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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 102
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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b. Die Ilias.

Das älteste aller griechischen Heldengedichte, das sich mit der Zeit durch größere und kleinere Einschaltungen nicht wenig verändert haben mag, aber doch immer bei weitem das schönste, das unerreichbar vollendete blieb. Der Kern ist ein Gedicht zur Verherrlichung des Achill, dessen Anlage dem vom Meleager (S. 302) sehr ähnlich ist. Seine außerordentliche Kunst und seelenvolle Güte scheint dasselbe bald zum Anhalt und Mittelpunkte vieler anderen Lieder vom Kriege vor Troja gemacht zu haben, so daß es zunächst selbst zu einem Auszuge und Miniaturbilde dieses Krieges und seiner Helden und des ritterlichen und kriegerischen Lebens und Treibens der Heroen überhaupt wurde. Als darauf vorzüglich bei den asiatischen und bei den Inselgriechen eine älteste epische Literatur entstand, ward es zur Mitte einer größeren Folge von gleichartigen Gedichten, welche den Sagenstoff des troischen Krieges immer weiter ausdehnend und ausbreitend, sich wie jüngere Bäume und Sprossen um den alten Mutterstamm gruppirt haben. Der kurze Inhalt ist folgender.

Agamemnon ist der großmächtige König’Αγαμέμνων d. i. der Hochgesinnte., stolz, 428 gebieterisch, prächtig wie Atreus von den Tragikern geschildert wurde, Achill dagegen, der seinen Vater in zarten Jahren verlassen hatte und seitdem von einem Triumphe zum andern geeilt ist, der feurige Held, der Liebling des Ruhmes und der Götter, edel von Gemüth, aber heftig und reizbarImpiger, iracundus, inexorabilis, acer Horat. A. P. 121. Aristoteles poet. 15 rühmt die Kunst womit er bei Homer und Agathon zugleich als hart und als weich geschildert werde, von Agathon vermuthlich in seinem Telephos.. Briseis und Chryseis, jene schönen Gefangenen, geben zu einem Conflicte Anlaß, in welchem Achill aufs tiefste gekränkt wurde, da er liebte und in der Sache Recht hatte. Die Folge ist daß er sich vom Kriege, den er bisher fast ganz allein getragen, zurückzieht und daß Thetis zum Zeus eilt, um ihn um Demüthigung für Agamemnon und die Achaeer und um Genugthuung für ihren Sohn zu bitten. Das gewährt Zeus der Nereide in Erinnerung der großen Verdienste, die sie sich früher um ihn erworben.

Ein falscher Traum beredet darauf den Agamemnon, jetzt sei der rechte Augenblick gekommen, im neunten Jahre des Kriegs, da das Schicksal von Troja auf seine Erfüllung dringt. Also versammelt er zuerst die Führer und das Heer zur Berathung, dann rücken Alle zur offenen Schlacht vor Troja ins Feld, welche die Trojaner jetzt freudig annehmen. In jener Berathung lernen wir das ganze Gewoge und die ganze Beweglichkeit des großen Haufens kennen, sammt der höchst charakteristischen Gestalt des ThersitesVgl. Jacobs verm. Schr. 6, 81–106, Döderlein in den Verh. der neunten Vers. der Philologen, Jena 1847 S. 62–66. Seiner Abkunft nach war er Aetoler und ein naher Verwandter des Diomedes, denn sein Vater Agrios galt für einen Bruder des Oeneus, obwohl Andre andrer Meinung waren, vgl. Eustath. Il. 204, Apollod. 1, 8, 6 u. A., oben S. 307. Problematische Thersitesköpfe b. Gerhard D. u. F. 1855 t. 76 n. 76., welcher mit andern Elementen aus der aetolischen Sage in die troische übergegangen zu sein scheint: beim Ausrücken und bei der ersten Begegnung den Werth der FührerDurch das Gespräch auf der troischen Mauer Il. 3, 146–242 und durch den Umgang des Agamemnon 4, 250–421. Der sogenannte Schiffskatalog ist spätern Ursprungs. und den persönlichen Gegensatz der beiden, welche die nächste Veranlassung zum Kriege gegeben, des Menelaos und des Paris.

Aphrodite und Hera, diese mit Hülfe der Athena, vereiteln die gehoffte Entscheidung durch ihren Zweikampf: also entbrennt die offene Feldschlacht, zum erstenmale nach so langer 429 Belagerung. Zunächst wird Diomedes und seine Schutzgöttin Athena verherrlicht. Sie führt ihn von Sieg zu Sieg, schützt ihn gegen Wunden, öffnet seine Augen und giebt ihm Muth selbst der Götter nicht zu schonen. Also fallen viele Helden seiner Lanze, andre müssen weichen, selbst Aeneas, der Sohn und Schützling der Aphrodite, welche Diomedes schonungslos verwundet, ja selbst der furchtbare Ares mit seinen grausigen Gesellen, welche Athena von neuem demüthigt. Ein schrecklich schönes Schlachtengemälde, in welchem der Waffentausch zwischen Diomedes und Glaukos eine anmuthige Episode bildet.

Nun erscheint Hektor, der beste Held der Trojaner, tapfer und stark wie einer, die Stütze seines Vaterlandes, ein edler Mann, zärtlicher Gatte und Vater, geliebt vom Zeus und Apoll, der würdige Gegner des Peliden, die Quelle seiner bittersten Schmerzen, in der Ilias auch die wahre Ursache und der Vorläufer seines frühen Todes. Sein Abschied von der Andromache öffnet einen Blick in das Innere von Troja, welcher uns mit der innigsten Theilnahme erfüllt. Sein Zweikampf mit Aias dem Telamonier lehrt uns diesen Helden näher kennen, seine riesige Gestalt, seinen ungeheuren Schild von sieben Häuten, seine wilden Blicke, seine wuchtigen Schritte (7, 206–224). Es folgt nach diesem wieder vergeblichen Zweikampf ein Stillstand in welchem die Griechen ihr Schiffslager durch Mauer und Graben zu einer Festung machen.

Als es von neuem zur Schlacht kommt verbietet Zeus allen Göttern die Theilnahme und begiebt sich selbst auf den Ida, um von dort die Entscheidung zum Nachtheil der Griechen zu fügen. Mit Donner und Blitz erschreckt er ihre besten Helden, so daß Alle in die Mauer fliehen. Auch ein Ausfall wird von dem furchtbar wüthenden Hektor zurückgeschlagen. Jetzt wollen Hera und Athena ihren vielgeliebten Achaeern beispringen, aber Zeus schreckt sie zurück mit den heftigsten Drohungen. Wäre nicht die Nacht hereingebrochen, so würde es schon jetzt zum Aeussersten gekommen sein.

Schon ist Agamemnon ganz ergriffen von Reue und Niedergeschlagenheit und bietet dem Achill Genugthuung und reiche Geschenke. Phoenix, Aias und Odysseus bringen diese Botschaft an den Beleidigten, aber dieser will von keiner Versöhnung wissen. Vielmehr droht er sich morgenden Tags nach Hause einzuschiffen. Das Aeußerste, zu dem er sich auf die dringendsten Vorstellungen der alten Waffenfreunde bequemt, ist ein Beistand für den Fall der Noth, wenn Hektor die Schiffe in Brand stecken sollte, 430 wodurch auch sein und seiner Myrmidonen Schiffslager Gefahr leiden könnte.

Es folgt die Episode einer nächtlichen Versammlung der besorgten Führer und ein Abenteuer des Diomedes und Odysseus, die hier wieder ganz das zusammengehörige Paar des stürmischen und des besonnenen Muthes sind (10, 243 ff.). Erst fangen und tödten sie den troischen Kundschafter Dolon, dann überfallen sie eine so eben eingetroffene Schaar von Thrakern unter Rhesos, den sie mit Andern im Schlafe tödten, worauf sie seine schimmernd weißen Rosse entführen. Rhesos ist eins von jenen zahlreichen Bildern früh gebrochener Jugendblüthe, wie sie in vielen alten Liedern besungen wurden und hin und wieder auch zu einer festeren mythologischen Verdichtung gelangtenIl. 10, 435 heißt er παι̃ς ’Ηιονη̃ος (des Stranders) und es werden seine Rosse gerühmt, weiß wie der Schnee, leicht wie der Wind u. s. w. Später galt er für den Sohn des Flusses Strymon und einer Muse (man nannte bald diese bald jene), der den Griechen gleich am ersten Tage großen Schaden gethan und deshalb auf Anstiften der Hera und Athena durch den nächtlichen Ueberfall des Odysseus und Diomedes umgekommen sei, s. Pindar b. Schol. Il. 10, 435, Apollod. 1, 3, 4 und Euripides Rhesos, der sich mehr an die Ilias hält. Nach seinem Tode wurde Rhesos als Βάκχου προφήτης und ανθρωποδαίμων am Pangaeos d. h. in Amphipolis am Strymon von den attischen Colonisten verehrt, Eurip. Rhes. 970, Schol. v. 342, Polyaen 6, 53. Auch von der Bevölkerung der Rhodope wurde er verehrt, als Jäger und als Reiter, Philostr. Her. 681, desgleichen in der Gegend von Byzanz, Suid. v. ‛Ρη̃σος, und in der von Kios in Mysien, wo Arganthone, die Nymphe des Gebirgs, sein Weib hieß, Steph. B. ’Αργανθών. Wahrscheinlich ein Flußgott des Volksglaubens von Thrakien und Mysien; wenigstens war ‛Ρη̃σος auch der Name eines Flusses am Ida, Il. 11, 20, Hes. th. 340, und sein Vater Στρυμὼν ist vollends der Strömende, G. Curtius Gr. Etym. 1, 319..

In der Schlacht des folgenden Tags thut Agamemnon, den Zeus noch einmal verherrlichen wollte und der hier ganz als tapfrer und prächtiger Kriegsheld erscheint, Wunder der Tapferkeit, so daß die Troer bis dicht an die Stadt zurückweichen. Da wird zuerst er verwundet, dann Diomedes, dann Odysseus, dann Machaon der Asklepiade, so daß sie die Schlacht verlassen müssen. Noch wird sie eine Zeitlang von Aias dem Telamonier gehalten, aber bald schreckt Zeus auch diesen. Hektor dringt nach und nun handelt es sich um die Schutzmauer der Griechen.

In fünf Zügen dringen die Trojaner gegen diese vor. Sarpedon bricht mit seinen Lykiern zuerst durch die Mauer, Hektor 431 sprengt das Thor mit einem Felsblock und hinein ergießt sich der Strom der Feinde. Noch wird er aufgehalten durch Poseidon, welcher einen Augenblick wo Zeus das Schlachtfeld vernachlässigt zum Frommen der Griechen benutzt. Dann schläfert Hera den Zeus in ihren Armen ein, so daß der griechenfreundliche Bruder vollends freie Hand bekommt. Aias trifft den Hektor mit einem mächtigen Steine, daß er zusammenstürzt und bewußtlos fortgetragen wird.

Die Griechen sind eben im besten Zuge den Feind aus der Mauer hinauszuwerfen, da erwacht Zeus und regiert die Schlacht wieder nach seinem auf die Verherrlichung Achills zielenden Plane. Poseidon muß die Griechen verlassen, Apollo giebt dem Hektor seine Kräfte wieder und stürmt dann selbst mit ihm gegen die Mauer, die nun wie ein Sandhaufen zusammenstürzt. Bald handelt es sich um die Schiffe, die Aias umsonst gegen Hektor vertheidigt.

Schon zehrt die Flamme an dem vordersten, auf welchem Protesilaos zuerst gelandet war, da läßt sich Achill bestimmen den Patroklos und seine Myrmidonen seinen Freunden zu Hülfe zu schicken. Patroklos war ausgegangen und mit hellen Thränen des Mitleids wieder zurückgekehrt. Der ehrwürdige Nestor hatte zu ihm gesprochen: Will Achill nicht selbst kämpfen, weil ihn vielleicht die Mutter gewarnt hat, so sollte er wenigstens Dich und die Myrmidonen lassen, damit wir doch etwas Luft bekommen. Das bestellte eben Patroklus seinem Freunde, da sieht dieser den Brand des Schiffes und treibt selbst zur Eile.

Er giebt dem Patroklus seine Rüstung und seinen Wagen, daß er die Troer von den Schiffen zurückjage, aber dann wieder umkehre. Die Myrmidonen folgen mit Begeisterung. Aber Patroklus wird durch die Furie der Schlacht von den Schiffen zur Mauer, von dieser aufs freie Feld und bis in die Nähe von Troja getrieben. Viele Helden fallen seiner Lanze, auch Sarpedon, der liebe Sohn des Zeus. Da treten ihm Hektor und Apoll entgegen. Dieser entwaffnet, jener tödtet ihn und nun beginnt ein wilder Kampf um die Leiche, welche die besten Helden kaum gegen den schon in den Waffen des Achill prangenden Hektor zu behaupten vermögen.

Endlich eilt Antilochos zum Achill um ihm die schreckliche Kunde zu bringen. Achill ahnte Trauriges, denn die Mutter hatte ihm gesagt daß der Beste der Myrmidonen noch bei seinem Leben fallen würde. Nun erfährt er was geschehen und 432 überläßt sich dem wüthendsten Schmerze, an welchem Thetis und alle Nereiden Theil nehmen. Thetis empfindet zugleich das ganze Leid der Zukunft, wie ihr Sohn nach kurzem und an bittern Schmerzen reichem Leben nun auch bald dahin sein werde. Sie sagt es ihm selbst, erst werde Hektor durch ihn und gleich darauf werde er selbst fallen (18, 96).

Aber Achill denkt an nichts als an den Tod des Freundes und an Rache, schnelle und blutige Rache. Thetis eilt auf den Olymp zum Hephaestos, eine neue Rüstung für ihren Sohn zu holen. Und schon bringen die Freunde den gräßlich entstellten Leichnam, den die beiden Aias kaum gegen Hektor vertheidigen. Da erscheint Achill an dem Graben und ruft und droht so gewaltig, daß die Troer erschrocken umkehren. Jetzt kann er sich an der Leiche des geliebten Jugendfreundes, der ihm das Licht seines Lebens gewesen, seinen Klagen und seinen Thränen überlassen. Es ist ihm ein süßer Trost bei der Bestattung des Patroklus zugleich an seine eigene zu denken, denn vereint wollen sie ruhen in dem stillen Grabeshügel am Hellespont, der noch jetzt den Vorüberschiffenden vom Ruhme des Aeakiden zeugt.

Inzwischen schmiedet Hephaestos die neue Wunderrüstung und Thetis bringt sie dem Sohne, begleitet von den Nereiden. Achill versammelt die Helden um zur Schlacht zu treiben und jenen Streit mit Agamemnon zu verwünschen. Was kümmern ihn jetzt die Geschenke des Königs; die Götter mußten in diesem Leib und Seele verzehrenden Schmerze für seine Stärkung sorgenEin Bildwerk am Kypseloskasten deutete auf die von Paus. 5, 19, 2 erzählte Sage daß damals der inzwischen zu den Göttern eingegangene Kentaure Cheiron, der alte Freund des Peleus und Achill, dem letzteren ein Nepenthes geschickt habe.. Als Briseis zurückkehrt und den todten Freund sieht, bricht auch sie in die rührendsten Klagen aus. Immer klarer zeichnet sich das edle Bild des Patroklos, des tapfern Mannes mit der treuen und zarten Seele, der in solchem Grade die Liebe des Peliden gewonnen hatte.

Endlich kommt es zur Schlacht, in welcher Hektor die Griechen zu kühn im offnen Felde erwartet. Furchtbar wüthet die Lanze des Achill im dichten Gedränge der Troer, nachdem die Götter ihr zuerst den Aeneas, darauf den Hektor entrissen hatten. Dann treibt er eine ganze Schaar in den Skamander und mordet und schlachtet dort so entsetzlich, daß der Fluß sich 433 empört und den Würger zu erwürgen droht, wenn nicht Hera und Hephaestos dem Bedrängten zu Hülfe gekommen wären.

Nun drängen alle Troer in die Stadt, denn schon naht der Schreckliche. Umsonst beschwören Vater und Mutter den Hektor dieser Begegnung auszuweichen. Wie er heranschreitet, furchtbar wie der Kriegsgott, ergreift den Sohn des Priamos wilde Angst und er sucht zu entrinnen. Dreimal jagt nun Achill seinen Feind um die Stadt und es jammert den Zeus des Hektor, der ihn immer mit reichen Opfern geehrt, und er greift zur Wage um die Todesloose zu wägen. Hektors Schale sinkt, Apollo verläßt ihn, Athena bringt ihn zum Stehen, bald ist er dem Speere Achills gefallen, der ihn an seinen Wagen bindet und um die Stadt schleift, hinter ihm seine Myrmidonen mit wildem Triumphgeschrei. Dem antwortet das Geheul der Klagenden von der Stadtmauer, des Priamos und der Hekabe, der Andromache, die Klage von ganz Troja. Schon hatten Alle das nahe Schicksal vor Augen.

Neue Todtenklage im Lager der Myrmidonen und Todtenschmaus. In der Nacht erscheint Patroklus seinem Freunde und dringt auf Bestattung; Achill möge seine und die eignen Gebeine in demselben Kruge beisetzen. Also wird der Leichnam verbrannt und bestattet und es folgen die Leichenspiele, bei denen sich die ritterlichen Künste aller Helden im besten Lichte zeigen.

Hektors Leiche lag im Staube, den Hunden und der Verwesung und neuen Mißhandlungen seines Feindes preisgegeben, bis es alle Götter erbarmte, denn Hektor war ihnen allen theuer gewesen. Apollo schützte die Leiche, Zeus sandte zur trauernden Thetis, daß sie zu ihrem Sohne gehe und ihn willig zur Auslieferung des Leichnams stimme. Dann wandte sich Iris in das ganz in Kummer versenkte Haus des Priamos und bestimmte ihn mit reichen Geschenken der Auslösung zum Achill zu gehen. Er ganz allein, der tiefgebeugte Greis machte sich auf, von einem treuen Diener begleitet, in der Nacht, geführt und behütet vom Hermes, der ihn bis an das Zelt des Peliden bringt. Da lag der klagende Vater zu den Füßen des klagenden Sohnes, denn Achill dachte bei diesem Anblick seines eignen Vaters daheim, der ihn nicht wieder sehen werde, und es flossen ihre Thränen ineinander und Wehmuth, tiefe Wehmuth über alles Erdenschicksal löste den nagenden Schmerz, der die Seele Achills bis jetzt umklammert hatte. Priamos aber führte die Leiche seines Sohnes nach Troja, damit auch sie nun feierlich bestattet würde. 434 Elf Tage sollten diese Gebräuche dauern, am zwölften wieder der Krieg beginnen.

So der Verlauf des erhabenen Gedichts, welches, wie es überhaupt auf die Bildung Sitte und Erziehung der Griechen einen kaum zu ermessenden Einfluß ausgeübt hat, so namentlich die Seele der Dichtkunst und der bildenden Kunst war. Auch in stofflicher Hinsicht, da die vorzüglichsten Dichter der attischen Bühne, Aeschylos und Sophokles, aus der Ilias den Inhalt ausgezeichneter Tragödien schöpften und die Maler und bildenden Künstler alle lebendigeren Scenen nach ihrer Weise auszudrücken versuchten. Aeschylos hatte in der Trilogie der Myrmidonen, Nereiden und Phryger den letzten Abschnitt der Handlung, vom Gefecht bei den Schiffen bis zur Auslösung der Leiche, dramatisch bearbeitet und dabei den Schmerz des Achill über den Tod des Patroklos auf eine tief ergreifende Weise ausgedrücktWelcker Tril. 415 ff., Gr. Tr. 33ff., G. Hermann Opusc. 5, 136 sqq., Nauck tr. gr. p. 31. 66.. Sophokles hatte in seinen Gefangenen (Αιχμαλωτίδες) den Streit zwischen Agamemnon und Achill zu Anfang der Ilias und wahrscheinlich auch den Kampf bei den Schiffen (επὶ ναυσὶ μάχη), ferner den Verlust des Patroklos und Achills Rache für die Bühne bearbeitet; wenigstens läßt die Kunde von solchen Dramen des römischen Tragödiendichters Attius ein Gleiches vom Sophokles vermuthenSchöll üb. d. Tetralogie des att. Theaters 107 ff.. Auch die Tradition der Künstler hielt sich vorzüglich an die bewegtesten und verhängnißvollsten Acte der Handlung, den Abschied Hektors von den Seinigen und sein späteres Schicksal, den Kampf bei den Schiffen, den Zorn des Achill, seinen Schmerz um Patroklos und seine Rache bis zum Opfer an der Leiche des FreundesOverbeck 371 ff. Eine Auswahl von Vasenbildern b. Gerhard A. V. 177–204. Neuerdings die wichtigen Publicationen Mon. d. I. 6, 19–21, Brunn Ann. 30, 352 ff., wo der Mittelpunkt verschiedener Scenen nicht sowohl der Zorn als der Schmerz des Achill zu sein scheint, vgl. Il. 19, 309 ff. Das Todtenopfer an Patroklos als Wandgemälde in einem Grabe zu Vulci, Bullet. d. Inst. 1857 p. 115 ff.; neben welchen düsteren Scenen die freundlichen Gestalten der Thetis mit ihrem Gefolge der Meeresjungfern, wie sie dem Achilles die Waffen aus der Götterschmiede überbringen, eine anmuthige Abwechselung sindOverbeck 432 ff. vgl. O. Jahn Leipz. Ber. 1854 S. 183, Roulez choix d. v. p. pl. 14. Als Verzierung von Waffenstücken Bullet. Nap. N. S. 6. 14.. 435 Auch der Volksglaube that das Seinige hinzu, da Hektor später in Ilion, Patroklus in seiner Vaterstadt Opus mit den gewöhnlichen Folgen für Sage und Gottesdienst verehrt wurdenVon Hektor Philostr. Her. 683 vgl. Virg. A. 5, 371. Von Hektor und Patroklus Clem. Ro. Homil. 6, 22 όπου καὶ ‛Έκτορα εν ’Ιλίω καὶ ’Αχιλλέα εν Λευκη̃ τη̃ νήσω οι εκει̃ προσκυνου̃σιν, Πάτροκλον ’Οπούντιοι, τὸν Μακεδόνα ’Αλέξανδρον ‛Ρόδιοι, vgl. die von Lobeck Agl. 575 angeführte Stelle. Der bewaffnete Heros auf den Münzen von Opus kann also sowohl Patroklus sein als der lokrische Aias..

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