Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eduard Mörike >

Griechische Lyrik

Eduard Mörike: Griechische Lyrik - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/moerike/grlyrik/grlyrik.xml
typepoem
authorEduard Mörike
titleGriechische Lyrik
publisherFischer Bücherei
editorUvo Hölscher
year1960
translatorEduard Mörike
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2009615
projectid65f366dd
Schließen

Navigation:

Moschos

1. Europa

Kypris schuf der Europa vordem ein liebliches Traumbild,
Um das weichende Drittel der Nacht, wann nahe das Frührot,
Wann mit des Honiges Süße der Schlaf, die Wimpern umschwebend,
Alle Gelenke nun löst und sanft die Augen verbindet,
Und uns Träume bedeutsamer Art in Scharen umschwärmen.
Siehe, da ruhete schlummernd im Obergemach des Palastes
Europeia, die noch jungfräuliche Tochter des Phönix;
Und ihr däucht', als stritten um sie zwei Länder der Erde,
Asia und was entgegen ihr steht, wie Frauen erscheinend.
Fremd war die eine von Art, die andere aber war heimisch
Anzuschaun, vorstrebend, die eigene Tochter zu halten;
Und sie sprach, wie sie solche gebar und selber auch aufzog.
Aber die andere, stark mit gewaltigen Armen sie fassend,
Raffte die kaum sich sträubende fort; denn sie sagte, bestimmt sei
Ihr vom Donnerer Zeus als Ehrenlos die Europa.
– Auf von dem Lager mit eins nun sprang die erschrockene Jungfrau,
Und ihr klopfte das Herz, denn sie sah als wach die Erscheinung.
Lange saß sie vertieft und sprachlos; beide noch immer
Schwebten den offenen Augen sie vor, die Gestalten der Weiber.
Endlich begann ausrufend mit ängstlicher Stimme die Jungfrau:

»Wer hat solche Gesichte gesandt mir unter den Göttern?
Welcherlei sind, die eben vom Lager im stillen Gemache
Aus so lieblichem Schlummer empor mich schreckten, die Träume?
Wer die Fremde doch, welche so hell im Schlafe mir vorkam?
Wie sie das Herz mir erfüllte mit Sehnsucht! Wie sie auch selber
Liebevoll mich empfing und als ihr Töchterchen ansah!
O daß doch zum Guten den Traum mir wenden die Götter!«

Dieses gesagt, aufsprang sie und suchte sich traute Gespielen,
Gleich an Alter und Wuchs, vergnügliche, edeler Abkunft
Und ihr immer gesellt, so oft sie zum Reigen hervortrat
Oder sich baden ging in dem Vorgrund stürzender Bäche
Oder in grünender Au sich duftende Lilien abbrach.

Alsbald kamen sie auch, und jegliche trug in den Händen
Einen Korb für Blumen. Hinaus zu den Wiesen am Meerstrand
Gingen sie nun, wo stets miteinander sie pflegten zu wandeln,
Um sich der rosigen Blüte zu freun und des Wellengeräusches.

Aber Europa selber, sie trug ein goldenes Körbchen,
Wundersam schön gefertigt, ein mühsames Werk des Hephästos,
Das er der Libya gab, als diese zum Bette Poseidons
Wandelte; sie dann schenkt' es der reizenden Telephaëssa,
Welche verwandt ihr war; und der unverlobten Europa
Bot das berühmte Geschenk die Erzeugerin Telephaëssa.

Viel Kunstreiches erschien voll schimmernder Pracht an demselben.
Da war hell aus Golde zu schaun die Inacherin Io,
Noch als Färse gestaltet und nicht in weiblicher Bildung.
Ungestüm mit den Füßen durchrannte sie salzige Pfade,
Einer Schwimmenden gleich, und blau war die Farbe des Meeres;
Auch zween Männer, die standen erhöht auf dem Rande des Ufers
Bei einander und staunten das meerdurchwandelnde Rind an.
Dort war Zeus, wie er sanft mit göttlicher Hand liebkoste
Jener Inachischen Kuh, die am siebenmündigen Neilos
Er aus dem Tiere, dem schöngehörneten, wieder zum Weib schuf.
Silbern wand sich der Neilos, als flutet' er; aber die Kuh war
Schön von Erz; und selber in goldener Bildung erschien Zeus.
Nahe dann unter dem Kranze des wohlgeründeten Korbes
War Hermeias geformt, und neben ihm streckte sich langhin
Argos, bestellt zum Wächter mit nie einschlafenden Augen.
Ihm aus purpurnem Strome des Todesblutes erhub sich,
In vielfarbiger Blüte der Fittiche prangend, ein Vogel,
Aufgerollt das Gefieder; und gleich dem geflügelten Meerschiff
Überwölbt er den Rand des goldenen Korbs mit den Federn.
Solch ein Korb war jener der lieblichen Europeia.

Als sie nunmehr des Gestads vielblumige Wiesen erreichet,
Jetzo das Herz mit Blumen erfreuten sie, jede nach eignem
Sinn; die brach sich Narkissos, den duftigen, die Hyakinthos,
Jene Serpyll, und jene Violen sich: vielen der Kräuter
Sank zur Erde das Haupt in den lenzgenähreten Wiesen;
Andern gefiel auch, dem Krokos die goldene Krone voll Balsams
Rasch zu entziehn um die Wette. Die Herrscherin selbst in der Mitte
Stand, mit den Händen die Pracht der feurigen Rose sich pflückend:
Anmutsvoll, wie im Kreise der Chariten strahlt Aphrodite.
Lang' ach! sollte sie nicht ihr Herz mit Blumen erheitern,
Noch unverletzt ihn bewahren, den heiligen Gürtel der Keuschheit,
Denn der Kronide fürwahr, so wie er sie schauete, plötzlich
Brannt' ihm das Herz, durchdrungen vom unversehnen Geschosse
Paphias, welche allein auch den Zeus zu bewältigen Macht hat.

Aber damit er entginge dem Zorn der eifernden Here,
Und des Mägdleins junges Gemüt zu verleiten begierig,
Barg er den Gott in fremde Gestalt und machte zum Stier sich;
Nicht wie einer im Stalle genährt wird, oder wie einer,
Welcher das Blachfeld furcht, den gebogenen Pflug hinziehend;
Auch nicht, wie in der Herd' ein weidender, oder wie einer,
Welcher gespannt in das Joch am belasteten Karren sich abmüht.
Ihm war der übrige Leib ringsum hellbräunlichen Haares,
Aber ein silberner Kreis durchschimmerte mitten die Stirne;
Bläulich glänzten die Augen hervor und funkelten Sehnsucht;
Gleich gekrümmt mit einander entstieg das Gehörne der Scheitel,
Wie die gebogenen Hörner des Monds im hälftigen Kreise.

So zur Wiese denn kam er, und gar nicht schreckte die Jungfraun
Seine Gestalt; nein allen gelüstete, nahe zu kommen
Und zu berühren den reizenden Stier, der von fern schon ambrosisch
Duftend, selber der Au balsamische Würzen besiegte.

Er nun trat vor die Füße der tadellosen Europa,
Leckt' ihr dann sanftmütig den Hals, liebkosend dem Mägdlein;
Jene streichelt' ihn rings, und sanft mit den Händen vom Mund ihm
Wischte den häufigen Schaum sie hinweg, und küßte den Stier nun.
Aber mit lindem Gebrumm antwortet' er, daß man melodisch
Aus Mygdonischem Horne den Wohllaut wähnte zu hören.
Dann vor die Füß' ihr knieend beschaut' er sich Europeia,
Hoch den Nacken gedreht, und zeigt' ihr den mächtigen Rücken.
Jetzo erhob sie die Stimm' in der Schar tieflockiger Jungfraun:

»Freundinnen, kommt, ihr trauten Gespielinnen, daß wir auf diesem
Stiere zusammengesetzt uns belustigen! Alle ja wahrlich
Nimmt er auf, wie ein Schiff, mit untergebreitetem Rücken.
Fromm ist dieser zu schaun, gar freundlich, und nicht wie die andern
Stiere läßt er sich an; er scheint wie ein Mann so verständig.
Seht, wie artig er schreitet! ihm fehlt nichts weiter, denn Sprache.«

Also redete sie und bestieg holdlächelnd den Rücken.
Auch die anderen wollten. Da sprang wie im Fluge der Stier auf,
Denn nun hatt' er die Beute; und rasch zu dem Meere gelangt' er.
Rückwärts jene gewandt, den trauten Gespielinnen rief sie,
Bange die Hand' ausbreitend, doch konnten ihr diese nicht folgen.
Als er das Ufer ereilt, fort stürmet' er, gleich dem Delphine.
Nereus' Töchter enttauchten der Salzflut; alle dann sitzend
Auf den schuppigen Ungeheuern fuhren sie ringsher.
Auch er selbst auf den Fluten, der tosende Ländererschüttrer,
Ebnete weit das Gewog' und ging durch salzige Pfade
Seinem Bruder voran, und mit ihm zogen in Scharen
Tritons Söhne einher, der Meerabgründe Bewohner,
Aus langwindenden Schnecken die Brautmelodie auftönend.
Jene nunmehr, wie sie saß auf des Zeus stierförmigem Rücken,
Hielt mit der Rechten sich fest an dem mächtigen Horn, mit der Linken
Zog sie das faltige Purpurgewand, damit ihr den Saum nicht
Netze das Wogengeschäume der unermeßlichen Salzflut.
Hoch aufschwoll um die Schulter das weite Gewand der Europa
Gleichwie ein Segel des Schiffs und ließ leicht schweben die Jungfrau.

Aber nachdem sie nun weit vom Vatergefilde getrennt war
Und kein Ufer erschien, wo es brandete, nirgend ein Berghaupt,
Oben nur Luft, und unten der endlos wogende Abgrund,
Jetzo sich weit umschauend erhob sie die Stimm' und begann so:
»Göttlicher Stier, wohin führest du mich? Wer bist du? o Wunder!
Mit schwer wandelnden Füßen hindurchgehn, ohne des Meeres
Woge zu scheun? Nur Schiffe ja gehn die verstattete Meerbahn,
Renner der Flut; doch Stiere verabscheun salzige Pfade.
Wo wird süßes Getränk, wo Speise dir sein in dem Meere?
Bist du ein Gott? o warum ungöttliche Taten verübet?
Nie doch wagen Delphin' auf dem Lande wo, nimmer auch Stiere
Über die Fluten zu gehn: du aber zu Land und im Meere
Stürmest einher ungenetzt, und es sind dir die Klauen wie Ruder.
Ja vielleicht bald über die bläuliche Luft dich erhebend,
Wirst du mir hoch auffliegen, wie raschgeflügelte Vögel!
Wehe mir Jammervollen! mir Ärmsten! so weit von des Vaters
Hause hinweggerissen, und angeschmieget dem Rind hier,
Auf der unheimlichen Fahrt, so ganz in der Irre verlassen!
Aber, o du, Beherrscher des grauenden Meers, o Poseidon,
Freundlich begegne du mir! Denn selber zu schauen erwart' ich
Ihn, der einher mir bahnet die Fahrt, Vorläufer des Weges.
Ohne die Himmlischen nicht durchwandel' ich flüssige Pfade.«

Jene sprach's; ihr rufte mit hohem Gehörn der Stier zu:
»Fröhlichen Muts, Jungfrau! nicht angst vor dem Wogengetümmel!
Wiss', ich selber bin Zeus, und nahe dir schein' ich von Ansehn
Als ein Stier; denn ich kann in Gestalt mich bergen nach Willkür.
Schmachtend um dich durchwandr' ich die ungeheueren Wasser,
Anzuschaun wie ein Stier. Doch bald empfanget dich Kreta,
Welche mich selbst auch genährt, wo schon ein bräutliches Lager
Deiner harrt; denn du sollst mir herrliche Söhne gebären,
Welche mit mächtigem Stab einst alle gebieten den Völkern.«

Also der Gott; und es ward, wie er redete. Denn es erschien nun
Kreta; und Zeus, von neuem in andere Gestalt sich verwandelnd,
Lösete jener den Gurt, und ihm rüsteten Horen das Lager.
Jene, zuvor Jungfrau, ward bald die Verlobte Kronions,
Und sie ruhte bei Zeus, und bald auch wurde sie Mutter.

2. See und Land

Wallet das blauliche Meer von dem kräuselnden Wehen des Westwinds,
Regt sich mir süßes Verlangen im schüchternen Herzen; das Festland
Ist nicht länger mir lieb; mehr lockt mich das heitre Gewässer.
Aber sobald aufbrauset die dunkelnde Tief und die Woge
Krümmt sich empor und schäumt, und die Brandungen toben von weitem,
Schau' ich nach Ufer und Bäumen zurück und entfliehe der Salzflut.
Nur das treue Gefild und die schattige Waldung gefällt mir:
Wo, wenn der Sturm auch mächtig erbraust, die Fichte mir lispelt.
– Elend lebt doch ein Fischer fürwahr, deß' Wohnung der Nachen,
Dem das Gewerbe die See, und der Fisch ein trüglicher Fang ist.
Möge mich immer der Schlummer so süß, in des Platanos Laubdach,
Immer des Bergquells Rauschen erfreun in der Nähe des Lagers,
Der sanftmurmelnd ergötzt den Entschlummernden, aber nicht aufschreckt.

3. Der pflügende Eros

Fackel und Pfeil ablegend, ergriff den Stecken des Treibers
Eros, der Schalk, und ein Sack hing ihm die Schulter herab.
Als er ins Joch nun gespannt den duldsamen Nacken der Stiere,
Streuet er Weizensaat über der Deo Gefild.
Auf zum Zeus dann blickt' er und rief: »Jetzt fülle die Furchen!
Oder ich hole dich gleich, Stier der Europa, zum Pflug!«

 << Kapitel 8 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.