarten Völker und Länder geherrscht habe. Alle neun Jahre, erzählen die Späteren nach Anleitung jenes Ausdrucks der Odyssee, sei Minos in eine durch alten Glauben geheiligte Höhle gegangen, um dort eine Zeit lang des Umgangs mit seinem Vater Zeus zu pflegen und Gesetze für seine Insel von ihm zu empfangenPlat. Min. l. c, Strabo 10, 476; 16, 762, Val. Max. 1, 2 ext. 1., was ohne Zweifel mit dem besonders durch die Apollinischen Sühnungen bekannten ennaeterischen Jahrescyclus (1, 220) zusammenhängt. Die Minoischen Gesetze selbst galten für die ältesten in den von Griechen bevölkerten Gegenden und für die Vorbilder der Lykurgischen, die ihnen auch darin glichen daß sie als Inspirationen einer Gottheit, hier des Pythischen Apollon erlassen wurden. Was die Herrschaft des Minos betrifft so wird diese immer als Thalassokratie geschildert d. h. als Herrschaft über das Meer und seine Inseln, welche damals meist von Karern und Phoeniken bevölkert warenHerod. 1, 171, Thuk. 1, 4. 8, Aristot. Pol. 2, 7, 2, Strabo 14, 661, Diod. 5, 84 διόπερ εν ται̃ς νήσοις, αλλὰ καὶ κατὰ τὴν ’Ασίαν τὰς επωνυμίας έχουσι Κρητω̃ν λιμένες καὶ Μίνωαι καλούμεναι. Vgl. Höck Kreta 2, 201 ff.. Also ein mächtiger Inselstaat unter der Oberhoheit von Kreta, der von orientalischen Bildungselementen durchdrungen war und von einer kriegerischen, auf der See heimischen und sehr unternehmenden Bevölkerung getragen wurde und auf die Zustände aller umliegenden Gegenden jedenfalls großen Einfluß ausgeübt hat, wie dieses auch durch die zahlreichen Specialüberlieferungen von Minoischer Herrschaft und Minoischen Ansiedlungen bestätigt wird.

120 Neben solchen Ueberlieferungen von dem weisen Gesetzgeber, dem mächtigen Seekönige Minos gab es aber auch viele minder günstige und dabei durchaus mythische Aussagen. Minos erscheint darin als eine starke, aber dämonische und gewaltsame Macht, wie schon die Odyssee 11, 322 von dem grimmen Minos (ολοόφρων) erzählt und nachmals die attische Bühne mit ihren steten Beziehungen auf die Schmach vor Theseus dieses Bild von dem hartherzigen und tyrannischen Minos noch weiter ausgeführt hatPlato Min. 318 D. 320 D, Plut. Thes. 16 καὶ γὰρ ο Μίνως αεὶ διετέλει κακω̃ς ακούων καὶ λοιδορούμενος εν τοι̃ς αττικοι̃ς θεάτροις.. Seine Gemahlin ist Pasiphae, welche eine Tochter des Helios und der PerseisDasselbe Paar von welchem Aeetes und Kirke stammen, s. Apollod. 3, 1, 2, Antonin. Lib. 41, Cic. N. D. 3, 19, 48 Circe autem et Pasiphae et Aeetes e Perseide Oceani filia nati patre Sole in deorum numero non habebuntur? Andre nannten ihre Mutter Κρήτη und eine T. des Asterios. und unsterblich genannt wird und offenbar eine Mondgöttin wie Kirke und Medea war, worauf schon der Name Πασιφάη deutet. Auch wurde die Mondgöttin unter demselben Namen an der messenisch-lakonischen Küste bei Thalamae, dem Geburtsorte der Dioskuren, und zu Sparta als Inhaberin eines Traumorakels verehrt, welches in Sparta sehr heilig gehalten wurde und selbst auf die öffentlichen Zustände Einfluß ausübteCic. de Div. 1, 43, 96, Plut. Kleom. 7, Agis 9, Paus. 3, 26, 1.. Als Mond aber erschien die kretische Pasiphae wie gewöhnlich unter dem Bilde einer schimmernd weißen Kuh, wie der Sonnengott unter dem eines schimmernd weißen Stiers: woraus die seltsame Fabel von der Liebe der Pasiphae zu dem Stiere des Minos entstanden ist, für deren Frucht Minotauros galt, ein altes Symbol des kretischen Zeus- oder Baalcultes. Nach der gewöhnlichen ErzählungAußer Apollod. l. c. u. Tzetz. Chil. 1, 19 s. Virg. Ecl. 6, 45–60. opferte Minos bei seiner Wahl zum Könige vor allem Volke seinem Vater Zeus am Meeresstrande und betete dabei zum Poseidon, ihm den Opferstier aus feuchter Tiefe emporzusenden. Da entsteigt dem Meere ein wunderbar schöner und starker und dabei schneeweißer Stier, welches Wunder dem Minos die bestrittene Herrschaft sichert. Er aber entzieht das Thier seiner Bestimmung und steckt es unter seine Heerde, welche bei Gortys weidete und von einigen Erzählern ausdrücklich eine Sonnenheerde genannt wirdServ. u. Intp. Bern. z. Virg. l. c. Gortyna, Cretensis civitas, ubi putabantur Solis fuisse armenta.. Darüber erzürnt macht Poseidon den Stier wild und flößt zugleich der 121 Königin eine unnatürliche Begierde zu ihm ein, so daß er aus jener Stallung hervorbrechend durch die Insel stürmt, Pasiphae aber in brünstiger Liebe ihm durch Berge und Wälder folgt, bis endlich der Tausendkünstler Daedalos ihn wieder auf seine Weide lockt und dort die Begierde der Pasiphae auf die bekannte Weise stilltDer kretische Stier, welchen Herakles und später Theseus bändigen, wird gewöhnlich für identisch mit diesem erklärt, während Akusilaos ihn für den der Europa hielt, Apollod. 2, 5, 7. Die unnatürliche Lust der Pasiphae erklärten Andre durch den Zorn der Aphrodite, Hygin f. 40, Serv. V. A. 6, 14.. Also eine Heerde wie die in der Odyssee beschriebene (1, 336), die zu Taenaron und die von Theokrit beschriebene des Königs Augeias zu Elis, und als Leitstier derselben der SonnenstierPhilostr. im. 1, 16 γέγραπται δὲ ο μὲν ταυ̃ρος αγέρωχός τε καὶ ηγεμὼν τη̃ς αγέλης, εύκερώς τε καὶ λευκὸς etc., vgl. Oppian Kyneg. 2, 46 ff. und Boeckh C. I. 1 p. 811., wie Pasiphae in der Gestalt der Kuh neben ihm die Mondkönigin, die einzelnen Thiere aber die einzelnen Tage und Nächte des Jahres bedeuteten. Die Liebe der Pasiphae zu diesem Stiere erschien bald als widernatürlich, daher jenes Motiv erfunden wurde. Und doch erzählte man in Babylon von einem ähnlichen Gelüste der Semiramis zu einem Pferde, welches gleichfalls ein Bild der Sonne istPlin. 8, 155, Hygin f. 243.. Daß eine solche Fabel sich so weit verbreiten und so lange behaupten konnte, dazu mag der natürliche Reiz solcher Allegorieen des gestirnten Himmels und der des Phantastischen beigetragen haben, bei den griechischen Dichtern überdies der Anlaß zur Schilderung einer leidenschaftlichen Verirrung der LiebeBd. 1, S. 282. Euripides hatte in seinen Kretern die Liebe der Pasiphae und deren Frucht besprochen, Arist. Ran. 849 Schol. Lukian d. saltat. 49 nennt diese Fabel unter den gewöhnlichen Gegenständen des Pantomimos, vgl. Sueton Nero 12., bei den Künstlern das Interesse der körperlichen Form. Namentlich haben sich diese, sowohl die Maler als die Bildner, oft und gerne an diesem Problem versucht, gewöhnlich so daß die Anfertigung der für die Pasiphae bestimmten Kuh durch Daedalos dargestellt wurdeVgl. die Beschreibungen solcher Werke b. Virg. A. 6, 25, Philostr. 1, 16, das Relief b. Braun zwölf Basrel. t. 12, Campana op. in Plast. t. 59, das Pompej. Gemälde b. R. Rochette t. 13, O. Jahn Archäol. Beitr. S. 237 ff..

In noch andern Sagen von Kreta erscheint Minos als grosser Jäger, der in den Bergen und Wäldern seiner Insel das Wild und die Nymphen jagt, wie wir namentlich von seiner Liebe zur Diktynna und zur Prokris wissen, die wieder den Mond 122 bedeuten, wie Minos in solchen Fabeln die heiße und feurige Sonne zu bedeuten scheint. Daher die Fabel daß Pasiphae aus Eifersucht ihren Gemahl mit schrecklichem Zauber verzaubert habe, so daß seine Liebe allen Frauen zum Verderben reichen mußteApollod. 3, 15, 1 οπότε άλλη συνηυνάζετο, εις τὰ άρθρα εφίει θηρία καὶ ούτως απώλλυντο. Antonin. Lib. 41 ο γὰρ Μίνως ούρεσκεν (1, 354, [1078]) όφεις καὶ σκορπίους καὶ σκολοπένδρας, καὶ απέθνησκον αι γυναι̃κες όσαις εμίγνυτο., bis Prokris ihn durch Anwendung eines mächtigen Gegenzaubers heilt und zum Danke dafür von ihm den unentfliehbar raschen Zauberhund und den unvermeidlich sichern Zauberspeer erhält, welche durch Prokris in die Hände des Kephalos gelangen.

Sein Ende fand der große König im fernen Abend, wo die Sonne untergeht. In der Nähe von Agrigent auf Sicilien hatte er sein Grab gefunden; es bestand aus einem doppelten Raume, von denen der verschlossene die Gebeine des Minos enthielt, der zugängliche ein Heiligthum der Aphrodite (Astarte). Als Veranlassung zu seinem Tode ward erzählt daß Minos den nach jenem der Pasiphae erwiesenen Dienste flüchtig gewordenen Daedalos verfolgt habe. Der Künstler hatte beim Könige Kokalos in Kamikos Zuflucht gefunden, einem alten Königssitze der Sikaner, der späteren Burg von Agrigent. Dessen Töchter tödten den Minos, als er von ihrem Vater die Auslieferung des Künstlers verlangt, indem sie ihm beim Bade siedendes Wasser über den Kopf giessen: ein Bild welches vielleicht auf den Untergang der Sonne in den Fluthen der abendlichen Gewässer deutetHorat. S. 1, 4, 29 surgente Sole ad eum quo vespertina tepet regio, vgl. das warme Bad des Helios 1, 338 und die warmen Bäder des Herakles. Wie das Grab des Minos in Kamikos, so war das des tyrischen Melkart in Gades, wo die cubilia Solis sind, s. b. Geryoneus.. Es scheint daß Sophokles in seinen Kamikiern die Fabel in diesem Sinne bearbeitet hatte, während spätere Dichter, namentlich Kallimachos, noch andre märchenhafte Züge hinzufügtenSchol. Il. 2, 145, Hygin f. 44 u. A. Agatharchides b. Phot. bibl. 443, 25 καὶ του̃ Μίνω δὲ αμήχανον ει̃ναι παραλυ̃σαι τὸν βίον, ει μή τις αυτω̃ ζέον ύδωρ καταχέαι. Ovid Ib. 291 sicut Minoia fata, per caput infusae fervidus humor aquae. Aus andern Quellen schöpfte Zenob. 4, 92.. Die mit Minos nach Sicilien gekommenen Kreter aber sollen ihrem Könige jenes Grab gestiftet und die Stadt Minoa erbaut haben, welche phoenikischen Ursprungs warDer phoenikische Name war Makara und Rus-Melkart, Heraklid. polit. 29, Movers Phön. 2, 2, 318.. Ein andrer Haufe soll landeinwärts gezogen sein und im Innern der Insel die feste Stadt Engyon 123 gegründet haben, wo sie sich nach Trojas Fall durch Meriones und seine Kreter verstärkt behaupteten und das Heiligthum der Mütter (τω̃ν Μητέρων) stifteten, ein der ganzen Insel sehr ehrwürdiger Gottesdienst mit einem prächtigen Tempel, vielen kostbaren Weihgeschenken und einem reichen Besitz an heiligen Grundstücken und Heerden. Man sagte daß es dieselben Göttinnen wären, welche auf Kreta als Ammen des Zeus und Pflegerinnen seiner zarten Jugend verehrt wurden.Diod. 4, 79. 80, Plut. Marceil. 20, Cic. in Verr. 4, 44, 97..

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