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Grenadier Wordelmann

Georg Hermann: Grenadier Wordelmann - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleGrenadier Wordelmann
publisherDas Neue Berlin
printrun2. Auflage
editorBernhard Kaufhold
year1976
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131104
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wgs9110
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Auf dem Tisch standen noch die Teller, die Tassen, die Bunzlauer Kannen, der Kuchen, die Schnapsflaschen und die Gläschen und die vielen Blumensträuße in den alten gedrehten Zinnkannen so frisch, als ob sie eben die Sophie gepflückt hätte ... überflackert alles von der einen Kerze, die inmitten des Tisches in einem kleinen gedrehten Messingleuchter züngelte und zuckte. Es sah, wie alles hier, sehr melancholisch jetzt aus. Draußen war eine frühe Nacht geworden, sternenlos und dumpf und feucht, und auf dem Hof heulte Karo an seiner Kette, als das einzige menschlich zu wertende Lebewesen wieder neben ihm im ganzen Hause. Denn die Tiere in den Ställen, die Kuh, die Schweine und die Pferde, waren Mitbewohner, aber keine Hausgenossen.

Und er ging hinaus, der Schmitzdorff, und machte den Karo mit seinen Schlackerohren und seinen Bernsteinaugen los, und der lief im ganzen Haus umher und suchte die Sophie und das Malchen; und als er die gar nicht mehr fand, kam er endlich winselnd zurück und legte sich vor die Füße von Schmitzdorff, der sich wieder, die Hände an den beiden Schläfen und dumpf und inhaltlos und entschlußlos vor sich hin brütend, auf seinen alten Platz zwischen den Blumen und die Tassen und den Kuchen gesetzt hatte. Sein eigener letzter Gast.

Nun war also doch wieder alles, wie es vorher gewesen war, sagte er sich.

Aber langsam gewann seine fixe Idee wieder Macht über ihn, daß er da doch nicht betrogen worden wäre, daß die Trauung zu Recht bestände, weil sie zu Recht stattgefunden habe, daß er weiterkämpfen müsse, da er seine kleine Sophie »erlösen« müsse und daß er jedenfalls jetzt zu diesem Wordelmann müsse.

Und er legte sich gar nicht mehr hin, begann nur, die Teller und das Geschirr etwas zusammenzuräumen, hing seine guten Sachen in den Schrank, zog den Fuhrmannskittel an, holte sich die Fuchsmütze, band noch ein paar Schuhe auf sein Felleisen und tat noch ein Hemd und zwei Wollstrümpfe hinein, schloß von außen die Tür ab, ließ den Schlüssel stecken und trat kurz nach Mitternacht, seinen Weißdornstecken in der Hand, auf die stille Dorfstraße hinaus, die in diesem Augenblick nicht mal durch ein Hundegebell gestört wurde.

Am nächsten späten Nachmittag aber, als Schmitzdorffs Schatten schon länger wurde und mit Riesenschritten, als ob er auf Stelzen liefe, vor ihm herzog spät, mit einbrechender Dämmerung eigentlich erst kam Schmitzdorff in dem verhaßten Potsdam an, das er doch nie wieder zu sehen gehofft hatte.

Er war nicht die neue Landstraße gegangen, sondern den alten Weg, der abseits durch halb verschlafene Walddörfer, quer durch sumpfige, weite Wiesenstrecken und durch ganz unbegangene, sich angilbende Wälder ihn geführt hatte, in denen große Seen lagen, an die man aber kaum heran konnte wegen der umgestürzten Stämme und die auch wohl nie abgefischt wurden. Er war nirgends eingekehrt, weil er fürchtete, daß sie schon hinter ihm her wären mit der Landgendarmerie. Und dabei dachte man gar nicht daran, und es kannte ihn doch keine Seele hier. Er hatte sich von dem Brot und den Soleiern und dem Speck genährt, das er sich noch schnell von seiner Theke in den Schnappsack geschoben hatte. Jetzt war er ja kein Gastwirt mehr. Und selbst wenn die Kupatten das zu Haus weiterführte, davon würde er doch nie einen Dreier zu sehen bekommen.

Den ganzen Tag hatte er im Gehen vor sich hin gesprochen: Also, das konnte doch einfach nicht wahr sein, daß man ihn in einer Sache, an der sein ganzes Herz und sein ganzes Leben doch hing, genarrt hatte. Er müsse diesen Wordelmann und die Grenadiere zu Zeugen aufrufen dafür, sie mußten ihm das vor dem Lier und vor dem Stadtkämmerer beeidigen, daß es richtig zugegangen wäre. Er hatte ihnen doch Geld gegeben. Viel mehr, als er eigentlich konnte. Gerade noch eine kleine Handvoll Taler und Silbergeld besaß er. Mehr hatte er nicht flüssig. Na ja, mit dem Gasthaus wäre er ja so bis zum Verkauf von den Schweinen und dem Korn – denn er konnte es abgeben, es war gut mit der Ernte gewesen diesen Sommer – so gerade durchgekommen. Aber wie sollte das werden, wenn er nicht dasein konnte? Wer sah da nach dem Rechten? Vorerst jedoch war das ja allens gleich, wenn er nur seine kleine Sophie wieder erlösen könnte. Aber zu Vater Mettke ging er nicht mehr. Vielleicht würde man ihn auch da suchen lassen. Und wenn sie ihn erst einmal hätten, dann war es viel schwerer für ihn, zu seinem Recht zu kommen, als wenn er so nachher zu dem Schulzen Lier gehen könnte: »Bitte, hier sind die Leute! Die werden Ihnen alles erklären. Und die werden Ihnen beschwören, wie die Sache jewesen und auch richtig zujegangen is.« Nein, er blieb lieber diese eine Nacht oder die zwei im »Pulverhorn«, denn das wäre viel billiger. Der Mettke, der nimmt auch von de Lebendigen. Zwölf jute Groschen hat er for des Zimmer da oben unter des Dach sich jeben lassen, der Blutegel. Bei de Nachteule jibt man anderthalb Silberjroschen for de Streu, und dafor weckt er een noch um Glock fünfe.

Und so ging Schmitzdorff in das »Pulverhorn« zu der Nachteule. Still und langsam humpelte er mit seinem Fuhrmannskittel und der Fuchskappe an seinem Weißdornstecken durch die abendlich überfüllten Straßen. Aber heute kümmerte sich niemand mehr um ihn, niemand erkannte ihn, niemand lächelte ihm zu wie damals.

Und es dauerte Tage und Tage, bis er endlich einmal Wordelmann erwischte, bei der Dünklern war er nicht mehr zu treffen oder nicht für Schmitzdorff. Und zu Vater Mettke kam er scheinbar nicht, da war es Wordelmann wohl nicht mehr fein genug. Aufs Bataillon aber traute sich der Schmitzdorff nicht, denn er fürchtete, daß sie ihn da gleich festhalten würden.

Wordelmann hatte auch jetzt im Kasino des Leibbataillons viel zu tun, denn, wie schon gesagt, er gab sich reichlich Mühe – er war ja überhaupt ein vorzüglicher, tüchtiger und dienstbeflissener Soldat –, daß die Menage dort besser wurde. Jetzt war zum Beispiel die Zeit für Wild. Aber da der Olle da oben die Jagd nicht liebte und erklärt hatte, daß das Jagen ihm nicht mehr Freude machte als Kaminfegen, so bekam das Kasino wenig Wild geliefert. Vielleicht mal einen Hirsch, aber gar keine Feldhühner oder Hasen. Also das mußte geändert werden. Und Wordelmann sorgte dafür, daß die Försterei Zeedlitz in ein Lieferverhältnis zu dem Kasino trat – wie er das fertigbrachte und welche Rolle dabei einige Flaschen Bordeaux gespielt hatten, wird nie ganz geklärt werden –, er sorgte dafür, daß man über ihn lachte, ohne sich je aufzudrängen oder die Mondentfernung, die einen Offizier von einem Unteroffizier, und die Siriusweite, die einen Offizier von einem gemeinen Mann, und sei es auch ein Grenadier vom Leibbataillon, trennte, je zu vergessen oder nicht außerdem noch sichtbarlich zu betonen. Aber man ließ sich von ihm sogar zur Erheiterung Wachtstubenscherze erzählen, über die selbst die hartgesottensten Feldwebel rot geworden wären.

Genug: Wordelmann war im glücklichsten Aufstieg seines Lebens, und da kam ihm natürlich dieser Bauer, den er schon halb wieder vergessen und dessen Taler er schon ganz vertrunken hatte, höchstens, daß er seiner noch freundlich gedachte, wenn er bei seiner Dünklern auf dem Bauernleinen mit den Sporenflecken lag, das – trotz dieser! – einen Zuschuß zu seinem Wohlbefinden bedeutete dieser Bauer kam also Wordelmann sehr ungelegen gerade.

»Des Jeschäft ist richtig!« sagte Wordelmann, als er des Schmitzdorffs, der eigentlich seine halbe Zeit darauf verwandt hatte, den Wordelmann zu suchen, wie der seine halbe Zeit darauf verwandt hatte, ihm aus dem Wege zu gehen – was in Potsdam gar nicht so leicht war –, endlich einmal bei Vater Mettke ansichtig wurde und ihn wieder an ihren abseitigen Fensterplatz zog.

»Also, nu setz dir mal hier hin. Was jibt es denn? Ick verkehre nämlich nich mehr mit de Mannschaften hier«, sagte er.

Und dann ließ sich Wordelmann erzählen und hörte ruhig sehr aufmerksam zu. Er war ein besserer Kriminalist als Lier, er ließ den andern sich ausquatschen, er störte nicht durch Zwischenfragen.

»Na weeste«, sagte er endlich, »ick hätte den ja 'ne Zaspel jesagt, euern Revierbullen. Aber das kommt allens natürlich nur von eurem Paster da. Der steckt dahinter. Der wollte ja die Stelle hier. Der Behrens hat mir ooch schon jesagt, daß er mit ihm verfeindet ist. Det macht ja nischt, Schmitzdorffchen. Die Sache renken wir schon wieder ein. Jedenfalls bleib man fors erste hier in Potsdam. Da in den ›Pulverhorn‹ biste ja jut aufjehoben. Aber laß dir nich so ville auf de Straße sehen. Also darum brauchste dir keene Sorje zu machen. Aber du hast janz recht: Ehe wir das nicht wieder von den Ollen aus mit 'ne kleene Kabenetzorder bejlichen haben, würde ick hierbleiben. Denn die kriegen es fertig un nehmen dir da zu Hause einfach hops. Aber des mache ick schon. Da kennste Wordelmann schlecht. Un jetzt esse ich ja ins Kasino, da komme ich täglich mit alle die Herren Offiziere zusammen.«

Innerlich jedoch war Wordelmann sehr verzweifelt, wenn er auch sein freundliches und herzgewinnendes Lächeln verdoppelte. Das einzige war: den Menschen, den Schmitzdorff, noch hierbehalten, solange es ging. Denn im Augenblick, da sie ihn hatten, brach sicher alles zusammen. – Jott sei Dank, daß er sie nich verpfiffen hatte der olle Bauer war jewiß ein doofes Luder: Wenn Dummheit weh täte, könnte man den bis Berlin schreien hören, aber er war doch eigentlich ein goldener Junge. Daß das so mies mit ihm ausjehen könnte, hatte er nie jeglaubt. Das hatte er sich eigentlich nich vorjestellt. – Na, vielleicht fiel ihm doch noch etwas ein, wie er sich da 'rausrappeln und den Kopf aus der Schlinge ziehen könnte. Endlich hatten sie es bisher alle als einen Ulk nur genommen, und warum sollten sie das nicht noch weiter tun können? Was da zu machen war, ahnte Wordelmann noch nicht. Aber jedenfalls müßten sie Zeit gewinnen. So viel und solange es nur ginge. Nicht die Dinge so warm auf 'n Tisch bringen, wie sie gekocht werden – da verbrennen sie sich nur alle den Mund daran.

Und wenn es wirklich dann noch ein übles Ende nahm – denn den Gerichten mißtraute Wordelmann, die mochten wie die Schnecken kriechen, sie kamen endlich doch dahin, wohin sie wollten, und sie rauchten einen bösen, einen verdammt bösen Tobak –, nun ja, denn hätte man wenigstens die Zeit bis dahin noch nett hingebracht; denn Wordelmann war gerade auf dem Gipfel seines Seins angelangt.

Dieser Wordelmann war nämlich ein echter Philosoph. Und er hielt es mit Marc Aurel, ohne von dessen vergangener Gegenwart auf diesem Erdball eine Ahnung zu haben. Er kannte ihn zwar nicht, aber er lebte nach ihm. Und er sagte sich wie jener: Da uns vom Leben nur die eine Sekunde gehört, auf deren schmalem Grat wir gerade dahinwandern, und da doch einmal die Zeit kommen wird, da sie uns nicht mehr gehören wird, so ist es gleich, wann wir sie verlieren, da es ja immer eben nur die eine selbe Sekunde ist. Aber durchaus nicht gleich ist es – und hier ging er sogar über den alten weisen Römer, der im Feldlager der Quaden sich mit dem Aufschreiben solcher Nachdenklichkeiten unterhielt, hinaus –, wie wir sie hinbringen, diese Sekunde. Und deshalb soll man, sagte er sich, unser Wordelmann, versuchen, wie die Biene, die von Blüte zu Blüte fliegt, aus jeder Sekunde möglichst viel Honig zu saugen, sich durch nichts daran hindern oder beeinträchtigen zu lassen, ob nun die Sonne hinter die Wolken geht oder gar es schon zu regnen beginnt. Und darin ging Wordelmann nicht nur über den Marc Aurel, sondern sogar über die Biene hinaus, die bei trübem Wetter oder gar Regen allsogleich ihre Honigjagd einstellt. Und wie selten kann sich einer rühmen, ein so glückliches Naturell zu haben, daß er es sogar vermag, Wolken und Regen wegzudenken!

Schmitzdorff aber saß herum im »Pulverhorn«, Tag für Tag. Er begriff eigentlich nicht recht, was mit ihm geschehen war. Er wartete. Auf was, wußte er nicht. Aber er wußte am Ende jeden Tags wieder, daß es nicht gekommen war.

Er fühlte sich schlecht in der Stadt. Auf die Dauer konnte er eben nicht zwischen Häusern und in Straßen sein. Er verstand nicht, wie die Leute hier das nur aushalten konnten. An das Ungeziefer auf der Streu im »Pulverhorn« gewöhnte er sich mit der Zeit wohl. Aber an die stickige Luft darin nicht. Er schwitzte da des Nachts und hustete am Morgen. Und manchmal, wenn er es gar nicht mehr aushielt, dann ging er hinaus auf das Feld nach Drewitz oder Saarmund zu und setzte sich in einen Rain oder an einen Ackerrand und ließ sich vom Stoppelwind des September durchpusten und von den ersten gelben Blättern, die er mitgerissen hatte, umspielen. Und er beneidete die Leute, die er in der Ferne Kartoffeln buddeln, Kraut verbrennen und pflügen sah. Ob man ihn suchte zu Hause? Was aus seiner Sophie indes geworden war? Davon hörte er fast nichts, und er machte auch keine Versuche, etwas zu erfahren, trotzdem der Nathan Reimann auf seinen Gängen über Land ja auch regelmäßig nach Wust kam. Schmitzdorff hatte das Gefühl, wie es der da droben im Siebenjährigen Krieg hatte: er habe eben hier in Potsdam sein Winterlager bezogen, und er sammle jetzt und rekrutiere noch seine Truppen und füttere sie auf, um dann mit einemmal eben hervorzubrechen, den Feind aufzusuchen und auf der ganzen Linie vernichtend zu schlagen.

Und Wordelmann vertröstete ihn von Woche zu Woche. Er fand immer neue Hoffnungen für ihn: der Behrens wäre auf Urlaub, aber wenn er zurückkäme, dann würde er selbst nach Wust fahren und alles dort klären. Und er würde den Leuten da, vor allem aber dem alten Schlieker, mal den Kopf waschen, wie er ihn sicher in diesem seinem Leben noch nie jewaschen gekriegt hätte, einfach so, daß ihm alle Läuse vor alle Zeit 'runtergehen würden.

Und Schmitzdorff glaubte ihm immer wieder, weil er es eben glauben mußte und weil er jetzt schon auf Wohl und Wehe – doch von Wohl konnte kaum noch die Rede sein – mit ihm zusammengekoppelt war.

Aber all das machte es doch, daß das Geld des Schmitzdorff – vor allem, da er ja, wenn der Wordelmann heimlich des Abends zu ihm kam, für ihn in der »Patronentasche« mitbezahlen mußte – wie Märzenschnee dahinschmolz, und eben doch eines Tages er sich hinsetzen mußte und seinem Schwager Krüger – aber Wordelmann hatte ihm geraten, den Brief lieber zuerst dessen Frau geben zu lassen – einen Brief schreiben und ihn um zwölf Taler bitten, damit er hier noch bis zu seinem Siege im Winterquartier bleiben könnte und auch seine zwei Taler, die er schon schuldete, der Nachteule zahlen könnte. Wenn er zu Martini die Schweine zum Markt gebracht hätte, könnte er es ihm ja leicht wieder zurückgeben.

 

Ja, also in Brandenburg hatte man indessen eigentlich nichts getan. Die Straßenwalze der Justiz hatte still, aber unter Dampf gestanden. Man hatte die kleine Sophie vorerst in Arrest genommen, sie sich zweimal vorführen lassen und sie über ihre angebliche Trauung befragt. Aber sie hatte darüber auch nicht viel genauere Angaben gemacht als der Schmitzdorff. Denn sie war soweit ein Bauernkind doch, daß sie vor Gericht log und ebenso wie eine Schnecke, die man berührt, instinktiv – sofern es ihr nicht möglich ist, sich ganz in das Haus zurückzuziehen – wenigstens sofort die Hörner einzog.

Sie wäre die Tochter des längst verstorbenen Bauern Kühlbrodt und der Marie Luise, geborene Haberdank. Sie habe eine Tochter von fünfzehn Monaten, die noch am Leben sei, welche sie vorhero in Unehren gezeuget. Sie kenne aber – denn das Gericht will gerne sehr delikate Dinge gerade von Frauen hören – den Strupratoren nicht. Denn ein junger Mann mit einem Tressenhut wäre des Nachts durchgereist und bei ihr im Kruge eingekehrt. Da sie ihm nun die Streu gemacht, so hätte er sie verführt. Und da der Verführer des Morgens wieder weggeritten, so habe sie ihn nicht kennengelernt.

Als ihr nun von Seiten des Justizrats Velten und des Stadtsekretärs Pfitzer scharf vorgehalten wurde, daß der Verdacht auftauche, daß ihr Stiefvater und jetziger Ehemann Vater zu ihrem Kinde sei, leugnete sie hartnäckig jeden näheren Umgang mit ihm vor ihrer jetzigen Trauung und sagte über diese ein Ähnliches, nur mit einigen kleinen Abweichungen, wie es der Schmitzdorff gesagt hatte bei der Einvernehmung durch den Schulzen Lier. Die Stube aber, sagte sie, wo sie getraut worden wäre, sei bunt gewesen. Sonst wisse sie keine besonderen Umstände von derselben mitzuteilen.

Sie wurde dann ihrer mit dem Fischer Georg Krüger verheirateten Schwester Wilhelmine Dorothee Kühlbrodt wieder übergeben mit der Anweisung, sie solange bei sich in Verwahrung zu nehmen, keinesfalls aber sie mit ihrem Stiefvater und angeblichen Ehemann zusammenzulassen, bis sie hierüber näher beschieden worden wäre. Widrigenfalls sie selbst mit Gefängnisstrafe belegt werden würde.

Dann kamen noch vom Superintendenten Kapellier einige Briefe, die ersten Ersuchen auf Trauung betreffend von einem Christian König, Vetter eben jenes geflüchteten Schmitzdorff, zu den Akten an den Stadtsekretär Maurer. Die aber in der fraglichen Sache und für sie keinerlei Aufklärung erbrachten.

Auf eine an den Schmitzdorff ergangene Aufforderung, sich wieder zur Einvernehmung in Brandenburg zu stellen, ging ein Antwortschreiben ein. Ohne daß man erfahren konnte, woher es gekommen und wer es dem Gericht übergeben.

»An ihr Hochwohlgeboren Herr Hofrat Vetter.

Das ich von den Schultzen die Order erhalten habe, das ich den Montag um neun Uhr auf dem Rathause sein soll, mein liebster Herr Hofrat wird mir das nich übel nähmen, das ich nich komen kan, weil ich um sieben Uhr wo anders sein mus. Auf ein ander Mal will ich mich gern stellen, wen sie es haben wollen Schmitzdorff«.

Dieser Brief schien nach der Schrift und der Rechtschreibung von der Hand des Inkulpaten herzurühren und wurde gleichfalls zu den Akten genommen.

Am 20. September begab sich der Stadtsekretär Maurer nach Wust, um Veranstaltungen über die Beaufsichtigung des verlassenen Gutes zu treffen, auf dem sich nur ein sehr wilder und halbverhungerter Hund befand, weil die Tiere von den Nachbarn in Pflege genommen waren, wie von diesen erklärt wurde. Und um gleichzeitig Erkundigungen einzuziehen, ob nicht etwa dem einen oder dem andern bekannt wäre, mit wem der Schmitzdorff in Konnexion in Potsdam gestanden.

Da teilte der Eue, der Schwiegersohn des Schmitzdorff, welcher die Stieftochter Anna, geborene Kühlbrodt, zur Ehefrau hat, mit, daß der letztere mit einem Soldaten Wordelmann im ersten Bataillon der Königlichen Garde in Verbindung stände.

Und es brachte weiter der Eue einen Brief, den er soeben mit der Bitte, ihm sechs Taler zu leihen, von seinem Schwager Krüger erhalten habe, zur Stelle und zugleich den Mann, den Juden Nathan Reimann, so ihm diesen Brief soeben überbracht habe.

Auf Befragen erklärte der Mann, daß er seit seiner Geburt mosaischen Glaubens sei und Nathan Reimann sich nenne, in Potsdam wohnhaft sei und sich mit dem Verkauf von alten Kleidern, alten Büchern, Botenlaufen und dergleichen ernähre. Den Brief aber habe ihm der Gastwirt Schmitzdorff aus Wust, der in Potsdam in der »Patronentasche« nächtige – aber man hatte den Nathan Reimann scharf anfahren und hart bedrohen müssen, bis er das aussagte –, in Gegenwart des Soldaten Wurtzelmann vom ersten Bataillon Garde gegeben, und Wurtzelmann habe ihm gesagt, daß er den Botenlohn hier in Wust von dem Krüger oder dem Eue erhalten werde. Er erbitte aber, da er in seinem Verdienst aufgehalten worden sei, die sechs Groschen Botenlohn. Doch wurde dem Eue anbefohlen, diesen Botenlohn vorzuschießen, da es ihm unbenommen sei, solchen wieder bei dem Schmitzdorff einzutreiben.

Der zu den Akten genommene Brief hatte den folgenden Wortlaut:

»Mein lieber Eue nebst Krüger.

Von nun an nennen wir uns Schwäger und glaube auch, daß wir als Schwäger leben und sterben tun, dieweil ich meine Sache so ausgewirket, daß es gut ist, denn ich werde nicht aus Wust lauffen, und mein guth doch nich in Stich lassen, also bitte ich vielmals diesen Bohten den ich schicke 12 Taler mitzuschicken, und haltet ihn nicht auf, weil er den 8. dato wieder in Potsdam sein muß. Ich glaube sicherlich, daß ich am Sonntag werde zu Haus sein und euch alles mündlich dartun. Also habe ich zu melden, daß ich meine Frau glücklich erlösen werde, dieweil sie mir gedreuet, mir nebst meiner Frau nach Spandau zu schicken. Schicket also das meinige mit, um das ich auch gebeten. Meine liebe Frau nebst Malchen grüße ich nebst Schwäger und Schwägerinnen. Ich bin und verbleibe dein treuer Schwager

Friedrich Christian Schmitzdorff«.

 

Und nun setzte sich die Straßenwalze der Justiz in Bewegung – aber die der Militärgerichtsbarkeit lief doch wie immer schneller –, und alle Untersuchungsakten, soweit sie sich bisher angesammelt hatten, wanderten von dem Magistrat von Brandenburg an den Magistrat von Potsdam mit dem Ersuchen, den Schmitzdorff aufzuheben und ihn dem Überbringer, dem Gerichtsdiener Fiedler, zur Ablieferung nach Brandenburg zu verabfolgen, zuvor aber den Schmitzdorff über die mit seiner Kopulation gespielten Betrügereien zu vernehmen und sich die Personen nennen zu lassen, die dabei konkurrieret haben, und die Regimentsgerichte, wenn an dem Vorgang nur Soldaten oder deren Anhang teilhaben sollten, zu requirieren. Den Fiedler aber, sofern die Untersuchung länger als drei Tage dauern sollte, zurückzuschicken und hier demnächst wegen der Abholung des Schmitzdorff Nachricht zu geben.

Da indes die Personen, welche bei dem Betruge sich beteiligt hatten, in Potsdam männiglich und namentlich sehr genau bekannt waren und da solcher als Scherz der Grenadiere in der Garnison viel Beifall gefunden und Heiterkeit erregt hatte, so waren die Akten dem Obristen von Scheelen als Kommandeur des ersten Bataillon Garde sofort zur Untersuchung mitgeteilt worden.

 

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