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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Abschnitt
Die Heroen.

Der Glaube an Heroen und an ein Zeitalter der Heroen ist bei den Naturvölkern und in den Naturreligionen etwas so Allgemeines, daß er nothwendig mit den wesentlichen Eigenthümlichkeiten derselben zusammenhängen muß.

Eine der nächsten Veranlassungen war gewiß das Bedürfniß sich die Anfänge des menschlichen und des nationalen Lebens auf eine der Menschheit und der Gottheit würdige Weise vorzustellen. Sind und bleiben solche Zeiten des Anfangs unter allen Umständen etwas Unbegreifliches und Wunderbares, wie viel mehr mußten so erregbare Völker und Religionen aufgelegt sein in ihnen nichts als Wunder, Offenbarung und unmittelbare Betheiligung der Götter zu sehen. Die Eigenthümlichkeit der Naturreligion aber besteht ja eben darin daß sie ihre Götter und Dämonen mit den Bewegungen und Vorfällen der Natur und des wirklichen Lebens dergestalt identificirt, daß dieser natürliche Verlauf des Wechsels, Kampfes und Triumphes z. B. der himmlischen Mächte des Lichts über die der Finsterniß und alles irdischen Grauens zur eigenen mythischen Geschichte der Götter wird. Man brauchte also nur die nächste Beziehung der Götter zu dem Naturleben fallen zu lassen, das Außerordentliche, Abenteuerliche, Verdienstvolle solcher Kämpfe einseitig festzuhalten und auf die frühesten Schicksale der Menschheit und des eigenen nationalen Daseins zu übertragen: so wurden die göttlichen Mächte von selbst zu Heroen d. h. zu solchen Wesen, welche zwar ganz wie Menschen geartet, aber doch weit über das gewöhnliche Maaß 2 der menschlichen Natur mit Kraft, Muth und andern Vorzügen begabt und dadurch den Göttern verwandt waren. Und diese Heroen wurden dem Volke dadurch zu Helden und zu leuchtenden Idealbildern seiner ältesten Erinnerung, daß sie alle jene außerordentlichen Kräfte und Vorzüge zum Nutzen des Volks und zum Heile der Menschheit verwendeten, die Natur und das Land von Schrecknissen zu säubern, die Feinde der Nation zu überwinden, überall Ordnung und Bildung und Sitte zu begründen. Denn Heldenthum und Heroenthum sind von jeher unzertrennliche Begriffe gewesen und das eine läßt sich nicht wohl ohne das andere denken.

Und daß dem wirklich so gewesen, daß nicht etwa blos der Drang nach idealen Bildern der Vorzeit oder das Idealisiren wirklicher Vorgänge und einzelner außerordentlicher Persönlichkeiten zu der Dichtung von den Heroen geführt habe: daß vielmehr in den meisten Fällen wirklich Götter oder göttergleiche Wesen des örtlichen Volksglaubens zu Heroen geworden sind, dieses wird auch die eingehendere Behandlung der Heroensage bestätigen, namentlich die des ersten Abschnitts, wo die landschaftlichen Traditionen die Beziehungen auf Natur und Cultus meist noch sehr treu bewahrt haben. In der That scheint es eine Zeit gegeben zu haben wo alle griechischen Götter die Anlage hatten zu Heroen zu werden, wie denn viele diese Anlage immer behalten haben und z. B. der Kampf des Zeus mit Giganten und Titanen, der des Apoll mit Tityos und Python, der des Dionysos mit seinen Feinden eben so gut zu heroischen Dichtungen hätten Anlaß geben können als die Kämpfe des Herakles, ja beim Dionysos wirklich zu ähnlichen Dichtungen Veranlassung gegeben haben. Erst die Festsetzungen des Cultus und der Cultuspoesie scheinen eine sichere Scheidung zwischen Göttern und Heroen herbeigeführt zu haben, indem jene überwiegend dem Cultus anheimfielen und in demselben bald im lichten Aether des Himmels bald in der Tiefe des Meeres oder der Erde wohnend und von dort auf die Menschen wirksam gedacht wurden, während die Heroen mehr und mehr zum Eigenthum der Volkssage und der epischen Dichtung und von dieser in solchem Grade mit den Menschen und allen menschlichen Interessen verschmolzen wurden, daß sie bald kaum von ihnen zu unterscheiden waren.

Wenn man den großen Reichthum an localen Göttern und Gottesdiensten bedenkt, welcher im ältesten Griechenland ein überschwenglicher gewesen sein muß, sammt den vielen Krisen und Ab- und Zuwanderungen von Volksstämmen und 3 Geschlechtern, so wird man sich mit dieser Ansicht noch leichter befreunden. Viele von diesen Göttern und Gottesdiensten blieben später von dem nationalen Cultus ausgeschlossen, theils weil sie untergeordnete Mächte der Natur z. B. Sonne, Mond und Sterne betrafen oder mit gewissen localen Traditionen zu eng verwachsen waren, aber großentheils auch deswegen weil sie ursprünglich Völkern oder Bevölkerungselementen angehörten, die später unterdrückt oder vertrieben wurden, so daß das richtige Verständniß ihrer Religionen verloren ging. Die Beleuchtung der einzelnen Sagen wird nachweisen daß die Dichtung gerade aus solchen Elementen ihren reichsten Stoff gezogen hat. Und deshalb liegt es nahe dasselbe auch bei solchen Sagen und Dichtungen vorauszusetzen, welche auf den weiten und verwickelten Wegen der epischen Ueberlieferung ihrer ersten Beziehung auf landschaftliche Natur oder örtlichen Götterglauben frühzeitig entfremdet wurden, also bis zu ihren ersten und elementaren Vorstellungen nicht mehr erklärt werden können.

Wie dem nun sei, das Wichtigste und Eigenthümlichste der Heroensage, wenn man sie mit der theogonischen Mythologie und der Göttersage vergleicht, ist doch dieses daß hier alter Glaube und alte Ueberlieferung, also Ideelles und Factisches, bis zu einem Grade wie sonst nirgends verwachsen sind: daher man auch vorzugsweise hier von der Sage zu reden pflegt, welche sich von dem Mythos durch das Gleichgewicht oder sogar ein Uebergewicht der historischen Elemente über die ideellen unterscheidet. Gewiß ist daß die Heroensage den Griechen immer der älteste Abschnitt ihrer nationalen Geschichte gewesen ist, von der wirklichen dadurch unterschieden daß sie den Historikern unzuverlässig schien, aber dem Volke und allen Dichtern und Künstlern um so lieber und gemüthsverwandter, wegen ihres außerordentlichen Reichthums an idealen Gestalten, wunderbaren Thaten und ergreifenden Vorgängen, die einen unerschöpflichen Schatz für alle Volksbildung und Volksdichtung so wie für alle Gattungen der dichtenden und darstellenden Künste bildeten. Die Ursache aber weswegen sich gerade hier die meisten nationalen Erinnerungen angesetzt haben ist keine andere als die daß die Heroen nothwendig zugleich die Helden ihrer Nation sind, ihre Könige und Gesetzgeber, ihre Vorkämpfer in der Schlacht, die Anführer bei jedem Abenteuer, die Bewältiger jeder Unsitte, die Begründer aller königlichen und edlen Geschlechter. Solche ideale Vorstellungen hatten die natürliche Folge daß man ihnen Alles zuschrieb was man von den ältesten Schicksalen, 4 Stiftungen, Kämpfen und Siegen der Vorzeit wußte, und wiederum diese Uebertragung aller thatsächlichen Erinnerungen auf die idealen Bilder der Heroen hatte zur Folge daß diese Heroen immer nationaler und alle nationale Ueberlieferung um so mehr in das Gebiet des Idealen erhoben wurde: auf welche Weise sich ein Wechselverhältniß zweier schöpferischer Factoren der Sage und der Dichtung bildete, welches ins Unendliche fortwirkend bei einem geistreichen und durch die Geschichte in großartige Kämpfe und Bewegungen verwickelten Volke zu außerordentlichen Resultaten führen mußte. Die Heroen wurden auf diese Weise zu Depositären aller ältesten Ueberlieferung, die sich um die Erzählungen von ihnen wie um centralisirende Mittelpunkte ansetzte und ablagerte. Ja man gewöhnte sich mit der Zeit ziemlich alles Bestehende, wenigstens alle elementaren Lebensordnungen und Stiftungen auf die Heroen zurückzuführen, den Ursprung der Geschlechter, der Phratrien, der Phylen, der Bevölkerung überhaupt und ihrer Ansiedelung in Städten und Pflanzstädten, was zu der Verehrung der Heroen als επώνυμοι, κτίσται und αρχηγέται führte und auch die Ueberlieferung von solchen Einrichtungen und Thatsachen in den allgemeinen Proceß der Heroensage und Heroendichtung mit hinein zog.

Wie die Griechen selbst über ihre Heroen gedacht haben erfährt man zunächst aus den ältesten uns zugänglichen Quellen des Epos, der Ilias und der Odyssee. Beide Gedichte schwelgen noch in dem Reichthume einer Zeit, die bei außerordentlicher Erregung mit einer eben so außerordentlichen Thätigkeit des Geistes und der Einbildungskraft begabt war und die Sagen der Vorzeit in vielen und schönen Liedern und Liedergruppen überlieferte. Die Heroen treten in diesen Gedichten so ganz wie Menschen auf, daß sie sich von diesen kaum unterscheiden, wenn sie nicht doch auch wieder den Göttern so nahe ständen und in vielen Stücken doch auch sehr wunderbar geartet wären. Sie sind weit kräftiger, schöner, muthiger, in jeder Hinsicht vorzüglicher als die Menschen wie sie jetzt sind (οι̃οι νυ̃ν βροτοί εισιν) und sie verkehren mit den Göttern wie mit ihres Gleichen; ja sie sind auch mit ihnen nahe verwandt und insofern wirklich ein anderes Geschlecht als der gemeine Mann aus dem Volke (ανὴρ εκ δήμου), wie man sich diesen unmittelbar aus den Händen der Natur hervorgegangen dachte. Ist nehmlich dieser von der Erde geboren oder, wie das Epos sich ausdrückt, aus Steinen oder Bäumen entstanden (1, 63), so sind die Heroen wesentlich Söhne der Götter, also ein specifisch anderes und höheres Geschlecht 5 als der gewöhnliche Mensch: daher bei den Heroen auf das Geschlecht (γένος) und die Abstammung durchweg ein so großes Gewicht gelegt wird, wie später bei dem Adel, welcher mit seinen Ansprüchen und Stammbäumen, die gleichfalls wo möglich bis zu einem Gott hinaufgeführt wurdenSo leitete der bekannte Historiker Hekataeos von Milet sein Geschlecht im sechszehnten Gliede von einem Gott ab, Herod. 2, 143, und sowohl in Griechenland als in den Colonieen und in Makedonien wetteiferten die Herakliden mit den Aeakiden in der Ableitung ihrer Geschlechter vom Zeus, von welchem sich in Athen z. B. Miltiades und Alkibiades und Thukydides als Aeantiden abzustammen rühmten, wie noch weit später der bekannte Herodes Atticus., bei jenen Vorstellungen der Heroensage anzuknüpfen pflegte. Doch hatte jene Dichtung selbst ursprünglich noch einen anderen und höheren Sinn als daß sie blos gewisse Vorrechte des ständischen Unterschiedes hätte begründen wollen, wie sie sich denn auch in andern Religionen wiederfindet, ja selbst in der Bibel etwas Aehnliches ausgesprochen wird (1 Mos. 6, 1–4). Die Götter, heißt es, fanden Gefallen an den Frauen der Sterblichen weil sie so schön waren und ließen sich herab zu ihnen und zeugten Kinder mit ihnen und diese wurden die Helden und die Gewaltigen der Vorzeit, von denen die Sagen so außerordentliche Dinge erzählen. Offenbar dasselbe Bestreben die Anfänge der Menschheit zugleich begreiflicher zu machen und mit der Theilnahme einer höheren Welt zu verknüpfen, welches auf anderem Wege zu den Vorstellungen vom Paradiese und von dem unmittelbaren Umgange Gottes mit den Menschen geführt hat.

Wesentlich veränderten Ansichten und Zuständen begegnet man bei Hesiod, dessen späteres Zeitalter sich darin deutlich verräth. Die Zeit der Heroen ist eine verschwundene, das Andenken daran nur noch das reflectirende und hülfsbedürftige einer verfallenen Gegenwart, welche minder gut ist als jene ideale Vergangenheit und deshalb mit religiöser Verehrung auf dieselbe zurückblickt, wie auf ein zwischen Göttern und Menschen in der Mitte stehendes Geschlecht von Halbgöttern (ημίθεοι), dessen man sich durch Gebet und Opfer versichern muß. In diesem Sinne hat Hesiod das Geschlecht der Heroen in die ältere Dichtung von den metallenen Geschlechtern eingeschoben, indem er es als eine höhere und bessere Generation der Vorzeit beschreibt, welche die Kriege und Abenteuer der epischen Sage aufgerieben; worauf Zeus diesen Helden einen eigenen Wohnsitz fern von den Menschen eingeräumt habe, auf den Inseln der Seligen wo Kronos 6 über sie regiere (1, 69). Dahingegen der Volksglaube auch hier auf seinem Rechte bestand sich das Jenseitige zu vergegenwärtigen und mitten unter seinen eigenen Gewohnheiten und Wohnstätten anzusiedeln. So nahm man zunächst die alten Grabeshügel einer verklungenen Vorzeit für diese Heroen der Sage in Beschlag, jene Hünengräber von Griechenland und Kleinasien, z. B. die noch immer bedeutungsvoll ragenden an der Mündung des Hellespont für Achill und Patroklus und Aias. Weiter errichtete man ihnen eigene Capellen und Tempel, suchte und fand ihre Gebeine, verehrte ihre Reliquien und schuf einen eigenthümlichen Cultus der Heroen, welcher, da er zunächst die Verehrung von Verstorbenen betraf, nothwendig mit dem der Unterirdischen große Verwandtschaft haben mußte. In den Homerischen Gedichten findet sich keine sichere Spur von solcher Verehrung, wohl aber beschäftigte sich der Volksglaube in den längsten und besten Zeiten von Griechenland mit den Heroen durchaus wie mit halbgöttlichen und dämonisch fortwirkenden Verstorbenen der Heldenvorzeit; wobei sich zugleich die Zahl dieser ältesten und eigentlichen Heroen dadurch fortgesetzt vermehrte daß man alle Ordnungen ältester Zeit von gleichgearteten Stiftern ableitete, welche man sich, wenn sie noch nicht in der Sage existirten, wohl auch nach Maaßgabe der neu entstandenen Thatsache als ideale Urheber derselben erdichtete. Man gewöhnte sich zuletzt von allem Existirenden auf einen Heros zurückzuschließen und nicht allein die Länder und Städte, sondern auch die Innungen, die Dörfer pflegten ihre Heroen aufzustellen und als erste Urheber ihres Daseins und ihres Namens zu verehrenVgl. G. W. Nitzsch die Heldensage der Griechen nach ihrer nationalen Geltung, Kieler philol. Studien 1841 S. 377–467. Wie lebendig die Vorstellung des Volks namentlich von den durch die epische Sage verherrlichten Heroen blieb, lehren viele Beispiele bei Philostrat im Heroikos und die Erzählung b. Plut. Arat. 3, daß ein Perser Orontes dem Alkmaeon, dem Sohne des Amphiaraos frappant ähnlich gesehen, desgleichen ein lakedaemonischer Jüngling dem Hektor in solchem Grade, daß der Arme durch den Andrang der Neugierigen sogar ums Leben kam..

Eine noch weitere Ausdehnung und Anwendung erfuhr der Heroenglaube mit der Zeit dadurch daß die Heroen und die Dämonen als ziemlich gleichartige Wesen gedacht wurden. Wo sich in einem Individuum ein außerordentlicher, das gewöhnliche Naturmaaß überragender Grad von Kraft, Muth, Aufopferung, Talent, auch von körperlicher Schönheit offenbarte, da glaubte man etwas Uebernatürliches, Dämonisches, der Natur der Götter 7 Verwandtes wahrzunehmen und sprach von Heroen und zwar nicht blos im Guten, sondern auch im Bösen, so daß nicht allein die geweihten Helden und großen Männer des Vaterlandes, ein Lykurg und die bei Marathon und Plataeae Gebliebenen, sondern gelegentlich auch wohl ein durch wunderbares Glück und große Kühnheit ausgezeichneter Räuber zu einem Heros erhoben wurdePaus. 6, 9, 3 vgl. Plut. Rom. 28, Athen. 6, 88, Plin. 7, 152. Das Delphische Orakel ging auch in solchen Fällen nicht selten voran..

Noch später wurden fast alle Verstorbenen der heroischen Ehren theilhaftig, indem man sich immer mehr in dem Glauben befestigte daß die menschliche Seele etwas Dämonisches, eine höhere göttliche und unsterbliche Kraft sei. Mithin blieb für besonders ausgezeichnete und verdiente Personen kaum etwas Anderes übrig als sie nach dem Vorgange des Herakles von Heroen zu Göttern zu erheben, mittelst der sogenannten Apotheose, welche seit den Zeiten Lysanders in Griechenland immer häufiger und zuletzt zu einer eben so gewöhnlichen als verwerflichen Form der Adulation wurde, zumal seitdem man sie selbst auf lebende Personen anwendeteNitzsch z. Od. 11, 602–604, Bd. 3, 343 ff., C. Keil Anal. epigr. et onomatol. 39 sqq..

Natürlich gelten für uns blos die Heroen im engeren Sinne des Worts d. h. die der epischen Sage und der Mythologie des heroischen Zeitalters, welches nach einer herkömmlichen Abgrenzung bis zur Rückkehr der Helden von Troja und zur Rückkehr der dorischen Herakliden in den Peloponnes hinabreichte. Von da an begann nehmlich in der geistigen und politischen Entwickelung der Nation und deshalb auch in der Ueberlieferung von ihren Schicksalen das geschichtliche Zeitalter.

Den reichen Inhalt dieser heroischen Sagen so zu ordnen daß zugleich die inneren Unterschiede der Sagendichtung und der verschiedenen Zeitalter daran hervortreten, dazu werden am besten gewisse Merkmale der Ueberlieferung von den Heroen anleiten, nach denen sich drei verschiedene Massen solcher Sagen abtheilen lassen.

Die erste ist die der örtlichen und landschaftlichen Sagen d. h. solcher, wo der Charakter der Ueberlieferung von seinen ursprünglichen Bedingungen der landschaftlichen Natur oder des örtlichen Cultus abhängig geblieben ist, so daß man eben deswegen hier am meisten von den Eigenthümlichkeiten der einzelnen Landschaften und Staaten und von ihrer ältesten 8 Geschichte erfährt, obwohl diese Geschichte in vielen Fällen nur eine scheinbare und mit den mythischen Combinationen der ältesten Chroniken und der Logographie stark versetzt ist. Doch pflegen sich in diesem Abschnitte auch die Anfänge der Volkssage und die der epischen Heroendichtung am unverhülltesten zu offenbaren.

Die zweite Gruppe ist die solcher Sagen, wo ein und derselbe Held der bindende Mittelpunkt sehr verschiedener Traditionen geworden und geblieben ist; man könnte sie deshalb die Heldensage im engeren Sinne des Worts nennen. Die Sage vom Herakles bildet den wichtigsten Inhalt dieses Abschnittes, die vom Theseus nur einen Anhang dazu. Das Eigenthümliche dieser Sagenbildung besteht darin daß die verschiedensten Zeitalter und die verschiedensten Gegenden, sowohl Griechenlands als des Auslandes, ihre Sagenstoffe und den bildlichen Ausdruck ihrer Ideen darin abgelagert haben: daher solche Heroen, namentlich Herakles, obwohl immer dieselben, doch unter außerordentlich verschiedenen und wechselnden Formen erscheinen, sowohl in denen der noch ganz allegorischen Naturdichtung als in denen der beinahe geschichtlichen Stammesüberlieferung.

Die dritte Masse ist die der eigentlichen epischen Heldendichtung (εποποιία), wo die bloße Natur- oder Cultusbeziehung der örtlichen Sage und die in sich nicht zusammenhängende Anhäufung vieler Sagen um die blos persönliche Identität eines und desselben Helden überwunden ist und größere Complexe von örtlichen und Geschlechtssagen zu einem Ganzen von großer nationaler und poetischer Wirkung verbunden sind, nehmlich dadurch daß sie auf alte und bedeutungsvolle Thatsachen der nationalen Erinnerung, alte Kriege, alte Katastrophen, alte Abenteuer bezogen wurden. Also die heroische Sage in der Gestalt wie sie das Epos der besten Zeit ergriffen und zu bestimmten Sagenkreisen und größeren Kunstganzen ausgebildet hat, namentlich in den vier Kreisen der Meleager-, der Argonauten-, der thebanischen und der trojanischen Sage. Auch das jüngere Epos und die dramatische Poesie und die bildende Kunst hat sich immer am liebsten auf diese durch die gediegenste Dichtkunst einer sehr bewegten Zeit aufs trefflichste vorbereiteten Sagenstoffe eingelassen. Die Krone des Ganzen und die der heroischen Sagenbildung überhaupt ist die des trojanischen Sagenkreises, weil seine Erinnerungen die frischesten und die ergreifendsten waren und weil diese den beliebtesten Stoff des epischen Gesanges in seiner besten und blühendsten Zeit bildeten.

9 Endlich wird ein Anhang über die Heroen der Kunst und Bildung eine kurze Uebersicht der die Wahrsagekunst, Dichtkunst, Baukunst und bildende Kunst betreffenden Sagen hinzufügen.

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