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Gutenberg > Eduard Mörike >

Griechische Lyrik

Eduard Mörike: Griechische Lyrik - Kapitel 3
Quellenangabe
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typepoem
authorEduard Mörike
titleGriechische Lyrik
publisherFischer Bücherei
editorUvo Hölscher
year1960
translatorEduard Mörike
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2009615
projectid65f366dd
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Theognis

I. An Kyrnos

1.

Hoffnung verbleibt noch den Menschen allein trostbringende Gottheit,
Und nach olympischen Höhn kehrten die andern zurück.
Hin schied Treue, so groß vor den Göttinnen; hin auch der Männer
Ernst, und die Chariten, Freund, haben die Erde geräumt.
Nicht mehr binden die Eide zum Rechttun unter den Menschen,
Keiner auch beut Ehrfurcht ewigen Göttern annoch,
Und aus starb das Geschlecht Frommdenkender: weder der Themis
Ordnungen achtet man mehr, weder was Frommen geziemt.
Aber so lang wer lebt und ihm Helios' Strahlen noch leuchten,
Ehre die Götter sein Herz, bleib' er der Hoffnung getreu.
Und zu den Himmlischen fleh' er, und glänzende Schenkel verbrennend,
Zünd' er zuerst und zuletzt immer der Hoffnung ihr Teil.

2.

Doch dir will ich in Liebe verkündigen, was ich, o Kyrnos,
Selber von Edlen gelernt, als ich ein Knabe noch war.

3.

Nichts ist süßer fürwahr, als Vater und Mutter zu haben,
Sterblichen, Kyrnos, die noch heiligem Rechte getreu.

4.

Doch wer Achtung nicht trägt vor dem Haupt hingreisender Eltern,
Solchem besteht nicht lang, Kyrnos, in Segen das Haus.

5.

Kyrnos, scheue die Götter und fürchte sie: dienet nur wehret
So in der Tat als im Wort frevles Beginnen dem Mann.

6.

Anfangs gleich frommt wenig die Lüg', und nahet der Ausgang,
Gibt ihr Gewinn heillos gleich wie entehrend sich kund,
Beides zumal; und es bleibt nichts Würdiges ferner dem Manne,
Folgt ihm die Lüg' und entschlüpft über die Lippen einmal.

7.

Keiner, o Kyrnos, ist selbst sich des Wehs Urheber und Segens,
Sondern die Götter allein spenden dies Doppelgeschick.
Und kein Sterblicher mühet im Schweiße sich, wissend im Geiste,
Ob es zu fröhlichem Ziel oder zu herbem gedeiht.
Denn wer das Törichte meinte zu tun, oft tat er das Gute,
Und wer das Gute vermeint, hat das Verkehrte getan.
So mag Keinem begegnen der Sterblichen, was er begehrte,
Denn Hülflosigkeit legt engende Banden ihm an.
Sterbliche sind wir und sinnen Vergebenes, tappend im Finstern,
Und wie es ihnen genehm, lenken die Götter das All.

8.

Hoffart sendet zuerst aus verderblichen Losen die Gottheit,
Wem sie, o Kyrnos, das Haus ganz zu entwurzeln beschloß.
Hoffart wächst aus Ersättigung auf, wenn dem frevelen Manne
Segen gefolgt und ihn nicht sinniger Geist auch beseelt.

9.

Nimmer der Armut Qual, die verzehrende, wolle dem Manne
Du vorwerfen im Zorn, noch den verhaßten Bedarf.
Denn Zeus richtet dem Menschen ein andermal anders die Waage,
Bald ihm zu reichem Besitz, bald daß ihm alles gebricht.

10.

Nie ein verwegenes Wort entgehe dir! Keiner, o Kyrnos,
Weiß ja, was über die Nacht reif für den Sterblichen wird.

11.

Lieber, o Zeus, ich staune dich an: denn allen gebeutst du,
Und dir bleibet die Ehr' und die unendliche Macht.
Und wohl kennst du der Sterblichen Sinn und jedes Gemütsart,
Doch hoch über sie all' herrschest, o König, nur du.
Wie nun erträgt, Kronide, dein Herz, daß in selbigem Ansehn
Beide, den redlichen Mann und die Verruchten, du hältst:
Ob zu besonnenem Tun sich der Geist, ob zu sündigem wende,
Daß er im Menschen dem Reiz freveler Taten gehorcht;
Und von der Gottheit nirgend den Sterblichen je ein Gesetz sich
Zeigt noch ein Pfad, der genehm vor den Unsterblichen macht?

12.

Möchten, o Vater Zeus, doch die Himmlischen immer den Frevlern
Gönnen ihr böses Gelüst! aber auch dieses genehm
Achten, daß, wer da verhärteten Sinns leichtsinnigen Taten
Sich hingäbe, getrost über der Götter Gericht,
Selber sofort auch büßte die Sünd', und des Vaters Verschuldung
Nicht noch den Kindern aufs Haupt fiel' im Verlaufe der Zeit,
Und, wenn des Frevelnden Söhne das Redliche denkend auch redlich
Handelten, scheuend im Geist, Zeus, zu entrüsten dein Herz
(Daß sie von Anfang gleich Rechtschaffenheit übten im Volke),
Keiner entgälte, was einst sündige Väter verwirkt!
Hielten sie doch dies billig, die Seligen! Aber der Täter
Geht frei aus, und die Schuld traget ein anderer jetzt.

13.

Dieses denn auch, der Unsterblichen Fürst! wie mag es gerecht sein,
Daß, wenn von frevelem Tun rein sich bewahret ein Mann
Und sich nicht Schuld ausfindet an ihm noch sündiger Eidschwur,
Sondern gerecht er sich weiß, nicht auch Gerechtes erfährt?
Welcher hinfort wohl sollte der Sterblichen, schauend auf diesen,
Ehre den Himmlischen tun oder mit welchem Gefühl?
Wenn sich der frevele Mann, der vermessene, welchen der Menschen,
Welchen der Himmlischen Zorn nimmer bewegt im Gemüt,
Frech in des Reichtums Segen ersättiget, doch die Gerechten
Schmachten in Not, vom Bedarf schmählich daniedergedrückt?

14.

Gehe dir's wohl, wie du tust! was bedürftest du anderer Botschaft?
Für hülfreiches Bemühn findet der Bote sich leicht.

15.

Aber von Tadel befreit bleibt unter den Irdischen keiner:
Glücklich denn noch, wes Tun Weniger Zunge nur müht.

16.

Nie wird einer der Sterblichen sein, noch war er zuvor je,
Welcher von allen gelobt stiege zum Aïs hinab.

Mag doch er selbst, der Menschen und himmlischen Göttern gebietet,
Zeus, der Kronide, sich nie Lobes bei allen erfreun.

17.

Süßer, o Kyrnos, ist nichts, als ein tugendlich Weib zu besitzen;
Zeuge bin ich, doch du sei mir ein Zeuge des Worts.

18.

Doch mir ein Greul ist ein lotterndes Weib und der wüste Geselle,
Welcher ein fremd Saatland frech zu bepflügen gedenkt.

19.

Herbe zugleich und lieblich erzeige dich, hart und unnahbar,
Löhnern und Knechten und wer nah an den Pforten dir wohnt.

20.

Gleich zwar richteten sonst die Unsterblichen ein den Menschen
Beides, der Jugend und schwerdrückenden Alters Geschick.
Aber von allem ist doch das Entsetzlichste, ja was den Tod auch
Selbst und den Unfrohmut jeglicher Seuche besiegt:
Wenn du Kinder erzogen und jegliches Liebe geleistet
Und Reichtümer gehäuft, mancherlei duldend des Wehs,
Feinden sie an den Erzeuger und fluchen ihm, daß er verderbe,
Und scheel sehen sie ihm, wie wenn ein Bettler sich naht.

21.

Wert ist, daß Gold und Silber ihn aufwägt, wer da in Zeiten
Schwerer Entzweiungen dir, Kyrnos, die Treue bewahrt.

22.

Keinem der Sterblichen weichet an Wert ein trauter Gefährte,
Welchem zu sinnigem Geist, Kyrnos, die Kraft sich vereint.

23.

Keiner erweist sich als Freund, wenn dem Mann Unsegen daher kam,
Hätt' auch der nämliche Schoß, Kyrnos, zum Licht sie gebracht.

24.

Ja, sieht einer der Freunde, daß irgend mich Leiden bedränget,
Kehrt er das Haupt seitwärts, mich zu erblicken besorgt.
Aber ist Heil mir geschehn, wie dem Sterblichen selten begegnet,
Dann wird Gruß mir und Kuß reichlicher Liebe gezollt.

25.

Wenn du leidest, o Kyrnos, dann kranken wir bitterlich alle,
Aber was sonst uns betrübt, geht mit dem Tage dahin.

26.

Kose mir nicht mit Worten und denke dann anders im Geiste,
So du mich liebest und treu schlaget im Busen dein Herz.
Sondern mich lieb' entweder in Lauterkeit, oder entsagend
Feinde mich an und erheb' offen vor allen den Zwist.
Doch wem bei einiger Zunge das Herz zwiefältig, o Kyrnos,
Der ist ein arger Gesell, Feind mir erwünschter denn Freund.

27.

Kyrnos, in jeglichen Freund mit gediegsamer Weise dich finden
Lern', anschmiegend den Sinn, wie ihn ein jeglicher hegt.
Triff der Polypen Natur, vielarmiger, welche vom Felsen,
Dran sich ihr Körper gerankt, bald auch die Farbe gelehnt.
Jetzt zwar steure nach dort, doch ein andermal zeige dich anders,
Mehr als unlenkbarer Sinn nützet gefügige Kunst.

28.

Niemals, sitzen wir nahe dem Weinenden, wollen wir lachen,
Kyrnos, des eignen Gedeihns denkend in selbstischer Lust.

29.

Laß uns den Freunden das Weh, da zugegen sie, tilgen im Keime,
Kyrnos, und gehen nach Rat, während der Schaden erwächst.

30.

Zürnt' um Verirrungen jeder sogleich jedwedem der Freunde,
Nimmer verstünde man sich herzlich und liebend annoch
Untereinander: dem Lose der Sterblichen folget der Irrtum,
Kyrnos, und Götter allein sehen denselben nicht nach.

31.

Also gebührt, daß der Edle, verändert er seine Gesinnung,
Doch bis zum Ende sie treu immer bewahre dem Freund.

32.

Goldes und Silbers versichern sich kunstausübende Männer
Prüfend in Glut: doch der Wein zeiget des Mannes Gemüt,
Wär' er auch hochverständig, wenn über Gebühr er ihn hinnahm.
Daß er Beschämung ihm bringt, war er auch weise zuvor.

33.

Zweimal erwäg' und dreimal, was irgend dir kam in den Busen,
Denn zufahrender Sinn reißt in Verderben den Mann.

34.

Auch den Behenden ereilet ein Langsamer, folgend mit Rate,
Kyrnos, durch grade daherschreitendes Göttergericht.

35.

Einsicht schenken die Götter als trefflichste Gabe den Menschen,
Kyrnos; durch Einsicht kann alles beherrschen der Mensch.
Selig, o wer sie wahrt im Gemüt! Wohl darf man um vieles
Schnöder Gewalttat sie und dem verderblichen Stolz
Vorziehn. Stolz ist ein Übel dem Sterblichen, daß ihm kein ärgres,
Kyrnos; denn dieser auch bringt jegliches Laster hervor.

36.

Besser Vermächtnis kannst du zurück nicht legen den Kindern,
Kyrnos, denn Scham, die den Geist edeler Männer erfüllt.

37.

Hoffnung sowohl als Gefahr zeigt gleiche Gestalt für die Menschen,
Denn unverlaßbar ist beider Dämonen Natur.
Oftmals gegen Versehn und Vermutbarkeit treffen die Werke
Sterblicher zu, und es schlägt Weiseberatenes fehl.

38.

Nimmer auch sollst du schwören: es kommt nie dieses zum Ausgang!
Götter erzürnt solch Wort, welchen das Ende vertraut.

39.

Güterbesitz blüht manch' Unverständigem: doch die dem Schönen
Nachgehn, solchen verzehrt bittre Bedrängnis das Herz.
So sind gleichergestalt den beiden die Hände gefesselt,
Denn wenn die einen das Gut, hindert die andern der Geist.

40.

Plutos, du anmutvollster und lieblichster unter den Göttern,
Mit dir wird auch ein Schelm bald zum vortrefflichen Mann.

41.

Schwer drückt nieder den Edlen vor jeglicher Bürde die Armut,
     Selbst vor ergreisendem Haar, Kyrnos, und Fiebergewalt:
Ihr zu entgehn, ja Kyrnos, in scheusalwimmelnde Meerflut
     Stürz' er sich und vom Geklipp schwindelnder Felsen hinab!
Denn wenn in Not hinschmachtet ein Mann, nie freut er des Wortes,
     Nie sich der Tat, und Zwang hält ihm die Zunge gelähmt.
Rings durch die Länder der Erd' und auf mächtigen Schultern des Meeres
     Muß er aus lastender Not, Kyrnos, Befreiung erspähn.
Sterben, du trautester Kyrnos, ist besser dem darbenden Manne,
     Als in der Armut Qual fürder das Licht zu erschaun.

42.

Nicht dasein, das wäre den Irdischen völlig das beste
     Und niemals zu erschaun Helios' sengenden Strahl;
Aber geboren, sogleich durch des Aïdes Pforten zu wandeln,
     Und still liegen, den Staub hoch auf dem Hügel gehäuft.

43.

Hand anlegen doch ziemt. Schon wuchs ja aus Schlimmem, was heilsam,
     Gleich wie aus Gutem, was schlimm: wie der bedürftige Mann
Bald sich gesehn in Segen, und wer unermeßlich beglückt war,
     Plötzlich in einziger Nacht tief in das Elend gestürzt.

44.

Keiner ist ganz und in allem ein Glücklicher, aber der Edle
     Trägt, wenn ihn Kummer umfängt, ohn' es zu zeigen jedoch.
Feigen indes weiß nimmer im Leide sich, nimmer im Glücksstand
     Gleich zu gebärden der Mut. Gaben der Himmlischen nahn
Vielfach gestaltet herab zu den       Sterblichen: aber mit Standmut
Ziemt's zu empfahn, was je himmlische Götter beschert.

45.

Was du begehrst, ich kann nicht, o Herz, dir alles erfüllen:
Duld'; um des Schönen Genuß sehnest nicht du dich allein.

46.

Sterblichen kommt es nicht zu, mit unsterblichen Göttern zu hadern
Noch Anklage zu tun: keiner hat dessen ein Recht.

47.

Dem, was die Moire verhängt, nicht kann man ihm, Kyrnos, entschlüpfen,
Doch was die Moire verhängt, bin ich zu dulden nicht bang.

48.

Lasse zu viel nicht sehn: mißratet dir etwas, o Kyrnos,
Findest du wenige nur, welche dein Kummer betrübt.

49.

Wem da ein mächtiges Wehe geschah, dem schwindet das Herz ein,
Kyrnos, doch mächtig erstarkt's, wenn er Vergeltung geübt.

50.

Fasse, mein Herz, dich im Leiden, ob auch Unerträgliches duldend;
Nur in den Feigen erbraust heftig das Innre sogleich.
Wolle doch du um Vergebliches nicht, selbst mehrend den Unmut,
Dir anhäufen die Last, deinen Geliebten den Gram,
Und froh machen die Gegner! Was himmlische Götter verhängten,
Nicht leicht mag ihm entgehn, wer vom Vergänglichen stammt,
Tauchet' er selbst in die Tiefe des purpurnen Seees hinunter,
Hätt' ihn der Tartaros auch schon in die Nebel gehüllt.

51.

Fasse dich, Kyrnos, im Schmerze, du hast auch Freuden genossen,
Wenn nun auch ihn das Geschick dir zu versuchen gebeut!
Und wie mit Leide gewechselt die Lust, so strebe dagegen
Ihm zu enttauchen, mit Flehn zu der Unsterblichen Huld.

52.

Wenig Bekümmernis macht mir die Qual herzkränkender Armut
Oder der Gegner Gezücht, welches den Namen mir schmäht.
Aber ich traur' um die Jugend, die liebliche, welche mir fremd wird,
Und wehklage, daß nah drückendes Alter mir kommt.

53.

Nicht am Vergeblichen weile den Geist, noch setze zum Ziel dir
Solcherlei Tun, das nicht einen Erfolg dir verheißt.

54.

Schweißlos spendeten nie die Unsterblichen Schlimmes noch Gutes
Jemals: aber es eint mühsamer Tat sich der Ruhm.

55.

Nimmer zu viel anstreben! Die Mitte nur frommet in allem,
Und so nahst du dem Preis, Kyrnos, der schwer sich erringt.

56.

Nimmer zu viel anstreben! In allem, was Menschen beginnen,
Frommt's, zu erwägen die Zeit: oft zu gepriesenen Höhn
Eilet ein Mann, des Gewinns sich befleißigend, welchen ein Dämon
Arglistvoll in das Netz tiefer Versündigung führt
Und ihn mit Blindheit schlägt, daß Verderbliches heilsam ihn dünket
Leicht, und was nützlich ihm war', ihm als verderblich erscheint.

57.

Mancherlei geht, und ich weiß es, dahin vor mir: aber die Not legt
Schweigen mir auf, denn ich weiß, was ich zu leisten vermag.

58.

Vielfach regen sich Kräfte des Frevelen unter den Menschen,
Aber des Herrlichen auch, auch des Behülflichen viel.

59.

Auch nicht der Leu speist immer im Fleische sich, sondern er selbst auch,
Ob ein Gewaltiger schon, prüfet die Arme der Not.

60.

Fördere keinen Tyrannen um Hoffnungen, frönend dem Vorteil,
Laß auf Verschwörungen auch nicht, ihn zu töten, dich ein.

61.

Streng nach der Richtschnur wandl' ich dahin, mich nach keinerlei Seite
Neigend vom Weg, denn ich muß alles bedenken nach Recht.
Frieden der Heimat geb' ich, der strahlenden, weder dem Volke
Weichend noch auch zum Rat freveler Männer gewandt.

62.

Er, der als Burg dastehet und Turm dem verblödeten Volke,
Kyrnos, wie ärmlichen Preis träget der Edle davon!

63.

Kyrnos, die Stadt geht schwanger: ich fürchte nur, wer ihr entsprießet,
Steure dem trotzigen Mut, der uns im Busen erwuchs.
Selbst zwar sind noch die Bürger Verständige, aber die Führer
Streben zum Abgrund hin reichlichen Jammergeschicks.

64.

Kyrnos, die Stadt geht schwanger: ich fürchte nur, wer ihr entsprießet,
Führ' uns verwegen den Tag herber Empörung heran.
Oft ja bereits ist unsere Stadt durch der Führer Verkehrtheit
Gleich dem enttakelten Schiff an das Gestade gerannt.

65.

Jägerin Artemis, Tochter des Zeus, die geweiht Agamemnon,
Als er mit rüstigem Zug schiffte zum Troergefild:
Höre mich Flehenden an und verscheuche mir feindliche Keren;
Dir ja ist, Göttliche, dies wenig, und viel ist es mir.

66.

Welchergestalt wir anjetzt, da die blendenden Segel gesunken,
Treiben aus Malischer Bucht hin durch umfinsterte Nacht:
Keiner gedenkt zu entschöpfen den Schwall, und es stürzet das Meer doch
Hüben und drüben herein. Wahrlich mit Mühe nur mag
Retten sich wer! Doch sie sind getrost; den erfahrenen Steurer
Taten sie fort, der Wacht übte mit kundigem Fleiß,
Und frech raffen sie Güter sich zu, und dahin ist der Anstand,
Und ihr gebührendes Teil wird der Gemeine verkürzt,
Und Lastträger gebieten, und Schändliche treten auf Edle:
Traun, mir bangt, daß die Flut gänzlich verschlinge das Schiff!
So viel sei mir in Rätsel geschürzt für der Edelen Scharfsinn,
Doch leicht möcht' auch ein Schelm, war er nur klug, es verstehn.

67.

Zwar ich wallete fern auch einst zum Sikelischen Lande,
Wallte, wo rebenumgrünt prangt die Euboiische Flur,
Sah Sparte, die erglänzende Stadt des beschilften Eurotas,
Und stets nahmen mit Huld alle den Wandernden auf:
Doch nicht mochte von ihnen Befriedigung kommen dem Herzen;
So war teuer ihm nichts außer dem Vatergefild.

68.

Denk' an mein Leiden mir nicht! Ich ertrug, was ertragen Odysseus,
Welcher zu Aïdes' Haus wandelt' und wiedergekehrt,
Dann auch die Freier noch gar mit dem grausamen Erze getilget,
Seiner Penelope treu, die er als Mädchen gefreit,
Welche so lang sein harrt' und verzog bei dem trautesten Sohne,
Bis er betreten das Land und den verwilderten Herd.

69.

Hier geht alles in Graus und Zertrümmerung: keiner jedoch trägt,
Kyrnos, vom ewigen Reihn seliger Götter die Schuld,
Sondern der Männer Vergehn und verächtliche Rank' und Gewalttat
Haben vom Gipfel des Glücks uns in Verderben gestürzt.

70.

Möge sogleich einstürzen auf mich des erhabenen Himmels
Ehernes weites Gewölb', unseren Alten ein Graun,
Bin ich nicht allen nach Kraft ein Gewärtiger, welchen ich wert bin,
Aber den Gegnern ein Weh und ein verderblicher Gram.

71.

Was ich erlitt, ist geringer um nichts als der schmähliche Tod gar,
Und nichts schneidet mir sonst, Kyrnos, so tief in das Herz;
Denn mich verrieten die Freund'! und ich selbst, nahtretend den Gegnern,
Muß nun prüfen auch sie, wie sie es meinen im Geist.

72.

Ach preiswürdig und reich und beseliget, welcher des Drangsals
Unteilhaftig der Nacht finstere Wohnung betrat,
Eh er vor Gegnern erbebt und in Not Unwäges begangen
Und an den Freunden ersehn, wie sie es meinen im Geist!

73.

Keinem vertrauend aus diesem Geschlecht aufhebe den Fuß da,
Gläubig an Eidschwurs Kraft oder an teuren Vertrag,
Wollt' er auch Zeus den Herrscher, der Himmlischen mächtigsten Bürgen,
Dir darstellen, auf daß Sicherheit werde dem Bund.

74.

Zutraun raffte mein Gut mir hinweg, Mißtrauen erhielt es,
Aber zu beiden nur mag schwer sich entscheiden das Herz.

75.

Ach mich verraten die Freunde, derweil ich dem Gegner entrinne,
Gleich wie der Steurer des Schiffs Klippen des Meeres umfährt.

76.

Jeglicher ehrt den begüterten Mann und verschmähet den Armen,
Und kein Sterblicher denkt anders als andre darin.

77.

Ha, mutloser Bedarf, was mußt du doch also den Schultern
Schwer aufliegen und uns Seele verschänden und Leib?
Daß du mir Schimpfliches viel aufnötigest wider Behagnis,
Da ich im Menschenverkehr Edles und Schönes gelernt.

78.

Schenke mir Zeus, zu vergelten den Liebenden, welchen ich wert bin,
Kyrnos, und sicher an Macht über den Hassern zu stehn.

Wahrlich ein Gott dann wollt' ich im Menschengeschlechte mich dünken,
Fände mich jeglicher Schuld quitt mein Verhängnis dereinst.

79.

Fittiche schuf ich für dich, ob des Meers unermeßlichen Räumen
Hochherschwebend, soweit Länder erscheinen, zu ziehn
Ohne Beschwer, und jedem Gelag und jeglichem Siegsschmaus
Wirst du nahen, im Mund vieler der Menschen genannt!
Dich wird unter Getön hellklingender Flöten im Festschmuck
Lieblicher Jünglinge Chor laut und melodischen Klangs
Preisend erhöhn; und gingst du durch finstere Tiefen der Erde
Nieder zu AÏdes' Haus, ewiger Klagen Bezirk,
Wird nicht lassen der Ruhm vom Gestorbenen, sondern es wird dir
Ewig im Menschengeschlecht blühen der Nam' unverwelkt,
Kyrnos, da rings du begrüßest hellenische Länder und Inseln,
Über unwirtbaren Meers fischebewimmelter Flut;
Nicht auf dem Rücken der Rosse! dich werden violengekränzter
Musen Geschenke dahintragen auf glänzender Bahn.
Allen fürwahr, die des Liedes sich freun, auch künftigen Menschen,
Wirst du leben, so lang Erde mit Sonne noch weilt.

80.

Mir drang hell zu dem Ohre des Vogels Geschrei, Polypädes,
Welcher ein Bote daher zeitigen Säegeschäfts
Sterblichen naht: da schlug mir im finsteren Busen der Unmut,
Daß mir die lachenden Aun andre besitzen anjetzt
Und nicht mir noch die Mäuler das Joch hinziehen am Pfluge
Wegen der Unglücksfahrt, welche nur andern gediehn.

81.

Aber umsonst erspähtest du rings, auch durch jeglicher Menschen
Wohnungen (füllten doch auch kaum sie ein Schifflein zusamt),
Denen so gut auf der Zunge so wie auf den Augen die Scham noch
Weilet und nicht der Gewinn lockt zu entehrender Tat.

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