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Griechische Mythologie II - Heroen

Ludwig Preller: Griechische Mythologie II - Heroen - Kapitel 101
Quellenangabe
typetractate
booktitleGriechische Mythologie II - Heroen
authorLudwig Preller
year1861
firstpub1861
publisherWeidmannsche Buchhandlung
addressBerlin
titleGriechische Mythologie II - Heroen
pages503
created20090607
sendergerd.bouillon@t-online.de
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a. Die KyprienHenrichsen de carm. Cypriis Havn. 1828, Engel Kypros 1, 596–682, Welcker ep. Cycl. 1, 300 ff.; 2, 85–168. 495–521..

Ein Gedicht welches von der Ursache des Krieges und seinem Verlaufe in den ersten neun Jahren d. h. bis zum Anfange der Ilias (Il. 2, 134) erzählte, aber sowohl hinsichtlich der einzelnen Sagen seines Inhalts als nach dem ganzen Geiste seiner Auffassung einer bedeutend jüngeren Zeit angehörte.

In der Ilias war einfach die Entführung der Helena die Ursache des Kriegs, ein Vorgang welcher hier durchaus als etwas sittlich Verletzendes angesehen wurde, wodurch Menelaos in seinen theuersten Rechten gekränkt und die Ehegöttin Hera zur unversöhnlichen Feindin von Troja wird. Also war die argivische 412 Hera, wie in der Heraklessage, auch nach der ältesten Auffassung des trojanischen Kriegs eine Hauptursache der Verwicklung, die Hera von Argos, Myken und Sparta, deren Schützlinge die Atriden sind (Il. 4, 51) und welche wie sie Il. 4, 26 sagt vielen Schweiß vergossen und wie oft ihre Pferde müde gejagt hat, um alle die Helden gegen Priamos und Paris zusammen zu bringen, sie und die kriegerische Athena, die Schutzgöttin aller achaeischen Helden. Beide Göttinnen dringen deshalb auch im weiteren Verlaufe des Kriegs immer von neuem auf Rache und Zerstörung, so daß Zeus mit seiner stillen Neigung für Troja und Hektor (Il. 4, 43–49) und mit seinen auf Verherrlichung des Achill gerichteten Planen immer vollauf zu thun hat um diese beiden mächtigen Göttinnen im Zaume zu halten. Anders die Kyprien, welche ihre Erzählung mit einer Berathschlagung zwischen Zeus und Themis, der personificirten Providenz begannen, wie man der Uebervölkerung der Erde steuern könnte. Als bestes Mittel zu diesem Zwecke wurde ein tüchtiger und recht langer Krieg beliebt, zu welchem Ende zunächst Eris jenen Streit unter den drei Göttinnen anstiften mußte, in welchem Aphrodite durch das Urtheil des Paris siegte, Athena und Hera aber die unversöhnlichen Feindinnen von ihm und allen Trojanern wurdenDer Apfel der Eris mit der Aufschrift »der Schönsten« ist eine spätere Erfindung. Wenigstens kennen ihn erst die späteren Darstellungen des Parisurtheils.. Also wurde vorzüglich die Macht der Göttin von Kypros und Kythera durch dieses Gedicht verherrlicht und auf diesem Wege die Dichtung von Paris und Helena zwar in gewisser Hinsicht in ihren ursprünglichen Cultuszusammenhang wieder eingerücktBd. 1, 262. 277. 418 und von der Helena oben S. 108 ff. Nach Eurip. Or. 1639 war die Schönheit der Helena das Mittel zu dem Kriege, durch welchen die Götter die Last der Erde erleichtern wollten, ως απαντλοι̃εν χθονὸς ύβρισμα θνητω̃ν αφθόνου πληρώματος., aber im Uebrigen der ältere und sittlichere Zusammenhang des epischen Gesanges doch sehr verändert.

Wie Aphrodite und Helena so erschien auch Paris in den Kyprien, vermuthlich nach Anleitung örtlicher Traditionen, in einem andern Lichte und als Mittelpunkt eines größeren Sagencomplexes, welcher gleichfalls bei den späteren Dichtern und Künstlern einen lebhaften Anklang gefunden hat. Er ist ganz der orientalische Held, zugleich mannhaft und weichlich wie Dionysos, wie Sardanapal, wie der lydische Herakles, 413 groß in der Schlacht und groß im Harem, der gerade Gegensatz zu den griechischen Helden, namentlich zu Menelaos und zum AchillAehnliche Schilderungen in der Ilias z. B. 6, 522, doch ging die spätere Kunst und Dichtung viel weiter, vgl. Bd. 1, 280.. Als Hekabe mit ihm schwanger ging sah sie im Traume einen Feuerbrand der ganz Troja zu entzünden drohte. Darum läßt Priamos das Kind im Idagebirge aussetzenVgl. die Verse des römischen Tragikers, vermuthlich des Ennius im Alexander, b. Cic. de Divin. 1, 21., wo es durch eine Bärin ernährt wird und darauf unter Hirten und Heerden aufwächst, geliebt von der idaeischen Nymphe Oenone, deren Name und Natur die Art dieses idyllischen Waldlebens weiter ausführt. Als er so in diesen schönen Bergen seine Heerde treibtWie Ganymed und Anchises, denn dieser idyllische Hintergrund ist in den asiatischen Fabeln sehr beliebt, Longus 4, 17 βουκόλος η̃ν ’Αγχίσης καὶ έσχεν αυτὸν ’Αφροδίτη, αι̃γας ένεμε Βράγχος καὶ ’Απόλλων αυτὸν εφίλησε, ποιμὴν η̃ν Γανυμήδης καὶ αυτὸν ο Ζεὺς ήρπασε. Die Veranlassung zu dem Doppelnamen Πάρις und ’Αλέξανδρος wird verschieden erklärt, dieser zweite Name gewöhnlich durch seinen Schutz der Hirten, wie namentlich bei Euripides geschah, Varro 1. 1. 7, 82, Apollod. 3, 12, 5. Nach G. Curtius Etymol. 1, 242 würde Πάρις Kämpfer bedeuten, vgl. Virg. A. 5, 370 solus qui Paridem solitus contendere contra., erstarkt im Kampfe mit Räubern und wilden Thieren und seine Muße mit dem Spiel der Laute vertreibend, da erscheinen die drei Göttinnen vor ihm, geführt vom Hermes, den Paris kennen mußte. Aber die Erscheinung der Göttinnen erschreckt ihn und es kostet Mühe ihn zu beruhigen und zu dem Urtheile zu bestimmen. Hera verspricht ihm die Herrschaft über Asien, Athena Sieg und Kriegesruhm, Aphrodite den Besitz der Schönsten, die Paris allem Uebrigen vorzieht, so daß er von nun an der Liebling und der erkorne Held der Glücks- und Liebesgöttin istSchon die Ilias 24, 25–30 gedenkt dieses Urtheils, doch ist es wohl ein späterer Zusatz. Zu Grunde liegen die mehrfach erwähnten Schönheitswettkämpfe der griechischen Frauen, worauf schon ein Alter diese Sage zurückführte, τρία γάρ εστι τω̃ν επιχωρίων γύναια τὰ εις τὴν τη̃ς ευμορφίας κρίσιν καταστάντα, Schol. Ven. Eur. Andr. 276. Sie werden auf Lesbos und Tenedos, also in der Nähe von Troas, und in andern Gegenden erwähnt, Il. 9, 129 Schol., Athen. 13, 90, Bd. 1, 608, [1932].. Alsbald ändert sich sein Schicksal und sein Stand. In Troja konnte die Mutter ihr Kind nicht vergessen, Priamos suchte ihren Schmerz durch Spiele zu Ehren des verlornen Sohnes zu beruhigen. Als Kampfpreis wird ein Prachtstier aus der Heerde ausgesetzt die im Gebirge weidet, ein Stier den Paris vor allen Stücken seiner Heerde liebte. 414 Also geht er mit in die Stadt, die männliche Lust der Spiele erweckt seinen Muth, er kämpft mit und besiegt Alle, selbst den Hektor, der Hirt die Prinzen. Darüber ergrimmen seine Brüder und wollen ihn tödten, aber Kassandra erkennt ihn, sie die gleich jetzt das ganze Schicksal ihres Hauses vor ihren Augen sah, aber wie immer nicht gehört wurdeVgl. die Schilderung aus dem Alexander des Ennius b. Cic. de Divin. 1, 31 (Ribbeck trag. lat. p. 17–19). Nach Eurip. Androm. 294–299 hatte Kassandra schon bei der Geburt des Paris seinen Tod gefordert. Kassandra und Priamos b. R. Rochette choix de peint. de Pomp. t. 25.. Nun mahnt Aphrodite zur Fahrt nach Amyklae und hilft selbst beim Schiffbau. Umsonst warnt Oenone, die jetzt verschmähte Nymphe des Gebirgs, die ihn endlich verläßt um ihn nicht eher als kurz vor seinem Tode wiederzusehn, da er sie mit hoffnungsloser Wunde aufsuchteO. Jahn Paris u. Oenone, Greifsw. 1844, Arch. Beitr. 330–351.. So war seine Geschichte in verschiedenen Tragödien des Sophokles und Euripides und in vielen Bildwerken der Künstler ausgeführt worden, von welchen letzteren besonders die außerordentlich zahlreichen Vasengemälde welche das Urtheil des Paris darstellen eine inhaltsreiche Uebersicht gewährenEs gab von Sophokles und von Euripides einen Alexander, vgl. Hygin f. 91, Welcker Gr. Tr. 462 ff., und von Sophokles überdies ein Urtheil des Paris als Satyrdrama. Schilderungen b. Eurip. Iph. A. 178 ff. 575 ff. 1283 ff., Androm. 273 ff., Tr. 924 ff., bildliche Darstellungen schon auf dem Kypseloskasten und dem Amyklaeischen Thron, Paus. 3, 18, 7; 5, 19, 1. Auch giebt es unter den vorhandenen Vasenbildern einige sehr alterthümliche, obschon die Mehrzahl dem eleganteren Geschmack der apulischen Vasenmalerei angehört. Vgl. Gerhard A. V. t. 170–176, Welcker le jugement de Paris, P. 1846 (Ann. de l'Inst. T. 17, 132–215), Overbeck a. a. O. 206 ff.. Anfangs ernster und einfacher werden diese bildlichen Darstellungen, wie die Beschreibungen der Dichter mit der Zeit immer üppiger und Aphroditens siegreiche Schönheit zur Hauptsache, bis Paris zuletzt die Entblößung der drei Göttinnen fordert, da er früher nur über den Werth ihrer Gaben zu entscheiden gewagt hatteτω̃ν σωμάτων ου δυνηθεὶς λαβει̃ν διάγνωσιν, αλλ' ηττηθεὶς τη̃ς τω̃ν θεω̃ν όψεως Isokr. Hel. 42. Die Entblößung fordert er b. Propert. 2, 2, 14, Ovid Her. 17, 116, Lukian D. D. 20..

Viele Freier hatten sich beim Tyndareos um die Hand seiner wunderbar schönen Tochter gemeldet; er hatte ihnen vor der Entscheidung den feierlichen Schwur abgenommen daß Alle für Einen stehen wollten, wenn dem vorgezogenen Gemahle der Helena Unrecht geschehen sollteHesiod hatte ausführlich von den Freiern der Helena, Stesichoros von ihrem Schwure gedichtet.. Der Atride 415 Menelaos war der Glückliche, der mannhafte Bruder des mächtigen Agamemnon, worauf das Beilager des liebenden Paares mit großen Feierlichkeiten begangen wurdeEur. Hel. 638. Stesichoros dichtete ein επιθαλάμιον ‛Ελένης, woraus Theokrit in seinem gleichartigen Gedichte Einiges entlehnt haben soll, s. id. 18 Schol.. Aber Tyndareos hatte der Aphrodite zu opfern vergessen, wofür ihn die mächtige Göttin dadurch strafte daß sie ihrer Leidenschaft Macht über die Herzen seiner Töchter gabSo dichteten Stesichoros und Hesiod, die auch die Untreue der Klytaemnestra dadurch erklärten, Schol. Eur. Or. 239, Hesiod ed.Göttl. p. LIX. Vgl. Bd. 1, 278, [807].. So kam Paris, mit allen Reizungen der Liebesgöttin ausgestattet, der Held asiatischer Pracht und Ueppigkeitανθηρὸς μὲν ειμάτων στολη̃ χρυσω̃ τε λαμπρὸς, βαρβάρω χλιδάματι, Eurip. Iphig. A. 73, vgl. Tr. 991 ff., Kykl. 182 ff., Bd. 1, 280, [814]. Immer hat in den alten Sagen asiatische Pracht, asiatischer Reichthum große Gewalt über das ärmere Griechenland. Bei Lukian D. D. 20 und in den bildlichen Darstellungen wird dagegen die Hülfe der Aphrodite und ihrer Dämonen lebhaft hervorgehoben s. O. Jahn Leipz. Ber. 1850 S. 176 ff., Overbeck 263 ff., Welcker zu Ternite t. 30. 31., gastlich aufgenommen von den Dioskuren und vom Menelaos, dessen Weib von Aphroditens Macht und dem verführerischen Gaste nur zu schnell entzündet wurde: auch dieses ein sehr beliebter Gegenstand der späteren Historienmalerei. Menelaos war nach Kreta geschifft, die Dioskuren durch den Streit mit den Aphariden beschäftigt, als der Verführer mit seiner schönen Beute davon eilte, in der Nacht und mit vielen SchätzenDer Einschiffung mit vielen Schätzen, denn Menelaos ist als Atride nothwendig reich zu denken, gedenkt die Ilias 3, 70. 91; 7, 350. 363; 13, 626; 22, 115. Nach einer späteren Version entführte Paris die Helena, als sie am Meeresstrande mit einem bacchischen Opfer beschäftigt war, Lykophr. 103.. Nach einer Fahrt von drei Tagen, einen so günstigen Wind und eine so ruhige See gewährte Aphrodite, erreichten sie glücklich TrojaSo erzählten nach Herod. 2, 117 die Kyprien. Nach dem epischen Cyclus dagegen sendete Hera einen Sturm, wodurch das Schiff bis Sidon verschlagen wurde, vgl. Il. 6, 290. Mit den Kyprien stimmt Horaz überein Od. 1, 15, wo Nereus dem verwegenen Paare die Zukunft von Troja verkündet. Spätere Ortssagen führten sie auch nach Libyen und Karien, Steph. B. v. Σαμυλία und Διοσκούρων κώμη..

Iris sagt es dem Menelaos, der schnell nach Hause eilt und zuerst mit seinem Bruder, dem mächtigsten Könige der ganzen HalbinselMenelaos erscheint schon in der Ilias als sehr abhängig vom Agamemnon, z. B. 10, 121–123. Stesichoros und Simonides dichteten sogar daß Agamemnon König von Sparta gewesen sei, Schol. Eur. Or. 46. rathschlagt. Dann begiebt er sich nach Pylos zum 416 alten Nestor, dem liebenswürdigen Greise, der die Lapithen gekannt, mit den Aktorionen gekämpftOben S. 238. Von den Thaten seiner Jugend Il. 4, 319; 11, 674; 23, 630 m. d. Scholien., das Blutbad des Herakles unter seinen Brüdern überlebt hat und nun unter dieser jüngeren Generation der troischen Heroen als ehrwürdiges Denkmal und wie ein lebendiges Orakel der Vorzeit erscheint, der mit süsser Zunge und allezeit liebreichem Wohlwollen nicht müde wird den jungen Helden aus seinem Schatze von Erfahrungen und Erzählungen zu spenden, von denen diese immer ergötzlich, jene immer weise sindIl. 1, 248 ff. λιγὺς Πυλίων αγορητής, του̃ καὶ απὸ γλώσσης μέλιτος γλυκίων ρέεν αυδή u. s. w. Er gehört wie der aetolische Oeneus zu den Heroen, die immer wieder auf dem Platze sind, vgl. Ovid M. 12, 182 ff. Nach Hygin f. 10 schenkte Apollo aus besondrer Vorliebe seinem Leben die Jahre der von ihm getödteten Niobiden, der Brüder seiner Mutter Chloris.. So spendet er nun auch dem wackern Atriden von diesem Schatze, tröstend und rathend, und darauf beginnt ein Werben und Sammeln (αγερμὸς) durch ganz Griechenland, welches zuletzt alle namhaften Helden zu dem Zuge der Rache an Paris und dem ganzen Troja bestimmte. Viele waren als Freier der Helena durch ihr feierliches Wort gebunden, Andre lockte die Ehre und das Abenteuer, Alle waren aufs tiefste beleidigt durch eine That wie diese, wo sich Verführung, List, Diebstahl, schnöder Bruch des Gastrechtes, Beschimpfung von ganz Griechenland zu einem Verbrechen vereinigte.

Am meisten Mühe machte es die beiden zu gewinnen, welche zum Siege vor Troja und zur Zerstörung von Troja am meisten beitrugen, Odysseus und Achill. Jener war viel zu klug und fühlte sich auf seinem Ithaka, an der Seite seiner jungen Frau, die eben ihr erstes Kind an der Brust hatteOd. 11, 444; 24, 115, wo Agamemnon und Menelaos den Odysseus persönlich auffordern. Darauf werben Odysseus und Nestor Andre, Il. 11, 767., viel zu behaglich als daß er zu einer so weit aussehenden Unternehmung hätte Lust haben können. Als also Nestor und Menelaos ihn zu holen kamen, stellte er sich wahnsinnig und trieb allerlei Unsinniges. So spannte er einmal ein Pferd und einen Ochsen vor einen Wagen, worauf Palamedes um ihn zu entlarven den kleinen Telemachos mit dem Schwerdte bedrohte; oder, wie später erzählt wurde, er setzte seinen Schifferhut auf, 417 spannte das Pferd und den Ochsen vor den Pflug und fing damit an zu ackern, worauf Palamedes das Kind in die Furche legte, so daß der Vater sich nun doch verrieth und mit fort mußte, sichern Bewußtseins daß er Weib und Kind erst nach langen langen Jahren wiedersehen würdeSophokles, welcher den Charakter des Odysseus überhaupt durch die verschiedensten Gelegenheiten der Heldensage entwickelt hatte, dichtete auch einen ’Οδυσσεύς μαινόμενος, vgl. Hygin f. 95, Welcker Gr. Tr. 100 ff. Gemälde des Parrhasios und Euphranor, Plin. 35, 129, Plut. de aud. poet. 3. Ein andres beschreibt Lukian de domo 30. Die Späteren ließen ihn sein Wort erst geben und dann wieder zurücknehmen, beim Ackern Salz säen, oder zu allerletzt sich entschließen, Cic. de off. 3, 26, 98, Ovid M. 13, 36, Serv. V. A. 2, 81.. Das begründete eine Bitterkeit in seinem Gemüthe, die ihn später zur argen Rache an Palamedes trieb, der in dem jüngeren Epos überhaupt in einem sehr charakteristischen Gegensatze zu dem Helden von Ithaka erschien. Es ist Palamedes von Nauplia, der Seeheld von Argos, der Sohn des tückischen Seemannes Nauplios (S. 51), der Bruder des kundigen Steuermannes Oeax, Palamedes selbst ein absolut erfinderischer und anschlägiger Kopf wie Odysseus, nur daß seine Anschläge mehr die der Kunst und WissenschaftΠαλαμήδης von παλάμη, παλαμάομαι, welches eigentlich die Bedeutung der technischen Geschicklichkeit hat. Vgl. O. Jahn Palamedes, Hambg. 1836., die des Odysseus die der Erfahrung und des verwegenen Abenteuers sind. Vom Achill erzählt die Ilias daß Nestor und Odysseus zum Peleus kamen und dieser darauf seinen Sohn, Menoetios seinen Patroklos willig und mit väterlichen Ermahnungen entließ, der Greis und die Jünglinge bewogen durch die den Atriden widerfahrene BeschimpfungIl. 11, 782 σφὼ δὲ μάλ' ηθέλετον, vgl. 1, 152 ff.; 7, 127 ff.; 9, 252 ff. 438 ff.; 23, 85 ff. Euripides hatte einen Phoenix gedichtet, in welchem Stücke derselbe von seinem Vater geblendet und durch Peleus und Chiron wieder sehend wurde, Nauck trag. gr. 488.. Als dritter schloß sich der alte Phoenix an, welcher nach Homer beim Peleus Schutz und neue Herrschaft gefunden, den Achill noch auf seinen Knieen geschaukelt hatte und ihn nun als väterlicher Freund und Berather in das Griechenlager, die Versammlung so vieler Helden, und vor Troja begleiteteAbschiede des Achill und Patroklos von ihren Vätern, des Aias und Teukros vom Telamon auf Vasenbildern, s. Overbeck 276 ff. Abschied des Aias und Menestheus im Sinne der attischen Sage und in einer parallelen Darstellung ein Abschied des Theseus vom Aegeus auf der schönen Schale des Kodros, herausg. von Braun, Gotha 1843, vgl. O. Jahn Arch. Aufs. 181 ff.. Auch widerstrebte Thetis nach 418 dieser älteren Sage nicht, da sie wußte daß ihr Sohn nur bei längerem Verharren in diesem Kriege den Tod finden, bei zeitiger Rückkehr weniger Ruhm haben, aber dafür um so länger leben würde (Il. 9, 410). Dahingegen man später die örtlichen Ueberlieferungen der Insel Skyros, wo thessalische Doloper von Achill und seinem Sohne Pyrrhos oder Neoptolemos erzähltenΣκυ̃ρος Δολοπηὶς Schol. Il. 9, 668. Die Insel hatte zwei Häfen, ’Αχίλλειον und Κρήσιον, Schol. Il. 19, 326, vgl. Thuk. 1, 98, Plut. Kim. 8., mit der älteren Tradition auf verschiedenen Wegen auszugleichen versuchte und darüber zu neuen Combinationen geführt wurde. Schon in der Ilias ist von einem Eroberungszuge des Achill gegen Skyros und von seinem Sohne auf dieser Insel die RedeIl. 9, 668 wo Skyros ’Ενυη̃ος πτολίεθρον hieß, angeblich nach einem Kreter, welcher Sohn des Dionysos und der Ariadne gewesen, vgl. d. Schol. Achills Sohn auf Skyros Il. 19, 326.. In den Kyprien und der kleinen Ilias wurde er auf der Rückkehr von dem mysischen Feldzuge dahin verschlagen, vermählte sich mit der Deidamia, der Tochter des Königs Lykomedes, und wurde durch ihn Vater jenes tapferen Sohnes, ohne den Troja nicht bezwungen werden konnte; der Großvater nannte ihn Pyrrhos, Phoenix aber Neoptolemos, weil sein Vater Achill schon so früh in den Krieg gezogenPaus. 10, 26, 1 vgl. den Auszug des Proklos und Liban T. 4 p. 50, wo gleichfalls die Rückkehr von dem mysischen Feldzuge nach Aulis zu verstehen ist. Den Namen Νεοπτόλεμος erklärten Andre von seiner eignen Jugend bei dem Zerstörungskriege, Schol. Il. 19, 326.. Endlich entstand aus uns nicht bekannten Anfängen die Dichtung von dem als Mädchen verkleideten Achill auf Skyros, welchen Polygnot malte und Sophokles und Euripides auf die Bühne brachtenVon beiden gab es Tragödien unter dem Titel Σκύριοι oder Σκύριαι, vgl. Welcker Gr. Tr. 102 ff. 476 ff. Polygnot b. Paus. 1, 22, 6.. Thetis, so erzählte man, habe aus mütterlicher Sorge und weil sie die Zukunft wußte ihren Sohn noch als Knaben nach jener Insel gebracht und unter die Mädchen des Königs Lykomedes versteckt, worauf Deidamia einen zärtlichen Bund der Liebe mit ihm schließt. Dann erscheinen Diomedes und Odysseus, um den Peliden aus einer so unwürdigen Verborgenheit hervorzuziehn und ihn für den Krieg zu gewinnen. Also mischen sie Waffen und Stücke einer Rüstung unter allerlei weibliche Geschenke, breiten diese vor den Mädchen aus und lassen dazu den Schall der Trompete ertönen, worauf der verkleidete Achilleus alsbald zu jenen greift und aller Rücksicht und Vorsicht vergessend den übrigen Helden sich 419 anschließt. Viele Dichterstellen und Bildwerke beweisen daß diese Fabel sich eines großen Beifalls erfreuteApollod. 3, 13, 8, Schol. Il. ll. cc., Hygin f. 96, Bion id. 2, 15 Ovid M. 13, 162 ff., Stat. Achill. 1, 206 ff.; 2, 18 ff. Ein Bild des Inhalts b. Philostr. iun. 1. Erhaltene Darstellungen in Gemälden, Sarkophagreliefs u. s. w. b.. O. Jahn Arch. Beitr. 352 ff., Gerhard D. u. F. 1858 t. 113 S. 157, R. Rochette choix de peint. pl. 20. 21, Overbeck 287 ff..

In der geschützten Bucht von Aulis versammelten sich die Schiffe und dort begab sich das Zeichen, dessen die Ilias 2, 300 ff. gedenkt. Beim Opfer unter einer Platane schießt eine Schlange vom Altare zu dem Baume empor, wo sie ein Nest von Sperlingen, acht Junge und die Mutter verzehrt, aber darüber selbst zu Stein wird: was Kalchas auf die neun Jahre des Krieges und die Zerstörung Trojas im zehnten deutet. Darauf folgte in den Kyprien der jedenfalls erst durch die aeolischen Colonieen veranlaßte Feldzug nach Mysien, dem Reiche des Herakliden Telephos, der seinem Vater vor allen übrigen Herakliden glichPaus. 10, 28, 4. Herakles als Löwenbändiger und der verwundete Heraklide Telephos, beide von gleicher Körperbildung, T. mit der Löwenhaut, auf einem Marmordiskos in München b. v. Lützow Münchner Antiken t. 2. 3. Zur Geschichte seiner Jugend s. oben S. 241.. Die Griechen hielten diese Küste für die trojanische und plünderten, Telephos stellt sich ihnen mit seinen Mysern entgegen, tödtet Thersander, den Sohn des Polyneikes (S. 336), und stürmt wider die Landenden, bis Achilles und Patroklus ihm in den Weg treten. Patroklus wird verwundet, dem Peliden aber vermag der Heraklide nicht zu widerstehen, er flieht, verwickelt sich auf der Flucht in eine Weinrebe, die der ihm zürnende Dionysos hatte wachsen lassen, und wird von der Lanze Achills am Schenkel verwundetPindar Ol. 2, 43; 9, 70 ff., Isthm. 5, 41; 8, 49. Den Kampf zwischen Achill und Telephos sah man im Giebelfelde des Athenatempels zu Tegea. Auf die Weinrebe deutet Pind. I. 8, 49 durch die Worte αμπελόεν πεδίον, vgl. Schol. Il. 1, 59, Lykophr. 206. 1246 Tz., nach welchen Dionysos als Σφάλτης d. h. σφήλας τὸν Τήλεφον verehrt wurde. Thersanders Grab wurde in Mysien gezeigt, Paus. 9, 5, 7. Der verwundete Patroklos von Achill verbunden, auf der Schale des Sosias, Gerhard Trinksch. t. 7.. Als die Griechen sich wieder eingeschifft hatten, wurden sie von einem Sturme überfallen und zerstreut, bei welcher Gelegenheit Achilles nach Skyros gelangt. Telephos aber erfährt durch ein Orakel daß seine Wunde nur durch den der sie geschlagen wieder geheilt werden könne (ο τρώσας καὶ ιάσεται) und sucht deshalb den Agamemnon mit den übrigen 420 Griechenführern in Argos auf. Hier greift er im Palaste Agamemnons den kleinen Orestes, flüchtet mit ihm an den Hausaltar und droht das Kind zu tödten, wenn er nicht geheilt werde; auf welche Weise er wirklich die Heilung durch den heftig widerstrebenden Achill erzwingt, mit dem Roste desselben Speeres der ihn verwundet hatteUeber den Telephos des Euripides, des Ennius, des Attius, und über die Bildwerke s. Welcker Gr. Tr. 477 ff., O. Jahn Telephos u. Troilos Kiel 1841, Archäol. Aufs. 164–180, b. Gerhard D. u. F. 1857 t. 106. 107 n. 106. 107, Overbeck a. a. O. 294 ff. Vgl. Horat. Epod. 17, 8 Movit nepotem Telephus Nereium, in quem superbus ordinarat agmina Mysorum et in quem tela acuta torserat und über die Heilung Plin. 25, 42; 34, 152. In Kroton erzählte man etwas Aehnliches von den Führern in der Schlacht am Flusse Sagra. Der eine habe für seine Wunde Heilung in Sparta durch den Speer des einen Tyndariden, der andre auf der Insel Leuke beim lokrischen Aias gesucht, s. Meineke Com. Gr. 2, 2, 1230 sqq.. Die Griechen wußten durch ein Orakel daß Telephos ihr Führer nach Troja sein müsse, daher sie nun um so williger von neuem aufbrachen.

Also schifft man sich zum zweitenmale einDie Ilias weiß nur von einer einmaligen Einschiffung des Agamemnon, welche von glücklichen Zeichen begleitet ist, 2, 112. 286. 351. und versammelt sich wieder in Aulis, wo jetzt durch Agamemnons Frevel, den er schrecklich büßen mußte (denn hier wird schon sein späteres Schicksal eingeleitet), eine neue Störung des Zuges veranlaßt wurde. Auf einer Jagd soll er sich ein beßrer Jäger als selbst Artemis zu sein gerühmt oder eine heilige Hindin der Artemis erlegt habenNach dem Auszuge des Proklos επὶ θήρας βαλὼν έλαφον υπερβάλλειν έφησε καὶ τὴν ’Άρτεμιν. Hygin f. 98 quod Ag. in venando cervam eius violavit superbiusque in Dianam est locutus. Vgl. Tzetz. Lyk. 183., oder, wie später die Tragiker erzählten, er hatte in dem Jahre, da seine Tochter Iphigeneia geboren wurde, der mächtigen Göttin die schönste Frucht des Jahres gelobt und diese Frucht darzubringen später doch angestandenEurip. Iph. T. 20, Cic. de off. 3, 25, 95. In der Iphigeneia in Aulis ist gar kein Grund des Opfers angegeben. In späteren Dichtungen wurde die Liebe Agamemnons zum schönen Argynnos als Ursache des langen Aufenthalts genannt, s. Rh. Mus. f. Philol. N. F. 4, 404.. Genug die Flotte der Griechen wurde durch heftige Stürme, welche von der Artemis gesendet wurden, in der Bucht von Aulis lange zurückgehalten: für die Sage zugleich eine Gelegenheit die allbeliebte Erfindung des Palamedes, das Brettspiel und die Würfel, zur Unterhaltung der ungeduldigen und Mangel leidenden Helden geltend zu machenS. die lebendige Schilderung des Lebens im Lager b. Eur. Iphig. A. 190 ff., vgl. Overbeck 308 ff. Würfel und Brettspiel nannte Sophokles fr. 393. 435. Man zeigte den Stein, auf welchem sich die Griechen vor Troja die Zeit mit den von Palamedes erfundenen Spielen vertrieben, Eustath. Il. 228, 2, Polem. fr. p. 64.. Endlich erklärt Kalchas den 421 Zusammenhang und fordert das Opfer der Iphigeneia. Agamemnon schickt nach ihr, angeblich um sie dem Achill zu vermählen. Als er sie zu opfern im Begriff ist, wird sie von der Artemis zu den Tauriern entführt und unsterblich gemacht’Άρτεμις δὲ αυτὴν εξαρπάσασα εις Ταύρους μετακομίζει και αθάνατον ποιει̃, nach Proklos, vgl. Bd. 1, 240, [678]. Die Ilias 9, 144. 287 kennt drei Töchter des Agamemnon, Chrysothemis, Laodike und Iphianassa, zu denen die Kyprien Iphigeneia hinzufügten, Schol. Soph. El. 157, welche andre Dichter für eine Tochter des Theseus und der Helena hielten. Bei den Tragikern tritt Elektra an die Stelle der Laodike, bei Euripides Iphigeneia an die der Iphianassa, dahingegen Sophokles wie die Kyprien vier Töchter annimmt, Iphigeneia und Iphianassa als zwei Personen., anstatt ihrer aber eine Hirschkuh als Opfer an den Altar gestellt: ein neuer Anlaß für die tragischen Dichter und für ausgezeichnete Maler, sich in eigenthümlichen und geistreichen Compositionen zu versuchenAußer der Iphigeneia in Aulis gab es gleichartige Stücke von Aeschylos und Sophokles. Ueber die Bildwerke u. Gemälde O. Jahn Archäol. Beitr. 378 ff., Overbeck 314 ff..

Jetzt endlich gelangen sie bis zur Insel Tenedos an der trojanischen Küste. Als sie sich zum Schmause lagern ward Philoktetes von einer Schlange gebissen, die ihm jene unheilbare und ganz unleidliche Wunde zufügte, um derentwillen seine Gefährten ihn nach Lemnos brachten und dort unbarmherzig seinen Leiden überließenIl. 2, 721. 722 Schol., wo οι νεώτεροι die Tragiker sind. Nach den Schol. v. 721 wurde auch auf Imbros von dem Schlangenbiß erzählt. Vgl. Soph. Philokt. 193 τὰ παθήματα κει̃να πρὸς αυτὸν τη̃ς ωμόφρονος Χρύσης επέβη u. Bd. 1, 155, [403]. Man scheint dieser Göttin einen mächtigen Einfluß auf Wind und Wetter, also auf die Schifffahrt zugeschrieben zu haben., oder, wie Sophokles dichtete, er wurde auf der kleinen Insel Chryse, als er den Altar der Göttin Chryse aufsuchte, durch die Natter gebissen, oder Philoktet hatte wegen seines Antheils an der Verklärung des Herakles, wofür er dessen Bogen bekam, den Zorn der Hera gereizt und wurde nun auf ihr Anstiften bei jenem gleichfalls durch das Andenken an Herakles geweihten Altar verwundet, an den ein Orakel die Griechen gewiesen hatte, diese Wendung nehmlich hatte Euripides der Fabel gegebenVgl. Hygin f. 102 und die Excerpta aus Dio Chrysost. b. Nauck tr gr. p. 481 sqq. Cic. Tusc. 2, 7, 19 aspice Philoctetam, cui concedendum est gementi, ipsum enim Herculem viderat in Oeta magnitudine dolorum eiulantein, vgl. oben S. 256. Philoktets Verwundung nach einem schönen Vasenbilde Mon. d. I. 6, 8, vgl. Ad. Michaelis Ann. 29, 232–274 t. H. I. Auch auf den Vasenbildern, welche Herakles als αρχεναύτης darstellen (oben S. 327), ist Philoktet bisweilen zugegen.. Also eine neue 422 Verzögerung des Schicksals, denn nur durch den Bogen des Herakles konnte der Frevler Paris bestraft und Troja bezwungen werden. Dasselbe Mahl auf Tenedos oder Lemnos gab aber auch zu einem Streite zwischen Agamemnon und dem leicht aufwallenden Achilleus Anlaß, welcher sich durch ein Versehen bei der Einladung verletzt fühlte: ein Vorspiel des viele Jahre späteren Streites, welches Sophokles zur Dichtung eines eignen Dramas veranlaßt hatte’Αχαιω̃ν σύλλογος ὴ Σύνδειπνοι, Nauck p. 128. Es scheint daß Achill gar nicht oder erst nachträglich eingeladen wurde. Die Ilias 8, 229 ff. spricht von einem großen Schmause auf Lemnos, wo Jeder sich großer Thaten gerühmt, die er vor Troja vollbringen werde..

Endlich kam es zur Landung im Hafen von Troja. Die Troer widersetzten sich ihr unter der Anführung von Hektor. Protesilaos, der Sohn des Iphiklos aus Phylake, opferte sich für die Griechen, der jüngst Vermählte, nur einen Tag seiner Liebe froh Gewordene: ein schönes Beispiel des Heldenmuthes und der Aufopferung, denn er wußte daß der zuerst den troischen Boden Betretende sterben müsse. Und er und Laodameia, eine Tochter des Akastos, ein eben so rührendes Beispiel der Gattenliebe, denn sie ruhten nicht bis die Unterirdischen ihnen einen Tag des Wiedersehens bewilligt hatten, und als er dann für immer geschieden war und auch ein Bild des theuren Gatten, welches sie sich von ihm gemacht hatte und abgöttisch verehrte, der Verlassenen geraubt und verbrannt wurde, stürzte sie sich verzweifelnd in die lodernden Flammen. Auch an dieser Erzählung merkt man deutlich genug die Spuren der TragödieDie Ilias 2, 699 weiß von dem Tode des Protesilaos und dem Schmerze seiner Wittwe in Phylake, welche die Kyprien Polydora und eine T. des Meleager nannten, Paus. 4, 2, 5. Bei Sophokles fiel Protesilaos durch Hektor. Zum Protesilaos des Euripides vgl. Welcker S. 494 ff., über die Sarkophagreliefs dens. A. D. 3, 553 ff., Overbeck 327 ff..

Dann trat auf troischer Seite Kyknos vor, ein Sohn des Poseidon und ein Wunder der Küste bei Tenedos, eigentlich wohl ein Meeresdämon, der unter dem Bilde des Schwans vergegenwärtigt und mit blutigen Opfern verehrt wurde, jedenfalls ein dem Kyknos der Heraklessage entsprechendes WesenSeine Herrschaft ist Kolonae an der troischen Küste, Tenedos gegenüber, doch erzählte man von ihm auch auf Tenedos, Paus. 10, 14, 2, Diod. 5, 83, Schol. Il. 1, 38, Tzetz. Lyk. 232. 33. Bald wird er von einem Schwan erzogen, bald verwandelt er sich nach seinem Tode in einen Schwan, Lyk. 237, Athen. 9, 49, Ovid M. 12, 145.. 423 Nach Hesiod war er weiß am Kopfe, nach Hellanikos weiß am ganzen Leibe, dabei riesig groß und stark, eisenfest und unverwundbar, so daß er den Griechen die Landung wohl verwehren mochteSchol. Theokr. 16, 49, Aristot. rhet. 2, 22, Schol. Pind. Ol. 2, 147. Von Sophokles gehörten in diesen Zusammenhang die Hirten, Ποιμένες, Welcker S. 113 ff. Nivea proles Cycnus aequorei dei, Seneca Agam. 215.. Dennoch trat ihm Achill entgegen, der kühne Sohn der mächtigeren Nereide. Es war die erste That des jungen Helden in diesem KriegePindar Ol. 2, 82, Isthm. 5, 39. Auch Hektor und Achill suchten bei diesem Landungskampfe oder später ihre Kräfte zu messen, wurden aber daran gehindert, Il. 7, 113, Welcker A. D. 3, 428 ff.. Da er den seltsamen Recken nicht verwunden konnte, so erwürgte er ihn in seinem eignen Helmbande. Einige wollten wissen daß auch Tennes, der Sohn des Kyknos und mythischer König der Insel Tenedos, durch Achilles umgekommen sei.

Die Troer zogen sich zurück, die Griechen richteten sich in ihrem Schiffslager ein und sendeten Odysseus und Menelaos als Gesandte nach Troja, um Helena und die geraubten Schätze zurückzufordern. Davon erzählt Antenor in der Ilias 3, 203 ff., der bei der Zerstörung Trojas verschonte Griechenfreund, der jene beiden aufgenommen und vor allem Volk vertreten hatte. Menelaos war ansehnlicher und redete kurz und bündigNach Art der Spartaner, Soph. fr. 179., Odysseus bedeutender und mit einer strömenden Fülle der Gedanken und Worte. Helena wäre gern ihrem Gemahle gefolgt, denn schon bereute sie ihre Flucht mit dem weichlichen Paris, da Aphrodite ihren Sinn bethört hatte; auch redete Antenor mit Nachdruck zum Frieden. Aber Paris und sein Anhang trat den Besonnenen mit Uebermuth entgegen, ja sie forderten das Leben des MenelaosIl. 3, 203 vgl. 7, 344 ff.; Ovid M. 13, 200 ff. Sophokles dichtete eine ‛Ελένης απαίτησις, vielleicht so daß die Gesandten von Tenedos ausgeschickt wurden, Schol. Il. 3, 206. Antenor war der trojanische Nestor, Eurip. b. Athen. 15, 1 εί μοι τὸ Νεστόρειον εύγλωσσον μέλος ’Αντήνορός τε του̃ Φρυγὸς δοίη θεός. Die Ilias nennt ihn 3, 146 ff. unter den Demogeronten des skaeischen Thors, die vor Alter sich nicht mehr am Kriege betheiligen konnten, aber um so trefflicher im Rathe waren.. Also nahm der Krieg seinen Lauf, in den nächsten Jahren ein schrecklich verwüstender, denn die 424 Trojaner enthielten sich aus Furcht vor Achill der offnen Feldschlacht. Selbst Hektor wagte sich damals nicht von dem Schutze der Mauern zu entfernen (Il. 5, 788; 9, 352 ff.).

Es folgten die vielen Plünderungszüge in der Umgegend von Troja, auf welche die Ilias oft zurückblickt. Bald zog man zu Wasser aus, bald zu Lande, immer war Achilleus Führer und Sieger und der Schrecken seines Namens erfüllte die ganze Umgegend, reiche Beute das Griechenlager. Bald wurden Städte und Inseln zerstört, Tenedos und Lesbos und Lyrnesos und Pedasos und Theben, die Stadt des Eetion, wo der Vater der Andromache und alle ihre Brüder umkamen und von der Beute Briseis an Achill, Chryseis an Agamemnon gegeben wurdeIl. 1, 366 ff.; 2, 690 ff.; 6, 414 ff.; 9, 128. 328 ff.; 11, 625, Od. 3, 105. Auch Hesiod dichtete von diesen Plünderungszügen des Achill, Schol. Il. 6, 35.. Bald lauerte Achill in der Nähe der Stadt oder in den Schluchten des Ida auf die Söhne des Priamos, um sie zu fangen und für reiche Lösung zu verkaufen (Il. 11, 104; 21, 35 ff.). Oder es galt den fetten Heerden im Gebirge, wie den Rindern des Aeneas, welcher damals wohl auch selbst durch Achill und seine Führerin Athena umgekommen wäre, wenn er sich nicht durch die eiligste Flucht gerettet hätte (Il. 20, 89 ff. 187 ff.).

Die Kyprien scheinen von diesen Ereignissen nur solche hervorgehoben oder dazu andre hinzugefügt zu haben, welche ihrer Auffassung von den beiden Haupthelden, Achill und Odysseus , am meisten entsprachen und dabei dem ferneren Verlaufe des Krieges, so wie er von dem jüngeren Epos bis zu seinem Ende erzählt wurde, zur Vorbereitung dienen konnten.

Zuerst verlangte es den Achill den Grund und Preis des Krieges, die schöne Helena zu sehen, mit welcher er nach einem späteren Glauben selbst auf der Pontosinsel vereinigt lebte; daher Aphrodite und Thetis die beiden zusammenführten, den größten Helden und die schönste Frau dieses Sagenkreisesκαὶ μετὰ ταυ̃τα ’Αχιλλεὺς ‛Ελένην επιθυμει̃ θεάσασθαι καὶ συνήγαγεν αυτοὺς εις τὸ αυτὸ ’Αφροδίτη καὶ Θέτις, die Kyprien nach Proklos. Später erzählte und motivirte man die Begegnung auf verschiedene Weise, Lykophr. 171 ff. Tzetz. Welcker glaubt eine Darstellung derselben in einem Pompejan. Wandgemälde entdeckt zu haben, zu Ternite t. 29.. Darauf verlangten die Griechen nach Hause, denn die Lage war schwierig und der Krieg zog sich sehr in die Länge (Thuk. 1, 11). Doch wurden sie vom Achill zurückgehalten, als ob jene Begegnung seine Lust am Kriege von neuem entzündet hätte. Dann 425 folgten in den Kyprien jene Plünderungszüge gegen die Heerden des Aeneas, gegen Lyrnesos und Pedasos und andre Ortschaften der Umgegend und der Tod des Troilos, eine für den weiteren Verlauf des Krieges sehr wichtige, auch durch eine Tragödie des Sophokles und sehr viele Vasenbilder ausgezeichnete Begebenheit, in welcher Achilles ganz als blutiger, unbarmherziger Krieger erschien, der selbst den Zorn des Apollo zu reizen kein Bedenken trug, so daß dadurch zugleich sein eigner Tod durch Apollo und Paris im voraus motivirt wurde. In der Ilias 24, 256 nennt Priamos den rossefrohen Troilos unter seinen früh verstorbenen Söhnen. In der jüngeren epischen Ueberlieferung war den Vasenbildern und den Fragmenten des Sophokleischen Troilos nach zu urtheilen der Zusammenhang folgenderUeber die Tragödie des Sophokles und die vielen Vasenbilder sammt andern Kunstdenkmälern s. Welcker Gr. Tr. 124 ff., Zeitschr. f. A. W. 1850 n. 4–14, O. Jahn Telephos u. Troilos Kiel 1841, b. Gerhard D. u. F. 1856 n. 93 t. 91–94, Telephos u. Troilos, an Welcker 16. Oct. 1859. Vgl. Overbeck a. a. O. 338 ff.. Der zarte Jüngling, er galt gewöhnlich für den jüngsten Sohn des Priamos, wagte sich aus der Stadt ins Freie um seine Rosse zu tummeln, in der Nähe eines Brunnens, aus welchem die troischen Frauen zu schöpfen pflegten. Dort lauert Achilles ihm auf, verfolgt den auf seinem Rosse entfliehenden, ereilt und tödtet ihn am Altare des Apoll, indem er ihn zugleich nach einem bei hinterlistigen Tödtungen gebräuchlichen Kriegsgebrauche verstümmelt und die abgehauenen Glieder um seinen Nacken hängtIn diesem Sinne nannte Sophokles den Achill πλήρη μασχαλισμάτων fr. 561, vgl. Iasons Verfahren beim Morde des Absyrtos b. Apollon. 4, 477 m. d. Glosse u. d. Schol. u. Hesych, Phot., Suid. μασχαλίσματα, Nauck Aristoph. Byz. p. 221. Es war eine Art von Mordsühne. Auf verschiedenen Vasenbildern sieht man den abgehauenen Kopf des Troilos.. Ueber die Leiche entsteht ein Kampf mit den zu Hülfe herbeieilenden Troern, an deren Spitze Hektor steht, der nun wenigstens den Leichnam zur Todtenklage heimbringtHorat. Od. 2, 9, 15 nec impubem parentes Troilon aut Phrygiae sorores flevere semper. Vgl. Cic. Tusc. 1, 39, 93 non male ait Callimachus multo saepius lacrimasse Priamum quam Troilum. Von seiner Jugend Quint. Smyrn. 4, 423 ff.. Es war der Thymbraeische Apollo, dessen Heiligthum durch diese blutige That entweiht wurde, ein Gott der in den troischen Sagen immer als ein sehr mächtiger und heiliger erscheintVgl. Bd. 1, 194, [527]; 217, [606]. Sophokles nannte dieses Heiligthum ausdrücklich und die Vasenbilder deuten es bald durch einen Altar an, bald durch den Omphalos oder einen Dreifuß und Palmen, Gerhard A. V. t. 223–226. Eurip. Rhes. 508 nennt diesen Altar in der Nähe der Stadt. Aber nach Str. 13, 598, Schol. Rhes. 504 war dieses Heiligthum wenigstens von dem späteren Ilion 50 Stadien entfernt.. Auch wurde Troilos, 426 um die Wirkung dieser Katastrophe zu verstärken, von Manchen für einen Sohn des Apollo erklärt und hinzugefügt, es sei im Schicksal beschlossen gewesen daß Achilles sterben müsse, sobald er einen Sohn des Apollo getödtet habe; daher andre Dichter den traurigen Vorfall in eine spätere Zeit verlegten, nach dem Tode des Hektor und Memnon, wo Troilos nun dem Achilles in offener Schlacht entgegenzutreten wagt, aber von seinen eignen Rossen geschleift das Leben einbüßtVirg. A. 1, 474 ff., Seneca Agam. 747, vgl. Tzetz. Posthom. 384, Auson. Epit. 18.. Oder man dichtete, so beliebt war dieser Gegenstand mit der Zeit geworden, daß Achilles von der zarten Schönheit des getödteten Knaben auf ähnliche Weise wie von der getödteten Amazone Penthesilea bewegt worden seiLykophr. 307–13, Serv. V. A. 1, 474..

Auch das Schicksal eines anderen Sohnes des Priamos wurde in diesem Zusammenhange erzählt, des aus der Ilias bekannten Lykaon, welchen Achilles in der Nacht gefangen hatte, als er in einem Baumgarten Holz zu seinem Wagen schnitt; worauf Patroklos ihn nach Lemnos brachte und an Euenos, den Sohn des Iason, verkaufte. Von dort wurde er weiter nach Imbros verhandelt, bis er auf das feste Land versetzt entwischte und zu seinen Eltern zurückkehrte, der Arme, denn Tags darauf ereilte ihn Achilles zum zweitenmaleIl. 21, 35 ff.; 23, 746.. Endlich starb auf griechischer Seite Palamedes, der Sohn des Nauplios, der durch viele Erfindungen und weise Rathschläge um die Griechen Hochverdiente, aber das Haupt der Friedenspartei und deshalb den Entschlosseneren vermuthlich lange anstößig, wozu beim Odysseus noch die Bitterkeit jener Erinnerung an Ithaka und gekränkter Ehrgeiz hinzukam. Nach den Kyprien fiel Palamedes durch Odysseus und Diomedes, indem sie ihn beim Fischfange ertränkten (Paus. 10, 31, 1). Die Tragiker gefielen sich darin den Gegensatz zwischen Odysseus und Palamedes noch weiter auszumalen, worüber Palamedes zuletzt auf Unkosten des Odysseus zu einem Bilde des der Arglist unterliegenden 427 Weisen geworden istVgl. den später oft auf Sokrates gedeuteten Vers des Euripides: εκάνετ' εκάνετε τὰν πάνσοφον, ω̃ Δαναοί, τὰν ουδὲν αλγύνουσαν αηδόνα Μου̃σαν fr. 591. Dagegen Sophokles den Odysseus im Aias als einen so edelmüthigen Feind erscheinen läßt. Es gab einen Palamedes von Aeschylos, von Sophokles und von Euripides, in welchem letzteren Oeax, der Bruder des Getödteten, den Vater die traurige Kunde durch beschriebene und ins Meer geworfene Ruder wissen ließ. Von den Erfindungen des Palamedes Aesch. fr. 176, Soph. fr. 393. 396. 435, Eurip. fr. 582, wo ihm auch die der Buchstaben zugeschrieben wird, Plin. 7, 192. 198. 202. Das Haupt der Friedenspartei war er nach Virg. A. 2, 84. Zur Fabel vgl. Hygin f. 105, Serv. V. A. 2, 81, Philostr. Her. 685. 708 ff. und die apokryphischen Reden des Gorgias und Alkidamas.. Sie dichteten nehmlich daß Palamedes in Folge einer falschen Anklage seines Gegners, nachdem dieser Gold in seinem Zelte verborgen und ihn dadurch und durch einen untergeschobenen Brief des Priamos des Einverständnisses mit den Feinden überführt hatte, trotz aller Erinnerungen an seine Verdienste verurtheilt und gesteinigt wurde. Das sollten die Griechen bei ihrer Rückkehr von Troja schrecklich büßen.

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