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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 21
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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c. Helena.

Helena ist ihrem Namen nach die Glänzende, die StrahlendeDer Name lautete eigentlich Fελένη und dieses ist verwandt mit Fέλα d. i. strahlender Glanz und Fέλειν d. i. strahlen, glänzen, auch mit σέλας und σελήνη und Fελάνη oder σέλαινα d. i. Fackel, vgl. Christ Grundz. d. gr. Lautl. 235. 257., also ein Wesen wie jene den Dioskuren so eng verbundenen Leukippiden Poebe und Hilaïra, sei es daß man dabei an das strahlende Bild des Mondes dachte, dessen griechischer Name Selene dem ihrigen sogar verwandt ist, oder an die Morgenröthe, den schönen Anbruch des Tages, in welchem Falle sie mit der Eos und der Mater Matuta Italiens sich vergleichen ließe. Denn wie diese wurde sie in Sparta von Mädchen und Frauen 109 als eine Göttin der Kinderpflege und des weiblichen Reizes verehrtVgl. die Legende b. Herod. 6, 61, wo die Amme die ihr Kind in das H. der Helena trägt an Artemis Κορυθαλία und das Ammenfest der Tithenidien erinnert, Bd. 1, 234, [655]., neben ihrem Gemahle dem Menelaos in einem eignen nach diesem benannten Heiligthume auf einem Hügel oberhalb des Dioskurenortes TherapneIsokr. Helen. encom. 63, wo ausdrücklich hinzugesetzt wird: έτι γὰρ καὶ νυ̃ν εν Θεράπναις τη̃ς Λακωνικη̃ς θυσίας αυτοι̃ς αγίας καὶ πατρίας αποτελου̃σιν ουχ ως ήρωσιν, αλλ' ως θεοι̃ς αμφοτέροις ου̃σιν. Vgl. Paus. 3, 15, 3; 19, 9 u. A. b. Roß in Gerhards D. u. F. 1854, 217 ff. t. 65, 5–13 von den dort gefundenen Votivfiguren in Blei, welche meist streitbare Männer oder Frauen in einer eigenthümlichen Tracht, einige auch Pferde mit und ohne Reiter darstellen.. Auch wurde ihr zu Ehren ein eignes Fest gefeiert, wo die spartanischen Jungfrauen in bedeckten Wagen zu ihrem Tempel wallfahrtetenHesych κάνναθρα – άμαξα πλέγματα έχουσα, υφ' ω̃ν πομπεύουσιν αι παρθένοι, όταν εις τὸ τη̃ς ‛Ελένης απίωσιν, welche Wagen in Sparta auch bei andern Processionen z. B. am Feste der Hyakinthien zu Amyklae im Gebrauch waren, Polem. fr. 133 sqq. Der Name des Festes der Helena scheint ‛Ελένεια gewesen zu sein, Hes. Ob die ‛Ελενηφόρια b. Poll. 10, 191 und die von Hesych erwähnten Θεραπνατίδια auf dasselbe Fest zu beziehen sind bleibe dahingestellt. Das letztere könnte auch ein Fest der Mägde sein, Hes. δεράπνη θεραπαινίς, δούλη, θεραπνίον θεραπαινίδιον, δουλίδιον., da sie sie sonst als Chorführerin ihrer Reigen zu Ehren der Artemis oder der Athena am Eurotas zu preisen pflegtenAristoph. Lysistr. 1314, Theokr. 18, 22 ff, Plut. Thes. 31.. Ferner wurde sie in Argos verehrt und zwar als Mutter der dem Artemisdienste so nahe verwandten Iphigenia und Stifterin eines Tempels der Geburtsgöttin EileithyiaPaus. 2, 22, 7., was an die Verehrung der Auge, der Mutter des Telephos zu Tegea erinnert; auch in Rhodos und zwar hier vorzugsweise von den Mägden und unter dem Beinamen δενδρι̃τις d. h. der am Baume hängendenPaus. 3, 19, 9 vgl. Ptolem. Steph. p. 189 Westerm., wo auch das Kraut ελένιον, welches Helena wider den Schlangenbiß gepflanzt haben sollte, unter dem Baume der Helena auf Rhodos wächst, vgl. Aelian N. A. 9, 21, Hes. v. Quelle der Helena auf Chios, Steph. B. ‛Ελένη., was an die attische Fabel von der Erigone erinnert und wahrscheinlich wie dort und in andern Fällen mit dem alterthümlichen Gebrauche sogenannter Aeora zusammenhängt. Was ihre Abstammung betrifft, so kennt die Ilias 3, 236 ff. sie als Schwester der Dioskuren von derselben Mutter Leda, wie sie denn auch bei den Griechen überall für deren Schwester galt und als solche bei ihren 110 Ehren betheiligt wurde, namentlich an den Theoxenien. Ihr Vater ist bei Homer immer Zeus und sie selbst vorzugsweise Διὸς κούρη, Il. 3, 426 κούρη Διὸς αιγιόχοιο, Od. 4, 184 ’Αργείη ‛Ελένη Διὸς εκγεγαυι̃α u. a. Doch wußte schon Hesiod von einer andern Abkunft, da er sie Tochter des Okeanos und der Tethys, also eine Okeanide genannt haben sollSchol. Pind. N. 10, 150, wo Welcker ep. Cycl. 2, 132 liest ’Ωκεανίδος καὶ Διός. Verschiedene andre Genealogieen und Fabeln, welche aber als Combinationen einer sehr freien Phantasie ohne andre Gewähr kein Gewicht haben, b. Ptolem. Steph.. Um so weniger darf die Dichtung der Kyprien befremden daß Nemesis, gewöhnlich eine Tochter des Okeanos, ihre Mutter gewesen. Da eben diese Göttin Nemesis zu Rhamnus in Attika einer ausgezeichneten Verehrung genoß, so wurde später natürlich nicht blos in Sparta, sondern auch in Attika von der Geburt der Helena erzählt und zwar in einer die beiderseitigen Ansprüche ausgleichenden Form, wie davon bei den Dioskuren die Rede gewesen. Ja man erklärte nun auch den Namen der Helena dadurch daß das von der Nemesis gelegte Ei in den Sümpfen (εν τοι̃ς έλεσιν) bei Rhamnus gefunden und von dort entweder durch Hermes oder durch einen Hirten nach Sparta zur Leda gebracht worden seiApollod. 3, 10, 7, wo für εν τοι̃ς άλσεσιν zu lesen εν τοι̃ς έλεσιν, vgl. Tz. Lyk. 88 und Ptolem. Steph. p. 189, 18. Am Fußgestell der gewöhnlich dem Phidias zugeschriebenen Nemesis zu Rhamnus sah man die Helena, wie sie von ihrer Pflegemutter Leda zu ihrer wirklichen Mutter Nemesis geführt wurde, in Begleitung des Tyndareos, der Dioskuren u. A. Paus. 1, 33, 7.. Dahingegen die gewöhnliche Fabel diese war daß Zeus an den Ufern des Eurotas in der Gestalt eines Schwans und wie von einem Adler verfolgt in den Schooß der Leda geflüchtet sei, wie denn auch die Künstler den oft erwähnten Vorgang meistens in derselben Weise vergegenwärtigt habenEurip. Hel. 18 ff., Hygin f. 77 u. A. Das Bad im Eurotas und der verfolgende Adler werden auch durch die Bildwerke angedeutet, Nemesis und der Schwan vielleicht s. O. Jahn Leipz. Ber. 1852 t. 3. 4 S. 57,1853 t. 1..

Die eigne Geschichte der Helena beschäftigt sich fast nur mit ihrer Entführung nach Osten und mit ihrer Wiederkehr, eine Vorstellung welche ursprünglich höchst wahrscheinlich auch mit ihrer Bedeutung im Naturleben zusammenhing, aber von der Sage und dem Epos zu einer lediglich romantischen Verwicklung umgebildet wurde und als solche zu einem der fruchtbarsten Motive des troischen Sagenkreises geworden ist. Man erzählte bei der Helena sogar von einer dreimaligen Entführung. Die 111 älteste Fabel der Art ist die aus der Geschichte des trojanischen Kriegs bekannte von der Entführung durch Paris, wo die gegenseitigen Beziehungen des Dienstes der Aphrodite am Ida und zu Kythera sichtlich eingewirkt haben, aber auch die Geschichte der Auge verglichen werden kann, die aus derselben Gegend, nehmlich aus Tegea in dieselbe Gegend, nehmlich nach Mysien verschlagen und dort die Gemahlin des Teuthras wird, der dem troischen Paris entspricht; wie alte Berührungen zwischen der kleinasiatischen und der peloponnesischen Sage denn auch sonst wiederkehren. Neben dieser Dichtung scheint aber auch die von einem Entweichen der Helena nach dem entlegeneren Morgenlande d. h. von einem Aufenthalte in Phoenikien und Aegypten eine alte zu sein. Schon die Ilias 6, 290 weiß von einem Aufenthalte des Paris und der Helena in Sidon und die Odyssee 4, 227 von einem längeren Verweilen des Menelaos und der Helena in Aegypten. Bei Herodot 2, 112 ff. tritt der nähere Zusammenhang ans Licht. Man zeigte zu Memphis im Quartier der Tyrier, also in einem von Phoeniken bevölkerten Stadtviertel, ein Heiligthum des Proteus (1, 477) und in demselben einen Tempel der ausländischen Aphrodite (ξείνης ’Αφροδίτης), welche Herodot und die aegyptischen Priester für die Helena erklärten. Diese sei auf der Entführungsreise mit Paris an die Nilmündung verschlagen und darauf in Memphis geblieben, bis Menelaos sie wieder abgeholt habe. Später nannte man jene Göttin auch die hellenische Aphrodite oder SeleneStrabo 17, 807, Horat. Od. 3, 26, 10 von der Venus: quae beatam diva tenes Cypruni et Memphin.. Genug die Ueberzeugung von einem Aufenthalte der Helena in Aegypten hatte sich festgesetzt, daher bei den griechischen Dichtern aus diesem Widerspruche zwischen der epischen Dichtung und der örtlichen Sage eine neue Fabel entstanden ist, indem man, ohnehin für den guten Ruf der später oft hart geschmähten Helena besorgt, nun von einem Scheinbilde (είδωλον) erzählte, welches Paris anstatt der wirklichen Helena nach Troja geführt habe. Davon soll schon Hesiod gewußt habenSchol. Lykophr. 822 πρω̃τος ‛Ησίοδος περὶ τη̃ς ‛Ελένης τὸ είδωλον παρήγαγε., doch wurde diese neue Dichtung erst durch Stesichoros recht berühmt, der in einem seiner mythologischen Gedichte Gehässiges von der Helena ausgesagt hatteWahrscheinlich in der ’Ιλίου πέρσις. Man vermuthet daß die strafbaren Verse die gewesen, wo er die Töchter des Tyndareos διγάμους τριγάμους τε καὶ λιπερσάνορας genannt hatte, wozu die von ihm vernachlässigte Aphrodite sie gemacht habe, Schol. Eur. Or. 239. In Sparta fabelte man weiter daß Tyndareos in der Ueberzeugung daß Aphrodite an solcher Schmach seiner Töchter Schuld sei ihrem Bilde Fesseln um die Füße gelegt habe, Bd. 1, 278, [807]. und dafür, 112 so glaubte man, durch sie und die Dioskuren mit dem Verluste seines Augenlichts bestraft worden war. Er dichtete also die sogenannte Palinodie mit der nachdrücklichen Erklärung, es sei gar nicht wahr daß Helena nach Troja entführt worden sei, und bekam seine Augen wieder: eine jener populären und oft wiederholten Legenden, mittelst welcher der Wunderglaube der Griechen auch in ihre Literaturgeschichte eingedrungen istPlat. Phaedr. 243 A, Rep. 9, 586 C, Isokr. Hel. 64 u. A. b. Bergk Lyr. 746.. Hernach hat bekanntlich Euripides, obgleich er gewöhnlich von der Helena viel Böses sagt, dieselbe Fabel seiner noch erhaltenen Helena zu Grunde gelegtVgl. Eurip. Elektra 1280, wo Zeus das Bild der Helena nach Troja sendet, ως έρις γένοιτο καὶ φόνος βροτω̃ν.. Hera hat dem Paris ein Scheinbild der Helena anstatt der wirklichen untergeschoben, welche von Hermes durch die Luft entrückt und zum weisen und frommen Proteus nach Aegypten gebracht wird, bis Menelaos nach der Zerstörung Trojas dahin kommt und sie wieder heimführt.

Endlich die ziemlich junge Sage von einer Entführung der Helena durch Theseus. Zuerst wird sie durch Ilias 3, 144 angedeutet, doch gehört diese Stelle zu den Interpolationen der Pisistratidenzeit, welche der attischen Sage zu Liebe vorgenommen wurden. Ausführlicher hatten das nachhomerische Epos, Alkman und Pindar davon gedichtet, auch bemerkte Pausanias diese Sage unter den Bildern des KypseloskastensPaus. 1, 41, 5, Schol. Il. 3, 242, Hygin f. 79, Diod. 4, 63, Hes. ’Ασαναίων πόλιν, τὰς ’Αφίδνας, vermuthlich aus Alkman. Das Bild am Kypseloskasten, wo Helena die Aethra mit Füßen trat und an den Haaren riß, beschreiben Paus. 5, 19, 1 u. Dio Chrys. 11 p. 163. Auf dieselbe Entführung bezügliche Vasenbilder b. Gerhard A. V. t. 168 u. M. I. d. I. 6 t. 12.. Dann wurde sie zur stehenden Episode der mythischen Geschichte von Attika, wobei man sich auf verschiedene Denkmäler und örtliche Traditionen berief, von denen Herodot 9, 73 und Plutarch Thes. 31–33 erzählen. Zu bemerken ist daß immer Aphidnae als die feste Burg genannt wird, wo Theseus seine Beute geborgen und die Dioskuren sie wieder befreit hätten; fast sieht es aus als ob die Identität des Namens für den Ort, aus welchem diese letzteren die Leukippiden und aus welchem sie die Helena entführten, nicht 113 zufällig wäre. Nach der gewöhnlichen Erzählung wurde Helena in Sparta beim Reigentanze der Artemis Orthia von Theseus und Peirithoos, den eng verbundenen Freunden geraubt. Sie loosen um ihren Besitz mit der Bedingung daß der welchem sie zufallen werde dem Andern bei seiner Werbung beistehn solle. Theseus erhält sie und bringt sie nach jenem attischen, zwischen Dekeleia und Oropos gelegenen Aphidnae, wo sie nach Stesichoros und anderen Dichtern die Iphigeneia von ihm gebarP. 2, 22, 7, Tz. Lyk. 851.. Er selbst geht darauf mit Peirithoos gleich auf das neue Abenteuer in das Molosserland um mit dem Freunde die Persephone zu entführen, worüber beide in der Unterwelt verhaftet bleiben. Inzwischen kommen die Dioskuren nach Attika (mit der Zeit ist ein ganzer Feldzug daraus geworden) um ihre Schwester zu befreien. Nach der älteren Sage erfahren sie ihren Aufenthalt durch die Einwohner von Dekeleia, welches deshalb bei den Einfällen der Spartaner während des peloponnesischen Krieges von ihnen verschont geblieben sein soll. Nach der späteren ist ihr Zug gegen Athen gerichtet, bis ihnen hier durch Akademos der Aufenthalt der Helena in jener festen Stadt verrathen wird, daher auch die Akademie von den Spartanern verschont wurdeDikaearch leitete den Namen der Akademie und den Marathons ab von zwei Begleitern der Dioskuren aus Arkadien, Echemos und Marathos, Plut. Thes. 32, Steph. B. ’Εκαδήμεια. Als Verräther von Aphidnae wurde Τιτακὸς genannt, der Eponym des Demos der Τιτακίδαι, Steph. B.. Aphidnae wurde durch Verrath genommen, nach Andern erst nach heftigen Kämpfen, in welchen Aphidnos, nach Einigen Theseus selbst tapfere Thaten verrichteteEine megarische Fabel s. Plut. Thes. 32, Paus. 1, 41, 4. Aphidnos soll den Kastor am rechten Schenkel verwundet haben, Schol. Il. 3, 242. Nach Hygin P. A. 2, 22 u. Schol. German. Arat. p. 50 fiel Kastor sogar in diesem Kampfe.. Nach der Befreiung der Schwester werden die Dioskuren von Menestheus, der sich während jener Gefangenschaft des Theseus der Herrschaft in Athen bemächtigt und deshalb die Dioskuren willkommen heißt, sehr freundlich in Athen aufgenommen, so daß sie selbst in die eleusinischen Mysterien eingeweiht und als Anakes göttlich verehrt wurden(S. 104). Aethra aber, die Mutter des Theseus, welcher dieser die Obhut der Helena anvertraut hatte, wird mit derselben als Gefangene und ihre Dienerin nach Sparta und von dort durch Paris nach Troja geführt, wo erst die Söhne des Theseus sie nach der Zerstörung Trojas wiederfinden und nach Athen zurückführen.

114 Diese seltsamen Combinationen des Witzes und der Phantasie haben die Geschichte der Helena in einen so handgreiflichen Widerspruch mit der Chronologie gesetzt, daß man sich oft darüber lustig machteLukian Somn. 17 vgl. Serv. V. A. 2, 601 si immortalis Helena non fuisset, tot sine dubio saeculis durare non potuisset. Man berechnete das Alter der Helena bei dieser ersten Entführung auf 7 bis 10 Jahre, das des Theseus auf 50 Jahre u. s. w.. Andre suchten die Continuität ihrer Geschichte dennoch zu behaupten und machten dadurch das Uebel noch schlimmer.

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