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Grenadier Wordelmann

Georg Hermann: Grenadier Wordelmann - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleGrenadier Wordelmann
publisherDas Neue Berlin
printrun2. Auflage
editorBernhard Kaufhold
year1976
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131104
projectidc4bf36ee
wgs9110
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Hätte Schmitzdorff und seine kleine Sophie nicht noch, weil sie nun so schon einmal in das Schlendern, Schwelgen und Nichtstun heute hereingekommen waren, vor dem Brandenburger Tor einen kleinen Kaffeegarten gefunden, an dem sie nicht vorbeigehen konnten, weil es so gut nach Kaffee da heraus roch und weil so verlockend von einem Mädchen mit einer gelben Schürze ein Teller mit Streuselkuchen gerade vorbeigetragen wurde – ehedem hätte das Schmitzdorff nie verleitet, aber so ergibt der Mensch, wenn er das einmal nur gekostet hat, sich eben weiter hemmungslos dem Wohlleben –, so wären sie sicher schon viel früher in Potsdam eingezogen. Aber so stand die Sonne schon bedenklich tief am Rande des Ruinenbergs, als sie endlich Arm in Arm unter Aufsicht des Torwächters passierten.

Die Kunde jedoch von ihrem Erscheinen begann sich schnell zu verbreiten, und sie war zu Vater Mettke gelangt, noch lange bevor Schmitzdorff und seine Jungfer Braut dort eintrafen. Denn es liefen in Potsdam ja nicht allzuviel Bauern in roten Westen und langen weißen Röcken mit Silberknöpfen und mit einer Art von filzigem Dreispitz umher, dessen Form längst prähistorisch war, und auf die der ausgegebene Steckbrief so genau paßte. Und auch die Tracht – denn man mußte es schon so nennen – der kleinen Sophie mit dem überweiten Rock, der ja doch schon längst wieder an Umfang abgenommen hatte, wenn er auch noch immer reichlich genug war, und dem Mieder mit dem spitzen Herzausschnitt, den kein Mensch mehr trug, schien mehr der Florinde eines Schäferspiels, angemessen als einer Potsdamer Schönen, die durch die Straßen flaniert, um die Abendluft zu genießen.

Für alle, die darum wußten, und das waren ja eine ganze Anzahl von den Leibgrenadieren, war es also gewiß nicht schwer zu erraten, daß es bei diesem absonderlichen Paare er Mitte fünfzig, sie kaum zwanzig, wie es schien, denn Sophie sah sehr jung aus und ganz mädchenhaft – trotzdem, kleine Hunde bleiben lange jung ... daß es sich bei ihnen um niemand sonst drehen könnte als um den »Bauern« und seine Braut.

Schmitzdorff war eigentlich erstaunt, warum sie von den Grenadieren und sogar von Zivilisten so freundlich angelächelt wurden, und zwar nicht allein seine nette Begleiterin, was ja – einfach sexualpsychologisch! – zu deuten gewesen wäre, sondern ebensogut er selbst. Nun ja, daß die Grenadiere in ihm den alten Kameraden erkannten, da er ja die Narbe über dem Auge hatte und hinkte, aber sonst einen strammen und durchaus militärischen Schritt noch hatte und ihm deshalb zulächelten, ja, ihn mit leisen Nicken grüßten, war durchaus zu verstehen. Sie ehrten den Kriegsinvaliden. Aber daß diese sonst so hochnäsigen Stadtnarren einem einfachen Bauern Beachtung, und zwar freundlicher Art, schenkten, war ihm neu, und er begann sich allgemach auch mit dieser Art von überflüssigen Menschen auszusöhnen. Wie Schmitzdorff überhaupt, ohne sie zu kennen, gleich dem Pangloß der Candide jenes Voltaire, der oben in Sanssouci lange Jahre gewohnt hatte auch ohne von diesen dreien ebenfalls etwa je etwas gehört zu haben –, in diesem Augenblick durchaus der Ansicht Leibnizens war: daß wir in der besten dieser Welten leben.

Als er die Stufen zur »Patronentasche«, der Tabagie des Vaters Mettke – und dieses Mal hatte er sie gleich gefunden –, seine kleine Sophie, die den Rock an sich drücken mußte, daß er nicht im Eisengitter hängenblieb oder den Putz von der Wand streifte, hinaufführte, winkten ihnen schon Kleidt und Kattenhorn und Minde und Glasen, die vier Leibgrenadiere, aus dem Fenster von dem Stammplatz von ehedem entgegen. Und der dicke Vater Mettke hatte sogar seine Theke verlassen und machte ihnen in weitem Schwung die Tür auf und verbeugte seine Rundlichkeit so tief dabei, daß er bei dieser Geste mit der andern Hand fast die Schwelle berührte. Und während er sonst es schätzte, Schulden sofort einzukassieren, wenn er des Gläubigers ansichtig wurde – denn wie kam man sonst zu seinen paar Eiern! –, sagte er zu Schmitzdorff, als der nach seiner Geldkatze griff und frug, was er denn vom letztenmal noch anstehen hätte: »Ach, aber das eilt ja wirklich nich so ... da muß ich erst nachher mal nachsehen.« Aber es wäre für Mußjö Schmitzdorff hier schon etwas abgegeben worden, er sehe ihn ja morgen noch. Und wenn er bei ihm heute schlafen würde wollen, so hätte er, wenn er damit vorliebnähme, für ihn und die Demoiselle schon ein Zimmer gerichtet Und Wilhelm Kleidt und Glasen und Minde und Kattenhorn standen mit ihren roten Mützen und den zitronengelben Westen, und heute besonders gut gepudert die besonders gut gedrehten Locken, und den Haarbeutel scharf angezogen, und den Zopf erst eigens nochmals geflochten, mit den langen Extraröcken der Paradeuniform weiß der Teufel, wie sie die mitten in der Woche von der Kammer herausbekommen hatten! – stramm und gerade wie die Bäume da und klappten nach Offiziersart zur Begrüßung die Hacken zusammen und warfen den Arm im rechten Winkel gebeugt zur Seite, während sie: die geschlossenen Finger der mächtigen Hände zum Mützenrand brachten, und sie baten Schmitzdorff förmlich: Der Kamerad möchte sie doch dem Frauenzimmerchen vorstellen. Und alle machten die kleine Sophie erröten, die es gar nicht kannte, daß man so um sie herum war und daß man sie wie eine Dame vom Hofe behandelte, die sich aber sehr, sehr schnell daran gewöhnte und huldvoll zu lächeln begann und ihre kleine Hand und Zuhören und Nicken und Neigen ihres Kopfes mit der hohen Frisur – die sie wieder gehörig angemehlt hatte nochmals im Kaffeegarten und deren rosa Bänder sie wieder kunstvoll geknüpft und gesteckt hatte – genau verteilte und rationierte, je nach ihren Sympathien. So, als ob sie schon durch drei Dutzend große Empfänge im Muschelsaal und von den Winterbällen der Großen Galerie her darin Erfahrungen gesammelt und Routine bekommen hätte.

Kleidt klappte am lautesten die Hacken. Aber sie sah doch gleich, daß mit ihm wenig los war und daß er ein roher Hund war. Und Schorsch Minde mochte sie noch so sehr anstarren, sie kannte diese haltlosen Trinker aus dem Krug her. Der war nur besser und sauberer angezogen, aber sonst war es das gleiche. Kattenhorn, der Westfälinger, war ein netter Junge und sehr gutmütig und blond – und das lag ihr als Gegenpol –, wenn er auch etwas fremdartig war. Und der Peter Glasen mußte irgendwie unglücklich sein durch eine Liebe, von der er nicht loskam und die ihn mit der Nase durch den Dreck zog. So etwas wissen Frauen sofort. Und ihn lächelte sie deshalb am betörendsten von der Seite her mit ihren schimmernden Eidechsenaugen an.

Die vier Leibgrenadiere hatten eigentlich insgeheim eine Todesangst gehabt vor dieser ersten Wiederbegegnung heute mit Schmitzdorff, daß sie wie die Katzen lospruschen würden und die ganze Trauung noch im letzten Augenblick sich in ein unauslöschliches Gelächter auflösen würde. Denn jetzt war kein ränkereicher Odysseus von Wordelmann bei ihnen, der alles wieder zurechtbog und zurechtlog.

Aber seltsam, sie lachten gar nicht. Es lächerte sie kaum. Sie blieben ganz in ihrer Rolle. Weil es eben schon in diesem Augenblick gar keine Rolle mehr war, sondern weil das Stück es so mit sich brachte, daß sie die Rolle als Wirklichkeit empfanden. Und weil die kleine Person da, die dieser alte, grauhaarige Sünder herangeschleppt hatte, fast so charmant war wie die Annemarie und aus jedem von ihnen in weit kürzerer Zeit einen noch viel größeren Narren gemacht hätte ... und dann auch, weil es im Menschen drin liegt, sehr schnell sich in jede Illusion hineinzufinden und sie nur noch als Wahrheit zu nehmen.

Und Kleidt, der als Vertreter und Hauptfreund Wordelmanns der Sprecher war, sagte sehr gewählt und sehr ernst, daß es jetzt doch bald Zeit wäre, daß sie zur Trauung gingen, da man den Herrn Hofprediger, der sich eigens für sie heute abend frei gemacht hätte und des Nachts nachher noch eine Generalsleiche – die sterben jetzt wie die Herbstfliegen weg! – im Haus einzusegnen hätte, die heute noch nach dem Friedhof in die Saarmunder Chaussee mit 'nem Kondukt herausgeführt werden müsse, nich so lange warten lassen könne. Es wäre Schmitzdorff wohl schon mitgeteilt worden, daß die Trauung unvorhergesehener Umstände wegen im Hause stattfinden müsse, weil Seine Majestät gern öffentliches Aufsehen dabei vermeiden möchte und sich außerdem ungern mit dem janzen Konsisterium! – dieses Wort hatte er von Schmitzdorff gelernt – verfeinden will. Aber man hätte alles so schön und feierlich hergerichtet, daß keine Kirche dagegen ankommen könnte. »Brautführer, Trauzeugen und den janzen Klimbim haben wir auch jestellt. Und nachher hoffen wir noch auf ein gemütliches Zusammensein mit das junge Paar. Unter die Damens vor allem herrscht schon seit Tagen eine hochjradige Bejeisterung.«

Georg Minde wollte loslachen. »Menschenskind!« schrie er. »Die Mädchen machen sich schon wochenlang « – was er aber über die Damen ihres Kreises weiter sagen wollte, konnte man nicht erfahren, weil Kattenhorn ihn hinterrücks bedenklich kniff, oder um es genauer zu umschreiben, dort, wo seine zitronengelben Hosen aus den Schößen seines Waffenrocks schimmerten.

Und dann öffnete Vater Mettke wieder die Tür und verbeugte sich vor ihnen bis zur Schwelle, und das Schmitzdorffsche Paar schritt – denn »gehen« wäre dafür das falsche Wort! – unter dem Ehrengeleit von vier Leibgrenadieren in Paradeuniform, nur die Blechmützen hatten sie noch nicht auf, vorerst die Treppe hinab und wurde wie mit einer Eskorte, zwei – Kleid und Minde – vorweg, Glasen und Kattenhorn als Arrieregarde, durch die schon abendlich leer gewordenen, von der scheidenden Sonne durchröteten Straßen geleitet.

Und da Soldaten eben nicht gehen – und Leibgrenadiere vor allem –, sondern marschieren und gewohnt sind, auch einmal Tritt zu fassen, schallte das, als ob eine Wache auf Ablösung zieht. Und Schmitzdorff fiel aus alter Gewohnheit in den Rhythmus ein, und selbst die kleine Sophie setzte ihre Stöckelschuhe mit den Mohnblumensträußen auf jeder Spitze – das machte ihr Spaß – in langen Schritten und fest wie eine Marketenderin auf das Kopfpflaster.

Aber dann bogen sie – links schwenkt marsch! – in eine breite Einfahrt beim Schwertfegermeister Zanger durch ein Tor ein, auf dessen Eckpfeilern große Vasen, dunkel und schön umzogen gegen einen roten Himmel standen, tappten sich zwischen Holzstapeln und Bergen von Holzkohlen und Lagern von Eisenbarren und Stangen, auf denen Katzen hinschlichen und unter denen Kaninchen mit langen Ohren umherschnüffelten und zusammen mit den Tauben noch einmal den Boden revidierten, ob nicht noch ein bißchen Welschkorn vom Mittag her liegengeblieben war. Und mußten noch an einem einköpfigen Zerberus – denn es war wirklich ein höllischer Kerl, und er würgte sich fast an der Kette, so bläffte er sie an – vorüber, sich die schmale Stiege erkämpfen, die im Hinterhaus zu dem Zimmer und der Kammer der Dünklern emporführte und an der das Schönste die freie Aussicht war über Dächer, Kuppeln und Türme von Potsdam fort ins Grüne hinein nach den Ravensbergen und zum Ruinenberg hinüber, also nach allen Seiten hin. Wirklich der Gegenpol zu der alltäglichen und kümmerlichen Armut der Räume.

Sosehr auch die sechs in dem dämmrigen Treppenhaus – was ein Pleonasmus ist, denn es war nur eine Hühnerleiter von Treppe, und man konnte sich bei dem Halblicht Hals und Beine brechen, wenn man fehltrat – lärmend herumtappten, so war doch das Kichern und Gelächter, Gejohle und Gequiekse der Mädchen von oben immer noch lauter. Aber plötzlich schien man oben zu hören, daß sie kämen, denn von einer Sekunde auf die andere wurde es kirchenstill, als ob schon jetzt der Raum seiner zukünftigen Funktion übergeben würde. Dann jedoch stieß man oben die Tür auf, um denen auf der halbfinstern Stiege ihren Weg hinan zu erleichtern, und Feierlichkeit und Kerzenschimmer drangen, als ob von beiden zuviel in den Raum gepreßt wäre und unter Überdruck nun frei würde, dem emporsteigenden Brautpaar und seiner Ehrenkompanie entgegen.

Von beiden, was die Eigenheit dieses Raumes sonst ausmachte, war nichts zu spüren. Denn weder war er ärmlich wie gestern, noch kam sein weiter Blick und »das Haus wird gelobt werden, von dem man einen weiten Blick hat«, sagt schon Horaz – genug: Wenn er es vielleicht auch nicht ist, so sagte das schon jemand vor mehr als zweitausend Jahren noch kam sein weiter Blick zur Geltung, da sich von dem Kerzenschimmer aus Wandleuchtern und aus zwei großmächtigen, dreiarmigen silbernen Schabbesleuchtern der rötliche, weiche Schimmer festlich durch den festlichen Raum legte und draußen das Abendrot in eine rußige Dämmerung verwandelte und die Fernen verschleierte.

Das ganze große Zimmer aber, das sonst mager und ärmlich wie eine Spitalsuppe war, war heute mit Seidentapeten ausgeschlagen, die zwischen großen Karrees von breiten, glänzenden Silberborten lichtblau und meergrün und bunt schimmerten. Die breiten Bahnen waren so künstlich aneinandergelegt, daß das Stück nicht einmal zerschnitten worden war. So etwas konnte der Kattenborn. Auf der einen Seite des Zimmers gab es also langzopfige Chinesen vor vielstöckigen Pagoden und Palmen; auf der anderen Brücken, Ruinen und Tempelchen inmitten von Laubkulissen aus meergrünem und jene auf blauem Grund, herrlich in farbigen Seiden gewebt. Eines der Schlösser des Grafen Hoditz hätten diese Tapeten mal zieren sollen, aber da der verrückte Verschwender zusammengebrochen war, ehe man sie geliefert hatte, so hatte man wenigstens diese Stücke behalten und nicht noch sie zu dem Geld verloren. Jetzt in dem goldroten, stillen Schimmer der wächsernen Sabbatkerzen waren sie doch wenigstens zu etwas noch gut.

Die andere Seite des Zimmers jedoch nahm ein breiter Tisch ein mit einer herüberfallenden schwarzen Decke und mit kleineren Kerzen darauf und mit einem Kruzifix, das gleichfalls versilbert war und einen so elegisch posierten, weichlichen Schmerzensmann mit einem renischen Aufschlag der Augen zeigte, daß er die Koketterie selbst am Kreuz nicht lassen konnte. Rechts und links von dem Tisch jedoch war je ein schöner, rundgeschnittener Pomeranzenbaum in grünem Kübel, der aus einer Buntheit von Verbenen und Astern und Herbstblumen heraussah. Die Pomeranzen blühten porzellanweiß und dufteten wundervoll zitronengelb und honigfarben – nicht wie ein richtiges, sondern wie ein geträumtes Italien – durch den Raum.

Auf Tischen drüben wieder waren Kuchenberge errichtet, und Kränze und Napfkuchen wirkten als Vorberge, und darunter war ein kleines Faß Stettiner Bier aufgestellt, dessen Spund noch mit einem Leinenlappen umwickelt war. Den übrigen Raum des Zimmers nahmen jedoch zwei Reihen Stühle mit hohen und mit niedrigen Lehnen, wie man sie eben hatte borgen können, ein.

Wenn Schmitzdorff nebenbei jetzt andere Gedanken gehabt hätte, so hätte er bemerken können, daß, als sie die Treppe hinaufgegangen waren, aus jeder der vielen Türen denn man glaubt gar nicht, wieviel Parteien in so einem Hinterhaus, selbst in Potsdam und selbst 1780 schon, wohnen können; denn Potsdam war zwar nicht groß, aber es waren weit über dreißigtausend Einwohner da auf dem engen Raum zusammengedrängt sehn hätte er können, wie also aus jeder Tür jemand herausgespitzt hatte. Sophie war gewiß auch mit ihren Gedanken dabei und gewiß auch schon innerlich erregt – denn so heiraten ist ja doch ein Abschnitt im Leben, und wenn man es noch so sehr gewohnt ist, er bleibt es immer wie beim erstenmal –, Sophie hatte es doch gesehen und sich darüber Gedanken gemacht.

Wordelmann war hier der Hausherr, aber die Dünklern, der die Zimmer gehörten, die Wirtin. Wordelmann war in Paradeuniform mit weißen Handschuhen und hoher Blechmütze, und die andern vier setzten plötzlich auch ihre hohen versilberten Blechmützen auf, die schon für sie bereitgelegt waren, und streiften schwerfällig, Finger für Finger, weiße Baumwollhandschuhe über. Alle stießen mit ihren Blechmützen fast an die Decke.

Die Dünklern und die Zimmermann waren in hellen Kattunkleidern mit Streifen und Rosen, da ihnen kein Jude ein so kostbares Seidenkleid, wie der Annemarie, meergrün, mit Brücken und Ruinen und Tempelchen inmitten von Laubkulissen, bei der Parlaske machen ließ. Aber sie zeigten dafür üppige und schwere und nackte Arme und Schultern und Brüste – das heißt, über die hatten sie einen Gazeschleier geknüpft –, denn sie waren der Meinung, daß im Kampf der Geschlechter die natürlichsten Waffen immer noch die siegreichsten wären. Aber sie hatten, das wußten sie, bei den Männern in der Annemarie eine gefährliche Konkurrentin. Sie verdrehte allen die Köpfe. Wie sie das nur machte, diese kleine Fuchskröte! Sie kam ihnen nie entgegen und wickelte doch alle um den Finger. Wirklich, der Mann, mochte er noch so roh sein, müßte erst geboren werden, der sie mal prügelte!

Georg Minde, der die Speckseite und das Bauernleinen getragen hatte von Vater Mettke bis hierher, überreichte gleichsam als Brückenzoll die beiden in blaues Packpapier eingeschlagenen Bündel mit einer stummen Verbeugung der Dünklern, die sie ungeöffnet, denn jetzt waren so weltliche Handlungen nicht angebracht, beiseite auf den Tisch zu dem Kuchen legte.

Schmitzdorff schüttelte stumm den Damen die Hand und streckte sie sehr ergriffen Wordelmann entgegen, der sie eine Weile gerührt in seinen weißen Handschuhfingern ruhen ließ.

»Na, wie haben wir das allens gehoben und gelegt, Schmitzdorffchen«, sagte er, und er war wirklich selbst ergriffen im Augenblick, wie vornehm und feierlich schön sie das zusammengebracht hatte, »haben wir dir das nicht bildschön besorgt? Natürlich, die andern haben ja auch geholfen, aber der Macher vons Janze war eben doch wieder mal Wordelmann.«

Indes waren die Mädchen um die kleine Sophie 'rum, und Annemarie war die erste, die sie umfaßte und küßte. Sie waren auf eine Urschel, auf ein richtiges Bauerntrampel gefaßt gewesen, mit Händen wie Füße so groß, mit Sommersprossen und rothaarig, die sich schämte und nicht fünf Worte zusammenbringen konnte. Und nun war das ja mit einmal eine richtige kleine Prinzessin, beinahe so fein wie sie. »Du bist ja eine niedliche kleine Kröte«, sagte die Annemarie. »Derfste denn schon heiraten? Derfste denn schon allens wissen? Paß uff, wir haben dir auch eenen Kranz besorgt. Denn eenen Kranz muß man doch haben, wenn man heiratet. Sonst bringt das keen Glück. Es is zwar nur Buchsbaum. Aber det schadet nischt, wenn's man 'n Kranz is. Und von die Zimmermann haben wir dir aus 'n Kantentuch een Brautschleier genäht, nur so gehoften, du mußt ihn ihr aber retourgeben, du Kleene « Sie küßte sie wieder. »Du kleene, reizende Landpomeranze Sehen wir uns eigentlich ähnlich? Ick gloobe beinahe.«

Die Sophie aber wickelte vorsichtig ihr Sacktuch auf und zeigte die Zitronen- und Orangenblüten, die sie sich aus dem Park, als gerade keiner hinsah, schnell abgerupft hatte. Sie waren zwar ein wenig zerdrückt, aber sie dufteten noch herrlich. Und das nahmen die andern beiden zum Signal, sich unter lautem Gelächter gleichfalls mit einem Pelotonfeuer von Küssen auf sie zu stürzen, sie in einen Winkel zu ziehen, die weißen Blüten mit Nadeln zwischen den grünen, blanken Buchszweigehen zu befestigen und ihr den Kranz, an dem der Schleier hing, überzustülpen. Aber da die Frisur der kleinen Sophie sehr hoch und sehr spitz war und jetzt keine Zeit mehr war, sie abzuändern, so blieb nichts anderes übrig, als ihn eben statt aufzusetzen so überzustülpen, daß der weiße, gepuderte Haarkegel wie der Aschenkegel eines feuerspeienden Berges aus dem Grün kam. Was gegen die blaue, fernöstliche Seidentapete mit ihren Brücken und bunten Männerchen und seltsamen Bauten so wie der Fudschijama bei schönem Wetter aussah, ähnlich, wie ihn das Auge des alten »Zeichennarren« Hokusai sah und die Hand es stilisierte.

Schmitzdorff hatte indes, wie bei solchen Gelegenheiten üblich, leise Worte des Grußes und der Verlegenheit mit den fünf Leibgrenadieren getauscht und gefragt, warum denn eigentlich Vater Louis nicht zu seinem Ehrentag, zu seiner Trauung käme. Denn den Vater Louis hatte er besonders in sein Herz geschlossen. Erstens war es ein stiller Mann und keiner von solchen Springinsfelden wie die da, und zweitens hätte er gerade heute gerne mit dem wieder in seinen Kriegserinnerungen etwas herumgewühlt, die, wie das so bei Kriegserinnerungen ist, ihn zum Helden stempelten, auch da, wo er einst den besseren Teil der Tapferkeit erwählt hatte.

»Ach«, sagte Wordelmann, »mit den Mann jehen wir nicht mehr. Der kommt ja jetzt auch zu des Korps der Ausrangierten nach Werder. Det is nischt for uns Mannschaften von das erste Bataillon der Leibgarde zu Fuß. Mit so was verkehren wir nich.«

Schmitzdorff bedauerte es, aber hätte so etwas schon geahnt.

»Der Prediger, lieber Schmitzdorff, is nebenbei een junger Kandidat namens Behrens, der hier doch jetzt Hofprediger werden soll, weil der letzte vor een Jahr an Stickfluß einjejangen is. Aber er is sonst een sehr vorzüglicher Mann. Wir sind alle janz jerührt von ihm. Wenn wir zum Kirchgang bei Behrens kommandiert sind, da fehlt keener. Trotzdem er doch immer bei de Predicht oben auf de Kanzel nur sitzen tut, weil er nämlich ein Beinleiden von Kind an hat, da ihn seine Mutter aus de Wiege hat fallen lassen. Aber der Behrens hat es trotzdem und vielleicht gerade deswegen jeschafft, daß er Predichtsamtskandidat geworden is un hier bald Hofprediger wird. Die Weiber aber, sach ich dir, Schmitzdorff, sind ja janz futsch von ihm, und wenn er nur wollte, der könnte hier leben wie der Jroßtürke. Aber er tut es nicht. Nich rühr an. Er sagt: Des verträcht sich nich mit seine Religion un mit seine Stellung. So ist er.«

»Ach«, meinte Schmitzdorff erstaunt.

»Du bist nebenbei, weil du Dispens hattest, in de Kirche nich mehr uffjeboten worden, det is, wenn der Olle sein Machtwort spricht, auch nich mehr nötig. Du kannst schon froh sind, daß dir der Behrens traut. All und jeden tut der's nicht. Bei den andern, den Stresecke, da drückt sich, wer kann. Ich habe sojar mal drei Tage Kasten gekriegt, weil ich bei ihm een bißken injedrusselt bin«, setzte Wordelmann mit bescheidenem Lachen hinzu, denn ein lautes Lachen hätte die Fortgeschrittenheit der Situation nicht mehr ertragen.

Und richtig: Viel weiter kam auch Wordelmann nicht, denn man hörte schon rappeln hinter der Tür. Es war eben soweit, daß Mettich jetzt eintreten mußte. Ohne Zweifel, es war für alle ein fataler Moment. Wenn nur keiner laut losplatzte und alles im letzten Augenblick in die Binsen ging. Aber Wordelmann wußte über solchen Moment hinwegzuhelfen. Er verließ sich auf die militärische Disziplin und die Suggestion des Kommandos.

»Aaachtung!« brüllte er mit vorzüglicher, ganz knapper Kommandostimme – denn kommandieren konnte er, das fuhr einem direkt in die Knochen. »Janzes Ba ...llion! Helm ab zum stillen Jebet!«

Und da die Leibgrenadiere eben Leibgrenadiere waren und Schmitzdorff ein alter Soldat war und die Mädchen doch immerhin Soldatenliebsten, so wußten alle, was ein Kommando bedeutet und daß es dabei nichts mehr zu lachen gab, selbst wenn eine Kuh seiltanzt.

Und die Soldaten wußten – oder sie wußten es nicht einmal mehr, so war es ihnen in das Blut gegangen –, daß man bei »Helm ab zum Jebet!« den Helm eben abnimmt, senkt, ihn mit beiden Händen in halber Brusthöhe vor sich hält, ein unbewegtes Gesicht macht und daß man dabei an gar nichts zu denken bemüht ist, um ja seine Züge reglos und entspannt zu halten. Auf »Zwei!« werden dann die Augen in deutlicher Bewegung der Lider niedergeschlagen, während man so lange, bis das Kommando »Rührt euch!« ertönt, mit den Blicken eine Stelle des Bodens, eine halbe Elle von der rechten Fußspitze entfernt, zu fixieren hat. Selbst Georg Minde tat das.

Es war durchaus nicht etwa die übermächtige Persönlichkeit Wordelmanns, die diese Wirkung ausstrahlte, sondern nur der Zauber des Kommandos und der Zauberklang der Kommandostimme. Und wer dem einmal unterlag, der ist ihm für sein Leben verfallen. Und so griff Schmitzdorff, da er keinen Helm mehr hatte, doch wenigstens schnell nach seinem Dreispitz, den er vorhin schon auf einen der Stühle gelegt hatte, erhob ihn und hielt ihn mit beiden Händen genauso, daß die obere Spitze mit der Magengrube abschloß. Und suchte, wie er das bei diesem Kommando gewohnt war, dazu mit den Blicken den Boden eine halbe Elle vor der rechten Fußspitze.

Selbst die Mädchen taten desgleichen, ließen ihr Lachen und Quieksen, schwiegen und blickten zu Boden. Denn sie wollten nicht, daß die Männer nachher mit ihnen Krach machten, daß sie sich schlecht benommen und die Feier gestört hätten. Denn Männer sind in so etwas sehr komisch, wie Kinder. Und man weiß nie, wann die auf einmal anfangen, ihr Spiel, das es sicher nicht ist, ernst zu nehmen. Und dann, als er jetzt anhub und aus der Idee sich in die Wirklichkeit übertrug, empfanden sie auch das als Feier, was sie alle zuerst als Ulk gemeint hatten. Wie ja endlich doch das Feierliche in den Riten selbst ruht und die Riten, losgelöst von ihrem Kern, ein ebenso starkes Eigenleben meist führen, wie wenn sie noch um diesen Kern kristallisiert wären.

Die einzige aber, die den Kopf nicht senkte, war die kleine Sophie, weil es das erstemal war, daß ein Kommando, und noch eines dieser Art dazu, an ihr Ohr klang. Und sie war trotzdem die einzige vielleicht von all denen hier, die wirklich betete. Nicht in Worten, sondern mehr in unbestimmten Wünschen. Denn es gab ja ziemlich viel, was sie sich von ihrem Gott zu erbitten hatte, für ihre Zukunft und die von Malchen und die von dem Jungen, der wohl in acht Monaten erst seinen ersten Schrei tun würde. Und dann für ihren Mann. Und daß er sie und sie ihn noch später so gern haben möchte wie heute. Denn jede Frau weiß es doch, daß es nicht leicht-, ja unendlich schwerfällt, mit einem Mann, der um ein reichliches Menschenalter auf dem Weg durchs Leben ihr voraus ist, ein langes Stück gleichen Schritt zu halten.

An all das aber dachte die kleine Sophie mit ihrem Buchsbaumkranz und den Orangenblüten und mit ihrem wallenden Spitzenschleier, der auf dem weiten Rock, wie ein Fahnentuch bei Windstille auf einer vorspringenden Konsole, sich hingebreitet hatte dachte oder fühlte also etwas und wünschte und erflehte es hocherhobenen Hauptes und mit ganz weit geöffneten, trotzdem träumenden Augen.

Und sie war deshalb sehr verwundert, die kleine Sophie, als sich plötzlich durch dieses Blickfeld ihres Gebettraums ein netter junger Mann mit einer Perücke, die etwas schief saß und aus der hinten ein Zopfende und das Band eines Zopfes lang herabhing, mit einem weißen Beffchen, einem geröteten, sehr verlegenen Mädchengesicht und mit einer schwarzen, halblangen Mantille, die vielleicht ein Talar sein sollte, aus der aber lange gelbe Hosenbeine und weiße Baumwollgamaschen mit vielen blanken Knöpfchen und ein Paar ganz richtiger Kommißstiefel heraussahen also außerordentlich verwundert war die kleine Sophie, als solch eine lange Sphinx zwischen Pastor und Soldat mit vorgestrecktem schrägen Kopf aus der Kammertür sich schob und, reichlich verwirrt, mit einer sehr verlegenen Fingerbewegung das hochgedrehte weißblonde Schnurrbärtchen, wie es eben nur Leibgrenadiere eigentlich trugen, sich zurechtstrich, um sich seitlich und scheu dann auf den Stuhl hinter dem schwarzen Tisch hingleiten zu lassen, mit verzitterten Fingern ein Buch aufzuschlagen und die Arme zwischen den beiden Orangenbäumen dann breit auf den Tisch zu legen und die Beine, das sah man deutlich, so weit unter den Stuhl zu ziehen, wie es nur irgend anging, wenn er das Gleichgewicht noch gerade halten wollte.

Gewiß, in Wust hatte ihr Prediger gar keinen Bart und sah sehr anders aus, aber vielleicht waren hier in Potsdam die Hofprediger alle so militärisch. Wer konnte das wissen? Das Wichtigste war ja jedenfalls doch jetzt, daß er sie trauen würde. Die kleine Sophie fand sein Gesicht weit weniger ernst und feierlich, als sie es sonst bei Männern dieses Standes gewohnt war. Eher ängstlich. Sie sah ihm an, diesem jungen Prediger, daß ihm die Situation des Trauens ebenso neu und fremd war wie ihr.

Aber als er noch immer nicht beginnen wollte Paul Mettich hatte die Empfindung, als wäre er plötzlich stockheiser geworden, er brachte einfach keinen Ton heraus, so gern er sich auch, wie er es oft von richtigen Pastoren gehört und gesehen, geräuspert und angefangen hätte und als die Leibgrenadiere in ihrem »stillen Gebet« schon langsam begannen, unruhig hin und her zu wackeln, und den fixierten Fleck aus den Augen verloren und sich heimlich und leise grienend umzusehen begannen, ob der Kamerad denn schon dasäße und wie er sich da präsentierte, da war es wieder Wordelmann, der die Trauung vor Verwirrung und Zusammenbruch rettete. Denn er kommandierte leise, graziös und tonlos und scharf zugleich – das machte ihm keiner so gut nach: es entspannte im Augenblick alle Muskeln und die ganze Aufmerksamkeit – nichts als »Rüüüührt ... öich!« Das erste war wie ein langgezogenes Waldhornecho, so mild. Und das zweite wie ein Pistolenschuß, so kurz und scharf.

Und dann übernahm er das Arrangement. Er verbeugte sich begrüßend vor dem Hofprediger und sagte, während die andern deutlich vernahmen: »Der Herr segne Sie, Herr Hofprediger ! – Paule, jetzt Ohren steifhalten!« Er wies den Damen ihre Plätze an. Sorgte dafür, daß bunte Reihe gebildet wurde. Er setzte Georg Minde neben Kattenborn und den wieder neben die Annemarie. Und Glasen neben die Dünklern. Er stellte das Paar Hand in Hand hin. Und schob es noch etwas vor, weil es ihm zu weit von dem Altar zu stehen schien. Er nahm die Putzschere und putzte alle Lichter noch einmal, an den Wandleuchten und an den Girandolen, damit sie nicht durch Flackern und Blaken die heilige Handlung später stören könnten, sondern still und rotgolden, in sich knisternd, vor sich hin brennen und den feierlich tönenden Worten einen Goldschimmer geben möchten.

Und dann räusperte sich Paul Mettich doch endlich, strich sich mit der hellen großen Hand über das Beffchen, räusperte sich noch einmal und begann.

Und seltsam, kaum klang seine weiche und angenehme und etwas süddeutsch singende Stimme durch den Raum mit den Kerzen und den zwischen breiten Silberbändern schimmernden Seidentapeten, so hatte auch jeder vergessen, daß es doch nur ein Scherz war und eine Notlüge, die sie selbst sich ersonnen hatten. Und was war der Unterschied? Hier waren zwei Menschen, die sich gerne hatten und die sich danach sehnten, sich unbehelligt weiter gern haben zu können. Eben so lange, bis der eine nicht mehr wäre, oder solange sie sich eben gern haben würden. Und schon allein das, wenn man diese beiden da ansah, war Grund genug, daß plötzlich irgendwelche Saiten zu schwingen begannen und Rührung von der Herzgrube aus nach der Kehle und den Augenwinkeln stieg. Und dann diese Stille ringsum und die schönen alten Worte, die der Paul Georg Mettich hersagte: Aber er war jetzt ebenso Prediger, wie Wordelmann vorher »das« Kommando gewesen war. Das Wort trug ihn, die Seele der Feier sprach selbst durch ihn. Auch wenn er es halb aufsagte, halb aus dem Buch ablas.

»Unser Anfang geschehe im Namen des Herrn. Der Ehestand ist eine göttliche Anordnung, ohne welche die menschliche Gesellschaft nicht bestehen könnte «

Die kleine Annemarie knuffte lachend den Peter Glasen. Aber der saß steif und machte nur ganz leise »kß« nach ihrer Seite hin. Was die menschliche Gesellschaft und ihr Fortbestehen anbetraf, fehlte der Annemarie Pflaster leider doch der nötige sittliche Ernst.

»... und die wahre Glückseligkeit des häuslichen Lebens nicht erhalten werden kann.«

Hier schluckte die Zimmermannen das erstemal auf und strich sich dann mit dem Zeigefinger ihrer rundlichen Hand mit langer, ziehender Bewegung unter der Nase hin. Schmitzdorff aber mit seiner kleinen Sophie am Arm senkte den Kopf tiefer.

»Nachdem, wie Gott sagt und die Heilige Schrift, die Erde und der Himmel und die Tiere erschaffen waren und besonders er diesen Erdboden den Menschen zum Wohnsitz gegeben hatte «

Mettich stockte ein wenig. Wordelmann blickte ihn in tiefer Gläubigkeit an. »Sehr jut, immer feste weiter!« flüsterte er aus dem ihm zugekehrten Mundwinkel.

»... schuf er den ersten Menschen nach seinem Ebenbilde, welcher über alle niederen Arten von Geschöpfen, die ihn umgeben, herrschen sollte. Und da er es nach seiner Weich «, Mettich blickte, den Kopf vor Erregung knallrot, in das Exerzierreglement, »in seiner Weisheit nicht für gut fand, daß der Mensch allein sei, gab er ihm eine Gesellin, die Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinen Gebeinen wurde, und lehrte durch unsere Stammeseltern uns allen, daß eine sehr genaue Verbindung von Mann und Frau statthabe.«

Nun dachte auch niemand mehr daran zu lachen. Selbst Georg Minde wiegte nachdenklich den Kopf, als diese so schlichten und doch so schweren und gewichtigen Worte in ihrem einfachen und schwingenden Klang langsam eines nach dem andern in sein immer von Alkoholdämpfen leicht umnebeltes Hirn träufelten.

»Hört, wie unser Herr lehrt: Das Band der Ehe ist heilig.«

Solange hatte die Dünklern an sich gehalten. Jetzt aber heulte sie los wie ein Schloßhund. Und auch die kleine Sophie vorn schudderte vor Schluchzen mit den Schultern, daß der Schleier auf ihrem Rücken in leisen Schlangenwindungen erzitterte. Wenn jetzt plötzlich die Büttel hereingetreten wären und gefragt hätten: »Was gibt es hier?«, so hätten alle wie aus einem Munde gerufen: »Eine Trauung.« Und keiner hätte gelogen.

»Menschen sind nicht berechtigt, es nach ihrem Sinne aufzulösen ... die Pharisäer versuchten ihn und sprachen «

Langsam gab es nur noch den Klang der Worte im Raum inmitten der dämmrigen, bunten Seidentapeten; und alle schwammen darauf, als wäre das ein Boot, das einen zwischen besonnten und schönen Ufern den Lebensstrom hinabtriebe. »Jesus aber antwortete: Habt ihr nicht gelesen daß der Schöpfer Mann und Weib geschaffen hat ... und werden das Haus ihrer Eltern verlassen was Gott zusammenfügt « Aber plötzlich kam dem Mettich wohl wieder das Bewußtsein, was hier gespielt wurde, so wie ein Berg durch den Nebel auftaucht, einen Augenblick sichtbar wird und dann von neuem sich langsam verschleiert. Und trotzdem er das Buch vor Augen hatte, schwieg er, nicht, als ob er es nicht wisse, sondern, als ob er noch einmal darüber nachdenken müsse. Es entstand eine Pause. Alle blickten auf. »Feste, feste«, tuschelte Wordelmann – hätte er doch den Vater Louis dazu gekriegt. Der Mettich, der vermasselte einem noch die ganze Angelegenheit.

»Soll der Mensch nicht trennen!« sagte Schmitzdorff laut; und man hörte deutlich, wie er dabei vor Tränen nur so schluckte.

Aber in diesem Augenblick fielen die Blicke Schmitzdorffs auf die lang vorgestreckten – denn Mettich hatte längst nicht mehr die Stellung, die er im Anfang so angst- und zwangvoll bewahrt hatte – weißen Soldatengamaschen, die samt den Militärstiefeln mit den zweiunddreißig Nägeln der ihm zugekehrten Sohle unter dem schwarzen Vorhang hervorkamen, und er blieb mit den Blicken daran hängen. Und für den Bruchteil eines Augenblicks – so, als ob eine Rakete in der Luft zerreißt und hell blendende Funken umherstreut – wurde es ihm klar, was hier für ein Spiel doch mit ihm getrieben wurde. Aber dann hatte sich auch schon, wie bei einem seelisch Kranken, der an einer fixen Idee hängt, die Illusion wieder vor die Wirklichkeit geschoben. Der Kranke glaubt, er hätte seine Mutter getötet, und wenn sie lebend zu ihm in das Zimmer tritt, so ist das durchaus kein Beweis, daß sie etwa lebt, sie ist eben nur noch ein letztes und einziges Mal aus dem Grabe gestiegen, um ihm deshalb Vorwürfe zu machen. Und die Rührung übermannte Schmitzdorff von neuem. Er stand eben hier, wurde jetzt durch den Hofprediger Behrens auf königliche Order mit der Sophie Gottliebe Kühlbrodt zusammengetan – und damit basta.

»Seid ihr willig, in den Stand der Ehe zu treten und die Pflichten, welche christlichen Eheleuten obliegen, zu erfüllen, so sprechet: ja.«

»Jaaahahah«, zitterte es durch die Stille. Denn auch die kleine Sophie weinte jetzt herzbrechend. Nun also war es wirklich soweit, daß sie ihr Leben lang eben Frau Schmitzdorffen hieß.

»Wollt Ihr nun, Christian Friedrich Schmitzdorff, diese Sophie Dorothee Kühlbrodt aus Wust bei Brandenburg zu Eurer Ehefrau nehmen, versprecht Ihr auch, zeit Eures Lebens ihr alle eheliche Treue zu erweisen und sie nicht zu verlassen?«

»Ja«, schmetterte Schmitzdorff durch den Raum, daß die Wachskerzen in den Schabbesleuchtern nur so knisterten und zuckten.

»Wollet ihr nun«, jetzt gefiel dem Mettich die Sache, er begann, sich in seinem Element zu fühlen, er bedauerte nur, daß es schon zu Ende ging, eigentlich hätte er doch Pfaffe werden sollen. Warum in drei Teufels Namen war er nur damals ausgekratzt und zu den Soldaten gegangen? Es ist doch sehr hübsch, so den Menschen das Letzte aus ihrer Seele herauszuholen. Man fühlt sich selbst so groß, so stolz und so gut dabei. »Wollet Ihr nun, Sophie Dorothee Kühlbrodt, dem Christian Friedrich Schmitzdorff auch alle Zeit des Lebens gehorsam sein, alle eheliche Treue erweisen und ihn nicht verlassen?«

»Ja«, zwitscherte die kleine Sophie. Warum sollte sie auch nein sagen? Darauf hatte sie doch schon die ganze Zeit gewartet. Und sie flog dem Schmitzdorff an den Hals.

»Das kommt noch nicht, Kindchen«, sagte Wordelmann, »alles muß seine Ordnung hier haben«, und er zog sie mit leiser Gewalt zurück.

»Ich nehme alle, die hier gegenwärtig sind, zu Zeugen dieses feierlichen Versprechens.«

Die Mädchen schluchzten in ihre Spitzentücher, wie sie sicher sonst nie weinten, wenn man sie etwa mal prügelte. Aber im ganzen lebten sie ja sehr gut mit ihren Soldaten. Die wenigstens. Und die Männer waren sehr ernst. Peter Glasen war sogar ganz blaß. Er möchte seine Annemarie auch so halten können. Mal ginge sie doch von ihm weg zu dem Juden. Der ist zu reich, als daß man ihr das übelnehmen könnte. Solch Mädchen will doch auch was von sei'm Leben haben.

»Da keine Einsprache gegen eure eheliche Verbindung erhoben wird, so tue ich euch zusammen. Es wolle der allmächtige und barmherzige Gott euer Vorhaben segnen.«

Alle Mädchen schluchzten bei diesem Wort, als ob sie sich dazu verabredet hätten, noch einmal auf.

Nun war die Trauung vollzogen. Und war es nicht feierlicher und ergreifender als in jeder Kirche? dachte Wordelmann.

»Leget die Hände ineinander. Euer eheliches Versprechen, welches ihr vor Gott und diesen Zeugen getan habt, bestätige ich im Namen des Gottes, des Sohnes und des Heiligen Geistes Heilige Maria, bitt für uns.« Endlich war Mettich doch Katholik.

»Als ein Diener der Christenheit«, soufflierte Wordelmann.

Mettich sah ihn groß an und schüttelte nur. »Was die Liebe zusammenfügt, soll der Mensch nicht trennen Amen.«

Wordelmann war sehr unzufrieden. Was redete da der Mensch nur? Von der »Liebe« stand da zum Schluß gar nichts drin. Und den »Diener der Kirche« hatte der Mettich ihm auch unterschlagen. Aber die Mädchen drängten vor und nahmen die kleine Sophie in die Arme, wünschten der Madame Schmitzdorffen viel Glück und küßten sie mit ihren noch tränenfeuchten Gesichtern. Die hatte es doch gut: Die konnte heiraten, und wenn es man auch nur ein oller Mann war. Aber was waren und blieben sie? Jede honette Frau rümpfte doch über solch eine, wie sie waren, die Nase nur.

Die Soldaten jedoch, Glasen und Kattenborn und Minde und Kleidt, sahen, daß es hier etwas zu küssen gab und drängten sich auch hinzu. Aber Wordelmann sagte sich, daß er sich das ja bis zu den Pfänderspielen aufsparen könnte. Erst mußte der Mettich wieder die Stube verlassen haben.

»Herr Hofprediger«, fragte Schmitzdorff, denn er wußte doch, was sich schickte, »was bin ich Ihnen for die erbauende und schöne Trauung denn schuldig?«

Mettich sah den Bauer erstaunt an. Auf den Gedanken, daß das etwas kosten und ihm etwas einbringen könnte, war er noch nicht verfallen.

»Einen Friedrichsdor«, sagte er und räusperte sich und fächelte sich mit seinem Beffchen etwas Luft zu. Das hatte ihn wärmer gemacht als drei Stunden Bataillonsexerzieren auf dem Bornstedter Feld.

»Herr Hofprediger«, sagte Schmitzdorff, »ich bin ja nur ein armer Bauer.«

»Aber zwee harte Taler«, meinte Mettich freundlich, »wird dir doch ooch nich zu ville sind? Nich wahr?«

Schmitzdorff wunderte sich, wie der Herr Hofprediger, der eben noch so schöne und ergreifende Worte gefunden hatte und sie so zu Herzen sprechend und in reiner Sprache von sich zu geben wußte, sich herabließ, mit ihm jetzt die einfache Sprache des Volkes zu sprechen. Er kramte in seiner Geldkatze und legte vorsichtig zwei harte, silberne Taler auf die schwarze Decke neben den Sockel des silbernen Kruzifixes. Das war ja kein Silber. Es verhielt sich mit dem Kruzifix da genau wie mit seiner – Schmitzdorffs – Trauung. Darunter war gewöhnliches Kupfer oder sonst etwas ganz Schlechtes an Metall. Es war nur versilbert. Aber es sah gerade so schön aus, als wenn es durch und durch Silber gewesen wäre. Und letzten Endes war es auch gleich und erfüllte ebenso seinen Zweck und seine Mission auf dieser Erde wie das echte, reine, staatlich gestempelte und geeichte Edelmetall.

Eigentlich war Schmitzdorff dem Hofprediger Behrens derart dankbar – denn der Mann hatte seine Sache geradezu so großartig gemacht, daß selbst die Grenadiere wie die kleinen Kinder geflennt hatten! –, daß er sogar einen Augenblick mit sich gekämpft hatte, ob er nicht statt der zwei Taler doch zwei und einen halben Taler ihm hätte hinlegen sollen. Dann jedoch sagte er sich, das sähe so nach Douceur aus und daß er den Herrn Hofprediger vielleicht damit beleidigen könnte – solche Studierte sind in so was sehr empfindlich wegen dem Point d'honneur –, und so zog er im letzten Augenblick die Hand mit dem überschüssigen Fünfzehngroschenstück zurück und schob es wieder in die Geldkatze unter seine rote Weste hinein.

Wordelmann war in tausend Nöten. Drüben der Georg Minde war schon wieder aufgewacht und schäkerte laut und unfein mit der Zimmermann. Die nächste Minute mußte er am Tisch sein, und das gab ein Malheur. Wie brachte er nur den Schmitzdorff weg und schuf für Mettich in seiner Pelerine und mit seinem Zopf, der jetzt, eine halbe Elle bald lang, hinten vorguckte unter der Perücke, die nötige Rückendeckung, daß er mit Anstand wieder durch die Kammertür und durch eine Nachbarwohnung entwischen könnte?

»Ja, Herr Hofprediger«, sagte wieder Schmitzdorff, »verzeihen Sie mir noch eene Frage. Wenn ich wohl untertänigst um einen Trauschein jebeten haben dürfte von wegen dem Gendarm Jaensch und dem Schulzen Lier, damit ick ihnen den bei die passende Jelegenheit so een bißken unter die Neese reiben kann.«

Davon aber stand nichts im Festprogramm, und Wordelmann war sich im Augenblick bewußt, daß man eigentlich um keinen Preis Geschriebenes weggeben dürfte; auch Mettich fächelte sich verzweifelt mit seinen Beffchen.

»Ja aber, ob der Herr Hofprediger hier im Augenblick das noch machen kann, lieber Freund«, sprang Wordelmann ein, denn Schmitzdorffs Stirn bekam noch mehr Falten als sonst, und seine kleinen Wildschweinaugen begannen tückisch aufzuglänzen, »das scheint mir kaum glaubhaft wegen die Generalsleiche, die jetzt mindestens seit 'ne halbe Stunde auf ihn schon warten tut, und denn weeste, das muß meiner Ansicht nach von des vorjesetzte Konsisterium ausjehen. Der ist ja eijentlich noch Lehrling auf seinem Fach, der Herr Pastor Behrens. Der hat ja noch gar nicht ganz davon ausstudiert. Der darf des eigentlich alleine nich machen, und hier darf er's keenenfalls jetzt jleich tun. Aber wie ick ihn kenne, schickt er dir des nach«, setzte er hinzu, als er sah, daß die Falten in Schmitzdorffs Stirn sich noch weiter bedenklich vertieften. »Aber sieh doch mal da drüben den Georch, den Minde, knutscht der sich da doch mit deine Olle 'rum, jerade als ob er eben jetraut worden wäre. Des is een Jenießer! Junge, wirst de weg von de Bilder, du koofst den Ollen Fritze ja doch nich! Immer sachtekin da drieben mit de Remonten!« Und er zog Schmitzdorff von dem schwarzen Tisch fort zu der Gruppe der Mädchen herüber. Und da hatte er glücklich Schmitzdorff dort, wo er ihn haben wollte.

Aber er war noch nicht drüben, da war der Mettich mit seinen gelben Hosen, seinen Grenadierstiefeln und seiner schwarzen Mantille und seinem langen Zopf aus der Perücke zur Kammertür hinaus.

Also das mit der Sophie und dem Georg Minde war nicht halb so schlimm gewesen. Solcher Leute wußte sie sich schon zu erwehren. Wenn es noch Peter Glasen gewesen wäre, der ihr so leid tat. Aber nun umringten alle Schmitzdorff, und jeder schüttelte ihm die Hand, und die Mädchen hielten ihm sogar den Mund hin und nannten ihn einen »verdammten alten Schwerenöter«, als er diese Einladung nicht mißverstand. Jetzt war alles ein Herz und eine Seele. Und für einen Augenblick hatte der Bauer auch den Trauschein vergessen, weil eben von je die Frauen – und wenn es selbst ganz einfache Soldatenliebchen sind – von Gott als die Verwalterin der Lethe eingesetzt sind.

Man nahm die Decke vom Tisch und stellte das Kruzifix in eine Ecke, daß es nicht umgestoßen wurde.

»Also jetzt hat er sie am Halse«, rief Wordelmann und legte die Blechmütze ab und zog seine Handschuhe aus. Nun wollte er es gemütlich haben. Wie hatte er das wieder gemacht! »Zwei Mann zur Hilfeleistung beim Ausziehen des Waffenrocks!« kommandierte er breit lachend und warf seinen Rock mit den roten Aufschlägen im Bogen über einen Stuhl. Er war doch ein Kerl! »Na, wie ist das gegangen!« flüsterte er Kleidt zu. »Die Hauptsache: immer dreist und jottesfürchtig!«

»Der is scheen 'raus, der olle Schmitzdorff«, krähte Georg Minde.

»Leisekin! Stieke! Die driebenschen Leute!« rief die Dünklern.

»Ach wat, die kriegen morgen een Stück Nappkuchen for ihre Jören – naturellement, wenn wir ihnen wat übriglassen –, un denn is det wieder ins Lot!« rief Kleidt und versuchte von neuem, die kleine Sophie zu küssen.

Aber die war nicht dafür. »Nich so dichte 'ran!« schrie sie auf.

»Wilhelm, du kriegst gleich eene jewunken, wenn du des Mädchen nich in Ruhe läßt!« rief Wordelmann. Wer hatte hier die Verantwortung, wenn es Lärm oder gar eine Schlägerei gab? Natürlich wieder er. Denn der Schmitzdorff machte schon wieder da drüben ziemlich tückische Augen. »Ich muß doch einen Trauschein haben«, sagte er dann. Aber mehr zu sich selbst.

»Habt ihr nu eigentlich die Kurrende bestellt? Nee! Warum denn nich?« meinte Kattenborn.

»Un was is mit de Hochzeitsgeschenke?« rief Wilhelm Kleidt dazwischen. Mal 'raus damit, Mächens.«

»Also du kannst versichert sein, Schmitzdorff, wir schicken dir den Schein nach. Des macht der Behrens. Der is nich so. Der schafft 'n 'ran, und wenn er 'n von dem Deibel holen soll.«

»Ick lass' mir auch mal trauen«, rief die Zimmermann, »weh tun tut es nicht.«

»Ach, das haben wir beide doch gar nicht mehr nötig«, sagte sehr trocken und mit Todesernst nicht der Georg Minde, sondern der Wilhelm Kleidt.

»Also, seht ihr, Kinder, so sind se alle«, replizierte die Zimmermann, »erst schimpft er mir schieler Hund, und jetzt uff eenmal will er sich wieder bei mir anvettermicheln. Aber Pustekuchen!« Und sie zeigte auf Georg Minde mit langem Finger. »Des is mein Jener!«

Man lachte lautlos; denn alle Erwachsenen haben ja ein Geheimnis miteinander.

Und nun stand die Annemarie da und hatte zwei Pakete in rosa Glanzpapier und mit silberner Tresse umschnürt auf einem kleinen Tablett, und die beiden andern Mädchen drängten sich an sie, deckten mit ihrer Breite und ihrer Fülle ihre kleine, lustige Zierlichkeit, und alle drei trippelten auf das Schmitzdorffsche Paar zu. »Also nur eene kleene Aufmerksamkeit for jeden von euch. Es ist von uns dreie – hoffentlich könnt ihr es brauchen.«

»Gleich auspacken!« riefen die Leibgrenadiere. Und dann kam es 'raus aus vielen Umhüllungen: für die kleine Sophie ein Paar gestickte Strumpfbänder mit sich schnäbelnden, über Rosen flatternden Tauben. Und für Schmitzdorff ein Paar Filzpariser mit goldenen gestickten Gardesternen in hoher Arbeit wie auf einem Offizierskragen. Wirklich, die Mädchen hatten das wunderhübsch gemacht, da würde ganz Wust davon sprechen, wenn er die im Krug mal anzöge sie waren ganz gerührt.

»Ja, aber die Strumpfbänder, die muß die junge Frau jetzt gleich vor alle Leute anprobieren, damit man auch sehen kann, wie sie ihr zu Gesichte stehen und ob sie ihr auch nicht zu weit sind oder etwa kneifen tuen!« rief der Erzfilou, der Wordelmann.

»Ja, ja«, schrien die andern, »nachher nämlich nehmen wir keine Beschwerden mehr entgegen.« Und Georg Minde schleppte schon einen Stuhl heran, damit die junge Schmitzdorffen den Fuß da heraufstellen konnte.

Aber in diesem Augenblick kamen die Annemarie und die Zimmermann wieder mit riesigen braunen Bunzlauer Kaffeekannen, die nur so dampften und aus denen es mindestens so gut roch, wie das heute aus dem Gartenlokal geduftet hatte kamen aus der Kammertür herein, da man indessen bei der Nachbarin den Kaffee aufgebrüht hatte und hatte ziehen lassen, und dem man auch etwas Hirschhornsalz zugesetzt hatte und der nun also reif zum Trinken war. Ihn noch länger ziehen lassen, wäre ein Sakrileg an seinem Aroma gewesen. Die Tassen kamen auch und Stapel von Kuchentellern, mit feinen eisenroten Blumen bemalt, die sich die Pflaster gleichfalls von dem Juden, der ja solches Porzellan jährlich für dreihundert Taler abnehmen mußte, geliehen hatte. Und Sophie beeilte sich, sie mit hinzustellen und sich am Tisch unentbehrlich zu machen. Und so war sie noch einmal entwischt dem hier, vor versammeltem Mannsvolk sich die Strumpfbänder umtun zu müssen.

»Trinkt man, Kinderkins«, rief Wordelmann. »Jetzt jibt's keene Kaffeeriecher mehr.«

Der Tisch sah wirklich festlich aus mit den Blumen drauf, mit den beiden kleinen Pomeranzenbäumchen, mit den hohen Silberleuchten, die wieder neue Wachskerzen bekamen, und mit den Bergen von Kuchen dazu. Schmitzdorff und seine Sophie hatten die Ehrenplätze zwischen den beiden Bäumchen, und die andern machten bunte Reihe.

Die kleine Sophie hatte die Empfindung, daß das ein Gipfelpunkt ihres jungen Daseins wäre: Trauung!! Und so viele Männer waren noch nie um sie herum gewesen. Und die Leibgrenadiere waren doch etwas anderes wie die Bauernlümmel bei ihr zu Hause, die nicht das Maul aufmachen konnten, beim Tanz als Aufforderung durch die Finger pfiffen und nach Fusel rochen. Die Leibgrenadiere wußten zu reden und wußten doch, wie man ein Mädchen zu behandeln hatte. Sie legten ihr immer wieder vor und gossen ihr immer wieder ein. Kleidt sagte nur »mein angenehmer Gegenstand« zu ihr, und der Georg Minde nannte sie »mein schönes Bauernkind«.

Schmitzdorff aber saß behaglich – die Pantoffeln mit dem Gardestern hatte er neben sich, sie waren ja noch nicht getragen, auf den Tisch gestellt – vor seiner Tasse Kaffee, stippte ein Stück Napfkuchen nach dem andern, zerkrümelte ein Storchnest nach dem andern und summte wie stets, wenn er sich in seinem Element fühlte, Erinnerungen und Fetzen von Marschmelodien aus seiner Kriegszeit vor sich her.

Er war doch jetzt diesem Manne da oben in Sanssouci sehr dankbar, daß er ihm mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt hatte, was er einst für ihn getan hatte. Und plötzlich begann er deshalb in einer etwas unklaren Ideenverbindung laut vor sich hin zu singen: »Es lebe durch des Höchsten Gnade der König, der uns schützen kann.«

Und die ganze Kaffeerunde die Leibgrenadiere und die Mädchen fielen ein und sangen mit:

»Es lebe durch des Höchsten Gnade
der König, der uns schützen kann.«

Und Wordelmann, der früher schon einmal im Offizierskasino Ordonnanz gewesen war und dort mit bedient hatte – er war aber ungeklärter Vorkommnisse wegen, die mit dem Weinlager und dem unter Verschluß aufgehobenen Kognak in einer nicht ganz wegzuleugnenden Verbindung standen, wieder von dort abkommandiert worden –, sprang auf, klappte die Hacken zusammen, schwenkte in hohem Bogen die Kaffeetasse durch die Luft und rief in seinem besten Kommandoton: »Ka-raden, unser hoher Bat'ljonschef Ihre Mas-tät Frie-rich der Zweiete König von Preußen: Hurra! Hurra! Hurra!«

Und die Leibgrenadiere standen auf und riefen: »Hoch, hoch, hoch!«, nicht etwa, weil sie darauf gedrillt worden waren, sondern, weil sie sich ihrem Bataillonschef wohl in Wahrheit verbunden fühlten in ihrem Soldatendasein. Und die Mädchen wollten noch lauter rufen. Aber über alle hinweg – die Spitze der Tonpyramide gleichsam – klang doch der Baß des Christian Friedrich Schmitzdorff. Nun, er hatte wohl auch den meisten Grund dazu.

»Ssst die drübenschen Leute«, sagte die Dünklern, als es zwischen den Seidentapeten verhallt war und nur noch die Lichtchen der Wachskerzen in den Schabbesleuchtern von der Erschütterung der Luft unruhig hin und her zuckten und die schönen blauen und meergrünen Seidentapeten mit ihren Männchen, Ruinen, Brücken und Palmen und Tempeln in Wellen einer immer neuen Buntheit aufschauern machten. »Ssst, Kinder, das jeht bei mich nich.«

»Jott, sind die Taßkens hier kleen!« rief Wordelmann und packte solch ein milchweißes Täßchen mit seinen roten Blumenranken vorsichtig am geschwungenen Henkel. »Det sind ja die reinen Finkennäppe. Bei Vater Mettke sin se ville größer!«

Und damit war eigentlich der offizielle Teil der Feier als beendet zu betrachten. Das Faß Bier wurde von Schmitzdorff, als dem Mann der meisten Erfahrung hierin, nach einem urüberlieferten Zeremoniell angestochen und geprobt und fand Beifall, wenn es auch etwas warm schon geworden war.

Georg Minde wollte einen Korn dazu haben, aber die Mädchen sagten, daß sie das heute nicht duldeten. Nachher betränken sie sich, und es gäbe nur eine Schlägerei, und das sollte doch nicht sein.

Die kleine Sophie dachte manchmal einen Augenblick darüber nach, ob denn das hier wirklich alles mit rechten Dingen zuginge. Aber letzten Endes war es ihr gleich: Jedenfalls war sie getraut, und dann waren alle doch hier so nett zu ihr, wie sie es nie in ihrem Dasein geglaubt hätte, daß es möglich wäre. Und warum soll man denn über dieses und das, was einem nicht ganz im Lot zu sein scheint, noch etwa nachdenken? Das genügt doch! Es liegt wirklich nicht im Wesen der Frau – ja, es widerstrebt ihr durchaus –, darüber nachzudenken, wo, sagen wir einmal, das Geld zu einem Pelzmantel herkommt, den sie geschenkt bekommt. Das wäre undankbar. Und hatte nicht die kleine Sophie den schönsten und ersten Pelzmantel ihres jungen Lebens heute bekommen?

Und sie räumten die Kuchenteller fort und brachten Riesenschüsseln voll mit Würsten und rauchenden Kartoffelpuffern aus der Küche der Nachbarin herüber von denen man nebenbei die ganze Zeit schon hätte ahnen können, daß sie in Erscheinung treten würden.

Aber Georg Minde war unzufrieden. Das war keine Tabagie hier für ihn. Einen einfachen Korn konnte ein lahmer Schimmel vertragen.

»Ach wat, der sauft ja nachher wieder wie 'n Ingel«, sagte Kattenhorn.

»Hau ihm doch eens in de Labbe«, sagte Wordelmann zu Kleidt.

»Na, Jott sei Dank, des sind aber hallweje Kartoffelpuffer«, rief Peter Glasen und schwenkte einen von der Größe eines Diskus hin und her.

»Weeste wat, Schmitzdorff, was mir bei die Kartoffelpuffer jerade einfällt: Wir haben dir doch jetzt ooch eenen Jefallen alle getan – es ist uns sojar eine Freude gewesen –, aber du könntest dir doch auch mal erkenntlich zeigen und uns hier zum Winter, damit sie uns nich knapp werden, mal een Wagen Kartoffeln schicken. Das heißt, den Wagen schicken wir 'rüber von de Fourage des ordne ich schonst da hast du jar keene Unkosten dadrauf.«

Das konnte nur Wordelmann gesagt haben.

Ja, nun wollten sie aber ein bißchen tanzen und Pfänderspielen.

Und Kattenhorn tanzte zuerst – die Stühle wurden an die Wand geschoben – mit der Annemarie ein sanftes und gemessenes Menuett mit langen, tiefen Verbeugungen und längeren und tieferen Knicksen, zu dem Wordelmann und Glasen ihre Kunstfertigkeit im Pfeifen in das rechte Licht rücken konnten. Wirklich, es war ein hübsches Bild, wie die andern Soldaten, ihre Mädchen im Arm, in dem seidenglänzenden Raum mit den vielen Reflexen auf dem Silber und den Borden und den Porzellanen um die beiden herumstanden und die Annemarie beweglich, brünett und eidechsenhaft in dem Glockenrock hin und her schwankte zwischen den andern mit den zitronengelben Hosen und Westen unter den weitgeöffneten Waffenröcken und zwischen den Mädchen mit den üppigen Formen und den leuchtenden Armen, die sich verliebt an sie schmiegten. – So tanzt man also in der Residenz, sagte sich die kleine Sophie.

Und dann kamen die Pfänderspiele »Stirbt der Fuchs, so gilt der Balg«, »Blindekuh« und »Fanchon«, »Rätselraten« und die »Reise durch Polen« und die »Reise nach Amerika« und »Die russischen Bettelmusikanten« und »Zimmervermieten« und »Bär und Jäger« und wie sie alle hießen, die die Mädchen wußten. Und immer lachte man, schlug sich vor Lachen auf die Schenkel, amüsierte sich köstlich, und immer mußte einer ein Pfand geben, und bald lag der halbe Tisch voll Spitzentüchern und Nadeln und Stahl und Zunder und Stein und einzelnen Handschuhen und Kämmen und Silberstiften und Haarbändern. Und was auch gesagt und zugerufen wurde, beim Einlösen nachher – und auch hier war wieder der Wordelmann der mäter de pläsir, wie er sich selbst nannte –, immer kam es darauf hinaus, daß sich die, die es wünschten, und die, die es nicht wünschten, einander küßten unter strenger Aufsicht aller, daß es auch gerecht zugehe: eher einer zuviel als einer zuwenig.

Als aber Wordelmann rief: »Was soll der tun, dessen Pfand ich hab' in meiner Hand?«, da rief Kleidt: »Strumpfbänder anziehen«, und nun mußte die kleine Sophie – denn es war ein Ohrring von ihr – es wohl oder übel doch tun. Aber die drei Mädchen stellten sich so vor und zogen ihre Röcke so breit und die kleine Sophie streifte so schnell die beiden Bändchen mit den gestrickten, sich in Rosen schnäbelnden Tauben und Petit-point-Arbeit über, daß die Männer sich nur einbilden konnten, sie hätten so etwas wie ein rosiges Stück eines weißen Schenkels aufblitzen sehen. In Wahrheit hatte ihnen das vielleicht nur ihre Phantasie vorgegaukelt.

»Ja, aber«, begann Schmitzdorff wieder, »wie kann ich denn nu zu meinem Trauschein kommen eigentlich, Johannes?«

»Dir rappelt's wohl«, meinte Georg Minde.

Aber schon hatte ihn Kleidt in die Ecke gezogen. »Also Orje, ich stech' dir 'ne Bremse, wenn du hier bei die Feier stören tust.«

»Na, ick kann den dir jetzt gewiß nicht geben, und ick kann ja auch jar nich schreiben, det hab' ick nie gelernt.«

»Ick ooch nich!« rief Kleidt, und dabei vertrat er oft den Bataillonsschreiber.

»Also, meine Krakelpoten«, meinte Peter Glasen, »da wird kein Mensch draus klug.«

»Weeste was, setz du dir doch alleene was uff, un wir jeben es denn den Hofprediger, daß er daran een Anhalt hat, wie dir des recht ist.«

»Ach ja, Herr Schmitzdorff«, meinte die Zimmermann und legte ihm ihren fetten und sehr weichen Arm um Hals und Schulter. Denn sie hatte ein Glas Bier getrunken, und dann wurde sie eben zärtlich. »Ach ja, mein Ollerkin.« Und sie nahm ein Stück Packpapier und leckte an einem Silberstift und reichte ihn ihm hin. »Hier kannst du uns des jedenfalls uff setzen der Herr Hofprediger schreibt dir denn des schonst ins reine.«

Und vielleicht (Wer kann das sagen? – Wer weiß überhaupt, was es in einem andern denkt?) war sich Schmitzdorff in diesem Augenblick ein zweites Mal heute abend voll bewußt, daß man nur ein Spiel mit ihm trieb. Vielleicht war er nun soweit, daß er schon begann, bewußt das gleiche Spiel mit sich selber zu treiben so wie jemand, der auf einem schmalen Brett geht, über einen Abgrund, eben nicht mehr umkehren kann, weil er dann sogleich in den Abgrund stürzen würde, sondern lieber so lange noch vorwärtsgeht, wie es ihm irgend möglich ist. Vielleicht aber glaubte er doch ganz unbefangen daran, daß es hier das richtigste wäre, wenn er für den Herrn Hofprediger, der ja nur ein Pastorslehrling, sozusagen ein Hallelujagefreiter, eigentlich noch war, einmal, um ihm die Arbeit zu erleichtern, das aufsetzte, was er ihm dann als Trauschein zu fixieren hätte. Genug: Er legte wie stets, wenn er schrieb, den Kopf auf das linke Ohr, krabbelte sich erst in seinem dicken Dachsfell von Haaren, und begann dann langsam mit zirkelnden Schriftzügen, so, wie er es bei den Soldaten vom Schreibkorporal gelernt hatte:

»Daß ich als Königl. Hoffprediger ich als eine Kabenetz Order von Ihro Kön. Majestäten empfangen habe, daß ich diesen Krüger Schmitzdorff in Wust aufbiethen und trauen soll, also habe ihnen aufgeboten und getrauet, welches geschehen den achten Augustus. Welches ich gebührend quittiere.

Behrens«.

In drei Reihen übereinandergestaffelt, sahen ihm die Mädchen, die kleine Sophie, die nicht recht verstand, um was es sich hier drehte, und Wordelmann und Minde und Glasen und Kleidt und Kattenhorn dabei zu, folgten mit den Blicken Zug für Zug dem Silberstift, den Schmitzdorff nach jedem neuen Wort wieder nachdenklich durch die Lippen zog schrieben es gleichsam mit. Und in ihren Gesichtern lag ein ähnlicher Ausdruck, wie ihn Repin, der große Maler der letzten Zarenzeit, so unüberbietbar in seinem Kolossalgemälde »Die Kosaken schicken den Antrag des Sultans, sich zu unterwerfen, mit Hohn und Spott zurück« geschildert hat Belustigung an dem Spiel, Siegestrunkenheit und Schadenfreude mischten sich darin mit dem unabweisbaren Gefühl: Das ist die Krone, die wir dem Spiel aufsetzen. Bisher war alles nur Illusion, und nun schlägt es auch für uns in die Wirklichkeit um. Und dieses Gefühl triumphierte über all die andern Empfindungen dabei.

»Schön«, sagte Wordelmann und griff nach dem Stück Packpapier. »Also, da kannst du dir auf mir verlassen. Immer treu wie Jold – den Wisch schicke ich dir noch übermorgen zu.«

»Een gelungener Kerl mit seine Trauscheine, der Kamerad Schmitzdorff«, krähte Georg Minde. Auch ohne Korn hatte er es fertiggebracht, sich einen kleinen anzududeln. »Mensch, Schmitzdorff, du bist wohl mit de Pauke gepikt?«

Aber schon drückte ihn Kattenhorn mit einem geheimen Knuff auf seinen Stuhl. »Orje«, sagte er, »die Zimmermann will dir mal was mitteilen.« Und die Zimmermann nahm ihn in Empfang, und sie hatte es mit den Jahren gelernt, mit ihm umzuspringen, wenn er krakeelen wollte. Sie war ihm an Körperkräften gewachsen und an Mundwerk bedeutend überlegen. Und eigentlich hatte er doch Angst vor ihr, weil es so war, daß er sie und ihre schwere unersättliche Üppigkeit brauchte, aber sie nicht ihn. Denn wie die Annemarie so gerne sagte: »Wer kann für seine Gefühle?« Ein Wort, das philosophisch viel tiefgründiger war, als man es ihr sonst nach ihrem geistigen Habitus zugetraut hätte.

»Mit dem Trauschein, Johannes«, sagte Kleidt in einer Ecke zu Wordelmann, »weeste, des ist nicht Genaues; wir können da mächtig 'rinschliddern. Solange war die Sache een Ulk, aber des sollte man sich doch überlegen.«

»Ein Ulk, Wilhelm?« sagte Wordelmann sehr hochdeutsch und sehr nüchtern. »Ich bin doch hier der Macher vons Janze, nee, Kamerad, ich schmeichle mir sogar, ein jutes Werk vollbracht zu haben. Des Mädchen hat ihn gern. Wenigstens noch heute. Sogar sehr gern. So wat soll man achten. Ein Kind haben se schon. Eens werden se noch kriegen – des weiß ich von der Annemarie, und der hat sie's selbst vorhin insgeheim anvertraut –, und was das Konsisterium und die Paragraphens von Blutschande und Blutsverwandtschaft gepiept haben das ist doch der reine Quassel. Wenn se des wirklich wären, meint ihr etwa, Wordelmann hätte seine Hand zu so was gegeben?«

Drüben hechelten nun der Minde und der Glasen und der Kattenhorn ihre Vorgesetzten durch – wie Kinder ihre Lehrer. Sie machten dem Czettertitz nach, der immer wie eine rostige Ankerkette auf einer Spreezille schnarrte – das konnte Glasen –, und den Hauptmann von Greiffenberg, der sich beim Bataillonsexerzieren immer mit einem Seidentuch fächelte wie ein Chinese auf 'm Ofenschirm – das war die Spezialität Mindes –, und den Leutnant von Waltersdorff, der bei »Marsch, marsch!« wie eine lahme Sandkrake stets über seine eigenen langen Pflastertreter stolperte – um der Wahrheit die Ehre zu geben, war ihm das in den letzten sechs Jahren einmal passiert. Und wie die Kinder, wenn sie andern vom Lehrer erzählen, waren sie ihnen gegenüber sehr respektlos gewesen: »Herr Leutnant, ha'k jesagt, in unser Bataillon kennt man des nich – ha'k jesagt. Aber er is janz mucksstille jeblieben. Er hätte mir bloß mal melden sollen. Ick wäre bis an den Ollen jejangen.«

Und die Mädchen hörten mit leuchtenden Augen zu, was ihre Schätze doch für Helden waren, und machten »Ksch, ksch« dazu.

Es war eben, wie bei Schulkindern, unter ihnen ein stillschweigendes Übereinkommen: »Wenn du mir meine Lügen nicht glaubst, glaube ich dir deine auch nicht mehr.« Gott, endlich waren es ja nur große Kinder, all die Grenadiere hier. Kinder von fünfundzwanzig, dreißig oder fünfunddreißig Jahren, die, statt den Bakel des Dorfschullehrers zu fürchten, der ihnen den Rücken voll hieb, eben den Korporalstock fürchteten, der schlimmer zuschlug. Und die daran kaputtgegangen wären, wenn sie nicht wenigstens vor sich selbst den großen Mann noch gespielt hätten.

Aber dann setzte sich Wordelmann zu Schmitzdorff herüber, der im Augenblick allein war, denn seine Sophie hörte drüben bei den Soldaten mit zu. Diese Welt da, wo die Leute den andern so ihre Meinung sagen durften, war doch mal etwas!

»Na, Kamerad«, sagte Wordelmann, »biste nu glücklich? Also mit den Schein brauchste keene Angst zu haben. Wenn der Jude, der Nathan Reimann, des nächste Mal wieder nach Brandenburg geht, und des is in die Tage, denn bringt er ihn mit. Een Soldat, ein Wort! Aber du hast doch das große Messer; nu wollen wir beide mal miteinander abrechnen. Wir haben doch 'ne Masse Unkosten gehabt: Der Kaffee fünfzehn Silbergroschen, der Kuchen een Daler, und dabei haben die Mädchens des noch selber allens gebacken. Bei Mielke hätte das dreie gekostet. Des Fäßchen Bier wieder fünfzehn Groschen. Die Kartoffelpuffer und so noch eenen Daler. Die Tapeten und die Leuchter und die Lichte – dafor müssen wir dem Juden, von dem wir sie gepumpt haben, mindestens fünf Daler geben. Du wolltest des ja auch pieknobel haben – des kannste für dein Geld verlangen! For umsonst tut der des nich. Da kennste den Juden schlecht. Und die Silberlitzen und die Arbeit von Kattenhorn een Tapezierer aus des Neue Palais hätte es nich schöner fertiggebracht. Und die Pomeranzenbäume na, sind die nich schnieke? – Und die Mädchens haben dir un deine Frau doch noch was gestickt. Na ja, des haben se gern getan. Das hat sie Freude gemacht, und sie is ja auch eine süße Kröte. Die Mädchens wollen sie überhaupt jar nich mehr weglassen. Die müßte zu unsern Bataillon nach Potsdam kommen, da wären se alle drin verschossen, noch mehr wie in de Annemarie Pflaster So rouge mouge präterpropter werden des fünfzehn Daler also sein. Da verdienen wir jar nischt dran. Da legen wir eijentlich noch bei zu.«

Schmitzdorf sagte nichts – auf zehn hatte er sich gefaßt gemacht. Er schüttelte nur mit dem Kopf.

»Also, sei doch nicht so kleinlich. So wat kann mir ärgern. Wir jeben uns hier die jrößte Mühe. Tagelang haben wir geschuftet wie die Nutschitutschiindianer. Also scheen: Denn brauchste eben jar nischt for zu bezahlen, Kamerad.«

Schmitzdorff zählte dem Wordelmann, während er sich mit der andern Hand am Ohr kratzte, wortlos die runden silbrigen Talerstücke auf den Tisch.

Das schöne Geld!

Aber eigentlich war ihm ja die Sache das wert. Nun hatte er wenigstens noch seine kleine Sophie gekriegt. Und ohne sie war das Leben ja doch ein

»Zigarros mit und ohne avec du feu!« rief Wilhelm Kleidt im Ton der umherziehenden Zigarrenhändler, brachte Stein, Stahl und Zunder und ein ledernes, braunes Kästchen mit Muschelwerk und Goldpressung, das bislang heute abend auf dem Fensterbrett zu Unrecht ein ziemlich unbemerktes Dasein geführt hatte und das, wie man leicht sah, samt Inhalt gleichfalls zu den Leihgaben des stolzen Hauses Hirsch-David gehörte. Wie die Tapeten, Leuchter und Kerzen in diesem Raum, das Porzellangeschirr und – im Vertrauen – auch der Kaffee, den man getrunken hatte. Oder um es klarer zu sagen: Kaffee, Kerzen und Zigarros waren Spenden das übrige Leihgaben.

Ach Gott, wenn nur die Annemarie ihrem Freund Simon-David das gesagt hätte; aber sie hatte ihm nur von einer Kaffeefete erzählt, die die Dünklern zum Geburtstag ihres Johannes Wordelmann – und das wäre ein ganz lustiger Bruder, den sollte er mal kennenlernen – ihm und den Mädchen geben wollte, weil sie meinte, daß er für eine christliche Trauung, und wenn es nun gar nicht einmal eine richtige, sondern doch nur eine Spaßtrauung wäre, er doch mit nichts herausrücken würde. Ja, wenn sie bei der Wahrheit geblieben wäre, dann hätte ihr Freund Simon-David sie wohl davon zurückgehalten, und es wäre alles besser gekommen. Im Notfall hätte er sogar seine Chaise anspannen lassen und wäre mit ihr einen Tag nach Berlin gefahren, denn das kannte sie noch nicht – sie war nie über Werder auf der einen und Zehlendorf auf der anderen Seite hinausgekommen –, und das hatte er der Annemarie schon seit langer Zeit versprochen.

Ja, nun bekamen also die Männer auch nach dem Kaffee aus Bremen Zigarren, die direkt aus Hamburg bezogen waren und jenseits des Meeres von sehr braunen oder gar schwarzen Fingern gedreht worden waren, schwere, knubbelige, dunkle, etwas verbogene Tabakstangen, wie sie sie sicherlich in so guter Art noch nie geraucht hatten noch je wieder sich in den Mund stecken würden.

Aber eigentlich war das doch das Zeichen zum Aufbruch. Denn die Dünklern war eine eiserne Wirtin, sauber um sich und an sich bis zur Manie, und sie hatte eine abergläubische Furcht davor, daß Tabaksrauch, selbst in geringsten Mengen, Gardinen einfach auf Jahre hinaus unwaschbar mache und vergilbe und daß man trotz allen Lüftens den Geruch des Rauchs nicht wieder aus dem Zimmer bekäme. Bei ihr war keine Tabagie! Man könnte sie hier anstecken, meinte sie, dagegen hätte sie nichts, aber man solle sie dann unten weiterrauchen.

»Weißte, Sophiechen, wir wollen uns sachte auf de Strümpe machen«, flüsterte Schmitzdorff seiner ihm soeben fälschlich angetrauten Pseudofrau zu.

Denn wenn man gezahlt hat, geht man eben im Gasthaus. Und wenn man vorher zahlen müßte, dann würde sicherlich weniger verzehrt werden.

»Ach ja, Christian, ich wink' dich denn, wenn wir uns unbemerkt dünnemachen können.«

Also nur Wordelmann, um zu zeigen, daß er doch hier eigentlich der Herr wäre, steckte sich seine Zigarro umständlich an und ermunterte die Kameraden zu gleichem Tun. Die jedoch sagten höflich, sie wollten morgen in Ruhe sich ihre Zigarros ins Gesichte rammeln. Jetzt hätte man doch nichts mehr davon.

Aber als Schmitzdorff sich nun doch zu verabschieden begann – denn es ging eben nicht an, so einfach aus der Tür zu wutschen, ohne den Mädchen noch einmal für all die Mühe, die sie sich gegeben hatten, zu danken, und die Sophie mußte doch auch den Schleier zurückgeben und den Kranz sich einwickeln zum Andenken, denn der sollte zu Hause auch unter den Glaskasten kommen –, da hieß es, daß jetzt die Leibgrenadiere auch alle gehen würden. Sie hätten bis Mitternacht nur Urlaubsscheine genommen. Denn sie hatten dem Bataillonsschreiber gemeinsam eine Tüte Schnupftabak gespendet, und da hatte er einige Formulare mehr ausgefüllt und das Siegel ein paarmal mehr aufgedrückt, als er eigentlich sollte.

Die Mädchen jedoch würden hierbleiben und der Dünklern beim Aufwaschen helfen. Denn alleine könne sie das gar nicht schaffen, und morgen abend müsse sie ihre Stickarbeit abliefern, und sie hätte noch vier Stulpen und zwei Kragen, die erst halb fertig wären, mit Silberdraht zu überlegen. Und Kattenhorn müsse auch noch zurückkommen, die Seidentapeten von den Wänden nehmen.

Schmitzdorff wollte gerne allein gehen. Aber die Leibgrenadiere sagten, daß es bei militärischen Hochzeiten immer so wäre, daß für das junge Paar eine Ehrenkompanie gestellt würde. Bei der Prinzessin Auguste, die den Erbprinzen von Zerbst geheiratet hätte, hätten sie das auch getan, und die wäre doch gegen die junge Frau Schmitzdorffen eine gebratene Nachteule gewesen. Wenn man schon der eine Ehrenkompanie gestellt hätte, so müsse man ihr ein ganzes Ehrenregiment stellen. Nein das ließen sie sich nicht nehmen.

Und Wordelmann blies die Kerzen aus bis auf ein paar – das wäre sonst nur Verschwendung! – und steckte sie sich heimlich ein und schob sogar schnell noch ein paar kleine silberne Leuchter in die Tasche und plinkte der entsetzten Annemarie zu – denn das duldete sie nicht! –, daß er sie gleich nachher unbeschädigt wiederbringen würde. Es waren ja auch schwere, gedrehte, getriebene und ziselierte Leuchter. Was sollte ihnen denn passieren!

Und dann küßten alle Mädchen noch einmal die kleine Sophie, nahmen sie in die Arme und streichelten sie, und die Annemarie Pflaster wollte sie gar nicht fortlassen und weinte sogar vor Rührung: »So'n armet Wurm!«

Was waren sie überhaupt für arme Äser, sie alle! Sie verstand gar nicht, warum sie auf einmal so ganz mutlos und todestraurig war. Es ging ihr doch viel besser als all den andern hier. Sie konnte haben, was sie wollte. Und wenn sie auch an dem einen hing und von dem andern nicht loskam, so war das ja gewiß für sie nicht leicht, zerrieb sie eigentlich doch innerlich; aber keiner von den beiden gab ihr ein böses Wort deshalb. Was war das nur, daß sie plötzlich so über sich selbst zu weinen anfing?

Aber dann sah sich Schmitzdorff ein letztes Mal nach ihr um, blickte noch einmal über die schönen bunten Seidentapeten in den Silberborten, die eigens für seine Trauung das kurze Scheindasein eines Abends geführt hatten und alle, Wordelmann voran, tappten die steile Stiege hinunter, deren Beleuchtung zuvorkommend jetzt der Mond, der draußen über den Dächern hing, übernommen hatte. Die Vasen, die schönen Vasen mit den stolzen Konturen auf den Seitenpfosten der Toreinfahrt vom Schwertfegermeister Zanger, waren jetzt ganz vergrünt und versilbert vom Mondlicht, und die Straße mit ihren Baumkronen und den langen Fassadenreihen, hüben wie drüben, schien im Mondlicht eigentlich weiter und breiträumiger, als sie am Tage war, vielleicht auch, weil sie so ganz menschenleer war und weil die Fenster alle blank vom Mondlicht waren und weil die Puppen auf den Dächern und Konsolen so frei und groß gegen den klaren Abendhimmel standen, der, wie eben ein Augusthimmel ist, trotz des Mondes doch ganz voller Sterne war und wie von einem Nebelstreifen überspannt durch den Silberstaub der Milchstraße.

Wordelmann hatte militärisch die Führung übernommen, ging einen Schritt vor und einen Schritt rechts vom Brautpaar, taktierte beim Marschieren, als schwänge er einen Tambourstab und gäbe damit der Kolonne das Tempo des Schrittes an. Dann also kamen Arm in Arm Schmitzdorff und Sophie, der das viel Spaß machte und die immer wieder lachend und verliebt mit ihrem Arm den ihres fälschlichen Ehepartners preßte, mit jener nicht zu schauspielernden und plötzlich aufzuckenden Bewegung, die jeden Mann glücklich und dankbar macht. Und dann folgten Kleidt und Kattenborn und dann Glasen und Minde, der durch die kühle Nachtluft – denn von der Havel und von den Seen zog Frische über die Stadt hin und in die Straßen hinein – wieder den militärisch-korrekten Gebrauch seiner Gehwerkzeuge schnell zurückbekommen hatte. Hin und wieder kommandierte auch Wordelmann, als einen feinen Scherz, wenn sie an der Wohnung eines ihrer Leutnants vorbeikamen: »Tritt gefaßt!«, um dem da oben durch das Aufklappen der nagelschweren Soldatenstiefel im Halbschlaf oder in seinen Träumen auch eine kleine anheimelnde Freude zu bereiten.

Ein Leibgrenadier, der anscheinend heute auch Urlaub hatte – denn es war außer dem Nachtwächter mit seinem Horn und seinem Spitz, der nach ihnen herüberknurrte, der einzige Mensch, den sie noch auf ihrem Stück Weg trafen –, dieser Leibgrenadier also gesellte sich im Mondenschein zu ihnen und ging noch ein Endchen im Tritt mit. Es war ein netter, übergroßer blonder Junge mit einem kleinen blonden Schnurrbärtchen, einem ungewöhnlich langen Zopf aus einem dicken Haarbeutel, mit einem rosigen Mädchengesicht, und er wurde von jenen »Paule« oder Schorsch genannt.

Er fragte erstaunt, wo sie denn eigentlich jetzt bald noch um Mitternacht so herkämen.

»Von einer Trauung des Pastors Behrens«, meinte Wordelmann.

»Ach, sieh eener an! Is es denn schön gewesen? Hat er denn seine Sache jut jemacht der Behrens? Und is das da vorn des Brautpaar? Oder die jungen Eheleute, wie man ja jetzt sagen müßte? Un habt euch auch nachher noch jut amisiert? Wenn ick nur von jewußt hätte, denn wär' ick ja auch jekommen. Un det eene will ick dir mal sagen, Wordelmann, wenn de mich des nächste Mal bei so was überjehst, jibs eene 'rin! Bei solche Sachen kann ick einfach scheußlich eklich werden!«

Und dann löste der nächtliche Leibgrenadier sich wieder von der Kolonne und schwenkte in eine Nebenstraße ab. Und wie ihm die kleine Sophie nachsah, hatte sie die nicht wegzuleugnende Empfindung, daß einen Menschen dieser Gestalt und dieser Größe und dieses Ganges sie heute schon einmal gesehen hätte. Sie wußte zwar nicht genau wo. Aber sie möchte schwören: Der Pastor Behrens hatte so ähnlich ausgesehen.

Aber da Christian nichts davon sagte und es ihm auch nicht aufgefallen war, so hatte sie sich wohl darin getäuscht, und deshalb äußerte sie auch nichts weiter darüber, weder jetzt noch später.

Und dann kam der Kanal, dessen schwarzes Wasser in vielen runden Augen den Mond spiegelte und die weißen, schlafenden Schwäne, die im Schatten an den Böschungen den Kopf unter den Flügeln hatten, leise in ihrem leisen Tierschlaf wiegte. Die kleinen Außentreppen zu den Häusern am Kanal, mit ihren Püppchen und Löwen an den Wangen, standen aber unter den hohen Platanen und Kastanien hell und scharf im grünen Licht und warfen das Echo der Marschtritte der kleinen Kolonne deutlich und abgesetzt auf die andere Seite des Kanals hinüber. Trotzdem die Klänge des Glockenwerks von der Garnisonkirche langsam und verspielt über die Stadt hinzogen, hatten sie die Führung, die bewies, daß hier in Potsdam Tag wie Nacht doch das Heer mehr galt als die Kirche.

Und dann waren sie bei Vater Mettke, der sie schon hatte kommen hören – kein Wunder zwar bei dem Dutzend schwerer Nagelstiefel! – und kugelrund vor der Tür stand und sich verbeugte und sehr erstaunt tat, daß die Soldaten dem jungen Paar das Geleit noch gaben.

»Also ich dank' auch schön«, sagte Schmitzdorff auf der Treppe, »for die Ehrenkompanie, und verjiß nich an den Trauschein, Kamerad!«

»Also, ein Soldat – ein Wort!« sagte Wordelmann und zog die halb abgebrannten Kerzen aus der Tasche und verteilte sie und nahm selbst die beiden silbernen Leuchter. »Jetzt geleiten wir also unser junges Paar im Fackeltanz zur Brautkammer!« rief er mit Kommandostimme. »Des is nämlich bei de Prinzessinnen auch so. Janzes Bataillon anjetreten zum Fackeltanz!«

Und dann tappten sie alle die Treppe hinterher, zogen die Uniformröcke schnell oben verkehrt herum an, nahmen von Vater Mettke ein paar verbeulte alte Zinnleuchter, die merkwürdigerweise plötzlich seit heute um halb acht abends aus den Tischen herausgewachsen waren, entzündeten ihre Kerzenstümpfe und hielten sie auf Kommando des Wordelmann in Augenhöhe und ließen zuerst einmal Schmitzdorff und Sophie langsam Arm in Arm, während sie sich ständig nach rechts und links verbeugen mußten, zwischen sich hindurchmarschieren. Und da sie Vater Mettke auch eine Kerze in die Hand gedrückt hatten, so waren es immerhin Kattenborn und Wordelmann, Kleidt und Minde und Glasen, mit ihm also, dem dicken Wirt, sechs Mann. Das aber gab schon, wenn immer das letzte Paar schnell wieder vorsprang, ein gutes und imposantes Spalier durch das Lokal hin.

Dann jedoch stieß Wordelmann die Tür, die zur Treppe führte, breit auf, und sie sprangen alle auf den Stufen voran und schwenkten ihre Leuchter in wilden Bogenbewegungen, daß in dem großen und monddurchgeisterten Treppenhaus – denn es war hier wirklich ein richtiges hohes und weites und für den ganzen Bau viel zu großes Treppenhaus –, daß ihre Lichtkreise darin nur so hin und her schwirrten und ihre Schatten und die des Paares mal groß, mal klein und zusammenschrumpfend und sofort wieder sich ins Groteske dehnend, über die Stiege und über die Decke tanzten. Und zwischen den langen Riesenschatten der Leibgrenadiere rollte der Schatten des kleinen Vater Mettke wie eine Kegelkugel zwischen den Kegeln hin und her. Und da das Zimmer oben unter dem Dach lag, das Vater Mettke ihnen gerichtet hatte, so war der Fackeltanz bis zur Hochzeitskammer ziemlich langwährend und feierlich-spukhaft.

Schmitzdorff wußte nicht recht, ob er sich geehrt fühlen sollte oder sich ärgern sollte; aber dann zog er es doch vor, sich geehrt zu fühlen. Aber die kleine Sophie fürchtete sich, wie diese langen Kerle mit den umgekehrten Röcken, auf deren Leinenfutter die Kerzen ihr heißes Wachs tropften und sprühten, um sie herumsprangen und über ihrem Kopf die Leuchter schwangen und dazu eine Art Präsentiermarsch mit den Lippen trompeteten. Oben vor der Kammer aber – sie war nebenbei sauber, und das Bett, das man bei der offenen Tür sah, war breit und einladend, mit blendender Wäsche überzogen – machten sie halt. Stellten sich noch einmal zum Spalier auf, ließen das Paar zwischen sich hindurchschreiten, senkten dann die Fackeln, die Kerzen, bis tief auf die Dielen und wünschten auf Kommando Wordelmanns »eine vergnügte Nacht«.

Dann aber stapften sie hinab, um bei Vater Mettke noch mal einen auf ihren Diensteid zu nehmen und ihm über den Abend Bericht zu erstatten. Dem kleinen Vater Mettke jedoch kugelten dabei die Tränen wie Quecksilberkügelchen über die fetten Backen vor Lachen, vor allem, da sich noch Paul Georg Mettich schnell wieder eingefunden hatte und ihm noch einmal seinen Sermon von heute abend herbeten mußte. Aber dann warf der Vater Mettke seine Leibgrenadiere doch hinaus. Denn trotzdem er die Fensterladen vorgemacht hatte, hätte doch eine Wache bei ihm noch Licht sehen und klopfen und hereinkommen können. Und dann hätte es wieder Scherereien mit der Kommandantur gesetzt.

Die Leibgrenadiere waren nebenbei durchaus ungehalten, daß Vater Mettke nicht, wie er gesagt hatte, dem jungen Paar eine Waschschüssel voll Wasser unter das Bettlaken geschoben hatte. Aber die taten ihm unrecht. Er hatte es nur nicht getan, weil keine Waschschüssel im Zimmer war.

Oben aber saßen Schmitzdorff und seine kleine Sophie nebeneinander auf dem Bettrand und verstanden eigentlich nicht, warum sie beide in diesem Augenblick, den sie schon seit einem halben Jahr und länger sich herbeigesehnt hatten, eigentlich grundlos – oder sollte es das nicht sein? – so todestraurig und wie gelähmt waren. Warum jetzt jeder für sich saß, warum sie sich nicht einmal mit den Händen berührten, warum sie sich kaum zu entkleiden begonnen hatten und in die Unschlittkerze starrten, die auf dem kienernen Nachtkasten stand. Vielleicht war es doch deshalb, sofern es nicht in der zwangläufigen Enttäuschung eines solchen Augenblicks an sich bedingt war, lag es doch daran, daß in diesem Augenblick ihr Unterbewußtsein die tiefe Hoffnungslosigkeit ihres Zustandes schon klar erkannt hatte, die ihr Verstand noch nicht sah, weil ihr Gefühl es noch nicht sehen wollte und zugab.

Schmitzdorff band die Geldkatze, als er die Weste und den Rock über den Stuhl geworfen hatte, vorsichtig ab und legte sie in den Nachtkasten. Sie war verdammt leicht geworden. »Ich hab' nu nich mehr ville zu liegen«, sagte er langsam. »Es is Zeit, daß man was von der Ernte verkaufen kann oder wenn zu Oktober man erst die Schweine so weit wären, daß man sie auf 'n Markt bringen und wegjeben kann Gott sei Dank, das is ja nun das letzte Mal, daß ich in Potsdam war. Na – das is ja nu auch ejal: futsch is futsch, un hin is hin. Die Hauptsache is, daß ich dir doch nu jetzt wieder habe, Sophiechen, und auch behalte!«

Und damit griff Schmitzdorff herüber und drückte mit Daumen und Zeigefinger den flackernden Lichtkegel der Unschlittkerze aus.

 

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