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Griechische Lyrik

Eduard Mörike: Griechische Lyrik - Kapitel 2
Quellenangabe
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typepoem
authorEduard Mörike
titleGriechische Lyrik
publisherFischer Bücherei
editorUvo Hölscher
year1960
translatorEduard Mörike
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2009615
projectid65f366dd
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Kallinos und Tyrtaios

Kriegslieder

1.

Bis wann meint ihr zu ruhn? Wann, Jünglinge, werdet den Mut ihr
Kräftigen? Schämet ihr euch vor den Umwohnenden nicht,
Also schlaff, wie ihr seid? Ihr wähnt im Frieden zu ruhen,
Während doch ringsumher waltet der Krieg durch das Land.
Auf! und wider den Feind! mit dem mächtigen Schild ihm entgegen!
Und eu'r letztes Geschoß werft, wann das Leben entfleucht!
Denn preiswürdig ja ist's und verherrlicht den Mann, zu verfechten
Sein heimatliches Land, Kinder und jugendlich Weib
Gegen den Feind. Einst nahet das Ende sich, wann es die Moire
Über den Menschen verhängt: Grade denn stürmet dahin,
Hochher schwingend den Speer und ein mutiges Herz an die Tartsche
Fest angedrängt, wann des Kampfs blutig Gewirr sich erhebt!
Denn zu entfliehen dem Todesgeschick, ward unter den Männern
Keinem bestimmt, wenn auch schon Göttern entsproßte sein Stamm.
Oftmals blutigen Schlachten entflohn und dem Lanzengesause,
Kehrt er zurück, und daheim bringt ihm die Moire den Tod.
Aber nicht ihn, traun, liebet das Volk, ihn sehnt es zurück nicht;
Doch fällt jener, da klagt Niedrer und Hoher um ihn.
Denn es verlanget die Bürger zusamt nach dem tapferen Manne,
Sank er; und lebend, erscheint göttlicher Helden er wert.
Gleich wie ein schützender Turm ja stehet er ihnen vor Augen,
Denn was für viele genügt, hat er als Einer getan.

Kallinos

2.

Ja, ruhmwürdig erlag, wer ein tapferer Mann bei der Streiter
Vordersten fiel, in dem Kampf schirmend das heimische Land.
Aber entflohn aus befreundeter Stadt und gesegneten Fluren
Betteln zu ziehen, fürwahr, das ist das herbste Geschick:
Wenn mit dem grauen Erzeuger er umirrt und mit der lieben
Mutter, den Kindlein zumal und mit dem blühenden Weib!
Unwillkommen, verhaßt ist er jeglichem, welchen er antritt,
Durch schwerlastender Not harte Bedrängnis verführt,
Decket mit Schmach sein Geschlecht und entwürdigt den Adel der Bildung,
Ihm folgt jeglicher Hohn, jede Verworfenheit nach.
So denn keinerlei Ehre dem Manne, dem flüchtigen, blühet,
Und sich auf immer von ihm wendet die achtende Scheu:
Streiten ums Vaterland hochherzig wir, und für die Kinder
Sinken wir hin, niemals feig um das Leben besorgt!
Nein, mit Beharrlichkeit fechtet, o Jünglinge, nebeneinander,
Keiner gedenke zuerst bange der schändlichen Flucht;
Sondern erregt hochsinnig den kräftigen Mut in der Brust euch,
Streitend im Männergefecht achtet das Leben für nichts!
Aber verlaßt die Bejahrten mir nicht! – es regen behend sich
Ihnen die Kniee nicht mehr – bleibet zur Seite dem Greis!
Denn viel bringet es Schmach, wenn in vorderster Reihe gefallen
Vorn vor dem jüngeren Volk liegt der betagtere Mann,
Welchem die Scheitel sich weiß und das Barthaar grau schon gefärbt hat,
Und er den mutigen Geist also im Staube verhaucht;
Da er die blutige Scham mit den eigenen Händen bedeckt hält,
Schmachvoll wahrlich und fluchbringend den Augen zu schaun,
Nackt da liegend der Leib! Wohl stehet dies alles dem Jüngling:
Wen ja der Jugendlichkeit lachende Blüte noch ziert,
Herrlich erscheint er den Männern, er dünkt liebreizend den Frauen,
Weil er lebet, und schön, fiel er im Vordergefecht.

Tyrtaios

3.

Auf! das Geschlecht ja seid ihr des unbezwungnen Herakles;
Fasset euch Mut! noch hält Zeus nicht den Nacken gewandt.
Nicht vor der Menge der Männer erbebt, nein, zeiget euch wacker!
Stracks auf die Vordersten dar halte der Streiter den Schild!
Haßt mir das Leben einmal! und die finsteren Lose des Todes,
Wenn sie in Helios' Strahl nahen, begrüßet mit Lust!
Denn hell sehet ihr leuchten die Mühn des bejammerten Ares,
Und wohl kennt ihr des Kriegs furchtbares Wogengesaus,
Wart mit den Fliehenden auch und wart im Zug der Verfolger,
Jünglinge, beiderlei Los habt ihr zur Gnüge geprüft:
Welche da kühn ausdauern und fest aneinander sich haltend
Stürzen ins Vordergefecht, hart auf dem Leibe dem Feind,
Deren erliegt ein geringerer Teil, und sie schirmen den Nachhalt,
Doch dem Verzagten entweicht alles, so Kraft wie Geschick.
Keiner vermöchte fürwahr mit Worten genug es zu sagen,
Welcherlei Übel den Feigherzigen alles bedroht.
Denn abscheulich ja ist's, wann hinten im Rücken des Feindes
Schwert den entfliehenden Mann trifft im Getümmel der Schlacht,
Und scheuselig dem Blick liegt da im Staube der Leichnam,
Welchen die Spitze des Schafts zwischen den Schultern durchbohrt.
Dulde denn wohl ausschreitend ein jeglicher, beide die Füße
Fest aufstemmend im Grund, Zahn' in die Lippen gedrückt;
Aber die Hüften und Schenkel hinab und die Brust und die Schultern
Sicher und wohl mit des Schilds räumigem Bauche gedeckt.
Doch in der Rechten erheb' er zum Schwung den erdröhnenden Schlachtspeer,
Und graunregend daher wehe vom Haupte sein Busch.
Schreckliche Taten vollbringend erlern' er die Werke des Krieges,
Und nicht, fern dem Geschoß, steh' er, im Arme den Schild;
Sondern ins Antlitz tretend dem Feind, mit des mächtigen Speers Wucht
Treff' er ihn, oder das Schwert fassend, im engen Gefecht,
Und da presse sich Fuß an Fuß und Schild sich an Schild, da
Flattere Busch an Busch, stoße der Helm sich am Helm,
Und Brust klopfe an Brust: so mög' er sich fassen den Gegner,
Hoch sein Schwert in der Faust oder den ragenden Speer.
Ihr dann, rasche Gymneten, der andere hinter der andern
Schilde daniedergeduckt, necket mit grobem Gestein,
Und die geglätteten Schaft' in die Reihn unermüdlich entsendend,
Schließet euch nahe gedrängt an die Geharnischten an!

Tyrtaios

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