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Grenadier Wordelmann

Georg Hermann: Grenadier Wordelmann - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleGrenadier Wordelmann
publisherDas Neue Berlin
printrun2. Auflage
editorBernhard Kaufhold
year1976
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131104
projectidc4bf36ee
wgs9110
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Nun wirklich: Schmitzdorff konnte nicht finden, daß Sophie besonders niedergeschlagen war, als sie ihm entgegensprang. Anscheinend hatte sie sich ihrer Umgebung schnell angepaßt, soweit er sehen konnte, denn sie trug keine Schuhe – und darauf hatte er doch immer gehalten, solange sie bei ihm im Hause gewesen war. Keine Strümpfe, auch kein Mieder, nur einen kurzen gelben Rock und ein grobes Leinenhemd, das gerade über der Brust schloß oder nicht schloß. Sonst wohl nichts. Ja doch: eine kleine Schürze, wie sie die Kammermädchen bei den Komtessen tragen, hatte sie, weiß und durchbrochen, über den gelben Rock gebunden, um sich schönzumachen. Heiter war sie schon, und sie freute sich auch sehr, Schmitzdorff wiederzusehen. Das merkte man ihr wohl an. Aber sie tat das doch nur, soweit sich ein junges Ding eben freuen kann, einen älteren Mann, an dem es seit Jahren schon sehr hängt und den es zu lieben glaubt, wiederzusehen. Es bleibt doch noch eine gewisse Scheu. Die Farben des Gefühls sind etwas gebrochen und verschwommen. Der Bodensatz von Traurigkeit, der auf dem Grunde aller Liebe zittert, wird da bei dem Wechselspiel der Empfindungen stärker emporgewirbelt, als wenn diese Wechselbeziehungen zwischen zwei gleichaltrigen Menschenwesen, oder wenigstens solchen von einer Generation, hinüber- und herüberlaufen. Erste Worte, erste Bewegungen, erste Zärtlichkeiten haben da etwas Gedämpftes. Der hier von der Natur gegebene Widerstand muß immer von neuem überwunden werden. »Na – was ist, mein Kinding?« sagte Schmitzdorff und tätschelte Sophie etwas schuldbewußt (und das drückt sich sehr wohl in einer Bewegung aus) den weichen, flaumigen Nacken. Und dann reichte er ihr in der Kantenmanschette zuerst das schon recht welke Bukett und endlich das Pfefferkuchenherz mit dem Gardestern. »Das habe ich dir mitgebracht. Das heißt, eijentlich habe ich es ja doch nu for dich von die Leute jeschenkt bekommen. Sie lassen dich aber auch alle schön grüßen ... Und das hier, siehst du, ist für Malchen. Das kannst du ihr morgen früh geben. Aber paß uff, daß sie die Kerne nicht 'runterschlucken tut, denn dadazu ist sie noch zu lütt.«

Sophie hatte den Strauß genommen, und sie tat nun das, was man mit einem Strauß tut, wenn man ihn doch nicht gerade mehr genau sehen und seine feine Symbolik »wehmütige Herzen und Vergißmeinnicht« nicht deuten kann: sie roch daran. Aber Vergißmeinnicht riechen für uns nicht, und hängende Herzen riechen sogar weit eher schlecht als gut. »Ach«, sagte sie deshalb nur, »wie nett von de Leute, Christian«, und legte den Strauß hinter sich auf das Bänkchen neben der Tür.

Wer aber diese Leute waren, fragte sie nicht, es schien ihr auch gleich zu sein. Aber das Pfefferkuchenherz mit dem Gardestern wickelte sie aus dem Glanzpapier und drehte es im Dämmerlicht erfreut hin und her. Und als sie mit ihren Katzenaugen erkannt hatte, was es war, biß sie mit ihren weißen Zähnen tief hinein, brach mit einem einzigen Biß die ganze linke Vorderkammer und die Mitralisgegend heraus und zwei süße Zacken des Potsdamer Gardesterns samt ihrer Strahlenaureole. Und Schmitzdorff hatte das Pfefferkuchenherz doch schon im Glaskasten neben dem Brautkranz liegen sehen.

»Soll ich dich auch was von geben, Christian?« meinte sie, tat es aber nicht und sah Schmitzdorff – bisher war es nur ihr Stiefvater gewesen, aber von dieser Sekunde an war er das nicht mehr –, sah ihn bei gesenktem Kopf von der Seite mit ihren grünlich im Dämmerlicht aufschimmernden Augen, ihren wunderschönen Katzenaugen oder Eidechsenaugen oder Feenaugen (wer möchte die Seltsamkeit von lebenden Dingen vergleichen, die nicht vergleichbar sind?), unter den schwarzen Bogen der Brauen an. Vielleicht ist die ganze biblische Erzählung der Schlange nur aus einem einzigen solchen Blick entstanden.

Und dann griff sie mit ihrer, wie es Schmitzdorff schien, so puppenhaft kleinen und so weichen Hand – keine geblütige Prinzessin hat eine zierlichere! (Aber es fehlte Schmitzdorff wohl an Vergleichsmöglichkeiten) – nach Schmitzdorff herüber und hakte sich mit ihren zwei Fingern der linken Hand um den kleinen Finger seiner Rechten, der ihm größer erschien und schwerer und plumper, als ihr ganzes süßes Pfötchen es war – das jedoch war immerhin wohl richtig –, und zog ihn mit sich fort. Hier führte sie. Hier kannte sie Weg und Steg. Jeden Grasfleck, jeden Baum und jede natürliche Laube unter den Weiden. Denn hier hatte sie immer als Kind gespielt, als der Fischer Krüger noch der böse, rote Mann war, der sie wegjagte, damit seine Fische nicht gestört wurden, und noch nicht der Mann ihrer Schwester. Und so etwas vergißt sich nicht: Jeder Strauch und jede sandige Hügellehne mit gelber Wolfsmilch und Katzenpfötchen, an der man später tausendmal achtlos vorüberging und vorbeisieht, führt dann in uns von Stunde an ein unverwischbares Einzelleben.

»Ja«, meinte Sophie, und sie drängte sich nicht an ihn, denn der Strom, der durch die ineinander verhakten Finger von ihr zu jenem, der da leise neben ihr herhinkte aber das war sie ja seit bald drei Jahren gewohnt, diesen Schritt neben sich, und sie hatte sich gut auf ihn eingestellt, wenn ihre schnellen kleinen Füße auch oft anders wollten denn dieser Strom war ununterbrochen. Und er floß mitten in dem kühlenden Nebel – denn hier in dieser kalten Luchgegend atmete es stets in der Nacht, selbst im Hochsommer noch, Feuchtigkeit und Kühle –, der floß warm und erregend zu ihm hinüber und in leiser dankbarer Zärtlichkeit zu ihr zurück. »Ja, was denkste denn nu so, Christian, wat nu eigentlich so mit uns beide werden soll?«

»Nee, nee«, meinte Schmitzdorff, »du brauchst dich also da um gar nichts mehr zu kümmern. Das mache ich schon allens janz alleine. Ich kann dich noch nichts verraten, jetzt davon, denn dadavon verstehst du als Frau ja doch nischt. Aber ich habe sogar sehr persönliche Fürsprache beim König höchstselbst. Jawoll«, er machte eine Pause, um die Erwartungen Sophies zu steigern, »jawoll: In drei Wochen bist du die Sophie Charlotte Schmitzdorff, die zugetraute Frau von Christian Friedrich Schmitzdorff ... Jawoll, das biste«, setzte er hinzu, als er spürte – nur an dem Manometer der Berührung der beiden Fingerglieder, die sich um seine zwei gekrallt hatten –, daß sein Glauben noch keine rechte Kraft der Bekehrung hatte.

Und Schmitzdorff begann, wie man ja ungehemmter in der Nacht und in der Finsternis im Sprechen ist, wenn man die Wirkung seiner Worte nicht auf dem Gesicht seines Hörers ablesen kann, fing an, vor Sophie sich aufzuspielen: was er für ein Kerl wäre, der im Krieg gefochten hätte, und wie er das schon schaffen werde. Da hätte er ja in seinem Leben janz anderes schon zuwege gebracht.

Eigentlich hatte Sophie Kühlbrodt vor dieser Zusammenkunft heut nacht Angst gehabt. Vielleicht würde doch Christian ihr und sich etwas antun wollen, sich mit ihr ertränken, aufhängen, gemeinsam vergiften wollen. Sie sagte sich das nicht, aber sie bangte davor ganz innen. Und doch hatte es sie widerstandslos zu ihm hingezogen. So ungefähr wie ein Stück Holz, das auf eine Stromschnelle, einen Wasserfall zutreibt. Man empfindet ordentlich, wie es sich sträubt und wie es doch zugleich von der Sehnsucht gepackt ist, seinem Schicksal entgegenzugleiten. Aber das fühlte Sophie jetzt: Daran hatte er ja nie gedacht, und davon würde er auch nie sprechen, weder heute noch je. Denn selbst wenn jener schwieg, war er ihr ein offenes Buch, in dem sie lesen konnte. Und so hörte Sophie, die lautlos mit bloßen Füßen neben ihm herglitt, das eine ganze Weile ruhig mit an: Männer muß man immer reden lassen!

»Ach Gott, Christian«, unterbrach sie ihn endlich, als er sich da immer mehr hineinsteigerte – und dafür hätte sie jeder lieben müssen –, sehr leise und sehr ruhig und sehr weich, während sie seine Schritte über die herausgespülten Wurzeln des Uferwegs vorsichtig lenkte. »Ach Gott, wat brauchen wir denn beide das eigentlich noch, wenn sie's doch nicht zujeben wollen?«

»Aber«, stotterte Schmitzdorff, denn eigentlich hatte er sich kaum darüber Rechenschaft gegeben, warum er so mit allen Mitteln um diese Heirat kämpfte und sich gar nichts außer ihr vorstellen konnte, »aber, mein Kinding, du sollst doch eben immer bei mich bleiben und nicht von mich fortgehen.«

»Das tu' ich ja auch so nich«, meinte Sophie wieder sehr ruhig.

»Ja, aber ich könnte doch nu dein Vater sein den Jahren nach«, setzte Schmitzdorff hinzu wie beschwörend, daß er es nur so und nicht etwa anders gemeint hätte.

»Gewiß, Christian«, und jetzt wurde ihre Stimme sehr dünn und doch von Tränen verschleiert, »aber ich mache mir doch nichts aus die jungen Männer! Nich wa ...? Weißt du, Christian, ich denke mir so: Das hängt bei uns Weibsleuten sicher davon ab, mit wem man zuerst gegangen ist mit einem jungen oder eenem alten Mann.«

Christian Friedrich Schmitzdorff schwieg beängstigend; aber nicht etwa, weil er vielleicht zornig war, sondern weil Worte solcher Art nur schwer in sein langsam arbeitendes Hirn eindrangen und er sich stets bei ihnen eine Weile vergeblich mühen mußte, ihren Sinn zu durchdringen und für sich eine Probe auf das Exempel zu machen. So wie ein Kind in der Schule auch nicht gleich begreift, warum auf Vervielfältigung Teilung und auf Teilung Vervielfältigung die Probe sein muß.

Die kleine Sophie jedoch deutete diese seine Nachdenksamkeit falsch. »Ach Gott, Christian«, sagte sie bittend, »deswegen brauchste doch nu nicht böse jetzt auf mich zu werden. Wir sind auch so beide immer ganz gut miteinander ausjekommen. Ich habe das wenigstens gefunden. Was schadet's denn: Da könnten wir ja auch ruhig weiter so miteinander auskommen. Das braucht ja keen Mensch nicht zu wissen. Und da brauch sich ja auch keener drum zu kümmern.«

»Ja, und was soll denn mit dem Malchen mal werden?« meinte Schmitzdorff nach einer ganzen Weile. »Des, wär' doch auch besser for das Kind, später!«

Aber Sophie antwortete nicht gleich, wenn man nicht den festeren Druck ihrer kleinen und für einen Arbeitsmenschen seltsam weichen Finger, die immer rosig und warm von Leben und von der Jugend in ihr waren, für eine Entgegnung hätte nehmen können. Aber ganz leise begann sie ein Lied vor sich beim Gehen herzusummen, das hier von den Mädchen, die sonst gewiß nicht sehr sangesfreudig waren, des Winterabends in den Kunkelstuben und beim Flachsbrechen manchmal gesungen wurde. Ein langes Lied mit vielen Strophen, die man vielleicht gemein oder zum mindesten doch sehr gewöhnlich hätte finden können, wenn sie nicht so schicksalhaft-rührend in ihrer Eindeutigkeit gewesen wären. Und die da schlössen:

»O Tochter, was hast du getan?
Nu haste een Kind und keen Mann!
Und hab' ick een Kind und keen Mann,
So geit dat ja keenen wat an!«

Und dabei bückte Sophie sich – wie sie das in der fast lichtlosen Dämmerung jetzt nach Mitternacht nur gefunden hatte! – und machte den Strick los, mit dem der Kahn um den Erlenstamm gebunden war, und zog, vorsichtig in sein Schwanken voransteigend – denn sie sah schärfer als er in den Nachtstunden und dem Nebel –, Schmitzdorff in den Nachen nach und drückte ihn auf das Heulager und die gebündelten Netze vorn an der Spitze des Kahns nieder.

Und dann stieß sie ab und stakte mit der Pätsche, die leise gluckste, wenn sie sie taktmäßig aus dem brodelnden Schlamm zog, am Rand des hohen Schilfs, das die Bootswände rieb, ganz langsam weiter. Sie tat das so ruhig und so gleichmäßig, daß Schmitzdorff es kaum spürte, wie der flache Kahnboden über das dunkle Wasser glitt, in dem zwischen den Rohrhalmen die Zwillingsbrüder der Sterne unter ihm flimmerten. Kaum minder leuchtend als die oben in der Himmelskuppel über ihm – und vielleicht auch ebenso wirklich.

Und plötzlich schwenkte der im Nebelgrau sich verschwommen nur zeichnende Schatten – in einem letzten, langen Stoß mit seiner ganzen Kraft sich in ihn hineinlegend – den Angelkahn herum, hob die triefende Pätsche (Schmitzdorff sah von seinem Lager aus gleich grauen Perlen da oben die Tropfen von ihr ablaufen) hoch heraus und ließ den Kahn in den dichten Rohrwald hineingleiten, während dieser Schatten da die Pätsche mit einer langen Bewegung in das Boot hinabwarf. Und dann warf dieser dämmrige Schatten sich selbst – eigentlich mit dem gleichen Rhythmus wie das Ruder – lang neben ihn auf das Heu und die Netzbündel, umschloß ihn, umspannte ihn, kroch mit seinem gar nicht schattenhaften, sondern sehr lebenden und sehr weichen Körper ganz an ihn heran, daß Schmitzdorff die Blutwärme und die Berührung an zwanzig Stellen zugleich spürte, während ihre schwimmende Wiege noch immer ein langes Stück durch die raschelnden und gläsern knisternden Halme des Rohrwaldes weiterglitt. Vor dem Schnabel bogen sich die Halme zur Seite, streiften unwillig nur den Bootsrand entlang und richteten sich hinter ihm, wie eine Mauer von Faschinen, wieder empor bis eben doch der Kahn, leise nachschaukelnd, sich verfing und auf der dunkelgrauen Wasserfläche ruhen blieb.

Gut ein bis zwei Stunden – noch nie waren sie einander so nahe gewesen – blieb es noch in der gleichen tiefen Dämmernis um sie.

Wenn sie nicht ineinander versunken waren und wortlos, nur aneinandergeschmiegt, die Sterne sahen, die sich zu bewegen schienen – es waren aber nur die Schilfhalme, die sich bewegten und vor ihnen vorüberspielten, und die machten es, daß die Sterne von rechts nach links und von links nach rechts viele Bogensekunden von ihrer ewig vorgeschriebenen Bahn ihnen abzugleiten schienen –, dann hörten sie die Laute der Nacht: einen Fisch, der auf plätscherte einen Unkenruf das Kluckern im Schlamm unter ihrem schwankenden Lager und das verschlafene, heisere Aufbellen träumender Bleßhühner im Rohr ... härten über das Wasser hin von Leuten, die weit, weit drüben krebsten und mit kleinen Laternen, die sie immer wieder verdeckten, am Ufer entlanghuschten, deutlich Zurufe und Fetzen eines Gesprächs herüberklingen tönende Worte und menschliche Stimmen, die zu niemand mehr gehörten und ganz selbständig geworden waren; wie ja Nacht und Wasser jedem Laut ein eigen Leben schaffen.

Und langsam kamen Bäume, Wasser, Schilf, Wiesen drüben und Wälder, die ferne Umrandung Brandenburgs aus dem nächtlichen Nichtvorhandensein in die Welt der Dinge zurück.

Schon trat ein einzelner Baum drüben mitten im Feld mit seiner Krone aus dem Dunst, der unter ihm wie mit einer Schere abgeschnitten war. Und dort tauchten, leise angefärbt schon, die Spitzen der Weidenbüsche oder ein einzelner, dicker, brauner Schilfkolben aus dem Nebel, der auf dem Wasser jetzt allmählich in Bewegung kam, nicht mehr wie eine Wattedecke liegenbleiben wollte, sondern sich – wie in kleinen Rauchblumen – drehend über den stillen, hechtgrauen Spiegel in ellenhohen, weißen Flämmchen dahinzog. Durch sie gesehen, erschien alles am Ufer doppelt so hoch. Die verzweigte Schierlingsstaude wurde zum Busch. Der Weidenbusch zum Baum. Und die dunkle, zierliche Erle täuschte einen mächtigen alten Riesen ihres Geschlechts vor. Von der ganzen leuchtenden Gruppe der Himmelssoldaten war nur der Morgenstern in dem grauen Silberduft da oben noch übriggeblieben. Er wollte weder fliehen noch sich ergeben. Er wartete im Osten am Himmelstor, um noch einmal, wenn auch nur für Sekunden, der Siegerin entgegenzutreten.

Aber der ziehende Spiegel wurde nun eine einzige blinkende Helligkeit. Die schwarzen Wasserhühner verließen in kleinen Familien das Schilf, das ihren Schlaf beschirmt hatte, und ruderten, mit ihren weißen Blessen nickend, in diese Helligkeit hinaus. Weit draußen jedoch, wo sich die Bucht zum See verbreitert, schwammen im werdenden und emporkommenden Licht mit gesträubten Kragen und spitzen Schnäbeln, eisfarben und braun, zwei verliebte Haubentaucher mit ihren gebogenen Hälsen sich gegenüber und blickten sich ohne sich zu regen, starr und wie voneinander hypnotisiert, in die großen, runden Vogelaugen.

Lange nein, lange Zeit konnten sie nicht mehr zusammenbleiben! Hier in Wust wurde Ende Juni früh Tag. Schmitzdorff blickte noch wie benommen auf die erstehenden Pflanzen, auf den Schierling am Ufer, die gelben Mummeln und die weißen Wasserrosen, auf deren blanken Blättern, rund wie Porzellanteller, die Libellenpärchen, noch klamm von der Nacht, schlummerten sah, wie alles langsam Wesen und Farbe des werdenden Tages bekam. Und dann glitt sein Blick zur Seite herüber in das Boot hinab, über das fort, das er nur ahnend, nur tastend, nur empfindend, nur neben sich leben fühlend, nur küssend und seufzend die kurzen Nachtstunden lang in den Armen gehalten hatte. Und er erschrak in seiner Dumpfheit bis ins Mark darüber zusammen, was ihm doch geschenkt war – in so später Herbstzeit – und was ihm genommen werden sollte.

Der gelbe Rock und die kleine Schürze lagen neben ihr, und das grobe Leinenhemd hatte sich fast zu einem Nichts zusammengerollt, gab eigentlich den ganzen jungen, weichen und zierlich geformten Körper, in dem – wie bei der Venus in dem Garten da – Form zu Form weich und schwellend zueinander hinüberglitt, die Schultern zu den Brüsten, der Leib zu den Hüften und die zu den Schenkeln wieder all diese schwellende und zierliche Zartheit völlig frei und verriet fast noch mehr das, was es verdeckte.

Der Kopf ruhte auf geöffneten, nußbraunen, schweren Flechten, wie auf seinem eigenen Kissen. Denn die Augen waren noch geschlossen unter den hohen Bogen der dunklen, schmalen, gleichmäßig wie mit dem Zirkel geschlagenen Brauen. Sie waren gewölbt wie zwei chinesische Brücken und verbunden über die Nasenwurzel hin durch einen zierlichen und schmalen Steg. Die schlohweiß blinkenden, glatten, etwas breiten Vorderzähne jedoch, wie sie sehr frauenhafte Frauen meist haben, berührten bei halbgeöffnetem Munde das rote Sammetpolster einer schwellenden, noch küssenden und noch geküßten Lippe wenn beides auch einer nahen Vergangenheit angehörte. Die Stirn war sehr schmal, wie der ganze Kopf es war, und sie war sehr hoch unter den zurückgestrichenen Haaren. Und hier waren sonst die Stirnen breit und durchaus nicht hoch bei den Mädchen. Und das Gesicht und die Wangen waren auch nicht rot und braun, wie es hier üblich um die Sommerzeit sondern eher dunkel patiniert.

Eigentlich hatte sie gar keine Ähnlichkeit mit den Mädchen hier, die breitschultrig, mit runden Köpfen, fast weißblond dabei, und schwer, groß und trotzdem gedrungen von Körper waren. Wer kann ahnen, an was für Vorfahren die Natur sich sprunghaft wieder in der kleinen Sophie erinnert hatte – oder aus was für einem Kuckucksei sie wirklich geschlüpft war! –, daß sie ganz plötzlich einen hier nie gesehenen Esprit der Seele verkörperte und verriet – der sicher in ihr vorhanden war –, wenn er auch, ebenso sicher, unerlöst in ihr schlummerte.

Und wie ein Mensch erwacht, mit dem man verbunden ist, wenn man ihn ansieht im Schlaf, so schlug auch die kleine Sophie die Augen auf und lächelte – denn eine Frau, sofern sie jung und liebesbegehrlich ist, lächelt gerne, wenn sie neben einem Manne erwacht –, lächelte Schmitzdorff aus ihren großen, wasserblauen, wassergrauen, farbwechselnden Augen an.

»Oh«, rief sie, »es wird ja schon hell! Nun müssen wir ja doch schon heim. – Schade!« Und sie sah an sich einen Augenblick lächelnd herunter. »Wie ich hier liege!« meinte sie, wurde leicht rot wie ein halbreifer Pfirsich in der Nachmittagssonne, und dann streifte sie sich hastig den Rock wieder über. Schmitzdorff wollte, um sie zu küssen, sich hochrichten.

»Nee, nee«, bat sie, »laß mich«, und es gibt ein Bitten bei Frauen, das wirksamer ist als ein Befehl. »Nee, nee, laß mich, du mußt jetzt unten im Kahn bleiben.« Und damit hatte sie schon die Patsche in den Händen und stakte das Boot am Schilfrand entlang mitten durch die gelben Mummeln und die weißen Seerosen mit ihren lackigen runden Blättern dahin. »Mich dürfen sie ruhig hier sehen aber dich nicht.« Und dann drückte sie das Boot heran, sprang heraus mit beiden Beinen in den hellen Sandgrund, watete mit dem Strick ans Ufer, band ihn wieder um den Erlenstamm und zog den Kahn mit einem einzigen Ruck halb auf das flache Ufer hinauf. Und als Schmitzdorff sich langsam und wie betäubt noch nach dieser Nacht aus seinem Heulager und dem braunen Wirrwarr der Netzbündel herausrappelte, sah er noch gerade, wie sie mit der Hand ihm noch einmal, schon von den Weidenbüschen, winkte. Nur ihr gelber Rock blieb noch einen Augenblick in dem mehr und mehr sich schließenden Grün für ihn sichtbar.

Und ganz still hinkte er, Christian Friedrich Schmitzdorff, in seinem blauen Fuhrmannskittel durch die nassen Kleefelder, an Kartoffeläckern vorbei, aus deren betauten, violetten Blüten der erste rote Widerschein der eben aufgehenden Sonne zurücksprühte. Aus den Kornfeldern stiegen wie Raketen die frühesten Lerchen in die Luft und ließen ihre Triller hören aus ungekannten Höhen, verschwanden oben in noch milchigem Blau und stürzten wieder wie ein Stein in ihre Ackerfurchen hinab. Und wie Schmitzdorff gekommen, nämlich heimlich durch das Fenster, so stieg er auch wieder bei sich selbst, wie ein Dieb, durch das Fenster ein.

Und es kam Morgen, und es kam Abend, und so ward aus Morgen und Abend der erste Tag ... wie es in der Schrift heißt. Und dann kam der zweite und der dritte für Schmitzdorff. So etwas wie die Worte, »daß Morgen und Abend den Tag machen«, denke ich immer, kann nur jemand gesagt haben, der auf dem Dorf, auf dem flachen Lande draußen lebte. Aber niemand von jenen, die in den Städten hausen, wo jeder Tag Geschichte ist und, unabhängig von seiner Form des Ablaufs, Neues bringt und bringen muß, wenn man sein Dasein fristen und das Leben weiter ausbauen will. Nur draußen geht so Morgen über Mittag in Abend und Abend in Nächte und die wieder in Morgen unterschiedslos ineinander über, so, daß sich das Heute mit dem Gestern deckt und das wieder mit dem Morgen ... daß man bald vergißt, welcher Tag es in der Woche ist. – Gäbe es keine Sonntage mit Kirche und Gasthaus, wüßte da sicher keiner mehr, wo man hielte.

Würden nicht die Felder grün, fiele Schnee, kämen und gingen die Zugvögel nicht, man ahnte nicht, wo im Jahr man hält. Es gibt zwar Arbeit in Hülle und Fülle. Felder müssen bestellt und abgeerntet werden, das Vieh versorgt, gepaart und geschlachtet, die Glucken gesetzt werden. Gedroschen und Häcksel geschnitten werden, Korn muß gesät und Rüben und Kartoffeln müssen gesteckt und eingefahren werden. Ein Zaun und ein Strohdach muß geflickt, ein Graben gezogen, ein Stück Wiese trockengelegt werden. Ein Baum gefällt, ein Stück Wald gerodet, ein Stück Heidekraut abgebrannt werden Aber bei alledem gleitet ein Tag unterschiedslos in den andern hinein. Man wird naß auf den Feldern und wieder trocken, dörrt vor Hitze und rötet sich in Kälte. Weder Mahlzeit noch Schlaf unterbrechen eigentlich dieses Einerlei, sondern auch die werden da mit hineingezogen in den selbstverständlichen und nie erlahmenden Kreislauf, dessen Herren und Knechte die Menschen hier sind und ewig bleiben und den sie nie durchbrechen können. Ihr A und O ist dieser Kreislauf. Ihre Körper macht er widerstandsfähig, gesund und kräftig, und ihre Geister läßt er klein und dumpf bleiben.

In diesen Kreislauf aber war Schmitzdorff eben wieder eingespannt von Minute an. Er konnte jetzt allein schwer schaffen. Eine Nachbarsfrau half ihm deshalb für ein paar Stunden am Tag, mehr aus nachbarlicher Freundlichkeit, mehr aus Neugier als um die Silbergroschen. Sie machte die kleine Arbeit im Stall, im Hof, bediente einen wandernden Handwerksburschen oder einen Fuhrmann, wenn Schmitzdorff draußen im Feld war.

Es waren schöne, sonnige, warme Tage, und dann regnete es wieder tagelang, und es blieb grau wie im Oktober, so daß man fast nichts auf dem Feld schaffen und vorwärtsbringen konnte und fürchtete, das Heu, das nicht gewendet werden konnte, würde dumpfig werden. Aber zwei helle Tage retteten alles wieder.

In der Dämmerung sprang manchmal jemand herein aus dem Dorf, um einen Schnaps zu trinken und ein Gläschen Dünnbier oder Braunbier oder einen Hering zu essen. Sie wollten aber eher hören, was es mit ihm gäbe, als eigentlich in dem Krug einkehren. Aber sie bekamen nur ihren Schnaps, jedoch nichts von ihm zu hören. Trotzdem war man nicht ungehalten darüber; denn eigentlich wollte man ihm wohl im Dorf. Und wenn man ihn uzte, warum er jetzt so für nächtliche Kahnfahrten wäre, so meinte man das auch nicht sehr böse. Irgendwie nämlich hatte es sich herumgesprochen, daß er mit Sophie die Nacht über auf dem Wasser zusammen gewesen war. Auf den Fischer Krüger hatte Schmitzdorff sich wohl verlassen können, der hielt dicht. Aber der Schall über das Wasser hin hat in der Nacht die seltsame Eigenheit, daß man ebensogut von dem einen Ufer zum andern hört als von dem andern zum einen.

Schmitzdorff schien es, als ob es Eue aufgebracht hätte, sein anderer Schwiegersohn. Er traute diesem Fußangelgesicht nicht. Doch er konnte es nicht herausbringen. Gewiß – man uzte ihn wohl, aber man verriet ihn nicht. Und dem Schulzen Lier oder dem rotnäsigen Gendarmen würde keiner etwas sagen, denn man hielt ja doch seine Partei, auch gegen den Pastor Stabernack. Man würde sich hüten. Denn dann würde der sofort wissen, wer wieder gekrebst hatte, und es weitermelden.

Aber seine kleine Sophie konnte er nun doch nicht mehr so sehen des Nachts. Höchstens, daß sie einen Augenblick vor die Türe huschte, wenn er um das windschiefe Haus unter den Pappeln schlich. Sie war immer gleich weich und lieb zu ihm. Sie ging mit keinem sonst. Sie spielte mit Malchen, erzählte immer neue Dinge von ihr, jetzt könne sie schon »Papa Christian« sagen, das habe sie ihr so lange vorgesprochen aber sie sage »Papa Jijann« ... und darüber lachten sie immer alle, sogar der Schwager Krüger. Aber die Schwester paßte immer auf, daß sie nicht so lange fortbliebe, und rief sie, wenn sie sich weiter vom Haus entfernen wollte. Einmal sprachen sie auch, ob es nicht besser wäre, sie ginge fort nach Dessau oder nach Sachsen, und er würde dann hier verkaufen und später nachkommen. Da könnten sie zusammen leben und sich gewiß auch in der Kirche trauen lassen, denn da wüßte keiner, wer sie wären und wen ihre verstorbene Mutter später geheiratet hätte. Aber das ließen sie wieder fallen. Wozu auch? Der Bescheid vom König müßte ja jeden Tag eintreffen. Man hätte es ihm bestimmt zugesagt.

Wer es getan, verschwieg er der kleinen Sophie immer noch. Vielleicht aus dem uneingestandenen Gefühl heraus, daß die ihm seinen Glauben nicht erschüttere. Denn daß man mit ihm ein falsches Spiel treibe, durfte er sich nicht eingestehen. Und er gestand es sich auch nicht ein. Jeden, der aus Potsdam kam, selbst Bettler und herumziehende Hausierer, horchte er aus, ob sie nicht eine geheime Botschaft für ihn hätten. Aber keiner wußte etwas. Er frug auch, ob sie nicht einen Leibgrenadier Johannes kennen würden, aber keiner hatte von ihm je gehört. Da blieb ihm endlich vielleicht doch nichts übrig, als noch mal hinzugehen. Denn die Tage ohne Sophie und das Kind waren grauenhaft und leer, seine Arbeit sinnlos und die wachen Nachtstunden ohne jene noch grauenhafter und noch hundertmal sinnloser.

Aber einen Tag um den andern schob er es hinaus. Erst mußte das Heu drin sein, dann der Klee, und dann wollte er den Krug, der mehr Zuspruch hatte, denn sonst je um diese Zeit, nicht allein lassen.

Dann jedoch waren Heu wie Klee auf dem Heuboden, und der Zuspruch der Gäste hatte wieder nachgelassen – denn selbst auf einem Dorf, das arm an Ereignissen jenseits des Alltags ist, hält doch eine Sensation nicht länger als zwei Wochen vor. Und ganz in der Morgenfrühe – bei dem Feuerwerk des ostgeröteten Himmels aber die Sonne war noch nicht hoch, oder vielleicht sah sie erst nur die Lerchen, die aus den Kornfeldern, die wie Brot schon dufteten, hochgestiegen waren und, den menschlichen Blicken entrückt, im noch zart geröteten Graublau trillerten noch ganz in der Frühe schloß er den Krug ab, tätschelte Karo, der mitlaufen wollte, die Schlackerohren und scheuchte ihn dann zurück, legte der Nachbarin den Schlüssel vors Fenster und machte sich dann wieder auf den Weg nach Potsdam, an Kirche, Linden und Dorfweiher vorbei, auf dem wie kleine Silberkähne der Flaum der Gänse und die Federn der Enten im kommenden Morgenwind schon Regatten abhielten. Er würde seinen Grenadier Johannes schon finden, sonst würde er eben auf das Bataillon gehen und nach ihm fragen. Aber seine rote Weste mit den Silbergroschen und seinen weißen Staatsrock hatte er heute nicht angezogen. Heute tat es der Fuhrmannskittel auch, mit dem er über Land ging, wenn er ein Schwein kaufen wollte. Auch seine Geldkatze strotzte keineswegs so von Talern, nur ein, zwei für alle Fälle. Und statt des Dreispitzes hatte er eine vermottete Fuchskappe. Aber sein Weißdornstecken war der alte geblieben.

Eigentlich hatte er schnell für das eine Fräulein ein paar Ellen Bauernleinen noch mitnehmen wollen. Aber als er den Schrank auf dem Flur aufschloß, in dem das Leinen von vielen Wintern her, Stück für Stück übereinandergeschichtet, so rauh und fest und weiß ihm entgegensah – denn darauf hatte Marie, seine Frau, etwas gehalten bis zuletzt, jedes Frühjahr hatte sie Maikräuter und jeden Herbst Lavendel zwischen die Stücke gelegt –, da bekam er es doch nicht über das Herz, da einen Ballen herauszuziehen. Und nun schon gar nicht etwas davon abzuschneiden. Seiner Marie wäre es sicher auch nicht recht gewesen ... Vielleicht würde er der großen staatschen Jungfrau dann nach seiner Trauung ein ganzes Stück davon geben. Dann käme es ihm nicht darauf an.

Er hatte sich auch überlegt, ob er nicht mit der Post heute einmal fahren sollte, wenigstens ein Stückchen; aber das war so teuer wie Maurerschweiß, wo auch der Tropfen een Taler kost'. Davon konnte bei ihm nicht die Rede sein. Die Sache hatte ja schon ein sündhaftes Geld verschlungen!

Der Schwager, der mit seiner Fuhre von Magdeburg kam, trieb seine vier Postgäule an ihm vorbei und winkte Schmitzdorff sogar von seinem hohen Kutschbock aus zu. Er hatte ganz wenig Fahrgäste heute, die drinnen beim Schuckeln des Wagens halb schlaftrunken durcheinanderpurzelten und mit den Köpfen fast aneinanderprallten denn hier war ein höllisch schlechtes Stück Weg gerade, durch das die Pferde immer bis über die Hufe im Staub oder Dreck waten mußten. Wenn Schmitzdorff dem Schwager nur ein Wort gesagt hätte, so hätte der ihn mit hinten aufhocken lassen, oder er hätte aufs Verdeck klettern und sich zwischen die Bagage legen können; ja, er hätte sich selbst bis Großkreutz drin stille in ein Eckchen kauern können. Der Schwager fuhr eigens langsam, als er an ihm vorbei mußte, und es hätte Schmitzdorff nur einen blinzelnden, fast wortlosen Hinweis auf einen Schnaps und ein paar Scheiben durchwachsenen Speck gekostet, wenn der Schwager mal wieder an seinem Krug vorbeifuhr. Aber dann hatte Schmitzdorff es im letzten Augenblick doch nicht getan. So etwas verpflichtet nur.

Der Postillion jedoch war mit knallender Peitsche, und ihm, der im dicken Staub von den Gäulen zurückblieb, noch einmal winkend, weitergefahren denn er mußte seine Zeit einhalten.

Und Schmitzdorff hinkte wieder in seinem schnellen Gang, seinem Marschtempo von hundert Landstraßen her, das seinen lahmenden Schritten etwas Hüpfendes gab, wie bei einer Heuschrecke, der Kinder, die mit ihr spielen, die letzten Fußglieder abgebrochen haben und die nun noch zwar recht schnell krabbeln, aber eben nicht mehr springen kann, seinen Weg weiter. Es wollte reichlich warm werden heute, das versprach der Morgen, und man war sicher, daß der Mittag das Versprechen einlösen würde und daß der Nachmittag noch ebenso freigebig mit Sonnenglut und Hitze sein würde.

Die stundenweiten Wälder hatten sich eigentlich wenig geändert in den drei, vier Wochen. Die Kiefern waren dürrer und ihr Boden noch gelber von Wolfsmilch und Johanniskraut geworden. Die Laubwälder waren jedoch blaugrün und finster geworden, das Unterholz höher. Und die Nesseln, die Ringe von Nesseln um die Stämme der einzelnen eingesprengten uralten Eichen, an deren Rinde sich sicher noch, als sie dünner waren, Bären und Auerochsen einstmals gerieben – aber der Herr der Schöpfung war nun schon seit Jahrhunderten mit ihnen fertig geworden, und jetzt warf da nur das Damwild seine Schaufeln ab –, die Nesseln waren mannshohe Ringwälle von hellerem Grün dazwischen. Die Vögel, deren erste Brut schon flügge geworden war, sangen kaum noch. Für wen auch? Aber die Rohrspatzen randalierten dafür um so mehr, denn das Schilf um die Havel und die Seen war ganz hoch geworden und so dicht und so verwachsen von Wasserfenchel und Winden mit großen weißen Blüten, daß man gar nicht hindurchsehen konnte und daß das blaue Blinken der Wasserfläche nur wie ein Schimmer eines verdeckten, aber sehr hellen Lichts durch sie hindurchdrang.

Aber das Korn, das ehedem geblüht hatte, begann schon zu gilben. Der Halm war zwar noch nicht strohgolden, aber er war wie aus gelbem Messing, das Grünspan angesetzt hat und nun von Grün überlaufen ist. Als Schmitzdorff das letztemal vorübergekommen war, war das weite Land mit seinen Bruchwiesen, seinen Brachäckern, seinen Kartoffelfeldern und seinem Hafer und seinem Roggen, mit seinen kleinen Waldinseln inmitten der Äcker wie nur eine einzige grüne, in der letzten Ferne blau und glasig verzitternde Fläche gewesen. Und nun war es wie ein großes Spielbrett, dessen Felder mit verschiedenfarbigen Hölzern ausgelegt sind, gelben vom Korn und grünen von den kurzgemähten Wiesen, auf denen schon wie ein rostroter Hauch der Ampfer zu schimmern begann und der Klappertopf und die Karden jetzt die Köpfe hoben, zartvioletten von blühenden Kartoffeläckern und lichtblauen von dem blühenden Flachs ...

Man kann nicht sagen, daß Schmitzdorff nun sehr trüben Mutes war, als er so durch diese Vormittagshitze dahinwanderte. Ein Mensch, der glaubt, hat wohl Versuchungen und Zweifel; aber er ist nicht trüben Mutes; und Christian Friedrich Schmitzdorff glaubte, der Grenadier Johannes hätte eben noch nicht den rechten Augenblick beim Alten abpassen können, der wäre gewiß brummig, weil er nicht alles so gefunden hätte, wie er gehofft hatte, nach Hause gekommen; aber das bedeute doch nur einen Aufschub. Er würde schon wieder zugänglicher werden. Und die Trauung könnte doch, wenn er erst den Konsens von ihm hätte, eigentlich jeden Tag sofort gleich gemacht werden. Denn der Krüger war gewiß ein braver Mann – anders wie das Fußangelgesicht des Eue, dem traute er nicht über den Weg, »bei dem sehe ich auch lieber die Hacken von seinen Schuhen als die Spitzen« –, aber es waren doch arme Leute und schmutzige Leute, hatten karierte Bettücher und liefen fast immer barbeinig. Das war nichts für Sophie. Da würde sie es bei ihm schon anders haben. Er würde ihr so ein Seidenkleid kaufen mit so großen Türmen und Männerchen mit langen Zöpfen darauf, wie es das Fräulein, die Annemarie, trug, oder mindestens ein ebenso feines und adliges. Da würde aber Wust Augen machen, wenn sie Sonntag mit in die Kirche ginge. Ick werde nicht mehr hingehen, auch im Winter nicht, trotzdem das doch sonst gewöhnlich die einzige Abwechslung gewesen war. Aber ick habe doch nicht dem Pastor jahraus, jahrein ein Spanferkel zu Nikolas und immer eine halbe Kiepe Spätpflaumen for Mus aus meinem Obststück zu Micheli hingeschleppt, damit er von de Kanzel 'runter vor alle Leute mir schlecht macht – jawoll, dat hat mir der Eue erzählt – un wat von »räudiges Schaf in de Herde« über mir redet ...! Jawoll, das hat er gesagt, auch wenn er keine Namens genannt hat ... Es ist ja doch ganz sonnenklar, daß er nur auf mir gezielt hat. Ärgern wird er sich, wenn ick mir nu gerade woanders trauen lasse und er um seine Gebühren kommt. So 'n Pastor is ja man auch ein armes Luder mit seine Hetz Kinder. Aber mir sieht er nich mehr. Das ist so sicher wie sein Amen in seine Kirche.

Aber als wieder ein großer Planwagen ihn überholen wollte, ein Rollwagen mit riesigen Ballen von Schafwolle und mit Seide für die Potsdamer Spinnereien und mit den mächtigen Bündeln von Pfeffer- und Malakkarohr für die Stockfabrik und mit großen Klötzen exotischer Hölzer für die Möbelschreinereien, da winkte doch Schmitzdorff dem Fuhrmann zu und rief ihn an, ob er ihn nicht ein Stück mitfahren lassen wollte.

Und trotzdem der Fuhrmann die scharfe Weisung hatte, niemanden von der Landstraße aufzulesen und mitzunehmen denn es war nicht ganz sicher, es passierte immer wieder etwas; es gab ganze Diebesbanden, und die schickten gern einen Komplicen voraus, zogen ihm sogar manchmal einen Weiberrock an, der dann bitten mußte, ob er mit aufsitzen dürfte, und der nachher, wenn die andern den Wagen anfielen, den Fuhrmann herunterstieß trotz seiner Weisung tat ihm doch dieser Bauer, der da so hastig mitten in der heißesten Sonne – denn weit und breit gab es gerade keinen Baum und keinen Strauch – durch den Wegstaub hinkte und halblaut vor sich hin sprach, leid, und er hielt seine schweren Percherons, mit den hohen spitzen Messinggeschirren und den Dachsfellen an der Kuppe, wie es echten Rollwagenpferden geziemt, an und begann ein Examen mit Schmitzdorff, wo er herkäme und wo er hin wolle. Er wolle nach Potsdam, sagte Schmitzdorff, weil er Invalide wäre und seinen Gnadentaler nicht bekommen habe damals. Und nun wollte er sehn, ob er ihn jetzt nicht endlich kriegen könnte. Wenn er für seinen König hätte kämpfen müssen und wenn er fünfmal verwundet worden wäre, so könne man auch für ihn sorgen er habe ja auch für ihn gesorgt.

Und wie der Fuhrmann die tiefe Narbe, das Loch, daß eine Daumenkuppe drin Platz hatte, über dem Auge sah, da schien es ihm doch sehr unwahrscheinlich, daß er zu einer Diebesbande gehörte – außerdem sah der Mann eigentlich wie ein Bauer aus –, es war auch heller Tag und nicht gegen Abend, und die Straße war doch wie immer um diese Zeit ziemlich belebt. Deshalb sagte er Schmitzdorff, er möchte nur neben ihn sich setzen – der Hund täte nichts –, und reichte ihm die Hand und zog ihn neben sich auf die Wolldecken. Aber eine halbe Stunde vor Potsdam müsse er wieder absteigen, denn es wäre ihm eingeschärft, ja niemand aufzunehmen, und wenn es der Teufel und sein Küster wäre. Wenn er ihm ein Glas Bier zahle, so würde er es gern annehmen, aber es müsse auch nicht sein. Denn er wäre in seinem Gewerbe so gestellt, daß er dies auch allein könne. Und Schmitzdorff saß behaglich neben dem breiten Fuhrmann, dachte, was die Sophie jetzt machte und wie sie sich freuen würde, wenn er – er hatte ihr nicht gesagt, daß er wieder nach Potsdam ginge –, wenn er nun wiederkäme und ihr sagen würde: Übermorgen wird geheiratet.

Er würde ihr einen Blumenstrauß mit einer Kantenmanschette mitbringen und da den Zettel mit diesen Worten 'reinstecken – das malte er sich so behaglich aus, während draußen das Land, Wälder, Seen und Fluß, in immer gleichem Wechsel langsam vorbeizog.

Und Schmitzdorff wunderte sich, das ging ja alles kaum schneller von der Stelle scheinbar denn vorher, da er noch zu Fuß getippelt war, und die Postpferde und die Reisekaleschen ließen sie auch weit hinter sich zurück. Aber ein strammer Fußgänger mochte noch so sehr seine Beine in die Hand nehmen diese beiden schweren Schecken da vor ihm blieben wohl eine kleine Weile daneben, wenn sie so ganz ruhig ihre behaarten Klötze von Hufen einen nach dem andern in den Staub drückten immerhin, ehe er es sich versah, war der ein paar Ellen zurückgeblieben. Und wenn man sich nach ein, zwei Minuten nochmals nach ihm umwandte, war er nur noch ein dunkles trippelndes Pünktchen hinten zwischen den Bäumen.

Und weit eher, als Schmitzdorff es sich hatte träumen lassen, es war noch lange nicht Mittag, tauchte wieder als Vorbote Potsdams in einer Wolke von Staub und Schweißgeruch, Tornister gebuckelt und Kuhfüße schleppend, mit roten Köpfen und geschwollenen Halsadern – denn auf dem Marsch durften die Roßhaarbinden nicht gelockert werden –, der erste von der Morgenübung heimkehrende Halbzug von Grenadieren auf; unter der Obhut eines Korporals und geleitet von einem unnahbaren, silberbetreßten und silberbeschleiften Fahnenjunker von sechzehn Jahren. Und Schmitzdorff wäre kein alter Soldat gewesen, wenn er die Sorte nicht gefressen hätte.

Aber nicht allein seinen Unmut erregte diese Begegnung, sondern auch bängliche Bedenken stiegen in ihm auf, ob er unter der Fülle solcher gleichartiger marschierender Wesen, nun, wenn es darauf ankäme, auch solch einen Grenadier Johannes oder Georg oder Vater Louis mit einwandfreier Bestimmtheit herausfinden würde. Wenn er nachher dessen bedürfe, vielleicht. Und an je mehr solcher Trupps der Rollwagen vorbeifuhr, ihnen auswich, je mehr Schmitzdorff weit draußen auf anderen Straßen von Feldern und Exerzierplätzen hereinmarschieren und abrücken sah, desto beängstigter wurde sein Gemüt, und desto mehr geriet sein Glauben, der ihm durch fast vier Wochen ein unerschütterbarer Trost gewesen war, ins Wanken. Das war alles so schwer und so unsicher!

Und als nun gar schon in der blauen Ferne wieder die von schwarzen eisernen Adlern und goldenen Sternen überschwebten Kirchtürme in der Mittagssonne aufstiegen und die mächtigen Kuppeln über den roten und grauen Kästen von Schlössern und Rathäusern und Waisenhäusern inmitten von Grün und einem Wirrwarr braunroter alter Dächer wie große Bälle schwammen als der Fluß sich, die Stadt umgürtend, mit Seen wieder weitete, über die nur ein paar kleine Inseln mit sehr hohen dichten Bäumen wie Wasserburgen zu herrschen schienen ... als Schmitzdorff damit all das, diese ganze fremde und hier eingepflanzte Welt, wieder so nah kam und vor ihm lag: die Stadt, die Macht, das Königtum, der König, Gericht, das Konsistorium, Beamten, Steuern, Kriege, Soldaten, nutzloser Prunk und üppige gestickte Kleider, Gärten statt Äcker, diese Unruhe, diese falsche Geschäftigkeit und übertriebene Wichtigtuerei, die er ganz innen noch mehr fürchtete als eigentlich haßte und mehr haßte als fürchtete – was der Wahrheit entsprach, wird man nie entscheiden können! –, da wurde dem Krüger Christian Friedrich Schmitzdorff doch wieder sehr beklommen zumute.

Und als ihm der Fuhrmann noch bedeutete, daß er jetzt absteigen möchte, »brrr!« rief und die Gäule wie mit einem Ruck stehenblieben, da kletterte er doch sehr langsam nur – niemand geht schnell zu einem Arzt! – da oben von seinen Decken herunter, auf denen er die ganze Zeit gehockt hatte. Und er war so verdattert, daß er es ganz vergaß, dem freundlichen Rollwagenführer einen Silbergroschen in die schwere Patsche zu drücken, und davonhinkte. Trotzdem der vorsorglich vor einer Ausspanne an der Landstraße gehalten hatte, die mit Futterkrippen für Pferde und unverrückbaren, weil in den Boden eingelassenen, rohen und ungehobelten Holztischen und Bänken die Fuhrleute einlud – jetzt waren aber ein Hahn und seine Hennen auf den Tischen und unter den Bänken die einzigen Gäste! –, wortlos, aber dringend aufforderte, hier auszuspannen oder doch wenigstens ein Gläschen sich auf den Bock heraufreichen zu lassen.

Und dabei hatte der Fuhrmann doch Schmitzdorff mindestens drei, vier Stunden gespart, vielleicht einen ganzen Tag. Denn vor dem späten Nachmittag wäre er sonst wohl kaum nach Potsdam gekommen, und jetzt schlugen, als er zaghaft am Brandenburger Tor der Wache seinen Namen angab und seine Herkunft und sein Reiseziel, eben die Glocken der Garnisonkirche erst viermal die volle Stunde, und dann sangen sie dröhnend: eins, zwei, drei bis zwölf dahinter; und dann begannen sie »Lobe den Herrn« im Glockenspiel – es klang, als ob ein Strohkorb voll silberner Löffel eine Treppe herunterfiele und alles hell und scheppernd dabei durcheinanderpurzelte – über die heißen und halbleeren Straßen hinzuklimpern. Während die Glocken der anderen Kirche sich erst darauf zu besinnen anschickten, ihre Mittagspflicht zu tun.

Die Stadtnarren mit ihren Sommermuffen tänzelten jetzt in der Junihitze immer noch neben ihren Damen her in den weiten, schwebenden Glockenröcken mit den gestickten Blumen darauf, als ob sie die ganze Zeit über gar nichts anderes getan hätten, was vielleicht wahr war. Und die Offiziere fuhren wieder zu sechs und acht in hellem Galopp und Peitschenknall, daß die Menschen wie Hühner zur Seite stoben, in ihren Wagen zum Mittagessen, als ob sie die ganze Zeit nur in ihren Wägelchen durch die Straßen gerast wären. Der gleiche Fliegenstockhändler rief wie vor vier Wochen an der gleichen Straßenecke sein »Fliejenstöcka! Fliejenstöcka!«, als ob er die ganzen vier Wochen Tag und Nacht da stehengeblieben wäre. Die Hökerinnen saßen am Kanal mit ihren Wachstuchkiepen unter den Bäumen vor ihren Fischtienen in ihren Holzstühlen, als ob sie in all der Zeit nie aufgestanden wären. Und die weißen Schwäne gondelten unten im schwarzen Kanalwasser und reckten die Hälse und bettelten, als ob sie nie etwas anderes inzwischen getan hätten – und das mochte auch so sein. Nur die grauen Jungen, die vor vier Wochen noch ganz aus Flaum, wie eine Kunkel voll Wolle, gewesen waren, indes schon gehörige graue Burschen mit großen Federn geworden, die gründelten und paddelten und mit den Schwänzen wackelten wie die Alten.

Ja, aber – wo war Vater Mettke? Denn da, dachte Schmitzdorff, würde er die Leibgrenadiere alle schon wiedertreffen. Aber Schmitzdorff knappte umsonst eine ganze Weile durch die langen, heißen und staubigen Straßen dahin. Er fand ihn nicht mehr. Denn die neuen Kasernenbauten, die Magazine und Gewehrfabriken waren zwischen ihren Gerüsten indes um ein paar Stockwerke gewachsen, und Schmitzdorff kannte sich nicht mehr aus, welche es waren, die er sich als Wahrzeichen gemerkt hatte. Wenn er am Kietz war, meinte er, Vater Mettke wäre doch am Kellertor gewesen. Und wenn er am Kellertor war, schien es ihm, als ob Vater Mettke doch mehr am Bassin gewesen sei. Er wußte nur: Ein Treppchen ging außen von der Straße herauf; ein paar Stufen führten zu einer kleinen Plattform, und oben auf dem Geländer stand dann rechts und links ein Nackedei aus Stein. Oder war es nicht doch ein Blumenkorb gewesen? Oder war es vielleicht solch ein komischer Pudel mit gedrehten Locken und dickem Kopf und wilden Zähnen im Maul, wie es sonst Pudel gar nicht haben? Aber da waren ja doch mehr solche nackten Kinder überall auf den Beischlägen hier am Kanal. Und noch mehr Vasen und Blumenkörbe. Und gar keine Löwen. Denn die hatten ja irgendwo in der Nähe vom »Pulverhorn« auf einem Podest Wache gehalten.

Und als Schmitzdorff schon ganz rot und außer Atem war und ganz müde vom vielen Suchen war, fragte er einen Soldaten nach »Vater Mettke«. Aber der Grenadier war von einem andern Regiment, und deshalb kannte er keinen Vater Mettke. Den jäbe es in janz Potsdam nicht, schwor er. Aber er könnte ja im »Aalkasten« essen. Da äßen immer auch die Marktleute und die Wollonkel. Da bekäme er für zwei und einen halben Silbergroschen einen Pökelkamm mit Sauerkraut, »jradezu ochsig delikat«, und da würde er nachher ooch noch ein bißchen hinkommen «

Aber Schmitzdorff war es zu heiß für Pökelkamm heute. Wirklich, der ganze Hunger war ihm vergangen. Und er irrte weiter durch die Straßen und fragte den und jenen. Aber keiner konnte ihm Auskunft geben. Der schickte ihn hier- und der dorthin. Und manche machten sich über ihn lustig. Bis er endlich an einen andern Soldaten kam, einen von den Leibgrenadieren. Einen jungen, hübschen und sehr langen Burschen, der ihn erstaunt ansah, als ob er ihn schon einmal gesehen haben müßte, aber sich doch nicht recht besinnen konnte, wie und wo.

»Ja«, sagte der, »hier gleich um die Ecke 'rum und dann das zweite Haus. Die Tabagie heißt ›Zum Gardestern‹, und der dicke Mettke is nur der Wirt zu sie.«

Gott, war denn das nicht die doofe Neune, das verrückte Aas, die Landpomeranze, mit der Wordelmann und seine Spießgesellen da vor vier Wochen den Fez hatten? Darüber hatte man ja noch wochenlang sein Amüsemang gehabt, dachte Paul Mettig und sah erstaunt Schmitzdorff nach, wie der schnell davonhinkte.

Aber dann schien es ihm doch, als ob er sich getäuscht haben mußte, denn daß der Mensch solch einen lahmen Gang hatte, war ihm nicht aufgefallen, sonst wäre er nämlich gleich zu Wordelmann gegangen und hätte ihm gesagt, daß der alte, dusselige Kerl wieder im Lande wäre. Und Paul Mettig hatte recht: Der Gang Schmitzdorffs konnte ihm ja auch nicht aufgefallen sein, da er Schmitzdorff nur am Tisch und sitzend gesehen hatte.

Nebenbei war es von Wordelmann wenig nett, daß er in Verfolg dem guten Paul Mettig deshalb, weil er ihn nicht rechtzeitig gewarnt hatte, wie er selbst umschrieb, eine Bremse stach, daß seine Kohlrübe gleich Knospen wie de Backpflaumen kriegte. An dem Ablauf der Geschehnisse hätte das wohl auch kaum mehr geändert, höchstens sie ein wenig verzögern können.

Ja, und Schmitzdorff humpelte um die Ecke zum »Gardestern«, so schnell er nur konnte.

Bei Vater Mettke hatte sich eigentlich gar nichts verändert. Nur die Fliegen unter der Käseglocke hatten sich zu einem schwarzen Gewimmel vermehrt. Und auf jedem Tisch standen in Cachepots, die mit weißem Sand gefüllt waren, heute als Dekoration drei, vier gutbesetzte Fliegenstöcke. Das angstvolle Brummen der Opfer bildete eigentlich den einzigen Laut, den Schmitzdorff in dem mittäglich hellen Raum vernahm, dessen Decke von den Sonnenreflexen aus dem Kanal überspült war und dessen Licht, von den Bäumen draußen, mattgrüne Schatten warf.

Vater Mettke war an der Theke auf einem Schemel eingeschlafen, ließ seine Rundlichkeiten willenlos ineinander und aufeinander ruhen, hatte die Billardkugel seines Kopfes mild gesenkt und blies leise – dicke Leute schlafen freundlich und feucht – den Atem durch die Mopsnase. In einer Ecke saßen drei Grenadiere, die blauen Waffenröcke hinter ihnen über die Stuhllehnen, saßen da in zitronengelben Hosen und gelben Westen mit vielen Knöpfen und knobelten, sich gegenseitig scharf auf die Finger sehend, eine »Rondenweiße mit Gewehr über« aus, die breit und schal zwischen ihnen mitten auf der gescheuerten Tischplatte stand.

Schmitzdorff setzte sich wieder ruhig in seinen alten Fensterplatz und wartete, bis Vater Mettke erwachen würde oder die würfelnden Grenadiere sich mit ihm beschäftigen würden. Und wenn sich auch die Spieler nicht stören ließen, kaum sprachen und nur die beinernen Würfel stets von neuem über die Platte klappern ließen – denn es war eine schwierige Piece mit vielen Touren –, so begann doch Vater Mettke bald, sich die Augen zu reiben, schaute auf und blinzelte Schmitzdorff erschrocken an. Aber dann faßte er sich wieder und setzte das tief unbeteiligte Gesicht auf, das ein richtiger Wirt jedem fremden Gast gegenüber hat. »Na«, sagte er, und so müßte eine Schmalzstulle reden, wenn sie sprechen könnte. »Na«, sagte er endlich, »wie is Er denn mit eenmal hier 'ringekommen? Kann ick Ihm wat bringen?«

»Na«, meinte Schmitzdorff verlegen, »kennste mich denn nich mehr, Vater Mettke?«

»Nee«, sagte Vater Mettke und sah ihn strafend ob dieser unerlaubten Vertraulichkeit an. »Kennen tun tu ich Ihn nich!«

Also in Schmitzdorff stürzte etwas zusammen. Das hatte er nicht erwartet. Er war ganz verdattert. »Aber, Vater Mettke«, stotterte er, »denken Se doch mal nach. Ich war doch neulich noch von mittags um einzen bis des Abends um neun hier bei Sie ins Lokal ...«

»Ach Gott«, grunzte Vater Mettke wieder und fühlte sich deutlich belästigt – er mußte sich jedenfalls den Rücken decken –, »da kommen so viele. Wer kann die sich alle merken?«

»Aber, Herr Mettke: Ick war doch noch mit den Leibgrenadier Johannes hier.«

»Johannes?« meinte Vater Mettke mit gut gespieltem Erstaunen. »Jo ... Jo ... Johannes? Einen Johannes gibt es nicht mang de Leibgrenadiere und hat es auch, solange ich hier die Tabagie habe, nie jegeben. Oder irr' ick mir? Nicht wa ...? Ihr da drüben«, rief er zu dem Tisch hinüber, »kennt ihr bei euch einen Johannes? Nee? Na, da haben Sie's ja, Mann.«

Schmitzdorff sah ihn dumm, aber doch reichlich tückisch an – seine kleinen graublauen Augen, die so tief in den vielen Falten lagen, konnten manchmal etwas von dem Blick eines Wildebers haben, und Vater Mettke spürte plötzlich eins, was er das erstemal nicht gespürt hatte: Mit dem da ist es, wenn es hart auf hart geht, nicht gut Kirschen essen. Der rennt, wenn es sein muß, mit dem Kopf durch die Wand. Und wer den da für eine harmlose Droomflöte gekauft hat, der ist angeschmiert ...

»Soso«, sagte Schmitzdorff endlich sehr leise, aber sehr betont, »Sie kennen also den Leibgrenadier Johannes gar nicht? Soso! Und auch nicht den Vater Louis?«

»Nee, wirklich nicht«, meinte der Dicke mit der grünen Schürze jetzt sehr treuherzig.

»Und an mir erinnern Sie sich auch nicht, Vater Mettke? Na, denn kieken Sie sich mir mal janz genau an. Damals habe ich nämlich eine rote Weste angehabt und einen weißen Leinenrock mit silbernen Achtgroschenstücken!«

»Jott, ja, natürlich«, meinte Vater Mettke, spielte nun den Mann, dem vor freudigem Staunen das Maul offenbleibt, und klapste Schmitzdorff auf die Schulter. »Herrjees, nee, jetzt jeht mir ja langsam een janz dämmriger Seifensieder auf ... Na, natürlich! Aber nischt Jenaues weeß ich doch nicht mehr. Wülste nu eine Jroße mit 'ne Strippe oder lieber 'ne Stange? Die Semmelwurst und die Kanonierwurst habe ich bei der Hitze unten im Keller. Aber sie ist von heute früh. Ich hol' sie jleich 'ruff. Die kann, det sag' ich dir, sogar der ärmste Mann in den größten Mengen essen.« Besonders reich war das Repertoire an Redensarten von Vater Mettke nicht, aber die gehörte seit zwanzig Jahren zu seinem eisernen Bestand. »Wat machen die Kinder?« rief er schon aus der Kellerklappe mit überbetonter Lustigkeit. »Ist de Frau wohl?«

Er jedenfalls, das sollte der andere gleich merken, wußte von der Sache nichts. Vater Mettke ging das nischt an.

»Ja«, meinte Schmitzdorff laut, denn der da in der halboffenen Kellerklappe sollte ihn doch hören, »ich wollte mir doch mal erkundigen, wieweit das nun gediehen ist und ob denn der Grenadier Johannes meine Sache nun schon bei dem Ollen zur Sprache gebracht hat. Und was er nu dazu gesagt hat.«

»Wat für 'ne Sache?« kam es aus der Kellerluke herauf. »Davon weeß ich doch jar nischt. Das haben Sie jewiß mit ihm alleine ausgemacht? Un wen du mit Johannes meinst? Ach ja, ick weeß ja schon. Jetzt erinnere ich mir auch. Da ist ein polnischer Grenadier, der heißt Jachimski ... Vielleicht meinste den etwa? Aber der is seit vierzehn Tagen nicht mehr hier. Der is jetzt zu die Ausrangierten nach Werder gekommen. Da mußte jetzt schonst nach Werder gehn, wenn de von ihm was willst«, kam es immer tiefer aus dem Keller hervor. »Aber das hat jar keen moralischen Hosenboden nich. Der is nämlich een bißchen dammlig. Der hat eenen kleenen Webefehler. Der stellt immer solche duften Dinger an, und nachher will er's nie nich gewesen sin.«

»Nee, nee, det muß een Irrtum von Sie sein«, meinte Schmitzdorff ganz bestimmt. »Vor eenen Ausrangierten war der Mann viel zu jung.«

Vater Mettke war nur in den Keller gestiegen, damit dabei der andere, dieser Bauer da, sein Gesicht nicht sehen konnte und um es gehörig in seine Gewalt zu bekommen, damit es nicht etwa mitten im Satz gegen seinen Willen zu grinsen anfinge. Und damit tauchte Vater Mettke oder wenigstens die runde blanke Billardkugel und die runden Schultern und der runde Bauch mit der grünen Friesschürze, wie in alten Opern der Geist aus der Versenkung der Bühne, aus der Kellerklappe neben der Theke langsam und gemächlich mit einer Schüssel mit Würsten in der Rechten und einem halben Dutzend Weißbierkruken in der Linken, zwischen jedem Finger eine und zwischen Daumen und Zeigefinger, das war eine Spezialität von ihm, sogar drei sandfarbene tönerne Kruken, wieder empor. Und es hätte wenig gefehlt, so wäre er nebst der Schüssel voller Würste und samt seinen sechs Weißbierkruken einfach wieder die Kellertreppe hinunter in die Versenkung gefallen. Denn mitten im Raum standen, ihm wie aus der Erde gewachsen, nebeneinander, das heißt, sie waren eben – warum hatte er nur die Schelle unter dem Eingang nicht in Ordnung bringen lassen! – ganz leibhaftig und mehr als wirklich durch die Tür von draußen hereingekommen, nebeneinander standen, wie hingepflanzt, der Grenadier Wordelmann, Georg Minde und Wilhelm Kleidt in gelben Hosen und Leinenjacken, in der Froschperspektive groß und hoch wie die Bäume, vor ihm, dem Vater Mettke, der hörbar nach Luft schnappte.

Da sie nach der Theke hinblickten, alle drei, so hatten sie bisher den Bauern Schmitzdorff, der still sich wieder in seine Fensterecke gedrückt hatte, noch nicht bemerkt. Er aber sie.

Vater Mettke spitzte den Mund und pfiff leise und scharf, mit den Händen konnte er ihnen ja kein Zeichen geben, und kroch dann, feist wie ein Hamster im Winterspeck, aus seinem Bau ganz heraus. »Jungens«, grunzte er, »ich dachte nur, ihr seid schon längst ins Manöver abgerückt.« – Jetzt war Polen offen. – »Da drüben sitzt nebenbei eener, der euch besuchen will.«

Die sollten die Suppe alleine auslöffeln. Wat ging das ihn an!

Aber Wordelmann war gar nicht erstaunt – wenigstens hatte er sich gut in der Gewalt, trotzdem ihm im Augenblick hundeelend war. Denn er hatte diesen biedern Potsdamer mit den Spendierhosen und die zehn Taler eigentlich längst in seinem Gedächtnis wieder gestrichen; und von dem ersten war ihm kaum viel mehr geblieben als von den zweiten, von denen er schon vor Wochen den letzten Dreier bei Vater Mettke durch die Gurgel gejagt hatte ... Hier heißt es jetzt ruhig Blut, Anton! Irgend etwas wird dir schon einfallen ... Jedenfalls vorerst reden, quasseln, nichts wie schmusen, immer dreist und gottesfürchtig, den Mann da die nächsten fünf Minuten janz dun machen, von Kopf bis Fuß einwickeln, nicht zu Worte kommen lassen nachher, da sieht sich schonst alles janz anders an!

»Na, Schmitzdorffchen«, rief Wordelmann und blieb wie angemauert stehen, »ist det die Menschenmöglichkeit!« Und er breitete seine beiden weißgelben Drillicharme, die wie alle ihres Geschlechts viel zu kurze Ärmel hatten und aus denen bei der Bewegung, wie Kolben einer Dampfmaschine, mächtige Prügel von Unterarmen, an denen wieder ein paar schwere Hände, wie Steingewichte, hingen, sich herausstreckten breitete sie flügelbreit aus, daß sie fast von einer Wand zur andern reichten. »Also, was hab' ick vorhin zu dir jesagt, Wilhelm?« Er wandte sich an Kleidt, der mit offenem Mund dabeistand. »Wo steckt eigentlich unser alter Kriegskamerad, der Schmitzdorff? Warum läßt der sich überhaupt gar nicht mehr bei uns sehen? Es war doch immer so gemütlich. Ob der etwa wat gegen uns hat?«

Aber Georg Minde fiel schon wieder aus der Rolle, oder war er noch von gestern nicht ganz nüchtern? »Also, Kleidt«, rief er und griente von einem Ohr bis zum andern auf Schmitzdorff hinunter, der da, die Fäuste an den beiden Backen, wie das Mecklenburger Wappen, vor dem Bier saß, das ihm Vater Mettke indes mit betusamer Freundlichkeit, als dem lange erwarteten Ehrengast, vorgeschoben hatte. »Also, Willem«, kreischte er los, »ich lach' mir tot da ist doch unser oller komischer Potsdamer schon wieder!«

Wilhelm Kleidt knuffte Georg Minde von hinten herum in die Hüfte, daß davon ein anderer sicher vorübergehende Lähmungserscheinungen bekommen hätte. »Halt's Maul«, knurrte er, »siehste denn nicht, was für eine Farbe Atout is, Jeorje? Ick hol' dir schon, wenn de wat 'reinwimmeln sollst.«

Aber das war unnötig, denn Wordelmann ließ den Grenadier Minde nicht aufkommen. So leicht ließ er sich sein Konzept nicht aus der Hand winden. »Na, nu wollen wir uns mal gemütlich hinsetzen!« rief er breit lachend und zog sich einen Sessel zu Schmitzdorff herüber, während er Kleidt zublinkte, das gleiche zu tun, und heimlich Georg Minde mit dem Absatz gegen das Schienbein trat. »Kommt mal 'ran, Kameraden, das Wiedersehen muß gefeiert werden! Vater Mettke, aber keen Stettiner! Des ist des reine Jesindebier, wat se dir da angedreht haben. Det nimmste wohl sonst zum Gläserspülen? Mir bringste also eine Amalie mit Liebe, das ist gut bei die Bullenhitze, und ein Zippel Blutwurscht.«

»Also mir kannste och 'ne Weiße mit Himbeer geben, Vater Mettke«, meinte Georg Minde, rieb sich das weißbestrumpfte Schienbein und kam näher.

»Mir eine mit 'ne Strippe«, sagte Wilhelm Kleidt und setzte sich neben Wordelmann, legte ihm den Arm um den Nacken, um eine Freundesgruppe dem Schmitzdorff vorzuspielen. »Nach deine Himbeerweißen wird mir wenigstens immer janz wabbelich, Vater Mettke.«

»Also wat is nu zu Hause bei dir los, Kamerad?« begann Wordelmann wieder voller Treuherzigkeit, zog das Fach »Gemüt« auf. »Du sitzt doch heute hier 'rum wie ein Topp voll Mäuse. Ick hoffe doch nicht, daß das Mädchen jetzt auf einmal mit 'n andern looft! Die Dünklern hat dir auch schon sehr vermißt. Du hast ihr sogar sehr jut gefallen. Eenmal über das andere, jeden Tag, hat sie mir jesagt, daß du doch eigentlich noch mächtig krille bist vor deine Jahre ... Keen Mensch ahnt des, was des Mächen sich auf das Bauernleinen freuen tut, das du ihr des letztemal doch versprochen hast. Ick habe ihr immer jesagt: ›Sophie Dorothee‹, hab' ick jesagt, ›freu dir man nicht zu früh; wer weiß denn, ob der Kamerad noch an dir und an sein Versprechen denken tut!‹«

Aber Schmitzdorff saß immer noch und starrte vor sich hin, auf die Fliegenstöcke, an denen sich ein paar brummende Fliegen vergeblich von dem Leim, auf den sie gekrochen waren, loszureißen suchten und, wenn sie hofften loszukommen, doch nur von neuem und fester dran klebenblieben.

»Na«, sagte er endlich, »wie is des nu damit, Kamerad?« Sonst nichts.

Vater Mettke sah von seiner Theke aus hinüber: Der da machte schon wieder die Wildeberaugen. Det is nischt Jenaues. Ob der vielleicht ein Käsemesser im Sack hat? Sowie es Krach gibt, setz' ick ihn 'raus. Da wird nicht lange gefackelt. Ick wer' mir doch nich hier mit 'ne Stecherei meine Tabagie in Verruf bringen lassen.

»Bind ihm doch einfach uff, der Olle hat ›non‹ jepiept«, tuschelte Kleidt Wordelmann ins Ohr (denn sie saßen noch immer umgefaßt).

Aber Wordelmann trat Kleidt unter dem Tisch mit dem genagelten Hacken auf den Fuß. »Ja, Kamerad«, sagte er bedauernd zu Schmitzdorff, »so schnell jeht das nu auch nicht, wie du dir das denkst. Aber das eene kann ich dir sagen: Auf den besten Wege is es, un es liegt bei mir in treue Hände ... Da kannste dir drauf verlassen, wenn Wordelmann sagt, er tut was, dann tut er's. Aber du mußt Geduld haben.«

»Halt doch de Luft an«, tuschelte Kleidt wieder Wordelmann ins Ohr, »sag doch ›non‹. Nachher sitzen wir nur da mit dem dicken Kopp.«

Aber Wordelmann schob von neuem seinen schweren Fuß auf den Kleidts und trat noch fester mit seinem benagelten Hacken zu.

»Ick habe nu genug Geduld gehabt, Leute«, fuhr Schmitzdorff auf, wurde ganz braunrot, und die Narbe über dem Auge, das Loch da, flammte auf wie ein Feuermal, und er hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Weiße im Glas wie eine Wellenbadschaukel hochschwappte.

»Lieber Kamerad, du bist auch Grenadier gewesen«, beschwichtigte Wordelmann und winkte Mettke, er solle eine neue Runde bringen, »und da mußte doch wissen: Die mehrste Zeit des Lebens wartet der Soldat vergebens. Der Olle ist ja überhaupt erst zwee Wochen wieder da, und vorigen Donnerstag war bei Königs was los, da ging des nich so.«

Hatte er nicht mal Freitag gesagt? schoß es Schmitzdorff durch den Schädel.

»Ick hab' den Ollen heute schon jesehen«, quietschte Georg Minde, der das furchtbar lustig fand, »also er saß auf seinen Krippensetzer wie 'ne Feuerzang uff 'n dollen Hund.«

Aber Wilhelm Kleidt, der langsam verstand – denn Wordelmann war schon seit zehn Jahren sein Freund –, wie das Spiel gehen sollte, knuffte Georg Minde hinten herum mit der Scheide des Seitengewehrs in den Rücken und nahm das Schnapsglas, hob es, und trank ihm zu. »Wenn de jetzt nich stieke bist, Orje«, sagte er, während er sich weit zu ihm hinüberbeugte, ohne die Lippen zu öffnen – das war eine besondere Kunst von ihm –, »kannste nachher von mich die schönste Senge beziehn«, und dann nahm er das Glas hoch und lächelte Georg Minde fast zärtlich an. »Prost Couleur! Prösterkin, altes wackliges Strohdach«, und zu Schmitzdorff: »Dein Wohl, Regimentskamerad!«

Aber Schmitzdorff tat ihm nicht Bescheid. »Na ja«, sagte er und wandte sich wieder an Wordelmann, der ihn liebenswürdig und nachsichtig betrachtete, wie ein Kind, das etwas bockig gerade ist, aber sonst doch gutartig, und dem man am liebsten trotzdem über die Haare streichen möchte: Na, nu sei man schon ruhig ...! »Na ja ... Wenn du das eben nicht tun kannst, dann jibst du mir meine zehn Taler wieder! Oder ich gehe aufs Bataillon. Stantepee! Ick kann sonst sehr eklig werden. Da wollen wir uns ja nicht lange zanken erst. Wo Geld anfängt, Kamerad, hört die Freundschaft uff!« Und damit hieb Schmitzdorff wieder – war er so rot von der Bullenhitze draußen oder von der Erregung? – mit der Faust auf die Tischplatte, so daß ein Fliegenstock im Sand umfiel und an der Tischplatte klebenblieb.

»Bei dir haben sie wohl oben ingebrochen?« meinte Georg Minde, aber doch nicht mehr so laut wie vorher; denn solch eine Scheide von einem Seitengewehr hat eine ziemlich einprägsame Art. »Sollten wir den da nicht doch vielleicht ein bißchen dat Fell locker machen? Soll ick ihm mal eene winken?« Aber da hatte er schon wieder Kleidts Seitengewehr hinten im Rücken, und dieses Mal sogar so, daß er ganz still wurde.

»Nur nicht koppscheu machen«, flüsterte Kleidt Wordelmann zu.

»Janz recht«, sagte fast weich und nicht ein bißchen zornig oder verlegen Wordelmann. »Koddere dir mal erst ordentlich aus, Kamerad ... Wenn's weiter nichts is. Warum nich? Aber, wie das der Wordelmann so glaubt, wirst du auf die Manier auch nicht weiterkommen. Wenn de dir von irgend solch einer verlausten Perücke 'ne Bittschrift aufsetzen lassen willst, bitte, tu nur, was de nich lassen kannst. Ick stecke mir nächsten Donnerstag bei den Ollen gern meine Pfeife mit dem Fidibus an oder übernächsten, wenn ick hinkomme. Da liegen sie immer in janzen Stapeln auf sein' silbernen Schreibtisch 'rum. Vor zehn Taler is der Wordelmann noch alle Tage gut.«

Schmitzdorff sagte nichts, aber sein Zorn war einer tiefen Niedergeschlagenheit gewichen, und er nahm wieder den Kopf zwischen die Fäuste.

»Also nu hör mal zu. Du brauchst gar keen Gesicht zu machen wie die Katze, wenn's donnert. Ick komme ja noch nicht dran. Aber es is auch gut, daß ich noch nicht dran gewesen bin. Denn ick hätte jar nichts bisher für dich auswirken können ... Mein Lakai, den ick an de Hand habe «, Wordelmann rieb Daumen und Zeigefinger, »un jetzt verstehste ooch, wo die Talers hingekommen sind hat mir jesagt, daß in die letzten Wochen überhaupt nichts bei ihm zu wollen war. Der Olle hat Launen wie eine alte Jungfer.«

Der Leibgrenadier Minde lachte laut und niederträchtig.

»Mensch, du wirst dir noch mit so was mal um deinen Hals lachen, Orje! – Aber jetzt soll er wieder wie ein kleenes Kind sein. Einfach um 'n Finger zu wickeln, wenn der Richtige kommt. Und der Leibgrenadier Wordelmann is allemal der Richtige bei ihm – Mensch, Orje, hier sin mehr Leute, du lachst dir noch um deinen Hals! – Wat jemacht werden kann, wird jemacht. Da kannste Jift nehmen drauf ... Aber, Wilhelm, du bist übermorgen, Donnerstag, dran. Nicht wa? Also: Denn machen wir, damit der Kriegskamerad seinen Willen hat, die Sache so: Du, Schmitzdorff, jibst mir jetzt drei Taler.«

»Nee, nee«, rief Schmitzdorff und starrte Wordelmann an – also war es doch wahr gewesen! –, »so dicke hab ich's auch nicht.«

»Na schön, dann jibste eben, watte kannst, damitte siehst, wir sind nich so. Een Taler in Jottes Namen. Ick würde mir bei solcher wichtigen Sache nich um einen Taler so haben.«

Schmitzdorff kramte schon halb hypnotisiert in seinem Geldbeutel – dieser Grenadier Johannes war eben die stärkere geistige Potenz –, heute hatte er keine große Geldkatze mitgenommen – wozu auch? –, und schob mit unruhigen Fingern die beiden Ringe auseinander.

»Ach wat«, sagte Georg Minde, »zier dir doch nich so«, aber nur noch sehr leise.

»Und ich jebe hier vor deine Augen den Taler an Wilhelm weiter. Und dafor läßt er mir übermorgen, wo er doch dran is, hin zu den Ollen jehn, und den gleichen Abend, Kamerad, schicke ick dir durch eenen Boten, den ich kenne, einen Juden: Reimann, Bescheid, wie es gegangen is.«

»Eigentlich möchte ich aber gehen, weeste, Johannes. Denn Donnerstag is so der eenzige Sonntag, den ick in de Woche mal frei habe.«

»Ach wat«, bettelte Wordelmann sehr lieb und unwiderstehlich, »laß mir man jehn! Du mußt doch auch mal eenen alten Kameraden einen Gefallen tun können.«

»Na schön.« Aber eigentlich schwankte Kleidt noch.

»Also du laßt mir. Nich wa? Abjemacht! Sind wir nu einig? Wie ist der Wordel der Leibgrenadier Johannes « – verdammt, vorher hatte er immer Wordelmann jesagt, hoffentlich hatte die olle Droomtute den Namen nich behalten – »zu dir, Vater Schmitzdorff?«

Vater Mettke sperrte hinten an seiner Theke Mund und Nase auf, das heißt, mit den Augen ließ er keinen Blick dabei von den Würfelspielern, um zu zeigen, daß er diskret war.

»Nu is des andre Kind ooch tot«, sagte er zu den immer noch knobelnden Grenadieren hinüber und tat plötzlich, als ob ihn der Gang des Spieles sehr interessierte, während er mit seinen Schweinsäugelchen zu Wordelmann hinüberplinkerte. »Der hat jetzt aber die Karre scheene in 'n Dreck 'ringeschoben.«

»Eicherkuchen mit Beene!« rief Wordelmann lustig. »Vater Mettke, komm mal 'rüber.« Nun war ja der eine Gesprächsstoff gottlob zwischen ihnen erledigt – Schmitzdorff hatte auch keineswegs einen so roten Kopf mehr. »Hier kommt noch 'ne Runde her!«

Der Vater Mettke ließ die Pfropfen von den Weißbierkruken an die niedere dunkle Decke knallen und schenkte mit ruhiger, geübter Hand, damit keine Bärme in die sanftgekippten Gläser kam, die breiten, niedern Gläser voll und schleppte sie, die dicken Daumen über den Rand, an den Tisch, setzte sich selbst einen Moment mit heran. »Sie sind doch eene gelungne Nudel«, sagte er und patschte dem Schmitzdorff auf die Schultern. »Sind Sie 'denn nu schonst eijentlich wieder verheirat't?«

Schmitzdorff schüttelte. »Nee, nee«, sagte er vor sich hin lächelnd, »aber, was nich is, kann noch werden.« Jetzt hatte er schon seinen Glauben wiedergefunden.

»Knusämon!« sagte Wordelmann und hob seine breite Tulpe zu Schmitzdorff 'rüber.

»Also: Wat wir lieben! So'n bißchen Französisch ziert doch den janzen Menschen Wordelmannchen«, sagte Kleidt und spürte im gleichen Augenblick den nagelscharfen Hacken Wordelmanns auf seinem Stiefel wieder. »Vornamens!« sagte der leise. Sonst nichts.

»Nu möchte ich aber doch mal een Happen prepeln!« rief Wordelmann wieder und drückte dabei die flache Hand auf den Tisch, daß es einen sehr bedenklichen Laut gab. Er war doch ein ganz charmanter Bursche, und solche Kunststücke konnte er eine ganze Anzahl.

»Du hast dir wohl hungrig gelogen?« sagte Georg Minde; aber er hatte zuviel blaue Flecke, um solche Bemerkungen hier in diesem Kreise noch sehr laut zu machen.

»Denn von de Liebe allein kann man nicht satt werden. Nich wa, Schmitzdorffschen? Trotzdem ich mir nu über die Dünklern nich beklagen kann. Kannst du dir etwa beklagen?«

Schmitzdorf schwieg verärgert. Er war gewiß als Krugwirt für starken Tobak, aber seine kleine Sophie hatte mit so etwas nichts zu schaffen.

»Aber sie über dir«, rief Kleidt dazwischen und griente seinen Freund an, von einem Ohr zum andern.

»Also mir hat se des noch nich anvertraut«, meinte Georg Minde und guckte ganz dumm zu dem Kameraden Wordelmann herüber. »Ja, und wat hat man denn eigentlich am Ende von so een Mächen? Man kann se doch noch so jern haben, wir dürfen ihr ja doch nich heiraten. Zun Schluß heißt es eben doch: Se is ne Soldatensau! Siehste, du hast es doch besser in die Angelegenheit«, schloß er nach einer melancholischen Pause, und durch all seine platte Roheit schlug etwas wie echtes Gefühl durch.

»Das hat sein Gutes und doch wieder nich«, orakelte Kleidt, während er aus seiner Schweinsblase die Pfeife stopfte.

Die Tabagie begann sich langsam zu füllen mit Leibgrenadieren, die sich ein Stück Wurst, einen anrüchigen Hering holten oder schnell ein Glas Dünnbier hinter die Binde, und hier war das Wort buchstäblich zu nehmen, gossen.

»Ach, kiek mal«, rief Wordelmann, »da ist doch die lange Eens, der Kattenhorn! Ist der denn schon wieder 'raus aus 'n Kasten?«

»Weswegen war denn des?« frug Georg Minde.

»Ach Jott es soll was mit 'ne Wache gewesen sein, die er versehentlich falsch geschoben hat«, meinte beiläufig Wordelmann. »Kattenhorn, Mensch«, rief er laut, »setz dir mal her zu uns!«

»Aber laß doch, der freßt einen ja nur die Haare von Kopp«, meinte leise Wilhelm Kleidt. Denn der lange Kattenhorn, ein blonder, stiller Westfälinger, der merkwürdige Dinge sagte und noch Seltsameres sah, hatte immer Hunger nach seinem Pumpernickel und seinem Schinken. Und weil er beides nicht hier bekam, aß er einfach alles, was eßbar war. Wie eine Ratze.

»Na, du altes Achtzigtalerpferd!« rief Wordelmann freundlich; aber dann wurde er förmlich. »Das is mein Freund, der Leibgrenadier Kattenhorn«, sagte er, »und das is mein oller Freund Schmitzdorff ein Kamerad von uns, der den janzen Siebenjährigen Krieg mitgemacht hat.«

»Ja, Jungens«, lallte Schmitzdorff plötzlich und schlug wieder auf den Tisch, daß der zweite der vier Fliegenstöcke auf die Tischplatte kippte und auch dort klebenblieb. Denn er war das Weißbier- und Schnapsdurcheinandertrinken nicht gewohnt, selbst als Krugwirt. Oder machte es die Hitze und Erregung von vorhin? »Wat wißt ihr denn heute mit euern bißken Soldatenspielerei, Jungens? Ihr lebt doch als Grenadiere heute nur von dem Geld, das wir früher verdient haben. Wir waren alle so abgerissen damals, daß keiner mehr einen heilen Fetzen von een Rock auf 'n Leib hatte. – Und det Wundfieber in de Lazarette! Keener wußte, wenn er 'ne Schramme an Bein so groß wie 'n Daumennagel hatte, ob er noch lebend aus solch eenen Kasten wieder 'rauskommen tun täte. Ja, da war des noch Gold draußen vor die Haubitzen dajegen. Mir erzählen se nischt! Ich kenne doch das un des. Un die Stiebeln! Also da sind wir lieber manchmal im dicksten Winter barfuß marschiert. Von euch hat doch noch keiner 'ne Kugel pfeifen hören. Höchstens mal auf'n Bornstedter Feld oder im Kartoffelkrieg ... Aber steht mal so da draußen auf 'ne Dorfstraße, Gewehr bei Fuß, und wartet sechs Stunden, ob ihr nun noch in den Scheißdreck 'rein sollt oder nicht! Einfach in Tuchfühlung, eener am andern und Gewehr bei Fuß. Und überall von allen Seiten ballert es. Und des Geschrei dazu! Und des Durcheinander! Und die leeren Pferde, die 'rumrasen und sich denn mit 'n aufgerissenen Bauch auf 'n Boden wälzen ... Und bums – haut's den hin. Und perdautsch – hat's den gefaßt. Und der windet sich da 'rum vor eure Füße wie so 'ne Made in 'n Dreierkäse. Des mißt ihr mal mitmachen, Jungens, denn redet ihr anders ...! Aber nachher, wie ick aber nachher, wie ick den Gnadentaler kriegen sollte – nich wa? –, da war keener von die Herren for mir zu sprechen.«

»Jott«, sagte Wordelmann und legte Schmitzdorff seine schwere Pranke wie ein Steingewicht auf die Schulter, »gib dir man, Kamerad. Wir sind doch hier, um uns een bißken zu amüsieren ... Wir trinken noch eenen, Vater Mettke!«

Aber da ging die Tür auf, und die drei Grazien, die Zimmermann, die Dünklern und die Pflaster, kamen herein. In hellem Linon die beiden, und die Annemarie Pflaster diesmal in einem meergrünen Seidenkleid mit Bäumen und Brücken und Ruinen. Denn jetzt gingen nur noch als seidene Tapeten hellblaue und mattrosa Streifen mit Blumengewinden durchzogen.

Ob sie nun selbst den Weg hierhergefunden hatten oder ob Wordelmann durch den kleinen Gustav Mettke Vater Mettke hatte vier Jungen, die ihm sehr glichen – so ungefähr wie die chinesischen Wunderbälle aus Elfenbein, von denen jeder etwas kleiner ist als der andere und die alle in der großen Kugel drin sind und sich drehen lassen, jede für sich ob also Wordelmann sie durch den kleinen Mettke hatte holen und herzitieren lassen, war nicht ganz ersichtlich. Denn welchen Zweck sollte es haben: Viel Pinke hatte keener. Und ob Vater Mettke dem Schmitzdorff ankreiden würde, war auch noch nicht klargestellt.

Schmitzdorff freute sich sehr mit den Mädchen, erzählte, wie gut seine kleine Sophie das Herz mit dem Gardestern aufgenommen hätte und daß sie es sich zum ewigen Andenken neben den Brautkranz von ihr verstorbenes Muttchen gestellt hätte. Sie hätte sich gar nicht getraut, es zu essen. Und die Blumen hätten sich noch eine ganze Woche lang gehalten.

»Ach«, sagte die Dünklern, »und wenn Sie des nächste Mal wieder nach Potsdam kommen, Dickerchen, denn denken Se doch an das Bauernleinen, das Sie mir versprochen haben. For Bauernleinen häng' ick mir auf, Herr Schmitzdorff. Soweit mir mein Johannes gesagt hat, is ja die Sache nu bald richtig. Da kann sich des Mädchen aber auch freuen. Die kommt doch in ein gemachtes Bett; un een netten Mann kriecht se och noch dazu. Unsereener hat's nich so jut!«

Die Annemarie Pflaster aber, sie sah mehr als blaß aus Die Hitze, sagte sie, bekäme ihr nicht. Und Schmitzdorff saß da und starrte sie an, so daß selbst dem Peter Glasen, der sich kurz nach den Mädchen auch noch an den Tisch herangefunden hatte, es auffiel und er etwas von »Kalasche« und »Verwamsen« vor sich hin murmelte. Aber Annemarie Pflaster legte ihm aus dem Seidenärmel heraus ihr dünnes, schlankes Kinderärmchen um den Hals und flüsterte ihm zu: »Sei doch vernünftig, Peter. Uff den ollen Töpperjungen brauchste doch nu wirklich nich auch noch eifersüchtig zu sein. Man lacht doch nur über ihn. Er tut mir leid. Sonst nichts. Ick sage mir immer, wenn ick ihn sehe: Wer kann for seine Gefühle? Du weißt doch, du bist mich trotzdem immer derjenigste, welcher !«

Denn Peter Glasen war ein armer Hund. Er konnte seiner Annemarie gewiß keine Seidenkleider kaufen. Und wenn sie auch nur aus längst nicht mehr modernen Tapeten gemacht waren. Und das wußte er, und er litt sehr darunter. Aber für seine Annemarie waren seidene Kleider gerade eben noch gut genug. Und deshalb mußte das also so sein, wie es war. Und Annemarie erzählte lachend und mundspitzend und ihn kopierend von ihrem Florindchen und daß sie ihrem Zuckermöpschen jetzt beigebracht hätte, ihr einen Kuß zu geben und nach einem Stück Kandis durch das ganze Zimmer auf den Hinterbeinen zu laufen.

Aber Peter Glasen hätte gar keinen Grund gehabt, auf Schmitzdorff eifersüchtig zu sein, denn die ganze Zeit sah Schmitzdorff gar nicht die Annemarie Pflaster ... Sie war ihm nur eine Melodie, die er, vor sich hin träumend, in eine andere, aber verwandte Tonart transponierte. Er sah gleichsam durch die Annemarie hindurch seine kleine Sophie, die vielleicht robuster und kräftiger war, weil sie unter gesünderen Umständen lebte, nicht in der Stadt wo wohnte und in Stickstuben über den Rahmen sich beugen mußte oder in alten, engen Lagerräumen Staub und schlechte Luft schlucken mußte ... Aber die trotzdem aus einer ähnlichen Form gegossen war. Oder richtiger aus gleichem Holz geschnitzt war, das man hier nicht kannte, das hier nicht gewachsen war, das durch Farbe, Musterung und einen eigenen, hier nie gesehenen Glanz entzückte.

Ganz nett jedoch war es wirklich hier. Man sah heraus. Die Schwäne gründelten, die grünen Bäume ließen die Hitze nicht zu sehr heran, wenn sie auch ganz vergoldet von der Nachmittagssonne waren. Von Ferne kamen manchmal wie Florettklingen scharfe Signale der übenden Hoboisten, und einmal spielte sogar eine heimkehrende Kapelle den Hohenfriedberger ... Es kam nur zart und deshalb wie ein Flug Schwalben über die Dächer gezogen. Der Vater Louis war nachgekommen, und mit dem konnte doch Schmitzdorff über Militär und Krieg und so reden. Der hatte sich auch Wind um die Nase draußen wehen lassen. Anders als das junge Gemüse von heute. Man trank – aber nicht zuviel mehr. Man zog Georg Minde auf, denn der hatte in der Zimmermann einen bösen Feldwebel. Man schäkerte mit den Mädchen. Aber sie waren drei, genierten sich auch voreinander und ließen sich nicht an den Wagen kommen. Nicht einmal mit Worten. Immer, wenn einer die richtige Antwort nicht einfiel, fand sie die andere. Und die Annemarie Pflaster war die beste dabei und hatte am öftesten die Lacher auf ihrer Seite.

Über das, was nun zwischen Schmitzdorff und Wordelmann vereinbart war, sprach man nicht mehr, man nahm es allgemein als fest und abgemacht an und behandelte Schmitzdorff, als ob es eigentlich schon erledigt wäre. Und als ob es gar keinen Zweifel mehr geben könne, daß es binnen kurzem geordnet wäre.

Der Jude Reimann huschte auch einen Augenblick durch das Lokal und huschte wieder fort, nachdem ihm Wordelmann bedeutet hatte, daß er Schmitzdorff dann aufsuchen müsse, wenn er ihm sicheren Bescheid geben könnte. Jetzt hatte er etwas anderes für Wordelmann auszurichten. Er war ein stiller, grübelnder kleiner Mann mit einem rotblonden zwiegeteilten Bärtchen und einer kreisrunden Kappe auf dem rotblonden Hinterkopf und mit Schnallenhosen und mit Schnallenschuhen ganz dunkel und unauffällig gekleidet. Trotzdem er von Botengängen und Kommissionen lebte und eigentlich die ganze Woche bis Schabbes stets über Land war, hatte er ein ganz blutloses Stubengesicht. Wenn er sprach – und er sprach sehr leise –, bewegte er die kleinen, weißen Hände, als ob er Harfe spielte.

Aber endlich wollte Schmitzdorff doch gehen. Was sollte er noch hier? Jetzt war er auch beruhigt. Vater Mettke hatte ihm sogar gesagt, er könne das nächste Mal zahlen; denn die Zeche war doch, da er es für Ehrenpflicht hielt, wenigstens den Wordelmann, den Kleidt und den Minde freizuhalten, wirklich mehr angeschwollen, als er es erst gedacht hatte.

»Na«, sagte Wordelmann, »jehste wieder ins ›Pulverhorn‹? Es ist janz nett da bei die olle Nachteule. Aber ich finde immer, es riecht da een bißken nach Tischkasten.«

Aber Vater Louis, der nie ein Ende finden konnte und gerne Genossen dabei hatte ... außerdem war er Schmitzdorff in Wahrheit sehr zugetan, wie ihn überhaupt alle hier ganz gut leiden konnten, wenn er nur nicht die fixe Idee gehabt hätte, er müßte durchaus heiraten, richtiggehend bei solch einem Halelujafähnrich sich mit seinem Mädchen einsegnen lassen; des war doch zu komisch ... Vater Louis legte ihm den Arm um die Schulter und sagte: »Na, nu bleib man schon, Bruder, noch een Stückchen. Wenn wir nachher jehen wollen, dann jehn wir alle.«

Aber Schmitzdorff sagte, daß das ja keinen Sinn hätte und daß es nur Geld kosten würde, wenn er die Nacht in Potsdam bliebe. Es wäre heute nacht Mondschein im Kalender und er kenne Weg und Steg. Er möchte noch aus der Stadt kommen, bevor das Tor zugesperrt würde. Er könne auch von seinen Krug und seine Ökonomie nich so lange wegbleiben.

»Na ja«, sagte Wordelmann – er war der Führer und er war der Sprecher hier, unbestritten, seine Meinung galt –, »dadajegen kann man nu auch nichts sagen, wenn der Kamerad es so for besser hält. Bei de Liebe un bei's Sitzenbleiben in de Kneipe, da soll man nie eenen zwingen. Da soll jeder sein' freien Willen haben.«

Und dann flüsterte er Schmitzdorff zu, während er ihm die Hand wie in einem Schraubstock hielt, daß die Trauung natürlich nicht umsonst wäre und daß sie wohl einen janzen Batzen Geld kosten würde. Dadrauf müßte er sich gefaßt machen.

»Jeld spielt keene Rolle!« sagte Schmitzdorff.

Und dann stand Schmitzdorff auf, gab allen die Hand, tätschelte sogar den Mädchen die Backen und hinkte wieder das kleine Treppchen, das er so schwer gefunden hatte, hinab auf die Straße, in die andere Welt von Potsdam hinaus.

Die Soldaten und die Mädchen sahen ihm von dem Fenster aus nach. »Da fegt er nu um die Ecke«, sagte der Leibgrenadier Kleidt. »Jott sei Dank!« Und dann fingen alle, Wordelmann an der Tete, wie erlöst zu lachen an und trommelten dazu mit den Fäusten auf den Tisch. »Ick lach' ma dod!« schrie Georg Minde einmal über das andere. Nur die Annemarie Pflaster sagte: »Aber Kinderkens. Kinderkens, der arme alte Deibel tut mir eigentlich doch leid. Ick sage es ja immer: ›Wer kann for seine Gefühle!‹«

Wilhelm Kleidt sah Wordelmann an. »Na, Kamerad«, sagte er langsam, »des is ja soweit allens schön und jut. Aber was machen wir nu eigentlich?«

Wordelmann legte beide Ellenbogen breit auf die Tischplatte; er war doch wirklich ein hübscher Kerl, wie er da mit seinen Bärenschultern und voll Gesundheit und in seiner ganzen launigen Überlegenheit da so fest in sich selber ruhte. Das fand die Zimmermann auch, denn sie hatte ihren Georg Minde verlassen, sich neben ihn gesetzt und wuschelte ihm von rückwärts mit ihren dicken, roten Fingern im Genick 'rum. Was Wordelmann zwar sehr, aber Georg Minde und der Dünklern sehr wenig gefiel. Aber erstens soll man unter Kameraden nicht so sein, und dann wäre es jetzt wirklich ungerecht gewesen, Krach zu schlagen: Er hatte seine Sache bannig famos gemacht, da war keener in de janze Garnison, der ihm des nachgemacht hätte. Selbst Vater Louis lobte ihn. »Na, du sollst ja wieder wat Ehrliches zusammengelogen haben, Johannes! Also, dein Maul soll ja nur so wie 'n Dreschflegel gegangen sein. Den sollste ja mächtig den Kopf verkeilt haben«, meinte er und klopfte ihm auf die Schultern dabei, »aber wat machen wir nu wirklich weiter mit den komischen Knopp? Wordelmannchen? Wordelmannchen? Die Sache kann mal schief und ins Oge gehn!«

Aber Wordelmann lächelte nur und weidete sich an seiner Überlegenheit und der Verlegenheit der andern. »Ja, wirklich, Kinder«, sagte er in gut gespielter Kümmernis, »wat soll'n wir nu tun? Wie wollen wir die Schose weiter befingern? Wie stellt ihr's euch nu so vor, daß der Fez mit dem ollen Christian Friedrich Schmitzdorffen eijentlich weitergehen soll?«

»Ach Jott«, krähte Georg Minde und legte sich halb über den Tisch in einen der umgefallenen Fliegenstöcke hinein.

»Du bist doch schon wieder molum, Orje«, unterbrach Peter Glasen und drückte Georg Minde auf seinen Stuhl zurück.

»Ick nich, aber du, Kamerad«, sagte Georg Minde freundlich, aber, weil die Gesichtsmuskeln nicht so recht mehr mitgingen, schwerfällig grinsend. »Also hört mal alle zu. Ick stelle mir das so vor: Jetzt jehn wir alle mal in acht und vierzehn Tagen oder drei Wochen ins Manöver, nach Stendal. Da kriegt er uns also vorerst, Kameraden, nicht mehr zu sehn. Futsch un weg is eens. Hab' ick da recht, oder bin ich auf 'm Holzweg? Un nachher, wenn er uns denn noch mal finden sollte« – das sprach er leise –, »bei Vater Mettke müssen wir uns eben dünnemachen. In de ›Patronentasche‹ sind ooch die Pellkartoffeln viel größer! Denn erinnern wir uns nicht mehr ... denn erinnern wir uns einfach an nischt.« Georg Minde sah sich bestätigungsheischend nach allen Seiten um, soweit das sein leichter Rausch zuließ. Er war stolz. Das war die größte Rede, die er bisher gehalten hatte, und sie blieb es auch fürder.

Wordelmann hätte nun darauf doch antworten sollen, aber er tat es nicht. Er sah nur, grienend wie ein Oktoberfuchs, von einem zum andern. Er vergaß auch nicht, die Damen mit Blicken aufzumuntern, doch hier ihre Ansichten zu vertreten. Vorerst war er hier nur der Diskussionsleiter: »Wünscht noch jemand das Wort?«

»Ja«, sagte Wilhelm Kleidt nach einer Weile und sog an seiner Tonpfeife, blies blauen Rauch, der sich hübsch kräuselte in der späten Nachmittagssonne. Denn selbst durch die dichten Zweige draußen hatte sie mit ein paar dünnen kupfrigen Strahlen den Weg durch die geteilten und gewölbten Scheiben hinein in die Tabagie von Vater Mettke gefunden. Und sogar bis zu dem Cachepot mit den Fliegenstöcken. Und selbst auf die hellen, sandbestreuten und ziemlich bespuckten Dielen. – Aber die Sonne ist in so etwas nicht heikel, und eigentlich hat sie alles gleich lieb. – »Ja«, und Kleidt las langsam aus den Rauchhieroglyphen seine Worte ab, die er, um sich von Minde nicht beschämen zu lassen, möglichst gewählt aneinanderzureihen versuchte. »Ich halte des auch für das beste, Kameraden, wenn wir hier doucemang verduften würden ... insofern es unklug wäre, den Mann etwa vor dumm zu kaufen. Er weiß, wat er will – janz genau weiß er des. Die Sorte kenn' ick: Die sieht ganz doof aus, is aber verdammt helle.«

»Ja«, meinte Kattenhorn, und auch er strebte nach gewählter Sprachform – denn Parlamentarismus wirkt ansteckend –, und sein Zopf mit dem Zopfband hinter seinem Rücken flog bei jedem Wort wie ein großer Uhrpendel hin und her. Denn wenn Kattenhorn sprach und ernste Dinge besprach, hatte er die Eigenheit, immer mit dem Kopf vor jedem Wort von links nach rechts und nach jedem Wort von rechts nach links zu schütteln. Solch eine Art von Tick, die bei der Truppe nur deshalb nicht störend wirkte, ja kaum bisher bemerkt worden war, weil er als simpler Soldat eben nicht zu sprechen, sondern nur zu schweigen hatte. »Ja, ja, er hat doch schon was jesagt mit Ans-Bataillon-Gehen oder bewege ich mir da in einem Irrtum? Is das ein Erreur von mich?«

Annemarie Pflaster war sehr belustigt über das pendelnde Zöpfchen und gluckste selig vor sich hin Aber alle sahen sie nur strafend an und machten pst ... stille doch – Is so was möglich –, so daß sie noch blasser wurde und ganz in sich zusammenkroch. Bei Männersachen hatte man ernst zu bleiben.

»Hört mal«, meinte Peter Glasen langsam und bedächtig und karessierte dabei der Pflaster die kleine Hand – hier verstand die ja doch keener von die Brüder –, »wenn ich mir so die ganze Angelegenheit in Ruhe noch mal durch meinen Deetz gehen lasse, vielleicht wäre doch das einfachste: Wat hat er euch denn gegeben? Gebt es ihm doch pe a pe retour.«

»Mensch, du bist ja angedudelt«, warf Georg Minde als unparlamentarischen Zwischenruf ein.

»Laß'n ausreden!« sagte Wordelmann.

»Wo sollen wir denn das hernehmen?« meinte Kleidt.

»Laß'n ausreden, Willem!« sagte Wordelmann in etwas verstärkter Betonung der Einzelsilben.

»Na, natürlich ... wenn ihr also das nicht auftreiben könnt oder wenn es die Mächens nich zusammenbringen?«

»Ach Jott, wir!« riefen die Zimmermann und die Dünklern aus einem Munde. Aber sie verdienten ganz gut und hatten sich auch etwas gespart, denn hier gab es immer Extrauniformen zu sticken, und den Offizieren waren die Gold- und Silberstickereien an ihren Paradeuniformen nie breit und nie schwer genug. Und da sie im Gegensatz zum Hahn sich ihr Gefieder aussuchen konnten, so wollten sie jedes Jahr noch ein strahlenderes haben. »Nee, nee, auf uns arme Mächens kann keener rechnen.«

»Naaa ... und die Annemarie?« sagte Vater Louis sehr bedächtig und sah seitlich an dem hier so ungewohnten Kleid mit dem weiten Rock und mit den bunten Bäumen und Brücken und Ruinen auf dem meergrünen, glatten Wellengrund der Seide herunter, und dieser Blick war beredter als seine Worte. »Na, Mächen?«

»Nein, nein«, rief Annemarie mit ganz erschrockenen Eidechsenaugen und den zitternden Nasenflügeln und wurde noch blässer, als sie es heute schon war, »ich hab' nichts!«

Denn sie hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als ihren ... als den jungen Herrn – den jungen Simon Hirsch David – auch nur um einen Silbergroschen für sich zu bitten. Weil sie genau wußte, daß er ihr alles gegeben hätte, was sie wollte. Und bisher schenkte sie, weil sie annahm; und er blieb immer noch ihr Schuldner. Und das wäre dann anders geworden.

»Na also, Kameraden«, sagte Wordelmann, immer noch behaglich und breit dasitzend und alle ringsum mit leichtem Spott aus den Augenwinkeln an sich vorbeidefilieren lassend, wie sie da herumsaßen: Glasen und Minde, und Kleidt und Kattenhorn, und Vater Louis und die Dünklern, und die Zimmermann und die Pflaster; aber auf der blieb er am längsten haften mit diesem Blick, als ob er sagen wollte: Du bist doch trotz deinem Seidenrock da und deinem Mops Florindchen zu Hause und den Büchern, mit denen dir der Mauschel den Kopp verkeilt, ein armes Luder. »Na seht ihr also, Kinderkens, da habt ihr's ja ... Wat sollen wir nu machen? Ick hab' immer gehört, wer A sagt, der muß auch B sagen. Nich wa, Kameraden?«

»Also meinste, wir lassen von unsern Schreiber 'ne Bittschrift aufsetzen und ziehn einen so als Landpomeranze an, und der soll sich denn an de Linde damit stellen?« krähte Georg Minde. »Des wäre vielleicht gar nicht des Dümmste! Der macht des for zwei Kommißbrote sogar bildschön.«

Wordelmann hatte die ganze Zeit aufmerksam dem Minde auf den Mund gesehen, als ob da Friedrichsdors und Karlias herausfielen. Nun schüttelte er besorglich den Kopf.

»Mit dir, Orje, möcht' ich auf 'n Jahrmarkt 'rumziehn. Da würde man Geld verdienen. Du bist ja ein Riesenroß ... mit deine Bittschrift.«

Minde war ganz verdattert, vor allem, weil die andern über ihn johlten. – Habe ich denn in meinem Suff schonst wieder Unsinn geredt? kam es aus seinen unsicheren Augen. – »Ja, wat soll man sonst kochen?« stotterte er.

»Na, ick denke mir so«, sagte Wordelmann und streichelte – ein echter Dichter – jedes Wort noch einmal verliebt und behaglich, bevor er es weggab. »Ick denke mir so, wir werden dem Mann den Gefallen tun. Ihm macht's Freude, uns macht's Spaß, und die Hallelujafähnriche ärgern sich weil wir ihnen ins Handwerk pfuschen. Aber die brauchen des ja gar nicht zu wissen.«

Alle um den Tisch sahen jetzt Wordelmann so erstaunt auf den Mund, wie der es vorher mit Georg Minde gemacht hatte. Sie verstanden ihn nicht recht. »Wie meinst'n des eijentlich, Johannes?« sagte endlich die Dünklern.

»Na, ick denke mer so: Wat die können, können wir schon lange ... Wir werden also den Mann sagen, seine Eingabe, die wir for ihn gemacht haben, hat der Olle, dank meiner Fürsprache, aufgenommen!«

»Na und?« sagte Georg Minde.

»Orje, ick rede dir ja ooch nich dazwischen, wenn de quatschst«, sagte Wordelmann verweisend. Aber Wilhelm Kleidt kannte seinen Freund Wordelmann und ahnte, was kommen würde, und begann schon vorher zu lachen, daß die braune Decke nur so zitterte. Er lachte immer gern und freute sich, wenn es für ihn was zu lachen gab.

»Aaaber er hat gesagt, er will das nicht mit de Hallelujafähnriche verderben, und deswegen soll die Trauung ganz im geheimen geschehen, jedoch durch eenen richtigen Hofprediger. Das kann der Mann for sein Geld verlangen.« Peter Glasen quietschte laut auf vor Vergnügen: Dieser Wordelmann war doch eine zu ulkige Kruke!

»Mensch, mache dir nicht mißliebig durch die Störung einer kirchlichen Handlung. Ick bin bloß mal bei 'n Kirchgang eingeschlafen un habe geschnarcht, und wuppdich hatte ich schon acht Tage Kasten weg ... Denke mal, wat du da kriegen kannst, wenn du sprechen tust. Sei also gebildet, Kamerad, auch wenn's dich schwerfällt.«

Nun begann sogar Vater Louis zu feixen, der bisher sehr ernst dagesessen hatte: Dieser Wordelmann war wirklich ein Tausendsassa, der unterhielt den ganzen Tisch, daß man aus 'n Lachen überhaupt nicht mehr 'rauskam.

»Also die Trauung soll ganz insgeheim und privat stattfinden. Nu ist de einzige Frage: Wo kriegen wir für den Raben den schwarzen Rock her? Und die Perücke? Und wer hat so des richtige Schmalz dafor, um die Trauformel 'runterzuleiern, so janz echt! Kattenhorn wäre vorzüglich, aber den kennt Schmitzdorff wieder in 'nen Rock. Und denn sticht er uns eene Bremse. Ick gloobe nämlich, der Schmitzdorff, der kann tücksch wie 'ne Meerkatze werden. Auch Paule Mettig mit sein Mächengesicht wäre sehr gut dafor, wenn der nur nicht so lang wie der Tag vor Johanni wäre, den paßt kein Ornat nich.« (Wordelmann verteilte schon, wie ein guter Regisseur, in Gedanken die Rollen.) »Aber den Hallelujafähnrich, den werden wir schonst noch auftreiben ... Und machen tun wir's am besten bei eine von den Damens hier, da fällt des nich uff. Ick wern'n schon so herführen, daß er des nie wiederfinden soll. Da stellen wir Achterlichte hin ... die muß er bezahlen. Und machen mit einem schwarzen Tuch eine Kanzel. Und kaufen oder pumpen uns bei 'n Gärtner Rick ein paar kleene Pomeranzenbäumchen ... Paßt mal Achtung: So fein is der Mann sein Lebtag noch nicht getraut worden. Und wird er auch nie wieder kopuliert werden. Und wenn er jeden Tag heiraten tun täte!«

Alles schrie vor Lachen. Denn keiner dachte eigentlich noch, daß Wordelmann es mit seinem Vorschlag ernst meinte. Die Würfelspieler, die indessen die achte Weiße ausgeknobelt hatten, denn es waren reiche Bauernjungen aus dem Rheinland – aber wenn jeder von Anfang an für sich bezahlt hätte, wäre es auf das gleiche herausgekommen –, waren auch aufgestanden und hatten sich hinter die Stühle gestellt und lachten mit, denn es waren Rheinländer und deshalb für jeden Ulk zu haben. Auch Vater Mettke war von der Theke – nun nämlich war wieder stille Zeit bis kurz vor dem Zapfenstreich, wo sich der »Gardestern« noch einmal etwas mit Gästen füllte – auf seinen Filzparisern lautlos herangeschlurft und hatte sich, damit ihm ja kein Wort entginge, direkt hinter Wordelmann in Position gestellt und lachte so, daß er schwapperte.

Aber ernst nahm den Vorschlag eigentlich noch niemand. Was Wordelmann anstellen wollte, würde gewiß noch kommen; damit hielt er noch hinter dem Berge.

»Ja«, sagte Wordelmann, »ich meine, wir machen es dann so Ende nächster Woche. Denn vorher müssen wir uns ja die Schose noch richtig eenmal entre na nu bebohmfiedeln ... Ich glaube, das jibt eenen Heidenulk. Da lacht die janze Garnison. Janz Potsdam lacht darüber ... Wir können ihm, dem Schmitzdorff, dann ja vielleicht noch so zu verstehen geben, er solle mit seinem Mädchen lieber machen, deß er wegkimmt von Wüst. Denn der Pastor da wird ihm ja nu woll, weil er, es doch durch den König selbst gegen seinen Willen sich erzwungen hat, feindlich von Gesinnung sein. – So'n Pastor is hinterhältig ... So was, meine ich so, kann man ihm vielleicht auch noch aufbinden. Des wäre entoutcas in Erwägung zu ziehen. Nich wa?«

»Nee, nee«, sagte Vater Louis. »Laß da die Hände von weg. Fang nich mit die Leichenraben an! Ich bin nich mit dabei. Ick will mit die Kaschuben nichts zu tun haben.«

»Immer biste Spielverderber, Vater Louis«, sagte Wordelmann. »Aber die Weiße mit Gewehr über hat dir vorhin gut geschmeckt? Nich wa? Na, dann kannst se ooch nachher Vater Mettke bezahlen ... Ick weeß nich, es ist gar keen Tritt in de Kolonne mehr.«

»Na, und wie stellste dir das vor, wenn es schiefgeht, Wordelmannchen?«

»Gott, for wie dumm hältste mir denn, Vater Louis? Meenste, daran hab' ick noch nicht gedacht? Gar nischt kann uns passieren dabei! Nich die Bohne! Dafür ist Wordelmann da! Der Olle deckt uns sicher. Der lacht darüber. Der Olle hat ja die Pastors gefressen! Der freut sich nur, wenn man ihnen eens auswischen tut!«

»Au ja«, rief der Willem Kleidt, »der kann se nich riechen.«

»Paß uff, den macht des einen Heidenfez«, quietschte Georg Minde.

»Denke an mir, wenn de Korporal wirst«, sagte Peter Glasen, packte Wordelmann an die Schulter und schüttelte ihn hin und her vor Entzücken.

»Au ja«, sagte selbst Kattenhorn, »ehe ich mir hauen lasse ... da bin ich auch mit dabei.«

Sie waren eigentlich gar nicht so betrunken, aber die Idee hatte sie betrunken gemacht, daß sie so durcheinanderschrien. Bei dem unersinnbaren Stumpfsinn ihrer Tage war das etwas, das unterbrach, das sie aufrüttelte und das ihnen inhaltsvolle Zukunft und Erinnerung schon zugleich war. Vater Louis war aufgestanden. »Ick jehe jetzt«, sagte er, »und das Geld for die Weiße, des kriegste morgen, Vater Mettke. Ick balbiere keene Leute übern Löffel! – Da mach' ick nich mit.«

»Im Gegenteil«, sagte Wordelmann und wurde nüchtern, »ick will den ollen Nulpe nur noch een janz kleen bißchen glücklich machen. Du kannst versichert sein: Er tut mir genauso leid wie dich. Denn eigentlich hat er nämlich janz recht, der Mann. Es is eene Gemeinheit, eine dreifach verlötete, hundsföttische Jemeinheit, wie man an ihm gehandelt hat. Und des habt ihr Dösköppe alle nich gesehn und erkannt ... Verstehste, Vater Louis?«

»Ja«, sagte nun die Dünklern, »aber wie kriegen wir des Habit for den Prediger? Haste daran jedacht, Johannes?«

»Na, ick denk' mer so, Sophiedorothee: Die Annemarie hat doch so Beziehungen zu eenen Habitschneider, da kann man des vielleicht anfertigen lassen ... Ick habe den Schmitzdorff ja schonst vorhin gesagt, die Sache würde ihm noch eine janze Menge kosten. Un er hat mir janz bramsig gesagt: ›Jeld spielt keene Rolle ...!‹ Natürlich, auf Kosten treiben will man ja so'n Mann ooch nich. Man hat ja auch 'n Herz «

»Ach nee«, meinte die Zimmermann, »ick würde die Robe lieber nich machen lassen in so 'ne Werkstatt. Des spricht sich bloß 'rum vorher. Denn können wir drei doch vielleicht, wenn ihr den Stoff besorgen tut ...«

»Warum denn?« meinte Wordelmann nachdenklich. »Ick gloobe: Das beste is doch, un des einfachste, wir pumpen uns irgendwie den Rock, die Perücke und die Bäffchen und die Kappe und das ganze Zeugs überhaupt von so einem Hallelujafähnrich. – Adje, Vater Louis, und darum keene Feindschaft nich! – Na, natürlich meene ick, wenn er nich da ist.«

»Und 'ne Drahtkommode, so'n olles, abgeklimpertes Spinett, müßten wir eigentlich auch haben, von wegen de Musike dabei«, rief Peter Glasen. »Der Hintzemann, der spielt, daß dir janz anders wird. Der tut des gern. Der freut sich noch, wenn er auch mitmachen darf.«

»Ach nee«, meinte Wordelmann, »wie sollen wir solche Drahtkommode hinschaffen ... des is gewiß jut von dir gemeint, Kamerad, un des wäre auch sehr schön, aber es is zu schwierig.«

»Un nachher exerzieren wir«, rief Georg Minde, »ja, dat machen wir.« Die Mädchen quietschten; denn dieses Exerzieren war ein beliebter Wachstubenscherz, der die Monturen durchaus schonte und nur die Patronentasche und das Seitengewehr und den Kuhfuß zur Equipierung des Mannes benützte. Aber Wordelmann hieb mit einem sehr, sehr langen Arm nach Minde herüber ... so ließ er sich nicht seine Ideale bespucken. »Du kriegst gleich eine 'rin, Orje!« schrie er, rot wie ein Puter. »Angst, aber keene Besserung«, sagte er, als Georg Minde, der eigentlich nicht begriff, womit er den Zorn des Kameraden Wordelmann heraufbeschworen hatte – denn da amüsierten sich alle doch immer sehr gut dabei –, schnell hinter den langen Kattenhorn gesprungen war.

Aber nun war draußen die Sonne untergegangen, und die Straße und der Kanal waren mit einem roten Licht übergossen und angefüllt wie mit einem himbeerfarbenen Gas. Der Himmel war feurig und tiefgelb zugleich und sah durch die Blätter wie in tausend ganz frühen Kirchenfenstern, bei denen uns nur die Farbe bezauberte, ohne daß wir Muster und Figuren recht erkennen noch können. Bei Vater Mettke war es schon schummerig, denn etwas kürzer wurden die Tage ja schon. Die Signale von den Kasernen begannen eben wieder, die Grenadiere, und wer noch alles in Potsdam den bunten Rock, zweifarbiges Tuch trug, zu ihren Schlafstellen zu treiben.

Man hätte ja gerne noch alles genau besprochen; aber man mußte gehen, sonst lief man den Ronden in die Hände. Doch man war sehr lustig und ganz aus dem Häuschen. »Wie die Braut nur sein würde? Gewiß 'ne uralte Trunschel, die hinkt und schielt wie der Olle selbst. Und ob sie ihr Kind vielleicht auch gleich mitbringen könnten, das würden sie noch mal taufen, mindestens so schön und feuerlich wie in die Singuhr, wo das immer wie mit de nasse Achte ginge ... tripp, tripp, tripp ...! Zehn nacheenander.«

Annemarie Pflaster war schon vorschnell weggegangen. Sie müsse eilen, sagte sie, denn sie hätte noch für morgen zu nähen und müsse die Arbeit abliefern. Aber Peter Glasen hatte sich an den Tisch noch mal gesetzt, und – keiner verstand das – sein Lachen war plötzlich in ein ganz lautes und vernehmbares Weinen übergegangen ... Denn, wie es heißt: Die Liebe ist sehr komisch.

Und alle trotteten sie nun in den herrlichen Abend hinaus, der doch keinem von ihnen mehr gehörte. Denn die Signale gingen schon einmal über das andere: »Zu Bett, zu Bett, ihr Lumpenhunde, es schlägt die letzte Viertelstunde.« Wirklich, es waren doch arme Lumpenhunde, sie alle, samt den Mädchen, die sich so ins Bett hetzen lassen mußten, ob sie nun wollten oder nicht.

Schmitzdorff aber ging indessen ... er hatte sich noch für einen Sechser ein halbes Kommißbrot von einem sehr schmierigen Soldaten – da waren seine Freunde andere Jungens, aber das waren eben auch die Leibgrenadiere vom ersten Bataillon – gekauft, der hinten in einem Winkel an der Sporngasse solches heimlich unter einem alten Militärmantel hervorgezogen und ihm wortlos hingehalten hatte. Denn wenn man ihn dabei faßte, ging es ihm schlecht. Aber dieser Handel war unausrottbar. Eben, weil die Armen billiges Brot brauchten und die Soldaten mehr Schnaps und Tobak, als sie sich von den zwei Silbergroschen Löhnung, die noch für Putzzeug und manches sonst herhalten mußte, etwa leisten konnten, nur allzu nötig brauchten. Und er hatte sich für seinen letzten guten Groschen ein Stück warmer Karbonade und drei Kartoffelpuffer, die man ihm in eine alte pergamentene Urkunde gewickelt hatte, erstanden. Weil es ihm aus einer offenen Garküche so verlockend entgegengeduftet hatte. Da hatte er wenigstens für die Nacht etwas. Einen Korn brauchte er nicht. Es wurde nicht kühl nach einem Tag wie diesem. Und dann schlägt er nur in die Füße, wenn man marschieren will.

Also Schmitzdorff ging indes durch die langsam stiller und zur Nacht feierlicher werdenden und rosig und nelkenfarben verdämmernden Straßen. Rosig dort, wo sie kahl, lang und baumlos waren und die beiden Häuserzeilen sich mit den blinkenden Fenstern noch ein letztes Mal von hüben und drüben in die Augen sahen. Und nelkenfarben dort, wo sie durch das Laub der Bäume verschattet waren und jedes Haus, hüben wie drüben, vergeblich mit dem letzten Blinkern der Scheiben sein Gegenüber suchte.

Der Torwächter vom Neustädter Tor – denn das war für Schmitzdorff das beste! – wollte schon schließen, und er war der letzte, den er noch gerade so durchwutschen ließ. Sonst hätte er wieder im »Pulverhorn«, wo es so nach Tischkasten roch, den Flöhen Besuch abstatten können.

Draußen war es schön auf der stillen Landstraße. Die Luft war ganz unbewegt, kein Stäubchen wirbelte auf, kein Blatt und kein Halm zuckte. Alles draußen lauschte mit offenen Augen in sich selbst hinein. Es war etwas; kühler geworden. Ganz tief am Horizont stand ein goldumrandetes Gewitter und schob von dort aus wie glühende Lavamassen Wolkenballen in den klaren, sonst ganz klaren, sich hoch wölbenden Himmel empor und hinauf. Dort, wo die Sonne untergegangen war, hinter den Kuppeln der Communs und des Neuen Palais und hinter dem Belvedere auf dem Klausenberg. Dann jedoch bog der Weg ab, und eine letzte Feuerbrücke von jenen umzogenen Goldwolken am westlichen Himmelsrand schlug sich schräg über das weißblaue Wasser hin über das ganze weite, seidenglatte, weißblaue Wasser hin der hier seebreiten und gebuchteten und von einigen Bauminseln beherrschten Havel. Völlig wellenlos und unbewegt, ohne Schiff auf diesem Weißblau, nur mit ein paar dünnen Strichen langgeschnäbelter Schifferkähne, entschlief sie zwischen den tiefer und tiefer eindunkelnden Wäldern, über denen schon die allerersten Sterne, fein wie Nadelstiche, in einem vergißmeinnichtfarbenen Licht leise aufflimmernd, nunmehr sich auftaten. Nicht einmal im Schilf zischelte es noch. Und keine noch so zarte Dünung plätscherte über den Muschelsand des Ufers. Der Fluß war nicht nur schon eingeschlafen, nicht einmal atmen im Schlaf hörte man ihn mehr.

Nur ein rostbrauner schmaler Streifen im Osten in den Kiefern, über denen sich schon ein paar orangene Strahlen emporreckten, verriet, daß dort bald ganz langsam und groß und brennend – so groß wie eine Sonne zuerst, aber tiefglühend in seinem goldroten, sich selbst verzehrenden Feuerschein – der abnehmende Mond aus der Waldnacht aufsteigen und seinen flach sich wölbenden Himmelsweg von dort aus beginnen würde.

Die Landwege waren sehr leer. Kaum daß ein einsamer Wanderbursche durch die Dämmerung taperte und sich schon den Busch aussuchte, unter dem er sich des Nachts plattmachen konnte. Auch die Rollwagen und die Reisewagen ließen ihr Hufenspiel gemach nach der nächsten Ausspannung am Wege streben.

Je weiter Schmitzdorff kam, desto einsamer wurde es. Er war eigentlich der einzige, der noch für diese Nacht ein Ziel hatte. Furcht hatte er nicht. Was sollte ihm auch passieren: Er hatte nicht einen roten Dreier mehr, aber dafür einen derben Stock und ein griffestes Messer, dem es gleich gewesen wäre, ob es sich nachher harmlos gegen einen Kartoffelpuffer oder weniger harmlos gegen einen Wegelagerer gerichtet hätte, um den zu verscheuchen.

Schmitzdorff war sehr froh, wie er das doch wieder erreicht hatte. Heute vormittag war er schon drauf und dran gewesen, alles aufzugeben, die Flinte ins Korn zu werfen und umzukehren. Aber jetzt zweifelte er keinen Augenblick mehr – denn die Nacht ist ja solchen Selbstlügen nur allzu förderlich –, daß er es nun doch durchgesetzt hätte.

Was hatte er schon darum gekämpft! Nicht er allein. Es waren ordentlich zwei Parteien in Wust. Die eine dafür, mit dem Vetter Christian König an der Spitze, der überall für ihn hingeschrieben hatte. Nach Brandenburg und Potsdam, ja selbst nach Berlin. Der selbst für ihn zweimal ins Konsistorium gegangen war, der es sich Geld beim Justitiar hatte kosten lassen und es nicht einmal von ihm wiedergenommen hatte, nur weil er sehen wollte, wie das lief und ob ein einfacher Bauer sein Recht in Preußen bekäme oder ob das nicht der Fall wäre. Und die andere Partei, die ihn anschwärzte und meinte: Das solle eben nicht sein. Da steckte aber gewiß der Schwiegersohn Eue dahinter, das Fußangelgesicht. Zwar redete er vornherum ganz anders und schimpfte auf die Pastors und die Superintendenten. Dabei steckte er aber hintenherum alle naselang bei dem Stabernack, dem alten Schlieker, der immer von Duldsamkeit und christlicher Liebe nur so überläuft wie ein Schmalzkuchenhafen, aber die Kinder beim Katechismus so prügelt und ohrfeigt, daß der Nante Werkmeister noch heute auf dem rechten Ohr davon taub ist. Den würde er jetzt demütigen, den Stabernack. Rächen würde er den Nante Werkmeister.

Sicherlich war in dem Christian Friedrich Schmitzdorff viel echtes Gefühl und ganz starkes und unablenkbares Gefühl für Sophie. Er hing wirklich mit seinem ganzen alten und verwitterten und durch die Wüsten jahrzehntelanger Liebesentbehrungen geschleppten Herzen an seiner kleinen Sophie und an Malchen, das er vielleicht mehr als die Mutter liebte. Wie überhaupt sein Gefühl diesem Kinde gegenüber, gerade weil er es bisher verleugnen hatte müssen, eher die Empfindung einer Mutter als die eines Vaters war. Sie war für ihn eben die erste und einzig wahre Fortsetzung seines Ichs. Denn das Auslöschen ohne diese empfand er als Bauer – und der ganzen Art des Bauern nach! – in seiner Dumpfheit viel stärker, als es je ein Städter mit der Oberaufsicht des Verstandes über sein Gefühl empfunden hätte.

Vielleicht wenn das beides nicht gewesen wäre und wenn er sich nicht ohne diese beiden so völlig leer, so sinnlos und so hundeelend gefühlt hätte, so hätte er wohl den ungleichen Kampf längst aufgegeben. Denn jede Stunde hätte er doch wieder heiraten können. Junge Witwen mit ein paar Äckern und zwölf Schafen und Bauerntöchter, die später noch erbten, gab es genug. Er hätte auch zehn für eine dieser festen, rotbackigen, ewig lachenden Mägde bekommen – sie waren immer wieder zu ihm gelaufen, nach einem Dienst fragen –, die es als das Natürlichste von der Welt ansehen, wenn eben keine Frau mehr da ist, des Tags neben dem Herrn zu arbeiten und des Nachts bei dem Herrn zu liegen. Und die es auch nicht als das Schlimmste ansahen, wenn sie dann die Stelle wechseln mußten oder wenn sie etwa ein Kind von ihm bekämen. Und die besonders gern – wer weiß, warum? – zu einem älteren Witwer, wie er einer war, gingen, selbst wenn er sie auch nicht heiratete.

Doch vielleicht hätte diese ganz ungewöhnliche Intensität des Gefühls immer noch nicht genügt, ihn diesen Kampf annehmen und durchführen zu lassen. Und vielleicht hätte sich die kleine Sophie, sosehr sie auch an ihm hing und an ihn gebunden war – doch sie nur mit Bindfäden, er, Schmitzdorff, mit Hanfseilen, an denen sich selbst auch ein erwachsener Mensch aufhängen kann, ohne daß sie reißen –, vielleicht hätte auch die kleine Sophie es ihm nicht verargt und hätte sich auch dareingefunden, ihn eben nicht heiraten zu dürfen. Die hätte dann in einem halben Jahr einen andern gehabt; den jungen Winkelmann oder sonst einen wohlhabenden Bauernsohn. Es würde ihr wohl leichter fallen, als es ihm gefallen wäre. Und sie hätte von Stund an eben wieder »Vater Christian« und »Sie« zu ihm gesagt, so, als ob sie es nie anders getan hätte. Schmerzloser als er hätte sie sich schon dareingefunden.

Gewiß, der Christian Schmitzdorff war schon jetzt wie der scheue Birkhahn – denn wenn er auch von geringem Verstände war, so war er doch als Bauer sehr scheu und sehr mißtrauisch gegen jedermann –, wie ein scheuer Birkhahn war er, der, wenn er seine Liebestänze und seine Liebeskämpfe vollführt, jede Vorsicht vergißt und selbst dem dümmsten und plumpesten Jäger dann vor die Flinte kommen kann. Und Wordelmann war weder ein dummer noch ein plumper Menschenjäger.

Aber trotzdem wäre es ihm vielleicht doch noch mißglückt, ihn in seinen Liebestänzen zu beschleichen und vor die Büchse zu bekommen, wenn nicht noch etwas anderes dabeigewesen wäre, das Schmitzdorff trotz aller bisher so fehlgeschlagenen und, mehr als das, hoffnungslosen Versuche alles durchzukämpfen zwang. Und das war die Erbschaft seines Bauerntrotzes in ihm. Die Genugtuung darüber, zu seinem Recht zu kommen. Und das zu erkämpfen, und selbst, wenn Himmel und Hölle dagegen ist. Oder, was schlimmer: eine ganze Welt von Beamten, Institutionen und Paragraphen. Und wenn er auch selber endlich durch diesen Sieg zugrunde gehen sollte!

Dieser Haß, dieser Wahn, zu seinem Recht kommen zu müssen, war es in der allerletzten Tiefe, was ihn ganz umnebelt und ihm jede Urteilskraft genommen hatte. Das war es, was ihm einen Glauben gegeben hatte, an den er glauben mußte, wenn er nur noch vor sich selbst auch nur kümmerlich bestehen wollte. Er war halb und halb schon an dieser Sache, die in seinen kleinen und beschränkten Hirnkasten nicht hineinging, ein Mann mit einer fixen Idee geworden, der alles nur dazu umbiegt, um diese Idee zu bejahen, und alles von sich fortschiebt, was sie verneinen könnte oder sie ihm mit Sicherheit verneinen muß.

Ja, er hatte es wieder einmal prachtvoll gemacht! Wie er auf den Tisch geschlagen hatte und alles umgefallen war. Wie er die Leibgrenadiere eingeschüchtert hatte. Angst, ganz plumpe, gewöhnliche Angst hatten sie vor ihm gehabt. Nun würde der Johannes oder wie er hieß, Wurzelmann oder so, morgen zu dem Ollen gehen. Klug und stark kam sich Schmitzdorff vor. Wie er jetzt reden konnte, wie ihm die Worte sich setzten. Besser wie dem Pastor, dem Stabernack, der immer nach jedem Wort eine Pause machte: »Andächtige Gemeinde wir singen jetzt « Er hatte auf der ganzen Linie gesiegt. Denn es ist unglaublich, wie sehr sich der Mensch selbst imponiert, wenn er allein ist.

Inzwischen aber war drüben über dem andern Ufer aus den Kiefern der Mond hochgekommen. Erst hatte sich die halbe Scheibe einer riesigen feuergelben Netzmelone, solche, die rot durchwachsen am Rande und voll von dunklen Kernen im Fleisch ist, ganz allmählich dort hochgeschoben. Dann war diese Scheibe – diese halbe, schief geschnittene Scheibe – langsam gegen den Zenit hinaufgewandert, war kleiner geworden, abgetropft, ausgedörrt, hatte ihr Rot ausgeweint, so daß jetzt das Gelb scharf und stechend und leicht grünlich geworden war.

Der ganze Himmel da oben aber war tief und nächtig geworden, bis auf die kleine Zone, die der Mond um sich warf. Gewiß, sein Licht war sehr hell, scheinbar, und doch hätte man keine Taschenuhr dabei erkennen können. Dort aber, wo der Schein jenes grüngoldenen Mondes da oben nicht hinkam, wo die Schatten der Wälder über die Wege fielen oder die Wälder selbst ihre Dächer breiteten, waren Wälle von Finsternis, eine Undurchdringlichkeit an nächtlicher Schwärze; viel dunkler, als es sonst je werden konnte, wo doch stets ein Schimmer von den Sternen oder von einem grauen, lichtfangenden Nebel bleibt. Eine doppelt unheimliche Dunkelheit in ihrer lautlosen Unbeweglichkeit war es gegen dieses grünlich glimmernde Blattgold, mit dem der Mond die Wege und die Lichtungen und die entschlummerten Felder, die alleinstehenden Bäume und ihre gewölbten Kronen, einen Hausgiebel am Wege und einen Graben, der sich breit in das Land hineinschlich, überzog.

Und ferner war es abnehmender Mond heute. Ein zunehmender Mond ist immer – und wenn es nur die schmälste Sichel eines Türkensäbels ist, die ganz fein, wie ein Wasserzeichen eines Büttenpapiers, in den Himmel hineingezaubert ist –, immer ist er wie eine Hoffnung. Aber, wer kennt etwas Beängstigenderes, etwas Tiefermelancholisches im Grunde als den abnehmenden Mond, der so fremd und kalt und einsam mit seinem erborgten und hinschwindenden Licht über den Himmel wandelt? Er scheint von bösen Engeln für Verbannte und Verdammte geschaffen zu sein. Er ist wie Hoffnungslosigkeit. Ist nur eine Vorbereitung für eine Nacht ohne Schimmer und ohne Stern. Und wer unter ihm so durch seinen trüben Messingglanz wandelt, wird traurig und seltsam verwirrt

Und dann war es hier noch eben jener märkische Mond, der so anders ist als alle andern.

Aber wie ist der wohl, dieser märkische Mond, wie kann man ihn umschreiben?

Diana, Artemis ist nicht seine Göttin. Die keusche und unberührte, die die Architrave der griechischen Tempel einst mit der Hand der Künstlerin in ihren lichtklaren Nächten nachzeichnete und die Schatten der Säulen wie Brücken, scharf und klar, über den lichtversilberten Marmorboden des Tempelhofes legte.

Nicht Luna ist sie, die in der Campagna in die Rundungen der Aquädukte hineinleuchtete und die schlafenden Hirten unter den Bogen zärtlich streichelte, ihnen die dunklen Locken in die Stirn strich, damit sie nicht von soviel Helligkeit erwachten.

Er ist auch nicht der lichtgewordene Gitarrenklang unter den Fenstern der Dulzinea. Nicht das »au clair de la lune« des Pierrots, des »Mondscheinnarren«, der in ewiger Wehmut und unerfüllter Liebessehnsucht dahinschmilzt, eben weil die weiche Zärtlichkeit einer solchen Nacht doch unerschöpflich wäre.

Nicht der Apisstier, das Symbolum des sich fortpflanzenden Lebens. Nicht die in greller Lust finstere, menschenbluttrinkende Astarte.

Nicht der russische Steppenmond Puschkins, der sein weiches Licht des Nachts nach allen Seiten über die Endlosigkeit dieser flachen Erde gießt, vom Schwarzen Meer bis zum Gelben.

Nicht der deutsche Mondschein des Eichendorff, der die Hänge erhellt und das Flußband glitzern macht und die Wälder wie mit Christbaumflitter überstreut, so daß an ihrem Rand auf den verschleierten Wegen die Burschen Lieder zu singen beginnen von den Marmorpalästen des Südens und von den »Gärten, die überm Gestein in dämmrigen Lauben verwildern«.

Nicht der Mond Tiecks und Spitzwegs, der in den kleinen Städten jeden Ziegel auf dem Dach einzeln blankputzt, nur einem Verliebten in all der Silbrigkeit noch ein helles Fenster und seine Sehnsucht in die Nacht hinaus gönnt und der die alte Zeit erwachen, in den Giebelhäusern die Philister aber, die schon am Tage schlafen, nun zweimal schlafen läßt.

Dieser Mond ist ebensowenig der Mond der Mark. Alle sind sie es nicht. Man würde nicht einmal glauben, daß sie als Brüder Kinder einer Mutter sind.

Er ist auch keineswegs der Mond des Matthias Claudius, einfach, dumm, karg und innig, wie Kindergottesdienst in einer protestantischen Dorfkirche.

Er ist nicht der Mond des Junkers Liliencron, der groß über dem Wattenmeer und über den grünen Hamburger Vorortstraßen liegt – »Flußüberwärts singt eine Nachtigall«.

Aber wenn er nun all das nicht ist, wie ist er denn? Bierbaum hat einmal mit dem Stein eines Wortes nach ihm geworfen – er warf zu kurz, aber ziemlich genau in der Richtung: »Der Mond grinst frech ein Schild von Blech « Vielleicht scheint er auch ein naher Vetter von jenem Mond aus der Walpurgisnacht, dessen unvollkommene Scheibe spät erst mit trübem Glanz emporsteigt. Wenigstens glaubte Schmitzdorff ihn so zu empfinden, als er sich drüben aus den Kiefern der Ravensberge geschoben hatte, um seinen Weg zu beginnen.

Doch all das kommt nur in die Nähe. Ich ahne nicht, welcher Göttin der Mond hier einst zu eigen war. Gewiß vielen in zwei, drei Jahrtausenden. Genug: Alle, meine ich, gehörten immer einer Art Hekate an, deren Gespann von schwarzen Ziegenböcken gezogen wird, die nicht gut, sondern böse ist, die Menschen verhöhnt und in die Irre und in die Sümpfe lockt. Deren Anblick erstarren macht und unerklärliche Angst schon in das Herz des einsamen Wanderers senkt, wenn er ihren Atem spürt, wie sie – in einem leichten, tanzenden Wölkchen von Staub unsichtbar – auf einsamen, ausgestorbenen Wegen an ihm vorüberfährt Wenn er ihr hohles Lachen hört, aus den nächtlichen feuchten Wäldern und den grundlosen Sümpfen, über die die schwarzen Böcke den Wagen hingleiten lassen, ohne daß seine Räder auch nur einen Zoll einsinken, so erstarrt ihm das Herz. Und wenn er gar das Kichern der Elfen dazu hört, die eine Weile lang auf den umnebelnden Waldwiesen »kichernd ihr Gespann umhüpfen«, so ist er wie an den Boden gebannt und kann keinen Fuß vor den andern setzen.

Ja, ich habe es. Dieser märkische Mond ist ein Mond aus einem Shakespeareschen Sommernachtstraum. Es heißt zwar, er sollte über dem Wald vor den Toren Athens scheinen, und dabei ist er so nordisch-spukhaft, daß wir nicht einen Augenblick auch nur das Frösteln aus den Gliedern bekommen und die aufzuckende Angst aus dem Grunde unserer Augen: Sind wir noch wir?

Wer geht da hinter uns? Niemand!

Was liegt da quer über dem Weg? Ein toter Mensch. Gott, ich bin zu Tode erschrocken, und dabei war es doch nur der Schatten eines Baumstammes.

Die ganze Zeit kommt schon Hufgetrappel hinter mir her. Wenn ich stehenbleibe, hört es auf. Und doch kommt es immer näher.

Wie mich diese Katze mitten auf dem Weg mit ihren grünen Augen nur entsetzt hat.

Und jetzt bin ich wirklich von der Straße abgekommen! Nein, hier geht es ja rechts am Kreuzweg herunter.

Das kann nur ein Eber sein, der da eben durch die Büsche brach. Ach Gott, wie man sich vor einem Hasen so erschrecken kann. Mein Herz geht wie ein Hammerwerk: Pink, pink, pink, pink, pink.

Seltsam – warum mögen nur Kreuzwege so verrufen sein? Sicher hat an dem früher ein Galgen gestanden. Also eben habe ich dort jemand deutlich neben mir meinen Namen sagen hören, immer wieder: »Christian Schmitzdorff! Christian Friedrich, Vater Christian!« Und nun geht der Kerl hinter mir her, er hinkt auch. Es klingt gerade so, als ob er meinen Schritt nachmachen will. Was soll ich da tun? In dem Augenblick, wo ich mich umdrehen werde, wird er mir das Messer in den Rücken rennen. Denn er ist im Vorteil.

Nimmt denn die Nacht gar kein Ende? Sechs Stunden muß ich doch schon von Potsdam weg sein. Da schlägt doch eine Kirchenuhr herüber. Das muß die von Phöben sein: eins zwei drei – also doch schon drei Uhr nachts – vier fünf Also erst eben zwölf. Ich dachte wirklich, es ist schon viel später!

Wo habe ich denn jetzt das Messer hingesteckt? Wenn es mir nur nicht aus dem Sack gerutscht ist. Aber nein, da ist es ja doch. Das Herz ist mir ordentlich stehengeblieben happ, ich kann gar keine Luft wieder bekommen. Ganz kalt ist es mir auf dem Rücken geworden, als ob der Tod über mein Grab reitet.

Und was ist denn das da ganz hinten wieder? Brennt da etwa eine Scheune? Aber daherüber liegt doch gar keine Ortschaft. Ach, rötet sich da etwa der Himmel schon wieder? Aber die Sonne kann doch noch lange nicht aufgehen. Wie kühl das von den Sumpfwiesen heraufzieht. Was da so grün glimmt, ist nur faules, altes Holz, 'ne morsche Baumwurzel. Davor braucht man gar keine Furcht zu haben. Da kann man ganz ruhig mit dem Stock hineinstoßen, ohne daß einem eine Hexe ins Gesicht springt und einen blind haucht. Das ist Aberglaube. Und ich bin nicht abergläubisch.

Wie aus einem Ziegelofen schlägt jetzt die Wärme aus dem Wald heraus auf die Straße.

Was ist denn das? Jetzt habe ich doch mit einemmal Rasen unter den Füßen. Rechts, rechts drüben der glimmrige Streif muß der Weg sein. Oder ist es der links unten? Das wäre beinahe schön geworden! Das ist ja Wasser. Ich hab' ganz nasse Schuhe. Da spiegelt sich ja der Mond drin.

Ach, da drüben, das Helle am Rand vom Kornfeld, das muß doch der Stein sein, auf dem ich schon zweimal gesessen habe. Aber jetzt nicht hinsetzen. Nachher schläfst du nur ein. Nur ein paar Minuten. Du wirst ja schon wach bleiben. Schleicht da nicht hinten jemand am Feldrand entlang? Und jetzt duckt er sich. Aber es ist doch ganz deutlich, daß es nur ein kleiner Weidenbusch ist. Wo ist denn der Mond mit einemmal hin? Ach, da hinten, ganz unten hängt er, blaß wie eine Scheibe Käse. Er muß gleich weg sein. Er sieht aus, als ob er in den See fällt. Dann muß es aber ganz dunkel werden. Nun guckt nur noch eine Kante heraus, schmal wie ein Frauenmund. Wie der Mund von der kleinen Sophie. Die wird aber glücklich sein, wenn ich es ihr sage. Erst aber lass' ich sie noch zappeln. Ist nichts damit, meine ich so nebenbei. Essig ist es, aus ist es, Geheiratet wird überhaupt nicht. Kann nie was werden. Aber dann weint sie nur. Und warum soll sie weinen? Frauen sollten überhaupt nicht weinen. Und weinen immer. Kein Mensch sollte weinen. Wozu ist das überhaupt gut?

Wie das auf einmal hell wird. Es ist ganz hell schon und gar nicht mehr finster. Und wie klar der Himmel ist. Das muß heute ein sehr gutes Erntewetter geben. Hier muß doch ein Haus in der Nähe sein: Woher könnte man sonst so deutlich einen Hahn krähen hören. Aber das hört man ja sehr, sehr weit, wenn alles so ganz früh am Morgen und so ganz still noch ist. Aber es war doch schön die Nacht über. Angst hab' ich nicht gehabt. Hätte nur jemand kommen sollen, dem hätte ich eins übern Kopf gehauen. Das Messer hätte ich ihm einfach in die Rippen gerannt. Wer sich draußen im Krieg den Wind hat um die Nase gehen lassen, für den gibt's keine Furcht mehr. Wie gut es sich jetzt wieder geht, auf der Straße, weit und breit noch keine Seele, selbst auf den Feldern noch niemand. Bei uns in Wust stehen sie schon auf. Hier herum sind die Bauern eben faul.

Wie die Vögel singen! Alle auf einmal fangen sie an. Alle zugleich und ganz unbekümmert, ob sie einer hört oder nicht. Ist das nicht sogar noch ein Pirol da aus dem Birkenschlag? Der Vogel Bülow! Der ruft doch schon seit einem Monat eigentlich nicht mehr. Zieht jetzt bald fort. Und bis er zurückkommt, ist dann schon Mai. Dann werde ich doch schon bald dreiviertel Jahr wieder verheiratet sein. Vielleicht hat dann die Sophie einen Jungen schon. Ja, man sollte doch einen Sohn noch haben. Möchte doch einen Sohn haben. Daß der Name Schmitzdorff wenigstens bleibt. Und der mal alles bei mir weiterführen kann. Frauen können das nicht.

Das Korn steht aber hundsmiserabel hier. Das ist auch kein Haferboden.

Eine ganze Zeit habe ich das doch nicht gesehen, weil man bei uns nicht so früh 'raus kann. Bei dem tiefen Grund ist eben noch alles sehr lange zu feucht, und da kann man nichts tun im Feld. Wirklich, als ob sie so ganz langsam aus dem Boden herauswächst. Wie ein Doppeldukaten, den man ganz sachtekin aus einer Sparbüchse zieht. Warum sie nur so riesig und breit am Morgen ist, und nachher oben am Himmel kann man sie mit einem Finger zudecken. Und jetzt kann ich schon gar nicht mehr hinsehen. Wie schnell sie plötzlich steigt. Wie ein großer roter Ball, den Kinder hoch werfen.

Schmitzdorff blieb aber jetzt einen Augenblick stehen und hielt sich die Hand vor die Augen, vor denen, in Nachbildern sich drehend, auf schwarzem Grunde, wie die Kugeln in einem chinesischen Feuerwerk, schwarze, gelbe, feuerrote und tiefviolette Widerspiele der Sonne, kreisend, jetzt durcheinander und umeinander herumtanzten ...

Und wie er die Augen wieder öffnete, waren alle Bäume, Wälder, Blumen am Wegrand, Felder, Dörfer und Häuser da, so weit nur ein Blick tragen kann. Und es waren Menschen da, die auf das Feld zur Erntearbeit hinausfuhren auf ihren Ochsengespannen. Oder zu Fuß mit geschulterten Sensen zwischen den Kornfeldern dahinschritten. Wagen kamen die Landstraße ihm entgegen, und andere überholten ihn. Kurz: Die ganze in der Morgenklarheit sehr scharf gezeichnete und unverwechselbare, einmalige Wirklichkeit des Lebens mit all ihren Unbestreitbarkeiten hatte wieder von Christian Friedrich Schmitzdorff Besitz ergriffen.

Ja, gewiß, er müsse dem Mädchen dann doch das nächste Mal als Gegengeschenk ein Stück von seinem Leinen aus dem Schrank mitbringen, wenn er wieder nach Potsdam ginge. Das eine im untersten Fach hatte Stockflecke. Das würde ja Sophie – denn in so etwas war sie sehr heikel – später eben doch nicht mehr brauchen können. Und sie würde sich sicher noch mit freuen, die dicke Jungfer da. Die ist auch glücklich, wenn sie es kriegt. Wer weiß, wie die bei sich zu Haus liegen? Ob sie überhaupt ein richtiges, weißes Bettuch haben?

Gemächlich zog er aus der alten Urkunde, die, wie Schmitzdorff mühsam sich entzifferte, irgendwie von einer Fischereigerechtsamkeit am oberen Tornow eines Fischermeisters namens Valentin Brendeke handelte und einen Wachsstempel trug und von scheinbar gewaltigen Fischzügen fabelte zog also Schmitzdorff einen Kartoffelpuffer nach dem andern aus dem Pergament, denn für manche sind gerade kalte Kartoffelpuffer eine Köstlichkeit, und knabberte sie ruhig und behaglich beim Marschieren vor sich hin. Und da es schwer ist, zugleich zu kauen und zu singen, so summte Schmitzdorff wenigstens das Lied von der »Wachtparade, die Friedrichs Feinden stehen wird«, sowie er dazu in seinem Munde die Gelegenheit fand.

Es war wirklich ein schöner Tag, der da hochgezogen war und seine Vornacht so ganz vergessen hatte. Die Wälder waren frisch und fröhlich, wie ausgeschlafene Kinder jetzt, und auf manchen, nicht auf allen Feldern und Wiesen und im Korn blitzten schon Sensen in der Morgensonne um die Wette mit den weißen Kopftüchern der Mädchen, die hinter den Schnittern einherschritten und die Garben banden und die Puppen hochrichteten. Eigentlich war man doch früh daran in diesem Jahr.

Und wie die Kartoffelpuffer im summenden Rhythmus des Marsches verschwunden waren, da folgten ihnen eine Scheibe Kommißbrot, verschwistert mit Karbonade, nach der andern. Denn es ist doch viel behaglicher, sich so mit dem Messer beim Gehen ein Stück nach dem andern in der hellen Sonne herunterzufiddeln, als es einem unheimlichen Burschen in einer unheimlichen Mondnacht auf einer unheimlichen Landstraße in den Bauch zu rennen. Wenn man vor allem nicht einmal vorher weiß, ob das Messer des andern nicht länger und fixer ist. Und das einzige Glück bei dieser Sache ist, daß diese unheimlichen Burschen in der Wirklichkeit viel, viel seltener sind als in unserer Vorstellung.

Aber bei seinem besten Freund, dem Knochenmus in Gollwitz, würde er heute nicht einkehren. Trotzdem der immer einen vorzüglichen Eichelkaffee brannte, und solch ein Schälchen könnte man wohl nach einer Nacht wie dieser brauchen. Diesem gemeinen Hund trage ich keinen Sechser mehr in das Haus. Der denkt sich wohl, er ist ein Affe und ich bin gar nichts! Der denkt wohl, das vergesse ich ihm, wie er das letztemal vor vier Wochen immer so hintenherum auf mich gehackt und gestichelt hat?

Aber dann entging es doch Schmitzdorff im Weitergehen nicht, daß es ihm ja gar nicht schwerfallen müsse, an dem Krug von seinem Freund Knochenmus vorüberzugehen oder ihm kein Geld ins Haus zu tragen, da er ja nicht einen roten Dreier mehr im Beutel hatte. Aber mein Freund Knochenmus hätte mir den Eichelkaffee und gewiß auch einen Teller Gerstensuppe umsonst gegeben und es nicht mal an die Tür gekreidet. Denn so ist nun Knochenmus doch wieder auch nicht. Eigentlich ist es eine Seele von einem Menschen. Aber erzählen werde ich ihm nicht, wie die Dinge jetzt stehen. Wozu? Das ist ja ein Kerl wie ein leckes Faß. Man sieht nicht, wo es rinnt; aber wenn man das nächste Mal in den Keller kommt, so ist es schon halb leer.

Und dann, es war noch nicht mal eigentlich Vormittag, tauchte hinten zwischen den gelbgrünen Schachfeldern des Roggens und der Kartoffeln, in der tiefen grünen Ebene unter der Himmelsweide, zwischen silbergrauen Weidenketten und hohen Pappeln doch darunter verbarg sich die Hütte vom Fischer Krüger. Und in ihr wieder seine kleine Sophie. Jetzt, um diese Stunde, spielte sie gerade mit Malchen, das eben erwacht war. Schade, wie schade, daß er nicht dabei zusehen konnte! Das hatte er immer so gerne getan. Sie sielte sich mit dem Kind über das Bett hin, gerade wie eine Katze, die das erstemal Junge hat und an drei Stellen zugleich ist, das Graue mit der Pfote herumrollt und das Schwarze mit der Schnauze stößt, während sie das Gescheckte dabei nicht aus den Augen läßt und es mit der einen Hinterpfote davor bewahrt, daß es aus der Kiste fällt. So ungefähr war sie immer mit dem Kind da durcheinandergekugelt ...

Dort hinten, ja, dort also tauchte schon, in den Strohdächern von Wust, sein Ziegeldach auf, und dicht dabei war der dicke, stiernackige Steinturm der Kirche, die aus rohen Feldsteinen gebaut und selbst wie ein großer, roher unbehauener Feldstein, wie ein Findlingsblock mitten im Acker, dalag. Aber nicht einer, der von Schweden herunter nach hier, sondern einer, der von Süden her heraufgeschwommen war. Längst verblüht waren um den Dorfanger die Linden. Man konnte nicht mehr verlangen, daß sie noch dufteten. Die Enten aber in dem Pfuhl, dem Dorfteich, blieben auch auf dem schwarzen Wasser noch nach Familien geteilt, ebenso die Gänse. Denn da sich jede Familie feiner als die andere vom Nachbar vorkam, schwammen sie auch auf dem schwarzen Wasser ganz für sich. Der Nachwuchs jedoch war nun schon fast bald groß wie die Eltern: Ja, ja, Kinder werden Leute! Jede Familie erhob aber ein großes Geschrei und Geschnatter, wenn sich etwa in flüchtiger Liebeslaune junge Pärchen zusammenfanden und wieder trennten, die nach ihrer Ansicht nicht zusammengehörten und sich verplemperten. Was nebenbei jede Familie nur von ihrem Mitglied zugab. Darin hatten die Enten wie die Gänse, als echte Haustiere, durchaus menschliche Züge angenommen.

Auf Schmitzdorffs bemoostem Strohdach, hinten auf dem Stall, war in den letzten vierundzwanzig Stunden über den grünen Rosetten des Hauslaubs ein ganzes Bukett der fleischigen, rosigen Blütenstiele aufgegangen und schimmerte fett und selbstzufrieden in der Morgensonne. Und eine Schar von kleinen Klippschülern, die so klein waren, daß sie erst am Vormittag Stunde hatten, zog mit Tafeln und Schwämmen, mit Fibeln und Katechismus, mit zerrissenen Hosen, aus denen die Mietszettel guckten, mit runden Flachsköpfen und Rotznasen – der Sohn des Reichsten sogar mit Holzpantinen! – lärmend und piepsend wie ein Flug junger Spatzen, bevor er in das Schotenfeld einfallen will, als er gerade heimkam, an seinem Krug mit dem Vorgärtchen vorüber, nach dem immer mehr verfallenden Schulhaus an dem andern Dorfende hin, um sich da allerhand Dinge einprügeln zu lassen, die sie doch für ihr Leben nicht verwenden konnten.

In sieben, acht Jahren wird da gewiß mein Sohn, wenn ich einen bekommen tu' von der Sophie, zu dem Lehrer Müseler in die Klippschule auch hingehen. Dann lebe ich bestimmt noch. Es ist gar kein Grund, weshalb nicht. Sechzig, einundsechzig. Oder dreiundsechzig? Ist doch noch kein Alter. Der Großpapa Romkopp ist zweiundneunzig Aber so alt möchte ich wieder doch nicht werden. Was bleibt denn da noch übrig? Kaum, daß einem das Essen noch schmeckt. Ordentlich Rechnen und Lesen und vor allem Schönschreiben muß er aber doch lernen bei dem Lehrer Müseler. Da will ich schon aufpassen. Da kenne ich keinen Pardon. Lesen ist ja nicht so notwendig. Wann braucht man es denn einmal ? Aber – Schönschreiben! Mir macht das eigentlich Freude, ich geb' mich mal ganz gern mit dem Gänsekiel ab. Erst ist das Stückchen Papier weiß oder gelb oder blau. Und nachher ist es so ganz fein schwarz bemalt. Wer es nicht versteht, denkt, es ist gar nichts: da haben nur die Fliegen drauf gemacht. Jawoll! Aber ein anderer, der sich drauf versteht, der kann nach dreihundert Jahren daraus erfahren, was ich ihm sagen wollte. Jawoll! Genauso wie ich vorhin das entziffern konnte, von dem Fischermeister Valentin Brendeke und dem oberen Tornow aus Potsdam, und begriffen doch habe oder wenigstens so beinahe 'rausbekommen habe, um was es sich da drehte und was er dazu zu bemerken hatte. Hätte ich nicht so spät damit angefangen, erst bei den Soldaten, so hätte ich es mit meinem Kopp noch ganz brav und richtig lernen können Und die Sophie hat 'n hellen Kopp. Ein Kopp wie 'ne Biene. Und ich habe einen. Warum soll es denn unserm Jungen mal schwerfallen?

Zu Hause war alles gut gegangen. Karo mit den Zottelohren und den Bernsteinaugen bewies, ungleich den Enten und Gänsen, daß er ein echter Hund war und von den Menschen gar nichts angenommen hatte. Denn er war ganz außer sich vor Freude, Schmitzdorff wiederzusehen, und bemühte sich, Schmitzdorffs vernachlässigte Morgenwäsche mit seiner lappigen Zunge nachzuholen, und tat überhaupt, als ob Schmitzdorff nicht nur dreißig Stunden, sondern dreißig Tage sich von ihm getrennt hätte.

Die Nachbarin hatte das Vieh und die Tiere brav versorgt. Gäste, sagte sie, wären nicht gekommen. Und da sie nicht gekommen wären, so hätten sie auch nichts verzehrt. Und sie kein Geld eingenommen. Nur der Eue – das Fußangelgesicht – wäre um das Haus herumgestrichen und hätte dann im Vorbeigehen bei offener Tür gefragt, wo sein Schwiegervater eigentlich wäre. Aber sie hätte ihn schön angeführt. Denn sie hätte gesagt, er wäre nach Brandenburg gegangen. So dumm wäre sie gar nicht, daß sie sich von den Leuten ausfragen ließe. Hi-hi!

Da aber die Gäste, wie sie nochmals versicherte, bisher nicht gekommen und also nichts verzehrt hatten – dabei waren an drei Stellen noch deutlich die kaum aufgetrockneten nassen Spuren der Seidel auf den unabgewischten Eichenplatten –, so saß sie selbst, die Nachbarin, am Tisch und wartete bei einem halb geleerten Gläschen Kornbrand geduldig auf jene. Und außerdem hatte sie, damit ja nicht etwas umkäme, einen Zinnteller voll Handkäse und Wurst vor sich stehen, denen sie den Krieg erklärt hatte und die sie so lange mit der Spitze des Messers, das sie über sie schwang, um den Teller jagte, bis sie ein Stück von ihnen gespießt und das Messer dann wieder, eben dessen ledig, zu neuer Jagd aus dem Mund ziehen konnte. Und da die Nachbarin sich zudem noch einer leichten Schwäche in den Knien wegen nicht erheben wollte – denn sie traute ihrem Gleichgewichtsgefühl nicht mehr so ganz –, gegen ihre Art sehr wortselig und – hier aber fehlten Schmitzdorff bislang alle Vergleichsmöglichkeiten – herausfordernd zärtlich sich gab, so schloß Schmitzdorff daraus, daß dieser Kornschnaps da. vor ihr nicht der erste, sondern, wie ihr Mann, zum mindesten der vierte sein mußte.

Aber Schmitzdorff tat, als bemerke er das gar nicht. Weder den Kornschnaps noch die Schnitzeljagd über den Teller hin, noch die Blicke und Worte herausfordernder Zärtlichkeit. Erstens war ihr vierter Mann ein Kunde. Dann wenn sie bei ihm das Haus bewachte, so müßte er sie doch beköstigen. Und endlich: Was hatte es für einen Sinn, jetzt noch Lärm zu schlagen? In acht Tagen hoffentlich wäre ja schon die neue Wirtin hier oder, wenn es nicht klappte, spätestens in vierzehn. Dann hätte die Frau Kupatt hier eben sowieso ausgespielt. Janz ruhig werde ich ihr sagen: Adjee, Frau Kupatt! Und wenn ich jetzt noch eine andere Person solange in das Haus hier nehme, so wird die mir vielleicht sogar über das Geld und die Wäsche und die Vorräte gehen und wegschleppen, was nicht niet- und nagelfest ist. Während doch vor der Kupatten nur nichts Eßbares und erst recht nichts Trinkbares sicher ist. Aber davon doch auch nicht mehr, als sie sich gerade so in den Pansch schlagen kann. Sonst aber – da kann ich mir nich beklagen – is sie ehrlich wie Gold! Na ja: Kleine Münze darf man natürlich auch nich vor ihr so frei 'rumliegen lassen.

Das alte Elend eben. Wenn man einen Krug hat und noch een bißchen Ökonomie daneben und dazu noch allein is, bleibt man immer zurück. Hier oder da, aber auf einer Seite bleibt man sicher hängen. Die Rüben hätten doch eigentlich seit einer Woche wieder gehackt werden müssen. Ich kann eben, wenn ich allein bin, auf die Dauer nich, wie die Jahrmarktsleute, auf zwei Pferden zugleich reiten. Und das machen die Hanswürste ja auch nur höchstens eine Viertelstunde lang. Ich brauch' doch eben eine Frau ins Haus. Schon einfach, damit jemand Ordentliches im Krug ist. Eine, die so een bißchen nett um die Gäste 'rum sein kann, wenn ich nicht da bin. Und das hat ja Sophie 'rausgehabt. Da kann ich nichts Gegenteiliges gegen sagen. Ich gehe ja auch lieber in einen Krug, wo ich mit einer jungen Wirtin een Wort reden kann. Als wenn gar keine da ist. Oder wenn mir solche alte vermickerte Hexe das Bier vor die Neese schiebt. Dann is es ja schon vorher abgestanden. Ehe es noch aus dem Kran läuft. Aber wenn da so 'ne junge Hübsche 'rumhantiert in de Gaststube, das Kind auf 'n Arm, die proper und sauber angezogen ist, mit 'ne Schürze vor, und die gut aussieht und die sich een bißchen mit mir unterhält und die auch 'n Puff vertragen kann un mal auf een Witz 'ne freche Antwort gibt, die sich gewaschen hat, dann kommt mir zu Pfingsten das schalste Dünnbier von Ostern her noch frisch, wie eben gebraut vor. Und denn trink' ich noch mal soviel, weil es mir doppelt so gut schmeckt. Und dreimal so lange sitzen bleibe ich auch. Nee, nee, mit de Kupatten ist das nichts. Es ist höchste Zeit, daß hier wieder eine Frau in das Haus und in die Wirtschaft von Schmitzdorff kommt, sonst geht allens zurück!

Dann aber legte Schmitzdorff sich eine halbe Stunde doch aufs Ohr. Die Schweine, die beiden Pferde, die Hühner – er hatte noch mal eine Glucke gesetzt – waren ja versorgt. Der Stall gekehrt, der Boden in der Gaststube mit der »nassen Achte« gut gesprengt und mit weißem Sand beworfen. Und die Tische würde die Kupatten noch scheuern. Außerdem, solange sie noch etwas auf dem Teller hatte, blieb sie sicher da.

Nach dieser halben Stunde aber, die ihm erst bewies, wie müde ihn doch die Nacht gemacht hatte, begann für ihn der Tag wieder, der jetzt in der Erntezeit bis zum letzten Lichtstrahl dauerte und ein spätes »gute Nacht« nur kannte.

Und als dann der Tag herum war, die Leute von den Feldern heimgekommen waren, es dunkel geworden war denn der traurige, verkleinerte Mond war ja heute noch später aufgegangen und hatte erst eine ganze Weile, wie mit geröteten und verweinten Augen, in dem hitzedunstigen und vernebelten Horizont jenseits det Wiesen und des Wassers verweilt, ehe er nach oben seinen Weg in die Klarheit hinaufgefunden hatte, ohne daß er doch sich etwa so hoch hinaufgewagt hätte, wie gestern nacht er es getan als der Tag also herum war, da stieg wieder vorsichtig Schmitzdorff wie ein Dieb in seinem eigenen Hause hinten zum Fenster hinaus und ging über die Feldwege und an den heute frisch erstandenen Kornpuppen vorbei, zu dem Haus unter den immer noch sich bewegenden Pappeln am Fluß – das ja eigentlich nicht viel größer oder schöner war als das vom »Fischer un sine Fru«, von dem es im Märchen heißt, es wäre nicht größer als een Pißpott gewesen.

Aber das Häuschen lag sehr still und wie erstorben. Nicht einmal der Hund schlug an. Der Schwiegersohn, der rote Krüger, war auf dem Wasser draußen. Denn Nächte wie diese waren gut, Reusen zu heben und Netze auszuwerfen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich im Haus etwas rappelte und die kleine Sophie mit einem Wolltuch um die bloßen Schultern und einem Rock, an dem die Fetzen einfach so herunterklappten, aus der schiefen Tür kam. Früher wäre sie nie so gegangen, hätte sich das gleich genäht. Aber wer beim Lahmen wohnt, lernt hinken.

In dem melancholischen Mondlicht kam Schmitzdorff seine kleine Sophie, wie sie so in ihrer Abgerissenheit scheu und lächelnd vor ihm stand – ein Lächeln, das ihn immer zwang, ihre Backen zu streicheln –, gegen das stille, dunkle, mondbemalte Häuschen mit seinem tiefen Strohdach, etwas verändert vor. Aber er bekam nicht heraus, wie und worin das bestände. Jedenfalls sah sie nicht so frisch aus, aber fast noch erregender für einen Mann mit ihren heute ein wenig traurig und erstaunt schimmernden Eidechsenaugen, die nach den Schläfen zu viel breiter geöffnet waren als nach dem Nasenwinkel. Noch nie war sie ihm so ähnlich dem Fräulein Annemarie vorgekommen, nur, daß sie durchaus kein Seidenkleid heute trug. Weder eins mit Pagoden noch eins mit Ruinen und Brücken. Ihre sonst so frischen und roten Backen waren heute auch gar nicht rot und hatten fast die Farbe von denen des Fräuleins Annemarie, die keineswegs viel Blut in den Backen hatte. Vielleicht war das auch nur dieses fatale grünliche Spuklicht, denn noch vor wenigen Tagen hatte sie ja ganz anders ausgesehen.

Aber sie sagte auch, daß sie müde wäre, denn das Malchen hätte wohl wegen des Zahnes gestern eine unruhige Nacht gehabt. Und heute hätte sie es, weil es sonst keine Ruhe gegeben hätte, den ganzen Tag auf dem Arm herumschleppen müssen. Aber »Vater Christian« (mit einmal sagte sie »Vater Christian«. Woher nur? Vielleicht, weil ringsum niemand anders als so sagte) brauchte sich nicht zu beunruhigen. Sie hätte dem Malchen schon am vorigen Neumond ein Päckchen Petersilie und Hundehaare, die sie bei der Kupatten hätte besprechen lassen, in den linken Socken genäht. Und da bekäme Malchen sicher keine Zahnkrämpfe. Das hilft immer. Außerdem hätte sie die ersten drei Zähne ja ganz leicht, und ohne daß man es vorher gemerkt hätte, bekommen. Sie waren eben eines schönen Tages da.

Als ihr aber Schmitzdorff, und er kam sich sehr groß und sehr sieghaft dabei vor, von seinen Erfolgen in Potsdam erzählte – erst hatte er nämlich damit hinterm Berg halten wollen, aber nun floß er doch sogleich über davon – und sie küßte, sie ganz in seinen mächtigen Armen verschwinden ließ und ihr versicherte, daß sie nun doch in acht, spätestens vierzehn Tagen getraut würden, in Potsdam und gleich vom Hofprediger denn daß der König es nicht bewillige, das wäre, wie alle meinten – aber wer alle waren, hatte er Sophie nie verraten –, völlig ausgeschlossen; es wäre schon so gut wie erlaubt von ihm; er müsse nur noch sein F. R. 'runterschreiben da lächelte ihn die kleine Sophie nur etwas müde, aber doch sehr seltsam an und sagte: »Na, das wäre dann ja wirklich sehr schön, Christian aber ick glöw es man immer noch nicht.«

Und wenn Schmitzdorff in diesem Augenblick seine Ohren mehr gespitzt hätte, so hätte er vielleicht in dem Ton, in dem sie es sagte – denn es gibt so gewisse Dinge, die Frauen nicht gleich sagen, aber im Tonfall ihrer Worte doch nicht ganz verbergen können, vielleicht auch gar eicht verbergen wollen –, also im Ton der kleinen Sophie hätte er etwas hören können, was einen Mann, je nach der Lage der Dinge, sehr glücklich machen oder tief erschrecken kann, so daß all seine bösen Instinkte wach werden. Aber Schmitzdorff war noch viel zu sehr bei seinen Pastoren und bei seiner fixen Idee, als daß er auf so feine Tonuntermalungen geachtet hätte. »Ja«, sagte er, »dem alten Schlieker, dem Stabernack hier, dem gebe ich keinen Silbergroschen mehr zu verdienen, und wenn ich auch alle unsere Kinder zum Taufen durch den dicksten Schnee bis in den Dom nach Brandenburg schleppen müßte. Der Mann hat ja bloß die ganze Sache angezettelt. Was braucht der sich darum zu kümmern, daß du meine Stieftochter bist.«

Und die kleine Sophie, in dem alten Rock, von dem die Fetzen hingen, und mit dem Tuch über die Schultern, hob – denn die Arme konnte sie schwerlich heben, da sie von denen Schmitzdorffs fest umschlossen waren – zu dem schwerfälligen Mann mit der Narbe über dem Auge ihren Kopf, wenigstens ihren Kopf, legte ihn etwas ins Genick zurück und reckte den Hals empor, um den breiten, überstoppelten Lippen damit mehr entgegenzukommen.

Und in ihren weit aufgerissenen Eidechsenaugen, die der Mond aufschimmern ließ – aber man wußte nicht, kam dieser grünliche Glanz, dieses Phosphoreszieren, vom Mondschein, oder flimmerte es aus der Tiefe der Augen selbst auf (doch es werden wohl beide den gleichen Anteil daran gehabt haben!) –, aus diesen Augen kam ein halb trauriger, halb glücklicher Blick hoch, untermischt mit einem ganz leichten Schimmer einer ironischen Überlegenheit, wie ihn ein Schicksal gibt – bei zwei Wesen, die sich zugetan sind –, das das eine allein tragen muß und das andere doch nicht mittragen kann. Und dieser Blick setzte Schmitzdorff plötzlich in Verwirrung. Aber er verstand ihn nicht, oder er verstand ihn falsch. Er hatte erwartet, daß in diesem Blick jetzt nur Freude stehen könnte, darüber, daß nun endlich all die Schwierigkeiten ein Ende haben sollten. Aber, meinte er bei sich, sie hätte wohl das im ersten Augenblick nicht so ganz erfaßt; sie hätte ja auch von je ihre Freude nicht so recht zeigen können. Das läge mal an ihrem ganzen Wesen. Nachher würde sie schon anders sein.

Und doch blieb dabei die kleine Sophie mit ihrem Blick, den Schmitzdorff nicht zu deuten verstand, ganz in ihrem Märchen vom »Fischer un siner Fru«. Denn dieser Blick hätte ihm, der davon träumte, wie er selbst durch den dicksten Schnee bis in den Dom nach Brandenburg seine zukünftigen Kinder zur Taufe tragen würde, sagen können weiter nichts hätte er ihm sagen können als: »Geh man nach Hause, du bist schon König!«

Aber da Schmitzdorff ihren Blick nicht verstand, schwieg die kleine Sophie eben.

Denn wenn einer Frau die Pforten des Lebensmysteriums sich geöffnet haben, so muß es wohl so sein, daß sie zuerst verstummt und ihre beängstigende und beseligende Erregung allein tragen will; und es dauert stets eine ganze Zeit, bis sie dem Partner ihres Schicksals flüsternd davon Nachricht zu geben wagt.

Aber plötzlich kam aus der Mondscheinhütte ein leise quengelndes Gewimmer, so wie ein Kind im Schlafe leise vor sich hin jault, wenn es sich noch nicht entschließen kann zu erwachen ... schlich sich ganz zart erst durch die Ritzen und Spalten des windschiefen Häuschens ins Freie hinaus.

Schmitzdorff hatte es ganz überhört, aber die kleine Sophie horchte auf und lauschte mit angehaltenem Atem und halboffenem Mund zu dem Haus hinüber und wand sich dabei mit leichten Schulterbewegungen ganz allmählich aus Schmitzdorffs Armen. Das Quengeln und Wimmern wurde gemach lauter und lauter, und plötzlich schlug es in ein grelles Geschrei und ein zorniges Weinen um, das selbst Schmitzdorff weder überhören noch mißdeuten konnte. Es hieß: Aber was ist denn das für eine Art plötzlich, hört ihr denn nicht? Ich habe Zahnweh. Ich befehle, daß man mich hochnimmt und so lange herumträgt, bis ich darüber hinweg bin und wieder einschlafe. Aber etwas schleunigst, wenn ich bitten darf! Sonst brüll' ich, daß euch das Trommelfell platzt. Ich mache das ganze Haus rebellisch. Ich will doch mal sehen, wer hier regiert! Ihr oder ich? Denn so Kinder sind von herrischer Art; und je kleiner sie sind, je hilfloser sie scheinen, desto herrischer sind sie. Und die Schwachen sind immer stärker als die Starken.

Und die kleine Sophie lehnte sich noch einen Bruchteil einer Sekunde an Schmitzdorff, streifte noch einen Bruchteil einer Sekunde seine bestoppelten Lippen mit ihrem weichen Mund; und dann glitt sie in die windschiefe Tür hinein, denn ihre Herrin wurde schon von Augenblick zu Augenblick ungeduldiger.

Schmitzdorff aber stand noch eine ganze Weile in der Mondnacht und sah auf die Tür, hinter der beruhigendes Geplapper und der Singsang der kleinen Sophie und das langsam verdämmernde Gewimmer von Malchen miteinander Zwiesprache hielten und es wurde ihm sehr schwer, sich endlich umzudrehen und langsam und allein – und das war wohl das, was ihm so schwer wurde – wieder durch die Wiesen, Kartoffeläcker und an den gemähten Roggenfeldern dahin, auf die die Strohpuppen im Mondschein ihre ganz schwarzen und ganz scharfen Schatten legten, nach Hause zu hinken. Und er zögerte eine ganze Weile, bis er hinten den angelehnten Fensterflügel aufstieß, weil er Angst vor der Einsamkeit seines Hauses und seines Bettes hatte.

Und ein Tag schob sich wieder in den andern. Das kleine Malchen lachte und krähte genausosehr den ganzen Tag über, als der vierte Zahn durch war und breit und für sich in dem roten Zahnfleisch stand, wie sie die ganze Nacht geschrien hatte, als er dies eben noch nicht war.

 

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