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Grenadier Wordelmann

Georg Hermann: Grenadier Wordelmann - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleGrenadier Wordelmann
publisherDas Neue Berlin
printrun2. Auflage
editorBernhard Kaufhold
year1976
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Frau Kupatt, die Nachbarin, aß und trank nicht mehr, als in sie hineinging, wenn sie im Krug bleiben mußte, weil Schmitzdorff auf dem Feld und in den Rüben und Kartoffeln war und sie vergeblich auf Gäste wartete. Wenn aber Schmitzdorff wieder selbst in der Gaststube war und Frau Kupatt die andere Arbeit im Haus und im Stall tat, dann schienen sie das zu riechen, die Gäste. Geradezu schien es sich herumzusprechen oder wie ein Lauffeuer sich zu verbreiten. Denn dann kamen sie plötzlich von allen Seiten her, um mit »Vater Christian« ein kleines Gespräch zu haben. Bei manchen war es Durst im Hauptmotiv; bei andern wohl Freundschaft im Hauptmotiv; und bei allen war es Neugier. Denn man wußte ja, daß er die Angelegenheit mit seiner neuen Ehe, die das Konsistorium doch nicht erlauben wollte, in Potsdam bei dem König selbst betrieb. Und zu gern hätte man von ihm doch einmal gehört, wie das nun stände. Also man stichelte und witzelte deshalb wohl ein bißchen, warf ihm auch wie einen Köder Fragen hin, auf die er hätte antworten können; aber dieser Schmitzdorff war doch so ein richtiger verdrückter Bauer, aus dem nichts herauszuquetschen war; man zahlte also bei ihm sein Bier, ging genauso klug wieder weg, wie man gekommen war, und kam in zwei Tagen trotzdem wieder.

Aber einmal gegen Abend es regnete gerade, was vom Himmel wollte; denn das Wetter war nach Neumond umgeschlagen, so daß man eigentlich auch mit der Feldarbeit nicht recht mehr weiterkam gegen Abend einmal, es war vielleicht eine Woche oder mehr vergangen, kam ein kleiner, weißblasser, sehr stiller, dunkelgekleideter Mensch mit Schnallenschuhen und Schnallenhosen, mit einem schwarzen Käppchen auf dem Hinterkopf, mit einem braunroten geteilten Bärtchen und mit braunroten, ungepuderten Haaren zu ihm in den Krug, stellte seinen Packen unter die Bank und legte seinen Schnappsack auf den Tisch und sagte mit ganz leisen Bewegungen seiner kleinen, blutlosen Hände – es sah aus, als ob er Harfe spielen wollte –: »Verzei'n Se«, sagte er, »bin ich hier recht bei Herrn Christian Schmitzdorff? – Schön! Ich hab' nämlich 'ne Kommission an Sie. Se möchten – es wäre bewilligt inzwischen worden – mit dem Fräulein Jungfer am Dienstag, den siebten Augustus, des Abends um acht Uhr nach Potsdam in das Haus von dem Schwertfegermeister Zanger in de Schustergasse – ich schreib's Ihnen noch ämal auf –, nach hinten 'raus, in den ersten Stock sich freundlichst einzufinden gebeten zu haben. Wenn Se grad noch ä Papierchen hätten, ä Silberstift hab' ich schon da. Von wemm die Kommission kommt, werden Se ja sich denken können. Denn ich bin mer nich dadrüber in Gewißheit, ob es mit war inbegriffen in de Kommission, daß ich das noch ämal hier Ihnen explizieren muß.«

»Mensch«, schrie Schmitzdorff, »setz dir hin und beiß erst mal einen ab.« Der ganze große und schwere Mann dampfte nur so vor Freude, und er zitterte so, daß er mehr auf die Tischplatte als ins Glas goß. Er wußte gar nicht, was er dem Boten antun sollte, der zwar höflich lächelte, aber das Glas nicht berührte.

»Ich habe hier eine Blutwurst«, rief Schmitzdorff wieder. »Also so etwas wirst du überhaupt noch nie gegessen haben!«

Und damit hatte er recht, solche Blutwurst hatte der Nathan Reimann auch noch nie, gegessen. »Verzei'n Se, werter Herr Wirt, aber ich muß weiter. Ich hab' noch heute zwischen Burg und Brandenburg auf äm Adelsgut zu tun. Wenn Se mir jedoch geben würden ein Ei, so wäre ich Ihnen sehr verbunden.«

»Mensch«, sagte Schmitzdorff, »gewiß!« Und wollte zur Küche gehen. »Ich mach' dir sogar einen Speckeierkuchen.«

»Nein«, sagte der blasse, milde Mann mit den Harfnerbewegungen, »Eierkuchen hat mir der Medikus verboten. Aber wenn de mir geben willst« – jetzt war seine Kommission zu Ende und er wieder Privatmann, und nun lag kein Grund mehr für ihn vor, zu dem Bauer »Sie« zu sagen, jetzt war »er« seinesgleichen wieder –, »aber wenn de mir geben willst das Ei roh, werde ich es kochen mir draußen, das Ei, in ä Töpfchen, was ich hier in meinem Schnappsack habe. Das is mal so ä Marotte von mir: Es schmeckt mer besser, wenn ich es mir selbst in mein Töpfchen hier gekocht habe!«

Langsam ging es doch Schmitzdorff auf, daß dieser rotblonde Bote mit dem blauen Blick des alten Mystikers da wohl doch ein Jude wäre – die mußten doch sonst eigentlich schwarz und krummnasig mit kleinen, stechenden Schuhknöpfen von Augen sein, und deshalb regte sich sogleich in Schmitzdorff Überlegenheit.

»Na, Jude?« sagte er und klopfte Nathan Reimanri auf die Schulter, um ihm zu zeigen, daß er trotzdem nicht böse auf ihn wäre. »Hier haste auch een Achtgroschenstück.«

»Nein«, sagte Reimann, »man hat mer schon bezahlt. Ich nehm' kein Geld von dir. Ich mach' mer ä Mizwe draus.«

»Französisch versteh' ich nicht«, meinte Schmitzdorff erstaunt.

»Das sagen so die feinen Leute bei uns in Potsdam«, sagte Nathan Reimann mit einem feinen, aber etwas müden Lächeln. »Das heißt auf französisch ungefähr soviel wie: Ich mach' mir ä Freude draus, es umsonst zu tun.«

Wenn aber Nathan Reiman das Geld zurückwies, so war das wohl nur zum geringen Teil seelische Großzügigkeit, daran hatte er durchaus keinen Überfluß. Auch nicht etwa, daß er damit gegen die Standesehre zu verstoßen fürchtete, weil ihm doch schon von der anderen Seite die Kommission bezahlt war. Sondern er wünschte in gar keiner Weise in die Sache verwickelt zu werden. Eine Botschaft konnte er überbringen, eine Kommission konnte er erledigen, so gut wie alte Bücher und Kleider und alte Schuhe kaufen oder verkaufen. Das war sein Geschäft. Davon ernährte er sich schlecht und recht. Das heißt, von dem zweiten konnte nicht die Rede sein. Sich und seine Frau und die neun Kinder. Mit 'nem Packen französischer seidener Strümpfe wäre, wenn es geschmuggelte Ware gewesen wäre, zwar mehr zu machen gewesen. Aber die Talers, sie sich mal erst zu kaufen, hatte er nicht. Und dann muß man die Kundschaft auf den Gütern dazu haben. Und die hatte er auch nicht. Und deswegen blieb er auch bei den alten Kleidern und verstieg sich sogar nur selten zu alten Uniformen. Alte Bücher wären schon besser gewesen. Er hatte Spaß dran. Aber in Potsdam und der Umgebung waren keine Liebhaber recht dafür. Und in Berlin wartete man nicht, bis er, Nathan Reimann, etwa damit kam. Und so blieben es eben doch vor allem die alten Kleider, die er ein wenig wiederherrichten ließ durch seine Frau, und die alten Schuhe, die seine beiden ältesten Söhne, die dem Schuhmacher so'n paar Handgriffe mit Ahle und Pechdraht und Knieriemen abgeguckt hatten, wieder augenfällig machen mußten und die, gleich den Kleidern, durch ihn von der Stadt auf das Land kamen. Dabei aber wurde man nicht reich.

Trotzdem, so nötig dem Nathan Reimann Geld war, hier nahm er nichts. In die Sache wollte er nicht mit hineingezogen werden. Er schätzte es wenig – wenn er auch darin einige Übung besaß –, vor Gericht zu kommen und etwa unter dem Eid Aussagen machen zu müssen. Man wußte nie vorher, was die Herren da eigentlich hören wollten.

»Na, Jude«, sagte Schmitzdorff freundlich, »nimm's mal ruhig, es is ja keen Schweinefleisch. Es kommt bei die Sache mir gar nich uff een paar Jröschchens mehr oder weniger an.«

Aber Nathan Reimann wollte nicht. Und selbst als der Schmitzdorff das Geldstück ihm mit aller Gewalt in den Schnappsack schob, legte er es ganz heimlich hinter sich wieder auf die Tischecke.

Als er aber dann sich seine zwei Eier in seinem Tiegelchen über dem offenen Herdfeuer gekocht hatte und von Schmitzdorff, der ihn noch zu gern bei sich behalten hätte – denn er brauchte jemand, mit dem er noch sprechen und trinken könnte, gerade heute abend –, sich doch ... trotzdem ihn Schmitzdorff dreimal auf den Stuhl wieder zurück- und niedergedrückt hatte ... doch sich verabschiedete, gab er ihm die kleine, weiße Harfenistenhand und sagte plötzlich statt »adieu« er konnte gar nichts dafür, es entschlüpfte ihm so, trotzdem er schon durch seine Botentätigkeit nichts weniger als unvorsichtig mit dem Wort war also nichts weiter sagte er als »Nebbich!«

»Ich versteh' doch kein Französisch, Itzig«, meinte Schmitzdorff sehr freundlich, und nichts lag ihm ferner, als etwa diesen Juden damit zu kränken. Im Gegenteil, er war ihm sogar auf seine etwas grobe Art durchaus gewogen.

Nathan Reimann hob seinen Packen auf den Rücken, nahm den Schnappsack und den Stock und sah den Schmitzdorff mit seinen blauen Mystikeraugen, die von zu vielem Talmudlesen bei der Unschlittkerze nur leider etwas schwach mit den Jahren geworden waren, halb wehmütig und halb verlegen an. »Weißte, Bauer«, sagte er sehr bedächtig, »das is so ä Segensspruch, wie ihn die feinen Leute in Potsdam gerne brauchen.. Wenn man es genau ins Deutsche übersetzen wollte, hieße es so ungefähr: Viel Glück und Segen zu deiner Hochzeit.«

»Na, ich danke dir auch vielmals«, meinte Schmitzdorff.

Aber da war Nathan Reimann schon an der Tür. Er schien es doch sehr eilig zu haben.

»Wenn du so'ne Botschaft bringst«, rief ihm Schmitzdorff nach, »kannst de noch öfters kommen.«

Und da Schmitzdorff diese Art der geheimen Botschaft sehr gefiel, so setzte er sich noch hin, holte den Gänsekiel und die Eichengallentinte hinten aus dem verschlossenen Geldkasten seiner Theke heraus und schrieb ... denn es machte ihm eigentlich Freude, mit der Feder umzugehen – mal war das schöne Malerei und ein anderes Mal gerade, als ob lauter Schweine über das Papier gelaufen wären und überall, während sie Furchen wühlten, schwarze Kleckse umhergeschleudert hatten schrieb also, fast mit der Nasenspitze, die auf dem groben Stück Packpapier bei dem Kienspan jeden Federzug mitmachte:

»Liebe Sofi, meine alerbeste Braut!

Indem wir uns Dinsdag, den siebten Augustus, also übermorgen in Potsdam – da ales gut wurde – acht Uhr abends in der Kirche wolln trauhen lassen, so ersuche ich Dir, mich Montag Nacht um halb Drei bei mich antzukloffen, wo ich fertig sein wer, um mit Dir dahin zu gehn. Du must Dir aber gut antun wegen die Leute so wern wir also doch in leben und dod zusammenbleiben

Dein Brautijamm Christian

Geschrieben in Wust den fünften Augustus ins Jahr 1780.«

 

Und dann hinkte er noch durch den dichten Regen, den dunklen Feldweg zwischen den nassen und weinenden Garben, den glucksenden Wasserlachen ausweichend, dahin, nach dem Häuschen mit dem schiefen Strohdach, über dem im Nachtwind die hohen Pappeln raschelten.

Und als die Sophie herauskam – denn sie hatte, wie sein Hund, ihn schon am Schritt erkannt –, da war Schmitzdorff so erregt, daß es ihm fast die Stimme verschlug. Er streichelte ihr nur die Backen und drückte ihr den mühselig aus dem harten Packpapier gefalteten und mit Wachs versiegelten Brief in die kleine Hand; der Jude hatte aber auch kaum eine größere gehabt, schoß es ihm durch den Kopf, als er sie in der seinen wieder mal spürte und die weichen Finger über dem Kuvert zusammendrückte. Lesen würde sie es schon können, denn die kleine Sophie war bei dem Lehrer Müseler die Allerbeste in der ganzen Klasse gewesen.

Und dann nahm er die kleine Sophie in den Arm und küßte sie und ließ sie ebenso wild und hastig, wie er sie an sich gerissen hatte, auch wieder plötzlich stehen und tapste sehr bald von neuem durch den Regen davon.

Und gerade jetzt wäre die kleine Sophie so gern mit ihm zusammengeblieben. Sie hätte schon trockene Plätze hier gefunden. Sie wußte eine alte Hütte am Fluß, die ganz zerfallen war, aber das Dach war noch dicht. Und über das Boot hätte man auch ein Segel werfen können. Sie hätte es schon so gemacht, daß sie keiner gemerkt hätte und ihn vor Tau und Tag wieder herausgelassen. Denn sie hatte heute gerade solche Sehnsucht nach Anschmiegung und Weichheit, es war ihr, als müsse sie sich bei ihm bergen und ganz in ihm versinken. Und heute gerade hatte er das nicht gemerkt, und sie mußte allein wieder die Stiege hinauftappen. Die knarrte ganz gleich, ob nun einer oder zwei heraufgegangen wären.

Als sie aber dann bei dem ersten Lichtstrahl, der durch eine Dachritze, aus der das Moos herausgebrochen war, fiel – denn da oben schlief sie ja allein mit dem Kind in einer uralten, breiten eichnen Bettstatt mit gedrehten Säulen, die, mit Fratzen an ihren Ecken, eine geschnitzte Decke trugen (weiß der Herrgott, wie sich dieses Herrschaftsmöbel hierher verirrt hatte) –, den Brief las, da erschrak sie doch so sehr vor Freude und verstand auch, warum ihr alter Christian plötzlich durch den Regen so aufgeregt und eilig davongehumpelt war.

Gewiß, er hatte bald dreißig Jahre mehr als sie auf seinem breiten Buckel, aber heiraten hätte sie nun doch keinen andern mögen. Die andern mochten um sie noch viel mehr 'rum sein – die Burschen –, aber sie verstanden sie gar nicht.

Und der Tag, der noch kam, wurde dem Schmitzdorff ebenso von seiner Arbeit verschlungen wie alle deren Vorgänger hier in Wust. Denn mochte sein, was wolle, die Frau krank sein, sterben, das Malchen zur Welt kommen, die Stieftöchter heiraten, er, nach Potsdam mal gehn – das laufende Band der Arbeit im Haus, im Gasthof, auf dem Feld und im Stall war immer weitergegangen; es war das wie bei einem Bagger, wo immer die gleichen Eimer hochkommen, heranrücken, kippen und schon wieder ein neuer sich nachschiebt. Und wie das bei den meisten Menschen – und gerade bei den Bauern mehr als bei den Städtern – ist: Er war nicht Herr seiner Arbeit, sondern die Arbeit war Herr über ihn. Nicht, daß er unter ihr zusammenbrach und sich die Schwindsucht anschuften mußte. Nicht, daß er sich keine Ruhepause gönnen könnte oder Gefahr lief wie der Weber, wenn er heute nicht seine vierzehn Stunden hinter dem Stuhl stand und ohne Aufschauen seine Hände im gleichen Rhythmus kreisen ließ von früh bis in die Nacht hinein, daß er nun morgen nicht mehr zu fressen gehabt hätte. Schmitzdorffs Vorratskammer war sehr gefüllt von Speckschwarten und Würsten und von Fässern voll Kraut und Mus, von Ballen von Butter und Bergen Kartoffeln, von Truhen voll Mehl und von vielen Wispeln noch ungemahlenen Getreides. Sondern die Arbeit war für ihn da, wie das Kind für die Mutter da ist. An sich scheint es schwach und hilflos, und doch herrscht es tyrannisch über sie. Es will genährt, gewaschen, gepflegt, herumgetragen werden und gestattet der Mutter kaum eine Stunde, daß sie nicht um es herum ist, weder mit ihrem Tun noch mit ihren Gedanken. Die Mutter seufzt, ist oft unwirsch, auch grob zu ihm; und doch leidet sie mehr darunter, wenn das Kind nicht gedeiht, als wenn sie selbst kränkelt und dahinschwindet. Sie kann es und die Sorge um es nicht missen und weiß ohne beides mit sich allein überhaupt nichts mehr anzufangen.

Gewiß, Schmitzdorff sagte sich manchmal: Übermorgen oder morgen werde ich nun wieder heiraten Und ich bin sehr froh, auch sehr froh darüber, weil ich dann meine kleine Sophie und Malchen wieder um mich haben kann. Denn ohne sie ist das Leben doch nur Bärme. Und weiter bin ich sehr froh, weil dann kein Mensch in der Welt, kein Konsistorium, kein Pastor oder sonst eine verfilzte und verfitzte Perücke, kein Bürgermeister und kein Gendarm – und was es sonst noch für gottverdammte Kerle und Einrichtungen gibt, die sich um die Dinge kümmern, die sie einen Dreck angehn und die bestimmt niemand schmälern und schädigen –, weil mir dann von dem ganzen Lumpengesindel niemand mehr dreinreden kann und sie mir dann alle also dann alle also einfach ... gar nichts mehr zu sagen haben

Aber von solchen Erwägungen wurden die Rüben durchaus nicht gehackt und die Bohnen durchaus nicht abgenommen und der Klee keineswegs geschnitten und die Lupinen ebensowenig untergepflügt. Und die Rüben mußten von Schmitzdorff gehackt, die Bohnen abgenommen, der Klee geschnitten und die Lupinen eben untergepflügt werden. Und sie wurden es. Das aber ließ nicht zuviel Zeit zu Gedanken anderer Art.

Mitten in der Nacht jedoch vom Montag auf Dienstag – Montag ist immer für einen Krug ein stiller Tag, anders wie Sonntag, und deshalb hatte sich Schmitzdorff früh auf das Ohr gelegt – klopfte es dann ganz leise, und wie Schmitzdorff sich aufrappelte und mit dem Kienspan hinausleuchtete, stand die Sophie vor der Tür in einem hellen Baumwollkleid, das auf dem breiten, gerafften Rock ein gedrucktes Muster von Sträußen aus Zyanen und Klatschmohn auf einem Grund von goldgelben Ähren hatte und ein ganz enges Mieder dazu. Die Haare aber hatte die Sophie sich gebrannt und stark gepudert. Sogar ein paar Mouches hatte sie an das Kinn und auf die weiße Stirn sich geklebt. Sie waren aber etwas groß geraten, weil sie, Sophie, selbst sie sich aus einem Stück alten Taffet geschnitten hatte. Ein Paar dünner, spitzer, sehr hochhackiger Schühchen, das spinös unter dem weiten Rock hervorsah, war mit dem gleichen Stoff von goldenen Kornähren und Mohnsträußen überzogen.

Schmitzdorff war aber noch ganz schlaftrunken, und er starrte im ersten Augenblick die Sophie sehr erstaunt an, denn er erkannte sie gar nicht, und als er sie erkannte, verstand er im ersten Schreck gar nicht, wie sie zu diesem Aufzug käme und was sie damit und vor allem noch zu so ungewohnter Stunde bezwecke.

Sophie jedoch lächelte Schmitzdorff entgegen und spitzte ihren Mund, denn sie kam sich sehr abenteuerhaft vor und sehr glücklich dabei. Das war ja fast wie die Entführung der edlen Gräfin Esmeralda oder so in dem schönen Buch mit den bunten Bildern, das sie einmal gelesen hatte.

Schmitzdorff zog sie schnell in die Gaststube und kleidete sich hastig an. Heute waren, gottlob, wieder seine besten Sachen an der Reihe: die blauen Schnallenhosen, die weißen dicken Wollstrümpfe mit den Seidenzwickeln, die rote Weste, der Leinenkittel mit den Silberknöpfen, die guten Schuhe und der Dreispitz. Die Geldkatze mit den vielen Talern und sogar mit ein paar Friedrichsdor schnallte er unter. Denn das würde morgen etwas kosten. Aber wozu hatte er es denn? Und eine Speckseite und ein Stück Bauernleinen mit kleinen, braunen Sporenflecken aus dem untersten Fach des Schranks tat er in den Schnappsack. Aber, da die Speckseite nicht groß war und das Stück Leinen nicht schwer, so konnte man das ohne Mühe tragen. Auch den Weißdornstecken legte er sich zurecht, damit er ihn ja nicht vergäße.

»Aber was ist denn das für ein schönes Kleid, Sophie? Wo hast du das nur herbekommen?«

»Ja«, meinte Sophie stolz, »das hab' ich sehr klug gemacht. Meine Schwester Anna, die Euen, hat doch die gleiche Figur als wie ich früher gehabt, bevor sie so dicke jeworden ist. Und da hab' ich ihr gesagt, ob sie mir das Kleid nicht leihen könnte. Ich will Sonntag zum Erntetanz zu Knochenmus nach Gollwitz, mir einen ankratzen, hab' ich gesagt, und dazu möchte ich mir's noch etwas ändern. Das Kleid ist, sieh mal, Christian, ein janz echtes Staatskleid, wie es die feinen Madames in Brandenburg tragen. Und da hat es die Anna ja auch machen lassen, vor acht Jahren. Früher ist aber der Rock noch ville weiter gewesen. Niemand hab' ich vorher etwas davon verraten. Weder dem Schwager Krüger noch meiner Schwester Wilhelmine, noch den Euen. Nicht mal dem Georg Winkelmann. Die sollen mal alle staunen, wenn ich als Frau Schmitzdorffen aus Potsdam retourkomme. Die Schwester hat mich zwar so merkwürdig angesehen: Aber sie hat sicherlich nichts geahnt. Und die Euen glaubt ja überhaupt: Es ist aus zwischen uns.«

Schmitzdorff war eigentlich über das, was die kleine Sophie da sprach, in seinem Innern sehr erschrocken. Sie hätte sich vielleicht das Kleid von der Schwester doch lieber nicht geben lassen sollen. Die war genauso falsch und hinterhältig und katzenfreundlich in die Visage hinein wie der Eue, das Fußangelgesicht. Was war das für ein helles und hübsches und offenes kleines Mädchen damals gewesen, und heute: ebenso wie der Mann. Sogar den gleichen Blick und den gleichen Klang in der Sprache. Wenn sie hinter der Türe red't, weiß man nicht, ob sie es ist oder er. Nee, nee: Von die Leute kommt mir und uns nichts Gutes. Die gönnen uns unser Glück gar nicht. Wenn die uns heute noch, am Tach von de Trauung, etwas antun könnten, das täte die mit Pläsiervergnügen. Un wenn wir erst verheiratet sind und wieder hier in unser Haus, dann jibst du eben die Lumpen deiner Schwester wieder, und damit gut. Und von da an: nur noch juten Tach und juten Weg! Dafor wer ich schon sorgen.

Plötzlich schoß es Schmitzdorff durch das Hirn, daß es doch eigentlich unsinnig wäre, jetzt nach Potsdam zu gehen, daß er ganz einfach seine kleine Sophie hierbehalten sollte, bei sich behalten sollte und den Teufel danach fragen, was daraus würde. Aber dann sagte er sich, daß sie dann ja doch in drei Tagen der Gendarm wieder fortholen würde und daß das andere eben der richtige Weg wäre, wie sie für alle Zeiten ungestört zusammenbleiben könnten. Und das war das einzige, das er sich in dieser Welt wünschte. Denn wenn auch das Wort »Liebe« in einem Wortschatz kaum vorhanden war und er es sicherlich seit bald vier Jahrzehnten kaum noch gebracht hatte und eigentlich auch viel zu scheu seinen Gefühlen gegenüber war, um es zu gebrauchen, so war doch der seelische Gegenwert des Wortes ihm, was seine kleine Sophie anbetraf, um so stärker ins Herz geschrieben.

So ließ er also die kleine Sophie, die sich gar nicht abgeneigt gezeigt hätte, ohne daß er davon gesprochen hätte, jetzt sogleich, ohne jeden Segen, wie so oft schon früher, bei ihrem alten Christian zu bleiben und sich wieder einmal eine Nacht an ihn zu schmiegen, plötzlich aus seinen Armen und sagte fast herrisch, wie das sonst gar nicht seine Art war, daß sie jetzt gehen müßten.

Dann aber schloß er ab, legte den Schlüssel der Frau Kupatt in die Fensternische. Karo ließ sich ein letztes Mal streicheln, und dafür bellte er auch nicht. Und so zogen sie fort durch die regenfeuchte, dunkle Nacht, die eigentlich nicht laut mehr weinte, sondern nur noch leise vor sich hin schluchzte, und ließen Wust bald hinter sich.

Aber möglich, daß der kleinen Sophie das Gehen überhaupt gerade schwerfiel – trotzdem sie den Grund dafür, da sie nichts weiter davon spürte, schon halb wieder vergessen hatte –, möglich, daß sie das Marschieren nicht gewohnt war; denn sie hatte ja noch nie größere Wege gemacht, war noch niemals aus dem Umkreis der Türme von Brandenburg herausgekommen; und sie hatte keineswegs halb Deutschland und halb Österreich mit dem gepackten Affen auf dem Rücken und dem Kuhfuß über der Schulter kreuz und quer wie ihr Christian abmarschiert. Oder daß sie wirklich nur die Schuhe drückten, wie sie sagte. Denn nachdem sie eine Weile versucht hatte, mit ihrem Christian Schritt zu halten, setzte sie sich auf einen Wegstein, zog die Schuhe und Strümpfe aus, nahm sie in die Hand, und dann ging es schon besser – patsch, patsch – barfuß durch den nassen Sand der Wege neben ihrem alten Christian her. Aber gut, wirklich gut, ging es eigentlich doch nicht. Und mehr als einmal mußten sie rasten, damit sie sich wenigstens etwas verschnaufen konnte, die kleine Sophie.

Hell wurde es, ohne daß man sah, wie sie hochkam, die Sonne. Denn im Osten lagen dicke Wolken. Die fingen langsam an zu bluten, wie Binden und Bandagen, die sich von den Wunden unter ihnen immer mehr und mehr mit Blut vollsaugen und durchtränken. Das sah schön, aber doch etwas traurig aus. Und alsbald wechselte man eben die Bandagen dahinten aus, und dann war der neue Tag, der Dienstag, der siebente Augustus des Jahres 1780 da. Kühl und trübe, aber nicht gerade regnerisch mehr.

Die Wälder hatten sich wieder etwas geändert. Sie waren jetzt wie der Mann von vierzig Jahren. Es fällt nicht auf, daß er ein, zwei graue Haare hie und da schon an den Schläfen hat. Aber wenn man genau hinsieht, so merkt man es doch und sagt sich, der Mann muß älter sein, als ich zuerst glaubte. So war das mit dem Wald. Ab und zu ein kleines gelbes Zweigchen schon in den Buchen und Eichen. Nur zehn Blätter. Aber eben doch schon gelb; gelb wie die Goldruten, die am Boden blühten, wie das Habichtskraut. Und die Pfifferlinge, die wie Teppichnägel im Moos steckten. Wie die Stoppeln draußen auf schon abgeernteten Kornfeldern. Über denen nicht mehr die Schwalben flitzten – hier fanden sie nichts mehr, und sie waren deshalb nach dem Schilf, dem Fluß und den feuchten Wiesen abgewandert, über die sie ganz tief dahinstreiften, ventre à terre, wie es bei gestrecktem Galopp heißt –, über denen keine Schwalben also mehr dahinflitzten, sondern über denen die Stare, die sich gesammelt hatten in Kolonnen und Zügen und Kompanien, in der grauen Morgenluft exerzierten und ihre Flugübungen abhielten, rechts und links schwenkten und kehrtmachten, so scharf und haargenau und gleichmäßig, daß jeder Oberst hätte froh sein können, wenn er bei den Herbstmanövern seine Leute nur halb so gut in Zug gehabt hätte.

Wenn all das aber nur den Herbst ahnen, doch noch keineswegs an ihn glauben ließ, so waren die ersten rotvioletten Flecke von Heidekraut – gewiß nur die ersten allzufrühen Flecke! – im Sand zwischen Krüppelkiefern schon unbestreitbare Gewißheit, daß der Sommer bald hier seinen Hut vom Riegel nehmen und nach Süden weiterwandern würde. Wie er das doch jedes Jahr tat, einmal ein paar Wochen früher und ein anderes Mal ein paar Wochen später.

Mit dem jungen Tag jedoch war es belebter auf den Straßen und Feldern geworden. Die Planwagen zogen an Schmitzdorff und Sophie vorbei und die Reisekaleschen, die wandernden Handwerksburschen und die Postwagen. Die Stafettenreiter trabten durch den grauen Morgen; und die Zigeuner zogen langsam mit ihren Wagen dahin, um die stumme, aber bissige Hunde kreisten und auf deren schmutzigem Stroh nackte, aber durchaus nicht stumme Kinder lagen, im Spiel sich durcheinanderwälzend. Alte Invaliden humpelten am Wegrand zum nächsten Dorf weiter, das sie abklopfen wollten, in verfleckten, abgewetzten und löcherigen Uniformen. Denn eine alte Uniform ist ja leicht beschafft. – Und wenn sie auch keinen Siebenjährigen Krieg hinter sich hatten, so hatten sie doch sicher ein siebenjähriges Elend hinter sich. Wenn sie keine Kriegsinvaliden waren, waren sie doch Lebensinvaliden. Was ebenso zählt. Sogar ein Mönch mit Strick und brauner Kutte ließ zum großen Staunen Sophies, die solch ein Wesen noch nie gesehen hatte, zu seinem weit ausgreifenden Sandalenschritt seinen Rosenkranz betend durch die Finger gleiten.

Sicherlich wunderten sich alle genauso über Schmitzdorff mit seinem Schnappsack und seinem Sonntagsstaat, seiner roten Weste und seinem silberknöpfigen Leinenrock und über die kleine Sophie in ihrem bunten, längst altmodischen, unwahrscheinlich weitröckigen Baumwollkleid mit den Mohnsträußen und den Kornähren, die, an seinem Arm hängend, neben dem bejahrten Mann da barfüßig durch den Sand stapfte und ihre Schuhe und Strümpfe dabei vorsichtig in der anderen Hand vor sich hertrug; sie wunderten sich sicherlich genauso über Sophie, wie sich Sophie über all die bunten und verschiedenen Menschen der Landstraße wunderte, die sie noch nie gesehen hatte.

Selbst die Knechte und Mägde, die auf den Feldern arbeiteten, ließen über ihren Anblick einen Augenblick die Sensen, Hacken und Rechen ruhen, stützten sich auf sie und sahen dem seltsamen Paar nach, um, wenn es etwas aus Hörweite gekommen war, ihnen laut lachend Worte und Bemerkungen nachzurufen, die sicher jeden Freund der Volkskunde durch ihre Urwüchsigkeit entzückt hätten.

Er hatte schon mit sich gekämpft, ob es nicht doch besser wäre, in Groß-Kreutz die Post abzuwarten. Deshalb war Schmitzdorff eigentlich sehr froh, als plötzlich die schweren, nickenden Gäule und das breite Gesicht des Fuhrmanns dahinter wieder sich ihnen näherte. »Hallo«, rief er, »guter Freund, ich dacht' immer, du wolltest doch mal bei meinem Krug vorbeikommen auf 'n Gläschen?« (Schmitzdorff hatte ganz vergessen, daß er damals erzählt hatte, er wäre Invalide und ginge seines Gnadentalers wegen nach Potsdam.)

Und als der Kutscher »Brrr!« rief und die Gäule zum Stehen brachte, hatte Schmitzdorff schon gewonnenes Spiel. Aber ihn hätte ja der Fuhrmann gewiß kein zweites Mal mitgenommen. Doch was ein echter Fuhrmann ist, der nimmt immer gern, und wenn er auch alt und grau in seinem Beruf geworden ist, eine hübsche Jungfer neben sich auf den Fuhrsitz. Da hat er wenigstens ein bißchen Abwechslung.

Und die Gäule hatten ihren ruhigen und doch so weit ausgreifenden Gang nicht verlernt. Man merkte es kaum, wie sie die Menschen und selbst andere Gefährte hinter sich ließen. Aber sie taten es doch.

Wenn jedoch Schmitzdorff, der hin und wieder einmal etwas eingedrusselt war, auf seinem Sitz von Wolldecken durch die Gleichmäßigkeit der Hufschläge da vor sich – denn das schläfert ein, besser als Schlafmittel – auffuhr und dachte, nun käme erst Gollwitz oder Phöben, dann waren die schon längst vorbei. Aber lumpen ließ er sich diesmal nicht, der Schmitzdorff. Er hieb, als er aß, dem Fuhrmann aus seinem Schnappsack einen ordentlichen Fetzen durchwachsenen Speck mit ab, und als sie in einem Krug am Wege einen Augenblick die nassen Gäule sich verschnaufen ließen, da zahlte er dem Fuhrmann ein Glas Dünnbier. Aber nicht mehr. »Denn ein Fuhrmann«, sagte er, »muß nüchtern bleiben, sonst gefährdet er die ihm anvertrauten Menschenleben.«

Die kleine Sophie aber machte das Hufgetrappel durchaus nicht müde. Sie saß mit ihrem weiten, bunten Rock zwischen Schmitzdorff und dem Fuhrmann und pendelte vergnügt mit den bloßen Füßen. Fahren gefiel ihr besser als Gehen. Man war dabei mehr als die andern da unten im Straßenstaub und fast ebensoviel wie die Demoisellen in ihren Kaleschen mit den Vorreitern. Der Fuhrmann aber neckte sich mit ihr die ganze Zeit über. Denn wozu hatte er sie denn sonst neben sich Platz nehmen lassen?

Was sie denn in Potsdam wolle, meinte er. Sie hätte gewiß einen Schatz bei den Grenadieren? Deshalb hätte sie sich auch so nobel gemacht. Ob es nicht solch langer Blonder wäre?

»Ja«, sagte Sophie, »das wäre er.«

Der Franz mit Vornamen hieße?

»Richtig«, sagte Sophie, »so hieße er.«

Ob er ihr denn das nicht geschrieben hätte? Der ginge doch jetzt seit April schonst mit 'ne andere.

Sophie schluchzte lachend in ihr Taschentüchlein, das sie schon vorsorglich, für die Rührung bei der Trauung, sich zwischen Rock und Mieder gesteckt hatte.

Es wäre so 'ne lange Schwarze mit Pockennarben, als ob sie mit dem Gesicht auf'm Rohrstuhl gesessen hätte. Aber sonst wäre sie ein schönes Mensch. Dagegen wäre nichts zu sagen. Sie brauche gar nicht traurig zu sein, und sie brauche deshalb auch gar nicht so zu weinen, denn ihr Franz hätte ihn eigens darum ersucht, ihn bei ihr die Zeit über, wo sie in Potsdam bliebe, bei ihr zu vertreten. Er wäre, wenn es drauf und dran ginge, viel jünger noch als ihr Franz, und wenn er auch 'n grauen Kopf hätte. Da kenne sie die richtigen Fuhrleute schlecht. Und er liebe grade so die Kleenen und Appetitlichen. Mit die Jroßen aber könne man ihn jagen. Die haue er mit'n nassen Lappen 'raus.

Das aber hielt der Fuhrmann für eine besonders zarte Liebeswerbung. Sonst pflegte er deutlicher zu werden.

Aber die kleine Sophie sagte ihm etwas schnippisch, daß er leider grade einen Posttag zu spät käme, da sie nach Potsdam eben grade heute müsse, um sich da trauen zu lassen.

»Ach!« rief der Fuhrmann und lachte plötzlich auf, daß sein blauer Fuhrmannskittel über seinem feisten Bauch ordentlich Falten schlug, denn in seinem Hirn hatte sich, wie er auf den leise vor sich hin säuselnden Schmitzdorff dabei sah, im Moment eine Brücke geschlagen. »Davon hab' ich ja auch schonst gehört. Des weiß schon die halbe Garnison. Der Olle soll das nu doch ja genehmigt haben Ja, ja, wat die Leibgrenadiere nicht alles können! Wenn ich heute abend malheuresemang nicht wieder weiterfahren müßte, bei die Trauung möchte ick dabeisein. Des soll ja bildschön werden. Ick weiß es von den Gärtner Riek, bei den sich die Leibgrenadiere jestern die beiden Pomeranzenbäume dazu gepumpt haben.«

In diesem Augenblick, vielleicht nur auf das Stichwort »Trauung«, fuhr Schmitzdorff aus seinem Halbschlaf hoch. Der Fuhrmann aber legte ihm die schwere Hand auf die Schulter, während er mit der Peitsche, die er in der andern spielen ließ, den Peitschenschmitz den Gäulen auf den breiten Rücken und um die Flanken tanzen machte, um unter dem Vorgeben, ihnen die Bremsen zu verscheuchen, sie ein wenig zu einer schnelleren Gangart anzuspornen. »Du hast janz recht, Schmitzdorff«, sagte er wieder. – Woher wußte denn der Fuhrman plötzlich seinen Namen, dachte Schmitzdorff. Was brauchte denn die Sophie dem das gleich auf die Nase zu binden? Ach, er ahnte gar nicht, wie bekannt er schon in Potsdam war. – »Janz lotrecht und perpendikulär haste recht: Ick nehme auch lieber dreie von zwanzig als eene eenzige von sechzig!«

Und als Schmitzdorff nicht darüber lachte, lachte der Fuhrmann wenigstens noch lauter, als er schon vorher gewiehert hatte. Es gibt solche Leute, dachte Schmitzdorff, die immer das Beste von ihren eigenen Witzen weglachen.

Und dann kam Potsdam. Tauchte erst in der Ferne auf. Mit Kirchen gegen einen grauen Himmel, der genug geregnet hatte und nun schon ein paar kleine Flecke eines grünlichen, herbstgefärbten Blaus durchschimmern ließ. Potsdam mit den weißen Flächen der Havelseen und mit seinem grünen Schilfkranz darum unter den Waldufern. Mit seinen Schloßkuppeln in der Stadt und draußen in den Gärten und auf den Höhen mit seinen Abteilungen von Soldaten auf allen Wegen, die vom Schießen und von den Übungen kamen oder zu ihnen ausrückten und mit den Signalen der Hornbläser von nah und fern. Und mit vielen Wagen, die fortfuhren, und mehr noch, die heranrollten. Denn jeder Fremde von Distinktion mußte Potsdam gesehen haben und wenigstens versuchen, den König bei einer Parade oder bei einem Spazierritt zu Gesicht zu bekommen, um davon zu Hause in Paris, in Holland, in London oder in Petersburg doch erzählen zu können. Bewundern taten ihn alle. Lieben niemand. Den meisten war er fremd und unheimlich.

Aber während vordem diese ganze Welt hier Schmitzdorff bedrängend und verhaßt erschienen war, er in ihr seinen natürlichen Feind gesehen hatte, war sie ihm nun mit einemmal vertraut und durchaus beachtenswert. Und er erklärte seiner kleinen Sophie von dem Fuhrsitz herab die Kirchen am Horizont: die Heiligegeistkirche, die Garnisonkirche mit dem Glockenspiel – also sie würde Mund und Nase aufsperren, so etwas hätte sie noch nicht gehört: Glocken, die einen Choral alle halbe Stunde von selbst spielen, wie ein Küster an der Orgel – und die Nikolaikirche mit dem ganz hohen Turm , die da grade zwischen den beiden andern ... das ist der höchste Turm, den's überhaupt in de Welt gibt. Er wies nach Sanssouci auf seinem Hügelrand und dem mächtigen roten Schloßbau des Neuen Palais. Zeigte Sophie in der Ferne die Kuppeln vom Rathaus und vom Stadtschloß und vom Militärwaisenhaus ... so, als ob all die Bauten und ganz Potsdam überhaupt ihr Entstehen nur seiner Generosität zu danken hätten oder er zumindest eine beratende Stimme dabei gehabt hätte. Das war eben sein König. Das sah man ja auch jetzt wieder. Wie er zu ihm war und ihn in Schutz genommen hatte. Aber wenn er nicht für ihn damals geblutet hätte, wer weiß, wie die Dinge noch mit ihm gekommen wären. Manchmal wäre die Karre ja sehr im Dreck gewesen. Aber da hätten sie sie eben wieder 'rausgezogen.

Aber dann sagte Schmitzdorff, daß er doch hier schon absteigen wollte, weil er mit seiner Jungfer Braut lieber beim Neuen Palais durch den Park gehen wollte, um ihr das zu zeigen. So'n Mädchen hat ja das noch nie gesehen, und wer weiß, wann sie da mal wieder hinkommen tut. Unsereiner sieht ja so was öfter. Da kuckt er eijentlich jar nicht mehr nach hin.

Den Schnappsack aber mit dem Stück Leinen und der angeschnittenen Speckseite könnte der Fuhrmann mitnehmen. Er solle sie bei Vater Mettke für Schmitzdorff abgeben. – Denn so etwas kann man einem Fuhrmann ruhig anvertrauen. Der ist in so was sehr ehrlich. Das bringt sein Beruf so mit sich.

Dem Fuhrmann tat es sehr leid, daß er seine Gäste schon verlor. Er hätte das junge Paar zu gern im Triumph durch das Brandenburger Tor in die Stadt hineingefahren. Das hätte ihm Freude gemacht. Das hätte ein Hauptvergnügen für alle Leibgrenadiere gegeben. Eigentlich hätten die wie ein richtiger Prinz und eine richtige Prinzessin vorher mit 'n Musikkorps eingeholt werden müssen.

Aber dann brachte er seinen schweren Rollwagen zum Stehen. Und die kleine Sophie setzte sich noch schnell auf einen Wollballen und zog sich unter ermunternden Bemerkungen des braven Graukopfs von Fuhrmann, auf ihn keine Rücksicht dabei zu nehmen – ick seh' auch mal gern wat Hübsches! –, die langen Seidenstrümpfe an, die sie sich von ihrer Schwester, denn sie gehörten ja mit zur Garnitur, gleichfalls geliehen hatte. Und sie band die breiten Strumpfbänder um und knöpfte bedächtig die hohen Stöckelschuhe mit den goldenen Ähren und mit je einem Strauß von Mohn und Kornblumen auf jeder Schuhspitze. Und darauf sprang Sophie von oben vom Fuhrsitz herab mit einem neckischen Satz Schmitzdorff in die weit ausgebreiteten Arme und warf, lippenspitzend, dem braven Fuhrmann einen zwitschernden Kußfinger zu, der in wörtlicher Übersetzung lautete: »Adje, du oller Schwerenöter!«

Darauf jedoch hing sich die kleine Sophie lachend und strahlend, um den Fuhrmann damit zu ärgern, bei ihrem Christian ein und trendelte neben ihm davon, daß der weite Rock mit seinem Gestell von Weidenruten bei jedem Schritt schwankte, wie eine verankerte Boje über der Untiefe. Und das niedliche, plaudernde Köpfchen schwankte gleichfalls mit seiner hohen gepuderten Perücke, die Sophie noch einmal schnell nachgemehlt hatte, beim Gehen und Sprechen mit, gerade wie eine zierliche weiße Silbermöwe, die sich von ihrem Wellenflug oben auf dieser Boje etwas ausruht.

Und da Schmitzdorff und Sophie Hunger verspürten oder glaubten, es sich schuldig zu sein, Hunger zu verspüren, weil jetzt Mittagszeit war, so kehrten sie ganz wider Schmitzdorffs Art – aber solch ein Tag wie heute kam ja für beide so bald nicht wieder – am Rand des Parks in einer kleinen Gastwirtschaft ein, die zwar nicht gerade vornehme Fremde, aber kleine Leutnants und Fahnenjunker mit ihren inoffiziellen Damen, bürgerliche Reisende und junge Liebespaare, die gern etwas abseits und ungestört bleiben wollten, gut aufzunehmen gewohnt war. Das Essen schien zwar Schmitzdorff sündhaft teuer. Aber Eiersuppe, Huhn und Braten und Blumenkohl und Fisch und Obst und süße Speisen, die man sich aus großen Schüsseln nehmen konnte, soviel man wollte – und das tat die kleine Sophie so lange, bis der Markör die große bunte Porzellanschüssel fortnahm und drei Tische davon in Sicherheit brachte –, hätte man, wie Schmitzdorff hervorhob, selbst in Brandenburg nicht so und wenn überhaupt! – sicherlich auch nicht einen Dreier billiger bekommen.

Und außerdem saß man wirklich hübsch draußen im Freien unter den Bäumen, durch die tanzende Sonnenflecke wie spielende Mäuschen über die Bettlaken hinhuschten. Denn – das war ja das Lustige! – es waren richtige, blendendweiße, ungebrauchte Bettlaken auf den Tischen. Das hatte Schmitzdorff eigentlich noch nie gesehen. Außer einmal, als Soldat, in einem Offizierskasino, das sie vor Prag, wie es ging und stand, eingenommen hatten. Bettücher auf den Tisch zu legen, statt darauf zu schlafen, war ihm damals als der Gipfel aller Verweichlichung und Verderbtheit vorgekommen, wie sie eben nur bei den Österreichern zu finden war. Aber hier und heute erschien es ihm doch sehr angenehm und erfreulich. Ebenso, wie es doch hübsch aussah, was die Leute einem alles statt des Löffels so neben den Teller gelegt hatten: breite und schmale Messer und Dinger aus Stahl und Silber und außerdem noch Löffel in verschiedenen Größen und zackige, ganz kleine Hechtstecher. Und nicht nur das: Eine Karaffe mit rotem Wein stand auf dem Tisch, aus der man sich, so oft man wollte, die Gläser mit den geschliffenen Bildchen vollgießen konnte. Auch zwei geschliffene Schnapsflaschen mit weißem und dickflüssigem gelben Schnaps standen – merkwürdig genug – zusammen mit dem Salz und einem scharfen, brennenden Pulver, nach dem man niesen mußte, in einem silbernen Gehäuse. Nur die Gläser fehlten dazu. Aber die wurden sicher später gebraucht. Aber dann schüttete der Markör einfach die beiden Schnapssorten auf den Salat. Und da war es gar nichts anderes als ein besonders feines Rapsöl und ein ganz scharfer Essig.

Die kleine Sophie jedoch sah nach den anderen Tischen heimlich hinüber, an denen Offiziere mit ihren Mädchen, junge Paare – er den Degen an der Seite und mit einem violetten gestickten Samtrock mit vielen bunten Knöpfen daran und sie ganz in rosa Seide, das Mieder mit einer Perlenkette verschnürt –, sich gegenseitig über den Tisch fort zärtlich in die Augen starrten, paßte auf, wie die das mit diesen eigentümlichen Instrumenten machten, und kam, geschickt wie Frauen sind, ganz gut mit ihnen zu Rande. Ja, nach ein paar Minuten sah es schon aus, als ob sie von Kind an mit solchen Dingen hantiert hätte. Während Schmitzdorff gar nicht wußte, wie er in seinen schweren Fingern sie halten sollte und zum Schluß wie der große goldene Neptun aus der Brunnengruppe unter dem Schloß in Sanssouci mit dem geschwungenen Dreizack in der Faust dasaß, als er auf sein Talerkuvert längst nichts mehr zu beanspruchen hatte.

Trotzdem brauchte es Schmitzdorff nicht leid zu sein. Und als er nachher Muße hatte – mehr als ihm lieb war –, mußte er sich doch sagen, daß das in dieser ganzen Sache für ihn vielleicht das bestangewandte Geld gewesen war.

Und dann trendelten Schmitzdorff und die kleine Sophie Arm in Arm gemächlich Schritt vor Schritt weiter in der allmählich in ihrem Wolkendampf endgültig sieghaften Sonne den geschnittenen Lindenweg entlang, der durch weite Wiesen sich dahinzog. Ein etwas ungleiches, aber durchaus glückliches Brautpaar an seinem Trauungstag. Gemächlich spazierten sie auf das Neue Palais zu, das da aus der Ferne rot und gelb mit vielen Puppen um und auf dem Dach aus Wald und Gärten herüberwinkte.

Schmitzdorff marschierte durchaus nicht, sondern er ging pustend so recht langsam und behaglich und sah sich aus seinen kleinen tiefliegenden Augen freundlich und zustimmend nach allen Seiten um. So wie man das nach einem guten Essen tut, bei dem sogar eine Karaffe mit rotem Wein auf dem Tisch gestanden hatte – solch einen hatten sie einmal ein ganzes Faß voll, bei Krefeld, in einem französischen Fouragewagen erbeutet und sich daran ganz prachtvoll wie die Igel besoffen. Daher kannte er ihn noch, aber in bald fünfundzwanzig Jahren hatte er keinen Tropfen davon mehr gesehen geschweige denn wieder über die Lippen gebracht.

Die tiefe Verachtung, die Schmitzdorff noch vor zwei Monaten für alle diese Müßiggänger empfand, die den heiligen Werktag damit entweihten, hier nichtstuend herumzulungern, billigte er heute durchaus nicht mehr. Sondern er begriff, daß so etwas, vor allem mit einem weiblichen Wesen am Arm, keineswegs ohne Reiz wäre.

Die kleine Sophie jedoch hing, wie ein bunter Lampion am Draht flatternd – denn es ging der Wind –, an seinem Arm und schaute sich gleichfalls sehr glücklich nach allen Seiten um. Aber während das eigentlich bei Schmitzdorff wie eine Ausnahme wirkte, so war das bei der kleinen Sophie wie ihr Element, das sie, ohne daß sie es wußte, schon immer vermißt hatte und in das sie nun endlich nach langen Irrwegen sich zurückgefunden hatte.

Und ihr Element – diese ganze, in ehedem unfreundliche Einöden wie hergezauberte Gartenwelt mit ihren hundert und hundert marmorweißen Statuen und Gruppen von Buchsbaumhecken und Taxusnischen mit ihrer mächtigen goldenen Neptungruppe in der großen Fontäne, die man durchs Grün leuchten sah, wo man sich immer befand mit dem Rund und Oval kleiner Marmorbecken an allen Ecken und Enden, in deren dunklem Wasser um weiße, sich hochschnellende Delphine und um mit Flossenfüßen plätschernde, schnaubende Seerosse lebendige goldene Fische in dichten Zügen immer im Kreise herumschwammen mit ihren Terrassen, auf deren Gitter nackte Marmorkinder sich balgten und sich küßten und damit den ganzen Kreis des Lebens erschöpften und ihren Tempelchen, die mit gefurchten Säulen aus hohen Baumzelten herüberleuchteten mit ihren Porphyrwannen und ihren meerkühlen Muschelgrotten und den Tropfsteinhöhlen, in denen die großen Drusen von Amethysten und Rauchtopasen von der Decke hingen und immer anders aufblitzten, wenn man den Kopf anders drehte mit den Irrgärten, die einem angst machen sollten mit den rundgeschnittenen Hainbuchengängen, durch die man wie durch die grünen Stollen eines Bergwerks hinging mit den großen Teppichbeeten, die Blumenkörbe und Papageien und Adler und Gardestern und Namenszug F. R. – sogar den Punkt dahinter hatte man nicht vergessen – aus richtigen blühenden Blumen bildeten. Denn jetzt waren sie nicht mehr aus Aschenpflanzen wie vor acht Wochen, sondern ganz aus niedrigem Heliotrop, der zart und violett in der Sonne duftete, aus kleinen Moosröschen und aus blauen, gelben und weißen, roten und ponceaufarbenen Astern – wie das diese Gärtnerburschen, die wieder den Bäumen die Zweige auf ihren langen Leitern mit riesigen Scheren frisierten, nur so künstlich fertigbrachten! – Und mit dem Japanischen Haus, das da inmitten hoher einzelner Bäume und gleich einem Pudel geschorener Rasenflächen, bunt wie ein großer Goldfasan, sich niedergekauert hatte. Diese ganze, wie mit Aladins Wunderlampe hier in eine ehedem unerfreuliche Einöde hergezauberte seltsame, überraschende und durchaus unerwartete Welt, die ihn, Schmitzdorff, ehedem so arg in Verwirrung gesetzt hatte, erschien ihm heute nach dem Wein, dem guten Essen und in seiner Flanierstimmung und zärtlichen Verliebtheit – oder in seiner verliebten Zärtlichkeit –, die ihn wie mit einem Nebelschleier umspielte, in einem viel versöhnlicheren und sogar rosig angehauchten Lichte. Und er hatte die unklare Empfindung, daß, wenn er sie auch nicht grade geschaffen hätte, diese ganze Welt hier – denn er hätte ja in seinem Leben mehr zu tun gehabt –, er sie doch seiner kleinen Sophie, die so etwas ja noch nie gesehen hatte, näherbringen und sogar gegen sie und ihre Angriffe oder ihre Gleichgültigkeit verteidigen müsse.

Und auch diese ganzen feinen Leute, die taten, als ob ihnen das alles hier gehörte, und französisch und so kauderwelschten vor Entzücken die sporenrasselnden Offiziere mit den Hühnerbrüsten und mit ihren Krötenstechern an den Silbergurten die Krongardisten, die Parkwächter mit den Invalidenuniformen, mit den runden weißen Bäuchen und den strengen Blicken und die Lakaien, die die Nase noch höher trugen – all denen hätte Schmitzdorff am liebsten freundlich auf die Schulter geklopft und ihnen gesagt, daß er es ihnen gern gestattete, daß sie hier in seinem Park sich auch ein bißchen umsähen. Wenn man sie sich so näher betrachtete nämlich, waren das sicherlich auch sehr nette Leute, gerade wie er, mit denen man sich gut verstehen würde.

Aber das war ihm das Erstaunlichste: Die kleine Sophie fand das alles reizend und durchaus nicht albern und abscheulich, freute sich mit jeder neuen Blume, roch an den Rosen und dem Heliotrop, stibitzte sich eine Handvoll weißer Pomeranzenblüten – die wollte sie sich, da sie doch keinen Kranz hätte, zur Trauung wenigstens ins Haar stecken –, sah sich lächelnd, ohne wegzusehen oder rot zu werden, all die nackichten Männer an, wunderte sich über nichts und tat, als ob sie das hier alles gerade so und nicht anders erwartet hätte. Die Schlösser und die Bauten waren ihr eben groß genug. Sie versuchte, auf eine Terrasse zu klettern und in die Zimmer des Neuen Palais von außen hineinzusehen, und sagte, daß sie auch so, mit Seide an den Wänden, wohnen möchte. Sie hatte die Augen überall und zeigte Schmitzdorff immer etwas, was er nicht bemerkt hatte. Kurz: Sie benahm sich so, als ob das die Umgebung wäre, die ihr vorbestimmt gewesen war, und nicht der armselige Krug in Wust bei Brandenburg und der Pißpott von Hütte des Fischers Krüger und das Heuwenden auf den nassen Wiesen mit den Füßen im Wasser und die Erntearbeit in den weiten Kornfeldern, über denen die Sonne mitleidslos brannte.

Aber Schmitzdorff hatte unrecht, wenn er das insgeheim dahin deutete, daß seine kleine Sophie, wie er sich gern einredete, etwa doch von besserer Herkunft gewesen wäre. Sondern es war die ganz einfache Tatsache, daß die Frauen eben von Hause her – durch die Wesensart ihres Geschlechts – allen Dingen der Schönheit und der Kunst näherstehen als der Mann und, wenn sie auch nicht befähigt sind, sie zu schaffen, sie sich doch in ihrem natürlichen Lebenselement fühlen, wenn sie zwischen ihnen leben und in ihnen atmen können. – »Denn das Naturell der Frauen ist so nah der Kunst verwandt.«

Als aber dem Schmitzdorff unten von oben, vom Hügelrand, die Kupferdächer von Sanssouci vergrünt unter der blauen Himmelskuppel herabwinkten und er sie seiner kleinen Sophie mit so viel Genugtuung zeigte, da hatte er das Gefühl, daß er eigentlich jetzt da hinauf die breiten Stufen gehen müsse, sich melden lassen müsse, um sich bei seinem König dafür zu bedanken, daß er das Gesuch genehmigt hätte. Aber dann sagte er sich, daß der Mann doch nichts weiter als seine Pflicht getan hätte und daß er ja im Recht wäre, und für ein Recht braucht man nicht »danke« sagen. Außerdem aber hätte er ja für ihn seine Pflicht getan. Und damit wären sie nun eigentlich quitt.

Es war wirklich ein unwahrscheinlich heller und sonniger Augustnachmittag noch geworden – solch einer mit einer ganz kristallhellen und schon herbstlichen Luft, die so dünn und licht war, daß selbst die nahen Dinge einem weit weg dünkten, der Himmel ganz zart und blaugrün erschien und noch einmal so hoch als sonst. Die Blumen auf den Rabatten, die Pomeranzenbäume in den grünen Kübeln, die Bauten mit ihren Giebeln von Bildwerken, all die Figuren und Statuen waren ganz nur leuchtende Farbe; und jedes stand für sich, ohne daß ein gemeinsamer Ton der Luft die einzelnen Dinge miteinander verband. Überall schlenderten sie umher, wegauf, wegab. Jeden Winkel und jedes neue Blumenbeet sahen sie sich an. Auf die Marmorbank, die neben der Venus von Pigalle stand, setzten sie sich eine ganze Weile hin, und Schmitzdorff erzählte, wie hier eigentlich ihr Glück begonnen hätte. Wie er damals, als sie sie durch den Gendarm, durch diese Schnapsnase von Jaensch, von ihm hatten wegbringen lassen, hier ganz verzweifelt gesessen hätte und wie ein großer und freundlicher Leibgrenadier ihn angesprochen hätte. Und das wäre eben gerade der, der ihm durch seine persönlichen Beziehungen auf ein Gesuch hin die Erlaubnis vom König verschafft hätte, daß sie jetzt doch heiraten dürften.

Sophie sagte nichts. Im ganzen glaubte sie es eigentlich nicht. Aber schön: Wenn es ihr Christian sagte, würde es schon so sein. Und wenn dem so wäre: Ihr sollte es gewiß recht sein. Eigentlich war sie jetzt drauf und dran, ihrem Christian schon jetzt das anzuvertrauen, was sie in der letzten Zeit bedrängt und bedrückt hatte und was sie jetzt eigentlich beglückte – denn als richtige Frau wollte sie auch eine Masse Kinder haben. Aber dann, nachdem sie schon zum Sprechen ansetzen wollte, schluckte sie es doch wieder hinunter. Vorerst genügte es ja, daß sie es wußte. Er würde es schon noch früh genug merken, oder sie würde es ihm sagen, wenn sie wirklich erst die Schmitzdorffen wäre.

Aber, da Schmitzdorff merkte, daß sie sprechen wollte, ließ er sie gar nicht zu Wort kommen, sondern unterstrich noch einmal alles, um ja bei der kleinen Sophie über die Rechtlichkeit und Richtigkeit ihrer Trauung keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen: Der Mann muß eben doch ganz vorzüglich bei dem Ollen angeschrieben sein. Es ist auch ein sehr netter und gediegener und lustiger Mann. Nur leider etwas beschränkt. Doch sie würde ihn ja heute abend noch kennenlernen. Hier also, an dieser Stelle, hier hätte eigentlich die bessere Wendung ihres Geschicks ihren Anfang genommen, und zwar wäre sie dran schuld. Das habe er ihr noch nie erzählt. Denn wie er so ganz unglücklich auf der Bank gesessen hätte, da hätte er ganz durch Zufall – sonst sieht er ja nach so etwas nicht hin! – seinen Blick auf diese Puppe da oben fallen lassen. Und da wäre er fast erschrocken. Denn die weiße Puppe wäre genau in allem wie sie. Nicht nur der Kopf und der Haarknoten und die Augen auch so, und der Mund, selbst die Arme und Beine und überhaupt der ganze Körper. So ähnlich ist es, daß er jar nicht verstanden habe, wie der Mann, ohne dir zu kennen, so etwas so naturgetreu hätte machen können. Genauso hast du doch immer – daran mußt du dir ja auch erinnern – des Morgens auf dem Bettrand gesessen und mit Malchen gespielt.

Aber die kleine Sophie war böse. Sie sah gar nicht hin nach der Marmorkonkurrentin. »Pfui, Christian«, sagte sie spinös und stand auf, »so würde ich mir doch nich abmachen lassen und mir hier vor alle Leute hinstellen lassen.«

Aber das war so der einzige kleine Mißton in diesem schönen und glückhaften Nachmittag, wie ihn bisher weder Schmitzdorff noch die kleine Sophie in ihrem Dasein gehabt hatten. Denn sie waren ja doch beide einfache, ganz simple, ganz kleine Bauersleute, und so etwas lag sonst wirklich und wahrhaftig nicht auf ihren Lebenslinien.

Es war eben nur einmal wieder hier für ein paar helle Auguststunden das uralte Märchenmotiv zur Wirklichkeit erwacht, jenes, das sich durch alle Länder zieht und von dem in allen Sprachen in dieser Erde erzählt wird: daß der arme und dumme Bauer für einen Tag König wird, ihm die Schlösser und alle Pracht und alle Kostbarkeiten und der Reichtum der ganzen Welt und die Anmut der duftenden Gärten gehören und daß die schönste Prinzessin ihm zu eigen wird und daß er am nächsten Tag dafür nur schlimmer erwacht als je vorher daß dann alles verschwunden ist und Mist und Dreck wurde, daß aus dem Gold ein Haufen Kohlen, aus dem Palast die elendste Hütte, aus der Prinzessin eine armselige heulende Lumpenliese und aus dem Daunenbett, das ihre Liebe behütete, eine einsame, nasse, modrige Streu wurde, auf die sich kein Vieh, kein Pferd und kein Ochse zur Nacht hinlegen würde die aber für Menschen eben gerade gut genug ist.

Und sehr, sehr langsam und sehr, sehr behaglich und gemächlich pendelten sie in die Stadt hinein, beide. Sie hatten ja Zeit. Es sollte ja erst gegen Abend stattfinden, ihre Trauung. Nur über eines wunderte sich Schmitzdorff: ob denn noch so spät die Garnisonkirche oder die Nikolaikirche offen sein würde oder ob die Trauung vielleicht in einer Sakristei oder sonst in einer kleinen Kapelle, die leichter zu beleuchten wäre, stattfinden sollte? Darüber hatte ihm eigentlich der Jude nichts bestellt. Das hatte er gewiß vergessen, der Dummkopf. Nun, sie würden ja sehen. Und die Trauzeugen, wer die wären, hatte man ihm auch nicht gesagt. Aber da würden sich schon welche finden. Vielleicht Vater Mettke. Oder eines der Mädchen. Oder der lange Leibgrenadier. Wenn eine Militärperson überhaupt so etwas sein darf. Das war die große Frage. Wenn nicht, dann könnte es eben das eine nette Mädchen sein, das seiner kleinen Sophie so ähnlich wäre. Das würde ihnen sicher Glück bringen.

Während aber Schmitzdorff mit seiner kleinen Sophie einen so erfreulichen Nachmittag hatte, war dieser für die Leibgrenadiere weit weniger angenehm. Wordelmann schwitzte eigentlich Blut und Wasser. Sie wollten Ehre einlegen. Sie hatten alles mit so viel Mühe und so prächtig für heute abend schon vorbereitet, wie sie es nie erhofft hatten, daß es ihnen gelingen würde. Es war seit Wochen das einzige Gespräch und der einzige Gedanke: – diese Trauung des Bauern mit seinem Mensch –, nun, wenn auch nicht gerade der ganzen Garnison, wenn auch nicht des ganzen Bataillons, so doch aller, die davon Wind bekommen hatten. Und das war so langsam eine ganze Menge geworden.

Seit früh an waren sie schon zu zweien und zweien die Straßen entlang patroulliert, wer gerade Zeit hatte. Ein jeder hoffte im stillen, daß er das Glück haben würde, das merkwürdige Brautpaar zuerst zu Gesicht zu bekommen und es den andern vermelden würde können. Bei Vater Mettke hatten sie einen Posten ausgestellt, der sie in Empfang nehmen und durch einen der Mettkeableger sofort avisieren müsse, sowie sie auftauchten. Und zehnmal waren sie um das »Pulverhorn«, mit dem die Leibgrenadiere verfeindet waren – es hatte da irgend etwas mit einer Schlägerei gegeben, bei der die alte Nachteule gegen die Leibgrenadiere durchaus parteiisch gewesen war in seinen Aussagen beim Regiment –, herumgestrichen, um in Erfahrung zu bringen, ob sie etwa dort abgestiegen wären, sofern dieses vornehme Wort für das »Pulverhorn« hätte in Frage kommen können. – Schmitzdorff hatten sie gesagt oder würden ihm sagen, daß er nur des Abends und auch nicht in der Kirche getraut werden könnte, denn der Olle hätte, wie er ja wisse, es zwar erlaubt, aber er wolle nicht, daß so viel Aufsehens davon gemacht würde. Wegen die Pasters, die das ja schon einmal nicht erlaubt ihm hätten und sonst leicht Lärm schlagen würden. Denn solche Pasters, die können tückisch wie die Affen werden, hätte er gesagt, und mit denen legte sich der Olle ooch nicht jerne an. Und sie würden ihm auch erzählen, daß der alte Hofprediger seit einem Jahr tot wäre und daß die Stelle noch unbesetzt wäre und daß deshalb ein junger Kandidat, der sie, bis er Hofprediger würde, solange profiterisch oder so nebenbei innehätte, sie deshalb in aller Stille nur zusammentun könne.

All das würde mit dem Bauern – denn so nannte ihn allgemach die halbe Garnison –, dem doofen, verliebten Stint, schonst gut gehen. Der war noch viel dümmer, und der Wordelmann konnte ihm alles auf die Neese binden. Davor hatte man, wenn er erst einmal da war, keine Angst. Da wickelte man ihn schon ein, wenn man ihn erst nur mal in Fingern wieder hatte.

Und ein Fäßchen Bier hatten die sich auch auf Pump genommen schon. Des müsse bei den Geschäft 'rausspringen. Und die Mädchen hatten ihnen was gestickt. Als Hochzeitsgeschenk. Und gebacken hatten sie, daß man es schon tagelang in de janze Jejend gerochen hatte. Und dann hatten sie ja auch alles Das ganze große Zimmer bei der Dünklern hatten sie ausgeräumt und die Betten für heute abend 'rüber zum Nachbarn gestellt. Und sich von überallher Stühle zusammengeholt. Und einen langen Tisch ganz mit schwarzem Taft überzogen. Der Kattenborn war in solche Arbeiten sehr kunstvoll, der hatte früher bei einem Polsterer mal ein Jahr gelernt. Und sie hatten Blumen 'reingestellt und zwei kleine Pomeranzenbäumchen. Und die Annemarie, die Pflastern, hatte sich von ihrem Juden zwei alte Seidenstücke, die sie doch nicht mehr los wurden, geliehen. – Schön dumm war die Pflaster, daß sie bei dem Glasen blieb. Der Jude hätte das Mädchen ja in Gold gefaßt. – Aber so helle ist sie doch wieder: Sie hat ihm nicht gesagt, wozu sie es haben will. Denn dann hätte er sie ihr doch nich gegeben. Sie hat getan, als ob sie jemand wüßte, der se vielleicht doch noch kaufen will, und auf so was fliegt so'n Jude ja. – Also wenn der Bauer des sieht, da red't er nich een Muck mehr. Davor braucht man gar keene Bange zu haben. Und sogar zwei silberne Leuchter will sie zusehen, ob sie sie auch noch von ihm gepumpt vielleicht kriegt. Denn die Juden haben ja so was for ihren Sabbat. Und die Wachskerzen würde sie denn auch gleich von da mitbringen.

Und die seidenen Tapeten haben sie durch Kattenhorn an die Wand hängen lassen, sogar mit 'ne Silbertresse 'rum, die Wordelmann sich aus der Monturkammer geholt hat. Die Trauzeugen waren vorhanden. Mettich machte den Pastor, trotzdem er doch sonst katholisch war und immer in de Kirche lief, gerade als ob er da was geschenkt kriegte. Also, wenn die Trauung mit einem katholischen Paster, mit jüdischen Tapeten und Sabbatkerzen und einem evangelischen Brautpaar nichts Besonderes wird, denn is überhaupt auf nichts Verlaß in de Welt! Das Paar muß sozusagen dreimal glücklich werden!

Alle Verhandlungen mit Vater Louis, nämlich ihn doch zur Übernahme dieser wichtigen, sozusagen tragenden Hauptrolle des amtierenden Predigers zu bewegen – denn das hätte er mit seinem Schmalz dufte gemacht, und den hätten sie schon so angestrichen un mit 'nem falschen Bart und 'ne graue Perücke verkleistert, daß ihn seine eigene Mutter, wenn se aus dem Grab gestiegen wäre, nich erkannt hätte, geschweige denn die doofe Neune, der Schmitzdorff –, waren gescheitert, trotzdem ihm Wordelmann vorgestellt hatte, daß der Pastor, und somit also er, dann doch die wichtigste Person wäre und sozusagen sein Name neben dem vom Ollen Fritz in die Annalen der Garnison übergehen würde Während er, Wordelmann, doch ganz bescheiden als Brautführer – denn diese Rolle hatte er sich zugeteilt – und Glasen und Minde als Trauzeugen bald wieder der Vergessenheit überantwortet würden.

Kleidt sollte den Küster markieren, die Dünklern die Wirtin und die Zimmermann und die Annemarie die beiden Brautjungfern. Ganz gerne hätten sie noch ein paar kleine Mädchen aus dem Militärwaisenhaus, das heißt aus dem Mädchenhaus denn so notwendig der preußische Staat Soldaten brauchte und die zukünftigen Soldaten der Soldaten sofort zu diesem künftigen Beruf in Potsdam in seine pseudoväterlichen Arme nahm, so ließ es sich doch leider nicht umgehen, daß unter diesen Gewinnen für das preußische Heer auch eine ganz beträchtliche Anzahl, mindestens achtundvierzig Prozent, Nieten waren, die gleichfalls versorgt werden wollten also, ganz gerne hätten sie sich da aus diesen Nieten solch ein halbes Dutzend zum Blumenstreuen ausgeliehen. Aber erstens war es spät für die Kinder. Und dann hätten die Kinder geplappert. Und dann wußte man nicht, unter welchem Vorwand man es hätte tun sollen. Und so war dieser gewiß sehr beachtenswerte Vorschlag der Zimmermann leider ins Wasser gefallen. Denn irgendwelche kleinen Mädchen von Zivilisten sich von der Straße aufzulesen schien ihnen wieder zu riskant, und außerdem sollte die Sache doch durchaus den Anstrich einer militärischen Feier haben. Und der wäre so nicht gewahrt worden. Und von der Kurrende waren sie auch abgekommen. Die Bengel heulten ja wie der Mops in der Laterne.

Alles also war aufs beste vorbereitet. Kleidt, der lesen konnte, hatte sich unterderhand in einem beiläufigen Gespräch mit dem neuen Küster von der Nikolaikirche genau die Trauformeln besorgt – er sammle so'ne Dinger am komischsten seien se bei die Türken: des könne man gar nich erzählen – und sie mit der tatkräftigen Unterstützung des Wordelmann dem Schorsch Mettich, der zwar ein netter, lustiger Bruder war und sehr mit'm Mund vorweg, aber einen schlechten Kopf zum Lernen hatte, wahrhaft eingebleut. Nun saßen sie ganz gut. Nur, daß er immer die einzelnen Sätze durcheinanderwarf und stets mit dem Schluß anfangen wollte. All das war nicht so schlimm. Des würde der Bauer doch nich merken. Die Hauptsache wäre, daß er nich steckenbliebe. Aber auch darauf waren sie vorbereitet und hatten ihm deshalb alles noch mal aufgeschrieben und in ein Exerzierreglement gelegt, das sie in der Stube vom Feldwebel gefunden hatten; der sieht ja doch nich 'rein! Und heute und morgen kann man es ihm ja wieder hinlegen.

Aber aber aber es gab da etwas, was ihnen viele Sorgen machte. Sie hatten bisher – es war nun schon bald sieben – noch keinen Talar auftreiben können. Das war zwar scheinbar eine ganze Kleinigkeit. Aber es konnte alles in Frage stellen. Wenn sie nur auf die Mädchen gehört hätten, die einfach einen nähen wollten! Die Perücke hätten sie vom Perückenmacher dann geholt. Denn der Mann aus den »Hechten« hatte noch eine zum Aufarbeiten da. Und die hätte Wordelmann eben abgeholt und sie morgen wieder hingebracht. Das wäre schon gegangen. Und ein Kruzifix war in der Leichenkammer vom Bataillonslazarett. Das hätte er auch kriegen können. Aber wie einen schwarzen Talar noch beschaffen? Einen Augenblick hatte man daran gedacht – und wenn einer die Dinge in Erwägung zog und alle Fäden in der Hand hielt, so war es eben Wordelmann –, also hatte Wordelmann daran gedacht, irgendeine längst verschollene phantastische Reiteruniform sich schnell mit Hilfe eines Kammersergeanten aus den Magazinen zu beschaffen und sie noch mit breitem Silberkragen und breiteren Silberstulpen zu beheften und Schmitzdorff zu erzählen, daß das ein Oberfeldprediger mit Generalsrang wäre oder eben die ganze Sache bis morgen zu lassen. Da würde schon Rat werden. Schlimmstenfalls nähen die Mädchen was.

Aber beides mußte von der Hand gewiesen werden. Erstens hätten sie bei dem Oberfeldprediger sich doch nicht das Lachen verkneifen können. Und dann würde vielleicht morgen der und jener Dienst haben und nicht dabeisein können und vielleicht auch bis dahin der Schmitzdorff von der Sache durch irgendein dummes Klatschmaul Wind bekommen und – zuzutrauen war das ihm – auf die Kommandantur oder auf das Bataillon laufen und die ganze Sache da angeben; aber hier hatte Wordelmann, der doch sonst ein so guter Menschenkenner war, nicht richtig gesehen, und sie würden um ihren Spaß kommen und noch Strafe dazu kriegen. Wenn die Sache aber jedoch erst mal zum guten Ende gebracht sei, und es käme dann auf, da würden sie schon irgendwie wieder den Kopf aus der Schlinge ziehen. Außerdem schätzte Wordelmann es wenig, Dinge zu beginnen und nicht zu Ende zu bringen. Das schadet seinem Renommee bei den Kameraden und in der Garnison. Und das war doch eigentlich das einzige, auf das er hielt.

Deshalb also ging Wordelmann in letzter Stunde denn bisher waren alle Versuche, sich einen Talar zu verschaffen, fehlgeschlagen, wie geschickt auch Wordelmann glaubte, es eingefädelt zu haben; er hatte sogar den Küster der Heiligengeistkirche im Würfeln gewinnen lassen und drei Glas Bier ihm gezahlt ging innerlich ziemlich verzweifelt, aber gewappnet mit all seiner herzgewinnenden Liebenswürdigkeit, deren er nur fähig war und die gerade bei Frauen selten ihren Zweck verfehlte ging Wordelmann noch einmal zur Schaafen, der kleinen verknautschten und verarbeiteten und versorgten Eheliebsten – wenn man das Wort auf ein bald dreißigjähriges Zusammenleben ohne Priestersegen anwenden darf. Weil er erstens wußte, daß Vater Louis heute auf dem Bornstedter Feld neue Gewehre einschoß und also vor acht bis neun – denn sie mußten wieder in die Gewehrinspektion zurückgebracht werden – nicht zurückkäme. Und weiter, weil er wußte, daß die Schaafen freundliche, gesellschaftliche Beziehungen zu der Witwe Rathenow unterhielt, die als Mutter des Küsters Rathenow von der Garnisonkirche, krank, alt und gelähmt, in dessen Hause das Gnadenbrot aß und ihm, soweit es ging, dafür die Wirtschaft führte. Und weil er endlich in Erfahrung gebracht hatte, daß der Küster Rathenow heute nachmittag in Caputh bei seinem Bruder Obst mit abnahm. Und endlich wußte er, daß die Mutter Schaafen noch von der Zeit her, da er noch nicht mit der Dünklern sich gefunden hatte und sie ihm die Hemden gewaschen hatte, große Stücke auf ihn hielt. Er würde ihr sogar versprechen, wieder bei ihr waschen zu lassen, wenn es drauf und dran ginge. Nachher könne er immer noch sagen, daß die Dünklern es nicht duldete, weil sie so eifersüchtig auf sie sei.

Ja, und Schorsch Mettich, der immer noch seine Rolle memorierte – das Hauptquartier war zu Vater Mettke verlegt, denn die Stube von der Dünklern hätten sie nur in Unordnung gebracht, und in solchen Dingen konnte die Dünklern scheußlich eklig werden, sie war eine eiserne Hausfrau –, Mettich nämlich sollte gleich da mit hinkommen, oder er sollte wenigstens – das wäre besser! – gleich danach so zufällig bei der Mutter Louis anfragen.

Als aber nun der Grenadier Wordelmann zu der Schaafen kam, fand er alles so, wie er es gesagt hatte. Die kleine Mutter Schaafen hatte eben Wäsche auf dem Hof aufgehängt und freute sich sehr mit ihm. Sie hatte ihn nämlich lange nicht mehr gesehen, trotzdem er doch nur ein paar Häuser davon wohnte. Denn Wordelmann verbrachte eigentlich hier nur die Nächte, und Mutter Schaafen stand Tag für Tag hinten auf dem Hof am Waschfaß mit hochgekrempelten Ärmeln – und diese Unterarme, die sie dann zeigte, waren das einzige an ihr, das noch gerade so rund und fest geblieben war, wie die ganze Person es vor fünfundzwanzig Jahren war, damals, als sie noch ein adrettes und apartes Mädelchen, wie geschaffen für Lustigkeit und Liebe, gewesen war. Das andere war vorzeitig gleichsam den Weg allen Fleisches gegangen Ja, freuen tat sie sich also mit ihm, aber als er mit der Sprache 'rausrückte, hieß es, sie könne partout nicht fort, unmöglich jetzt und so in dem Aufzug, und überhaupt ginge sie nicht aus der Türe, denn sie wäre nicht angezogen, und ihr Mann könnte kommen, und ihre Tochter Christine würde sonst wieder, wenn sie nicht aufpassen täte, mit die Soldaten losgehen und die Nacht nich nach Hause kommen. Und wer bekäme die Prügel? Wer? Das Mädchen etwa? Nee – sie, weil sie sie hätte durchbrennen lassen! Aber man könnte ja ruhig jemand anders schicken mit 'nem schönen Gruß von ihr. Die Jroßmutter Rathenow würde ihm sicher den schwarzen Rock und die Beffchen leihen, wenn sie etwas dafor kriegte. Denn die Olle wäre noch hinters Jeld her wie der Deibel nach 'ne arme Seele.

In Wahrheit aber hatte Vater Louis ihr eingeschärft, in der Trauungssache um keinen Preis auch nur einen Finger zu rühren. Denn es könne übel ausgehen. Aber das brauchte sie doch dem hübschen Mann nicht gerade so ins Gesicht zu sagen. Und außerdem log sie ja gar nicht; denn wieweit das mit ihrer Christine und den Soldaten auf Wahrheit beruht, wollen wir nicht untersuchen.

Mutter Schaafen war mit Wordelmann, weil alles in dem Vorderzimmer, dem guten Zimmer, mit gebügelter Wäsche belegt war, der Tisch, die Kommode und das Sofa, und weil sie noch zwischen drei Stühlen, um mehr Raum zu schaffen, zwei Plättbretter gelegt hatte, auf denen weiße Wäsche und grobe Soldatenhemden gestapelt waren war dabei an das Fenster getreten. Erstens, damit die Wäsche nicht etwa litte und sie ein Stück noch mal bügeln müsse, und fürder, weil es da – denn sie wohnte zu ebener Erde, und draußen waren Bäume, die zwar eine Zierde für die Straße waren, aber die Wohnung im Sommer ziemlich dunkel machten (und im Winter war sie sowieso dunkel!) – am hellsten noch war. Sie war also mit dem Grenadier Wordelmann an das Fenster getreten, und – man kann es schwer anders sagen! – in diesem Augenblick vollzog sich eine Tragödie. Es war das gleiche ungefähr, als ob ein Lehrling, der eigentlich gar nichts da zu tun und zu suchen hat, durch einen Maschinensaal, um abzukürzen, auf seinem Weg zu seiner Arbeitsstelle hindurchgeht, einem Treibriemen zu nahe kommt, von dem er glaubt, daß er stillsteht, der jedoch plötzlich zu laufen anfängt und ihn gegen die Decke schleudert. Ihn trifft gar keine Schuld. Er ist wirklich, wie so oft schon, nur zufällig durch diesen Saal gegangen, er hatte auch keine Ahnung, wie gefährlich das ist, der arme kleine Kerl, er war bester Dinge und ahnte noch gar nicht, in was für eine verdeckte Hölle er hier geraten war.

In diesem Augenblick also kam zufällig unter den Bäumen, die von der scheidenden Sonne angeglüht waren, draußen auf der Straße, noch in einem hellen, einfachen Linonkleid, Annemarie Pflaster dahergetrendelt. Sie hatte einen Schal um die Schulter, und dessen beide flatternde Enden wehten über je einem großen, braunen, wohlgeratenen Napfkuchen in irdener Kuchenform, denn die Mädchen hatten Angst bekommen, daß für so viel Münder nachher selbst die Kuchenberge, die sie errichtet hatten, nicht reichen würden, und so hatte die Zimmermann sich noch einmal hingestellt, denn sie konnte am besten Teig rühren, und den hatte man schnell zum Bäcker gebracht. Denn zu Hause im Herd hätte es doch zu lange gedauert, bei dem Bäcker Mielke aber geht so etwas im Handumdrehen. Und nun hatte eben, weil der kleine Junge, der sonst immer die Wege lief für sie, noch draußen vor dem Tor Räuber und Soldat spielte – man beachte diese ganz kleine, perfide Malice des Zufalls! –, die Annemarie sich erboten, den Napfkuchen abzuholen. Umziehen könne sie sich immer noch. Denn sie hatte vor, heute abend in großer Gala die Dünklern und die Zimmermann und die Urschel von dem Ollen, über die sie schon innerlich lachte, mächtig auszustechen.

»Ach, Annemarie«, rief Wordelmann durch das Fenster, und er konnte wie Honig sein, wenn es ihm darauf ankam, »komm doch mal schnell her. Warte mal, mein zuckersüßer Lutschbonbon. Tu uns doch mal eenen kleenen Gefallen. Hier haste fünf jute Jroschen, und nu geh mal hier links um de Ecke in das dritte Haus zu der Witwe Rathenow, die Hinkige vom Küster. Und sag ihr, sie soll uns doch einen, irgendeenen schwarzen Rock mit Beffchens und een kleenes Kruzifix und 'ne Amtsperücke nur für een Stündsken for zwei Groschen – du kannst ja auch zweieinhalb geben, du derfst ihr sogar fünf Silbergroschen geben – pumpen.«

»Ja, aber Johannes, des sagst du so einfach? Wat soll ich ihr denn nu sagen, wenn se fragt, wozu wir se haben wollen?«

Wordelmann kratzte sich am Kopf, daß das Mehl aus seinen gepuderten und gedrehten Locken nur so in dem rötlich Sonnenstrählchen, das nur wenige Wochen im Jahr und gerade jetzt und um diese späte Nachmittagsstunde seinen Weg in dieses sonst ziemlich feuchte und reichlich lichtlose Parterrezimmer gefunden hatte, wie in einer kleinen weißen Wolke aufstäubte – die Ratten vom Kanal fanden jedenfalls öfter den Weg hier herein. Daran hatte er nicht gedacht! Aber die Alte war gottverflucht neugierig, die fragte gewiß, und die klatschte außerdem die Toten und die Lebendigen zusammen. Und wenn das die Annemarie ihr sagte, wie es sich verhält, würde sie doch nicht daran denken, den Talar ihr zu geben.

»Weeßte was, meine angebetete Zuckerschnute Annekin«, sagte er und streichelte ihr, durch das Fenster greifend, die weichen Bäckchen, »wenn se dir fragen sollte, aber det tut die Olle nich – wenn se Geld sieht, denkt die an nichts mehr –, denn sag ihr eben, da is 'ne kleene Kinderleiche hinten ins Haus bei Schwertfegermeister Zanger. Und die wollen se noch heute auf de Nacht unter de Erde bringen. Und da ihr Sohn nich da wäre und der Paster den Leuten zu teuer wäre – es sind janz arme Leute! –, so wollten sie doch wenigstens die Kinderleiche noch injesegnet haben. Denn kann die nich anders. Denn muß sie dir det jeben, Annekin. Det wäre ja heidnisch. Det wäre jeradezu unchristlich, wenn se des nich täte! Ick würde ja selbst gehen, aber ick habe keene Zeit mehr. Ick muß doch früher zu Hause sein. Und der Schorsch Mettich muß auch jede Minute dasein. Mach man een bißchen. Sput dir, daß de fix wieder retour bist.«

Und damit zog der Grenadier Wordelmann die beiden Napfkuchen, die er, ohne daß er etwas davon vorher angekündigt hatte, wegnahm mit seinen großen Händen, in jeder Hand einen, durch das Fenster herein.

Und die kleine Annemarie tat das, was sie beinahe am liebsten tat: Sie lachte, lachte über den famosen Spaß mit der Trauung, der »kleenen Kinderleiche« und dem Priesterrock und über diesen Tausendsassa, den Wordelmann, und flitzte davon.

Und als sie nach ein bis zwei Minuten wiederkam die Olle hätte das mit der »kleenen Kinderleiche« geglaubt, und sie hätte ihr auch nur zwei und einen halben Groschen zu geben brauchen, aber der Talar müsse noch heute auf die Nacht zurück sein, ihr Sohn schlüge sie sonst halbtot, und wenn der Prediger morgen vielleicht Gottesdienst oder 'ne Nottaufe hätte, dann müsse es zur Stelle sein ... da stand schon dieser überlange, hübsche blonde Schorsch Mettich mit seinem Mädchengesicht mitten zwischen der gebügelten Wäsche, in seinem immer verlegenen Mädchenlächeln und seiner adretten Uniform. Wenn er in der Garnisonkirche gestanden hätte, so wäre er klein und das Kirchenschiff hoch erschienen. Da er aber bei Mutter Schaafen in der guten Stube stand – was ihr dieses ehrende Beiwort eintrug, konnte man wirklich nicht herausbringen, es sei denn, daß hier keine Betten standen, aber die Wände waren ebenso feucht und abgewetzt wie da, wo diese standen –, so mußte man sagen, daß er hoch und die Stube klein und niedrig und eng gegen ihn erschien.

Selbst der Grenadier Wordelmann schrumpfte neben ihm auf das normale Gardemaß zurück, das er doch weit hinter sich ließ. Aber der Grenadier Mettich hatte nicht nur ein Mädchengesicht, sondern er wurde auch rot wie eine Jungfer, wenn Mädchen mit ihm schöntun wollten. Und selbst die alte Mutter Schaafen brachte ihn in Verwirrung. Wieviel mehr erst die kleine aparte und neckische und kokette Kröte, die Annemarie Pflaster, die sich von jeher ein Vergnügen daraus machte, Mettichs Tugend erröten zu lassen.

»Orje«, rief sie, »paß mal auf!« Und schwenkte in der einen Hand den schwarzen Talar und in der andern die Perücke und das kleine Kruzifix aus Kupferguß. »Ich muß dich anziehen, setz dich mal hier her, mein Jungchen. So ein Kind wie dir wünsche ich mir schon lange nämlich. Nee, du brauchst den Rock bei mir gar nich auszuziehen und die Hosen bei mir ooch nich, des stülpste einfach übern Kopp, und denn setzte die Perücke auf.«

Und schon stand der Schorsch Mettich da, rot wie ein gekochter Krebs und verlegen wie ein Kind bei der Schulprüfung. Und da er so riesengroß war, so sah der Talar bei ihm wie eine Kinderschürze aus – wie aus einem englischen Modemagazin ein Spielkleid einer Achtjährigen, das eigentlich gerade da aufhört, wo es erst anfangen sollte. Denn der Pfarrer, dem er zugehörte, dieser Talar, war ein sehr gewaltiger Gottesstreiter, aber eben dieser Gott hatte ihn mit einer kleinen Gestalt nur bedacht, wohl vielleicht deshalb, damit die Macht seines Wortes nur um so wirksamer in die Herzen seiner Gemeinde und seiner Soldaten fiele, denen körperliche Größe wenig imponierte, da sie selbst darüber genugsam verfügten. Und unter der Perücke denn die kleine Annemarie tanzte nur so um ihn herum und drehte den langen Kerl wie einen Kreisel fünfmal um seine Achse, damit ihn auch alle von allen Seiten sich richtig besehen könnten ... aus der Perücke guckte noch eine halbe Elle lang der gewundene und mit dem Band umflochtene Zopf heraus.

»Der Herr segne und behüte Sie, Herr Superintendent!« schrie die Kleine zwischen immer neuen Kaskaden eines ganz hohen und zwitschernden Gelächters und warf sich dann auf einen Stuhl, ohne auf die Wäsche zu achten, die sie dadurch noch einmal, wenn auch wenig nach Vorschrift, bügelte, und strampelte mit beiden Füßen wie mit zwei Hämmern eines Hammerwerks, von denen der eine immer in der Luft ist, wenn der andere eben aufschlägt, auf den Fußboden.

Der lange, sich schämende Grenadier mit dem schwarzen Talar und den langen gelben Hosen, die daraus hervorkamen, und den weißen Baumwollstrümpfen und den riesigen benagelten Schuhen sah wirklich sehr belustigend und sehr unglücklich zugleich aus. Selbst die brave, angejahrte Mutter Schaafen war froh, daß es einmal etwas zu lachen gab – denn bei ihrem Vater Louis hatte sie wirklich nichts zu lachen! –, setzte sich gleichfalls auf ein Wäschebündel, aber auf ein noch ungebügeltes, und meckerte laut und quäkend vor sich hin: »Also, Herr Superintendent, Herr Dekan, von Ihnen möchte ick mir wirklich auch mal trauen lassen.«

»Was kostet ein Kind taufen bei dich, Herr Kirchenrat?« schrie die kleine Annemarie. »Is des nich bei 'ne viertel Mandel billiger zu machen?«

Aber Wordelmann saß und hatte wie der alte Zieten die Hand am Kinn und dachte nach.

»Also, so jeht das nich, Orje«, sagte er nachdenklich. »Kannste nich vielleicht noch een schwarzen Taftrock von de Zimmermann, die is die größte von de Mädchens, dir um de Beene binden. Ick meene untenrum. Und den Zopp müssen se dir hinten in die Perücke nachher mit 'ne Nadel hochpiken oder mit 'n Stich festnähen, die Mädchens. Vielleicht is es aber doch das Gegebene und Zweckmäßige, du machst die janze Trauung im Sitzen ab. Eigentlich mußt du zwar stehen bei so 'ne Sache. Des ist würdiger. Aber wenn du sitzen tust, des macht sich sogar vielleicht noch feierlicher. Denn muß man nur dem Kattenhorn noch sagen, daß er die Altardecke« – für den Regisseur Wordelmann war schon der Tisch ein Altar – »etwas tiefer herunterzieht, damit man deine gelben Buchsen nicht sehen tut. Und die Stiebein, die ziehste jedenfalls an dir, und du streckst se nich etwa so vor, daß man die Nägel sieht. Der olle Schmitzdorff kennt Grenadierstiebel, der is lange genug selbst mit zweiunddreißig Nägeln unter jeden Been gelaufen. Und jedenfalls ziehste mal jetzt een ollen Mantel vom Vater Louis mal schnell über und wickelst dir die Perücke ein, damit dir nicht die Kinder auf der Straße nachlaufen tuen. Und denn bleibst de gleich so drunter. Denn wer weiß, es jeht schon auf achten, ob wir nachher noch Zeit haben werden, dir wieder so anzupeilen.«

Und die alte, brave Mutter Schaafen lachte immer noch, als sie schon lange alle drei, der Wordelmann und der Mettich und die Pflaster, mit ihren beiden großen Napfkuchen in den irdenen Backformen aus der Tür waren und sie ihnen von dem Fenster aus kaum noch nachwinken konnte. So etwas müßte mal öfter sein, sagte sie sich. Das möbelt einen een bißchen wieder auf, und da hat man doch wenigstens mal seinen Spaß dran. Natürlich, mein Oller ist for so wat nich mehr zu haben!

 

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