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Gutenberg > Eduard Mörike >

Griechische Lyrik

Eduard Mörike: Griechische Lyrik - Kapitel 7
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typepoem
authorEduard Mörike
titleGriechische Lyrik
publisherFischer Bücherei
editorUvo Hölscher
year1960
translatorEduard Mörike
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Theokrit

I. Thyrsis

Thyrsis
Lieblich, o Geißhirt, ist das Getön, das die Pinie drüben
Säuselnd am Felsquell übt, das melodische; lieblich ertönt auch
Deine Syringe; nach Pan wird billig der andere Preis dir.
Wenn er den Bock sich erwarb, den gehörneten, nimmst du die Ziege,
Wenn zum Lohn er die Ziege behält, dann folget das Zicklein
Dir; und fein ist das Fleisch vom Zickelchen, bis du es melkest.

Geißhirt
Lieblicher tönt, o Schäfer, dein Lied mir, als mit Geplätscher
Dort von dem Fels hochher in das Tal sich ergießet der Bergquell.
Wenn die singenden Musen ein Schaf wegführen zum Preise,
Nimmst du das zärtliche Lamm zum Lohne dir; wählen sie aber
Lieber das Lamm für sich, wirst du mit dem Schafe davongehn.

Thyrsis
Wolltest du nicht, bei den Nymphen! o Geißhirt, wolltest du nicht hier
Her dich setzen, am Hang des Hügelchens voll Tamarisken,
Und die Syring' anstimmen? Ich achte derweil auf die Ziegen.

Geißhirt
Ja nicht um Mittag, Schäfer, die Syrinx blasen! Um Mittag
Nicht! Pan fürchten wir da! Denn er pflegt, vom Jagen ermüdet,
Um die Stunde ja immer des Schlafs; gar wunderlich ist er,
Und ihm schnaubet der bittere Zorn aus der Nase beständig.
Aber du kennst ja, Thyrsis, ich weiß, die Leiden des Daphnis,
Und im Hirtengesang bist du vor allen ein Meister:
Komm, dort sitzen wir unter den Ulmbaum, gegen Priapos
Über und gegen die Nymphen des Quells, wo der Schäfer sich Rasen-
Bänke gemacht in der Eichen Umschattung. Wenn du mir sängest,
Wie du einmal mit Chromis, dem Libyer, sangest im Wettkampf,
Eine Ziege bekämst du mit Zwillingen, dreimal zu melken, Welche die Böcklein säugt und doch zwei Kannen mit Milch füllt.
Auch ein Gefäß sei dein, mit duftendem Wachse gebohnet,
Tief, zweihenklig und neu, das Holz noch riechend vom Meißel.
Efeu schlingt sich oben im Kreis umher an der Mündung,
Efeu, versetzt mit dem Golde der Blum' Helichrysos; er ranket
Durch sie hin, anlachend mit safranfarbigen Träublein.
Mitten darauf ist ein Weib, kunstvoll, wie ein Göttergebilde;
Langes Gewand schmückt sie und das Stirnband. Neben derselben
Stehn zwei lockige Männer, die streiten, ein jeder von seiner
Seite, mit Worten um sie, doch rühret es wenig das Herz ihr:
Jetzo kehrt sie den Blick mit lachender Miene zum einen,
Jetzo neigt sie den Sinn zum andern, und beide vor Liebe
Brennend, das Aug' vorschwellend, ereifern und mühen umsonst sich.
Außer diesen sodann ist ein Fischer zu sehn, ein bejahrter,
Und ein zackiger Fels, auf welchen mit Eifer der Alte
Schleppt zum Wurfe sein Netz, so recht wie ein Mann, der sich anstrengt.
Alle Kraft der Glieder, so glaubest du, beut er zur Arbeit
Auf: so starren ihm rings die geschwollenen Sehnen am Halse,
Zwar bei grauendem Haupt, doch die Kraft ist würdig der Jugend.
Nur ein wenig entfernt von dem meerverwitterten Greise
Steht, gar lieblich mit purpurnen Trauben belastet, ein Weinberg,
Welchen ein Knäblein bewacht, das sitzet am Dornengehege.
Auch zwei Füchse sind dort, der eine durchwandert die Gänge
Zwischen den Reben und nascht von zeitigen Trauben, der andre
Spitzt voll List auf die Tasche des Bübleins, und er gedenkt nicht
Eher zu gehn, als bis er ihm habe genommen das Frühstück.
Jener flicht sich aus Halmen die zierliche Grillenfalle,
Wohl mit Binsen gefügt, und es kümmert ihn weder der Weinberg,
Weder die Tasche so sehr, als nun das Geflecht ihn erfreuet.
Ringsher endlich umläuft das Geschirr biegsamer Akanthos.
Staunen gewiß wirst du; ein äolisches Prachtstück ist es.
Eine Ziege bezahlt' ich dem kalydonischen Schiffer
Für dasselbe, zusamt dem größesten Käse von Geißmilch.
Noch nicht einmal die Lippen berührt' es mir, sondern es steht noch
Ungebraucht. Dies sollte dir jetzt mit Freuden geschenkt sein,
Ließest du jenen süßen Gesang, o Freund, mich vernehmen.
Nein, ich narre dich nicht! Fang an denn! Sicher ja wirst du
Nicht dem Aïs dein Lied, dem allvergessenden, sparen.

Thyrsis
Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an!
Thyrsis vom Ätna ist hier und die liebliche Stimme des Thyrsis.
– Wo wart ihr, als Daphnis verschmachtete, wo doch, o Nymphen?
Fern im peneischen Tempe, dem reizenden, oder am Pindos?
Denn nicht weiletet ihr um den mächtigen Strom des Anapos,
Nicht um des Ätna Geklüft, noch Akis' heilige Wasser.
Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an!
Schakale haben ihn ja, ihn heulende Wölfe bejammert;
Klage des Löwen um ihn, da er hinsank, scholl aus dem Walde.
Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an!
Ihm zu Füßen gestreckt in Haufen, wie stöhnten die Kühe,
Brüllten in Haufen die Stiere umher und Kälber und Färsen!
Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an!
Jetzt kam Hermes zuerst vom Gebirg' her: »Daphnis«, begann er,
»Wer doch quält dich? Um wen, o Guter, in Liebe vergehst du?«
Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an!
Jetzo kamen die Schäfer, der Kuhhirt kam und der Geißhirt.
Alle sie fragten: »Was ist mit dir?« Auch selber Priapos
Kam und rief: »Was schmachtest du, Daphnis, o Ärmster! Das Mägdlein
Irrt ja umher an den Quellen und irrt durch alle die Haine –«
Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an! –
»– dir nachschleichend! O Tor, der du bist, in der Lieb', unbeholfner!
Kuhhirt nennst du dich wohl, doch ein Geißhirt bist du nun eher.
Sieht so einer die Ziege der Brunst sich fügen des Männchens,
Schmachtend zerfließt sein Auge, daß nicht er selber ein Bock ward.«
Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an!
»Also auch dir, wenn du siehst, wie die Jungfraun scherzen und lachen,
Schmachtend zerfließt dein Aug', daß du nicht mittanzest im Reigen.«
Nichts antwortete jenen der Kuhhirt; sondern im Herzen
Trug er die quälende Lieb' und trug bis zum Ende das Schicksal.
Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an!
Endlich kam Kythereia, die anmutvolle, mit Lächeln,
Heimliches Lächeln im Aug' und bitteren Groll in der Seele.
»Daphnis«, sprach sie, »du prahltest ja, Eros in Fesseln zu schlagen;
Bist du nicht selbst von Eros, dem schrecklichen, jetzo gefesselt?« Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an!
Aber Daphnis darauf antwortete: »Grausame Kypris!
Kypris, unselige du! O Kypris, der Sterblichen Abscheu!
Meinest du denn, schon sei mir die Sonne, die letzte, gesunken?
Doch wird Daphnis im Aïdes noch dem Eros ein Dorn sein!«
Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an!
»Geh doch zum Ida nur hin, wo ein Hirt, wie es heißt, Aphroditen
Einst... Geh dort zu Anchises! da grünt's von Eichen und Galgant!
Reif auch schon ist Adonis für dich; er weidet die Schafe,
Oder den Hasen erlegt er und andere Tiere des Waldes.«
Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an!
»Tritt noch einmal entgegen dem Held Diomedes und sag ihm:
Ich bin Daphnis', des Hirten, Besiegerin! Auf, in den Zweikampf!«
Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an!
»Schakal und Wolf und Bär in den Klüften des Bergs, o ihr alle,
Lebet wohl! Ich Daphnis, der Hirt, bin nimmer in Wäldern,
Unter den Eichen mit euch und im Hain! Leb wohl, Arethusa!
Wohl, ihr Bäche, vom Thymbris die lieblichen Wellen ergießend!«
Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an!
»Daphnis bin ich, derselbe, der hier die Kühe geweidet,
Daphnis, der hier zur Tränke die Stier' und die Kälber geführet.«
Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an!
»Pan, o Pan, wo du jetzt auch weilst, auf den Höhn des Lykäos,
Auf dem gewaltigen Mänalos, komm in der Sikeler Eiland
Her! Die helikischen Gipfel verlaß und das türmende Grabmal
Jenes Sohns von Lykaon, das selber die Himmlischen ehren.«
Laßt den Gesang, ihr Musen, o laßt den Hirtengesang ruhn!
»Komm und empfang, o Herrscher, die honigatmende Flöte,
Schön mit Wachse gefügt wie sie ist, um die Lippen gebogen.
Denn schon dränget mich Eros, hinab zum Aïs zu wandern.«
Laßt den Gesang, ihr Musen, o laßt den Hirtengesang ruhn!
»Fortan traget Violen, ihr Brombeerranken und Dornen!
Auf Wacholdergebüsch soll blühen der schöne Narkissos!
Alles verkehre sich rings! Und der Pinie Frucht sei die Birne,
Jetzo da Daphnis stirbt! Und der Hirsch nun schleppe den Jagdhund,
Und mit der Nachtigall kämpf im Gesang von den Bergen der Uhu!«
Laßt den Gesang, ihr Musen, o laßt den Hirtengesang ruhn!
Als er solches gesagt, da verstummt' er. Ihn aufrichten
Wollt' Aphrodita; doch gar nichts mehr von der Moiren Gespinst war Übrig. Daphnis durchging den Acheron, und das Gestrudel
Barg den Geliebten der Musen, den auch nicht haßten die Nymphen.
Laßt den Gesang, ihr Musen, o laßt den Hirtengesang ruhn!
Und du gib das Gefäß, auch gib mir die Ziege, so melk' ich
Sie und sprenge den Musen zum Dank. O Heil euch, ihr Musen!
Vielmal Heil! Euch will ich hinfort noch lieblicher singen.

Geißhirt
Honig, o Thyrsis, fülle den reizenden Mund dir, es füll' ihn
Lauterer Seim! Und die Feige von Ägilos reife zur süßen
Kost für dich! Du singest melodischer als die Zikade!
Hier, mein Freund, das Gefäß! O schau, wie lieblich es duftet!
Dächte man nicht, es sei in der Horen Quelle gebadet?
Komm nur her, Kissätha! Du melke sie! – Heda, ihr Geißen,
Habt doch Ruh mit den Possen! Der Bock wird über euch kommen!

2. Die Zauberin

Auf! wo hast du den Trank? Wo, Thestylis, hast du die Lorbeern?
Komm und wind' um den Becher die purpurne Blume des Schafes!
Daß ich den Liebsten beschwöre, den Grausamen, der mich zu Tod quält.
Ach! zwölf Tage schon sind's, seitdem mir der Bösewicht ausbleibt,
Seit er fürwahr nicht weiß, ob am Leben wir oder gestorben!
Nie an der Tür mehr lärmt mir der Unhold! Sicherlich lockte
Anderswohin den flatternden Sinn ihm Eros und Kypris.
Morgenden Tags will ich zu Timagetos' Palästra,
Daß ich ihn seh' und, was er mir antut, alles ihm sage.
Jetzo mit Zauber beschwör' ich ihn denn. – O leuchte, Selene,
Hold! Ich rufe zu dir in leisen Gesängen, o Göttin!
Rufe zur stygischen Hekate auch, dem Schrecken der Hunde,
Wann durch Grüfte der Toten und dunkeles Blut sie einhergeht.
Hekate! Heil! Du Schreckliche! Komm und hilf mir vollbringen!
Laß unkräftiger nicht mein Werk sein als wie der Kirke
Ihres, Medeias auch und als Perimedes, der blonden.
Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!
Mehl muß erst in der Flamme verzehrt sein! Thestylis, hurtig,
Streue mir doch! Wo ist dein Verstand, du Törin, geblieben? Bin ich, Verwünschte, vielleicht auch dir zum Spotte geworden?
Streu und sage dazu: Hier streu' ich Delphis' Gebeine!
Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!
Mich hat Delphis gequält, so verbrenn' ich auf Delphis den Lorbeer.
Wie sich jetzo das Reis mit lautem Geknatter entzündet,
Plötzlich sodann aufflammt und selbst nicht Asche zurückläßt,
Also müsse das Fleisch in der Lohe verstäuben dem Delphis.
Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!
Wie ich schmelze dies wächserne Bild mit Hilfe der Gottheit,
Also schmelze vor Liebe sogleich der Myndier Delphis;
Und wie die eherne Rolle sich umdreht durch Aphrodita,
Also drehe sich jener herum nach unserer Pforte.
Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!
Jetzt mit der Kleie gedampft! – Du, Artemis, zwängest ja selber
Drunten im AÏs den eisernen Gott und starrende Felsen.
– Thestylis, horch, in der Stadt wie heulen die Hunde! Im Dreiweg
Wandelt die Göttin! Geschwind laß tönen das eherne Becken!
Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!
– Siehe, wie still! Nun schweiget das Meer, und es schweigen die Winde!
Aber es schweigt mir nicht im innersten Busen der Jammer.
Glühend vergeh' ich für den, der, statt zur Gattin, mich Arme,
Ha! zur Buhlerin macht' und der mir die Blume gebrochen.
Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!
Dreimal spreng' ich den Trank, und dreimal, Herrliche, ruf ich.
Mag ein Mädchen ihm jetzt, ein Jüngling ihm liegen zur Seite,
Plötzlich ergreife Vergessenheit ihn: wie sie sagen, daß Theseus
Einst in Dia vergaß Ariadne, die reizendgelockte!
Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!
Roßwut ist ein Gewächs in Arkadien; wenn es die Füllen
Kosten, die flüchtigen Stuten, so rasen sie wild im Gebirge:
Also möcht' ich den Delphis hierher zu dem Hause sich stürzen
Sehen, dem Rasenden gleich, aus dem schimmernden Hof der Palästra!
Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!
Dieses Stückchen vom Saum hat Delphis am Kleide verloren:
Schau, ich zerpflück's und werf es hinein in die gierige Flamme.
– Weh! unseliger Eros, warum wie ein Egel des Sumpfes
Hängst du an mir und saugest mir all mein purpurnes Blut aus!
Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling! Einen Molch zerstampf' ich und bringe dir morgen den Gifttrank.
Thestylis, nimm dies tückische Kraut und bestreiche die Schwelle
Jenes Verräters damit! (Ach, fest an diese geheftet
Ist noch immer mein Herz, doch er hat meiner vergessen!)
Geh; sag spuckend darauf: Hier streich' ich Delphis' Gebeine!
Roll, o Kreisel, und zieh in das Haus mir wieder den Jüngling!
Jetzo bin ich allein. – Wie soll ich die Liebe beweinen?
Was bejammr' ich zuerst? Woher kommt alle mein Elend?
– Als Korbträgerin ging Eubulos' Tochter, Anaxo,
Hin in Artemis' Hain; dort wurden im festlichen Umzug
Viele der Tiere geführt, auch eine Löwin darunter.
Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!
Und die thrakische Amme Theumarida (ruhe sie selig!),
Unsere Nachbarin nächst am Haus, sie bat und beschwor mich,
Mit zu sehen den Zug, und ich unglückliches Mädchen
Ging, ein herrliches Byssosgewand nachschleppend am Boden,
Auch gar schön Klearistas Mäntelchen übergeworfen.
Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!
Schon beinah' um die Mitte des Wegs an dem Hause des Lykon
Sah ich Delphis zugleich mit Eudamippos einhergehn,
Jugendlich blond um das Kinn wie die goldene Blum' Helichrysos;
Beiden auch glänzte die Brust weit herrlicher als du, Selene,
Wie sie vom Ringkampf eben zurück, vom rühmlichen, kehrten.
Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!
Weh! Und im Hinschaun gleich, wie durchzückt' es mich! Jählings erkrankte
Tief im Grunde mein Herz; auch verfiel mir die Schöne mit einmal.
Nimmer gedacht' ich des Fests, und wie ich nach Hause gekommen,
Weiß ich nicht; so verstörte den Sinn ein brennendes Fieber.
Und ich lag zehn Tage zu Bett, zehn Nächte verseufzt' ich.
Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!
Schon, ach! war mir die Farbe so gelb wie Thapsos geworden,
Und mir schwanden die Haare vom Haupt; die ganze Gestalt nur
Haut noch und Bein! Wen frug ich um Hilfe nicht? Oder wo hauset
Irgendein zauberkundiges Mütterchen, das ich vergessen?
Linderung ward mir nicht, und es ging nur die eilende Zeit hin.
Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!
Meiner Sklavin gestand ich die Wahrheit endlich und sagte:
»Thestylis, schaffe mir Rat für dies unerträgliche Leiden!
Völlig besitzt mich Arme der Myndier. Geh doch und suche, Daß du mir ihn ausspähst bei Timagetos' Palästra;
Dorthin wandelt er oft, dort pflegt er gern zu verweilen.«
Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!
»Und sobald du ihn irgend allein triffst, winke verstohlen,
Sag ihm dann: Simätha begehrt dich zu sprechen! – und bring ihn.«
Also sprach ich, sie ging und brachte den glänzenden Jüngling
Mir in das Haus, den Delphis. Sowie ich ihn aber mit Augen
Sah, wie er leichten Fußes herein sich schwang zu der Türe –
Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!
Ganz kalt ward ich zumal wie der Schnee, und herab von der Stirne
Rann mir in Tropfen der Schweiß wie rieselnder Tau in der Frühe;
Kein Wort bracht' ich hervor, auch nicht so viel wie im Schlafe
Wimmert ein Kindchen und lallt, nach der lieben Mutter verlangend,
Und ganz wurde der blühende Leib mir starr wie ein Wachsbild.
Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!
Als der Verräter mich sah, da schlug er die Augen zu Boden,
Setzte sich hin auf das Lager und redete sitzend die Worte:
»Wenn du zu dir mich geladen ins Haus, noch eh' ich von selber
Kam, nun wahrlich, so bist du zuvor mir gekommen, Simätha,
Eben wie neulich im Lauf ich dem schönen Philinos zuvorkam.«
Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!
»Ja beim lieblichen Eros, ich war', ich wäre erschienen!
Mit zwei Freunden bis drei, in der Dämmerung, liebenden Herzens,
Tragend die goldenen Äpfel des Dionysos im Busen
Und um die Schläfe den Zweig von Herakles' heiliger Pappel,
Rings durchflochten das Laub mit purpurfarbigen Bändern.«
Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!
»Ward ich dann freundlich empfangen, o Seligkeit! Wisse, bei unsern
Jünglingen allen da heiß' ich der Schöne, ich heiße der Leichte:
Doch mir hätte genügt, dir den reizenden Mund nur zu küssen.
Wieset ihr aber mich ab und verschloßt mit dem Riegel die Pforte,
Sicherlich kamen dann Äxte zu euch und brennende Fackeln.«
Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!
»Jetzo gebühret zuerst mein Dank der erhabenen Kypris;
Nächst der Himmlischen hast Du mich dem Feuer, o süßes
Mädchen, entrissen: hierher in dein Kämmerchen riefest du Delphis,
Halb schon verbrannt. Denn Eros, fürwahr viel wildere Gluten
Schüret er oft als selbst in Liparas Esse Hephästos.«
Sieh, o Göttin Selene, woher mir die Liebe gekommen!
»Jungfraun treibt sein wütender Brand aus einsamer Kammer,
Frauen empor aus dem Bett, das vom Schlummer des Gatten noch warm ist!«
Also sagte der Jüngling, und ich, zu schnelle vertrauend,
Faßt' ihm leise die Hand und sank auf das schwellende Polster.
Bald war Leib an Leib wie in Wonne gelöst, und das Antlitz
Glühete mehr denn zuvor, und wir flüsterten hold miteinander.
Daß ich nicht zu lange dir plaudere, liebe Selene:
Siehe, geschehn war die Tat, und wir stilleten beide die Sehnsucht.
Ach, kein Vorwurf hat mich von ihm, bis gestern, betrübet,
Ihn auch keiner von mir. Nun kam zu Besuch mir die Mutter
Meiner Philista, der Flötenspielerin, und der Melixo
Heute, wie eben am Himmel herauf sich schwangen die Rosse,
Aus dem Okeanos führend die rosenarmige Eos;
Und sie erzählte mir vieles, auch daß mein Delphis verliebt sei.
Ob ein Mädchen ihn aber, ein Jüngling jetzt ihn gefesselt,
Wußte sie nicht; nur, daß er mit lauterem Wein sich den Becher
Immer für Eros gefüllt, daß er endlich in Eile gegangen,
Auch noch gesagt, er wolle das Haus dort schmücken mit Kränzen.
Dieses hat mir die Freundin erzählt, und sie redet die Wahrheit.
Dreimal kam er vordem und viermal, mich zu besuchen,
Setzte, wie oft! bei mir das dorische Fläschchen mit Öl hin:
Und zwölf Tage nun sind's, seitdem ich ihn nimmer gesehen.
Hat er nicht anderswo Süßes entdeckt und meiner vergessen?
Jetzo mit Liebeszauber beschwör' ich ihn; aber wofern er
Länger mich kränkt – bei denMoiren! an Aïdes' Tor soll er klopfen!
Solch ein tödliches Gift ihm bewahr' ich hier in dem Kästchen;
Ein assyrischer Gast, o Königin, lehrt' es mich mischen.
Lebe nun wohl, und hinab zum Okeanos lenke die Rosse,
Himmlische! Meinen Kummer, den werd' ich fürder noch tragen.
Schimmrnde Göttin, gehabe dich wohl! Fahrt wohl auch ihr andern
Sterne, so viele der ruhigen Nacht den Wagen begleiten!

3. Amaryllis

Auf! Ich gehe, mein Lied Amaryllis zu singen. Die Ziegen
Weiden am Berg indes, und Tityros mag sie mir hüten.
Tityros, du mein Freund, mein trautester, weide die Ziegen! Führe sie drauf an den Quell mir, Tityros; doch vor dem weißen
Bock dort nimm dich in acht, vor dem Libyer, denn er ist stößig.
Ach, Amaryllis, du süße, warum nicht mehr aus der Grotte
Guckst du wie sonst und nennst mich dein Schätzlein? Bist du mir böse?
Dünkt dir die Nase zu platt an mir, in der Nähe gesehen,
Mädchen? Zu lang mein Bart? O du ruhst nicht, bis ich mich hänge!
Hier zehn Äpfel für dich, sieh her! Ich pflückte sie droben,
Wo du mich pflücken geheißen, und andere bring' ich dir morgen.
Schau doch, was ich erleide für Herzensqualen! O war' ich
Doch die summende Biene, so flog' ich zu dir in die Grotte,
Schlüpfte durchs Efeulaub und das dicht aufschießende Farnkraut.
Jetzo kenn' ich den Eros! Ein schrecklicher Gott! an der Löwin
Brüsten gesäugt; ihn erzog im wilden Gebirge die Mutter.
Ganz durchglühet er mich und verzehrt mir das Mark im Gebeine.
Nymphe mit lachendem Blick! Du steinerne! Du mit den schwarzen
Augenbrau'n, o laß im Arme des Hirten dich küssen!
Süße Wonne gewährt auch selber der nichtige Kuß schon.
Wart! In Stücke zerreiß ich den Kranz auf der Stelle, du willst es,
Den ich trage für dich, Amaryllis, den schönen, von Efeu,
Rings mit knospenden Rosen durchwebt und würzigem Eppich.
Ach, was soll ich beginnen? Ich Armer! – So hörst du denn gar nicht?
Gut – ich werfe mein Fellkleid weg und spring' in die Fluten
Gleich da hinab, wo Olpis, der Fischer, die Thune belauert.
Bin ich des Todes auch nicht, doch wirst du dich freuen des Anblicks.
Ob du mich liebest, versucht' ich noch jüngst und erfuhr es zu gut nur:
Denn es versagte den Knall das angeschlagene Mohnblatt:
Ganz matt ging es entzwei, am fleischigen Arme zu welken.
Auch was Agröo gesagt, die Siebwahrsagerin, neulich,
Als sie Ähren sich las im Rücken der Schnitter, bewährt sich:
Brünstig hing' ich an dir, doch gar nichts fragest du mir nach.
Wisse, die Geiß, die weiße, mit Zwillingen, zog ich für dich auf;
Mermnons bräunliches Mädchen, Erithakis, hätte sie gerne,
Und ich gebe sie der, dieweil du meiner nur spottest.
Halt, da hüpfet mein Auge, das rechte, mir! Soll ich sie doch noch
Sehn? Ich will an die Pinie hier mich lehnen und singen.
Ist sie doch nicht von Stein, vielleicht sie tut einen Blick her.
Als Hippomenes einst zur Braut sich wünschte die Jungfrau,
Lief er mit Äpfeln in Händen den Wettlauf, und Atalanta,
Im Hinschauen entbrannt, wie versank sie ganz in die Liebe!
Trieb doch die Herde vom Othrys daher der Seher Melampus
Froh gen Pylos zuletzt, und es lag in den Armen des Bias
Endlich die reizende Mutter der sinnigen Alphesiböa.
Hat nicht, der im Gebirge die Schafe geweidet, Adonis,
Selbst Kythereia, die schöne, gebracht zum äußersten Wahnsinn,
Daß sie nimmer vom Busen ihn ließ, auch als er nun tot lag?
Mir sei selig gepriesen Endymion, welchen der tiefe
Schlaf umfing, und selig Iasion, trautestes Mädchen,
Denn er genoß, was nimmer den Ungeweiheten kund wird.
Wehe, wie schmerzt mir das Haupt! Dich kümmert es nicht. So verstumme
Nun mein Gesang. Hier lieg' ich, da mögen die Wölfe mich fressen!
Wahrlich, das wird dir süß eingehn wie Honig dem Gaumen!

4. Die Hirten

Battos
Sag mir, Korydon, wessen die Kühe da sind? Des Philondas?

Korydon
Nicht doch; sie sind Ägons, der mir sie zu weiden vertraut hat.

Battos
Nun, und du melkst sie doch unter der Hand nacheinander am Abend?

Korydon
Ja, wenn der Alte die Kälber nicht aufzög' und mich bewachte.

Battos
Aber der Kuhhirt selber, wohin denn kam er auf einmal?

Korydon
Weißt du noch nicht? Ihn nahm ja der Milon mit zum Alpheos.

Battos
Ist dem Menschen auch je Salböl vor die Augen gekommen? Korydon
Doch dem Herakles, sagen sie, kam' er an Kraft und Gewalt gleich.

Battos
Mir auch sagte die Mutter, ich sei mehr als Polydeukes.

Korydon
Zwanzig Schafe denn nahm er, die Hacke zur Hand, und so ging er.

Battos
Wenn nur Milon den Wolf auch beredete, gleich da zu würgen!

Korydon
Unablässig verlangen nach ihm mit Brüllen die Kühe.

Battos
Armes Vieh! war dir kein besserer Hirte zu finden?

Korydon
Arm, ja gewiß! Da gehn sie umher und wollen nicht weiden.

Battos
Seh' mir einer die Färse! Nicht mehr fürwahr als die Knochen
Blieben ihr. Ob sie vom Tau nur lebt alswie die Zikade?

Korydon
Nein, bei Gäa! Ich führe sie bald am Äsaros zur Weide,
Reich' ihr dabei wohl selber ein Büschel des zartesten Grases,
Bald auch tummelt sie sich auf den schattigen Höhn des Latymnos.

Battos
Und der Stier da, der rötliche! Mein doch! Solch ein Gerippe
Möcht ich den Lampriern wünschen, dem hungerleidigen Völklein,
Wenn sie einmal ein Opfer der Here haben zu bringen.

Korydon
Aber ich treib' ihn stets nach dem Meersumpf und auf den Physkos,
Auch an Neäthos' Bord, wo die herrlichsten Kräuter gedeihen,
Dürrwurz samt Geißweizen und balsamreiche Melisse. Battos
Ach, unseliger Ägon, dir wandern die Kühe zum Hades,
Während du nur auf den leidigen Sieg die Gedanken gestellt hast!
Und die Syringe (du klebtest sie selbst), nun wird sie verschimmeln.

Korydon
Nein, die nicht, bei den Nymphen! Denn als er nach Pisa hinabzog,
Ließ er sie mir zum Geschenk. Auch ich, fürwahr, bin ein Sänger.
Stimm' ich doch Glaukas Lieder und Pyrrhos' lieblich genug an.
Kroton preist mein Gesang! O herrliche Stadt Zakynthos!
Und die östliche Kuppe Lakinion! Dort, wo der Faustheld
Ägon einmal allein an achtzig Kuchen verzehrte.
Dort auch schleppt' er den Stier, beim Huf ihn packend, herunter
Von dem Gebirg und bracht' als Geschenk ihn dar Amaryllis.
Laut aufschrieen die Fraun, doch der Kuhhirt lachte vergnüglich.

Battos
Ach, Amaryllis, wenngleich nun tot, dich trag' ich allein doch
Immer im Sinn! Wie die Ziegen mich freuen, so freuetest du mich,
Liebliche, die nun dahin! Weh, wehe! Zu hart ist mein Schicksal!

Korydon
Mut, o Battos! Es kann sich mit dir leicht morgen schon bessern.
Hoffnung geht mit dem Leben, im Tod erst endet die Hoffnung.
Zeus auch regnet einmal, ein andermal blicket er heiter.

Battos
Ja, das ist wahr. – Ei, wirf dort unten die Kälber! Am Ölbaum
Fressen sie Laub! Das verruchte Gezücht, das! Sit – da! Du Weißer!

Korydon
Sit – da! Hinauf den Hügel, Kymätha! Nun, wirst du nicht hören?
Wart', ich komme! Beim Pan, das wird dir übel vergolten,
Trollst du nicht dort weg. – Schau doch, nun schleicht sie sich dahin!
Hätt' ich den Krummstab nur bei der Hand, wie wollt' ich dich bläuen!

Battos
Korydon, sieh doch, um Zeus, hierher! Da fuhr mir ein Stachel
Unter dem Knöchel gerade hinein! Die unbändigen Disteln Auch, überall da herum! O fahre das Kalb ins Verderben!
Während ich hinter ihr drein war, fing ich das. Siehst dudergleichen?

Korydon
Ja, schon hab' ich ihn hier mit den Nägeln gepackt, und da ist er!

Battos
Ei, wie ein winziger Stich, und zähmt so mächtigen Lümmel!

Korydon
Steigst du wieder herauf ins Gebirg, so gehe nicht barfuß
Mehr; im Gebirg sind Dorn und stachlige Sträucher zu Hause.

Battos
Sage mir, Korydon, hat es dein Graukopf immer mit jenem
Lockeren Dirnlein noch, mit dem Schwarzaug' mein' ich, wie vormals?

Korydon
Ho, das glaub' ich, du Narr! Noch gar nicht lang, daß ich selber
Ihn an der Stallwand traf, just da er wieder am Werk war.

Battos
Nun, Glück zu, du bockischer Alter! Dir wird es kein Satyr,
Kein dünnbeiniger Pan in diesem Stücke zuvortun!

5. Komatas und Lakon

Komatas
Kommt mir ja nicht dem Schäfer zu nah, ihr Ziegen, ich rat' euch!
Lakon aus Sybaris ist's: er mauste mir gestern ein Geißfell.

Lakon
Sit – da! werdet ihr mir von dem Quell wegbleiben, ihr Lämmer!
Kennt ihr ihn nicht, der unlängst die Syringe mir stahl, den Komatas?

Komatas
Welche Syringe? Wann hattest du jemals, Knecht des Sibyrtas,
Eine Syring' im Besitz? Dir also wär's nicht genug mehr,
Daß du mit Korydon was auf der Halmpfeif' schnarrest wie immer?

Lakon
Die mir Lykon verehrte, du Edelgeborner! Doch welches
Fell nahm Lakon dir mit? Das möcht' ich wissen, Komatas.
Hat doch Eumaras, dein Herr, selbst keines dergleichen zum Bette.

Komatas
Das mir Krokylos gab, das scheckige, als er den Nymphen
Neulich geopfert die Geiß. Du, Nissiger, wolltest schon damals
Bersten vor Neid, und ruhtest auch nicht seitdem, bis ich blutt war.

Lakon
Nein, beim Pan, dem dies Ufer gehört! der Sohn der Kaläthis,
Lakon, er raubte dir nicht dein Fell, Freund, oder ich will hier
Gleich von dem Fels wahnsinnig hinab in den Krathis mich stürzen!

Komatas
Nein! bei den Nymphen des Sumpfs, du Redlicher, sei es geschworen –
Und ich wünsche sie hold mir gesinnt und gnädig für immer –
Keineswegs hat deine Syringe Komatas gestohlen!

Lakon
Wenn ich dir glaube, so mögen die Schmerzen des Daphnis mich treffen!
– Auf jetzt! willst du zum Preis ein Böcklein setzen? es ist ja
Nichts so Großes – ich biete die Wett' und singe dich nieder.

Komatas
Trat doch die Sau mit Athenen in Wettkampf. Siehe, da steht mein
Böcklein! So setz' ein gemästetes Lamm zum Preise dagegen!

Lakon
Wie, du Fuchs, das hieße dir wohl ganz richtige Teilung,
Das? Wer schiert denn Zotten für Wolle? und geht an der jungen
Ziegenmutter vorbei, um die garstige Hündin zu melken?

Komatas
Wer sich, wie du, so gewiß schon des Siegs hält, wenn er als Wespe
Plump mit Gesums die Zikade bekämpft. Indessen, das Böcklein
Dünkt dir zu schlecht: sieh, hier ist ein Bock: wohlan, so beginne!

Lakon
Eilt es dir so? Dich brennt ja kein Feu'r! Weit lustiger wär' es,
Unter dem Waldoleaster im Busch da drüben zu singen,
Wo schön kalt das Gewässer daherrauscht, wo es an Gras nicht
Fehlt noch an Moos zum Sitz und wo Feldheimengeschwätz ist.

Komatas
O mir eilet es nicht! Mich ärgert nur, daß du so frech kannst
Grad' in das Aug' mir schaun, du, den ich vor Zeiten als Bübchen
Selber gelehrt. Wo blieb mein Dank? Ich wollte, du zögest
Wolfsbrut auf, Hundsbrut, und würdest gefressen von ihnen!

Lakon
Nun, wann lernt' ich denn je, wann hört' ich irgendwas Gutes,
Das ich noch wüßte, von dir, du neidischer, alberner Knorp du?

Komatas
Damals, als ich von hinten dich kriegte! Du schriest, und die Ziegen
Meckerten alle dazu, und der Geißbock war so geschäftig!

Lakon
Gründlicher sollst du dereinst nicht verscharrt sein, Krummer, als du mich
Damals kriegtest! Nur zu, komm her! Nun singst du dein Letztes!

Komatas
Nein, ich komme dir nicht. Da grünt's von Eichen und Galgant;
Und schön summen da rings um die Honigkörbe die Bienen;
Auch zwei kühlige Quellen ergießen sich, und von den Bäumen
Zwitschern die Vögel; ein Schatten ist hier, dagegen ist deiner
Nichts, und die Pinie wirft aus der Höhe mir Zapfen herunter.

Lakon
Aber du trätest bei mir auf Lammvliesdecken und Wolle,
Weicher wie Schaf, wenn du kämst. Die Geißbockfelle bei dir da
Sind abscheulicher noch von Geruch beinah wie du selber.
Einen geräumigen Krug weißschäumender Milch für die Nymphen
Stell' ich dar und einen gefüllt mit lieblichem Öle.

Komatas
Gingest du her, auf das zarteste Farnkraut würdest du treten
Und auf blüh'nden Polei; ich spreitete Felle von Ziegen
Unter, wohl viermal so weich, als die Lammvliesdecken bei dir sind.
Aber zum Opfer dem Pan stell' ich acht Kannen mit Milch vor
Und acht Schalen, gefüllt mit honigtriefenden Scheiben.

Lakon
Gut, so singe du dort dein Feldlied, kämpfe von dort her!
Nimm dir den eigenen Sitz bei deinen Eichen! Doch wer ist,
Frag' ich nun, Richter? Ich wollte, Lykopas käme, der Kuhhirt!

Komatas
Nicht not tut's mir um den im mindesten. Aber es holzet
Einer da drüben bei dir, er sammelt sich Heiden zu Bündlein:
Bist du's zufrieden, so rufen den Mann wir her; es ist Morson.

Lakon
Mein'thalb.

Komatas
Rufe du ihn!

Lakon
He, Landsmann! Komm doch ein wenig
Und hör' uns. Wir streiten da, welcher von beiden dem andern
Käme zuvor im Gesang; nun richte du, wackerer Morson,
Weder mir zu Gefallen, noch daß du diesen begünstigst!

Komatas
Ja, bei den Nymphen! jawohl, Freund Morson, gib dem Komatas
Nichts voraus, doch räum' auch dem andern nicht über Verdienst ein.
Dort die Herde gehört dem Thurier, Freund, dem Sibyrtas,
Und hier siehst du die Ziegen des Sybariten Eumaras.

Lakon
Aber, beim Zeus, wer fragte dich denn, du Wicht, ob die Herde
Dort dem Sibyrtas gehört, ob mein? Ei, über den Schwätzer!

Komatas
Ehrlicher Freund, ich rede die Wahrheit gern, und das Großtun
Lieb' ich nicht, du aber, du bist ein giftiger Zänker.

Lakon
Nun – sing, wenn du was kannst, und laß mir lebendig den Mann doch
Wieder zur Stadt! O Päan! ein Schwatznarr bist du, Komatas!

Komatas
Mir sind freundlich die Musen, ja freundlicher noch wie dem Sänger
Daphnis; ich habe noch jüngst ein Zicklein ihnen geopfert.

Lakon
Mich hat Apollon erwählt zum Liebling; ich weide den schönsten
Widder für ihn, denn die Karneen sind vor der Türe nun wieder.

Komatas
Zwillinge warfen die Ziegen, nur zwei nicht; alle die melk' ich;
Sieht's mein Mädchen, – O Armer, so ruft sie, melkst du alleine?

Lakon
Ho! dem Dutzende nach füllt Lakon die Körbe mit Käse,
Und auf blumiger Wiese den zartesten Knaben umarmt er.

Komatas
Zärtlich bereits mit Äpfelchen wirft Klearista den Hirten,
Treibt er die Ziegen vorbei, und wispert ihm heimlich ein Wort zu.

Lakon
Kratidas brennt mir im Herzen, der glatte! Von selber dem Schäfer
Eilt er entgegen, ihm fliegt das glänzende Haar um den Nacken.

Komatas
Aber man wird Hambutten doch nicht und wird Anemonen
Nicht mit Rosen vergleichen, die blühn am Gartengehege!

Lakon
Eicheln mit Bergsüßäpfeln auch nicht; in trockene Hülsen
Steckt sie der Baum; doch diese sind schon von außen wie Honig.

Komatas
Und ich bringe dann gleich ein Ringeltäubchen dem Mägdlein
Aus dem Wacholdergebüsch; dort brütet es oben im Neste.

Lakon Kratidas aber bekommt weichflockige Wolle zum Mantel
Von mir geschenkt, sobald ich mein Schaf, mein schwarzes, geschoren.

Komatas
Heda! vom Ölbaum fort, ihr Gelüstigen! Da ist die Weide!
Hier an dem Abhang hin, wo es voll steht mit Tamarisken.

Lakon
Willst du mir weg von der Eiche, du, Konaros, und du, Kinätha?
Dorthin suchet euch Futter, dem Aufgang zu, wie Phalaros!

Komatas
Mein ist ein Melkgeschirr, ein zypressenes, mein auch ein Mischkrug,
Den Praxiteles schnitzt', ich spare sie beide dem Mädchen.

Lakon
Und mir dienet ein Hund bei der Herde, der würget die Wölfe;
Diesen verehr' ich dem Knaben: er jagt dann wacker das Wild ihm.

Komatas
Allzeit schnellt ihr mir über den Zaun, Heuschrecken, am Weinberg!
Daß ihr mir ja nicht die Reben beschädigt, weil sie noch zart sind!

Lakon
Seht mir doch, ihr Zikaden, den Geißhirt, was er sich angreift,
Weil ich ihn reize! So pflegt ihr selber zu reizen die Schnitter.

Komatas
Feind den Füchsen bin ich, den wolligen Schwänzen, die Mikons
Weinberg immer besuchen am Abende, Trauben zu naschen.

Lakon
Ebenso feind ich dem Käfergezücht, das an des Philondas
Feigen sich macht und auf und davon dann geht mit dem Winde.

Komatas
Weißt du noch, wie ich zu Leib dir ging und wie du mit Grinsen
Hin und her dich wandtest so schön, an der Eiche dich haltend?

Lakon
Nein, nichts weiß ich davon; doch wie einmal dich Eumaras
Dort anband und dich weidlich gegerbt, das denkt mir noch gar wohl.

Komatas
Morson, hast du gemerkt? Hier steigt schon einem die Galle.
Geh doch, hole mir Skillen vom Grab, recht trockene, hurtig!

Lakon
Übel empfand hier einer den Treff; du siehst es doch, Morson?
Lauf an den Hales geschwind und grabe mir tüchtige Knollen!

Komatas
Himera ströme mir Milch statt Wasser! O Krathis, und du sollst
Purpurn fließen von Wein, und das Weidicht trage mir Früchte!

Lakon
Honig mir ströme der Quell Sybaritis! Da soll in der Frühe
Lauteren Seim für Wasser das Mädchen sich schöpfen im Eimer.

Komatas
Kytisos können bei mir und Ägilos weiden die Ziegen,
Mastixlaub streu' ich und Arbutus ihnen zum Lager.

Lakon
Aber den Schafen bei mir zur Sättigung wächset Melisse
Ringsum, häufig auch blüht, wie Rosen zu schauen, der Kistos.

Komatas
Nicht mehr lieb' ich Alkippe; sie gab kein Küßchen mir neulich,
Hold bei den Ohren mich fassend, als ich ihr brachte die Taube.

Lakon
Aber ich lieb', ich liebe Eumedes! Als ich unlängst ihm
Meine Syring' hingab, wie anmutvoll er mich küßte!

Komatas
Lakon, die Nachtigall streitet fürwahr wohl nicht mit der Elster,
Noch mit dem Wiedhopf füglich der Schwan – Armseliger Zänker! Morson
Stille gebiet' ich dem Schäfer nunmehr. Hiermit, o Komatas,
Schenkt dir Morson das Lamm. Doch wenn du den Nymphen es opferst,
Sende dem Morson auch des leckeren Fleisches ein Stückchen.

Komatas
Ja, das send' ich, beim Pan! Hellauf, ihr Böcke, nun soll mir
Jubeln die Herde zumal! Ich selbst, ich lache die Haut mir
Über den Schäfer da voll, den Lakon! Hab' ich ihm doch noch
Abgewonnen das Lamm! Ich möcht' in den Himmel ja springen!
Macht euch lustig, o Ziegen, ihr hörnergeschmückten! Ich führe
Morgen euch alle gesamt zum Bad im Quell Sybaritis.
– Heda, du Weißbalg dort, du stößiger, wo du mir anrührst
Eine Geiß, ich schlage dich lahm, noch eh' ich den Nymphen
Schlachte das Lamm. – Da ist er schon wieder! Nun, wenn dir das hingeht
Diesmal, will ich Melanthios heißen und nimmer Komatas!

6. Die Rinderhirten

Daphnis, der Hirt, und Damötas weideten einst auf demselben
Platze die Rinder zusammen, Aratos. Der eine war rötlich
Schon um das Kinn, wo dem andern noch Milchhaar sproßt'. An der Quelle
Jetzo sitzend im Sommer am Mittag, sangen sie beide.
Daphnis zuerst hub an, denn zuerst auch bot er die Wette.

Daphnis
Schau, Polyphemos, da wirft Galateia die Herde mit Äpfeln
Dir, und Geißhirt schilt sie dich, »o du stockiger Geißhirt!«
Doch du siehst sie nicht an, Unseliger; sondern du sitzest
Nur süß flötend für dich. O sieh, da wirft sie schon wieder
Nach dem Hüter der Schafe, dem Hund; der bellet und blicket
Starr in das Meer, und es zeigen die Nymphe die lieblichen Wellen,
Sanft am Gestad' aufrauschend, wie unter der Flut sie daherläuft.
Gib nur acht, daß er ihr nicht gar in die Füße noch fahre,
Wann aus dem Meer sie steigt, und den blühenden Leib ihr zerfleische!

Lüstern schon läßt sie von selbst sich herbei und spielt, wie der Distel
Trockenes Haar sich wiegt, wann der liebliche Sommer es dörret.
Bist du zärtlich, sie flieht, unzärtlich, und schau, sie verfolgt dich.
Ja, von der Linie rückt sie den Stein. Denn, weißt du, die Liebe
Nimmt ja, was unschön ist, gar oft für schön, Polyphemos.

Jetzo hub auch Damötas sein Vorspiel und den Gesang an.

Damötas
Ja, beim Pan, ich hab' es gesehn, wie sie warf in die Herde!
Nicht fehl schaute mein Süßes, mein Einziges (das mir auch bleibet
Lebenslang, so verhoff' ich, und Telemos trage das Unglück
Selber nach Haus, der böse Prophet, und behalt' es den Kindern!) –
Aber ich ärg're sie wieder dafür und bemerke sie gar nicht,
Sag auch, ein anderes Mägdelein hätt' ich. Wenn sie das höret,
Päan! wie eifert sie dann und zergrämt sich! Wild aus der Meerflut
Springt sie hervor und schaut nach der Höhle dort und nach der Herde.
Ließ ich doch selber den Hund auf sie bellen. Denn als ich sie liebte,
Pflegt' er freundlich zu winseln, die Schnauz' an die Hüfte ihr legend.
Sieht sie mich also tun, vielleicht da schickt sie noch Boten
Mir auf Boten. Doch schließ' ich die Tür, bis die schwört, daß sie selber
Hier auf der Insel mir köstlich das Brautbett wolle bereiten.
Traun, ich bin von Gestalt auch so unhold nicht, wie sie sagen.
Denn ich schaut' in das Meer unlängst, wie es ruhig und still war:
Schön da stellte mein Bart sich dar, auch mein einziger Lichtstern
Ließ ganz schön, wie mir wenigstens deucht', und es strahlten, gespiegelt,
Weißer die Zähne zurück wie Schimmer des parischen Marmors.
Daß kein schädlicher Zauber mir beikäm', spuckt' ich mir dreimal
Gleich in den Busen. Die alte Kotyttaris lehrte mich solches.

Hiermit endigend, küßte Damötas den Daphnis; die Pfeife
Schenkt' ihm dieser und er ihm die künstliche Flöte dagegen.
Pfeifend stand nun Damötas, es flötete Daphnis, der Stierhirt,
Und rings tanzeten jetzt im üppigen Grase die Kälber.
Sieger jedoch war keiner, denn fehllos sangen sie beide.

7. Der Kyklop

Gegen die Liebe, mein Nikias, ist kein anderes Mittel,
Weder in Salbe noch Tropfen, so deucht es mir, außer der Musen
Kunst. Ihr Balsam, so mild und lieblich, erzeuget sich mitten
Unter dem Menschengeschlecht, obwohl nicht jeder ihn findet.
Doch du kennst ihn, mein' ich, genau: wie sollt' es der Arzt nicht
Und ein Mann, vor vielen geliebt von den neun Pieriden.

Also schuf der Kyklop sich Linderung, unseres Landes
Alter Genoß, Polyphemos, der glühete für Galateia,
Als kaum jugendlich Haar ihm keimt' um Lippen und Schläfe;
Rosen vertändelt' er nicht und Äpfel und Locken: er stürmte
Hitzig aufs Ziel gradaus, und alles vergaß er darüber.
Oftmals kehrten die Schafe von selbst in die Hürden am Abend
Heim aus der grünenden Au; doch er, Galateia besingend,
Schmachtete dort in Jammer am Felsengestade voll Seemoos,
Frühe vom Morgenrot, und krankt' an der Wunde, die Kypris
Ihm, die erhabene, gab mit dem Pfeil tief innen im Herzen.
Aber er fand, was ihm frommte; denn hoch auf der Jähe des Felsens
Saß er, den Blick zum Meere gewandt, und hub den Gesang an:

»O Galateia, du weiße, den Liebenden so zu verschmähen!
Weiß wie geronnene Milch und zart von Gestalt wie ein Lämmchen,
Wie ein Kalb mutwillig und frisch wie die schwellende Traube!
Immer nur kommst du so her, wenn der süße Schlaf mich umfanget,
Und gleich eilst du hinweg, wenn der süße Schlaf mich entlasset.
Ja du entfliehst wie ein Schaf, das eben den graulichen Wolf sah.
– Damals liebt' ich bereits dich, Mägdlein, als du mit meiner
Mutter das erstemal kamst, Hyakinthosblumen zu pflücken
In dem Gebirg, ich war es ja, welcher die Wege dir nachwies.
Seitdem möcht' ich dich immer nur anschaun, immer! Es läßt mir
Keine Ruh'; doch du, beim Zeus, nichts achtest du, gar nichts!
Ich weiß schon, holdseliges Kind, warum du mich fliehest:
Weil mir über die Stirn durchweg sich die borstige Braue
Streckt, ein mächtiger Bogen von einem Ohr zu dem andern,
Drunter das einzige Aug' und die breite Nas' auf der Lefze.
Aber auch so, wie ich bin, ich weide dir Schafe bei tausend,
Und die fetteste Milch mir zum Leibtrunk melk' ich von ihnen.
Käs' auch mangelt mir nie, im Sommer nicht oder zur Herbstzeit,
Noch im härtesten Frost, schwervoll sind die Körbe beständig.
Auch die Syringe versteh' ich wie keiner umher der Kyklopen,
Wenn ich, o Honigapfel, dich sing' und daneben mich selber,
Oft noch spät in der Nacht. Auch elf Hirschkälbchen dir füttr' ich
Auf, mit Bändern am Hals, und dazu vier Junge der Bärin.
Ei, so komm doch zu mir! Du sollst nicht schlechter es finden.
Laß du das blauliche Meer, wie es will, aufschäumen zum Ufer;
Lieblicher soll dir die Nacht bei mir in der Höhle vergehen.
Lorbeerbäume sind dort und schlank gestreckte Zypressen,
Dunkeler Efeu ist dort und ein gar süßtraubiger Weinstock;
Kalt dort rinnet ein Bach, den mir der bewaldete Ätna
Aus hellschimmerndem Schnee zum Göttergetränke herabgießt.
O wer wählte dafür sich das Meer und die Wellen zur Wohnung?
Aber wofern ich selber zu haarig dir dünke von Ansehn,
Hier ist eichenes Holz und reichlich Glut in der Asche:
Schau, gern duld' ich's, und wenn du die Seele sogar mir versengtest
Oder mein einziges Auge, das Liebste mir, was ich besitze!
– Weh, o hätte die Mutter mich doch mit Kiemen geboren!
Zu dir taucht' ich hinab und deckte mit Küssen die Hand dir,
Wenn du den Mund nicht gäbst. Bald silberne Lilien brächt' ich,
Bald zartblumigen Mohn mit purpurnem Blatte zum Klatschen.
(Aber es blühn ja im Sommer die einen, die andern im Winter,
Drum nicht alle zugleich dir könnt' ich sie bringen, die Blumen.)
Aber nun lern' ich, – gewiß, o Kind, ich lerne noch schwimmen!
Wenn seefahrend einmal mit dem Schiff anlandet ein Fremdling;
Daß ich seh', was es Süßes euch ist, in der Tiefe zu wohnen.
– Komm heraus, Galateia! Und bist du heraus, so vergiß auch,
So wie ich, der am Strand hier sitzt, nach Hause zu kehren.
Weide die Herde zusammen mit mir und melke die Schafe,
Gieße das bittere Lab in die Milch und presse die Käse!
– Meine Mutter allein ist schuld, und ich schelte sie billig;
Niemals sprach sie dir noch ein freundliches Wörtchen von mir vor,
Und doch sah sie von Tage zu Tag mich weniger werden.
Aber nun sag' ich, mir klopf und mir zuck' es im Haupt und in beiden
Füßen, damit sie sich gräme, dieweil ich selber voll Gram bin.
– O Kyklop, Kyklop! wo schwärmete dir der Verstand hin?
Wenn du gingest und flöchtest dir Körb' und brächtest den Lämmern
Abgeschnittenes Laub, wahrhaftig, da tätest du klüger.
Melke das stehende Schaf! Was willst du dem flüchtigen nachgehn?
Du kannst mehr Galateien, vielleicht noch schönere, finden.
Laden mich doch oft Mädchen genug zu nächtlichen Spielen.
Geh' ich einmal mit ihnen, das ist ein Jubeln und Kichern;
Traun, ich gelte schon auch in unserem Lande noch etwas!«

Also linderte sich damals Polyphemos die Liebe
Durch den Gesang und schaffte sich Ruh', die mit Gold nicht erkauft wird.

8. Hylas

Uns ward nimmer allein, wie wir wähneten, Eros geboren,
Nikias, wer von den Himmlischen auch den Knaben gezeugt hat;
Nicht wir haben zuerst was schön ist, schön auch geachtet,
Die wir Sterbliche sind und kaum bis morgen voraussehn:
Sondern der Sohn Amphitryons selbst mit dem ehernen Herzen,
Welcher den wütenden Löwen bestand, er liebte den Knaben
Hylas, den anmutsvollen mit schöngeringeltem Haupthaar.
Alles auch lehret' er ihn, wie den Sohn ein liebender Vater,
Was ihn selber zum Helden gemacht, so edel und ruhmvoll.
Niemals wich er von ihm, nicht wann hoch strahlte der Mittag,
Nicht wann Eos mit weißem Gespann Zeus' Himmel hinanfuhr,
Noch wann wieder ihr Nest sich suchen die piependen Küchlein,
Während auf rußiger Latte die Fittiche schwinget die Mutter:
Also, daß er sich ganz nach dem Herzen erzöge den Knaben,
Dieser, geradhin furchend, dereinst ein trefflicher Mann sei.

Als nach dem goldenen Vließe nunmehr aussteuert' Iason,
Aesons Erzeugter, und ihm die edelsten Jünglinge folgten,
Auserlesen aus jeglicher Stadt, die Tapfersten alle,
Kam auch der Mühenerfahrne zur seligen Stadt Iaolkos,
Er, der Alkmene Sohn, der Mideatischen Heldin.
Auch trat Hylas zugleich in die wohlgezimmerte Argo:
Welches Schiff unberührt von der prallenden Klippen Gewalt blieb;
Stürmend durchflog's, hineilend zum tiefausströmenden Phasis,
Schnell wie ein Aar, das Gestrudel; und seitdem standen die Felsen.

Als nun das Siebengestirn sich erhob und am Saume des Angers
Weidete schon das zärtliche Lamm, nach gewendetem Frühling,
Jetzo gedachte der Fahrt die göttliche Blüte der Helden.
Alle gereiht auf die Bänke der räumigen Argo, erblickten
Bald sie den Hellespont; drei Tage schon wehte der Südwind;
Kamen sodann zur Propontis und landeten, wo den Kianern
Breit das Gefild auffurchen die Stier', abreibend die Pflugschar. Dort an dem Strand aussteigend, beschickten sie emsig die Nachtkost,
Paar und Paar; auch häuften sich viel' Ein Lager gemeinsam,
Denn zu den Polstern verhalf die nahegelegene Wiese,
Wo man Butomosblätter sich schnitt und wuchernden Galgant.
Jetzt ging Hylas, der blonde, das Wasser zum Mahle zu holen,
Für den Herakles selbst und den mutigen Telamon (beide
Pflegten am selbigen Tisch als traute Genossen zu sitzen).
Tragend den ehernen Krug erspähete jener am Abhang
Einen Quell, und es sprosseten ringsum Binsen in Menge,
Grünender Adiant und dunkelfarbiges Schöllkraut,
Üppiger Efeu auch und weithin wuchernde Quecken.
Doch in der Mitte des Borns da tanzeten Nymphen den Chorreihn,
Nymphen sonder Ruh, gefürchtete Wesen dem Landmann:
Malis, Eunika war's und die f rühlingshaf te Nycheia.
Und schon neigte der Knabe zur Flut den geräumigen Eimer,
Eilig ihn niederzutauchen: da hingen sie all' an der Hand ihm:
Allen ergriff die zärtliche Brust ein Liebesverlangen
Nach dem argeiischen Knaben. Er glitt in das dunkele Wasser,
Jähen Falls: wie wenn funkelnd ein Stern abgleitet vom Himmel
Jähen Falls in das Meer und es sagt ein Schiffer zum andern:
Loser die Segel gemacht, ihr Ruderer; nah ist der Fahrwind!
Aber es saßen die Nymphen und hielten den weinenden Knaben
Dort auf dem Schoß und sprachen ihm zu mit kosenden Worten.
Doch Amphitryons Sohn, voll stürmischer Sorg' um den Liebling,
Ging, nach mäotischer Art, mit dem wohlgekrümmeten Bogen
Und mit der Keule bewehrt, die er stets in der Rechten gefaßt hielt.
Dreimal ruft' er Hylas mit tief aushallender Kehle,
Dreimal hört' ihn der Knab', und es kam aus dem Wasser empor ein
Leises Stimmchen; so nah' er auch war, so schien er entfernt doch.
Wie wenn ein bärtiger Löwe von fern hertönen gehöret
Einer Hindin Geschrei, ein reißender Löw' im Gebirge,
Und von dem Lager in Hast zum bereiteten Schmause sich aufrafft:
Also stürzte der Held durch wildverwachsene Dornen,
Sehnsuchtsvoll nach dem Knaben und irrete weit in die Gegend.
Unglückselig wer liebt! Was litt er nicht alles für Schmerzen,
Schweifend durch Wald und Gebirg! Ihn kümmert' Iason nicht weiter!
Hoch in dem wartenden Schiff der Versammelten schwebte die Rah' nun,
Und die Jünglinge fegten bis Mitternacht das Getäfel,
Stets den Herakles erwartend. Doch wild, wie der Fuß ihn umhertrug,
Stürmt' er in Wut; schwer hatte der Gott sein Herz ihm verwundet.
So wird Hylas, der schöne, gezählt zu den seligen Göttern.
Aber Herakles schalten »den Schiffentlaufnen« die Helden,
Weil er die Argo verließ, die mit dreißig Rudern daherfuhr;
Kolchis erreicht' er zu Fuß und den Strom des unwirtlichen Phasis.

9. Die Liebe der Kyniska

Äschines
Vielmal sei mir gegrüßt, o Thyonichos!

Thyonichos
Sei es mir gleichfalls,
Äschines!

Äschines
Endlich einmal!

Thyonichos
Wieso? Was hast du für Kummer?

Äschines
Hier geht's nicht zum besten, Thyonichos.

Thyonichos
Darum so mager
Auch und so lang dein Bart und so wild und struppig die Locken!
Unlängst kam so einer hierher, ein Pythagoreer,
Übelsichtig und unbeschuht: er sei aus Athenä,
Sagt' er; es war ihm an Brot, wie mich dünkt, am meisten gelegen.

Äschines
Du kannst scherzen, o Freund! – Mich höhnt die schöne Kyniska.
Rasend macht es mich noch! Kein Haar breit fehlt und ich bin es!

Thyonichos
Immer derselbe, mein Äschines, bist du! – ein wenig zu hitzig,
Geht nicht alles nach Wunsch. Nun, sage, was gibt es denn Neues?

Äschines
Wir, der Argeier und ich und dann der thessalische Reiter
Apis, auch Kleunikos, der Soldat, wir tranken zusammen
Jüngst auf dem Lande bei mir. Zwei Hühnlein hatt' ich geschlachtet
Und ein saugendes Ferkel; auch stach ich biblinischen Wein an,
Lieblichen Dufts, vierjährig beinah' und wie von der Kelter.
Zwiebeln auch tischte ich auf und Schnecken; ein herrlicher Trunk war's.
Nachgeh'nds schenkte man lauteren ein, auf Gesundheit zu trinken,
Wessen man wollte, nur war man die Namen zu nennen verpflichtet.
Und wir riefen sie laut und tranken, wie jedem beliebte.
Sie – kein Wort! Ich daneben: wie meinst du, daß mir zumut war?
»Bist du stumm?« – »Du sähest den Wolf!« scherzt' einer. – »Wie witzig!«
Sagte sie, ganz glutrot! Du konntest ein Licht an ihr zünden.
Lykos, ja, er ist der Wolf! des Nachbars Knabe, des Labas,
Schlank gewachsen und zart, es halten ihn viele für reizend.
In den ist sie verliebt zum Sterben! Die rührende Liebe!
Mir kam unter der Hand einmal auch etwas zu Ohren;
Aber ich Tor, dem der Bart nur umsonst wuchs, forschte nicht weiter.
– Jetzo stieg uns vieren der Wein schon wacker zu Kopfe,
Als der Larisser aufs neu' sein Lied vom Wolfe mir anhub –
Ganz ein thessalischer Spaß –, der Bube! Doch meine Kyniska
Brach in ein Weinen dir aus, wie kaum sechsjährige Mädchen,
Wenn sie stehn und hinauf in den Schoß der Mutter verlangen.
Da – du kennst mich, Thyonichos – schlug ich ihr grimmig die Backe,
Rechts und links. Sie nahm ihr Gewand nur zusammen und eilend
Lief sie hinaus. »Gefall' ich dir nicht, du schändliche Dirne?
Taugt dir ein anderer besser zum Schoßkind? Geh denn und hege
Deinen Knaben! Wie werden ihm süße die Tränelein dünken!«
Als wie die Schwalbe, die unter dem Dach den Jungen nur eben
Ätzung gebracht, mit Eile zurückfliegt, wieder zu holen,
So und schneller noch lief sie vom weichgepolsterten Sessel
Weg durch den Hof und zur Pforte hinaus, so weit sie der Fuß trug.
Fort ist der Stier in den Wald! so heißet es hier nach dem Sprichwort.
Zwanzig Tage, dann acht und neun, zehn Tage dazu noch, Heut' ist der elfte; noch zwei, und es sind zwei völlige Monat',
Seit auseinander wir sind und ich nicht thrakisch mein Haar schor.
Ihr ist Lykos nun alles; zu Nacht wird dem Lykos geöffnet;
Wir, wir gelten nun nichts, wir werden nun gar nicht gerechnet:
Megarer – ganz armselig und klein, von allen verachtet!
Könnt' ich nur kalt dabei sein, noch wäre nicht alles verloren;
Aber so bin ich die Maus, die Pech, wie sie sagen, gekostet,
Weiß auch nirgend ein Mittel, unsinnige Liebe zu heilen!
– Simos indes, der vordem Epichalkos' Tochter geliebt hat,
Ging ja zu Schiff und kehrte gesund, mein Jugendgenosse.
Ich auch stech' in die See, der schlechteste unter den Kriegern
Nicht und auch nicht der beste vielleicht, doch zähl' ich mit andern.

Thyonichos
Möge dir, was du beginnst, nach Herzenswunsche gelingen,
Äschines! Aber wofern du gewillt, in die Fremde zu wandern,
Schau, da war' Ptolemäos. Er lohnet die Wackeren fürstlich,
Ist voll Huld und ein Musenfreund, einnehmend, bezaubernd;
Seine Freunde, die kennt er, und besser noch sie, die es nicht sind;
Schenkt an viele so viel und gewährt dem Bittenden willig,
Wie es Königen ziemt; du mußt nur um Alles nicht bitten,
Äschines. Lüstet dich's nun, dir rechts um die Schulter das Kriegskleid
Anzuschnallen und, strack auf die Füße gestemmet, dem Anlauf
Dich des beschildeten Streiters beherzt entgegenzustellen,
Dann nur gleich nach Ägyptos! – Es setzt an den Schläfen das Alter
An bei jedem zuerst, dann schleichen die bleichenden Haare
Uns in den Bart: drum Taten getan, da die Kniee noch grünen!

10. DieSyrakuserinnen am Adonisfest

Gorgo
Ist Praxinoa drin?

Eunoa
O Gorgo, wie spät! Sie ist drinnen. –

Praxinoa
Wirklich! du bist schon hier? – Nun, Eunoa, stell' ihr den Sessel!
Leg' auch ein Polster darauf.

Gorgo
Es ist gut so.

Praxinoa
Setze dich, Liebe.

Gorgo
Ach! halbtot, Praxinoa, bin ich! Lebensgefahren
Stand ich aus bei der Menge des Volks und der Menge der Wagen!
Stiefel und überall Stiefel und nichts als Krieger in Mänteln!
Dann der unendliche Weg! Du wohnst auch gar zu entfernt mir.

Praxinoa
Ja, da hat nun der Querkopf ganz am Ende der Erde
Solch ein Loch, nicht ein Haus, mir genommen, damit wir doch ja nicht
Nachbarn würden; nur mir zum Tort, mein ewiger Quälgeist!

Gorgo
Sprich doch, Beste, nicht so von deinem Dinon; der Kleine
Ist ja dabei. Sieh, Weib, wie der Junge verwundert dich anguckt!
Lustig, Zopyrion, herziges Kind! sie meinet Papa nicht.

Praxinoa
Heilige du! ja, er merkt es, der Bube. – Der liebe Papa der!
– Jener Papa ging neulich (wir sprechen ja immer von neulich),
Schmink' und Salpeter für mich aus dem Krämerladen zu holen,
Und kam wieder mit Salz, der dreizehnellige Dummkopf!

Gorgo
Gradeso macht es der meine, der Geldabgrund Diokleidas!
Sieben Drachmen bezahlt' er für fünf Schafsfelle noch gestern:
Hundshaar, schäbige Klauen! nur Schmutz, nur Arbeit auf Arbeit!
– Aber nun lege den Mantel doch an und das Kleid mit den Spangen!
Komm' zur Burg Ptolemäos', des hochgesegneten Königs,
Dort den Adonis zu sehn. Etwas Prachtmäßiges, hör' ich,
Gebe die Königin dort.

Praxinoa
Reich macht bei den Reichen sich Alles.

Gorgo
Wer was gesehn, kann dem und jenem erzählen, der nichts sah.
Komm, es ist Zeit, daß wir gehn.

Praxinoa
Sei's! Stets hat der Müßige Festtag.
Eunoa, nimm mein Gespinst. So leg' es doch, Träumerin, wieder
Mitten im Zimmer da hin! Weich liegen die Katzen ja gerne.
Rühr' dich! Wasser geschwind! – Nein, Wasser ja brauch' ich am ersten!

Bringt sie mir Seife! Nun, gib! – Halt' ein – Unmäßige! gieß' doch
Nicht so viel! Heillose, was mußt du den Rock mir begießen!
– Jetzt hör' auf! Wie's den Göttern gefiel, so bin ich gewaschen.
Nun, wo steckt denn der Schlüssel zum großen Kasten? So hol' ihn.

Gorgo
Einzig, Praxinoa, steht dies faltige Spangengewand dir.
Sage mir doch, wie hoch ist das Zeug vom Stuhl dir gekommen?

Praxinoa
Ach! erinnre mich gar nicht daran! Zwei Minen und drüber,
Bar; und ich setzte beinah' mein Leben noch zu bei der Arbeit.

Gorgo
Aber auch ganz nach Wunsche geriet sie dir.

Praxinoa
Wahrlich, du schmeichelst.
– Gib den Mantel nun her und setze den schattenden Hut mir
Auf nach der Art. Nicht mitgehn, Kind! Bubu da! das Pferd beißt!
Weine, so lange du willst; zum Krüppel mir sollst du nicht werden.
Gehn wir denn. – Phrygia, spiel' indes mit dem Kleinen ein wenig;
Locke den Hund in das Haus und verschließ die Türe des Hofes. –
Götter! o welch ein Gewühl! Durch dieses Gedränge zu kommen,
Wie und wann wird das gehn? Ameisen, unendlich und zahllos!
Viel Preiswürdiges doch, Ptolemäos, danket man dir schon,
Seit bei den Himmlischen ist dein Vater. Es plündert kein schlauer
Dieb den Wandelnden mehr, ihn fein auf ägyptisch beschleichend,
Wie vordem aus Betrug zusammengelötete Kerle,
All' einander sich gleich, durchtriebenes, freches Gesindel! – Süßeste Gorgo, wie wird es uns gehn! Da kommen des Königs
Prunkpferd', siehst du? – Mein Freund, mich nicht übergeritten, das bitt' ich! –
Ha, der unbändige Fuchs, wie er bäumt! Du verwegenes Mädchen
Eunoa, wirst du nicht weichen? Der bricht dem Reiter den Hals
noch.

O nun segn' ich mich erst, daß mir der Junge daheim blieb!

Gorgo
Faß' dich, Praxinoa! Mut! wir sind schon hinter den Pferden;
Jene reiten zum Platze.

Praxinoa
Bereits erhol' ich mich wieder.
Pferd' und eisige Schlangen, die scheut' ich immer am meisten
Von Kind an. O geschwind! Was dort ein Haufen uns zuströmt!

Gorgo
Mütterchen, wohl aus der Burg?

Die Alte
Ja, Kinderchen.

Gorgo
Kommt man denn auch noch
Leichtlich hinein?

Die Alte
Durch Versuche gelangten die Griechen nach Troja,
Schönstes Kind; durch Versuch ist alles und jedes zu machen.

Gorgo
Fort ist die Alte, die nur mit Orakelsprüchen uns abspeist!
Alles weiß doch ein Weib, auch Zeus' Hochzeit mit der Hera.
– Sieh, Praxinoa, sieh, was dort ein Gewühl um die Tür ist!

Praxinoa
Ach, ein erschreckliches! – Gib mir die Hand! Du, Eunoa, fasse
Eutychis an und laß sie nicht los, sonst gehst du verloren.
Alle mit einmal hinein! Fest, Eunoa, an uns gehalten! –
Wehe mir Unglückskind! Da riß mein Sommergewand schon
Mitten entzwei, o Gorgo! – Bei Zeus, und soll es dir jemals
Glücklich ergehen, mein Freund, so hilf mir und rette den Mantel.

Erster Fremder
Ja, wer's könnte! doch sei es versucht.

Praxinoa
Ein greulich Gedränge!
Stoßen sie nicht wie die Schweine?

Der Fremde
Getrost! nun haben wir Ruhe.

Praxinoa
Jetzt und künftig sei Ruhe dein Los, du bester der Männer,
Daß du für uns so gesorgt! – Der gute, mitleidige Mann der! –
Eunoa steckt in der Klemme! Du Tröpfin! frisch! mit Gewalt durch!
– Schön! wir alle sind drin! so sagt zur Braut, wer sie einschloß.

Gorgo
Hier, Praxinoa, komm: sieh erst den künstlichen Teppich!
Schau, wie lieblich und zart! Du nähmst es für Arbeit der Götter.

Praxinoa
Heilige Pallas Athene, wer hat die Tapeten gewoben?
Welcher Maler dazu so herrlich die Bilder gezeichnet?
Wie natürlich sie stehn, wie in jeder Bewegung natürlich!
Wahrlich beseelt, nicht gewebt! Ein kluges Geschöpf ist der Mensch doch!
Aber er selber, wie reizend er dort auf dem silbernen Ruhbett
Liegt und die Schläfe herab ihm keimet das früheste Milchhaar!
Dreimal geliebter Adonis, der selbst noch im Hades geliebt wird!

Zweiter Fremder
Schweigt doch, ihr Klatschen, einmal! Könnt ihr kein Ende noch finden?
Schnattergänse! Wie breit und wie platt sie die Wörter verhunzen!

Gorgo
Mein! Was will doch der Mensch? Was geht dich unser Geschwätz an?
Warte, bis du uns kaufst! Syrakuserinnen befiehlst du?
Wisse auch dies noch dazu: wir sind von korinthischer Abkunft, Gleichwie Bellerophon; wir reden ja peloponnesisch;
Doriern wird's doch, denk' ich, erlaubt sein, dorisch zu sprechen?

Praxinoa
O so bewahr' uns vor einem zweiten Gebieter, du liebe
Melitodes! Nur zu! Du streichst mir den ledigen Scheffel.

Gorgo
Still, Praxinoa! Gleich nun fängt sie das Lied von Adonis
An, die Sängerin dort, der Argeierin kundige Tochter,
Die den Trauergesang auf Sperchis so trefflich gesungen.
Sicherlich macht die's fein. Schon richtet sie schmachtend ihr Köpfchen.

Die Sängerin
Herrscherin! die du Golgos erkorst und Idalions Haine,
Auch des Eryx Gebirg', goldspielende du, Aphrodita!
Sage, wie kam dir Adonis von Acherons ewigen Fluten
Nach zwölf Monden zurück, im Geleit sanftwandelnder Hören?
Langsam gehn die Hören vor anderen seligen Göttern;
Aber sie kommen mit Gaben auch stets und von allen ersehnet.
Kypris, Dionas Kind, du erhobst, so meldet die Sage,
In der Unsterblichen Kreis, die sterblich war, Berenika,
Hold Ambrosiasaft in die Brust der Königin träufelnd.
Dir zum Dank, vielnamige, tempelgefeierte Göttin,
Ehrt Berenikas Tochter, an Liebreiz Helenen ähnlich,
Ehrt Arsinoa heut mit allerlei Gaben Adonis.
Neben ihm liegt anmutig, was hoch auf dem Baume gereifet;
Neben ihm auch Lustgärtchen, umhegt von silbergeflochtnen
Körben, auch goldene Krüglein, gefüllt mit syrischen Düften;
Auch des Gebackenen viel, was Fraun in den Formen bereitet,
Mischend das weißeste Mehl mit mancherlei Würze der Blumen,
Was sie mit lieblichem öle getränkt und der Süße des Honigs.
Alles ist hier, das Geflügel der Luft und die Tiere der Erde.
Grünende Laubgewölbe, vom zartesten Dille beschattet,
Bauete man: und oben als Kinderchen fliegen Eroten,
Gleichwie der Nachtigall Brut, von üppigen Bäumen umdunkelt,
Flattert umher von Zweig zu Zweige, die Fittiche prüfend.
Sehet das Ebenholz! und das Gold! und den reizenden Schenken,
Herrlich aus Elfenbein, vom Adler entführt zu Kronion!
Auf den purpurnen Teppichen hier (noch sanfter wie Schlummer Würde Milet sie nennen und wer da wohnet in Samos)
Ist ein Lager bereitet, zugleich dem schönen Adonis.
Hier ruht Kypris und dort mit rosigen Armen Adonis.
Achtzehn Jahre nur zählt ihr Geliebtester oder auch neunzehn;
Kaum schon sticht sein Kuß noch säumet die Lippen ihm Goldhaar.
Jetzo mag sich Kypris erfreun des schönen Gemahles.
Morgen tragen wir ihn, mit der tauenden Frühe versammelt,
Alle hinaus in die Flut, die herauf schäumt an die Gestade:
Und mit fliegendem Haare, den Schoß bis tief auf die Knöchel,
Offen die Brust, so stimmen wir hell den Feiergesang an:

Holder Adonis, du nahst bald uns, bald Acherons Ufern,
Wie kein anderer Halbgott, sagen sie. Nicht Agamemnon
Traf dies Los, noch Aias, den schrecklich zürnenden Heros,
Hektor auch nicht, von Hekabes zwanzig Söhnen der erste,
Nicht Patroklos, noch Pyrrhos, der wiederkehrte von Troja,
Nicht die alten Lapithen und nicht die Deukalionen,
Noch die Pelasger, die grauen, in Pelops' Insel und Argos.
Schenk uns Heil, o Adonis, und bring ein fröhliches Neujahr!
Freundlich kamst du, Adonis, o komm, wenn du kehrest, auch
freundlich!

Gorgo
Unvergleichlich! dies Weib, Praxinoa! Was sie nicht alles
Weiß, das glückliche Weib! und wie süß der Göttlichen Stimme!
Doch es ist Zeit, daß ich geh'; Diokleidas erwartet das Essen.
Bös ist er immer, und hungert ihn erst, dann bleib ihm vom Leibe!
– Freue dich, lieber Adonis, und kehre zu Freudigen wieder!

11. Die Chariten

Immer bedacht sind die Töchter des Zeus und immer die Sänger,
Götter zu feiern, zu feiern den Ruhm großherziger Männer.
Himmlische sind sie, die Musen, und Himmlische singen von Göttern,
Wir sind Sterbliche nur, und Sterbliche singen von Menschen.
Wer von allen doch nun, so vielen der blauliche Tag scheint,
öffnet unseren Chariten wohl und nimmt sie mit Freuden
Auf in das Haus und schickt sie nicht ohne Geschenke von dannen?
Murrend kehren sie wieder mit nackten Füßen nach Hause,
Schelten bitter auf mich, daß umsonst den Weg sie gewandert;
Und mit Verdruß dann wieder am Boden des ledigen Kastens
Harren sie, niedergebeugt auf die kalten Kniee das Antlitz.
Dort ist ihr trauriger Sitz, wenn gar nichts frommte die Sendung.
Sagt, wo ist noch ein Freund? wer liebt den rühmenden Sänger?
Nein, nicht trachten die Männer, um herrliche Taten wie vormals
Jetzo gepriesen zu sein, sie beherrscht nur schnöde Gewinnsucht.
Jeglicher hält im Busen die Hand und sinnt, wie das Geld ihm
Wuchere; traun, er verschenkte nicht Ein verrostetes Scherflein;
Sondern da sagt er gleich: »Mir ist näher das Knie wie das Schienbein!

Hab' ich nur selber etwas! Den Dichter, ihn segnen die Götter!
Aber was brauchen wir ihn? für alle genug ist Homeros.
Der ist der beste der Dichter, der nichts von dem Meinen davonträgt.«

Toren! was nützen euch denn im Kasten die Haufen des Goldes?
Das ist nicht der Gebrauch, den Verständige machen vom Reichtum;
Sondern dem Herzen ein Teil und ein Teil den befreundeten Dienern!

Gutes an vielen Verwandten und vielen der anderen Menschen
Tun; allzeit auch mit Opfern der Götter Altäre besuchen;
Nimmer dem Gast ein kargender Wirt sein, sondern ihn reichlich
Pflegen am Tisch und entlassen, wann selbst er zu gehen verlanget.
Aber in Ehren zuerst die heiligen Priester der Musen!
Daß du, verborgen in Ai'des' Nacht, noch werdest gepriesen
Und nicht ruhmlos trauerst an Acherons kalten Gestaden:
Gleichwie ein Mann, dem die Hände vom Karst inwendig verschwielt sind,
Weinet sein Los, die väterererbte, die klägliche Armut.
Einst in Antiochos' Haus und des mächtigen Fürsten Aleuas
Holten sich viele die Monatskost, dienstpflichtige Leute;
Viel' auch einst, in die Ställe der edeln Skopaden getrieben,
Brülleten Kälber daher um hochgehörnete Kühe;
Und auf den Fluren um Krannon zu Tausenden ruhten im Mittags-
Schatten die trefflichen Schafe der gastlichgesinnten Kreonden:
Aber die Freude daran ist hin, da das liebliche Leben
Weg ist, die Seele den Kahn des traurigen Greises bestiegen.
Namenlos jetzt, wieviel und wie Köstliches auch sie verließen,
Lägen auf ewig sie unter dem Schwärm unrühmlicher Toten,
Wenn nicht der keïsche Sänger, der machtvoll sang und bezaubernd
Zur vielsaitigen Laute, sie noch für die kommenden Alter
Hätte verherrlicht; es teilten den Ruhm die hurtigen Rosse,
Die mit Kränzen zurück von den heiligen Spielen gekehret.
Auch der Lykier Helden, wer kennte sie? wer die umlockten
Priamiden? und wer den mädchenfarbenen Kyknos,
Wenn kein Dichter die Schlachten der Vorzeit hätte gesungen?
Auch nicht Odysseus, der umirrete hundertundzwanzig
Monde bei jeglichem Volk und zum äußersten Aïdes einging,
Lebend annoch, und den Klüften entrann des kyklopisdien Unholds,
Freute sich dauernden Ruhms; Eumäos wäre, der Schweinhirt,
Lange verschollen, Philötios auch, der den Herden der Rinder
Treu vorstand, ja sogar der hochbeherzte Laertes,
Hätte sie nicht der Gesang des ionischen Sängers erhoben.
Nur durch die Musen erwächst den Menschen der herrliche Nachruhm,
Aber die Schätze der Toten verprassen die lebenden Erben.
Doch ist es ebenso schwer, am Strande die Wellen zu zählen,
Wenn sie vom blaulichen Meere der Wind zum Gestade daher treibt,
Oder im schimmernden Quell den tonigen Ziegel zu waschen,
Als zu dem Manne zu sprechen, den ganz hinnahm die Gewinnsucht.
Mag er doch gehn! und mag sein Geld sich häufen unendlich
Und die Begierde nach mehr ihm rastlos zehren am Herzen:
Ich will lieber die Ehr' und die freundliche Liebe der Menschen
Haben als viele Gespanne von Rossen und Mäuler in Haufen.
Unter den Sterblichen wer, o sagt mir, heißet willkommen
Mich in der Musen Geleit? Denn schwer sind die Pfade des Liedes
Ohne Kronions Töchter, des mächtig waltenden Gottes.
– Stets noch führet der Himmel im Kreislauf Monden und Jahre,
Manch ein Roß auch wird noch das Rad umrollen am Wagen.
Einst wird kommen der Mann, dem not ist meines Gesanges,
Wann er vollbracht, was Achilleus der Held und der trotzige Aias
Dort in des Simoi's Flur am Mal des phrygischen Ilos.
Schon seh' ich den Phöniker, der nah an der sinkenden Sonne
Wohnt auf der äußersten Ferse von Libya, schreckvoll starren;
Schon, schon gehn Syrakuser, die Speer' an der Mitte des Schaftes
Tragend, einher, um die Arme mit weidenen Schilden belastet!
Hieron selbst in dem Heer, an Gestalt wie Heroen der Vorwelt,
Strahlet von Erz, auf dem Helme die schattende Mähne des Rosses.
Wenn doch, o Zeus, ruhmvoller! und Pallas Athen', und o Tochter,
Die du, der Mutter gesellt, habseliger Ephyräer
Große Stadt dir erkorst an der Lysimeleia Gewässern:
Wenn ihr böses Verhängnis die Feinde doch würf aus der Insel
Durch das sardonische Meer, daß der Freunde Geschick sie erzählten
Fraun und Kindern daheim, ein zählbarer Rest von so vielen!
O wenn wieder die vorigen Bürger die Städte bewohnten,
Welche zu Schutt und Trümmern die Hände des Feindes verkehrten!

Würden die grünenden Fluren gebaut! und möchten der Schafe
Zahllos wimmelnde Scharen, auf grasiger Weide gemästet,
Blöken durchs Tal und die Rinder, am Abende heim in die Hürden
Kehrend, zur Eil' antreiben den langsam schreitenden Wandrer!
Würden die Brachen gepflügt zur Einsaat, wann die Zikade,
Ruhende Hirten belauschend am Mittag, singt in der Bäume
Wipfel ihr Lied! O dehnte die Spinn' ihr zartes Gewebe
Über die Waffen doch aus und verschwände der Name des Schlachtrufs!

Trügen dann Hierons hochgefeierten Namen die Dichter
Über das skythische Meer und hin, wo die riesige Mauer
Festigend einst mit Asphalt Semiramis herrschte, die große!
Einer der Dichter sei ich! Doch lieben die Töchter Kronions
Auch viel' andre, die alle Sikeliens Quell Arethusa
Singen zusamt dem Volk und Hierons herrliche Stärke.

Minysche Huldgöttinnen, geheiliget von Eteokles,
Die ihr Orchomenos liebt, die verhaßte vordem den Thebäern,
Laßt, wenn keiner uns ruft, mich zurückstehn, doch in des freundlich
Rufenden Wohnung getrost mit unseren Musen mich eingehn!
Nimmer doch laß ich von euch! Denn was bleibt Holdes den Menschen
Ohne die Chariten? Möcht' ich nur stets mit den Chariten leben.

12. Brautlied der Helena

Einst im Königspalast Menelaos' des blonden zu Sparta
Schwangen sich Mädchen im Tanz vor der neuverziereten Kammer,
Mit Hyakinthosblüten umkränzt die lockigen Haare,
Zwölfe, die ersten der Stadt, ein Stolz der lakonischen Jungfraun,
Als in dem Brautgemach, mit Tyndareos' reizender Tochter
Helena, nun sich verschloß des Atreus jüngerer Sprößling.
Fröhlich im Einklang sangen sie all', und es stampften die Füße
Rasch durcheinandergemischt, daß die Burg laut hallte vom Brautlied:
»Trautester Bräutigam, wie? so früh schon bist du entschlummert?
Ist der Schlaf dir so lieb? und sind dir die Kniee so müde?
Oder auch trankst du zu viel, daß du nun aufs Lager dich hinwarfst?
Aber um zeitig zu ruhn, da konntest du wahrlich allein gehn
Und bei der zärtlichen Mutter das Kind noch wohl mit den Kindern
Spielen lassen bis dämmert der Tag; denn morgen und übermorgen
Und Jahr für Jahr ist dein, Menelaos, die Braut nun.
Glücklicher Mann, ja gewiß dir nieste zu gutem Vollbringen,
Als du gen Sparta kamst, dem Lande der Helden, ein Edler.
Du von allen Heroen allein wirst Eidam Kronions;
Dir nur gesellt Zeus' Tochter sich unter dem selbigen Teppich.
Schön wie diese betritt kein Weib den achaiischen Boden.
Herrliches wahrlich gebiert sie dir einst, wenn der Mutter es gleichet.
Viermal sechzig Mädchen sind unser, die weibliche Jugend,
All' an Jahren uns gleich, und geübt auf einerlei Rennbahn
Alle, nach Jünglingsweise gesalbt am kühlen Eurotas:
Aber untadelig wäre, verglichen mit Helena, keine.
Wie der göttlichen Nacht die strahlende Eos ihr schönes
Antlitz enthüllt, der lachende Lenz dem scheidenden Winter:
So erglänzten vor uns der goldigen Helena Reize.
Wie die schlanke Zypresse dem üppigen Felde zur Zierde
Oder dem Garten prangt und ein Thessaler-Roß an dem Wagen,
So prangt' Helena auch, die rosige Zier Lakedämons.
Keine verwahret so feingesponnene Knäuel im Korbe,
Keine noch wob im künstlichen Stuhl mit dem Schiffchen ein dichter
Zeug und schnitt das Gewebe vom langen Baume herunter,
Keine versteht so lieblich die klingende Zither zu rühren,
Singend der Artemis Lob und der männlichgerüsteten Pallas,
Als, Helena du, die mir Anmut blicket und Liebreiz.
O holdseliges Kind, du wärest zur Frau nun geworden?
Aber wir, wir werden nach Blumen der Wiesen im Frühtau
Traurig schleichen, uns dort süßduftende Kränze zu winden.
Deiner gedenken wir dann, o Helena, wie nach den Brüsten
Ihrer Mutter mit Schmerzen die saugenden Lämmlein verlangen.
Draußen flechten wir dir aus niederem Lotos den ersten
Kranz und hängen ihn auf an der schattenreichen Platane,
Nehmen aus silberner Flasche für dich der lieblichen Narde
Erstlingstropfen und träufeln sie aus am Fuß der Platane;
Und, in die Rinde geschnitten zur Inschrift, möge der Wandrer
Lesen das dorische Wort: Gib Ehre mir, Helenas Baume!

Heil dir, o Braut! Heil dir, Eidam des erhabenen Vaters!
Leto, sie geb' euch, Leto die Pflegerin, Segen der Kinder;
Kypris, die göttliche Kypris, euch gleich zu lieben einander;
Zeus dann, Zeus der Kronide, verleih' unvergänglichen Reichtum,
Den ein edel Geschlecht auf edle Geschlechter vererbe!
Schlaft, euch Lieb' einatmend ins Herz und süßes Verlangen!
Schlaft! doch auch zu erwachen am Morgenschimmer vergeßt nicht!
Wir auch kommen zurück, wann der tagankündende Sänger,
Wach aus der Ruh, aufkräht, schönfiederig wölbend den Nacken.

Hymen, o Hymenäos, du freue dich dieser Vermählung!

13. Die Fischer

Armut nur, Diophantos, erweckt die betriebsamen Künste,
Sie, die Mühen und Fleiß uns lehret. Sogar ja den Schlaf nicht
Wollen die bitteren Sorgen dem Arbeitsmanne vergönnen.
Wenn auch einer bei Nacht den wenigen Schlummer erhaschte,
Plötzlich verscheucht ihn wieder die stets andringende Unruh.

Unter der Hütte geflochtenem Dach, auf trockenem Moose
Lagen einmal zween Fischer, schon eisgrau beide, beisammen,
Angelehnt an die laubige Wand; und nahe bei ihnen
Lag am Boden ihr Handwerkszeug, die Körbe, die Ruten,
Angelhaken sodann und Köder, umwickelt mit Seegras,
Haarseil' auch und Bungen und binsengeflochtene Reusen,
Schnüre daneben, ein Fell, und ein alternder Nachen auf Stützen,
Unter dem Kopf ein Mattenstück, und Kittel und Filze.
Dies das ganze Gerät und alle die Habe der Fischer.
Weder Topf noch Tiegel besaßen sie: Alles in allem
War den Leuten der Fang, und ihre Genossin war Armut.
Auch kein Nachbar umher: denn ringsum drängte das Meer sich
Spülend gegen die Hütte mit sanft anplätschernden Wellen.

Noch war nicht auf der Hälfte der Bahn der Wagen des Mondes,
Als ihr Geschäft die Fischer gemahnete. Schnell von den Wimpern
Rieben sich beide den Schlaf, zum Gespräch die Geister ermunternd.

Erster Fischer
Du! es lügen doch alle, die sagen, es würden die Nächte
Kürzer im Sommer, wenn Zeus uns längere Tage verleihet.
Tausend Träume doch hatt' ich bereits, und noch fern ist der Morgen.

Irr' ich mich? oder was ist's? Verziehn jetzt länger die Nächte?

Zweiter Fischer
Laß mir doch ungekränkt den lieblichen Sommer! Die Jahrszeit
Überschreitet ja nimmer den Lauf nach eigener Willkür,
Sondern die Sorgen verkürzen den Schlaf und machen die Nacht lang.

Erster Fischer
Ob du dich auch auf Träume verstehst? Ich sah dir ein herrlich
Traumgesicht in der Nacht; das will ich zum besten dir geben.
Wie in den Fang, so teilen wir uns auch wohl in die Träume.
Dir tut's keiner zuvor an Verstand, und, mein' ich, der beste
Traumausleger ist der, dem eigner Verstand auf die Spur hilft.
Übrigens haben wir Zeit; denn was soll einer beginnen,
Wenn er am Meer so liegt, auf Blätter gebettet und Reisig,
Ruhlos, wachenden Aug's? Licht – siehst du nur im Prytaneion;
Aber das hat auch beständigen Fang, so sagen die Leute.

Zweiter Fischer
Nun, so erzähle den Traum! Mir kannst du ihn sicher vertrauen.

Erster Fischer
Gestern, als ich entschlief, von dem nassen Treiben ermüdet,
(Übersättiget hatt' ich mich nicht; wir aßen bei Zeiten,
Wenn du noch weißt, und schonten des Magens) däucht mir, ich stiege
Einen Felsen hinan, da setzt' ich mich nieder, auf Fische
Lauernd, und schüttelt' am Rohr den trüglichen Köder hinunter.
Einer schwamm nun herzu, so ein fetter – (es träumet im Schlafe
Gern von Brocken der Hund, ich habe mit Fischen zu schaffen):
Richtig auch hing er mir fest am Angelhaken, und Blut floß.
Und wie er zappelte, bog sich das Rohr in den haltenden Händen.
Beide die Arme zugleich anstrengend, hatt' ich dir eine
Not, den mächtigen Fisch mit dem schwachen Eisen zu ziehen!
Könnt' er nicht auch mich verwunden? so dacht' ich, und: wirst du mich beißen?
Rief ich, so beiß' ich dich wieder! Er blieb, und ich streckte die Hand aus:

Siehe, da war es vollbracht, und es lag ein goldener Fisch da,
Über und über mit Golde bedeckt. Doch hielt mich die Furcht noch,
Ob nicht vielleicht Poseidon den Fisch zum Liebling erkoren,
Ob Amphitriten, der blaulichen Göttin, nicht eigne das Kleinod.
Sachte löst' ich indes von der Angel ihn, daß mir die Haken
Ja nicht etwas Gold aus den Kiefern des Fisches behielten.
Aber dann trug ich im Netz ihn vollends hinauf an das Ufer;
Sieh, und ich schwur: Nun setz' ich den Fuß auch nimmer ins Wasser,
Sondern ich bleib' auf dem Land und beherrsche mein Gold wie ein König!

Dies erweckte mich denn. Was sind nun deine Gedanken
Weiterhin? Mich ängstet der Eid, Freund, so ich geschworen.

Zweiter Fischer
Sei nur ruhig. Du schwurst doch nicht; du fandest den goldnen
Fisch, wie du glaubtest, ja nicht; ein Traum ist so gut wie 'ne Lüge.
Spähst du wachend indes, nicht träumend umher in der Gegend,
Dann zu Erfüllung des Traums nur fleischerne Fische gesuchet!
Daß du nicht Hungers stirbst bei all' den goldenen Träumen.

14. Herakles als Kind

Ihren Herakles legt' Alkmene, Mideas Fürstin,
Ihr zehnmonatlich Kind, mit Iphikles – jünger um Eine
Nacht nur –, beide gesättigt von ihr mit Milch und gebadet,
Einst auf den ehernen Schild, die herrliche Waffe, die ehmals,
Da Pterelaos fiel, dem Amphitryon wurde zur Beute.
Leise den Knaben das Haupt anrührend, flüstert die Mutter:
»Schlaft mir, Kinderchen, süß, o schlaft den erquickenden Schlummer!
Schlaft, Herzlieben, ihr Brüder, ihr kräftig blühenden Kinder,
Schlummert in Ruhe nun ein und erreicht in Ruhe das Frühlicht!«
Sprach's, und wiegte den Schild, den gewaltigen; und sie entschliefen.

Aber zu Mitten der Nacht, wenn sich westwärts neiget die Bärin
Gegen Orion hin, der die mächtige Schulter nur sehn läßt,
Siehe, da wälzten auf Heras Geheiß, der listigen Göttin,
Zwei erschreckliche Drachen, in blaulichen Kreisen sich windend,
Gegen die Schwelle sich her und die hohlen Pfosten des Eingangs,
Ungeheuer; sie sollten den kleinen Herakles erwürgen.
Beide, sich lang ausrollend mit blutgeschwollenen Bäuchen,
Schlängelten über das Estrich, und höllisches Feuer entblitzte,
Wie sie kamen, den Augen, sie spien scheuseliges Gift aus.
Als sie den Knaben nunmehr mit züngelndem Maule genahet,
Plötzlich, geweckt durch Zeus, den allwissenden, wachten die holden
Kinder Alkmenes auf, und Glanz durchstrahlte die Wohnung.
Aber Iphikles schrie, wie er schaute die gräßlichen Tiere
Auf dem gehöhleten Schild und die graunvoll nahenden Zähne,
Schrie, und zurück mit der Ferse die wollige Decke sich stampfend,
Zappelt' er, als zu entfliehn. Doch es strebt' entgegen Herakles,
Faßt' in die Hände die zween, und also in engender Fessel
Zwang er sie, hart an der Gurgel gedrückt, wo die schrecklichen Schlangen
Tragen ihr tötendes Gift, das selber den Göttern verhaßt ist.
Jetzt in gewaltigen Ringen umwanden sie beide den Säugling,
Welchen mit Schmerzen die Mutter gebar, der nie nach ihr weinte.
Doch sie ließen ihn bald, erschlafft um die Wirbel des Rückgrats,
Und arbeiteten nur, der zwängenden Faust zu entschlüpfen.

Aber Alkmene vernahm das Geschrei und erwachte die erste.
»Auf, Amphitryon, geh! mich hält der betäubende Schrecken!
Geh doch, binde nicht erst die Sohlen dir unter die Füße!
Hörst du die Kinder denn nicht, wie laut der jüngere schreiet?
Siehest du nicht, wie tief in der Nacht die Wände des Hauses
Hell sind alle von Glanz, eh' noch Frühröte sie anstrahlt?
Wahrlich im Hause gesdiieht was Besonderes, wahrlich, Geliebter!«

Also sprach sie; dem Lager entsprang ihr Gatte gehorchend,
Faßte sogleich empor nach dem künstlichen Schwerte, das immer
Über dem Lagergestell am zedernen Nagel ihm dahing,
Mit der einen ergriff er das neugewirkte Gehenke,
Und in der anderen hob er die herrliche Scheide von Lotos.
Aber es füllte sich wieder die räumige Halle mit Dunkel.
Und nun rief er die Knechte, die schwer aufstöhnten vom Schlafe:
»Auf, ihr Diener! und bringet mir Licht! holt Feuer vom Herde!
Eilt, was ihr könnt! und stoßt von der Pforte die mächtigen Riegel!
Auf, ihr wackeren Leute, erhebet euch!« Also gebot er.
Und es erschienen alsbald mit flammenden Bränden die Knechte,
Wirres Gedräng' erfüllte den Saal, wie jeglicher eilte.
Aber da sie nunmehr den kleinen Herakles erblickten,
Wie er die zwei Untiere so fest in den Händen gedrückt hielt,
Laut aufschrieen sie alle. Doch selbiger zeigte dem Vater
Seine Schlangen nun hin, und hoch vor kindischer Freude
Hüpft' er empor und streckte die scheußlichen Drachen, in tiefen
Todesschlummer versenkt, Amphitryon lachend zu Füßen.
Aber es legt' Alkmene sofort an den tröstlichen Busen
Ihren von tobender Angst schon halbentseelten Iphikles.
Über den anderen legte die wollige Decke der Vater,
Ging dann wieder zu Bett und gedacht' aufs neue des Schlummers.

Als zum Dritten die Hähne gekräht den dämmernden Morgen,
Ließ den Teiresias schnell, den wahrheitredenden Seher,
Zu sich rufen die Fürstin und sagt' ihm das nächtige Wunder
An, und begehrte von ihm, wie das endigen würde, zu wissen.
»Scheue dich nicht; auch wenn mir Böses bereiten die Götter,
Dennoch verhehle mir's nicht! Es vermögen die Menschen ja nimmer
Dem zu entgehn, was die Moire mit rollender Spindel beschleunigt.
Doch, Euereus' Sohn, was will ich den Weisen belehren?«

Also sagte die Fürstin; und drauf antwortete jener:
»Mutig, o Perseus' Blut, du glücklichste unter den Müttern!
Ja, bei dem lieblichen Licht, das lange mein Auge verlassen:
Manche Achaierin, wenn sie das zarte Gespinst um die Kniee
Zwischen den Fingern drehet am Abende, wird von Alkmenen
Singen einmal! Dich werden die Töchter von Argos noch feiern!
Solch ein Mann wird dieser dein Sohn, den sternigen Himmel
Wird er ersteigen dereinst, ein breitgebrüsteter Heros.
Keines der Ungetüme besteht ihn, keiner der Männer.
Zwölf Arbeiten vollbringt er und wohnet darnach bei Kronion.
Aber sein Sterbliches alles verzehrt der trachinische Holzstoß.
Eidam nennen ihn dann die Unsterblichen, welche, den Knaben
Jetzt zu würgen, hervor aus der Höhle die Drachen gesendet.
Einst wird kommen der Tag, da der Wolf mit schneidenden Zähnen
Sieht im Lager das Junge des Hirschs und nimmer es kränket.
Aber, o Königin, laß in der Asche dir Feuer bereit sein,
Schafft dann trockenes Holz vom Aspalathos oder vom Stechdorn,
Brombeern, oder im Winde gewirbeltes Reisig der Waldbirn,
Dann verbrenn' auf dem wildernden Haufen du beide die Drachen,
Mitternachts, da sie selber den Sohn dir zu morden getrachtet.
Früh dann sammle der Sklavinnen eine die Asche des. Feuers,
Trage sie über den Strom und werfe sie alle behutsam
Vom vorstarrenden Fels grenzüber, und gehe zurück dann,
Ohne zu wenden den Blick. Mit lauterem Schwefel durchräuchert
Erst das Haus, dann sprenget mit grünendem Zweige bekränztes
Reines Wasser, mit Salze gemischt, nach der Weise der Sühnung.
Zeus dann werde, dem hocherhabnen, ein Eber geopfert,
Daß stets über den Feinden auch hocherhaben ihr stehn mögt.«

Sprach's, und hinweg sich wendend vom elfenbeinernen Sessel
Ging Teiresias heim, achtlos schwerlastenden Alters.

15. Die Spindel

O Spindel, Wollefreundin, Angebind'
Der blaugeaugten Göttin du, den Fraun
Gewidmet, deren Sinn auf Häuslichkeit
Gestellt ist, komm nunmehr getrost mit mir
Zu Neleus' glanzerfüllter Stadt, allwo
Aus zartem Schilfgrün Kypris' Tempel steigt.
Dorthin erbitten wir von Vater Zeus
Uns schönen Fahrwind, daß ich bald des Freunds
Von Angesicht mich freuen möge, selbst
Auch ein willkommner Gast dem Nikias,
Den sich die Chariten zum Sohn geweiht,
Die lieblichredenden. Dann leg' ich ihr,
Der Gattin meines Freundes, in die Hand
Zur Gabe dich, aus hartem Elfenbein
Mit Fleiß geglättete. Wohl künftighin
Vollendest du gar manch Gespinst mit ihr
Zu männlichen Festkleidungen, auch viel
Meerf arbne zarte Hüllen, wie die Fraun
Sie tragen. Zweimal müssen jedes Jahr
Der Lämmer Mütter auf der Au zur Schur Die weichen Vliese bringen, damit ja
Der nettfüßigen Theugenis so bald
Die Arbeit nicht ausgehen mag; sie liebt,
Was kluge Frauen lieben. In das Haus
Der unwirtschaftlich Müßigen hätt' ich
Dich nimmermehr gebracht, o Landsmännin.
Dein Heimatort ist jene Stadt, die einst
Der Ephyräer Archias erbaut,
Das Mark Trinakrias, der Edeln Sitz.
Sofort nun Hausgenossin jenes Manns,
Des Kunst so manches feine Mittel weiß,
Das von den Menschen böse Krankheit scheucht,
Im lieblichen Miletos wohnest du
Im Kreis der Jonier: daß Theugenis
Bei andern Weibchen ihres Volks die Schön-
Gezierte mit der Spindel heißen soll,
Und daß du ihren Gast ihr allezeit,
Den Liederdichter, ins Gedächtnis rufst.
Da sagt zum andern einer, der dich sieht:
»Wie viel ein klein Geschenk doch gelten kann!
So wert ist alles, was von Freunden kommt.«

16. Liebesklage

Im Wein ist Wahrheit, sagt man, lieber Knabe:
Drum laß auch uns im Rausche wahrhaft sein!
Ich will dir jetzt, was im geheimsten Winkel
Der Seele mir verborgen lag, entdecken.
Nie hast du mir so recht aus Herzens Grund
Die Lieb' erwidert; lange weiß ich das:
Denn sieh, des Lebens Hälfte, so noch mein,
Nährt sich und lebt allein von deinem Bilde,
Das Andre ist dahin. Wenn dir's gefällt,
So leb' ich einen Tag der Seligen:
Gefällt dir's nicht, im Finstern bleib' ich dann.
Wie ziemt sich das, den Liebenden zu quälen?
Doch gibst du mir, der Jüngere dem Ältern,
Gehör, so wirst du selbst es besser haben,
Und wirst mich loben noch. – O baue dir
Ein festes Nest einmal auf Einem Baume,
Wohin kein böses Raubgewürme schleicht!
Nun aber reizt dich heute dieser Zweig,
Und morgen jener; immer flatterst du
Von einem so zum andern fort. Es darf
Nur jemand, der dich sieht, dein schön Gesicht
Dir loben, und du bist alsbald mit ihm
Vertraut gleich einem Freund von dreien Jahren
Und mehr fürwahr. Wer dich zuvor geliebt
Erhält die dritte Stelle. Ja, es scheint,
Dir stehet nach der Großen Gunst der Sinn.
Doch wähle du, so lang du lebst, nur stets
Den Gleichen. Tust du dies, wirst du dem Volk
Ein Wackrer heißen, Eros auch wird dir
Kein Leides bringen, welcher ja so leicht
Der Männer Herzen sich in Fesseln schlägt
Und mich, der Eisen war, zum Kind erweichte.
Ach, immer noch, an deinen Rosenmund
Mich drückend, fest umwunden halt' ich dich!

Gedenk', o denke, noch im vor'gen Jahr
Warst du ein Jüngerer! – wir altern, eh'
Wir umgeblickt, und Falten zeigt die Stirn.
Die Jugend aber holt man nicht zurück:
Denn an den Schultern trägt sie Fittiche;
Zu langsam, traun, sind wir für solche Flucht.
Dieses bedenkend, werde milder nun
Und gib die treue Liebe mir zurück,
Damit, wenn einst dein Kinn sich männlich lockt,
Wir doch noch, ein achillisch Freundespaar,
Zusammenstehn. – Doch gibst du meinen Rat
Zum Raub den Winden hin und denkst bei dir:
»Was plagt er mich, der Unausstehliche?«
So werd' ich – ging ich gleich um deinetwillen
Zur goldnen Frucht der Hesperiden jetzt,
Zu Kerberos, der Toten Wächter, hin –
Gewiß alsdann, und wenn du selbst mich rufst,
Den Fuß nicht rühren. Weg ist dann gewiß
Der Liebe Sehnsucht, die mich so gequält.

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