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Grenadier Wordelmann

Georg Hermann: Grenadier Wordelmann - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleGrenadier Wordelmann
publisherDas Neue Berlin
printrun2. Auflage
editorBernhard Kaufhold
year1976
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131104
projectidc4bf36ee
wgs9110
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Langsam, je mehr Schmitzdorff sich von der Stadt entfernte und deren Ausstrahlungen ihm immer weniger spürbar wurden und je weiter die wenigen noch in die Landschaft eingestreuten Häuser und die Wanderer, die es weniger eilig hatten, ans Ziel zu kommen, und die Soldaten, die bei Trommeln und Querflöten in kleineren Trupps und größeren Abteilungen ausrückten (denn jetzt ging es auf die großen Manöver schon zu, und es gab scharfen Dienst) je mehr all das hinter ihm zurückblieb und je selbstsicherer Himmel und Wasser, Wälder und Felder wurden – Heidekraut, Ginster und magere Birken, die bunten Flecken von Hauchhechel, Thymian, gelbem Mauerpfeffer und rotem Ampfer im weißen Sand, über denen ganze Wölkchen blauer Falter spielten, so viele waren es –, je höher Schilf und Quecken auf den Sumpfwiesen sich aufreckten, je kümmerlicher die Dörfer und die einzelnen Weiler wurden desto mehr fühlte sich Schmitzdorff in seiner Welt wieder.

Selbst die vielen Maulbeerplantagen und die Weinstöcke weit drüben an einem Hügelrand und die Obstgüter und die neue Art, hier die Äcker nicht jedes dritte Jahr brachliegen zu lassen, hatten ihn zuerst gestört. Das gehörte nicht hierher. Hatte keine Aussicht. Es war früher nicht gewesen, und es brauchte später auch nicht zu sein.

Aber solch ein schwelender Harzduft, der aus einem Kiefernwald, der von Hitze und Sonne ordentlich zerfressen war, auf die Landstraße herausschlug, der gehörte hierher. Und diese Lohe feuchter Eichenwälder, Jagen und Gestelle im Holzschlag, so lang und so schnurgerade und verwachsen, daß man hinten den hellen Fleck der Wiesen nach Nauen und Paretz herüber nur noch ahnen konnte das gehörte hierher. Und Sümpfe, die weglos waren, von den Wildschweinen schwarz zerwühlt, und über denen sich nur der Kiewitt in der Sonne jagte, das gehörte hierher. Große Wälder, in denen man sich verlaufen konnte, und stundenlange Feldwege, auf denen man keinem Menschen begegnete, bis man wieder zu einem andern kleinen Dorf von zwanzig Häusern kam das gehörte hierher. Die zitternde blaue Einsamkeit des Himmels über allem endlos nach allen Seiten ja, bei der fühlte man doch, daß es so immer gewesen war. Und der Fluß, so breit und so träge, blau oder grau und still und tückisch, wie ein Wegelagerer, mit Schilfgürteln, die weit in den Schlamm hinauswuchsen und so dicht waren, daß man kaum mit dem Kahn hinein konnte und die vielen Buchten ... und die runden Seen im Feld und die mitten im Wald, mit hineingestürzten Bäumen im Moorboden, die Seen, die kaum einen Namen hatten, oder deren alte Namen man schon lange wieder vergessen hatte das gehörte hierher! All das andere war ja doch nur aufgepfropft, wie eine Quitte auf den Weißdorn. Und wenn die Quitte einging, wuchs eben der Weißdorn wieder, als ob es nie solch ein Ding wie eine Quitte gegeben hätte.

Eines nach dem andern kam heran und blieb hinter Schmitzdorff zurück: Alt-Geltow und Phöben und Gollwitz und Großkreutz, Jeserig, Kolin und Plötzen. Schmitzdorff rastete kaum. Wie gut er noch trotz der Kugel im Schenkel vorwärts kam. Nur eine halbe Stunde verschlief er in der Mittagshitze in einem Eichenwäldchen. Und im Krug von Gollwitz, bei Knochenmuß – denn das war sein bester Freund, und da konnte er doch nicht so vorübergehen –, aß er eine Scheibe Pökelfleisch aus der Tonne und einen Teller Hechtsuppe. Denn Knochenmus hatte gerade in der Nacht einen kleinen See abgefischt, um den sich lange Zeit niemand bekümmert hatte. Und der eigentlich auch keinem gehörte. Nämlich dem Fiskus.

»Na, alter Schmitzdorff«, meinte Knochenmus, nachdem er die erste Freude ob seines unerwarteten Gastes nur mühsam, aber wortreich unterdruckt hatte, während er ihm ein schales Dünnbier vorsetzte (das gab's in Potsdam nun wieder nicht, dachte Schmitzdorff). »Menschenskind, wozu jehste eigentlich in deinem besten Sonntagsstaat auf die Walze? Du bist wohl wieder auf Freiersfüßen, Christian? Ich verstehe das: Na ja, du brauchst doch 'ne Frau. Wat brauchst du denn immer alleine ins Bett zu liegen? Nicht wa? Und wenn du deine Ökonomie versorgst, muß einer in' Krug sein. Und wenn du wieder in' Krug bist, muß eener nachs Vieh sehen können. Und die Sophie wird doch nu auch nich mehr ewig bei dir bleiben. (Früher war das was anderes. Nicht wa?) Ich habe so etwas gehört von dem Karle Winkelmann. Na – wenn er ihr noch mit des Kind, das doch nicht von ihm ist (nicht wa?), will des wäre ja doch sehr schön. Zieht sie sich denn schon lange mit dem 'rum?«

Wirklich, Hermann Knochenmus war der treuste Freund von Schmitzdorff vom Militär her. Und in all den Jahren war er nie an Schmitzdorffs Krug vorübergegangen. Und er hatte auch jetzt die Hand auf Schmitzdorffs Schulter und sprach sehr warm und biedermännisch in ihn hinein. Aber aus Schmitzdorff bekam er nichts heraus: »Soso«, sagte der nur, »den Karle Winkelmann! Na, das habe ich mir lange schon so gedacht!«

Aber Schmitzdorff hätte Hermann Knochenmus auch nicht viel Neues sagen können, denn was da in Wust passiert war, und daß der Schulze Lier ihn hatte kommen lassen und daß der Gendarm die Sophie samt ihrem Bankert mit Schimpf und Schande von ihm fort und zu ihrer Schwester, der Krüger, gebracht hatte, wußte er schon mit allen Einzelheiten seit gestern abend um sechs. Er sah jedoch gar nicht ein, der Hermann Knochenmus, wozu er sich das anmerken lassen sollte.

Schmitzdorff aber stand hastig auf und entschuldigte sich, daß er weiter müsse. Er wäre nur in einer Erbschaft etwas über Land gewesen und wollte nicht so spät heute wieder heimkommen. Er wußte genau, daß der andere es ihm ebensowenig glaubte, wie er auch nur ein Wort von dem geglaubt hatte, was jener gesagt hatte. Immerhin hatte es ihn doch erschreckt, daß alles schon bis hierhin durchgesickert war.

Eigentlich fürchtete er sich vor dem Heimgehen, dem Nachhausekommen, und das verzögerte manchmal seinen Schritt. Denn in so ein ganz stilles Haus treten, in dem keine Seele ist, wenn man die Tür aufschließt – nur der Hund, den er an die Kette gelegt hat, wird draußen auf dem Hof in seiner Hütte winseln (vielleicht hat ihm keiner Futter gegeben seit gestern nacht, aber er hatte ihm ja noch genug Kleie und Knochen in den Holznapf geschüttet, doch damit würde er gewiß längst fertig geworden sein) –, ja, und in dem sonst alles leer und dunkel ist, so etwas ist sehr häßlich und tief bedrückend. Wenn das lange Zeit so ginge, würde er verkaufen und abhauen, irgendwohin, ganz gleich, vielleicht bis nach Amerika zu den wilden Hindianern. Ihm wäre das doch hier vergällt. Wenn er allein bliebe, hielte er, Christian Friedrich Schmitzdorff, den Krug nicht weiter. Gerade für einen Krug findet man schon immer einen Käufer. Wirt will jeder Bauer gern werden. Weil er denkt, er muß dann den Fusel und das Dünnbier nicht bezahlen, das er trinkt. Richtig: Er braucht nicht immer in den Sack dabei zu greifen. Aber schenken tut es ihm auch niemand.

Und doch trieb es ihn stets doppelt hastig weiter, wenn er ein Stück gezögert hatte, an Weidenwegen vorbei und durch Erlenbrüche und halbverwachsene Feldwege, die abkürzten, der sinkenden roten Sonne nach, um noch ja vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause zu sein. Denn er hatte eine schmerzhafte Sehnsucht nach Sophie; und wie es ihr ergangen war ob sich die Menschen in Wust sehr die Mäuler zerrissen ob der Fischer Krüger, sein Schwiegersohn, sie auch nicht etwa schlecht behandelte (Dann nehme ich sie gleich fort von ihm. Komme, was mag!) Es schien ihm, als ob er Sophie überhaupt seit vier Jahren nicht mehr gesehen hätte. Und nach dem Kind vielleicht hatte ihm überhaupt sein Malwinchen noch mehr gefehlt die ganzen sechsunddreißig Stunden lang!

Vorher hatte er's vielleicht gar nicht in den letzten Jahren so gemerkt, daß die Sophie und das Kind immer bei ihm und in ihm da war. Aber nun, da sie's nicht mehr war, war an dieser Stelle, wo sie beide gewesen, eine große und beklemmende und unerträgliche Leere nur. So muß einem Operierten zumute sein, dem sie ein wichtiges Organ herausgenommen haben. Vorher hat er oftmals gewiß gar nicht gewußt, daß er es besaß, ist sich gar nicht des Vorhandenseins bewußt gewesen. Aber jetzt, von jetzt an, wird er nie mehr vergessen, daß er es nicht besitzt. Und das Nichtmehrsein wird ihn ständig begleiten.

Rechts weit drüben stand, wie aus schwarzem Papier geschnitten, die Stadt Brandenburg mit massiven Toren und Türmen im rotsprühenden Himmel. Und hinten zwischen den weiten Wiesen und den silbernen Kropfweiden mit zerplatztem Holz duckten sich schon die schmalen Häuserreihen von Wust in das Abendrot hinein. Und drüben, dahinter, leuchteten wieder weite, nelkenfarbene und kupferrote und blau von Reflexen des Zenits durchspielte Wasserflächen, vor denen im Abendwind das grüne Schilf wogte.

Deutlich erkannte Schmitzdorff schon sein Haus. Es war mitten drin. Rechts von dem dicken, kurzen Kirchenturm von Wust, der mehr zu einer Burg als zu einer Kirche zu gehören schien, hatte es als einziges ein Ziegeldach. Wenigstens zur einen Hälfte. Hinten nach den angebauten Stallungen war es wie die andern nur Dachstroh, vergrünt und mit dicken Polstern von Hauslaub, das bald wieder seine Blütenstiele, wie Fleisch so fett und rosig, aus den Blattpolstern heben würde. Es sollte das Haus schützen, wie das Hufeisen an der Schwelle, und seinem Besitzer Glück bringen. Bisher hatte er nicht viel davon gemerkt. Ja doch ! Er hatte schon viel und großes Glück gehabt in diesem Haus. Da unten, in sich drin, wußte er es besser.

Auf der Dorfstraße spielten nur ein paar verspätete Kinder, die auf einem Brettchen, das sie singend nachzogen, eine tote Ratte beerdigten. Und ein paar Hühner konnten den Weg zum Stall noch nicht finden. Die Enten und Gänse waren dabei, den Dorfteich zu verlassen, und zogen in kleinen Trupps, die Köpfe gehoben und schnatternd, eins hinter dem andern, nach allen Seiten fort, um nach Hause zu watscheln. Es war wie eine Truppe, die ringsum Wachen für die Nacht ausstellen wollte und die nun nach allen Seiten abmarschierten, um ihre Posten zu beziehen. Nur, daß kein Heer zurückblieb, sondern der schwarze, vom Himmel rot angeleuchtete Tümpel, auf dem wie kleine silberne Boote zahllose weiße Federchen trieben. Die Linde auf dem Dorfplan blühte hier auch. Aber entweder war es keine so vornehme Linde wie die in Potsdam und in seinen Alleen, oder ihr Duft machte sich, da ihm an Dörflichkeit zuviel entgegenstand, weniger bemerkbar.

Das Haus schien Schmitzdorff leer und finster. Dabei war es noch gar nicht dunkel eigentlich. Es wurde ja in dieser Zeit überhaupt nicht ganz dunkel. Man hätte recht gut überall genug sehen können. Aber Schmitzdorff schien es, als ob mit jedem neuen Raum, den er betrat, die Nacht um eine halbe Stunde älter wurde.

Als er die Gaststube aufgeschlossen hatte, ging es noch an. Sie war leer, und die gebauchten Flaschen standen mit ihren Namenschildern bunt und in einer Reihe über dem Schanktisch, und die offenen Seidel mit den lustigen Sprüchen und den Zinndeckeln hingen, Kopf nach unten, über dem Gläserbrett. Der Holzschemel um den Eichentisch und die Bank am Ofen schienen die ganze Zeit auf Gäste gewartet zu haben, und nun gähnten sie. Denn nichts macht so müde wie nutzloses Warten. Aber der Sand auf den Dielen knirschte unter Schmitzdorffs Schuhen halb mürrisch, halb spöttisch, ganz anders als sonst. Im Wohnzimmer jedoch schien es so finster, daß in jeder Ecke einer hätte hocken können. Und auf dem Flur hinter dem alten Kienschrank stand jemand. Man hätte ihn gestoßen beim Nähertreten sofern er dagewesen wäre. Die Schlafkammer endlich schien wie mit einem braunen Rauch angefüllt zu sein, aus dem sich das ungemachte und umgewühlte Bett, wie Schnee um Mitternacht phosphoreszierend, nur noch mühsam hervorquälte.

Vielleicht jedoch erschien Schmitzdorff das alles nur so, weil der Hund draußen an der Kette, weil Karo groß und schwarz und zottig wie ein Bär, tapsig mit dicken Pfoten und Schlackerohren mit langen Fransen, die ihm immer über die braunen Bernsteinaugen fielen weil er den Karo schon von fern aus dem Hof heraus hatte winseln hören wie eine Seele im Fegefeuer, als der seine ungleichmäßigen Schritte (und die unterschied Karo schon weither von allen andern – eben dieses Tipp-Tapp) auf der Dorfstraße hatte aufklingen hören.

Und nun, da Karo ihn im Haus spürte, hatte er so herzzerreißend zu jaulen begonnen, daß sogar hie und da die Köpfe der Nachbarinnen hinter den kleinen Fensterflügeln, die das ganze Jahr nicht geöffnet wurden, sich gegen die Scheiben gedrückt hatten. Denn dieses Haus da drüben und alles, was da geschah, war ihnen seit gestern plötzlich unerhört beachtenswert geworden.

Aber als Schmitzdorff, nachdem er für seinen weißen Staatsrock und die rote Weste mit den Silberknöpfen sich einen alten blauen Fuhrmannskittel übergezogen hatte, auf den Hof ging, Karo loszubinden von der Kette, da klang kein Vorwurf mehr in dem Jaulen Karos. Und kein wilder Hunger. Den hatte er vergessen im Augenblick. Keine Spur war mehr in ihm von dem Schmerz und der Wut über die Mißhandlung und Kränkung, die man in den letzten vierzig Stunden ihm zugefügt hatte. Sondern nur Freude, nur Dankbarkeit, nur eine namenlose Beseligung darüber, daß diese letzte und erste, nicht zu ertragende Einsamkeit seiner Hundeseele jetzt endlich ein Ende gefunden hatte und von nun an, in alle Zukunft, sein großer und allmächtiger und kluger und starker Menschenbruder wieder bei ihm sein sollte.

Karo sprang, der Kette ledig, an Schmitzdorffs Fuhrmannskittel hoch und riß ihn fast um. Weil er ihm immer wieder mit der lappigen und triefenden Zunge über das Gesicht fahren wollte oder doch wenigstens seinen ganzen Kopf samt Bernsteinaugen und Schlackerohren ihm auf die Schulter legen mußte. Wo gehörte der sonst hin?

Schmitzdorff fuhr Karo mit ausgespreizten Fingern in die schwarzen Zotten seines Halses, um ihn von sich fortzudrücken, ohne daß er das jedoch über sich brachte. »Wollte Gott«, empfand er, auch wenn er sich das kaum wörtlich sagte, »wollte Gott, daß sich jemals ein menschliches Wesen so mit mir wieder gefreut hätte, wenn ich mal achtundvierzig Stunden von ihm fortgewesen bin.«

Doch im Haus duldete es ihn nicht, weil es so voll von Dämmerung und Stummheit war. Nicht voll von Stille: Stummheit. Denn alles hätte ja hier sprechen können aber es sprach eben nicht. Und so setzte Schmitzdorff sich die Tiere hatte sein Schwiegersohn, der Krüger, sogar besser versorgt, als er geglaubt hatte; bis morgen früh war da nichts für ihn mehr zu tun setzte er sich, weil ihn das Haus beängstigte, allein vor in das Gärtchen, das wie ein Regenbogen so vielfarbig war, nur nicht in so übersichtlicher Ordnung. Denn es war bunt von Pantoffelblumen und von Lavendel. Von Skabiosen und von Stiefmütterchen. Von Eisenhut und von Rittersporn. Von Bartnelken und von Gartenmohn. Studentenblumen und Zinnien. Von Amarant. Und von roten und weißen Lilien, die alle um eine runde Bank durcheinander wuchsen, hinter einem kleinen Zaun auf ein paar Dutzend Quadratschuhen von schwarzer Gartenerde. Ordnungslos, wie und wo jedes nur Platz fand, aber schön.

Karo, der Hund, jedoch lag dunkel und wollig vor ihm, den Kopf warm über seine Füße gelegt. Als ob er damit sagen wollte: Deine Füße gehören jetzt mir; heute sollen sie nicht mehr von mir fortgehen.

Nein, nein fürs erste mußte Schmitzdorff jetzt ja doch noch hierbleiben. Denn wenn er jetzt wieder fortlief, würde man ihm sicherlich gleich wieder nachspionieren, wo er hinginge. Und morgen würde das schon bei seinem Feind, dem Schulzen Lier, sein.

Und doch, trotzdem alles in die nur langsam einfallende, nur unwillig sich verstärkende grüne Dämmerung fast zornig hineinleuchtete, trotzdem gerade in dieser Stunde diese ganze durcheinanderquellende Blumenbuntheit wieder aufleuchtete und mit doppelter Kraft jetzt ihr Farbenfeuer versprühte – denn nun war ihre Stunde, in der sie in der eigenen Glut sich gleichsam verzehrten –, niemals, solange er es kannte, war Schmitzdorff bisher sein Gärtchen so verwunschen und fremd vorgekommen.

Wenigstens so lange mußten er und Karo hier warten, bis man glauben konnte, daß alles im Ort schliefe und daß nicht mehr hinter ihm hergespäht würde. Ab und zu kam noch eine Frau oder ein Bauer von der Feldarbeit heim mit einem Schubkarren voll von Grünfutter und einer Sense darin. Sie nickten ihm zu, warfen ein Wort über den Zaun. Aber in den Krug kam heute niemand. Auch war jetzt Sommer, und da brauchte man nötig die paar Stunden Schlaf zwischen Abend und Morgengrauen. Aber nachher würde er dann abschließen und heimlich sich fortschleichen und den Feldweg zu seinem Schwiegersohn, dem Fischer Krüger, nehmen, der etwas abseits nach dem Wässer zu, wie das sein Gewerbe verlangte, seine Kate hatte.

Und dann kam so die Zeit, in der, wie es in der Schrift heißt, man nicht mehr einen Hund von einem Wolf unterscheiden kann. Und Schmitzdorff sperrte ab, ließ den Karo im Hof laufen, warf den trotz häufiger Auffrischungen ramponierten Strauß, das Herz mit dem Gardestern und die Stange mit den Schoten und Kirschen hinten durch das Fenster voraus und stieg dann bei sich selbst, in seinem eigenen Hause also, wie ein Dieb hinterher. Und dann schlich er – sich umsehend, ob es auch niemand bemerkt hatte und ihm zu folgen sich anschickte – ängstlich an seinem Küchengarten, aus dem es nach Dill und Majoran und Borretsch und Minze duftete, vorbei und auf dem Feldweg in die Nacht hinaus.

Aus dem Gemeindebackofen, der dicht von Unkraut umwuchert und von Brennesseln umstanden war, zog so ein Schwaden von dem ersten warmen Brotduft durch die halbe Finsternis ihm in die Nase ... Wie ja des Nachts alle Düfte stärker werden, weiter tragen und gleichsam erst erwachen.

Der Himmel, der den ganzen Tag über ihm wie ein blankes, blaues Schild gehangen hatte, war nun eine Glocke, die an allen Seiten auf dem Land aufruhte. Und die wenigen hellen Sterne, die wie Solitäre in sein Nachtblau und Grün eingelassen waren, waren überall gleichmäßig auf ihm verteilt, von der größten Kuppelhöhe bis zum tiefsten Himmelsrand. Keine Heugabel, keine Sense, von letzten Heimkehrenden geschultert, schwankte mehr auf fernen Feldwegen gegen den Lichtstreifen im Westen. Oder im Korn, das wie in einer leisen Dünung zu dem hellen westlichen Himmelsstreifen hinfloß. Im halbgepflügten Winterfeld stand nur ein Pflugschar mit emporgekehrtem Sterz, auf dem ein Paar Krähen schliefen. Oder war es ein Bussardpärchen? Eine Wachtel gluckste, halb im Schlaf gewiß, Schmitzdorff ganz leise sein Pickewick zu. Und ganz weit drüben schlichen in feinen Schattenzügen am Feldrand vor den wogenden Halmen Rehe vorbei, daß Schmitzdorff nur ihre Köpfe mit den lauschenden Ohren und den gezackten Geweihen gegen den hellen Horizont vorüberspielen sah.

Unter den drei dünnen Pappeln, die, bis zur Hälfte in dem Schleier von Nebel, aus der feuchten Niederung mit ihren starren Zeigefingern gen Himmel wiesen, dort, wo die Weidenketten anfingen und das Schilf von Jahr zu Jahr mehr ins Land hineinrückte, war, ziemlich versteckt, die Kate vom Fischer Krüger, seinem Schwiegersohn, der doch nun wirklich und wahrhaftig gar nicht sein Schwiegersohn war. Und es, wie Schmitzdorff sich heute sagte, ja eigentlich nie gewesen war.

Fischer Krüger war, als er den Hund anschlagen hörte, mit einer Laterne vor die Tür getreten. Er war ein breiter, ehrlicher Mann mit dichtem rotem Schopf, einem roten Vollbart – ein roter Esau – und mit viel Sommersprossen in dem geraden, großgeschnittenen Gesicht, auf den Händen und den bloßen Armen und den behaarten Beinen (denn er hatte nur ein Hemd an, das am Hals offen war, und Kniehosen mit einer beinernen Schnalle am Körper), mit so viel Sommersprossen, daß sicher nicht viel neue Platz gefunden hätten.

»Na, Vater Christian«, sagte er freundlich und blinzelte Schmitzdorff aus seinen ganz wasserblauen Augen an, die aus dem rotscheckigen Gesicht wie ein Enzian aus einer Moorwiese plötzlich ganz unvermutet herausblickten, »wat haben Sie denn nu so in de Residenz von unsern König erwirkt?«

Denn Schmitzdorff war für ihn eine Respektsperson, und deshalb wollte es die Sitte, daß er »Sie« zu ihm sagte, ebenso wie die Kinder zu den Eltern, trotzdem Krüger kaum zehn Jahre jünger war als Schmitzdorff. Früher hatte er eigentlich immer und nie anders als »du« zu ihm gesagt; aber als nun seine erste Frau gestorben war und er die Anna Kühlbrodt dann geheiratet hatte, von dem Augenblick an hatte er plötzlich begonnen, »Sie« zu ihm zu sagen. Weil sich das so schickte.

»Dadadrüber darf ich mit dich noch nicht sprechen«, raunte ihm Schmitzdorff geheimnisvoll zu, »aber es wird allens sehr jut!«

»Na – un wat haben Sie denn for die Bittschrift in die ›Zwei Hechte‹ dem Aktuar zahlen müssen, Vater Christian?«

»Das tut man nicht mehr ... das sieht er sich gar nich an, der Olle. Da machen immer Freitag « – Hatte der Grenadier Johannes nicht erst Donnerstag gesagt? schoß es ihm durch den Kopf – »Freitag nachmittag um fünfe die Leibgrenadiere ihre Fidibusse draus, wenn se bei'n König zum Tee eingeladen sind.«

Der Fischer Krüger schüttelte im Schein der Laterne langsam seinen großen, rothaarigen Kopf. »Na, Vater Christian«, sagte er sehr ruhig, »ick glöw det all nicht.«

Aber Schmitzdorff ging gar nicht auf seine Zweifel ein. »Ja, man muß eben persönliche Fürsprache bei ihm haben, verstehste mich, Krüger? Und die hab' ich eben jetzt. Es kostet Geld! Harte Talers. Ja, die kostet es! Aber es wird denn auch. In zwei Wochen wird es. Denn jetzt ist er ja überhaupt gar nicht da. Gerade jestern is er weggefahren zur zur Respektion aber sowie er zurück ist, da ist das das erste, was er erledigen tut. Das ist mir fest zugesagt worden von alle.«

»Jott, Vater Christian«, sagte der Fischer wieder und knabberte an seinen Nägeln, denn er war kein Redner, das fiel ihm schwer. »Ick wünsch' Ihnen jewiß alles Jute dazu. Aber ick fürchte, so wird det nich jehn!«

Daß gestern noch einmal der Schulze Lier bei ihm gewesen war – und sein Schwager Eue hatte ihm das auch gesagt! – und ihm eingeschärft hatte, ja nicht die Sophie und ihn zusammenkommen zu lassen (denn es würde nie bewilligt werden, wie er wisse), das behielt er für sich. Was ging ihn das an? Er brauchte es ja nicht zu wissen. Er dachte gar nicht daran, seinem Schwiegervater das Haus zu verbieten. Und anbinden konnte er die Sophie doch auch nicht: So etwas gibt nur Streit in de Familie!

»Na, und was macht denn die Sophie?« fragte der Schmitzdorff, und er glaubte es sehr unbefangen zu tun, befolgte aber nur schlecht – wenn auch ohne ihn zu kennen – den Rat des Edgar aus dem »Lear«: Laß nicht das Knarren deiner Schuhe noch das Rascheln der Kleider dein armes Herz den Weibern verraten! »Wie is ihr denn so die ganze Zeit über gewesen? Und hat Malwinchen sich gut hierher gewöhnt? Oder hat sie die Nacht noch sehr geschrien?«

Aber der rote Fischer schwieg eine ganze Weile. Nicht, weil er Böses zu melden hatte, sondern einfach, weil er es nicht wußte, da er die ganze Nacht auf dem Wasser bei den Aalreusen gewesen war.

Ach ja, die Sophie, seine Schwägerin, die hätte wohl zuerst geweint, weil alle Leute zugesehen hatten, wie der Gendarm sie abgeholt und hierhergebracht hätte. »Aber Frauen weinen leicht, und sie lachen leicht. So sind se, Vater Christian. Jetzt ist sie schon wieder, wie sie immer war. Man merkt ihr gar nichts an.«

»Ach«, sagte Schmitzdorff zaghaft, »ich hätte ihr ja doch verschiedenes zu bestellen, was ich heute in Potsdam erreicht habe. Und wie das nun so eigentlich werden soll mit uns.«

»Ja«, zog sich der rote Fischer nötig und verlegen die Worte aus dem Mund, »ick mein' all: se kommt schon. Sie hat sich wohl nur noch 'ne reine Schürze von meine Frau geben lassen, und da probt se nu schonst die janze Zeit 'rum, keine ist ihr fein genug, weil sie Sie vorhin schon hat kommen sehn. Ick wer' se Ihnen man holen gehen, Vater Christian ... Un von mir aus könnten Se ja auch ruhig ins Haus bei sie bleiben die Nacht.«

Fischer Krüger war ein gerader Mann und sagte ohne viele Umschweife das, was er meinte.

»Ja, det können Se von mir aus aber draußen in 'n Angelkahn oder ins Heu, da können Se sich ja auch so zufällig mit sie getroffen haben, begreifen Se, Vater Christian? Und se können mir denn nachher keine Ungelegenheiten mit machen, wenn's aufkommen tut. Das hat mir der Schwager Eue auch so geraten.«

Das war sicherlich die erste Unwahrheit, die der Fischer Krüger an diesem Tage gesagt hatte. Weil erstens der Fischer überhaupt wenig redete und weil fürder er viel zu schlicht war, um sich Dinge zu erfinden. Der Schwager Eue hätte aber sicherlich nichts Eiligeres zu tun gehabt, als das dem Schulzen zu hinterbringen, wenn er gewußt hätte, daß die Sophie und der Vater Christian bei dem Fischer zusammenkämen.

Aber das war auch die letzte Unwahrheit des Fischers Krüger an diesem Tage. Denn mit diesen Worten tauchte dämmerhaft im Laternenschein und im zagen Himmelslicht Sophie in der windschiefen Tür des niedrigen Hauses auf, das von dem offenen Herdfeuer, das seit hundert und mehr Jahren durch die Tür abzog, angeschwärzt wie ein Kohlenmeiler war. Der Fischer Krüger jedoch streckte dem Schmitzdorff seine braunfleckige Rechte hin und sagte nichts als »Na, denn ooch jute Nacht, Vater Christian« und ging an Sophie vorbei ins dunkle Haus hinein und zog die Tür hinter sich ins Schloß.

 

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