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Griechische Lyrik

Eduard Mörike: Griechische Lyrik - Kapitel 8
Quellenangabe
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typepoem
authorEduard Mörike
titleGriechische Lyrik
publisherFischer Bücherei
editorUvo Hölscher
year1960
translatorEduard Mörike
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2009615
projectid65f366dd
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Bion

1. Der Vogelsteller

Kunstreich übte den Fang ein vogelstellender Knabe
Im vielstämmigen Hain und sah den entflohenen Eros,
Der auf dem Buchsbaumast ausruhete. Wie er ihn wahrnahm,
Herzlich erfreut (denn traun ein gewaltiger Vogel erschien er),
Fügt' er sie all' aneinander, die klebenden Rohre des Fanges,
Lauerte dann auf den hier- und dorthin flatternden Eros.
Aber der Knab', unwillig, dieweil kein Ende zu sehn war,
Warf die Rohre hinweg und lief zu dem Pflüger, dem Graukopf,
Welcher den künstlichen Fang ihn lehrete. Diesem erzählt' er
Alles und zeigt' ihm Eros, den Flatterer. Aber der Alte
Schüttelte lächelnd das Haupt und gab dem Knaben die Antwort:
Laß die gefährliche Jagd und komm nicht nahe dem Vogel!
Hebe dich fern! Schlimm meint es das Untier! Preise dich glücklich,
Während du nimmer ihn fängst! Doch sobald du zum Manne gereift bist,
Dann wird er, der jetzo mit flüchtigem Schwünge zurückfährt,
Plötzlich von selbst annahn und dir auf die Scheitel sich setzen.

2. Die Schule des Eros

Neulich im Morgenschlummer erschien mir die mächtige Kypris,
Führend an niedlicher Hand den noch unmündigen Eros,
Welcher die Augen zu Boden gesenkt. Da sagte die Göttin:
»Nimm ihn, redlicher Hirt, und lehr' ihn mir singen, den Eros.«
Jene sprach's und entwich. Doch was ich vom Hirtengesang weiß,
Lehrt' ich Törichter nun, als ob er es wünschte, den Eros:
Wie die Schalmei Athenäa erfand, wie die krumme Schalmei Pan,
Wie die Zither Apollon, und Hermes die wölbende Laute,
All das lehret' ich ihn. Er achtete nicht auf den Vortrag,
Selber vielmehr, mit Gesang voll Zärtlichkeit, lehrete jener
Mich, was Götter und Menschen entzückt, und die Werke der Mutter.
Jetzo vergaß ich alles, so viel ich den Eros gelehret,
Was mich Eros gelehret von Zärtlichkeit, Alles behielt ich.

3. Ruhe vom Gesang

Wenn nur schön mir gelangen die Liederchen, sind sie genug schon,
Mir zu erwerben den Ruhm, den zuvor mir die Moire bestimmt hat.
Wenn sie nicht lieblich getönt, wozu noch mehrere schaffen?
Denn wenn doppeltes Leben uns gönnete Zeus der Kronide
Oder des Wandelgeschicks Austeilerin, um zu vollenden
Dies in herzlicher Lust und Behaglichkeit, jenes in Arbeit,
Dann würd' einem hinfort nach der Arbeit guter Genuß auch.
Doch wenn ein einziges Leben den Sterblichen winkende Götter
Ordneten, und dies eine so kurz, so verkümmert um alles,
Wozu wollen wir Armen Geschäft aufsuchen und Mühsal?
Was doch wenden wir lang auf werbsame Kunst und Erfindung
Unseren Geist, nachgierend dem stets anwachsenden Wohlstand?
Traun, so vergessen wir alle, der Sterblichkeit sein wir geboren,
Kurz nur habe die Moire den Raum uns beschieden des Lebens.

4. Die Jahreszeiten

Kleodamos
Was ist, Myrson, im Herbst, und im Frühlinge, was in dem Winter
Oder im Sommer dir lieb? Wer freuet dich mehr, wenn er annaht?
Reizet der Sommer dich mehr, der zeitiget, was wir bestellten?
Oder der freundliche Herbst, wo drückender Hunger entfernt bleibt?
Liebst du den schläfernden Winter? dieweil ja mancher im Winter
Gern in der Wärme sich pflegt, der behaglichen Ruhe genießend.
Oder scheint dir der Lenz anmutiger? Rede, wohin sich
Neige dein Herz; uns ladet die müßige Stunde zum Plaudern.

Myrson
Nicht uns Menschen geziemt, zu würdigen Werke der Götter.
Heilig, o Freund, und lieblich ist jegliches, was du genannt hast.
Doch sei dir zu gefallen gesagt, was süßer mir dünket:
Nicht ist der Sommer mir lieb, dieweil mich die Sonne versenget.
Nicht lieb ist mir der Herbst, denn Krankheit zeugen die Früchte.
Auch der verderbliche Winter, mit Reif und Gestöber, erschreckt mich.
Aber der Lenz ist dreimal geliebt: o blieb' er das Jahr durch!
Wann uns weder der Frost noch glühende Sonne belästigt.
Alles wird Leben im Lenz, und das Süßeste keimet im Lenz auf;
Gleich auch ist für die Menschen die Nacht mit dem Tage gemessen.

5. An den Abendstern

Hesperos, goldenes Licht der reizenden Aphrogeneia,
Hesperos, heiliger Schmuck der dunkelen Nacht, o Geliebter!
Unter den Sternen so herrlich, wie weit du an Glänze dem Mond weichst,
Sei mir gegrüßt! Und weil ich den Festreihn führe zum Hirten,
Leuchte mir, Trautester, du anstatt der Selene: zu frühe
Heut, im Neulicht, sank sie hinab. Nicht will ich auf Diebstahl
Ausgehn oder dem wandernden Mann nachstellen zur Nachtzeit;
Sondern ich liebe, und dir ziemt's Liebenden freundlich zu helfen.

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