Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Hermann >

Grenadier Wordelmann

Georg Hermann: Grenadier Wordelmann - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleGrenadier Wordelmann
publisherDas Neue Berlin
printrun2. Auflage
editorBernhard Kaufhold
year1976
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131104
projectidc4bf36ee
wgs9110
Schließen

Navigation:

Wie es aber um sie dunkel wurde, das heißt, es wurde gar nicht um sie dunkel in einer Mondnacht wie dieser, sondern die wenigen Gegenstände im Zimmer: ein alter Schrank, der Nachtkasten, das schöne Bett, ein Tisch mit krummen Teckelbeinen und ein paar meergrüne Stühle mit Geflecht und Vergoldung in den Schnitzereien, die zusammen mit denen einmal bessere Tage in einer Offizierswohnung gesehen hatten, aber nach dem Siebenjährigen war eben viel unter den Hammer und zu kleinen Leuten hier gekommen, weil der, der an diesem Tisch und auf diesen Stühlen gesessen hatte und der in diesen Schrank seine Uniformröcke gehängt hatte und in diesem Bett geschlafen und geliebt hatte, weil eben der nicht mehr zurückgekommen war und sein Dauerasyl auf eines der vielen Schlachtfelder mit unvergessenen Namen – welches war im Erfolg das gleiche, und deshalb kann es uns ebenfalls gleich sein – von Potsdam aus verlegt hatte sie, diese Möbel also, traten, erst im Schein der flackernden Unschlittkerze mit Lichtern überspielt und sonst in undurchdringliche Schatten eingehüllt, jetzt erst in dem mattgrünen Silberlicht ganz in Erscheinung, als helle, zartumzogene, wenn auch schemenhafte Flecke Da also dachte die kleine Sophie darüber nach, ob jetzt nicht vielleicht der richtige Augenblick wäre, »es« ihrem Christian zu sagen.

Dann aber brachte sie doch nicht den Mund auf und schmiegte sich nur wortlos mit ihrem ganzen, leise zitternden, feinen und wie gedrechselten Körper an ihren Mann.

Warum sollten sie auch die erste Stunde, die sie durch Priestersegen und vor Gott jetzt Mann und Frau waren, an etwas anderes denken, als daß sie Mann und Frau waren.

 

Also alle waren von Wordelmann, als man dann wieder bei der Dünklern war und das Bierfaß – denn es war noch etwas darin geblieben – umkehrte und dabei auch den Trauschein für Schmitzdorff nach seinem lächerlichen und von allen noch mal herzlich belachten Entwurf wortwörtlich ihm unter Heidenlärm und brüllender Heiterkeit abschrieb Kattenhorn hatte sich dazu erboten, es zu tun, und er tat es mit einem großen, eigens neu zugeschnittenen Schwanenkiel in einer so schwungvollen und verschnörkelten Amtsschrift, daß alle seiner Kunst uneingeschränktes Lob spendeten Und man mußte das doch tun! Nich wa? Denn sein Versprechen muß man halten! Und Wordelmann hatte es doch versprochen. Und was Wordelmann versprach, das galt für sie alle. Nich wa ? Und sich dazu noch einmal halb buckelig lachte und alle Einzelheiten des Abends bei beginnender Legendenbildung nochmals vorbeidefilieren ließ. – Die Zimmermannen begriff nicht, was son'n hübsches Mädel, die geradezu etwas Besonderes wäre und die doch ganz andere kriegen könnte und die hier in Potsdam, wenn sie wollte, die feinsten Offiziere doch haben könnte, wenn sie herkäme, an solchen ollen Mann nur haben könne. Und es wäre dabei um ein Haar zu einer Prügelei mit der Annemarie gekommen, die sagte, daß der mehr wert sei als zehn von die stakerbeenigen Leutnants mit ihre Krötenstecher. Es war höchste Zeit, daß man sie auseinanderbrachte, denn sie gingen schon mit den Nägeln aufeinander los. Ja, ja, die Annemarie war heute überhaupt so eigentümlich und schwer zu behandeln Also alle waren von Wordelmann das heißt, da war man schon nicht mehr bei dem Bier und den Würsten und den Kartoffelpuffern, die schnell noch etwas angewärmt worden waren, sondern schon bei dem Kaffee, denn man hatte den Grund noch einmal aufgebrüht, und das schmeckte ihnen kaum weniger gut als der erste Aufguß; alle waren sich darin einig: Sie liebten gar nicht so dicken Kaffee, da bekäme man nur Kopfschmerzen davon.

Also alle waren von Wordelmann, wie die Lehnsmannen von ihrem Fürsten, feierlich auf seine breite Plempe, sein Seitengewehr, unter lautem Hallo »Also solchen Bengel wie den Wordelmann hat die Welt noch nich jesehen; ick schrei' ma dod«, krähte Georg Minde, den Kopf im weiten blumigen Schoß der Zimmermann. Denn jetzt bewegte man sich schon etwas freier Feierlich und förmlich waren sie von Wordelmann »auf sein Schwert« vereidigt worden, nicht ein Wort über die Festlichkeit und die Trauung weiter verlauten zu lassen. Den Mädchen aber, denen die militärische Heiligkeit dieses Eides doch nicht beizubringen gewesen wäre, war einfach unter dem Hinweis auf eine körperliche Züchtigung von selbst in diesen Kreisen ungekanntem Ausmaß das heißt, wie schon erwähnt, war sie mehr eine Façon de parler wie: »Ick wer' dir jleich durchkalaschen ick hau' dir, daß die Brusche wackelt du kriechst jleich Simse, daß de Schwarte knackt noch een Wort, die Neese sitzt hinten ich stech' dir eene « und wie jene fünfhundert Redeblüten für die eine gleiche Sache, über die der Sprachschatz der Leibgrenadiere verfügte, noch lauten mögen – mehr eine reichere Nuancierung des Gesprächs war es, als daß das gerade hier, in diesem engeren Zirkel, zwischen den Leibgrenadieren und ihren Mädchen in der Tat die landesübliche Begrüßung gewesen wäre Die Mädchen also wurden von Wordelmann unter Androhung einer ausgiebigen Züchtigung, deren Ausführung jeweils der Geliebte zu übernehmen hätte, zu unverbrüchlichem Schweigen verpflichtet. Es wäre zwar nur ein Ulk gewesen; aber man könne doch nich wissen: »Es soll schonst vorjekommen sin, daß een Nachtwächter bei Tage jestorben is!«

»Und sojar ins Stehen«, unterstützte Paul Georg Mettich seinen Freund.

Vater Mettke aber hatte Wordelmann schon vorher mit Boykott seines ganzen Bataillons gedroht, wenn er nicht wie das Grab so verschwiegen sein würde. Und der Boykott der »Patronentasche« war ein scharfes Mittel. Vor allem, da Vater Mettke mit dem Regiment »Prinz von Preußen« und dem »von Rohdeschen Bataillon« schon auf Kriegsfuß stand und somit für die Leibgrenadiere schwerlich Ersatz gefunden hätte.

Also alle waren auf Schweigen verpflichtet aber aber ein Witz ist ein sonderbares Lebewesen geistiger Natur. Was er ist, hat noch niemand bisher herausbekommen. Man kennt nur seine Eigenschaften und seine Wirkungen. Wenn auch die nur sehr unvollkommen. Sicher jedoch ist es zum Beispiel, daß er wie Gas durch die feinsten Löcher und Spalten entweichen und sich eben wie das Gas sehr schnell nach allen Seiten verbreiten kann. Vielleicht besitzt der Witz auch Strahlen, die durch alle uns bekannten Materien dringen. Man sollte nur einmal den Versuch machen, einen guten, funkelnagelneuen und unbekannten Witz – aber er muß über diese drei Eigenschaften auch wirklich verfügen – in einen eisernen Kassenschrank sperren, den fest und unter Garantie abschließen und den Schlüssel dann in die Spree werfen. Und man wird es erleben: Morgen wird trotzdem schon die ganze Stadt über eben diesen Witz lachen, und übermorgen wird jeder, dem man ihn als gut und neu erzählen will, ihn schon kennen.

Und genauso war es hier. Niemand hatte die Sache von der Trauung des »Bauern« eigentlich erzählt. Alle schworen, ganz dicht gehalten zu haben. Und morgen wußte es schon die halbe Garnison und schüttete sich aus vor Lachen. Ja, eigentlich wußte sie viel mehr, als in Wahrheit sich ereignet hatte. Wordelmanns Ansehen bei seinen Kameraden schwoll ins ungemessene, und es sprang von seiner Kompanie auf das Bataillon, vom Bataillon aufs Regiment, vom Regiment auf die anderen Formationen über. Wenn der Alte Fritz der gekrönte König war, der da oben über Potsdam in Sanssouci saß oder draußen im Neuen Palais für seine Neffen und Nichten Feste gab und Theater spielen ließ, so war Wordelmann eigentlich jetzt der ungekrönte König der Garnison und seiner durcheinanderwimmelnden Soldatenmengen. Die Grenadiere der andern Bataillone wiesen lachend mit Fingern auf ihn, wenn er vorüberging. Sogar die von den »Umrangierten« – und von denen hielt sich jeder für einen kleinen Herrgott, denn es waren die auserwählt schönsten Leute aus allen Regimentern des preußischen Reiches –, je zwei von jedem, sprachen ihn auf der Straße an und luden ihn zu einer Stange oder zu einem Glas englischem Bier ein. Und selbst die von der »Leibgarde der Leibschwadron zu Pferde«, die alles, was unberitten war, nur für Gewürm hielten, kaum wert, daß man darüber wegritte, selbst die luden ihn zwar nicht zum Bier ein, aber winkten ihm doch burschikos zu – und sonst waren sie mit niemandem in Potsdam Couleur! –, wenn sie ihn auch nur von fern sahen.

Doch von den Mannschaften sickerte der Ruhm Wordelmanns allgemach auf die Unteroffiziere, von denen auf die Korporale, von denen auf die Feldwebel. Von denen auf die Fahnenjunker und Unterleutnants. Von denen auf die Oberleutnants. Und von denen stieg er so langsam, unter reichlichen Ausschmückungen, die Pyramide der Vorgesetzten hinauf, zu dem Hauptmann von Greiffenberg.

Hauptmann von Greiffenberg hatte Wordelmann eigentlich gern, genau wie ihn alle gern hatten, wenn er ihn auch immer wieder einmal, sobald er etwas Neues ausgefressen hatte, drei Tage oder fünf in den Kasten sperrte, den Wordelmann ebenso vergnügt verließ, wie er ihn wieder einmal betreten hatte. Gern hatte er ihn, weil er immer liebenswürdig und dienstwillig war, von hellem Verstande, und vor allem, weil er sein bester Mann beim Schießen und auf dem Exerzierplatz war. Gleich wie er ihn vom v. Schliebenschen Regiment übernommen hatte, war ihm am ersten Tag dieser Mann aufgefallen durch seine »jeradezu unjewöhnliche stramme Ehrenbezeigung«.

Wirklich, der Hauptmann von Greiffenberg hatte zu diesem Wordelmann – was er sonst nicht zu vielen seiner Leute hatte, in denen er nur ein mit Beihilfe von Korporalen und anderen Untergebenen für Kriegszwecke zu formendes Menschenmaterial sah –, gern hatte er ihn und ein fast persönliches Verhältnis zu ihm, ähnlich dem, das man als Vater zu einem Sohn hat, der in den Flegeljahren ist und den man hin und wieder einmal tüchtig anbrüllen muß und eins hinter die Ohren geben muß – denn sonst geht es gar nicht mit ihm – und den man doch viel lieber über das Haar streichen möchte und bei dem man sich jedesmal Mühe gibt, den Anschnauzer wie den Katzenkopf selbst schnell wieder zu vergessen und bei dem Jungen durch doppelte Freundlichkeit noch schneller wieder vergessen zu machen.

Und so hielt nach ungefähr acht Tagen der Hauptmann von Greiffenberg, als er eben zu Mittag ins Kasino hinübergehen wollte und es war in letzter Zeit doch noch öder als sonst, immer die gleichen Unterhaltungen: ob der versetzt würde oder der nachrücken könne, und das ging scheußlich langsam jetzt – wirklich, man hätte wieder einen Krieg brauchen können, schon wegen des Avancements –, man sehnte sich ordentlich nach ein bißchen Abwechslung so also hielt, in der Aussicht auf dieses Mittagessen jetzt wieder im Kasino schon vorher gelangweilt, der Hauptmann von Greiffenberg Wordelmann an, der ihm auf dem langen Flur der neuen Kaserne gerade in die Arme lief. Eigentlich hatte Wordelmann hier nichts zu suchen, und er hatte auch diese Gegend in der letzten Woche geflissentlich vermieden; aber da sie ihm ausgegangen war, hatte er sich gerade etwas Schlämmkreide zum Putzen des weißen Lederzeuges von seinem Freund, dem Kammerunteroffizier, erbettelt. Denn wenn er auch jetzt seit acht Tagen im Geld schwamm, so sah er doch nicht ein, warum er sich davon oder etwa von den paar lumpigen Groschen Löhnung das auch noch kaufen sollte. Vor allem, da die »Schlämmkreide« bei Vater Mettke ihm viel besser zusagte.

Wordelmann fuhr wirklich der Schreck in alle Glieder, als, so ganz wider dessen Art, der Hauptmann von Greiffenberg vor ihm mit all seinen Silberschleifen, Federn und Degengehänge, breit, pompös und unnahbar, stehenblieb und ihn mit einem etwas eingekniffenen Auge scharf fixierte. Aber das und dieser Schreck machte es vielleicht gerade, daß er die Hacken noch schneller und schärfer zusammenschlug, als es schon sonst seine von dem Hauptmann von Greiffenberg so geschätzte Art war.

Der Hauptmann von Greiffenberg sagte eine ganze Weile gar nichts und weidete sich an der Überlegenheit, die ihm seine Machtfülle gab.

»Du Schwein«, sagte er endlich, aber an dem Ton merkte Wordelmann schon: Schlimm würde es diesmal nicht kommen. »Man hört ja hier in janz Potsdam wieder mal nette Dinge von Ihm, Kerl!«

»Verzeihen Sie höflichst, Herr Hauptmann!«

»Maul halten, wenn Er nich jefragt is, Kerl!«

Aber der Ton verblüffte Wordelmann nicht – er tat nur so, als ob er in Todesangst erstürbe.

»Zu Befehl, Herr Hauptmann!« brüllte er.

»Also jetzt jehst du sofort zum Feldwebel Graff un meldest dich dort.« Er machte eine lange Pause, spielte wie die Katze mit der Maus. »Also meldest dich dort.«

Wordelmann zuckte nicht mit einer Wimper.

»Der Hauptmann von Greiffenberg hätte befohlen, den Leibgrenadier Wordelmann sofort « Wieder machte er eine lange Pause.

Wordelmann zuckte mit keiner Wimper.

»... von heute ab als Ordonnanz zum Bedienen für das Offizierskasino zu beurlauben. – Wegjetreten!«

Und Wordelmann machte kehrt, daß man in einem Nebenraum glaubte, einem wäre das Pulverhorn in die Luft gegangen, und ganz erschrocken eine Tür aufriß.

Er war wirklich glücklich. Das war der Höhepunkt seines bisherigen Daseins. Denn das hieß erstens, daß ihn der Lustgarten, der Exerzierhof, der Lange Stall und das Bornstedter Feld so bald nicht mehr sehen würden und daß ihn sonst alle da gern haben könnten. Dann aber, daß er von heute an Offiziersmenage mitfuttern könnte und der Dünklern würde er auch gehörig davon mitbringen. Er hatte in der letzten Zeit zwar gehört, daß die Küche nicht so besonders da gerade wäre. Na, dafür würde er schon sorgen, daß sie besser würde. Und dafür, daß die jungen Herren Offiziere etwas Unterhaltung mit ihm, an ihm und durch ihn haben würden, sollte es gewiß nicht fehlen. Das verstand er. Davor hatte er keine Furcht. Wirklich: bei den Preußen hier in Potsdam hatte er es nicht schlecht. Er hatte die Taschen voll Geld. Die halbe Garnison grüßte ihn. Er war Teekind bei seinem Hauptmann. Und jetzt gab's für ihn sogar Offiziersmenage.

»Es lebe durch des Höchsten Gnade
der König, der uns schützen kann«,

summte es in ihm.

 

Schmitzdorff aber hatte mit seiner jungen Frau am nächsten Morgen in aller Frühe, als das Tor noch nicht offen war, aber in zehn Minuten geöffnet werden mußte, seine Brautkammer mit dem breiten, geschnitzten und vergoldeten Bett oben unter dem Dach im Hause, wo unten der Vater Mettke seine Tabagie hatte, verlassen. Die kleine Sophie hätte gerne noch etwas von der Stadt gesehen, das Schloß, die Bittschriftenlinde, von der sie immer erzählen, und den Rathausplatz. Oder eine der Kirchen wenigstens von innen mal! Denn sie würde sich dann denken, daß sie doch in einer Kirche getraut worden wäre, wie sie es sich immer gewünscht hätte. Nun, es wäre ja auch sehr schön und sehr feierlich gewesen, und solche echten, seidenen Wände, wie sie sie jestern gehabt hätten, hätte sicher keine Kirche in ganz Potsdam. Nich mal in Berlin. Aber Schmitzdorff hatte gesagt, daß er nun für so etwas keine Zeit mehr hätte. Denn er wäre wieder mit der Arbeit zurückgekommen und hätte zwei Tage, zwei schöne, sonnige Erntetage verloren, da er ja vor morgen früh doch nichts anfangen könne. Und außerdem hätte er von Potsdam genug, und er hoffe mit Gottes Hilfe, Potsdam jetzt das letzte Mal in seinem Leben gesehen zu haben.

Und dann waren sie ein Stück gegangen. Aber das war der kleinen Sophie wieder nicht leicht geworden, während es ihm doch gar nichts ausmachte. Und deshalb hatte er seine kleine Sophie bis Großkreutz mit der Post vorangeschickt, die gerade vorüberfuhr. Und der Postillion hatte sie, weil er hin und wieder einmal aus Freundschaft ein Schnäpschen von ihm bekommen hatte im Winter, wenn er die Pferde im Schnee vorbeitrieb und ein Viertelstündchen da bei ihm haltgemacht hatte, für umsonst mitgenommen. Sie müsse nur kurz vor dem Ort aussteigen. Und dann hatte seine kleine Sophie am Wegrand sich auf einen Stein gesetzt und ruhig die zwei Stunden gewartet, bis er nachkam. Bei Knochenmus in Gollwitz, seinem Freund Knochenmus, haben sie dann etwas zu Mittag gegessen, denn er hatte frisch geschlachtet. Und Knochenmus wußte sich gar nicht zu lassen vor Freude, daß sie nun doch in Potsdam gewesen waren und, eben gestern von dem Hofprediger Behrens – aber den Namen hatte er noch nie gehört, das mußte wohl ein ganz neuer sein! – getraut worden wären. Knochenmus wollte sie durchaus zur Nacht dabehalten und brachte Kaffee und Kuchen und steckte Schmitzdorff von einem Myrtentöpfchen, das seine Tochter Elise sich schon seit zehn Jahren – aber immer noch vergeblich, trotzdem sie sich eifrig und keineswegs engherzig darum bemüht hatte – für ihren Brautkranz in ihrer Kammer am Fenster zog, sogar ein Sträußchen an die Patte seines langen weißen Leinenkittels mit den Silberknöpfen, damit alle Welt sähe, daß sein oller Freund mit dem grauen Kopf ein junger Ehemann wäre.

Und jetzt marschierten sie nicht mehr, sondern – das hatten sie gestern nachmittag wenigstens in Potsdam und in den Gärten gelernt – sie spazierten gemächlich und auf Nebenwegen durch den klaren und nicht allzu heißen, weil windigen Augusttag dahin durch Kiefernheide und blaugrüne Wälder, an Seen vorbei, wie große blaue Augen, und zwischen abgeernteten Kornfeldern. Merkwürdig, wie so ein einziger Augusttag doch das Land schon leer machen kann! Ach ja, genauso leer und abgebrannt kam Schmitzdorff ja heim. Seine Geldkatze machte ihm gewiß kein Magendrücken mehr, und doch war er sehr froh. Geld kann man wiederbekommen. Das wächst wieder nach wie das Gras, das Korn und das Tier. Aber so etwas wie die kleine Sophie – warum konnte er nur immer noch nicht denken, daß es seine Frau war? Was hatte sich dadurch überhaupt eigentlich geändert? So etwas kann man eben nie ein zweites Mal bekommen, wenn es einmal fort ist.

Dahinten waren die Pappeln gegen ein dunstiges Abendrot, unter denen die Hütte des Fischers Krüger lag. Nun, dahin ginge seine kleine Sophie gewiß nicht mehr. Das war nichts für sie. Und da war der dicke, kurze Steinturm, wie ein Daumen eines Riesen, der Dorfkirche aus den Feldsteinen. Und da, dicht dabei – aber von weitem nur sah das so aus – sein Haus, das mit dem roten Ziegeldach, das sich so deutlich aus den andern mit den Strohdächern heraushob, jetzt, gerade jetzt gegen den von der untergehenden Sonne branstigen Abendhimmel.

Und als sie endlich aufschlossen – sie hatten gar nicht bemerkt, wie die ganze lange Dorfstraße hinunter Haus bei Haus sich Nasen über die Blumentöpfe an den Scheiben plattgedrückt hatten –, da freute sich Karo mit seinen Bernsteinaugen und seinen Schlackerohren, der sie erwartet hatte und sich um sie gebangt hatte, in seinem braven Hundeherzen für zwei über sie. Weil er sich über die Heimkehr von zweien freuen mußte, von denen er die eine gar nicht erwartet hatte.

»Morgen kannst du sogar wieder mit mein' Malchen spielen«, sagte ihm die Sophie, um ihn, als sie ihn wegstieß, weil er ihr mit seiner langen, lappigen Zunge über das Gesicht lecken wollte und er anscheinend über diese Abweisung einer, wie Karo glaubte, nach so langer Abwesenheit durchaus berechtigten Zärtlichkeit indigniert zu sein schien sagte es ihm, um ihn doch wenigstens dafür etwas zu entschädigen.

 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.