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Grenadier Wordelmann

Georg Hermann: Grenadier Wordelmann - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleGrenadier Wordelmann
publisherDas Neue Berlin
printrun2. Auflage
editorBernhard Kaufhold
year1976
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131104
projectidc4bf36ee
wgs9110
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Wir glauben immer, daß die Geschichte die Welt ändert. Aber sie ändert sie nicht. Meer und Land bleiben Meer und Land in immer gleichen, kaum gegeneinander verschobenen Grenzen. Und so wenig, wie sich Meer und Land ändern, ändert sich in ihren Grundformen die menschliche Seele. Ihre Jahreszeiten und Farben wechseln nur. Aber dieser Wechsel bleibt sich gleich in ewiger Wiederkehr. Genau wie dort, da auch einmal auf einen heißen Sommer ein kalter Winter folgt und ein anderes Mal vielleicht auf einen feuchten, milden Winter ein verregneter, kalter Sommer.

Und immer sind es die gleichen Menschen unter den gleichen unabänderlichen Gesetzen, die wir nicht kennen, denen wir folgen und die stärker sind als wir. Erst laufen sie noch halb nackt umher, kriechen des Nachts in Erdhöhlen und kauern sich in den Wäldern auf trockenem Laub eng aneinander, um sich zu wärmen. Dann hüllen sie sich in Felle. Aber sie bleiben die gleichen.

Und dann beginnen ihre Frauen mit groben Fingern zu spinnen und zu weben und zu flechten, schaffen sich Matten, darauf zu liegen, und Stoffe, sich darein zu hüllen. Aus Lehm und Ton formen sie Gefäße. Feuersteine fälschen sie in Waffen um, in lange Messer, gebogene Pfeilspitzen, Beile und schmiegsame Handkeile. Sie haben Bogen und Lanzen und Schwerter, machen Fallgruben und jagen, lernen Angeln, Fischen und Reusen legen. Sie kämpfen gegeneinander um Frauen. Um Sein und Nichtsein mit Wölfen und Bären, Elchen und Auerochsen, bis sie Sieger bleiben und jene vernichtet, von dem alten Boden verschwunden sind. Sie lernen den Biber im Bau fangen und die großen Wasservögel, die Reiher und Dommeln, die Schwäne, Störche und Kraniche, im Flug schießen Aber sie bleiben trotzdem die gleichen. Sie lernen Bronze schmelzen und glühendes Eisen hämmern. Sie erfinden sich Götter, denen sie zu opfern vorgeben, indem sie die Kreatur vernichten und die gefangenen Feinde töten. Sie lernen Tiere zähmen, Pferde, Kühe, lernen ihre Dienste gebrauchen, daß sie sie tragen und ihnen Lasten ziehen, sie ernähren und ihre verwaisten Kinder aufziehen helfen; und zum Dank dafür fressen sie sie – ihre besten Freunde – auf. Sie machen die Wachsamkeit und den Spürsinn des Hundes zu ihrem eigenen, daß er sie behüten muß, wenn sie um die Feuerstelle schlafen, und daß er die Fährte des Wildes aufspüren und es niederreißen muß, wenn es halbwund noch entkommen will. Selbst den tückischen, wehrhaften Eber zähmen sie und machen ihn zum grunzenden Genossen ihrer Hütten, der sich nun wehrlos schlachten läßt. Aber sie bleiben trotzdem die gleichen.

Den Wald, den heiligen Beschützer ihrer Jugend, lernen sie ausroden und ausbrennen, damit sie den Boden mit Grasarten besäen können, deren hartschalige Samenkörner sie aufheben, zwischen flachen, großen Steinen zerreiben, mit Wasser durchtränken, aufgären lassen und am Feuer – das sie erst fürchteten, aber dann meisterten – rösten können. Sie haben eine Sprache erfunden, um sich falsche Mitteilungen zu machen, einander den stummen Haß kundzutun und die ersten Urworte der Liebe zu stammeln. Aber sie bleiben die gleichen.

Die Bäume des Waldes fällen sie, um Balken, grobe Balken, für ihre Hütten und Häuser aneinanderzufügen und die Zwischenräume mit Lehm und Reisig zu füllen. Sie schneiden im Winter das Rohr von den gefrorenen Seen, um ihre Dächer damit zu bedecken und dem Wind und der Kälte den Eintritt durch die Sparren zu verwehren. Sie höhlen und brennen alte Stämme aus, machen aus ihnen Boote, mit denen sie die Flüsse und Seen befahren, um zu fischen und um sich auf ihrem Rücken weithin ins Land tragen zu lassen. Sie schaffen sich aus kleinen Zusammenschlüssen größere. Aus Familien Horden. Aus Horden Stämme. Aus Stämmen umgrenzte Staaten. Aber sie bleiben zu jeder Zeit die gleichen.

Sie lernen den Besitz von Boden und von Gold schätzen, lernen, unterjochte Stämme für sich arbeiten zu lassen. Sie schaffen sich selbst blutige und unsinnige Gesetze, nur um sich ihnen zu unterwerfen und unter ihrer Geißel zu ächzen. Sie erwählen aus ihrem Kreis Führer und Fürsten, denen sie schlimmstes Halsrecht über sich geben. Und sie verehren jene desto mehr, je mehr sie das mißbrauchen, im Frieden wie im Kriege. Denn mehr als alles sonst lieben sie – wer sie immer seien mögen! –, sich gegenseitig zu bekämpfen, um einander auszurotten. Aber sie bleiben die gleichen.

Sie neiden einander Haus, Frucht des Feldes, das Stück sandigen Bodens, die Frauen, das Kupfergeld, selbst das nackte Leben und die Armut. Sie verachten den Nachbarn, weil er andern Blutes ist, anderer Sprache, anderen Glaubens und anderen Stammes. Sie betrügen ihn, um ihm zu schaden. Welche kommen und welche gehen im Wechsel der Jahrhunderte. Die Herren von heute sind immer wieder die Knechte von später und müssen in die Sümpfe und unwegsamen Wälder flüchten, während die neuen Herren ihre hölzernen Pflugscharen durch das Ackerland treiben, das jene aufgelockert haben. Aber langsam wagen sich dann die wieder aus ihren Sümpfen hervor, und Menschen, Glauben, Sitten schmelzen ineinander zu dem, was man Volk nennt. Aber sie bleiben die gleichen, die sie vorher und immer waren.

 

Und das hier ist ein Land wie ein nasser Schwamm. Es ist ein kaltes Land, es ist ein unwirtliches Land, voll von Seen und Sümpfen, von breiten Flüssen durchzogen, die jedes Frühjahr weite Strecken überschwemmen und die Siedlungen voneinander abschneiden. Und es ist ein armes Land. Aber trotzdem wird es geliebt und verteidigt von denen, die dort wohnen. Die Dörfer drücken sich hier in die Landschaft, als wollten sie sich verbergen vor den Blicken der Gegner. Die wenigen Städte aber bleiben lange klein und kümmerlich hinter ihren groben Mauern aus Feldstein.

Spät und nebelgetrübt ist hier in diesem Strich zwischen Elbe und Havel die Sonne der Kultur aufgegangen, nachdem sie schon tausend und aber tausend Jahre an andern Orten untergegangen war. Die klaren Stirnen der Göttertempel haben hier niemals über schlanken Säulen geleuchtet, wie sie es lichteren Menschen in glücklicheren Gefilden taten. Und selbst, als sonst schon überall die mächtigen Türme der Kirchen mit spitzen Fingern gen Himmel wiesen – als wäre dort die einzige Hoffnung nach allem Erdentrübsal –, wurden hier noch des Nachts unter uralten Eichen im dämmrig-zuckenden Licht der Kienspäne auf blutig bemoosten Steinplatten Pferde geschlachtet und Menschenbrüder.

Immer tobten Kriege über das Land hin; und in der Nacht wurde der Himmel rot von brennenden Scheunen und Weilern. Die Schindmähren der Stellmeister, der Räuberhorden, der Ritter und Landsknechte, die Roheit der Söldnerheere, deutsche, Österreicher-, Hussiten- und Franzosenrosse, breite Schwedengäule und Russenpferde, klein, mit flatternden Mähnen und Schwänzen alle zerstampften nacheinander die Felder; und die Troßwagen der Heere machten die verschlammten Wege nur noch grundloser. Aber immer wieder wurde das Land in den Atempausen des Friedens von den gleichen Menschen bebaut, und neues Dachstroh wurde von ihnen auf die halb eingeäscherten, wieder zusammengeflickten Katen geworfen.

Wie eh und je waren die geblieben, die das taten: schwerfällig, getreten, Halbeigene, den Herren Untertan, flachsköpfig oder rot, braun- oder blauäugig oder dunkel und schmalschultrig, von langsamer Denkweise, ohne Sang und Klang, wortarm, aber Fanatiker eines Gedankens, wenn er sich einmal erst in ihren Kopf eingefressen hatte, zäh dann, verschlagen und verbissen in ihre Vorhaben Ein Menschengemisch aus längst verschollenen Ureinwohnern, Slawen, Wenden, germanischen Leuten, Semnonen, Chatten, Hermunduren, Hevellern und was sonst noch alles hier für längere oder kurze Dauer hängengeblieben war, bevor es sich auflöste oder irgendwo andershin in die weite Welt hinausgetrieben wurde wie Flugsamen, die der Wind trägt. Eben märkische Bauern und kleine Ackerbürger und Kossäten waren es, die ihr Vieh züchteten, ihre Äcker bestellten, ihre Wiesen abheuten, in den Herrenwäldern wilderten und heimlich des Nachts Hechte stachen. Die ihre Frondienste taten, knirschend ihre Abgaben zahlten und mühselig ihre Waren zum Markte fuhren. Die von ihren Herren ins Heer gesteckt wurden, wenn er die Pfründe einer Kompanie hatte. Die nicht arm waren und nicht reich wurden, weil sie im Staat ganz hinten an letzter Stelle kamen, von allen getreten wurden und rechtlos blieben. Die den Städter haßten. Den Herrn, dem sie den Rocksaum küßten, insgeheim haßten. Die den Staat leugneten. Und die doch alles trugen und knirschend ertrugen. Eifrige Kirchengänger waren sie und voll von Aberglauben. Verzerrt und verbogen, unkenntlich ihnen selbst, schleppten sie uralte Sitten und Gebräuche aus heidnischen Vorzeiten mit fort.

Eigentlich kannte sie niemand. Nicht der Staat, der ihre Steuern eintrieb, und wenn es den Bauern die letzte Kuh kostete. Nicht der Richter, der sie verurteilte. Nicht der Prediger, der von der Kanzel herab die Höllendonner über ihre Scharen grollen ließ und ob ihrer Verruchtheit die Hände rang. Nicht der König, der sie nie sah. Nicht der adlige Junker, der sie in die Schlachten gegen die Schlünde der feindlichen Kanonen trieb.

Und doch hatte ihnen allen die allmächtige Natur die gleichen Gesetze eingepflanzt von eh und je: all diesen Menschen, die hier nunmehr ringsum, überall verstreut, in Graburnen und Hockergräbern, auf Äckern und in Wäldern, in alten Dorfkirchen und hinter den Ringmauern der Friedhöfe, ringsum – so weit nur das Auge reichte – eigentlich Schritt vor Schritt überall im Boden verstreut lagern. Genau die gleichen Gesetze, wie sie jenen vorschrieb, die heute über deren Scholle dahinstapften und den Pflug über sie und die Grabstätten hintrieben.

Die Menschen nämlich hatten sich hier eigentlich auch nicht viel mehr geändert als das Land, das nur ganz allmählich sein Gesicht gewandelt und ein zaghaftes Lächeln gelernt hatte, das ihm vordem fremd gewesen war, das Sümpfe, Seen und Flüsse und Moore, Wiesen und Niederungen, weite Strecken voll Quecken und Schilf, die letzte Feierlichkeit alter Eichenhaine und die schwarzgrüne Schwermut sandiger Kiefernforsten in sich zu vereinen gelernt hatte das die alten, ausgetretenen Pfade von Dorf zu Dorf, auf denen sich kaum zwei Erntewagen ausweichen konnten, ohne daß der eine in den Graben kippte oder in den Büschen und Weidenbäumen am Wegrand hängenblieb, in breite Landstraßen und Chausseen verwandelt hatte. Wenn man es recht besah, hatten sich die Menschen hier in all den Jahrhunderten eigentlich kaum mehr gewandelt als die Hasen, die in den Ackerfurchen davonhoppelten und sich vor dem Jäger duckten und zu entkommen suchten; als die Karden und die rotvioletten Disteln in den nassen Wiesen, um deren Liebesblumen jeden Spätherbst brünstig die letzten Schmetterlinge taumelten; als jene Schwalben, von denen eine in der junihaften Vormittagsstille über das niedrige samtgrüne Kornfeld dahinglitt, nicht als flöge sie, sondern als ruhe sie auf der helldurchsonnten Luft: sich mit gebreiteten Schwingen aus, und die einer anderen Schwalbe folgte, die blauschillernd und weiß vor ihr herzog ... ein wenig kokett, ein wenig lässig, den Kopf zwar leise wendend, und doch, als bemerke sie den Verfolger kaum.

Und gerade dort, wo der Meilenstein am Wegrand an der Ecke des Kornfeldes stand, so daß die grünen Halme sich an seiner Rückseite rieben, wenn der brodelnde Wind, der den Blütenstaub über die weite, grüne, schwankende Fläche trug, sie hin und her bog ... gerade dort schlug die blauschillernde mit dem kokett gedrehten Köpfchen und den großen, heißen Augen einen scharfen Bogen, als erschräke sie plötzlich, und schoß dann, aufschreiend, genau im rechten Winkel am Feldrand dahin, als wolle sie mit den scharfen Sicheln ihrer Flügel die grünen, stäubenden Ähren mähen. Die andere aber, das Männchen, das ihr folgte, bog einen Wimpernschlag später, gleichfalls aufschreiend, als erschräke sie für jene mit, an haargenau der gleichen Ecke, wo der Stein in das Kornfeld hineinragte, um und schoß die Flügel vorn fast an den Leib gedrückt – der Geliebten nach, gerade als schiene das Dasein nur dort sinnvoll und lebenswert, wo jene wäre, und überall sonst unsinnig und traurig, wo jene nicht wäre.

Der Mann jedoch, der auf dem Meilenstein saß, den abgewetzten Knotenstock zwischen den Beinen, die Ellbogen auf den beiden Knien und den Kopf zwischen den beiden Fäusten, so wie man sitzt, wenn man über etwas nachgrübelt, das man weder lösen noch wegdenken kann, schrak auf und hob seine Augen von den paar eben zerzupften roten Blättchen von Klatschmohn, die vor ihm auf dem Sand des Bodens lagen, hob den Kopf langsam, wandte ihn, als säße er schwer drehbar in einem eingerosteten Zapfen, und blickte sehr müde und verständnislos dem davonjagenden Schwalbenpärchen nach, ein ganz klein wenig böse und neidisch dabei, mit sehr kleinen, vertränten, eingekniffenen Augen von einem wäßrigen Blaugrau, die unter dicken, sich sträubenden Brauen lagen, als suchten sie sich zu verstecken, und die von vielen feinen Fältchen und Furchen umzogen und umschlossen waren, von solchen, die nach den Schläfen und der Nase hin in der rostbraunen Haut sich verliefen und verloren wie Holzwege in der Heide. Trotzdem fühlte man, daß diese kleinen, blaugrauen Augen noch sehr scharf sahen zwischen all ihren Runzeln und daß diese Runzeln gar nicht so die Folgen des Alters waren, sondern einfach die Folge davon, daß einer jahrzehnte- und jahrzehntelang von früh an auf dem Feld in Sonne, Regen, Graupeln und Schnee geschafft hat.

Für seine dreiundfünfzig Jahre (das heißt: genau wußte er es selbst nicht, wie alt er war, aber so um dreiundfünfzig war er) sah der Mann noch ganz gut aus. Sein Haar war zwar schon etwas grau und farblos geworden, aber es war noch dicht und storr wie ein Dachsfell, dort, wo es unter dem dreikantigen blauen Filzhut hervorquoll, die groben roten Ohren verdeckte und sich um die niedrige, breite, gebuckelte Stirne legte, in der gerade über dem linken Auge eine zollgroße Vertiefung war, weil dort vor achtzehn Jahren eine unfreundliche Pandurenkugel einen Fetzen Haut und ein Stück Knochen herausgehauen hatte. Jetzt trug der Mann keinen Haarbeutel und keinen Zopf mehr, wie er sie früher getragen hatte bei den Grenadieren. Und er drehte und mehlte auch die Locken nicht mehr an den Schläfen. Nicht, weil er es nicht schön fand oder etwa Neuerungen huldigte, sondern, weil es ihm zu mühevoll und langwierig war, sie in Ordnung zu halten. Aber die dicken, rauhen Wollstrümpfe hatten blaue, in Seide gestickte Zwickel. Die blauen Kniehosen waren mit breiten Paspeln besetzt, und an der Weste – in echtem türkischen Rot – saßen in zwei engen Reihen die silberblanken Achtgroschenstücke. Und auch an dem langen weißen Leinenkittel mit den breiten Stulpen waren Silberknöpfe nicht gespart Und zum Überfluß sah noch zwischen Hose und Weste eine lederne Geldkatze hervor, die die eine Seite der Weste etwas aufquellen machte. Also ... so ein ganz armer Teufel, der nichts auf den Leib zu ziehen hatte, war das gewiß nicht. Nur an der dicken Staubschicht auf den schweren, breiten Halbschuhen sah man, daß er schon von weit her kam und lange marschiert war.

Immerhin verstand man es nicht recht, warum er so in seinem besten Sonntagsstaat an einem Dienstagvormittag um zehn Uhr auf einem Meilenstein an der Brandenburg-Potsdamer Landstraße am Rande eines Roggenfeldes saß und mit gesenktem Kopf, so daß man die tiefen Rillen und Falten in dem braunen Nacken sah, weiter auf den Boden stierte, nachdem er die vertränten Blicke wieder von dem Schwalbenpärchen weggewandt hatte. Er war gar nicht etwa besonders ermüdet, und die aufsteigende Mittagsglut empfand er auch kaum, trotz der dicken Kleidung. Es war ein sehr dumpfer Mensch, und er dachte langsam und schwerfällig. Eigentlich dachte er wohl kaum in Worten, er fühlte nur, hatte Vorstellungen, erinnerte sich bildhaft an gehabte Eindrücke und stellte sich bildhaft zukünftiges Erleben vor. Gewiß, im ganzen sah er wohl mehr, als es in ihm sprach, sich in Begriffen, in Rede und Gegenrede löste. Auch das Schwalbenpaar, das soeben an ihm vorbeigeschossen war und ihm das Wasser in die Augen getrieben hatte, hatte in ihm mehr die Empfindung ausgelöst, als daß es in ihm die Worte gesprochen hätte: »Die haben's gut! Da kümmert sich kein Mensch, kein Staat, kein Gericht, keine Obrigkeit, kein Pastor und kein König darum, in was für einem Nest die aufgewachsen sein mögen.«

Er war sich gar nicht bewußt, wie lange er hier schon am Rande des Kornfeldes auf dem Stein gesessen hatte. Um halb vier, als der Himmel und die Havel noch ganz hechtgrau waren und die Nebel wie gelbe Molke noch auf den Sumpfwiesen lagen, war er von Wust aufgebrochen, hatte den Krug einfach abgeschlossen. Wenn jemand durchkam, konnte er woanders ausspannen; und wenn er das nicht wollte, so konnte er bis in das nächste Dorf fahren oder bis nach Brandenburg hinein. Sophie war doch bei ihrer Schwester, der Gendarm hatte sie selbst weggebracht. Und das kleine Malchen hatte sie auch mitgenommen. Er konnte sich ja doch nicht recht darum kümmern.

Mit dem Acker wäre er voran. Die Wiesen könnten auch in der nächsten Woche noch geheut werden. Und die Ferkel, zehn Stück hatte die Muttersau geworfen (es war doch gut, daß er sie im vergangenen Herbst nicht geschlachtet hatte!), und die drei Kühe und die beiden Braunen, die würde der Fischer Krüger, sein anderer Schwiegersohn, versorgen, das hatte er ihm fest zugesagt gestern abend. Nun versteht zwar ein Fischer so wenig eigentlich davon wie ein Kossät vom Fischen ... Mit einem Netz allein ist das nämlich nicht gemacht. Das will von jung an gelernt sein. Das Tier hat seine Schliche und Eigenheiten so gut wie der Mensch. Aber auf den Krüger kann man sich verlassen. Der redet nicht viel. Der ist verschwiegen wie seine Karpfen. Der Eue, der hat zwar selbst eine Kuh und ein paar Ziegen und war sogar in Mecklenburg gewesen, wo sie schöneres Vieh haben; aber er hat ein Maulwerk wie ein Dreschflegel, tack, tack, tack! Da ist das in einer Stunde in ganz Wust 'rum – dreimal von einem Ende zum andern –, daß er, der Schmitzdorff, nun doch selbst nach Potsdam geht und sich an die Linde stellen will.

Aber das waren ja gar nicht seine Schwiegersöhne! Er begriff gar nicht, daß er je sie so hatte nennen können. Der eine, der Eue, hatte eben die Anna und der Fischer Krüger die Wilhelmine Kühlbrodt geheiratet. Nicht wahr? Wenn es seine Schwiegersöhne wären, so müßten die Mädchen doch auch Schmitzdorff heißen wie er! Nicht wahr? Er hat doch noch die Gänse gehütet zu Hause in Päwesin, als die Wilhelmine auf die Welt kam. Nicht wahr? Und er ist Knecht in Wustermark gewesen, wie die Anna geboren wurde. Und er hat im Feldlazarett in Pirna wie ein zerschnittener Hund gelegen und vor Schmutz, Läusen und Eiter gestunken, die Maden sind in seinen Verbänden herumgekrochen wie in einer Dunggrube (und nicht mal den Gnadentaler hat er bekommen nachher; dieser böse alte Affe!), als die kleine Sophie noch nachkam. Nicht wahr? Was weiß er davon, wer der Vater eigentlich war. Vielleicht ein russischer Graf, wie sie damals Berlin und Potsdam und hier alles ringsum besetzt hatten. Aber sicher nicht der Kühlbrodt, der soll ja schon damals auf zwei Krücken gegangen sein und Tag und Nacht nur gesoffen haben.

Was man auch gegen ihn sagen mag: Nein, nein, getrunken hat er nicht, er nicht ... Er hat es ja auch zu schlimm vor sich gesehen. Nichts schrecklicher als eine Frau, die trinkt. Ein besoffener Mann ist ein Tier, ein lustiges Tier sogar manchmal. Er lärmt, lügt, schneidet auf, schlägt mit der Faust auf den Tisch, prügelt sich mit jedem herum; aber solch ein altes Weib, dem die Augen vor Fusel rot sind, die lallt und kräht, dem der Speichel aus dem Mundwinkel läuft, dem die Haare seit Wochen nicht durchgekämmt sind, ordentlich verfilzt waren sie in den letzten Wochen, bevor sie starb, wie eine Pelzkappe beinahe, und das Mieder, das letzte Mieder, das er ihr sogar noch in Brandenburg hatte machen lassen, war ganz steif, weil sie es so oft bebrochen hatte. Und alles war ihr gleich geworden, und alles hatte sie verkommen lassen. Wenn nicht Sophie noch gewesen wäre, die letzten Jahre wären die Betten überhaupt nie mehr bezogen worden. Man wußte schon gar nicht mehr, ob sie kariert oder weiß mal früher waren. Wochenlang hatte er nur auf dem Heuboden geschlafen, weil er sich so ekelte. In Dreck und Speck hätte man verkommen können, wenn die Sophie nicht gewesen wäre.

Der Mann auf dem Meilenstein hob den Kopf, blinzelte in die Sonne, und einer Träne auf seiner roten Backe (sie hatte die gespannte und doch etwas gerunzelte Haut eines Bratapfels), die die Sonne eben aufgetrocknet hatte, folgte eine zweite, und dann senkte er den Kopf wieder, daß aus den beiden tiefen Falten, wie Ackerfurchen, in seinem Genick zwei hellere Flußläufe auf dem roten Nacken wurden, und starrte wieder vor sich hin, in das Gewirre der grünen Roggenhalme hinein. Und deutlich sah er in eben diesem Gewirr der grünen Roggenhalme, die in der Sonne leise schwankten und durcheinanderfielen, seine verstorbene Frau vor sich, wie er sie hundertmal in den letzten Jahren neben der Theke, still vor sich hin grinsend, auf ihrem Holzstuhl hatte sitzen sehen, auf Gäste wartend, immer wieder leise einnickend und auffahrend und dann heimlich nach ihm spähend, ob er es auch nicht bemerke, daß sie sich die Bottel aus den Falten ihres Rockes grub. Ach Gott, ihm war das so gleich geworden. Es fiel ihr schwer, aufzustehen und sich zu bewegen. Sie war sehr dick geworden. Haare hatte sie im Gesicht und am Kinn, überall schwarze, lange einzelne Haare, wie Würmer. Aber in dem letzten Monat war sie dann wieder wie die mageren Kühe damals bei den Bauern in Sachsen geworden, als die Soldaten das letzte Bündel Heu und Stroh fürs Winterlager herausgepreßt hatten, nur noch Haut und Falten und Knochen. Und so alt war sie doch gar nicht. Siebzehnhundertneunzehn, Maria Lichtmeß, war sie geboren – das hatte der Pastor im Kirchenbuch –, und zwei Tage nach Lichtmeß, jetzt siebzehnhundertachtzig, war sie abgenippelt. Also war sie so um einundsechzig. Vielleicht nur neun Jahre älter als er.

Am Anfang, als sie zu trinken anfing, hat er sie ein paarmal verprügelt, drei Tage hatte sie nicht in die Ausspannung herüberkommen können, weil sie kaum sitzen kennte und weil sie ein ganz blaues Auge hatte. Aber es hat gar nichts genützt. Und es machte ihm auch keine Freude, eine Frau zu schlagen. Es machte ihm überhaupt keine Freude, mit seinen Fäusten auf einem Menschen herumzudreschen. Na ja, im Kriege hatte er so etwas getan, weil er es mußte. Aber er war auch nie desertiert wie all die andern. Seine halbe Kompanie war schon einmal desertiert. Es war gar nichts dabei. Es geschah ihnen nichts im Kriege. Man ließ sie nur Gassen laufen, wenn man sie wieder hatte oder sie sich weil sie von den Bauern nichts zu fressen bekamen – von allein wieder stellten. Er sah vor sich im Korn, wie der Gundelmaier hinschoß mit Blut vor dem Mund und einem Rücken wie rohes Fleisch. Aber das waren die andern. Er hatte gar nicht so fest zugeschlagen. Nur gerade vor seinen Füßen war er dann zusammengestürzt und war verreckt. Und wenn er nicht dem Panduren bei Leitmeritz das Bajonett in die goldbestickte Weste gerannt hätte, daß er gleich die Augen verdrehte, dann hätte der ihm sicherlich statt des halben Ohrläppchens den ganzen Kopf abgeschlagen. Die Kerle machten so etwas mit einem Hieb. Das hatten sie noch von den Türken her. Ach Gott, jetzt zitterte er in den Knien, wenn er einem Hahn den Kopf umdrehen mußte.

Was ein Mensch alles im Leben aushalten muß. Wirklich, er war genug blessiert worden. Er knappte ja immer noch etwas beim Gehen, weil ihm da oben im Schenkel eine Pistolenkugel von einem französischen Chevaulegerleutnant von Krefeld her saß. Damals beim Schneiden hatte man sie nicht gefunden. Aber er fühlte sie jetzt deutlich, groß wie eine Bohne. Er konnte sie sogar mit dem Finger hin und her schieben. Aber das macht ihm eigentlich nichts. Nur, wenn das Wetter umschlagen will und er auf seinen nassen Havelwiesen geheut hat, fällt es ihm schwer zu gehen. Aber sonst – an einem Tag wie heute –, da kann ich noch bis Polen laufen mit dem Kuhfuß und mit dem gepackten Affen auf dem Ast. Wer hundertmal Manöver und Paraden mitgemacht hat, wer ein paarmal Preußen vom Rhein bis nach Schlesien und von Prag bis fast nach Stettin in Gewaltmärschen hat messen müssen, der hat das Marschieren in den Knochen! Der verlernt es nicht mehr! Dessen Füße gehen ganz von selbst, sowie sie die Landstraße unter sich spüren. Und hier war doch alles eben wie eine Tenne; und früher war es oft tagelang bergauf und bergab gegangen. Nein, er war noch jung genug. Er wunderte sich eigentlich, wie das Leben so herumgegangen war. Innerlich hatte er gar nichts davon gespürt. Er merkte nicht, wie alt er wurde und daß er alt war. Er würde in acht, in zehn, in zwanzig Jahren noch so sein wie heute. Er konnte noch, wenn es sein mußte, einen Scheffelsack Kartoffeln auf dem Rücken bis nach Brandenburg tragen.

Gott, wie nur eine Frau sich so verändern kann! Was war das für eine gewesen, als er sie kennenlernte. Damals, als er wie eine angeschossene, lahme Krähe aus dem Feldlazarett kam ... Und das alte Gesicht zwischen den schwirrenden Halmen vor ihm, die Fratze mit der hängenden Unterlippe und den verfilzten Zotteln unter der Haube verschwamm ihm, und durch den schwindenden Schemen kam, wie bei einem Bild, dessen Übermalungen in Alkoholdämpfen abbröckeln, ein blondes, breites Frauenwesen hervor, satt und reif und schwer und golden wie ein Kornfeld am ersten August. Mit ein Paar stillen, großen Augen, wie zwei große Altarkerzen, die leise und doch hell brannten, ohne daß ein Luftzug in der schlafenden Kirche sie je flackern und schwelen machte. Solch eine war sie, die einen in die Arme nahm und kein Wort sprach und bei der man glaubte, man wäre allein auf der Welt. Einen Tag war er geblieben und dann eine Woche, einen Monat, dann kam der Pastor und machte ihnen die Hölle heiß, dann wurde es ein Jahr, und dann wurden es eben zweiundzwanzig Jahre. Aber Kinder hatten sie beide nicht gehabt. Warum hatte sie nur eigentlich keine Kinder von ihm bekommen? Er sah sich selbst, wie er in die Wirtsstube humpelte, das erstemal, und sie dasaß mit der Wilhelmine an der einen Hand und der kleinen Sophie auf dem Arm. Die Anna aber hing ihr am braunen, weiten Rock und versteckte sich halb darunter, weil sie Angst vor dem Soldaten hatte. Wie Flachs waren die Wilhelmine und die Anna; und wie die Winteräpfel, so fest. Aber die kleine Sophie, die war eine richtige Prinzessin. Jawohl, so zart und dünngliedrig wie eine königliche Prinzessin war sie. Und die hatte ihn gleich angelacht und ihn dann am Zopf gezogen, daß es ordentlich weh tat. Denn damals hatte er noch einen Haarbeutel und seine alte Uniform mit der gelben Weste und den gelben Hosen und dem blauen Rock mit den roten Aufschlägen. Und der Hutrand von seinem Dreispitz, der hatte zwei runde Löcher, und der Rock auch zwei. Aber die stopfte er nicht, damit die Leute zu Hause auch sehen konnten, wo er gewesen war und daß da Kugeln durchgegangen waren. Auf die war er stolz!

Die Gedanken irrten wieder ab. Ganz hinten über den Halmen, am Rande der Kiefernheide, vor der die Sonne zitterte und die Luft leise und gläsern verschwamm, sah er es aufblitzen von Helmen und Pferdeköpfen, die sich plötzlich in das wellende Korn warfen. Kerls darauf, die Lanzen tief und die Säbel hoch. Bis über die Bäuche, bis über die Steigbügel waren die Gäule im Korn. Und sie lagen fast auf ihren Pferden, die Kerls ... Es war gerade, als ob sie durch wogendes Wasser ritten, das vor ihnen aufschäumte und dann niedersank. Er sah, wie die Halme knisternd zusammenbrachen vor den Hunderten von Hufen. Wo war das doch? Kolin oder Leitmeritz oder Krefeld? Ja, ja, am Rhein, da ist das Korn manchmal so hoch, daß fast ein Reiter sich darin verbergen kann, und die Apfelbäume, die schauen nur mit den Kronen aus den Getreidefeldern heraus. Gewiß, es ist da sehr schön, aber sie haben da keine Seen! Das arme Korn, es tat ihm ordentlich weh, schmerzte ihn. Er begriff nicht, warum die Menschen das zerstören mußten, was er jahraus, jahrein schwitzend Furche für Furche in den gepflügten Boden warf, damit man im nächsten Winter nicht hungern brauchte.

Aber dann war das Korn plötzlich wieder vor ihm weich und eben, als hätte es eine große Hand glattgestrichen. So wie man Samt wieder glattstreicht, wenn er versehentlich gegen den Strich gebürstet wurde.

Und am Ackerrand, da saß die kleine Sophie, die er das erstemal mit aufs Feld genommen hatte, und hatte sich einen ganzen Arm voll von den blauen Blumen, die da wuchsen, gepflückt, diesen neuen Blumen, die jetzt plötzlich überall im Korn wuchsen, wie die Disteln nicht herauszubringen waren und von denen sie erzählten, daß sie von drüben aus Amerika gekommen seien. Wie hießen sie doch? Zy ... Zy, ach ja, Hyänen oder einfach Kornblumen. Wenn die Sophie, das Gottliebechen, nicht gewesen wäre, wäre er schon damals auf und davon gegangen. Er hätte all die Jahre gar nicht ausgehalten. Sie war so weich, wie seine Frau zänkisch war. Solche Puppe, die man den ganzen Tag auf dem Arm halten mochte. Was brauchte die Kühlbrodt ihm vorzuwerfen, daß ihr der Krug, das Haus und der Acker gehören? Er wollte es ihr und den Kindern gewiß nicht fortnehmen. Er wäre ja ebensogern auch bei den Grenadieren geblieben, wenn sie ihn nicht so zusammengeschossen hätten. Soldat sein war ganz gut, und man brauchte sich um gar nichts anderes zu kümmern. Wenn sie auch zu Hause in Päwesin immer gesagt hatten, »ein Soldat wäre auch nicht viel besser als ein Zuchthäusler«. Er wäre ruhig dabeigeblieben. Beim Militär hat sich noch keiner totgearbeitet ...

Genau wie eine Prinzessin war sie damals. Und das Malwinchen ...! Wieder schlug eine neue Untermalung durch während die kleine, braune, im Feldrain spielende Sophie von einst mit den blauen, durchsichtigen Augen unter den kohlpechrabenschwarzen Brauen, solchen Augen, die wie der Peetzsee die Farbe wechseln konnten, die hatte Malwinchen von der Mutter auch bekommen – sonst aber gewiß nichts –, während die sich zwischen den durcheinanderfallenden grünen Halmen langsam auflöste und mehr und mehr verblaßte, als wäre sie die Roggenmuhme, die in der Mittagshitze aus dem Kornfeld lacht. Ja, Malwinchen hatte nun genau die Augen wieder (seine Augen hatte es nicht). Man denkt, sie müßten braun sein oder schwarz wie Ofenruß, und dann, wenn sie einen so groß und erstaunt ansieht, sind sie plötzlich blau wie Rittersporn und Traubenhyazinthen.

Er sah ganz deutlich, der da auf dem Stein saß, statt des grauen sandigen Bodens, aus dem das Grün kam – er hatte besseren Boden, aber für Roggen war der graue Heideboden gar nicht schlecht hier –, scharf und deutlich sah er die klaffenden und abgesplitterten Bohlen seines Fußbodens daheim in der Schlafkammer, sah Malwinchen, wie sie noch gestern gesessen hatte und mit einem abgeschlagenen Stück von einem Wetzstein, das sie in der Scheune gefunden hatte, gegen die kienene Bettstatt trommelte und laut und wie betrunken dazu sang und schrie. Ein echtes Soldatenkind! Sprechen konnte sie noch nicht. Nur ein paar Worte, und die verstand auch nur eine Mutter, wie Sophie »Des Abends ist ein reitender Bote durchgekommen oder ein Edelmann, denn er hatte einen bestickten Rock, einen Zopf und gepuderte Haare, jawohl! Und einen Tressenhut. Wollte ein Nachtlager. Die Sophie war allein, und da hat er ihr, wie sie es ihm aufgemacht hat, Gewalt angetan. Und des Morgens, ehe jemand kam, ist er wieder fortgeritten und hat nicht einmal gesagt, wohin, in welcher Richtung – nach Halle oder nach Hannover oder nach Berlin Kein Wort gesagt hat er, und die Sophie hat ihn auch nicht gefragt, weil sie sich geschämt hat ...«

Der auf dem Stein sagte sich das auf, wie eine Sache, die er auswendig gelernt hatte und ja nicht vergessen dürfe und die er deshalb ab und zu memorieren müsse, um festzustellen, ob sie ihm noch genau im Kopfe säße und ob er auch nicht steckenbliebe. Er hatte das nun ja schon so oft erzählt, daß er es fast glaubte. Ja, eigentlich glaubte er es schon. Denn Gewünschtes, Gewolltes, Erhofftes und Erlebtes glitten dem Manne auf dem Stein sehr oft ineinander. Er wußte dann selbst nicht mehr, was die Wahrheit war. Jedenfalls hätte es doch auch so sein können. Nein, eigentlich log er gar nicht. Er unterschied nur nicht recht, wie alle einfachen Menschen, deren Denken das Fühlen ist, zwischen dem, was er sich vorstellte, und dem, was war.

Aber dann irrten seine Gedanken, seine Vorstellungen und Erinnerungen wieder ab, und er sah eigentlich das Korn gar nicht mehr, sah es nicht, er fühlte nur noch die Berührung der scharfen Halme an der Stirn und am Haar, sah rote und grüne Sterne, wie Nadelstiche so fein, im blauen Nachthimmel zwischen dem Hin und Her der Halme. Und er fühlte neben sich, an sich etwas, das weicher und wärmer war als die Juninacht. Ganz schemenhaft daneben tauchten – jene Juninacht wie mit Schleiern überziehend – andere Nächte auf. Herbstnächte im Wald (stichdunkel unter den hohen Eichen), wenn von fern die Hirsche röhrten und das Käuzchen einem dicht bei den Ohren schrie und man nicht mehr unterscheiden konnte zwischen der Frau und den weichen Moospolstern und man alles doch kaum hörte, weil alle Sinne fieberten ... Dumpfe Abende voll Geflüster im schwülen Geruch des Heubodens, ganz vergessen schon ... Wenn sich das Wasser im Morgengrauen mit Nebel und Feuchtigkeit am Bootsrand rieb und der Kahn beunruhigt schwankte, den sie losgebunden hatten Weiber im Quartier in Böhmen mit bunten Schürzen und Kopftüchern, braun und hart wie Nußkerne, die kein Wort Deutsch konnten, vor den Soldaten fortliefen und sich dann doch gleich fangen ließen ... Mädchen in Sachsen – mit Beinen wie die Heusprengsel und sooo langen Armen wie die Porzellanpuppen in ihren Schränken –, die genauso lachten, wie der Vogel Bülow aus den Birken ruft ... Tanzböden, dicht gedrängt voll schwitzender Knechte und Mägde daheim in Päwesin; und immer wieder versuchten die Knechte, vor den aufkreischenden Mädchen die Kienspäne auszublasen. Und am nächsten Sonntag wetterte der alte Gramzow mit seiner vermotteten Perücke und seiner Schnapsnase von der Kanzel herunter. Heiliger Himmel, wie lange das her war!

Und dann lange Jahre, fast ein Jahrzehnt, in dem er gar nicht mehr gewußt hatte, was es heißt, ein Weib im Arm haben. Zweiundzwanzig Jahre war er verheiratet gewesen und langsam eingeschlafen und langsam verdurstet Die Liebe war eigentlich etwas gewesen, was er durch zwanzig Jahre nicht mehr erlebt hatte.

Immer wieder kamen ihm andere Bilder, halb vergessene, ganz verblaßte schon – bevölkert von verliebten oder sich sträubenden Gespenstern. Aber sie verschleierten ihm doch nur dürftig und für Sekunden die Sternbilder zwischen den sich bewegenden Halmen. Daß man des Nachts so deutlich die Ähren gegen den Himmel sah! Merkwürdig – alle Grannen konnte man sogar zählen! Trotzdem die Sonne doch schon seit fünf Stunden untergegangen war, blieb es ganz licht und ganz grün in den hellen Nächten. So lange blieb es eigentlich immer Dämmerung, bis plötzlich drüben der Himmel wieder sich rötete und die Rebhühner und Wachteln sich aus dem Korn von Feld zu Feld zuriefen ... und sie sich dann hochrissen.

Wieder kam eine Träne aus dem Augenwinkel des Mannes mit der röten Weste da auf dem Meilenstein. Aber sie lief ihm nicht gerade über die Backe wie ihre beiden Vorläuferinnen, sondern verfing sich in einer der Falten dort und lief im Zickzack ihm nach dem Mundwinkel hin, so daß er ihr Salz schluchzend schmeckte.

Der Postillion, der seine Schnellpost nach Magdeburg mit den vier Gäulen vorbeitrieb und die lange Peitsche den Braunen über die Rücken spielen ließ – das eine Handpferd war ein tückischer Racker und wollte immer ausbrechen, sowie er nicht hinsah, und die anderen aus dem Tritt bringen –, der Schwager knallte mit der Peitsche, daß es die sonnige Vormittagsstille von blühenden Getreidefeldern, feuchten Wiesen und blaugrünen Erlenbüschen wie ein Flintenschuß zerriß, und rief hoch von seinem Thron herunter, der ganz oben da über dem federnden Wagenkasten mit den schwitzenden Reisenden schwankte: »Na, Bur, wat flennste denn so? Ist dir dein Roggen verhagelt? Er steht doch janz jut!« Aber dann erkannte er den Mann auf dem Meilenstein Er sollte zwar bei seinem Krug nicht halten, aber er machte es seit zwanzig Jahren doch immer wieder so, daß es da eine kleine Pause gab ... die Achsen heiß gelaufen waren oder heiß zu laufen drohten ... daß er den Pferden den Weg durch den tiefen Schnee nicht weiter zumuten könnte, ohne sie etwas auszuruhen, oder durch die vom Herbstregen versumpfte Straße.

»Jottedoch, Schmitzdorff«, rief er, »was machste denn hier in all der Morgenfrühe schon? Wo willste denn hin?«

»Ich muß nach Potsdam!« rief der Mann mit der roten Weste und riß sich von seinem Stein hoch. Aber der Postillion hörte es kaum noch und winkte ihm nur mit erhobenem Arm freundlich zu, denn die Pferde hatten den Peitschenknall als Zeichen genommen, aus dem Schritt in Trab zu fallen, daß der Staub nur so aufwirbelte, und ließen die Geschirre klingeln wie ein Glockenspiel.

Der Mann mit der roten Weste war aufgestanden und hatte seinen Weißdornstock wieder genommen, als ob er sich sagen wollte: Nu man weiter! Das muß ja sein! Er schämte sich jetzt. Die Straße, die lang und gerade vor ihm lag, war auch ziemlich belebt indes geworden. Vorher war ihm kaum eine Seele entgegengekommen, und jetzt waren da Wanderburschen mit Felleisen, an denen die Stiefel hingen, mit hohen, räudigen Zylindern oder alten Soldatenmützen, schwangen ihre Knotenstöcke und stapften mit bloßen Füßen auf dem Sommerweg durch den grauen Staub dahin. Ein Stafettenreiter trabte auf keuchendem Rappen. In der Ferne schwankten riesige Rollwagen und Planwagen von den Nowaweser Webern im Licht ... und dazwischen schob sich eine vornehme Reisekalesche mit einem Vorreiter hindurch und versuchte, eiligst aus deren Staubsphäre hinauszukommen. Das Land, das breite Land, wogte glatt in weiten Wellen nach allen Seiten unter der Glocke eines lichten Himmels, den wenige weiße Wolken leise durchschwammen ... ein rechter Junihimmel. Sandhügel, alte Dünenköpfe aus Urzeiten, drüben nach Golm zu, waren schon Berge hier; und wie etwas erhöhte Landzungen ragten aus den Wiesen und Feldern die blaudunklen Kiefernschläge und die grünen höheren Eichenwälder. Irgendwo leuchtete der breite Flußlauf lichtblau und sehr hell aus klarer Ferne, und die Weiden an seinem Ufer, deren Zweige ein sonst unspürbarer Wind kämmte, daß sie die graue Unterseite der Blätter ihm zukehren mußten, zogen noch einmal mit leichtem Silberrand seine Uferlinie nach, machten sie doppelt hell und duftig; und über den nassen Wiesen am Ufer tummelten sich schreiende Kiebitze, die wie Funken darin aufblitzten, wenn sie sich in der Luft überschlugen.

Ein verschilfter Graben aber, über dem Tausende von Libellen spielten, zog auf der anderen Seite zu einem kleinen See herüber, der versteckt und dunkel zwischen moorigen Wiesen und lackgrünen Erlen sich gebettet hatte, kreisrund wie eine große Träne. Häuser sah man kaum. Nur ab und zu ein Strohdach in der Ferne. Aber sicherlich lagen wo Dörfer, denn es waren ja Leute auf den Feldern. Aber vielleicht gehörten sie auch zu dem gelben Herrenhaus, das von ganz fern zwischen zwei kugelrunden Linden aus breiten Fensterreihen herübersah. Der Mann mit dem weißen Kittel, dem verbogenen Dreispitz und der roten Weste setzte die Spitze seines Stocks fest in den Sand und marschierte auf der langen Straße weiter. Er kannte den Weg genau Jeserich und Großkreutz, Gollwitz und Phöben lagen schon lange hinter ihm jetzt war's kaum mehr wie anderthalb Stunden noch. Vor zwölf würde er schon da sein, wenn er so in seinem Schritt fortginge. Er knappte jetzt zwar etwas stärker, aber er kam deshalb nicht weniger schnell vorwärts als am Morgen. Und er ging schon gerade deshalb so schnell, damit er sich glauben machen könnte, es merke ihm niemand an, daß er doch noch immer etwas hinke. Denn, wie sähe es denn aus, wenn er mit einer Frau, die mindestens dreißig Jahre jünger wäre als er, vor den Altar humpeln würde. Da würde sich ja ganz Wust die Mäuler zerreißen. Noch mehr, als sie es schon jetzt über ihn taten.

Das Haus »Zu den drei Hechten« am Kietz fände er bestimmt wieder. Dieses Mal gäbe ich aber nicht einen Münzgroschen mehr als einen preußischen Taler. Einen Friedrichsdor mußte das letztemal der Kerl dafür haben, daß er gerade den Federkiel gespitzt hat und dreimal in die Tinte getaucht und die Eingabe ans Konsistorium gemacht hat. Na ja, verhungert genug sah er aus in seiner großen Mottenperücke. Wie der leibhaftige Tod selbst. Aber fix schreiben, das kann er, wie mit der Extrapost. Das geht wie geschmiert bei ihm. Und wie gestochen, so schön hat er noch zuletzt einen Schnörkel um seine Unterschrift dabei gemacht: »Christian Friedrich Schmitzdorff«. – Der Mann in der roten Weste schwenkte, ihn nachahmend, seinen Stock dreimal in Kreisen und Achten durch die Luft vor sich hin. Wie ein Künstler so schön! Na ja, so was hat der Mensch eben gelernt. Dem sollte man mal eine Sense in die Hand geben. Nach dem dritten Schlag läge er da wie eine tote Katze. Er, der Schmitzdorff, könnte das gewiß genausogut, wenn er's eben schon in der Schule gelernt hätte und nicht erst bei den Grenadieren.

Nein, er würde dem Gänsekiel doch lieber einen Friedrichsdor geben das wäre es ihm schon wert damit er sich auch besondere Mühe gäbe; denn solch eine Bittschrift müsse doch viel sauberer noch geschrieben sein als solch ein einfaches Gesuch. Das bekäme der Olle nämlich gewiß gar nicht selbst zu lesen. Auch wenn nachher sein Stempel runter käme. Und wenn vielleicht die Bittschrift nicht bis auf den I-Punkt sauber geschrieben ist, dann liest er sie gewiß überhaupt nicht. Dann reißt er sie gleich kaputt und schmeißt sie fort So ist er. Ich habe ihn früher doch oft genug gesehen. Ich erinnere mich deutlich, wie er vorbeiritt. Ich lag ja neben dem armen Jungen, der so wimmerte – das war damals, wo ich das Ding hier über dem Auge gefangen habe. Wie 'ne Kellerassel hat sich der kleine Kerl mit seinem zerfetzten Bauch gekrümmt; und gejammert hat er wie eine Schleiereule, mal laut und mal leise, mal hoch und mal tief, ohne aufzuhören und ohne abzusetzen. Wirklich, man konnte es kaum aushalten. Aber unsereiner hätte das doch nicht fertiggebracht, ihn da noch anzuschreien: »Wenn er sterben will, sterb er ruhig!« So was sagt man in solchem Fall zu so einem Menschen nicht. Und wie wir ein andermal nicht stürmen wollten Wo war denn das nur ? Da war er ganz blau vor Wut und hat immer gebrüllt: »Kerls, wollt ihr denn ewig leben?« Das war kein guter Mensch, mit dem war schlecht Kirschen essen. Und jetzt, wo er ganz krumm bald sein soll vor Gicht und ohne einen Zahn im Mund mir fehlen erst drei, einer oben und zwei Backenzähne –, da muß gewiß bei ihm solch eine Vorstellung wie ein Bild so schön geschrieben sein, denn sicher ist er noch viel komischer geworden. Was man so alles hört von den Lakaien und den Pagen. Und was sich so die Soldaten erzählen, war kaum zu glauben. Schnupftabak streut er sich in die Suppe, richtigen Spaniol, Nutschitutschi und Bahia. Wenn man das zu Hause den Schweinen vorschüttet, die würden überhaupt nicht den Trog anrühren. Da ist ein Tier ja viel heikler in so was als mancher Mensch. Nein, man soll nicht sparen, und selbst wenn der Gänsekiel auch zwei Friedrichsdor na, einer und zwei Taler preußisch Kurant, damit wäre es aber überreichlich bezahlt. Ich werde ja auch gedrückt. Das Korn ist gefallen statt gestiegen. Das kommt davon, wenn man denkt, man will's klug machen und es erst nächsten Juni verkaufen. Und Ferkel ziehen lohnt sich überhaupt nicht mehr. Nein, nein, ich gebe dem Gänsekiel nicht einen Silbergroschen mehr als einen Friedrichsdor. Für das Geld kann es auch schon bildschön und sauber genug sein.

Aber langsam fiel die Ungewißheit von dem Mann ab, der da leise, den linken Fuß nachschleifend, durch den Wegstaub zog und vor sich hin sprach, und statt dessen sah er sich schon als Sieger in diesem Kampfe, sah sich belohnt, gekrönt, am Ziel. Ganz glücklich wurde er und begann, vor sich hin zu summen. Da stand er bescheiden, aber aufrecht an der Linde, und die Leute – denn die nahmen jetzt von Minute zu Minute zu – kamen an ihm vorbei von der Langen Brücke her und sahen einen Augenblick ihn an. Aber keiner lachte oder rief ein Schimpfwort. Da stand er also bescheiden, aber aufrecht an der Linde, hielt sein Papier in der Hand und seinen Hut in der andern, so daß ihm der Wind – das spürte er deutlich in seiner Vorstellung – von der Havel her durch die dicken, storren Haare strich. Und wie ein Schatten huschte ihm oben am Fenster das Gesicht des Königs vorbei und sein blauer Soldatenrock mit dem Stern. Und plötzlich, da kommt nun in einem weißen Tuchrock mit einem Haarbeutel ein Page, ein so richtiger Fahnenjunker mit ganz weißer Haut im Gesicht, wie ein Mädchen, und sagt durchaus ehrerbietig: »Geb Er mir: nur die Supplik her, der König wünscht sie zu sehen. Und warte Er hier so lange, bis ich Ihm Antwort bringe.«

Und wie ich noch eben stehe und mir die Stadtleute ansehen, die jetzt im Juni mit gestickten Fräcken gehen, mit blauen, braunen und grünen und mit Pelzmuffen, und sogar die Herren und diese Damen mit den Taillen zum Durchbrechen und mit den hohen Toupets auf dem Klopf, die ganz voll Mehl sind – als ob wir dazu das Korn säen! –, da ist auch schon der Junge mit dem weißen Tuchrock und dem Mädchengesicht wieder da, und er macht sogar eine Reverenz mit seinem Degen vor mir und sagt: »Majestät befiehlt ... Er möchte nach oben zu Majestät kommen.«

Und alle Leute bleiben stehen und blicken mir hinterher, wie ich hereingeführt werde durch den Ehrenhof. Alle Grenadiere, die die Wache haben, kommen aus der Wache heraus und sehen herüber zu mir. Und wenn der Page nicht dabei wäre, dann würden sie mir gewiß »Guten Morgen, Couleur« rufen, denn das sehen sie ja, daß ich im Feld war. Und dann geht es eine Treppe herauf und durch eine Reihe von Sälen, einer immer herrlicher als der andere, mit goldenen und silbernen Wänden, und die Möbel sogar auch ganz von Silber und Gold. Im letzten, im allerletzten aber, da sitzt der König auf seinem Stuhl mit seinem Krückstock, und alle Offiziere um ihn haben gestickte Uniformen und hohe Blechhauben. Ich schäme mich aber gar nicht in meinem einfachen Rock, denn der König hat auch nur einen ganz alten, fleckigen, blauen Soldatenrock an, wie bei Mollwitz damals, und einen Hund auf dem Schoß, ganz dünn, nur Haut und Knochen, die zittern wie Espenlaub. Und denn stelle ich mich nun vor ihm gerade hin, wie ich das früher gelernt habe, und er sieht mich eine ganze Weile stur an, daß ich denke, er will mir durch und durch gucken, hier 'rein und auf dem Rücken wieder 'raus, aber ich habe gar keine Angst.

»Er heißt Christian Friedrich Schmitzdorff«, sagt er und sieht mich noch viel strenger an.

»Jawohl, Majestät«, sage ich, ohne zu stottern, wie ich das gelernt habe.

»Er ist Kossät und Krüger in Wust bei Brandenburg, wenn ich nicht irre.«

»Jawohl, Majestät«, sage ich und warte, was kommt.

»War Er Soldat?«

»Jawohl, Majestät«, rufe ich, »Regiment von Rochlitz, und nach Hochkirch dann im Geistschen Regiment.«

»Hat also Siebenjährigen Krieg mitgemacht?«

»Jawohl, Majestät«, rufe ich, »habe ordentlich Pulver gerochen.«

»Ist blessiert worden?«

»Fünfmal, Majestät«, sage ich, »bei Krefeld, bei Mollwitz, bei Hochkirch und bei Kunersdorf und dann noch mal so auf Vorposten.« Und alle die Generale sehen mich an; aber ich bleibe ganz bescheiden.

»Hat Er den Gnadentaler bekommen?« fragt der König wieder, aber jetzt ist er ganz freundlich zu mir.

»Nein, Majestät«, sage ich, »aber das macht nichts. Deswegen bin ich nicht hier. Einen Gnadentaler braucht der Schmitzdorff nicht. Gottlob. Dem genügt es, daß er seine Pflicht für seinen König getan hat. Jawohl.«

»Ja, aber heuraten«, sagte er wieder und streichelt dabei immer seinen Hund, der ihm in die Finger schnappen will. »Warum will Er denn durchaus in sein Alter noch heuraten?«

»Majestät«, sage ich, »ich fühle mich noch jung.«

»Ja, aber, wenn Er zu meine Leibgrenadiere gekommen wäre, hätte Er doch auch nicht heuraten dürfen, und es wäre Ihm trotzdem nichts abgegangen. Und warum will Er denn gerade seine Stieftochter, die Sophie Gottliebe Kühlbrodt ehelichen, wo doch schon das Konsistorium dem gesetzwidrigen Gesuch nicht willfahren will und bestimmt worden ist, daß sie sich separieren müssen?«

»Majestät«, sage ich, »ich bitte um gnädigste immediote Düspension oder wie Sie das nennen mögen, denn ich weiß genau, Majestät, es ist nicht das erstemal, daß solche erteilt worden ist, und in Brandenburg sind zwei Fälle bekannt.« Jawohl, das sage ich, wenn mich auch alle die Generale böse ansehen. »Und denn ist es ein Unrecht, was Gott zusammengetan hat, Majestät, das soll der Mensch nicht trennen, hat man mir in die Religion beigebracht. Und sie ist vor Gott meine Frau, Majestät. Jawohl. Ich bin nur ein einfacher Landbewohner, aber so viel verstehe ich doch, daß das nicht zu Recht besteht und daß kein Mensch mir daran hindern kann und darf, Majestät. Wenn der Bauer Ziesche bei uns mit die Tochter von seine Schwester vor den Altar gegangen ist, wo er doch der leibliche Onkel zu ihr ist, da hat ihn kein Pastor und kein Konsisterium dran gehindert. Des durfte er. Aber, wenn der alte Soldat und Krüger, Christian Friedrich Schmitzdorff, dem die Frau gestorben ist ... und man soll von einem Toten nichts Böses reden aber Sie haben noch nie eine Frau gesehen, die so gesoffen hat, Sie nicht, Majestät ...! Und wenn ich noch wenigstens Kinder von ihr gehabt hätte, Majestät. Zweiundzwanzig Jahr war ich mit sie verheuratet, nie hat sie von mir ein Kind gehabt, Majestät. Sie wissen ebensogut, was das heißt, keine Kinder haben, wie ich, Majestät, das heißt mal wie ein einsamer Hund im Straßengraben sterben ... Wenn der Schmitzdorff seine Stieftochter, weil er sie liebt und weil er ohne ihr nicht leben kann, ehrlich machen will und ihr Kind von einem Edelmann dazu, da darf er das mit einmal nicht. Meinen Sie nicht, daß ich mir daran stoße, ich habe das Kind, das Malwinchen, so gern, als ob es mein eigenes Fleisch und Blut war. Bei uns auf dem Land, da ist das nicht wie in der Stadt, da ist jedes Kind gleich, ob es nun einen Vater hat oder nicht. Und da lassen sie nu mit einmal das arme Mädchen vons Konsisterium mit 'nem Gendarm zu ihrer Schwester, die Krüger, bringen, die auf sie aufpassen muß, als ob sie gestohlen hätte. Und da zwingen sie einen alten Soldaten, hier zu seinem König, unter dem er gefochten hat und für den er geblutet hat, zu gehen und um sein Recht zu bitten, weil er weiß, sein König wird es ihm geben. Was braucht der Pastor Stabernack überhaupt erst mir zwingen, das ganze Konsisterium erst in Bewegung zu setzen? Er hätte mir und meine Frau kopulieren sollen, und damit basta!«

Und der Page, der will mich schon am Kragen packen und vor die Tür setzen, und alle Generale mit ihre goldstrotzende Uniform sehen aus, als ob sie mich fressen wollen. Aber der Olle krabbelt nur immer noch seinen Hund hinter die Ohren und sagt: »Er braucht sich nicht zu genieren, red Er ruhig weiter.«

»Majestät«, sage ich, »sehen Sie, haben Sie 'n Herz, ich bin ja heute auch nicht mehr so jung, wenn ich mir auch gut gehalten habe. Wirklich – ein frohes Leben habe ich nicht hinter mir: Hier habe ich noch eine Franzosenkugel sitzen, und mein sel'ge Frau, die hat mir die letzten Jahre – ich bitte um Verzeihung – in Dreck und Speck fast verkommen lassen. Ich bin ein alter Mensch, und meinen Sie, es macht mir Freude, wenn all die Bauernlümmels Abend für Abend in den Krug kommen und um das Mädchen, die Sophie, 'rum sind. Denn sie ist so schön und so fein und so freundlich von Gemüt, da können sich alle Ihre Hofdamen und Mademoiselles vor verstecken. Die könnte morgen den Sohn von Winkelmann, den reichsten Großbauern in Wust, heiraten Man weiß ja doch nicht, wie lange man noch leben tut, Majestät, und warum soll man sich, wenn man sich so abgeschuftet hat wie ich,– nicht die letzten Jahre noch glücklich und froh fühlen dürfen! Nicht wahr, Majestät? Wissen Sie, Majestät, ich schäme mich fast vor die vielen hohen Herren, das hier so zu sagen, aber ich habe wirklich bisher noch nicht gewußt, was es heißt, einen Menschen in der Welt gern haben, ohne ihn nicht sein können, und wie es ist, wenn eine einen wirklich gern hat ... Und da wollen Sie zugeben, daß wir getrennt werden? Das können Sie gar nicht. Das bringt so ein großer König wie Sie, Majestät, gar nicht fertig. Wenn Majestät dem Müller Arnold geholfen hat zu sein Recht, denn wird Majestät dem Krüger Schmitzdorff auch zu seinem verhelfen.«

»Na«, sagt der Olle und krabbelt immer noch das Hundevieh zwischen die Ohren, und mit einmal gucken mich all die Generale ganz freundlich wieder an, und der Page lacht sogar über das ganz weiße Gesicht. »Na, Schmitzdorff, ich sehe, Er ist sonst ein braver Mann. Lege mich aber eigentlich nicht gern mit den Himmelsverwaltern, den Pastoren, an; aber ich denke, wir werden seinethalben schon mal Gnade vor Recht ergehen lassen müssen. Grenadier – jeh hei nur ruhig wieder nach Hause zu seine lütte Sophie. Er wird dann gnädigen Bescheid erhalten.«

»Ich danke auch, Majestät«, sage ich und mache kehrt, daß die Scheiben im Saal klirren, und gehe mitten durch all die Generale 'raus, ohne sie anzusehen. Was die sind, ist der Schmitzdorff auch.

Ach Gott, der arme Bauer Schmitzdorff wußte gar nicht, wie er sich das so im Gehen zusammendichtete, daß er eigentlich nur das memorierte und variierte und für den eigenen Gebrauch sich zurechtschnitt, was er in einem abgegriffenen Jahrmarktsbuch über den Alten von Sanssouci, das ihm ein fliegender Buchhändler einmal aufgeschwatzt hatte, immer wieder zu Hause sich mühsam und gläubig zusammenbuchstabiert hatte.

Er wenigstens hatte eben, während er einen Fuß vor den anderen setzte und mit dem Stock weit ausgriff, nur den Boden unter schweren Sohlen spürte, nicht rechts und links sah, kaum einmal mit kleinen Augen in die Sonne blinzelte, inmitten der lichten, grünen, blumendurchwirkten Landschaft in all der Vormittagsstille um ihn all das deutlich gesehen: den Pagen im silberweißen Rock, den alten Mann im Sessel mit dem Hund, all die Generale und die goldenen Säle ...

Er hatte gezittert und gekämpft, und nun war ihm ganz leicht, weil er in diesem Kampf eigentlich, noch bevor er ihn begonnen hatte, doch schon gesiegt hatte. Und seine alten Soldatenfüße klappten deshalb nur so auf dem Boden, wie sie es tausendmal zu Trommeln und Querflöten und Pikkolos der Hoboisten getan hatten, und seine rauhe Kehle sang ganz glücklich die Begleitung dazu. Allerhand alte Märsche und Lieder. »Der Grenadier schraubt Steine auf, macht sich zum Kampf bereit ... Wir haben Mut und Blei vollauf ... Trompeter, blas zum Streit.« Und dann immer wieder – er verbiß sich ordentlich in diesen Vers, aber es marschierte sich auch so gut danach durch den Wald hin, der seine Schatten über die Landstraße warf –, immer wieder: »Es lebe mit des Höchsten Gnade der König, der uns schützen kann ... So schlägt er mit der Wachtparade ... noch einmal hunderttausend Mann.«

Im Augenblick wußte er kaum noch, warum er, der Schmitzdorff, heute eigentlich in aller Herrgottsfrühe schon von Wust aufgebrochen war, um nach Potsdam zu gehen. Aber je näher er der Stadt kam, desto mehr nahm das alles wieder Besitz von ihm, nahm die triste und unwahrscheinliche Wirklichkeit und die Fraglichkeit seiner Wünsche und Hoffnungen von dem Mann mit der roten Weste, dem weißen Kittel, dem rauhen Dreispitz aus Biberette wieder Besitz. Jetzt, wo vor ihm der Turm der Garnisonkirche und der Nikolaikirche schon grün im Lichte aufdämmerten, war er ganz klein wieder geworden und ganz grau und ganz mutlos und voll trotziger, vergrämter Verzweiflung. Er begriff das nicht, was man eigentlich mit ihm vorhatte und wo man das Recht dazu hernahm, ihn so zu behandeln. Er konnte auch nicht den Schimmer einer Schuld sehen, und dabei hatte der Pfarrer Stabernack gleich das erstemal getan, als ob er schon in der Hölle briete. Und der Schulze Lier, den er seit zweiundzwanzig Jahren kannte, hatte ihn gerade behandelt, als ob er schon reif fürs Zuchthaus wäre. Aber das lasse ich nicht auf mir sitzen. Den verklage ich beim Kammergericht in Berlin, wenn wir erst verheiratet sind. Zwanzigmal hatte er geschrien, daß er sich von seiner Stieftochter separieren müsse und daß er, widrigenfalls Schmitzdorff bei der Sophie Kühlbrodt bliebe, er ihn anzeigen müsse. Jawohl, »widrigenfalls« hatte er gesagt, das kann er beschwören, der gemeine Hund. Als ob das keine Beleidigung seiner Person wäre! Und er ist ihm immer wieder mit dem Papier aus Berlin unter die Nase gefahren. Aber das kann der Herr von Hagen in Berlin ja gar nicht allein entscheiden, ohne den König zu fragen, das wisse er ganz genau.

Die Landstraße war auch nicht mehr so wenig belebt wie die Zeit vorher. Man spürte die Nähe der Stadt. Und der Soldatenstadt. Man sah kleinere Trupps und Abteilungen mit Blechmützen, die von Feldwebeln und Fahnenjunkern überwacht und geführt wurden, die sich in die Rolle von Schäfer und Hund geteilt hatten und die, verstaubt nun und heiß, von irgendwelchen Übungsfeldern und Schießplätzen kamen. Aber es gab auch schon Stadtnarren in schön gestickten Röcken mit großen Sommermuffen. Es gab Spaziergänger und lustwandelnde Pärchen. Hoflakaien mit weißen Strümpfen und Hofkaleschen, die zwischen vergoldeten Federn wippten. Es gab Damen in blumigem Sommerkattun, mit turmhohen Toupets, die mit Seidenbändern verschnürt waren und mit gestöckelten Atlasschuhen, in denen sie nicht gehen, sondern nur trippeln konnten. Sie erregten die Verachtung des breiten Schmitzdorff, der es liebt, fest auf den Boden zu treten. Und einige ganz vornehme Fremde ließen sich sogar in einer Portechaise zum Eingang der Gärten tragen.

Drüben, fern schon von der Havel aus, sah Schmitzdorff das neue Schloß (was braucht denn ein Mensch drei Wohnungen in einer Stadt?), das der König sich gebaut hatte, um der Welt zu zeigen, daß er und seine Preußen auch durch sieben Jahre Krieg nicht verarmt waren, im Gegenteil, viel reicher noch als vorher wären sah er das Neue Palais, umflossen vom weiten, wogenden Grün der Wälder, inmitten seiner jungen Gärten liegen. Breite Lindenwege mit niedrigen, beschnittenen Kronen, regelmäßig wie die Bäume aus einer Spielzeugschachtel, aus denen es wie Honig und Veilchen duftete, die in einem Kessel gekocht werden, strahlt von dem Schloß aus ins Land hinein nach Geltow und Bornstedt herüber und nach Potsdam zu. Hellgrüne Strahlen aus einer rosigen Sonne. Ein Heer von Stuck- und Sandsteinstatuen und Gruppen um die Dachränder hielt den Riesenbau von allen Seiten bewacht, ganze Ehrenkompanien von männlichen und weiblichen Göttern und Heroen in der Paradeuniform ihrer antiken Nacktheit, befehligt von drei nackten Genien des Friedens, der Wissenschaften und der Künste, die auf der grünen Kuppel die Krone Preußens trugen und die – wie jedermann im Lande und auch Schmitzdorff wußte – niemand anders sein sollten als die Mätresse von Frankreich, die Kaiserin von Rußland und die Kaiserin von Österreich, Maria Theresia.

Seitdem Schmitzdorff das letztemal vorbeigekommen war, hatte sich doch der Alte, der immer bauen mußte, schon wieder hinten so einen Tempel gebaut – unsereiner freut sich, wenn er ein Haus für sich hat, und der hat allein schon in Potsdam sechse, die so groß sind, daß man sich darin verlaufen kann! Solch eine runde Sache hatte er sich gebaut, eine Art Aussichtsturm wohl mit Fenstern und großen Treppen, da drüben auf dem Klausenberg. Und der leuchtete ebenfalls rosig und hell mit seiner winkenden Puppe auf dem Dach, inmitten all des Grüns, das er überragte, in den heißen blauen Mittag hinein.

Schmitzdorff hätte nun eigentlich geradeaus gehen müssen, immer die Havel rechts von sich zur Brandenburger Vorstadt, zu dem Federfuchser, dem ausgemergelten, in das Haus »Zu den drei Hechten«. Aber dann hätte er ja doch heute nicht mehr die Bittschrift dem König übergeben können, denn der war nur am Vormittag im Stadtschloß; und auch dann nur einen Tag um den andern. Das hatte ihm noch sein Schwiegersohn, der Fischer Krüger, nachgerufen. Der hatte ihm überhaupt angeraten, daß er hingehen sollte. Ach Gott, da ist es wirklich schon gleich, wenn ich jetzt hierherum gehe und dann durch die Gärten nach dem Nauener Tor. Irgendwie hatte Schmitzdorff dabei das unklare Gefühl, als ob er sich damit in die Höhle des Löwen wagte, aber ein anderes in ihm sagte ihm auch, daß es besser wäre, einen Gegner erst zu kennen, wenn man seiner Herr werden wollte.

Trotzdem denke man nun etwa nicht, daß Schmitzdorff das hier liebte. Er war schon öfter hier gewesen, und er begriff durchaus nicht, wozu all das auf der Welt war und wie ein Mensch wie dieser böse alte Affe daraufkäme, sich Springbrunnen mit vergoldeten nackten Puppen und Säulengänge aus schlesischem Granit, Marmorwände und nackte Menschen aus Stein in den Wald und in den Garten zu stellen. Ewig schade um das schöne Geld für solch Gelump. Und wer mußte es denn eigentlich bezahlen? Er! Wozu brauchte er sich Pfauen und Meerkatzen zu halten, saure Weintrauben unter gläsernen Bergen zu züchten und Nachtigallen in die Büsche zu setzen, weil sie nicht am Tage wie andere Vögel, sondern auch des Nachts schrien? Für ihn, Schmitzdorff, brauchte nicht allein all das nicht zu bestehen, sondern er hatte den tiefen Haß des Ungebildeten, des Pöbels, des Bauern, des Unkultivierbaren gegen die Kultur. Der uralte Haß des Vandalen gegen alles, was menschgeschaffene Schönheit oder Kunst hieß. Sicher waren unter seinen Vorfahren die gewesen, die sich in Rom daran berauscht hatten, Statuen zu verstümmeln und zu zertrümmern.

Schmitzdorff wunderte sich nur insgeheim, daß die Russen damals hier so alles gelassen hatten und nur in Charlottenburg und Oranienburg so ganz klein wenig Ordnung gemacht hatten. Recht hatten sie. Was brauchen solche Menschen unter seidenen Daunen in silbernen Betten zu schlafen, wenn für unsereinen eine Streu gut genug ist. Und was brauchen die hundert Zimmer hier im Haus, über und über mit Stuck die Decken, eins immer teurer als das andere, und Säle und hundert Lakaien und katzbuckelnde Tagediebe um sich 'rum, die sie hinten und vorne bedienen müssen? Was müssen sie mit Perücken in gestickten Kledagen herumlaufen und gebratene Hühnchen von Porzellanschüsseln essen, wenn er seine Pellkartoffeln sich aus der zinnernen Schüssel fischt? Was brauchen sie sich die Wände mit Kunstbildern und all solchem Krimskrams zu behängen, mit nackten Mädchen drauf? Und Tische und Stühle aus Rosenholz und Marmor, Nachtkästen mit goldenen Türgriffen – jawohl, das habe ich selbst mit eigenen Augen gesehen! – sich zu kaufen? Unsereiner ist ja gar nicht so verdorben, um auf solche Gedanken zu kommen. Und wenn er alle Strümpfe zu Hause voll Friedrichsdor und harten Talern hätte! Wenn sie bei ihm in Wust nur mal nach der Feldarbeit zusammen nackt baden – aber das kommt kaum mal im August vor, so heiß ist es ja selten –, dann kostet das gleich achtzehn Silbergroschen, wenn's 'rauskommt, und der Pfarrer schreit wer weiß wie. Aber die reichen Leute, die Aristokraten, die Junker von und zu, bei denen steht an jeder Ecke und bei jeder Hecke solch nackichtes Mädchen oder Kerl, der gar nichts anhat als einen Helm auf dem Kopf, im Garten 'rum. Wenn es nach ihm ginge, müßte all das Zeug kurz und klein geschlagen werden. Und was trägt denn solch Garten hier? Wenn er noch Obstbäume setzen würde. Aber wozu braucht er denn für ein Sündengeld sich aus Holland – das hat mir der eine Gärtner selbst erzählt – Lindenbäume kommen zu lassen und lauter solche dornigen Bäume wie die Besen aus Amerika, Akadien sollen sie heißen oder wie sie sonst heißen mögen. Und die Pumeranzen – und die Zitronenkübel. Das ist ja so überflüssig wie 'n Kropf. Die werden ja doch nicht reif hier. Kaum daß sie geblüht haben, fallen die Früchte ab.

Nein, der Krugwirt und Kossät Schmitzdorff aus Wust bei Brandenburg fühlte sich eigentlich nicht sehr am Platze hier, als er so, langsam hinkend, durch die grünen Wege zog und mit erstaunten Augen nach rechts und links dabei sah. Die jungen Linden waren zu Kegeln und Bällen geschnitten, und Gärtnerburschen mit Kniehosen und sauberen Hemden standen auf hohen Stehleitern und zwickten mit großen Scheren die Zweige ab, die sich widersätzlich aus der vorgeschriebenen Form herauswagten. Und dann waren wieder große Flächen voll Blumen, dunkelveilchenblauen, die süß dufteten, süßer als Lavendel und frische Wäsche. Und riesige Teppichbeete aus grauen, braunen, roten und gelben Blattpflanzen, die gar nicht mehr blühen brauchten, weil sie schon so bunt genug waren, lagen in großen Schnörkeln in den kurzgeschorenen Rasenflächen, bunt und kunstvoll wie ein Bild. Das da ergab, wenn man genau hinsah: einen Blumenkorb; das da einen Vogel, einen bunten Papagei in einem Ring; und das einen Adler, der über einer großen Krone schwebte. Wirklich, die Gärtnerburschen auf den Leitern mußten sehr geschickt sein, daß sie so etwas zur Ausführung bringen konnten, dachte Schmitzdorff.

Und dann leuchtete hinten eine goldene Gruppe in einem großen Bassin. Aber sie spritzte nicht. Nur kleine Fische, ganz aus rotem Gold, schwammen, wirklich lebendig, um den riesigen bärtigen Mann, der so fest, daß man richtig sah, wie sich seine Hand in ihren weichen Rücken preßte, in dem einen Arm eine ganz nackte Frau hielt und mit dem anderen einen Dreizack zum Hechtestechen zwang. Damals muß das also noch erlaubt gewesen sein! Zwischen Pomeranzenbäumen in grünen Kübeln, deren weiße Blüten im Lackgrün Schmitzdorff in ihrem Duft an frisches und warmes Weihnachtsgebäck erinnerten, standen allerhand weiße Marmorwesen im Kreis um den Rand der kunstreichen Wasseranlage; und oben über der Hügelkante, über die verglasten Terrassen des Berges, dessen breite Treppe heute ein einziges Hinauf und Hinab von Menschen war – denn der König war nicht da, und deshalb war die Treppe wenigstens und die Terrasse freigegeben –, sah ein vergrüntes Kupferdach, rund wie der Rücken eines Esels, in das hohe windklare Lichtblau des heißen Mittagshimmels hinein.

Doch über den knirschenden Kies des Weges – aber so etwas hatte Schmitzdorff sich nie träumen lassen, und er schrak darob zusammen, gerade als wäre es jetzt nicht Mittag um zwölf, sondern Mitternacht, und es wäre ihm eine Karawane von Gespenstern begegnet –, über den knirschenden Kies schob ein richtiger quittegelber, schlitzäugiger Chinese mit lautlosen Schuhen auf dicken Filzsohlen, mit einem Zopf, wie ein Chinese sonst nur auf einer Tapete hat, in gelben hängenden Seidengewändern, die wie ein Pfauenschweif so bunt bestickt waren, einen Stoßwagen, in dem ein alter, uralter, sagenhaft alter Mann, in großer blonder Perücke und mit ganz jungen, tiefblauen Augen noch, im Staatsfrack – aber mit dick umwickelten Gichtbeinen saß und durch ein Lorgnon an langem Perlmutterstiel die Leute musterte. Und nicht genug des Spukhaften, führte neben ihm mühsam an kurzer Kette ein wollhaariger, richtiger Negerjunge in ganz weißer Livree und mit einem Mund wie rohes Fleisch und mit Augen wie Schneebälle, so groß und weiß und glitzernd in all dem Schwarz seines grinsenden Gesichts, ein riesiges Windspiel, so lang und dünn, als ob man es hätte durch eine Obstpresse gehen lassen Ein Mordsbursche von einem Hund, der den Kopf vorstreckte aus dem Halsring und mit seiner langen Zunge spielte, so daß der Kopf doppelt so lang erschien, wie er es schon als ein für Schmitzdorff höchst seltsames Naturspiel eigentlich war. Und viele von den feinen Herren mit den Sommermuffen verbeugten sich im Vorübergehen sehr artig vor der seltsamen Karawane – selbst die Leutnants nahmen Haltung an und machten Ehrenbezeigung –, und ihre Damen mit den roten und blauen Bändern in den Toupets traten einen Schritt seitwärts und machten einen fast so tiefen Knicks, als ob der lächelnde lorgnettierende Alte mit seinen umwickelten Gichtbeinen der König selbst wäre. Schmitzdorff begriff die Stadtnarren nicht, warum sie sich vor solch einer morschen Vogelscheuche so hatten. Sicherlich aber war das einer von den Menschen, die der König immer um sich hatte – das sollten ja alles Verrückte sein! –, und wenn man sich demgegenüber schon so delikat zu benehmen hatte, was mußte man denn erst alles tun, wenn man mit ihm selbst sprechen dürfte.

Sein Wachtraum von vorhin, in dessen Nebel Schmitzdorff so schön auf der Landstraße dahinmarschiert war, war ganz fort. Jetzt stürmte es wieder. Als ob sie seidene Schnupftücher gestohlen hätten, so hat der Jaensch, der Gendarm, seine gute Sophie von ihm weggebracht zum Fischer Krüger. Und wie hat ihn der Schulze Lier behandelt? Und das letztemal hieß es doch, daß er, der Schmitzdorff, Schulze werden sollte ... Also ist das doch nur ein Zufall, daß gerade der Lier Schulze ist und nicht der Schmitzdorff! Nicht wahr? Und da kommt mir der Mensch so dumm, als ob ich, der nie in zweiundzwanzig Jahren zu der geringsten Klage Anlaß gegeben hat, vor ihm ein Stück Mist von der Straße wäre. Und weshalb denn? Das kann er ja auch nicht sagen. Das versteht kein Mensch. Und der Lier versteht es erst recht nicht. All das schoß nun wieder aus dem trüben Grundwasser seines Bewußtseins mit plötzlicher Gewalt nach oben in seine Tageshelle hinein, so wie ein Kork, den man unter Wasser gedrückt hat, hochschnellt, wenn man ihn losläßt, und schaukelnd auf der Oberfläche hin und her zu kreisen beginnt. Und leise und trostlos mimmelnd und halblaut vor sich hin schwatzend, hinkte er, den Dreispitz denn es war ihm doch heiß geworden – zwischen den Händen drehend, weiter. Da machte es der Zufall, daß sein Blick seitlich nach einer geschnittenen Hecke abglitt, ein Halbrund, das aus dunklem Buchs geschnitten war und von zwei Kugeln von Eibe an den beiden Ecken bekrönt war. In dieser Nische saß, halb besonnt und so oder so von grünen Lichtern eines blühenden Lindenbaumes überzuckt – je nachdem, ob der Juniwind atmete oder den Atem anhielt–, eine kleine, zierliche Marmorgöttin mit seitlich übereinandergekreuzten Schenkeln und mit leicht gebogenem Rücken von der Schmiegsamkeit eines Fischotters. Mit einem süßen Schnuppernäschen. Mit kleinen, festen Brüsten, anschwellend und zugespitzt, wie zwei besonders schöne und überreife Aprikosen. Und mit apart und spöttisch hochgezogenen, ganz dünnen Brauen, wie Brückenbögen über den Augen; solchen Augen, die nach dem Nasenrücken zu schmal, wie mit einem Pinselstrich gezogen, fein und messerscharf ausliefen und dabei gerade nach den Schläfen sich weit und neckisch öffneten. Mit langfingrigen und weichen Händen an dünn und überzierlich geformten Armen, die ganz müde und lässig in den Schultern hingen und mit einer largen Geste sich mit einem kleinen Jungen beschäftigten, der, selbst geflügelt, zu ihren Füßen hockte und weltvergessen mit zwei Tauben spielte.

Wie fein die Zehen waren und wie dünn die Fesseln und die Gelenke an den Händen. Jede frauliche Form war da, und doch setzte sich in diesem leichten Marmorweiß keine Form gegen die andere ab, sondern jede lief lebend und schmiegsam zur andern hin, einte sich mit ihr zu der Bewegung und Gegenbewegung des ganzen zartgerundeten Körpers, der bis in die Spitze des kleinen Zehs ein Wunderwerk eines himmlischen Drechslermeisters zu sein schien.

Es stand noch nicht lange hier im Grünen an dieser Stelle, dieses junge und anmutvollste Marmorwesen, denn es war noch nicht allzulange her, daß es durch die Vermittlung des Marquis d'Argens seine Reise von Paris nach Potsdam hatte antreten müssen.

Der Bauer Schmitzdorff schrak tief zusammen, als sein Blick unter den faltigen Lidern aus den graublauen Augen auf die zierliche, schmalhüftige, sich halb wegwendende, weitgereiste Pariserin da unter dem beschnittenen Lindenbaum in der Buchs- und Eibennische fiel: Wie konnte denn der Mann das gesehen haben? Woher hatte er das nur? Der ist doch nie dabeigewesen! Aber so hat doch die Sophie, seine kleine Gottliebe, hundertmal des Morgens auf dem Bettrand gesessen und mit dem Malwinchen gespielt. Das war doch ihr Hals. Das waren ja ihre Augen, die so ganz anders waren als alle Augen, die er je gesehen hatte. Das war die schnippische Nase, die etwas nach aufwärts gewirbelt ist wie ein Feldwebelsbart. Und das war haargenau ihr kleiner Wieselrücken. Selbst das Haar trug sie ebenso mit einer veilchenblauen Leinenschleife des Morgens gebunden. Immer nur oben hat sie die Strähnen zusammengefaßt, und mit einer Bewegung wirft sie sie dann wie einen kleinen, flatternden Roßschweif über die linke Schulter. Selbst der eine Zeh, der etwas von den anderen absteht, war dem Bildhauer nicht entgangen.

Man sollte das wirklich nicht für möglich halten, daß der Mensch sich das alles so frei erfunden hatte. Und wenn er seine kleine Sophie jeden Morgen gesehen hätte, so hätte er das auch nicht besser machen können.

Wirklich, der Krüger Schmitzdorff kam mit seinen kleinen vergrämten Augen, die zwischen den vielen Falten wie ein unterirdischer See glimmten, gar nicht von dem durchsichtigen und leicht grün und golden überzuckten Marmorkörper los. Immer wieder streichelte er mit den Blicken die Hüften entlang, glitt um den kleinen Leib, die schmal gestrafften Schenkel. Selbst die kleine Vertiefung in der rechten Backe segnete er wieder mit den Blicken.

Plötzlich war er auch gar nicht mehr feindlich all diesen Dingen hier gesinnt, all diesem überflüssigen und sinnlosen Plunder. Etwas spät zwar und sehr wenig bewußt – aber vielleicht muß das gerade so sein –, vollzog sich in dem armen und beschränkten alten Böotier die Geburt oder richtiger wohl die Wiedergeburt der Kunst. Und schwer und müde setzte er sich in seinem weißen Rock und mit seiner roten Weste auf die niedere Marmorbank neben Pigalles Venus, ließ den Kopf sinken, stützte beide Ellenbogen auf die Knie, und nahm das Gesicht zwischen beide Fäuste wieder und schluckte und schluchzte. Und ohne, daß er es je hätte begreifen können, denn so etwas war seinem Hirn nicht gegeben von hundert Generationen her und auf hundert Generationen hinaus, verhalf er so der alten Definition des Erasmus Darwin zu ihrem Recht als ihr lebender Beweis: »Schön ist das, was mit dem, was wir lieben, verbunden ist.«

Aber Gott, was sollte er denn jetzt noch anders machen, als zu dem Gänsekiel, zu dem Federfuchser, in die »Drei Hechte« gehen!

Als nun aber der Bauer Schmitzdorff sich gerade wieder erheben wollte und eben den Weißdornstock in den Boden bohrte, um von der niedrigen Marmorbank gut loszukommen, da sah er vor sich ein Paar weiße Wollstrümpfe, ein Paar kurze, zitronengelbe Beinkleider mit Schnallen darüber – ungefähr in der Höhe, da bei anderen Menschen schon die Schultern sitzen (vielleicht schien das ihm auch nur so, weil das Bänkchen so niedrig war) – eine große zitronengelbe Weste mit goldenen Knöpfen, und er schrak zusammen, weil er meinte, es wäre einer von jenen alten, ausgedienten Krongardisten, die hier die Aufsicht führten und der ihn 'anfahren wollte, weil er sich auf diese vornehme und kühle Marmorbank niedergelassen hatte, die sicher für Leute seiner Art nicht bestimmt war.

Aber dann sah er seitlich den blauen Rock mit seinen breiten roten Aufschlägen und dem Kragen und den Knöpfen daran mit dem flügelspreizenden Adler; und die breiten silbernen Tressen blinzelten ihn an. Und wie er oben in sehr beträchtlicher Höhe noch die rote Grenadiermütze mit dem versilberten Blech gewahrte, da wußte er, daß das durchaus kein Krongardist war, sondern einer von der Kompanie der Flügelgrenadiere. Aber doch nur ein gemeiner Mann und kein Unteroffizier. Denn er hatte ja keine roten Federn auf der Mütze und keine silbernen Schleifen an der Mütze Der also hatte ihm hier gar nichts zu sagen. Er war ein alter Soldat. Er hatte den Krieg mitgemacht. Er hatte Pulver gerochen. Und er konnte ja noch gar nicht mit dabeigewesen sein. Der ist damals noch viel zu jung dazu gewesen. Der ist ja heute noch mit seinen sieben-, achtundzwanzig Jahren gegen ihn ein reines Kind. Nee, der soll sich erst mal Wind um die Nase gehen lassen, ehe er einen alten, ausgedienten Soldaten hier etwa belehren will, was er tun und lassen darf.

Der da vor ihm stand, dachte jedoch gar nicht daran, ihn irgendwie zur Rede zu stellen oder etwa auf Verbote hinzuweisen, sondern blinzelte ihn von seiner Höhe herab lustig aus einem eingekniffenen Auge an. Das andere aber, das Schmitzdorff besser erkennen konnte, weil jener es nicht zukniff, war wasserblau und sehr unkriegerisch wie der ganze Mann, der mit seinem Schnurrbärtchen recht hübsch und ganz weißblond wie eine Kuchensemmel war, ein großes lustiges Kindergesicht zwischen zwei Etagen weiß gemehlter gedrehter Locken hatte und aus allen Poren Gutmütigkeit ausstrahlte.

Und warum auch nicht? Es ging ihm sehr gut. Es fehlte ihm gar nichts. Er war jetzt sogar Leibgrenadier. Schon acht Jahre lang. Vorher war er sechs Jahre beim Schliebenschen Regiment gewesen, und mit vierzehn Jahren war er, denn er war damals auch nicht viel kleiner als heute, nur nicht so breit in den Schultern – jetzt hatte er mächtig ausgelegt –, zum Kommiß gegangen. Und das war doch wirklich etwas anderes, wirklich was anderes, in Königsrock, als zu Hause in Klasfelde, da oben bei Konitz, ganz oben in Westpreußen, wo sich die Füchse gute Nacht sagen, bei irgendeinem Mistbauern den Knecht spielen, im Stall schlafen und nichts zu fressen kriegen als alle Tage Wruken und Rüben. Hier hatte er doch sein Bürgerquartier, hatte ein faules Leben, faßte täglich seine gute Menage und nahm sich sogar noch nach Hause mit, so viel, daß die Dünklern alle Tage fetter wurde. Der Dienst war die reine Spielerei für ihn. Und bei den Leibgrenadieren gab's auch keine Freiwächter, die etwa nichts zu essen hatten, weil der Hauptmann den Sold einsteckte und die deshalb auf dem Packhof sich für ein paar Silbergroschen abschuften mußten wie bei den Füsilieren da drüben in Berlin. In seinem Bataillon hatte sich noch keiner totgearbeitet. Jetzt zum Beispiel sollte er grade unten in der Schloßwache von Sanssouci Posten schieben. Aber der Olle war nicht da, war verreist in die Provinz, nach Schlesien und dem Oderbruch, den er umrajolen ließ, da kam das nicht so drauf an. Also: aufgezogen war er ja mit. Er marschierte durchaus gern hinter dem Schellenbaum her mittags um zwölfe, wenn das Glockenspiel auf der Garnisonkirche vom Turm klimperte und alle Mädchen und Frauen aus den Fenstern nach ihnen kiekten und die Straßenjungens vorneweg rannten. Das machte ihm Laune. Aber so den ganzen Tag und die ganze Nacht dann, alle vier Stunden wieder, mit dem Gewehr über die Achsel da oben auf der Terrasse vorm Schloß hin und her laufen wie ein Kettenhund, das liebte er durchaus nicht. Und noch weniger auf der harten Pritsche liegen und sich nicht mal den Waffenrock bei der Hitze ausziehen dürfen ... nee, da lag er schon lieber bei seiner Marjell, die Dünklern. Denn sie war wirklich eine staatsche und propre Person und immer gleichmäßig freundlich zu ihm. Er konnte nichts auf sie sagen. Bei den andern Soldatenliebsten gab es immer Mord und Totschlag. Und deshalb war der Grenadier Wordelmann also heute zwar mitgegangen, war stramm mit auf Wache gezogen, hatte sich auch – für alle Fälle – in das Wachbuch eintragen lassen; aber dann war bald der Ersatzmann gekommen, der Grenadier Kattenhorn, der sich für zwei Kommißbrote, die Wordelmann beim Brotfassen geklaut hatte – denn Kattenhorn hatte immer Hunger wie 'ne Ratte –, und eine neue Knopfgabel ... und Wordelmann konnte sich ja oben auf dem Kirchenboden so viel Knopfgabeln und andere Kleinigkeiten aneignen, wie er wollte, wenn er da auf den Monturkammern arbeitete – das heißt, jetzt ließ der Olle ja neue Kammern bauen, denn die Hallelujafähnriche hatten sich beschwert, daß dadurch ihre Kirchen entweiht würden, und deshalb würde das nun vielleicht aufhören der also für zwei Kommißbrote und eine neue Knopfgabel sich erbötig gezeigt hatte, die Wache für ihn zu schieben.

Und darum also ging jetzt der Grenadier Wordelmann bester Dinge eben wieder nach Hause zu seiner Sophie Dorothee. Aufkommen wird da schon nichts, sagte er sich. Und wenn schon! Und wenn sie wirklich schon Lunte riechen! Viel gibt das doch nicht. Höchstens drei Tage Vater Philippn. Denn dazu ist Wordelmann ja viel zu beliebt bei all seine Vorgesetzten. Wie war denn das damals Ostern siebenundsiebzig? Da haben sie ihn sogar aus dem Kasten herausgeholt, damit er bei der Frühjahrsparade vorn im Lustgarten die Sache 'rausreißt, und haben ihm nachher die letzten acht Tage huldvollst noch geschenkt.

Und damit hatte Wordelmann recht. Er war wirklich beliebt bei seinen Vorgesetzten und bekannt bei allen Leutnants der Garnison. Weil man sich allerhand Schnurren von ihm erzählte. Weil er nie verlegen um eine Antwort oder um eine Notlüge war. Weil er kein Angeber war, mit seinen Kameraden zusammenhielt wie Pech und Schwefel, sie immer herausriß, wenn es brenzlig wurde. Weil er immer freigebig war und spendierte, solange er nur einen Dreier noch hatte, oder die Wirte ihm pumpten – aber sie hätten es ja nicht getan, wenn er doch nicht auch immer wieder bezahlt hätte, weiß der Teufel, wo er den Zaster herkriegte. Weil er ein hübscher blonder Kerl war, ein sauberer und adretter Soldat, der auch in der dritten Garnitur immer aussah, als wäre er in der ersten, und an dem sich mancher Unteroffizier ein Beispiel nehmen konnte.

Also der Leibgrenadier Wordelmann stand nun freundlich lächelnd mit hellen, lustigen Augen, in denen die pure Gutmütigkeit saß, aber auch etwas Verschlagenheit: – doch vielleicht nicht mehr, als das in seiner Heimat üblich war, jedenfalls nicht so viel, daß sie etwa vor ihm warnen konnte –, breit und riesig und lachend stand er vor dem sich erhebenden Bauern Schmitzdorff in seinem weißen Bauernkittel. Denn Wordelmann war wirklich sehr guter Dinge heute. Und so also hatte er das Gefühl, daß er von dieser seiner strahlenden und durchaus mit dem Weltganzen versöhnten Laune dem Mann, der da so kümmerlich auf dem Bänkchen saß, etwas mitteilen müsse. Dem, so schien es ihm, würde es sicher sehr von Vorteil sein, wenn er jetzt zum Beispiel mit ihm eine Stange genehmigte oder 'ne Sandweiße oder umschichtig eins um das andere oder einen Grademacher, weil das an so einem warmen Tag einem am besten bekäme. Kümmel allein ist ja nicht das Richtige. Und Bier allein macht nur noch durstiger. Aber Bier mit Kümmel wäre für einen Tag wie diesen gerade das Zweckdienliche und Angebrachte. Wer das zwar nachher blechen würde, war noch nicht ganz 'raus. Jedenfalls würde er sich auch nicht weigern, es zu tun ... Denn ihm klapperte noch ein Rest von der Löhnung im Brustbeutel. Wenn er sich auch nicht gerade danach drängen würde. Endlich war der andere älter als er und hatte den Vorrang.

Man wundere sich bitte nicht über diese seine Überlegung. Denn Wordelmann gehörte zwar im Gegensatz zu Schmitzdorff zu den Leuten, die überhaupt nicht lesen und schreiben konnten – das heißt, seinen eigenen Namen schreiben hatte er beim Kommiß doch nachträglich noch gelernt –, aber in der Schnelligkeit des Denkens und in der Schärfe des Schlüsseziehens war er trotzdem dem Schmitzdorff um ein vielfaches überlegen. Und so sah er auch gleich, daß dem Bauern irgend etwas sehr verquer gegangen sein müsse und daß man ihn deshalb zuerst vorsichtig wie ein rohes Ei anfassen müsse. Und weiter sah er daran, wie er sich erhob, und an dem Loch in der Stirn über dem linken Auge, daß es ein gedienter Mann wäre und im Krieg damals – aber da war er noch ein Kind gewesen – wohl stark mitgenommen war. Sone Leute jedoch mußte man nur zart anpusten, wie einen klammen Maikäfer, dann fingen sie schon an zu krabbeln.

»Na, Kamerad«, sagte er langsam und ehrerbietig und mit einem ganz kleinen Beiklang heimatlichen Westpreußens, der durch den unverfälschten Jargon Potsdamer Kasernen trotz vierzehn Jahre langer Übung immer wieder hindurchschlug – »Na, Kamerad« –, und betonte zugleich durch diese Wiederholung die gewaltige Kluft, die sie beide, als Angehörige der glorreichen preußischen Armee, von all dem verächtlichen Gesindel von Zivilisten und Bürgerpack, die keine Waffe trugen oder je getragen hatten, trennte. »Na, Couleur, was führt dich denn hierher? Müssen wir uns nicht schon mal hier gesehen haben? Nee, doch Kamerad. Warst du nicht vergangenen Herbst im Lustgarten unter den Invaliden bei dem Gedenktag von Mollwitz? Das war doch damals eine hochgradige Begeisterung!«

An sich hätte nun Schmitzdorff ruhig nein sagen können – das hatte Wordelmann auch erwartet. Denn dieser bedeutsame Gedenktag war zu diesem Behuf im Augenblick ja von ihm erfunden worden. Aber seltsamerweise sagte Schmitzdorff durchaus nicht nein, sondern mit leisem Stolz, soweit er in diesem Augenblick dazu fähig war, und etwas von oben herab, so wie eine alte Charge mit einem gemeinen Mann eben auch außer Dienst zu verkehren pflegt – denn als Charge fühlte er sich als Kriegsteilnehmer und wünschte auch dem andern glauben zu machen, daß er ein Charge wäre –: »Jawoll, Grenadier, das kann wohl sein!«

Wenn aber Schmitzdorff nein gesagt hätte, so hätte das durchaus nichts geschadet, und das Gespräch wäre trotzdem zustande gekommen, denn dann hätte ihn eben der Grenadier Wordelmann mit jemand verwechselt, dem er täuschend ähnlich sähe. Darauf war er schon vorbereitet gewesen, und dieses »Ja« warf ihn ziemlich aus dem Konzept. Immerhin gab ihm die Tatsache, daß er den andern dort getroffen hatte, wo niemand gewesen war, einigen Anhalt zur Beurteilung der geistigen Wesensart seines neuen Freundes, die er kurz bei sich dahin zusammenfaßte, daß dieser Bauer sicherlich durch die Narbe etwas kopfschwach geworden wäre, aber auch schon von Hause her eine doofe Neune gewesen sei. Und langsam und zart begann er ihn auszuholen über das Woher und Wohin des Wegs, ohne etwa, als Mensch von Delikatesse, sein Befremden darüber zu äußern, daß sein neuer Freund sich gerade anscheinend in einer recht gedrückten Gemütsverfassung befände. So plump und ungeschickt war Wordelmann nicht. Denn so etwas verscheucht einem ja nur die Kunden.

Er zeigte sich also nur freudig bewegt, als der neue Freund ihm anvertraute, daß er ganz schnell jetzt zu den »Drei Hechten« müßte, weil es sich zufällig so träfe, daß er, Wordelmann, auch geradeüber von den »Drei Hechten« wohne und sie nun zusammen gehen könnten. In Wahrheit lag er natürlich mit seiner Dünklern oben im holländischen Viertel am Bassin in einer Dachkammer mit schiefen Wänden im Bürgerquartier. Gerade am andern Ende der Stadt. Aber wenn er so neue Bekannte kennenlernte, von denen er hoffte, daß sie ihm ein Glas Bier zahlen oder gern Franzefuß oder Kümmelblättchen mit ihm spielen würden, so wohnte er immer gerade gegenüber. Er spielte nämlich die Spiele durch jahrelange Übung mit so viel Handfertigkeit, daß er eigentlich kaum je, außer im Anfang, bei ihnen Geld verlor. Auch beim Würfeln hatte er, sofern es ihm gelang, seine eigenen Würfel statt denen des Wirtes in den Lederbecher zu praktizieren, eine geradezu gebenedeite Patsche. Wirklich, man hätte diesen riesenhaften, groben und ehrlichen Fingern gar nicht soviel Geschicklichkeit zugetraut. Man kann jedoch eigentlich nicht sagen, daß er, Wordelmann, deshalb Spieler oder gar Falschspieler war. Wenigstens war er das kaum mehr als üblich. Er liebte es nur nicht zu verlieren und half deswegen in aller Harmlosigkeit etwas nach. Das Leben ist schwer, und zwei Silbergroschen und einen Dreier preußisch Kurant täglich ist nicht viel Geld, und da muß man schon auf alle Arten sehen, daß man etwas dazubekommt. Mit Karten und Würfeln und kleinen Kommissionen und Schwindeleien und was sich sonst bietet. Sehr wählerisch darf man da eben nicht sein. Und jetzt spielte also Wordelmann mit Geschick den braven jungen Soldaten, der seinen alten, biedern Vater vom Lande, ihn fürsorglich geleitend und beschirmend, daß ihm in dieser fremden Welt auch kein Unheil zustieße, in Sanssouci und Potsdam herumführt und ihm die Sehenswürdigkeiten weist. Aber er dirigierte den andern, ohne daß der es eigentlich merkte, von ihnen fort, nach dem Marlygarten herüber, der ungepflegt, schattig und menschenleer war, weil es dort für den braven jungen Soldaten eine geringere Wahrscheinlichkeit gab, irgendeinem seiner Vorgesetzten, solchem klapprigen Portepeefähnrich vielleicht, in die Arme zu laufen, irgend so einem Appellfatzken, der, weil er sich wichtig machen will, vom Appell her sich daran erinnern möchte, daß Grenadier Wordelmann heute Parkwache zu schieben hätte, und ihn dann verpfeifen würde. »Siehste, Kamerad«, sagte er und legte Schmitzdotff seine riesige Hand auf die Schulter, daß der noch mehr zu knappen begann als sonst. »Siehste dahinten den schwarzen Neger mit der mächtigen Hundetöle und den gelben Kerl mit dem Zopf, der die alte Meerkatze da in seinem Gichtwagen schiebt? Haste schon vorhin gesehen? Die wohnen geradeüber vom Schloß. Das sind die Diener von dem Lord Marie-Schall-Kesch. Die Schotten sollen ja ungemein ulkige Namen so haben. Da nennt sich jeder, wie er will. Der Bruder zu ihm hieß einfach General Keith. Den wirst du ja auch noch gekannt haben.«

»Natürlich«, sagte Schmitzdorff und hob vor Stolz die Schulter, auf der die Hand Wordelmanns lastete. »Ich habe ihm zweimal beinahe das Leben gerettet. Das war sogar ein sehr leutseliger Mann. ›Schmitzdorff‹, hat er gesagt, ›das vergesse ich Ihnen nie.‹ – ›General‹, habe ich gesagt, ›tun Sie mir eine Liebe und seien Sie nicht immer so tollkühn. Ihnen passiert doch noch mal was.‹ Aber hat nicht auf mich hören wollen.«

Aber Wordelmann imponierte das nicht. Er kannte die Erzählungen der Veteranen und die Legendenbildungen der Kriegsinvaliden. »Ja, und das schönste Mädchen aus seinem Harem – denn er ist ein Türke, aber hier darf er das nicht sein –, die Emma, hat er noch aus Konstantinopel sich mitgebracht. Der hätte ruhig die andern ooch mitbringen können. Die wäre er hier bei uns alle losgeworden, wenn's ihm zuviel gewesen wäre. Der König aber, der hält ja große Stücke auf die olle Meerkatze, fast soviel wie auf seine Leibgrenadiere. Der jeht und kommt zu ihm, jerade wie wir. Wir brauchen in janz Potsdam keinen von die Offiziers zu grüßen. Wat die sind, sind wir schon lange. Wir erweisen nur unsern direkten Vorgesetzten die vorgeschriebene Ehrenbezeigung. Und unser persönlicher Vorgesetzter is eben niemand anders als der König selber. Jawohl! Das ist der einzige, vor dem wir salutieren brauchen, und wenn wir das mal nicht tun, dann schad' es auch nichts. Darin is er großartig.«

Schmitzdorff staunte. »Zu meine Zeit war das noch nicht«, meinte er verwundert.

»Ja, das ist erst eben nach dem Siebenjährigen Krieg von ihm huldvollst eingeführt worden, weil wir ihn doch bei Mollwitz 'rausgehauen haben.«

»In Mollwitz?« sagte Schmitzdorff, dem das unwahrscheinlich schien.

»Na ja, oder bei Zorndorf ... irgendwo war das«, meinte Wordelmann bescheiden. Er war kein Spielverderber. Wegen solcher Lappalie zankte er sich nicht mit einem alten Kameraden. »Ja, und du magst das glauben oder nicht. Jeden Donnerstagnachmittag um viere sind zehn von uns Leibgrenadieren hier auf dem Schloß oben oder draußen ins Neue Palais – wo er jerade is – ein für allemal bei ihm zum Tee eingeladen. Und da stehen bei ihm die feinsten Korns und Kümmels 'rum. Und man kann sich so oft eingießen und die Gläser sind gar nicht so klein etwa! –, wie man will. Na ja, man mißbraucht das natürlich nicht gern«, fügte Wordelmann hinzu, als es ihm schien, daß Schmitzdorff diese königliche Gastlichkeit doch etwas weitgehend zu finden schien. »Ja, und von dem Zuckerzeug – das is alles in feinstes Kantenpapier gewickelt, mit 'n Adler drauf –, da darf sich zum Schluß jeder noch so viel einstecken, wie er will, für seine Soldatenliebste. Das macht ihm sogar Freude. Aber weißte, mehr als drei Stücke nimmt keiner. Des is so Usus bei uns. Denn man kann ihm doch nicht alles wegfressen. Der Mann will doch morgen auch noch was haben.«

»Ach«, meinte Schmitzdorff, immer noch leicht ungläubig, doch irgendwie dämmerte es in ihm auf, daß er diesen Riesen da neben sich vielleicht später noch einmal brauchen könnte. »Ach ... und da jehst du nun jeden Donnerstagnachmittag hin?«

»Aber nee doch«, dämpfte Wordelmann, »sieh mal, Väterkin, des jeht nu wieder auch nich. Wir sind doch achthundert Grenadiere ins Bataillon. Und mindestens die jute Hälfte is immer bei die Waffe. Und da dauert es natürlich eine ganze Weile, bis jeder mal so 'rankommt. Aber 'rankommen tut jeder. Denn den König, den liegt es natürlich auch daran, daß er alle seine Grenadiere persönlich kennenlernt.«

»Was de nicht sagst, Kamerad«, meinte Schmitzdorff, wieder wankend geworden, »früher war der ganz anders.«

»Ja, wir ändern uns auch und warum soll denn solch Mann sich nich ändern! Ich finde des sogar sehr vernünftig von ihm ... da hört er doch, was wirklich los is ... oder meinste, die Offiziere werden ihm das allens so auf die Nase binden, wie das wirklich ist? Wenn bei uns einer kleine Wünsche hat wegen de Menage – der ißt doch das nicht gern und der das – oder wenn er sich ein neues Mädchen fassen will – denn die kriegen wir auch gestellt! oder längeren Weihnachtsurlaub wegen oder vielleicht einen Posten für einen von seine Angehörige haben will, als Kammerdiener oder Haushofmeister ... na, dann tragen wir ihm das so ganz nonchalant vor beim Tee, und denn sagt er ›oui‹ oder ›non‹ zu uns, denn er spricht ja meist Französisch. Na, und dann sagen wir ›merci‹. Und damit ist es gut und glatt.«

Wordelmann verlangte eigentlich gar nicht, daß der andere ihm das etwa glaubte. Er schnitt nur aus Gewohnheit auf, während er so doppelt behaglich durch die grünen, stillen, verwachsenen Wege dahinstapfte, um sich und dem andern eine kleine Freude zu machen. Wie das so Soldatenart ist. Aufschneiden war nämlich eine allbekannte Force von ihm. Und wenn auch nur ein Teil davon als wahr bei dem andern hängenblieb, so belohnte ihn das genug. Ziele verfolgte er wirklich nicht damit. Er schnitt nur auf, weil er ein richtiger Grenadier war, ein alter Mann und kein Rekrut mehr, und weil er sich deshalb bei diesem faulen und eintönigen Leben kannibalisch langweilte. Weil er in dem ganzen Stumpfsinn des Gamaschendienstes mit Exerzierreglement und Felddienst und Manöver längst besser Bescheid wußte als ein Leutnant ... so wie ein Kavalleriepferd mit den Jahren die Signale besser kennt als sein Reiter und gerade deshalb mal hin und wieder so einen kleinen Seitensprung machen muß, wenn es nicht den Koller kriegen soll. Das ganze Militär ist von je, vom Miles gloriosus bis heute, darauf aufgebaut, daß es renommiert, übertreibt und aufschneidet. Denn es würde, wenn es das nicht täte, sich selbst und seine Existenz wohl kaum – wenigstens in Friedenszeiten – ertragen können.

»Ja«, meinte Schmitzdorff sehr langsam und vorfühlend, »wann glaubst du nu, daß du mal wieder dran kommst, Kamerad?«

Wordelmann war tief erstaunt. Aber er gab sich alle Mühe, dieses, sein fast erschrockenes Staunen nicht den andern merken zu lassen. Er hatte ungefähr das Gefühl eines Mannes, der etwas über Hypnotisieren gelesen hat, selbst nicht dran glaubt und es nun zum Spaß einmal im Kreise von Bekannten versucht; doch ehe er sich versieht, hat er den, der sich zu dem Experiment hergab, in hypnotischen Schlaf versetzt; und nun ist er sich nicht darüber im klaren, ist der da, der dort auf dem Stuhl willenlos verharrt, wirklich von mir behext, oder ist das nur ein abgekartetes Spiel? Tut der nur so, damit mich nachher alle um so mehr auslachen?

»Na ja«, stotterte er endlich, »das kann man ja nie so ganz genau vorher bestimmen ... des kann diesmal zum Beispiel noch eine ganze Weile dauern, denn jetzt, die nächsten vierzehn Tage, da ist der Olle ja doch in Schlesien und nach 'n Oderbruch gereist. Aber wenn er wiederkommt ...« Wordelmann bekam langsam Oberwasser. »Na ja, denn kann das eigentlich nicht so lange dauern, bis ick wieder an die Reihe bin.« Er wurde, während er die Miene des andern genau beobachtete, sogar seines Spiels immer gewisser. »Eigentlich bin ich sogar am dransten jetzt.«

Schmitzdorff wollte schon dem Grenadier alles erzählen, was geschehen und weshalb er hierhergekommen, aber er war Bauer und als Bauer von Hause her mißtrauisch und verschlossen und als Bauer gewohnt, auch dem nächsten Nachbarn seine Dinge zu verschweigen und zu verschleiern. Ein Bauer nämlich klagt immer, und nur nach Jahren gesteht er ein, daß er damals eine gute Ernte hatte. »Ach«, sagte er deshalb nur, »was de sagst, Kamerad! Der Olle da oben is wirklich und wahrhaftig gar nicht da heute?«

»Nee, der kommt, Gott sei Dank, vor vierzehn Tagen nicht wieder Ich hab' ihn gestern selbst fortfahren sehen. Mit acht Galakutschen. Er immer vorneweg.«

Schmitzdorff war stehengeblieben. Es sah aus, als ob er auf einen Finken hören wollte, der auf der Biegung eines Ulmenzweiges trillerte, weil er nicht gerne allein sein mochte – aber ihm war, als ob ihn einer mit der Faust zwischen die Augen geschlagen hätte. »Na ja«, sagte er langsam und mehr für sich, »denn könnte ich man wieder zu mir nach Hause, nach Wust peesen. Denn dann hat ja wohl die ganze Sache überhaupt keinen Zweck nich.«

Aber Wordelmann war von Hause her viel zu gut erzogen und viel zu diskret, um zu fragen, welche Sache etwa. Das würde ihm der andere schon nachher von selbst erzählen, wenn er nicht danach fragte. So würde er ihn ja doch nur anlügen. Aber plötzlich schlug sich in seinem Hirn eine Verbindungsbrücke zwischen den Worten des Bauern und den »Drei Hechten«. Wohnte denn da im Oberstock nicht solch eine komische, alte, verstaubte Perücke? Er hatte ihm doch erst gestern seine aufgearbeitete Perücke vom Perückenmacher Dubois geholt. – Solch Kerl, der den Handwerkern und Schacherjuden allerhand Gesuche und Eingaben und Klagen und Testamente aufsetzte und Bittschriften verfaßte und der ihnen dafür taler- und karlinweise das Geld aus dem Beutel und das Fell über die Ohren zog! Zu dem also wollte der Mann neben ihm. Und da er jetzt wieder nicht wollte, so konnte es sich nur so verhalten, daß er eine Eingabe an den König selber machen und die Bittschrift auch persönlich überreichen wollte – rechten Fuß vor! Hut unterm Arm! Bittschrift hoch! Das mußte alles militärisch gehen.

Na ja, das machte nun ja eigentlich nichts. Abgenommen wurde die ihm, ob der König in Potsdam war oder nicht. Aber das ging doch den Bauern gar nichts an. Das brauchte er doch nicht zu wissen. Und außerdem, das konnte der Mann sich ruhig sparen. Das hatte ja gar keinen moralischen Sinn und Zweck. Ebensogut konnte er auf den Neuen Markt sich hinstellen und Holzpantinen verkaufen. Des würde ihm jenausoviel nützen. Oder er könnte zum Spaß mit seine harten Taler auf den Jungfernsee Butterstullen schmeißen. Des könnt er.

Und deshalb kam sich Wordelmann wie ein Wohltäter des andern vor, als er ihm mitleidig wieder die Riesenpatsche auf die Schulter drückte und gutmütig sagte: »Hör mal, Vaterkin, paß mal jut Achtung. Ich globe, mit die ›Drei Hechte‹ wirste kein großes Glück haben. Der Mann is weggezogen. Oder er muß tot sein. Oder er is nach Spandow gekommen, auf so'n halbes Jährchen. Jedenfalls sieht man ihn nicht mehr in Potsdam. Aber, du kannst dir ja nachher noch mal in die Stadt selbst erkundigen. Es braucht ja nicht wahr zu sein. Ich habe bloß so etwas läuten hören. Aber jetzt, wo der König doch verreist ist, eilt des ja doch überhaupt nicht mehr so. Da können wir uns ruhig nachmittags danach umtun. Jetzt wollen wir mal gehen und einen ›Grenadier mit Gewehr über‹ genehmigen. Ich finde, es ist eine gottverflucht staubige Luft hier im Park mir durstert mächtig. Und dir muß doch auch bei den Gerenne den ganzen Tag bald die Zunge aus'n Hals hängen.«

Und wenn auch alles, was Wordelmann bislang gesagt hatte, nicht allzuviel Rückhalt in der Wirklichkeit hatte, die letzten Worte gaben um so mehr Zeugnis von seiner Wahrheitsliebe. Und deshalb konnte sich auch Schmitzdorff eigentlich nicht ihrer überzeugenden Kraft entziehen; trotzdem er doch etwas verblüfft war, daß der andere einfach erraten hatte, was ihn hierher führte. Na ja, was Genaues wußte er ja nun doch nicht. Und das brauchte er auch nicht zu wissen. Er würde es ihm sicher nicht sagen. Außerdem hatte er noch das undeutliche Gefühl, daß ihm gerade jetzt einfach die Nähe eines Menschen wohl täte, weil die Herzenstraurigkeit, die er eben für Minuten gebannt hatte, nun, da er einsehen mußte, daß er zum mindesten zu falscher Stunde gekommen war, seine Seele von neuem mit doppeltstarkem Wogenschwall zu überschwemmen begann. Und dieser Grenadier da war ein freundlicher, vielleicht etwas beschränkter, aber ehrlicher und bescheidener Mensch und ein angenehmer Gesellschafter, der ihn sicherlich bei einem Glas Stettiner oder englischem Bier nett unterhalten würde und für ein paar Stunden auf andere Gedanken bringen könnte.

»Na ja, Kamerad«, sagte Schmitzdorff deshalb zögernd, »also was sollen wir eigentlich anders tun? Da haste auch wieder recht.«

»Na, nu komm man schon, Kamerad«, sagte Wordelmann, der anfing, sich unbehaglich zu fühlen, denn ganz fern in einem Seitenweg blitzte eine Uniform mit weißen Federn und silbernen Achselbändern auf. »Na, nu mach man schon. Hier gibt es ja doch nischt zu sehen. Ich begreif' gar nicht, was die Leute daran haben, hier 'rumzulaufen!« Und er gab ein Tempo an, dem Schmitzdorff kaum folgen konnte, denn Wordelmann hinkte keineswegs und hatte lange Beine.

Und unter dem Glockenspiel der Nikolaikirche und dem der Garnisonkirche – »Üb immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab und knipse stets den Finger breit von jeder Elle ab«, sang Wordelmann im Marschtakt –, die zu einem Potpourri durcheinanderschmolzen, zog der riesige Grenadier mit zitronengelben Kniehosen und Blechmütze neben dem Mann im weißen Kittel mit der roten Weste und den Silberknöpfen, der seinen Weißdornstecken hart auf den Gehsteig stieß, durch das Jägertor in Potsdam ein.

Ein paar Offiziere kamen vorbeigestelzt an ihnen; aber der da, zu dem Schmitzdorff verwundert emporstarrte, tat, als ob sie für ihn Luft wären, und sie taten auch, als bemerkten sie ihn gar nicht. Also hatte der Grenadier vorhin ihn doch nicht angeführt. Aber fast alle Soldaten nickten ihm zu, riefen »Tag, Couleur«, lachten sie beide an. Er schien doch sehr beliebt in der Garnison zu sein. In Wirklichkeit war er bekannt wie ein bunter Hund. – Und einer rief sogar über den Damm weg: »Tag auch, Wordelmann!« Oder sagte er Wurzelmann? Aber so etwas Ähnliches sagte er: »Tag ooch wer schiebt denn heute for dir die Wache?«

Schmitzdorff jedoch war ordentlich stolz auf seinen Begleiter. Das konnte beinahe sein Sohn sein. Und sicher hielten ihn auch die Herren mit den Sommermuffen und die Damens in die Grosdetour- und Broderiekleidern mit den Seidenschuhen dafür. Und so war er nun auch einmal gegangen! Das war bald so lange her, daß es gar nicht mehr wahr war. Überall wurde hier in den langen, geraden Straßen gebaut. Und über die niederen Dächer der kleinen, buntgetünchten Bürgerhäuser mit ihren Püppchen vor den rotbraunen Firsten und ihren Reliefs unter den großen, vielscheibigen Fenstern sahen die hellen Gerüste der mächtigen neuen Kasernen, des neuen Exerzierhauses und der Gewehrfabrik am Kanal. Gerade wie große Tierkäfige standen diese mächtigen Gerüste und die halbfertigen Mauern gegen den heißen Junihimmel mit seinen weißen Watteballen von schwimmenden Wolken zwischen den hohen Laubkegeln der Kastanien und Linden, die sie überall, am Kanal und am Bassin und der Nauenschen Plantage, umgaben. Und die die Stadt mit ihrem vielen Wasser und ihren weiten Plätzen trotz der geraden und kahlen Straßen doch sehr fröhlich und grün machten.

Am Kanal saßen die Fischweiber vor ihren Tienen, und Schmitzdorff wunderte sich auch, was sie doch hier für große weiße Gänse im Kanal hielten. Aber Wordelmann lachte und sagte, daß das echte surinamsche Schwäne aus Oranienburg wären, die im Sommer hier Wasserratten fressen, aber im Winter 'rauskommen und, wenn sie hungrig sind, die Treppen 'raufwackeln und so lange mit dem Schnabel an die Scheiben klopften, bis man ihnen einen Salzhering oder eine Blutwurst gibt. »Wenn sie aber nichts kriegen, werden sie tückisch. Sie schmeißen mit einem Flügelschlag den größten Mann um. Das kannst du ruhig glauben, Kamerad«, meinte er, als er das verdutzte Gesicht seines Begleiters sah, »sonst lüge ich dir überhaupt nichts mehr vor.«

»Ja, ja«, sagte Schmitzdorff, der durchaus nicht gewohnt war, solchem Zickzack der Gedanken zu folgen. »Was so'n Tier nicht alles macht.« Er wunderte sich heute schon über nichts mehr.

Wordelmann war lange mit sich selbst zu Rate gegangen, wo er seinen neuen Freund hinführen sollte. Ins »Braune Roß« oder zu Vater Mettke, zu Zisowski, zu Bartmuß oder zu Senst. Aber dann hatte er sich doch für Vater Mettke entschieden, weil er dort am ehesten eine lustige Gesellschaft von Kameraden traf, die gewiß auch ihren Spaß an dem komischen Mann hätten, den er aufgegabelt hatte, und weil er von Mettke aus den kleinen Jungen leicht zur Dünklern schicken könnte, sie möchte mal heute für den Juden, den David Joel, nicht sticken – denn sie machte so Goldkragen und Silberepauletten für die Offiziersmonturen –, und sie möchte ein bißchen zu ihm 'runterkommen. Er brauche heute keine Wache schieben, und außerdem gäbe es Freibier.

Und dann war Wordelmann auch für Mettke, weil es da eine ganz vorzügliche Sandweiße gab und weil man da für einen roten Dreier die meisten heißen Pellkartoffeln kriegte, eine ganze Mütze, ein ganzes Schnupftuch voll, und weil bei dem Mettke die Salzheringe dieses Jahr noch kein bißchen verstunken waren. Bei Zschiegener waren sie kaum noch zu genießen.

Schmitzdorff aber fühlte sich sehr angeheimelt. Es waren Futterkrippen vor der Tür für die Ausspannung, wie bei ihm in Wust vor seinem Krug. Und die Eichentische waren so sauber gescheuert und der Boden mit weißem Sand bestreut, wie das seine kleine Sophie auch nicht besser gemacht hätte.

Auch sonst war es eine vertrauenerweckende Stätte, an der man sich wohl fühlen konnte. Vom Mittagessen her, das schon eine ganze Weile vorüber war, roch es immer noch nach gebackenen Plötzen und Barschen; und eine große Holzmolle, die mit einem Sack zugedeckt war, ließ unschwer den Kundigen einen ganzen Berg heißer Pellkartoffeln erraten, die wiederum zu den beiden mittelgroßen Holzfässern rechts und links davon, über deren Rand ein paar neugierige Salzheringe guckten, in Wechselbeziehungen standen.

Würste und Schwartenmagen pendelten zwischen Schinken und Speckschwarten über der Theke in der Nähe der niedrigen Decke von einer alten schwarzen Eisenstange herab; und auf dem Bord darunter war eine ganze Apotheke von buntbemalten Schnapsflaschen mit geschweiften Etiketten und außerdem noch mit neckischen Inschriften, die zwiefache Deutung zuließen ... Große braune Töpfe auf dem Schenktisch waren ebenso braun wie die Soleier in ihrem Rund; und die Fliegen, die unter dem Glassturz zahlreich herumkrabbelten, gaben dafür Zeugnis, daß der Backsteinkäse und die Goldleisten gut durch und am Zerfließen waren.

Vater Mettke jedoch war selbst der lebende Beweis für die Güte all dieser Dinge und für die ruhige Gemütlichkeit dieses Raumes. Er war wie jener, nicht allzu groß und eigentlich mehr breit als hoch. Hinter dem Ausschank stand Vater Mettke neben der offenen Falltür, die zum Keller führte, mit einem runden Gesicht mit Schweinsäugelchen ... mit runden Armen aus einem weißen Hemd ... mit einer rundgeschnittenen grünen Friesschürze über dem Hemiglobus eines runden Bauches ... und einem runden grünen Käppchen auf der Billardkugel seines haarlosen Schädels. Und nur selten geschah es, daß er diesen seinen Standplatz verließ, um einem bevorzugten Gast die Ehre anzutun, sich einen Augenblick zu ihm zu setzen. Er überwachte lieber von seinem Posten aus die Wünsche der anderen und den Grad ihrer Trunkenheit, damit er zur rechten Zeit eingreifen konnte, wenn es etwa zu Tätlichkeiten kommen mochte, und den Ruhestörer hinausbefördern konnte. Den längsten und rabiatesten Burschen setzte er nämlich mit einem Ruck auf die Straße, so klein und so gutmütig er auch aussah. Darin war er Meister. Vater Mettke hatte eigentlich dabei gar nichts gegen sie. Von ihm aus konnten sie sich mit den Gläsern die Köpfe einschlagen und lärmen wie die Besenbinder. Er sah es nämlich nur ungern, wenn etwa von der Kommandantur wegen Schlägereien, die bei ihm vorgekommen waren, den Militärpersonen der Besuch seiner Tabagie verboten wurde. Die paar Handwerker und Nachbarn, die mal abends sich herverirrten, von denen konnte er nämlich nicht fett werden – oder fett bleiben, und die besten Kunden von Vater Mettke waren eben doch die Leute vom Kommiß. Da war er auch nicht engherzig, wenn er auch innerlich die Leibgarde zu Fuß und vor allem die vom ersten Bataillon denen vom Regiment Prinz von Preußen vorzog. Von der Leibschwadron der Leibgarde zu Pferde ganz zu schweigen. Die stänkerten immer.

Wordelmann ging auf Vater Mettke zu, der ihn anblinzelte: »Na, Johannes«, sagte er mit kleiner, fettiger Stimme, die andeutet, daß er eigentlich die Nahrhaftigkeit seiner Theke der Trinkbarkeit vorzog und deshalb mehr für grünen Jäger und Kümmel als für Bier war. »Na, Jooohannes«, sagte er, sonst nichts. Und doch hätte aus diesen zwei Worten ein anderer als Schmitzdorff sehr viel heraushören können. Sie hießen: »Na, du alter Filou, wo hast du denn den schon wieder aufgegabelt? Sei lieber vorsichtig und treib es nicht zu bunt.« Aber Wordelmann reckte ihm versöhnlich die Riesenpatsche über den Schenktisch fort. »Tag, Vater Mettke«, sagte er so freundlich und herzgewinnend, daß ihm der Widerschein seines Lächelns von Vater Mettkes Gesicht zurückstrahlte, denn ein netter Kerl war er ja doch. »Tach ooch ! Aber du kannst mir mal gleich einen Schneiderkarpfen und for'n Dreier Pellkartoffeln geben und for'n Sechser Leber- und Semmelwurscht ... und 'ne Joldleiste, aber durch ...! Ich hab' so'n Hunger, daß ich vor Durscht nicht weiß, wo ich des Nachts schlafen soll. Des hier is ein alter Kamerad von unser Bataillon.« Das war nun nicht wahr, aber es ehrte Schmitzdorff sehr. »Und fors erste schenk mir mal 'ne Sandweiße ein und den hier eine schöne Stange! Und denn werden wir weitersehen!« Und damit wandte er sich zu Schmitzdorff. »Nu setz dir aber mal ganz gemütlich hin, Väterkin, tu ganz, als ob de zu Hause bist. Häng ruhig die Fußlappen an de Ofentüre. Du mußt dir ausruhen. Denk mal, Vater Mettke, der is in eene Tour in einen Vormittag von Brandenburg bis nach Potsdam gehumpelt. Den Mann macht das jar nischt, der rennt noch wie 'n Wiesel. Und wenn du mal deinen kleinen Paulemann zu de Dünklern schicken willst, sie soll nachher zu uns ein bißchen 'rüberkommen, denn wäre des sehr nett von dich.«

Christian Friedrich Schmitzdorff war doch eigentlich ganz froh, jetzt mal hier vorerst zu sitzen. Es war angenehm kühl, trotzdem die Fenster offenstanden. Denn es war ein altes Haus mit dicken Steinwänden und, wie in alten Wirtsstuben oft, mit tiefen Nischen und Klapptischen an den Fenstern. Die Decke war niedrig, angeräuchert vom Kamin her und von den Tonpfeifen und dem Knaster ganzer Generationen von Grenadieren, die hier das Tabakskollegium im kleinen seit siebzig Jahren imitiert, über die unflätigsten Soldatenwitze sich vor Lachen geschüttelt und mit der Faust auf die Eichenplatten des Tisches dazu getrommelt hatten. Und diese gute Überlieferung war hier bis zum heutigen Tage nicht abgerissen. Das spürte man. Sie war wie der kalte Tabaksdunst aus dem Raum nicht mehr herauszubringen. Sie gehörte hier dazu wie die Signale der Hoboisten, die drüben vom Lustgarten her seit achtzig Jahren herüberklangen und immer noch »Zu Bett, zu Bett, ihr Lumpenhund« und »Die erste Kompanie hat große Läuse« und »Habt ihr denn noch nicht lange genug geschlaaafen?« zusammenkicksten, unermüdlich und stundenlang. Denn Trompetenblasen ist eine schwere Kunst und will mühsam gelernt sein. Sie gehört dazu wie das Geklapper der nägelbeschlagenen Soldatenstiefel draußen auf den Kopfsteinen. Wie die Schwäne, die man vom Fenster aus mit steifen Hälsen wie ein Korporalstock lautlos auf dem Kanal entlanggondeln sah zwischen den roten Ziegelböschungen, und wie ihr Doppelbild im dunklen, stillen Wasserspiegel.

Wordelmann versuchte vergeblich, seinen Tischnachbarn auszuhorchen. Er zog alle seine Register auf. Aber Schmitzdorff sprach nicht viel. Man kann nicht sagen, daß er seine Gedanken in klarer Schlachtordnung aufmarschieren ließ, während er so aus dem hohen Glas mit der unwiderlegbaren Inschrift »Bier und Wein muß gesoffen sein« unter dem Bild eines säbelschwingenden Panduren kleine Schlucke in sich hineinschüttete und mit seinem Taschenmesser Scheibchen von dem mageren Speck, den er sich hatte geben lassen, abfiddelte und langsam sie im Mund hin und her schob. Im Gegenteil, seine Gedanken gingen ihm willenlos und dumpf durcheinander wie ein schwerer Teig, den der Bäcker in der Backmulde mit nervigen, bloßen Armen durcheinandertreibt und dem er noch jede beliebige Form geben kann. Das eine nur sah Schmitzdorff, er war auf den Holzweg geraten und stand nun jetzt weglos im dicken Wald, der schon unten tief im Schatten lag und nur noch ganz wenig Sonne oben auf seinen Wipfeln hatte. Er fühlte es: Irgend etwas müßte ihm doch sagen, nach welcher Seite er zu gehen hatte, um vor Dunkelheit hier herauszukommen. Aber dieses Etwas bedrängte ihn nur und lastete da in ihm und war nicht zum Sprechen zu bringen.

Wordelmann hatte damit gerechnet, daß das Bier den da neben sich mitteilsamer machen würde; aber ein Krugwirt ist eben nicht betrunken zu machen. Und für Würfel und Kümmelblättchen war er auch heute nicht zu haben. »Heute nicht, ein anderes Mal vielleicht!« Und trotzdem war Wordelmann ganz zufrieden mit ihm. Denn als er schon mit schwerem Herzen seine Padde – denn bei Vater Mettke wurde gleich gezahlt, der pumpte nicht wie Senst – mit langsamen Fingern hervorgegraben hatte unter der zitronenfarbenen Weste und den Brustbeutel eben langsam aufknipperte, griff Schmitzdorff – man hatte gar nicht geglaubt, daß er mit seinen Gedanken bei der Sache war – über den Tisch fort und hielt ihm die Hand fest. »Nee, hier zahle ick, laß man das stecken, Kamerad. Ich bin bei de Preußen gewesen und kenne das: Ein Soldat ist ein armes Luder.«

Und so langsam füllte sich die Gaststube mit riesigen Grenadieren, mit Haarbeuteln, spitzenbanddurchflochtenen Zöpfen und weißen Schläfenlocken ... in gelben Kniehosen und blauen Röcken, die einer wie der andere aussahen. Alle mit dem gleichen Zug um die Nase und dem gleichen Blick in den Augen, der an Puppen erinnerte, die man aufziehen kann.

Es waren eben hier alles von Hause her Bauernjungen, Knechte, Kossäten, ärmster Leute Kinder. Denn die Rekrutierung war ja damals – wie Boyen sagt – eine an der Armut begangene Gewalttat. Vielleicht war jeder einmal von denen hier so oder so geartet gewesen. Es ist sogar anzunehmen. Aber jetzt waren sie längst zu einer unnatürlichen, homogenen Masse zusammengeschweißt worden, die nur dann zustande kommt, wenn die Persönlichkeit des einzelnen dabei zerschmolzen wird, um uniform – und als Zeichen dafür in Uniform – aus dem Sudkessel hervorzugehen. Jenem Menschen- und Seelensudkessel, den man Militär nennt und der allen, die in ihn hineinfallen, eine neue Art des Denkens, Redens, Fühlens, Reagierens, Sichverhaltens gibt, die sie vorher weder je hätten begreifen können noch nachher je wieder begreifen würden. Die einzigen Unterschiede nur noch gab die Waffe. Und innerhalb der Waffe die Truppe, das Regiment, das Bataillon. Und das hier waren eben des Königs Leibgrenadiere. Und so wußten sie, was sie ihrer Truppe und ihrem Chef schuldig waren. Sie waren für ein Leben lang verpflichtet. Für sie gab es keinen Abschied und keine Ehe. Sie durften die Frauen, mit denen sie zusammen lebten, nie heiraten. Sie waren mit ihrer Waffe verheiratet. Ihre Ehe war mit ihrem Bataillon geschlossen worden. Und ihre Kinder schluckte das Militärwaisenhaus sofort nach der Geburt. Wie der alte Chronos.

Und alle Grenadiere drängten sich um die Theke, riefen: »Vater Mettke, des is verdammt eng hier, du kannst die Stube auch mal uff Leisten schlagen lassen« und lachten dazu. Sie griffen mit langen Armen über die Theke fort und klopften Vater Mettke auf den feisten Rücken und die breiten Schultern, wollten einen Anis, einen Korn, einen Lippentriller, aber nicht so eins von seine Finkennäppchen, sondern lieber ein Glas wie eine halbe Metze. Die Mütze ließen sie sich mit heißen Kartoffeln füllen. Ließen sich einen Fidibus für ihre Pfeife geben. Setzten sich breitbeinig auf die Tischkanten. Bliesen ein paar Wolken von ihrem Vierradener Knaster von sich, nickten Wordelmann noch mal zu und gingen bald wieder. Denn morgen war Lumpenparade, und da mußte noch heute mächtig geputzt und geflickt werden. Und außerdem war Cäsar tot. Cäsar war tot. War einfach verreckt, genau wie neulich der Condé. Gestern war er noch im Lustgarten 'rumgetrappelt, war einem so lange nachgelaufen, bis man ihm einen Bissen Kommißbrot oder ein Stück Zucker gegeben hatte. Genau wie immer. Und heute früh hatte er tot im Stall gelegen. Das war traurig und tat der ganzen Garnison sehr leid, mehr als eine Generalsleiche, denn der alte Rotschimmel, der den Ollen Fritz bei Reichenbach getragen hatte, war sehr beliebt bei den Leuten gewesen. Sicherlich mehr als sein Herr. Ebenso der Fliegenschimmel Condé. Er war so das letzte Symbol für eine Zeit, die lange zurücklag, die die allermeisten der Grenadiere nicht mehr gekannt hatten, nicht mehr kannten, noch nicht miterlebt hatten und von der sie doch lebten.

Aber langsam blieb doch so einer, so der oder jener, für kurz oder lang an dem Tisch von Wordelmann und seinem Gast hängen. Da war ein ganz alter Soldat, gewiß schon an die Fünfzig, der den Anfang damit machte, ein ruhiger, breiter Mann, der sich eigentlich gar nicht mehr erinnern konnte, daß er je etwas anderes als Grenadier gewesen war, und der von den andern nur »Vater Louis« genannt wurde. Eigentlich hieß er Schaaf ... aber hier und heute nannten sich alle nur beim Vornamen oder sagten »Kamerad« zueinander. Es war, als ob dazu Parole ausgegeben wäre. Schaaf hätte schon lange zum Korps Ausrangierter übertreten können und ein ruhiges Dasein führen. Aber erstens wollte er nicht von Potsdam weg nach Werder. Und dann war er stolz auf seine roten Aufschläge und seine silbernen Schleifen, die er bei Kolin getragen hatte und die er dann von seiner Uniform hätte abtrennen müssen. Und weiter wußte er auch nicht, ob er die neun Friedrichstaler dort alle vier Wochen weiter neben seiner Löhnung bei den Ausrangierten bekommen würde, die er beim Leibbataillon – und jedes Jahr starben welche weg davon noch – als einer der wenigen, einer der allerletzten, die bei Kolin noch heil herausgekommen waren, als Ehrensold bekam.

Vater Louis war ein braver, etwas müder Mann, ein alter, gutmütiger, graustoppliger Soldat, auf den man sich in jedem Fall verlassen konnte, ob als Offizier, ob als Kamerad. Also mit oder gegen die Disziplin. Es fragte sich nur, wer eher kam. Er trank gern, blieb aber immer ruhig dabei. Er konnte nur schwer aufhören, das war sein Fehler. Wenn er einmal so recht angefangen hatte, dann trank er, bis der letzte Dreier beim Wirt war und seine Weste als Pfand blieb. Und er war – weiß Gott, wodurch – geheimnisvoll im Schlepptau von Wordelmann, der diesen alten, graustoppligen Grenadier Louis Schaaf in der Hand hatte.

Georg Paul Mettig jedoch – man nannte ihn im gewöhnlichen Leben Schorsch, wenn man ihn ehren wollte, aber Paule – konnte der Sohn von Vater Louis sein. Er war zwar lang, aber doch zart, sehr blond, hatte ein weiches, hübsches, eigentlich ehrliches, dummes Jungengesicht oder richtiger Mädchengesicht, noch mit einem Flaum wie ein Frühpfirsich auf den Backen. Aber er war schon mindestens sechs Jahre Soldat, trotz alledem, und deshalb sah er eigentlich doch schon aus wie die andern. Aber er blieb nicht lange heute, er setzte sich kaum. Er sah nur einen Augenblick Vater Louis und Wilhelm Kleidt in die verschmutzten Karten und stahl sich dann wieder zur Tür hinaus.

Der lange Wilhelm aber war an dreißig, groß wie Wordelmann und noch breiter dabei. Wie Paule Mettig neben ihm gesessen hatte, hatten sie ausgesehen wie ein Schoßmops neben einem Bullenbeißer – Wilhelm war mit Johannes Wordelmann ein Herz und eine Seele und um so unzertrennlicher, je mehr sie sich gegenseitig beschimpften. Und dabei kam Wilhelm Kleidt doch gerade aus dem anderen Winkel von Preußen aus dem Wupperland.

Peter Glasen, der »schwarze Peter«, der war aus Wolgast in Pommern oder da so herum und hieß vielleicht nur deshalb so, weil er so weißblond und dickhaarig wie ein Schneehase trotz der Puderschicht auf seinen Locken war.

Und Georg Minde, der sich zuletzt einfand, war gewiß nur deshalb vor drei Jahren bei den Sachsen desertiert, um sofort preußischen Werbern in die Hände zu laufen, sich betrunken machen zu lassen und wieder als preußischer Grenadier aufzuwachen. Das eine aber hatte er behalten – denn der Mensch lernt ja nie etwas –: Er war noch immer leicht betrunken zu machen und dann für jede Dummheit zu haben. Und heute fing er schon an, betrunken zu werden.

»Mensch«, krähte er und rekelte sich weit über die Tischplatte hin zu Schmitzdorff hinüber. »Dir muß ich doch schon mal wo gesehen haben?«

»Ja, ja«, sprang Wordelmann für seinen Gast ein, »da kommt er öfters hin!« Wordelmann liebte es durchaus nicht, wenn man ihm seine Kreise störte. »Ach wat, hör doch nicht auf den Stoppelhopser, Kamerad«, meinte er, während er näher an Schmitzdorff heranrückte, als wolle er ihn vor allem Unbill hier beschirmen. »Den jeht die Zunge wie 'n Lämmerschwänzchen. Der ist ja heute schon seit den Zähneputzen dun.«

»Dun? Icke?« krähte Minde wieder. »Ick stecke seit viere in de Affenjacke. Um fünfe sind wir schon über de Paddenbrücke ausgerückt. Ich habe heute den janzen Tag mit 'n Kuhfuß geballert.«

»Na, da haben gewiß die Bergholzer wieder die Fensterladen vormachen müssen«, sagte Vater Louis gutmütig und zog den Grenadier Minde von Schmitzdorff weg auf seinen Sitz zurück.

Vater Mettke kam einen Augenblick von seiner Theke herüber, denn jetzt war gerade Ebbe in der Tabagie. »Gestatten Sie mir, daß ich mir der Freiheit bediene«, sagte er höflich zu Schmitzdorff, als er sich einen Hocker neben ihn zog.

»Ein Paar neue Stiebeln habe ich gefaßt, gestern for de Lumpenparade«, krähte Minde wieder dazwischen und fiel von neuem zu Schmitzdorff herüber. »Korporal, habe ich gesagt, da kann man ja im Stehen drin sterben.«

»Ach was«, meinte Vater Mettke und drückte Minde wieder auf seinen Stuhl zurück. »Ick rate dir eins: Lasse dir nich mit den in. Das ist der beste Bruder auch nicht.« Vater Mettke kannte seine Pappenheimer. Aber Minde wollte gar nichts von Schmitzdorff. Er wollte nur erzählen. Und er erzählte laut in schlichter und volkstümlicher Offenheit eine Geschichte, die an der Waisenbrücke begann und auf den Schuhbotzschen Wiesen endete und darin gipfelte, daß die Mädels alle »jeradezu doll auf doppeltes Duch sind. Und gerade die Mädels von der Artollerie, die haben niemand gerner als gerade die vons Leibbataillon.«

»Mensch, Mindekin«, sagte Wilhelm Kleidt, »laß das nur nicht deine Zimmermannen hören. Nachher brauchste dir acht Tage nicht den Bart kratzen zu lassen. Das übernimmt die glänzend. Die Sorte von Balbieren versteht se aus 'n Effeff ... Weißt noch, George, von vergangenen Sommer her?«

Alles brüllte vor Lachen. Sogar Vater Mettke war jetzt mit Minde versöhnt. »Au Backe«, schrie er, »au Backe, mein Zahn!« Und seine Schweinsäugelchen verschwanden ganz in den Schlitzen seiner fetten Lider. Vater Mettke war so begeistert, daß er sogar zum Schenktisch herüber sich rollte und für jeden eine »stille Liebe mit Luft« auf triefendem Tablett brachte und das Glas Minde zuerst hinsetzte. Aber Minde lallte selig vor sich hin, zeigte auf sein Glas und falsettierte quietschend: »Treu ist die Soldatenliebe ... treu wie Wasser in der Kiepe.« Sonst bekam er leicht das heulende Elend, wenn er einen in der Krone hatte; aber heute, da es nichts kostete, denn die nächste Runde zahlte wieder der alte Bauer, war er sehr lustig. »Mensch«, rief er, »wo bist du eigentlich her, Kamerad?«

»Aus Wust bei Brandenburg.«

»Ooch 'ne schöne Gegend!« rief der schwarze Peter ... der Schneehase, der Grenadier Glasen.

»Ich dachte, du bist 'n Potsdamer, Kamerad ... Ich bin nämlich ein Nassauer. Aber jeder nach seinem chacun.« Alles lachte wieder. Auch Schmitzdorff stimmte ein. Das schmeichelte ihm. Denn ein Potsdamer wurde ja der genannt, der gern spendierte und dem die andern doch zum Schluß immer die Butter vom Brot nahmen.

»Hört mal, Kinderkins!« rief Wordelmann ziemlich unvermittelt. Schmitzdorff und Vater Louis waren mitten in den Erinnerungen von damals von den Jungens hier wußte ja keiner mehr, was das hieß, Gewehr bei Fuß stehen müssen in Reserve, wenn die Kartätschen in die Reihen fegten und den Mann neben einem einfach umlegten wie ein morsches Strohdach »Hört doch mal, ich muß euch doch mal alle was fragen, Kinderkins. Der Kamerad hier«, er wies auf Schmitzdorff, »wollte es mir durchaus vorhin nicht glauben. Also: brauchen wir vor einem Offizier zu salutieren?«

»Nee, das brauchen wir nicht!« riefen alle durcheinander.

»Ach wat, sie müssen mir zuerst grüßen«, krähte Minde, »und denn überleg' ick mir, ob ick wiedergrüße oder nicht. Wat die Jungens mit ihre dreihundert Daler und zu Weihnachten eine boomwollene Weste sind, sind wir schon alle Tage Jawoll!«

»Und vor wem müssen wir einzig und allein salutieren und die militärische Ehrenbezeigung machen? Na, vor wem?« setzte Wordelmann stehend – er überragte alle, stieß fast bis an die angebräunte Balkendecke – das Examen fort.

»Vor Seine Majestät, dem König Friedrich dem Zweiten«, riefen die Grenadiere zugleich, genau in dem Ton, wie sie es in der Instruktionsstunde gelernt hatten. Das war kein abgekartetes Spiel, das konnte jeder sich sagen.

»Sehen Sie, Kamerad«, meinte Wordelmann gekränkt nach Schmitzdorff hinüber – das erste- und letztemal, daß er Sie zu ihm sagte. »Und sind wir jeden Freitagnachmittag um viere zum Tee beim König eingeladen, in Sanssouci ... ins Stadtschloß ... ins Neue Palais ... ins Japanische Haus ... wo er gerade ist? Immer zehn Mann von uns? Wer will?« rief Wordelmann. Er hatte sich jetzt an den Tischbord gelehnt und schwenkte dabei sein Schnapsglas.

Alle hielten das für einen vorzüglichen Witz. »Jawoll! Jawoll! Natürlich! Allemal!« lachten und johlten sie durcheinander, und dem dicken Vater Mettke liefen sogar die Tränen aus dem Schlitz seiner Schweinsäugelchen, während er mit den Fingern dazu unausgesetzt den Brandenburgischen Reitermarsch auf die Tischplatte trommelte.

»Ick war vorchten Freitag da!« rief Kleidt und bemühte sich vergeblich, ernst zu bleiben. »Mensch, was grienste denn immer wie 'ne Tepperschürze!« fuhr er Minde an.

»Und ich vorvorigten!« schrie der schwarze Peter wieder.

»Ick geh' das nächste Mal hin. Wenn er wieder da ist«, meinte Vater Louis. Und er machte das am allerglaubwürdigsten.

»Und ist der Olle jetzt in Potsdam oder nicht?« warf der Grenadier Wordelmann eine neue Examensfrage auf.

»Er hat sich gestern mit seiner Kalesche fortgemacht!« rief Minde. Manchmal erinnerte er sich doch an die Sprache seiner sächsischen Heimat.

»Und gelten wir was beim König oder nicht? Hört er auf uns?«

»Ach Gott«, rief Grenadier Kleidt. »Gelten? Der Olle tut ja überhaupt nichts, ohne uns zu fragen.«

»Na, wenn wir vons Leibbataillon«, akkompagnierte der schwarze Peter, »nichts bei ihn erreichen wer sonst?«

»Ach was, laß dir doch nich von die Brieder kopfscheu machen«, meinte Vater Mettke gutmütig, aber immer vor Lachen quietschend.

Aber da ging die Klingel unter der Schwelle. Die Tür stieß sich auf, der Sand auf den Dielen knirschte leise, und es kamen nicht drei Grenadiere mit Nagelstiefeln herein, sondern drei hübsche, frische Dinger auf grosnaplen Schuhchen mit hohen, mit Seidenband geknüpften, gepuderten Frisuren, wie richtige Demoiselles, trotzdem es doch nur Handwerkstöchter waren, Töchter von Pantoffelmachern, Seifensiedern und Drechslergesellen drei Soldatenliebsten, zwei in hellen Linonkleidern mit bunten Blumenmustern von Maßliebchen und Rosen und Ranken mit sehr weiten Röcken und sehr engen Miedern. Die Dünklern hatte eins wie mit richtigen Frackschößen. Und die Zimmermann hatte einen Faltenrock, sogar mit doppeltem Überwurf und vielen und langen Plissees. So einen ganz weiten, wie ihn die Madame von Montespan zuerst trug, als sie schwanger war. Und der seitdem für gleiche Gelegenheiten den Vorzug hatte. Die Anna Marie Pflaster aber war die einzige von den dreien – eigentlich durfte sie das als Soldatenliebste nicht –, die ein Seidenkleid trug, weil sie bei Hirsch David in der Weberei vor dem Nauener Tor war. Es war schwer und mattrot und hellgrün und sehr großmustrig mit Chinesen und Pagoden. Denn es war aus einem Rest einer alten Seidentapete, die, da sich der Geschmack gewandelt hatte, längst unverkäuflich geworden war und die ihr der junge Monsieur David, mit dem sie in solch einer Art geheimem Tauschverkehr stand, geschenkt hatte und, nicht genug damit, sogar bei der Parlaska hatte verarbeiten lassen.

»Kiek eener an, mein geliebter Gegenstand«, rief Wordelmann überschwenglich – nun hat er die Karten gemischt, wie sich das Spiel spielen würde, konnte niemand noch sagen – und ging auf die Dünklern zu und küßte sie auf den Mund. »Det knallt wie 'ne Sechserpeitsche«, sagte er.

»Ach Gott, Johannes«, meinte die Dünklern errötend, »man wird doch noch mal nach dich sehen können, und ich dachte mir gleich, daß du mit die andern hier bist, und deswegen habe ich die Zimmermann und die Pflaster auch mitgebracht.« Georg Minde aber wünschte nicht nachzustehen und zog die Zimmermann zu sich auf den Schoß herunter. Aber die wollte nicht. »Mensch, laß sein! Hier vor alle Leute!« sagte sie spinös, und dann setzte sie sich protestierend und deutlich neben Wilhelm Kleidt. Aber die Anna Marie Pflaster in ihrem Seidenkleid – mit den Pagoden – legte sogleich dem »schwarzen«, weißblonden Peter ihren Arm mit dem puffigen Ärmel um den Hals und schwang sich mit einem Elan wie ein alter Kavallerist auf seinen Gaul auf seinen Schoß. Sie hatte doch ihren langen, stillen, blonden Pommern sehr lieb und weinte jedesmal wochenlang, wenn wieder ein Kind von ihnen in das Militärwaisenhaus oder in das Mädchenwaisenhaus gegeben werden mußte.

Wordelmann stellte umständlich vor: »Herr Schmitzdorff, ein alter Kamerad von unserem Bataillon«, und Schmitzdorff wußte, was er der Courtoise schuldig war, und bestellte für die Damen je einen grünen Jäger und ein Stück Streuselkuchen, den Kleidt schnell vom Pfefferküchler Milke herüberholte.

»Der is verliebt wie 'n Stint, der Olle«, flüsterte die Zimmermann der Dunkler zu.

Und dann sagte die Anna Marie Pflaster: »Sie sind gewiß auch verheiratet?«

»Nee, Demoiselles«, sagte Schmitzdorff, während seine Äugen unter der Kakadutolle seiner Brauen von einer zur andern – gleichsam wie in langsamem Schritt nach Zählen – marschierten. Wie die drei Grazien waren sie da mit ihren Streuselkuchenstücken Arm in Arm vor ihn hingetreten oder wie in jenem Schönheitswettbewerb die drei Olympischen vor einen gealterten Paris, bevor sie hinter die Büsche traten, um sich zu entkleiden. Appetitlich waren sie alle drei. Und es war wohl keine über dreiundzwanzig, wenn auch jede von ihnen ihr Schicksal seit bald zehn Jahren allein in die Hände genommen hatte. Die Zimmermann und die Dünklern kamen breit und lachend und rotbäckig mit blaugrauen Augen und dicken Nasen beide aus dem geblümten Linon. Denn sie trugen das gleiche Muster, nur die Machart war, den Umständen entsprechend, verschieden ausgefallen. Und die Mouches, die sie sich an Kinn und Wange geklebt hatten, machten sie nicht weißer, sondern eher röter. Man sah ihnen an, sie konnten einen Schluck und einen Puff vertragen. Sie waren diesen Männern hier durchaus gewachsen, verstanden sie zu nehmen, sich zur Wehr zu setzen, wenn sie geprügelt wurden. Aber das kam kaum je noch vor, denn sie waren die Stärkeren, nicht an Körperkräften, aber an Mundwerk und dank jener Waffen, durch die die Frau von je über den Mann siegte.

Aber die Anna Marie Pflaster war fein, weich, mit einem Hauch von zarter Trauer über sich dabei, den man nicht wegwischen mochte – wie den Reif über einer Spätpflaume. Zartgliedrig war sie und sehr schmalköpfig und schmalbrüstig und etwas hektisch, mit einem dünnen, gebogenen Näschen und einem Blitzen und Blinzeln wie Goldfunken in den Eidechsenaugen. Wirklich, sie war ein apartes Geschöpfchen, das nur für Seidenkleider geschaffen schien. Und wie mit einem Zauberschlag war alles hier um Schmitzdorff vergessen. Wie hatte er sich nur hierher verirren können?

»Nee, Demoiselles«, sagte er, er wußte doch, was sich schickt. Denn es waren ja keine Demoiselles, sondern es waren Fräuleins; es waren auch eigentlich keine Fräuleins, es waren Jungfern; sie waren nicht einmal das, es waren doch nur Potsdamer Soldatenliebchen. »Nee, Demoiselles, ich bin Witmann, aber ich will und ich werde auch wieder heiraten. Jawoll!«

»Siehste, da haben wir es besser«, stürzte sich lallend Minde dazwischen, »wir heiraten überhaupt nicht. Ein Mädchen nach der Mode«, quetschte er in hohen Fisteltönen hervor, »das ist mein Zeitvertreib, die lieb' ich bis zum Tode und nehm' gewiß kein Weib.«

Aber die Zimmermann gab ihm eine Ohrfeige. Doch es war eigentlich keine richtige Ohrfeige. Es konnte eher unter die Küsse verbucht werden.

»Halt doch 's Maul, Kamerad«, schrie Kleidt, »det machen wir mit: Da stellen sogar auserlesene Mannschaften vons Bataillon die Galawache.«

»Da brennen wir ein Feuerwerk ab und trommeln einen Zapfenstreich«, lachte der schwarze Peter dazwischen. »Wir müssen natürlich auch alle invitiert werden.«

»Ick habe Freunde bei de Artollerie«, rief Wordelmann, »die müssen mit 'ne Salutbattrie gleich hinkommen. Jawoll, Kameraden, des machen wir.«

»Des soll hergehen wie auf 'n Königs-Geburtstags-Ball mit 'n Schlittenkorso!« rief Vater Mettke von hinten von der Theke her.

»Ja, aber«, meinte Schmitzdorff sehr verdattert, »man will mir doch nicht heiraten lassen. Habt ihr so was schon in euern Leb'n gehört ...? Aber ich geh' bis zum König. Ich mach 'ne Eingabe. Ick geb' 'ne Bittschrift ab.« Er schluckte und begann zu schluchzen, es überkam ihn so plötzlich. Und dann hatten wohl wirklich das Bier und die Schnäpse seine Hemmungen etwas gelockert. Alle sahen erstaunt zu ihm hin. So viel hatte doch der Mann noch gar nicht getrunken.

»Wie Dreck in de Renne hat man mir behandelt, und meine kleine Sophie, die haben se mit den Gendarm sogar zu meinen Schwiegersohn gebracht, als ob sie 'ne Schnebbe wäre, als ob se seidene Schnupftücher gestohlen hätte.« – Das hatte sich so in ihm festgefressen, daß er immer wieder die gleichen Bilder und Worte dafür brauchen mußte.

»Na, Kamerad, det hätte ick mir aber nicht bieten lassen, den hätte ick aber mächtig abgemuckt!« rief Wordelmann in Rage.

»Versteht ihr das, Kameraden: Schmitzdorff hat den halben Krieg mitgemacht, fünfmal ist er blessiert worden. Zweiundzwanzig Jahre ist er verheiratet gewesen mit eine Frau, die drei Kinder hatte von ihren ersten Mann und mindestens zehn Jahre älter war als ich ...« Er besann sich. »So viel muß das sein und da stirbt nu vorigen Winter die Frau. Nicht wahr?«

Er sah sich im Kreis um, als erwarte er eine Bestätigung. Der Grenadier Minde hatte den Kopf auf den Tisch sinken lassen. Er war jetzt in dem Teil seiner Trunkenheit, wo er müde wurde ... aber das ging vorüber! Doch auf das »Nicht wahr?« fuhr er auf und starrte Schmitzdorff, der die Fäuste schüttelte, erstaunt an. »Ich weiß zwar gar nicht, wovon die Rede ist, aber jedenfalls: bravo!« lallte er zustimmend.

»Mensch, biste still!« rief Vater Louis und duckte Minde auf den Stuhl nieder.

»Schlaf man weiter«, sagte Wordelmann begütigend, »wir wecken dir, wenn's soweit ist.«

»Ich weeß nicht, ob eener von euch mal mit 'ne alte Frau zusammen gelebt hat.« Das war aber nur eine rhetorische Frage. »Zuerst geht es noch. Aber auf die Dauer tut es nicht gut.«

»Da magste recht haben, Kamerad«, meinte Vater Louis bedächtig und fast traurig und sah zu der Zimmermann herüber, die sich, um besser zu hören, Kleidt auf den Schoß gesetzt hatte – ihm passierte so etwas nicht mehr –, und dachte dabei an seine Mutter Schaafen, die vor fünfundzwanzig Jahren ebenso gewesen war und die heute für die jungen Soldaten, die noch kein Mädchen hatten, wusch und kochte und langsam und stumpf neben ihm vertrocknete. Das gute alte Tier. »Ja, und vorigen Winter oder es ist ja egal, wann da stirbt sie nu, meine Frau.«

»Ach Gott, nee, was Sie sagen!« schluckte die Dünklern und drehte sich um und grinste Wordelmann an.

»Die ganzen letzten Jahre, das war kein Vergnügen nich. Gewiß, 'ne Frau kann sich mal betrinken. Des tun wir alle auch.«

»Wir sind sogar manchmal haarig besoffen«, krähte Minde hintennach.

»Kann sie!« rief die Zimmermann dazwischen, die nach einem Gläschen Anis oder einem grünen Jäger es gern vergaß, daß sie eben nur die Zimmermann war.

»Aber eine Frau, die nur sauft, Kameraden, des ist sehr traurig for einen Mann, das mit ansehen zu müssen. Sehr traurig«, schluchzte Schmitzdorff wieder. »Also drei Töchter hat die Kühlbrodt gehabt, damals, wie ich sie auf dem Durchzug kennenlernte. Die eine heirat' einen Fischer Krüger. Nicht wahr? Die andere heirat' einen Kossäten Eue. Nicht wahr? Und die dritte hat mir die ganze Zeit die Wirtschaft geführt ... Sonst wären wir nämlich in Dreck und Speck verkommen, denn die Kühlbrodt konnte sich doch um nichts mehr kümmern ... Vor 'n Jahr hat sie von einem Durchreisenden ein Kind bekommen, die Sophie, aber das macht mir nichts, das macht bei uns aufs Land nichts.«

Wordelmann schnalzte mit den Fingern. Das klang wie eine aufspritzende Kartätschenkugel. – Solche Kinder kannte er! Aber er sagte nichts weiter als sehr freundlich: »Nu, Jott sei Dank, denn ißt ja des Kleene jetzt ooch schon ingebrockt!«

»Und wie die Frau nu 'ne Weile tot is, denk' ich: Nu gehste mal, Schmitzdorff, zu deinem Pastor und wirst die Sophie, die bei mir geblieben ist, heiraten! Nicht wahr? Er soll uns kopulieren.« »Au weih!« rief die Dünklern, die etwas ahnte, daß das nicht so glatt ginge. »Au weih, Mann, die Vigeline liegt in' Graben!«

Aber die andern starrten Schmitzdorff stur und entgeistert an, was nun käme, es war ganz still im Raum. Man hätte die Fliegen unter der Käseglocke summen hören können und den Schillebold, der an der Scheibe brummte und vergeblich seine vier langen Libellenflügel an ihr zerbrach.

»Also, wat meint ihr, Kameraden, wat der Mann sagt? Na? Des rät keener. Sagt er doch zu mir, es ginge nicht ... des wäre Blutschande. Und tut mit mir gerade, als ob ich Judas und der Deibel zusammen wäre. ›Blutschande‹, sage ick, ›Herr Pastor, wo soll das Blutschande sind? Sie haben mir wohl nicht recht verstanden? Ich will Sophie Gottliebe Kühlbrodt heiraten und nich die Sophie Gottliebe Schmitzdorff! Was ist denn mit Ihnen los? Ick hör' immer: ›Blutschande!‹«

»Na, den Hallelujafähnrich«, rief Kleidt, »den hätte ick mal so in 'ne stille Nacht Kalasche gegeben! Der hätte des mir ooch keen zweetes Mal geflüstert.«

»Schön, sage ick, wenn Sie also des nicht wollen ... denn gehe ick eben ans Konsisterium.«

»Ja, ja, solch ein lausiger Zivilistenpastor, der ist manchmal verdammt eng von seine Gesinnung«, meinte Wordelmann beschwichtigend. »Aber hier, bei uns in Potsdorf, sind sie nicht so. Ich glaube schon, so'n richtiger alter Garnisonsprediger, der macht das mit de linke Hand. Da fragt er gar nicht nach. Wärste man gleich zu uns gekommen, Kamerad.«

Aber Schmitzdorff hörte gar nicht hin. »Also, ick erkundige mir: Wirklich, es soll nicht sein. Nu frage ich eine Menschenseele: Warum soll das nicht sein? Aber man macht es doch Nicht wahr? Es sind Fälle bekannt. Also: Ich lasse mir nu bei der ollen Perücke, bei den Gänsekiel in die ›Drei Hechte‹ ...«

»Also der ist jetzt weggezogen!« rief Wordelmann dazwischen.

»... eine ganz besondere Eingabe machen – der Mann schreibt wie gestochen – ans Konsisterium. Un was passiert? Jestern nachmittag bestellt mir der Schulze Lier auf die Amtsstube und sagt zu mir: Widrigenfalls – widrigenfalls, das ist eine Beleidigung, jawoll! – würde er Anzeige erstatten.«

»Na, den hätt' ick meine Meinung gegeigt!« rief sogar der sonst so gleichmütige schwarze Peter in hellem Zorn, als ob es zum Sturm ginge, und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch, daß die Pflaster gar nicht schnell genug das umfallende Gläschen mit dem grünen Jäger auffangen konnte. Aber es war fast leer schon.

»Un wie ick so janz sachtekin nach meinen Krug zurückgehe wer steht schon vor meine Tür neben de Futterkrippe? Der Gendarm, der immer bei mir Freibier hat, steht da schon mit meine Sophie, die des Kind auf 'n Arm hat, und 'ne Menge Leute drum 'rum. ›Nanu‹, sage ick, ›wat jeht denn hier vor?‹ – ›Ick habe Befehl‹, sagt der rotnäsige Dröge, ›vom Bürgermeister Lier, die unverehelichte Sophie Gottliebe Kühlbrodt zu ihre Schwester, zu die verehelichte Wilhelmine Krüger, geborene Kühlbrodt, zu bringen, weil Er sich separieren muß. Stören Sie mir nicht in meine Amtshandlung!‹ Und damit hält er mir so'n Wisch mit 'nem Stempel unter die Ogen.«

»Der wäre bei mir abgemeldet«, warf Vater Louis ein. Solange war Schmitzdorff zwar erregt, aber immerhin ganz beherrscht gewesen, nun jedoch stürzte im Augenblick seine ganze Leere ohne dieses Mädchen und sein ganzes Elend und die Aussichtslosigkeit seines Kampfes mit diesen Gewalten, die den Menschen wie Dreck mit Füßen traten und seelenlos niedertrampelten, über ihn. »Und wenn ihr die Sophie kennen tätet, dann würdet ihr verstehen, wie mir bei so etwas zumute ist ... Das ist ein Mädchen wie eine Prinzessin, wie eine geblütige Prinzessin Die sollte nur in Samt und Seide gehen. Händchen hat sie, nicht größer wie mein kleiner Finger hier. Und wenn man so macht«, er spreizte seine mächtige, ausgearbeitete Flosse aus, »denn hat man den ganzen Kopf gleich drin. Und nie habe ich ein schlechtes Wort von ihr gehört von früh an, und wenn meine Olle auch zu sie tückisch wie Galgenholz war.« Solange hatte Schmitzdorff geschluckt, nun fing er richtig an zu weinen. »Wat bin ick denn ohne sie ... Ein Stoppelfeld bin ich, wat sie gemäht haben und wo der Wind drüber wegpust't ...«

»Je oller, je doller«, flüsterte die Zimmermann der Dünklern ins Ohr.

»Jar nischt bin ich ein ausgespuckter Qualster « Georg Minde kicherte stumpf vor sich hin; aber Vater Louis hielt ihm den Mund zu, daß er ganz rot wie ein Puter wurde.

»Ich bin Grenadier gewesen ... geblut' hab' ich. Mir sitzen noch die Kugeln in' Leib. Zusammengeschossen haben sie mir. Mehr tot als lebendig war ich. Die Feldschern haben mir nur noch mal so grade zurechtgeflickt, wie 'n alten Postillionskragen ... Zwanzig Jahre hab ick mir mit 'ne versoffene Frau 'rumgezogen. Und jetzt, wo ich einmal aus meinem Jammer 'raus will und wo ein Mensch mir endlich gerne hat und ich einen Menschen liebe, da hauen sie mir wieder mit 'n Spatenstiel übern Kopf wie ein' Maulwurf, der mal aus seinen Erdhaufen krabbelt!«

Und nun kam etwas, was keiner erwartet hatte. Der Schmitzdorff, der alternde Mann mit den vielen Falten im Gesicht, heulte laut auf, wie ein Wachhund an der Kette, legte, während ihm die Tränen nur so aus den graublauen Augen stürzten, den Kopf vor auf die eichene, schmierige Tischplatte zwischen seine beiden schweren Arme in dem weißen Bauernleinen des Rocks und trommelte dazu wie ein Hammerwerk mit den beiden Fäusten immer auf den Tisch, sich in die Ohren hinein.

Die Tabagie von Vater Mettke hatte mancherlei von heulendem Elend schon gesehen. Auch junge Burschen aus Sachsen und Bayern, die den Werbern in die Finger gelaufen waren und nun weinend vor Heimweh dahinwelkten. Soldaten, die gesucht wurden und von der Wache abgeführt wurden, um zur Fiddel oder zum Gassenlaufen geschleppt zu werden, und weinend sich sträubten abziehende Truppen und heulende, sich betrinkende Soldatenbräute Aber das kannte sie noch nicht: Es war so ungefähr, als ob plötzlich durch ein schmales Bachbett sich ein Strom wälzt ... er reißt die Ufer mit.

Die andern um ihn blieben ziemlich ruhig, ließen Schmitzdorff gehen. Solche Ausbrüche kannten sie von den Wachstuben her, und sie wußten, wie man sich da zu verhalten hatte. Der olle Mann tat ihnen aufrichtig leid. Und alle, auch Wordelmann, hatten ihn in diesem Augenblick wirklich gern.

Endlich hob Schmitzdorff wieder seinen angegrauten, großen Schädel mit dem Loch in der Stirn. »Ja, und jetzt wollte ich mit 'ne Bittschrift mir an die Linde stellen. Ick hab' for ihn geblutet. Was hat mir das angegangen, wen Schlesien und die Grafschaft Glatz gehören tut? Von mir aus dem Großmogul.« Er trommelte wieder auf den Tisch mit den Fäusten. »Ick sage mir, der Mann muß for mir ein Herz haben ... Nicht wahr? Die ganze Nacht bin ich auf die Beine gewesen und komme hin Mit einmal heißt es: Ist nicht da. Ick hab' ja for ihn dasein müssen. Warum ist er nun nicht da for mir?!«

Die kleine Anna Marie Pflaster aber hatte sich, während die andern ängstlich von Schmitzdorff abgerückt waren, mit ihrem weiten rosa und grünen Seidenkleid aus der alten Pekingtapete zu ihm gebeugt und patschte ihm mit ganz dünnen Kinderfingern in das storre Dachshaar seines Schopfes.

»Aber Mann«, sagte sie leise, »wenn und solange dir das Mädchen gern hat, ist es doch ganz gleich, ob ihr nu getraut seid oder nicht. Und wenn sie dir denn nicht mehr gern hat, denn ist es auch gleich Ick würde mir nicht so drum reißen. Und wenn ihr Kinder kriegt, denn könnt ihr sie doch wenigstens behalten. Wir dürfen es nicht. Wenn de nämlich Ruhe gegeben hättst, denn hätt' sich kein Pastor und kein Konsistorium und kein Bürgermeister und kein Gendarm drum gekümmert.«

Schmitzdorff stierte sie, die kleine, zierliche, hektische Anna Marie Pflaster, aus schmalen, dummen Augen an Jetzt war er zu erschöpft, um solche Spitzfindigkeiten in sich aufzunehmen und zu verarbeiten.

Wordelmann zog sie zur Seite. »Janzes Bataillon kehrt ... adje, die Dame!« raunte er ihr leise zu. »Vater Mettke, alter Schlieker!« rief er laut. »Ach wat, nun wollen wir noch alle mal einen Schlummerseidel genehmigen. – Nanu«, sagte er mitfühlend. »Kamerad des muß allens überlegt sein. Die Bittschrift kannst de dir sparen. Wir kennen das die liest er gar nicht, der Olle Aus so'ne Dinger, da machen wir uns immer freitags ins Stadtschloß unsere Fidibusse draus ... Persönliche Fürsprache braucht man. Des is allens. Un wenn man denn nachher noch von Bataillonsschreiber so'n Ding aufsetzen vielleicht läßt, damit des 'ne Form hat ... aber erst muß man mit ihm reden, nicht wahr? Denn kann man des machen. Da brauchst du gar nicht drum zu flennen; paß auf, die Sache besorge ich dir bildschön.«

»Ja, ja«, sagte Kleidt, »so was macht der Johannes ganz vorzüglich. Des wär' nicht des erstemal, daß der bei 'n Ollen so etwas durchdrückt. Da hat er schon ganz andere Sachen fertig bei ihm gebracht.«

»Gewiß«, fiel Vater Louis ein. »Für Geld und gute Worte macht er des dir, alter Kriegskamerad.«

Nun waren sie alle um ihn 'rum.

»Natürlich«, krähte Georg Minde. Er war eben wieder aufgewacht. »Vor nischt is nischt! Das kost' Pinkepinke, Moos, Zaster, Draht, Quabben !«

»Na ja«, sagte Wordelmann und streckte noch mal vorsichtig seine Fühler aus. »Halb sind wir nun schon einig ... ick will.«

»Jott, Menschenskind«, schrie Schmitzdorff, der auf Wordelmann kaum geachtet hatte, denn so schnell liefen seine Gedanken nicht, plötzlich den Georg Minde an, weil er sich immer noch mit seinen Worten beschäftigte, so daß der aus seiner Trunkenheit erschrocken auftaumelte. »Wat liegt denn Schmitzdorff daran, was es kostet! Wat habe ich denn von meine paar gesparten harten Taler in 'n Strumpf ohne des Mädchen? Des is so Katzendreck for mir!«

»Also schön«, sagte Wordelmann, »ich will dir was sagen, Kamerad: Wenn de Fiduz zu mir hast, denn «, er beugte sich über Schmitzdorff und legte seinen Arm um dessen Schulter und seinen Mund an dessen Ohr, »also denn – das brauchen die andern nicht zu hören – gibste mir eben zehn Taler. Die brauche ich dazu, damit ich von de Lakaien vorher 'rauskriege, wie der Olle bei Stimmung und Laune grade ist. Denn er kann ebenso auch mal höllisch eklig werden, wenn man's falsch bei ihm trifft. Der hat seine Mucken wie 'n Achtzigtalerpferd. Manchmal ist er störrisch wie 'n Maulesel. Und denn muß ich auch sehen, daß ich in die nächste Woche, wo er wieder zurück ist, am dransten bin. Det wird bei uns ausgelost. Und vielleicht muß ich einen Kameraden was geben dafor, daß er mir statt seiner 'ranläßt. Also abgemacht: Du gibst mir zuerst mal gleich zehn Taler ... wenn das nichts wird, gebe ich sie dir auf Grenadierehre zurück da kannste dich auf Johannes verlassen. Der tut was, oder er tut's nicht; aber wenn er sagt, er tut was, denn tut er's.«

Schmitzdorff kämpfte mit sich einen Augenblick, denn er war Bauer und als solcher geizig und mißtrauisch in den unlotbaren Tiefen seines Wesens. Und außerdem waren zehn Taler viel müde Knochen und viel Schweißtropfen. Das vergaß er nicht, auch wenn er getrunken hatte. »Na weißte«, begann wieder Wordelmann leise in sein Ohr hinein. »Du brauchst se mir ja auch nicht hier vor alle Leute zu geben. Steck sie mir heimlich untern Tisch in meine Patronentasche 'rein.«

Schmitzdorff stierte einen Augenblick auf die Tischplatte, auf der eine Fliege in einem klebrigen Tropfen von grünem Likör hängengeblieben war und mit langnachschleifenden Beinen, vergeblich brummend, versuchte, die verklebten Flügel zu öffnen. Und dann begann er mit steifen Fingern, seufzend, in seiner Geldtasche, die er zwischen Hose und Weste eingeknöpft hatte, herumzutasten – und schob endlich die Hand langsam zu Wordelmanns Patronentasche hinüber, die über eine Stuhllehne neben ihm vorsorglich schon gehängt war.

Es traf sich grad so!

Minde beugte sich zu Wordelmann vor, trank ihm zu. »Na, haste Handgeld?« tuschelte er. »Was is 'n da für mich bei zu erben?«

Die Dünklern hatte sich mit ihrer blumigen Linontaille mit den langen Schößen zu Schmitzdorff gesetzt. »Na, bleiben Sie man 'n bißchen noch, Herr Schmitzdorff«, sagte sie. »Johannes gibt auch noch 'ne Lage ... heute hat er die Spendierhosen an. Wissen Se, wenn Sie mal so eine gute, durchwachsene Speckseite haben sollten ... die Menage ist man verdammt mager so in de letzte Zeit. Und wir wollen's ja nicht geschenkt haben. Wir zahlen Ihnen gerne etwas. Und wenn Se denn mal so zehn oder zwanzig Ellen jutes, echtes – so was kriegen wir hier eben in Potsdam gar nicht –, gutes, richtiges Bauernleinen ... na ja, dreißig Ellen können es auch sein für uns übrig hätten wir bezahlen es Ihnen auch, wenn's sein muß damit würden Sie mir einen großen Gefallen tun. Denn unsere Flohkiste zu Hause ... von die Strohhalme, die da 'rausstechen, kann man zweihundertvierundzwanzig Gäule von die ganze Leibschwadron der Leibgarde zu Pferde fett machen.«

»Vater Mettke«, rief Wordelmann und rieb sich die Riesenhände, daß die Gelenke knackten, »for mir noch eine Kanonierwurst«, er blickte sich im Kreise 'rum, »und wer will noch was? Eß man, Karle, Walli, eß ...! Stille biste, George!« rief er, mit einem deutlichen Seitenblick nach Schmitzdorff hin, Minde an, der erschrocken auffuhr. »Wat brauchen wir uns hier immer von dir die Ohren vollklönen zu lassen.«

Plötzlich kamen die Pflaster und die Zimmermann, die einen Augenblick hinausgegangen waren, wieder herein und stellten sich beide knicksend vor Schmitzdorff hin.

»Da, Papa Schmitzdorff«, sagte mit tiefer Menuettverbeugung die kleine Zierliche in dem Pekingseidenkleid und überreichte ihm ein kleines Bukett in einer gepreßten papiernen Kantenmanschette mit einem Kranz von Vergißmeinnicht, aus dem ein Paar Stiele hängender Herzen mit ihren blaßrosa aufgesperrten Blütenmündchen zierlich pendelten. »Das schickt die Anna Marie Pflaster an die Sophie Kühlbrodt. Und sie wünscht ihr, daß sie recht bald Madame Schmitzdorffen heißen tut.«

»Und das schicke ich ihr«, sagte die Zimmermann in dem doppelten Überwurf, sich weniger leicht verbeugend und den Fuß schwer zurückschleifend, als sie das oft auf den Hofbällen in der Gemäldegalerie, wenn sie heimlich durch eine Luke herabgesehen hatte (denn da waren sie immer auf die Wache geschlichen und mit den Grenadieren über das Dach geklettert), bei den Hofdamen und den Offiziersfrauen beobachtet hatte. Und sie reichte Schmitzdorff ein dunkelbraunes Pfefferkuchenherz mit einem gespritzten Gardestern in weißem und blauem Zuckerguß darauf. »Der is von Milke. Die Sorte kann sogar der ärmste Mann essen.«

Alle fanden das einen Einfall von den Mädchen, und auch Schmitzdorff freute sich damit sehr. »Das werde ich heimlich morgen auf die Nacht Sophie bringen«, sagte er dankend, »denn der Fischer Krüger, was mein Schwiegersohn ist, der ist ja auch nicht so. Das hat er mir schon so dusemang angedeutet.«

Draußen war es indes dämmrig geworden, jene lange Dämmerung der Juniabende war es, der keine Dunkelheit folgt, in der der Himmel meergrün bleibt im Horizont und alle Gegenstände – Häuser, Wege und Straßen, Wasser und Schwäne, die dichten Wipfel der Bäume über den Bauten und die Püppchen auf den Dächern und Gartentoren – in tieferen Farben das Leben ihres Tages noch einmal träumen und in der gewöhnlich ein nelkenbrauner Wolkenstreifen noch dort bleibt, wo die Sonne schon vor Stunden langsam in die Goldwolken getaucht ist.

Draußen begannen die Signale von fern und aus immer größerer Nähe aufzuklingen für die Soldaten, die noch auf der Straße und in den Kneipen waren, daß sie nach Hause mußten, ehe die Patrouillen kamen: »Der Bäcker backt das Brot so klein ... da mag der Deibel Soldate sein zu Bett, zu Bett, zu Bett!« und »Wer bei seinem Liebchen steht ... der geh jetzt auch zu Haus!«

Mutter Schaafen tauchte auf, die ihren graustoppeligen Vater Louis schon seit einer Stunde in allen Soldatenkneipen von Potsdam von einem Tor bis zum andern gesucht hatte, bei Senst, im »Gardestern«, im »Roten Roß« und im »Pulverhorn«, in der »Patronentasche« und im »Sporn«. Sie hatte ein Tuch um den grauen Kopf – sie brauchte sich gewiß nicht mehr die Haare zu weißen –, einen Umschlageschal um die eingezogenen Schultern, Spitzmausaugen und eine Pompadourschnure von Mund.

Und sie sagte gar nichts, sondern sah ihren Vater Louis nur von der Seite an. »Du hättest gar nicht kommen brauchen, Milechen«, sagte er bedrückt. »Zum Zapfenstreich wär' ich schonst so zu Hause gewesen. Wir gehen ja schon alle sowieso. Wir mußten hier nämlich eine sehr, sehr wichtige Angelegenheit besprechen mit einem alten Kriegskameraden.«

Christian Friedrich Schmitzdorff kramte noch einmal seinen Geldbeutel heraus. »Is alles beglichen«, rief Wordelmann laut, »nicht wahr, Vater Mettke? Das hat allens schon hinterrücks der Grenadier Wordelmann bezahlt Hier sitzen die Musikanten.« Und zu Schmitzdorff gewandt: »Na, meinste vielleicht, ich wer' mir lumpen lassen, wenn ich dir invitiere?«

Sie traten aus der Tür unter das Laubdach am Wasser in die meergrüne und warme Junidämmerung hinaus.

Seine Kugligkeit, Vater Mettke, winkte ihnen mit dicken Patschen nach: »So 'nen juten Tag habe ich lange nicht mehr gehabt.«

»Der Bassin ist nicht tief ... des macht nichts, wenn de besoffen bist«, erläuterte Wordelmann.

Die drei Damen gingen untergefaßt, die ganze Straßenseite sperrend, und kicherten und hatten sich so viel zu erzählen, wie immer, wenn drei junge Mädchen zusammen gehen.

»Mächst du die uffgewärmte Leiche noch haben? Ich nich«, sagte die Zimmermann zur Dünklern.

»Ach Gott«, meinte die Pflaster, »warum denn nicht? Es ist doch man ein armer Hund.« Und bog, ohne sich zu verabschieden, plötzlich nach links ab.

»Na, so was«, sagten die beiden andern wie aus einem Mund, weil sie meinten, die Anna Marie Pflaster hätte ihnen etwas übelgenommen.

Georg Minde und Grenadier Glasen und Wilhelm Kleidt ließen Wordelmann und Schmitzdorff ein ganzes Stück vorangehen, und dann trampelten sie recht mit ihren Nagelschuhen, daß die vorn nur nichts hören konnten, was sie sprachen und worüber sie lachten.

»Mensch, ick lach' mir 'n Ast!« schrie Georg Minde, der wieder nüchtern geworden war. »Des ist, glaube ich, auch einer von die, die nich alle werden.«

»Ach wat«, sagte der Grenadier Kleidt, »laß ihn doch. Die haben auch mal gelebt und sogar große Siege erfochten. Paß mal Achtung, des gibt 'n Heidenulk noch mit dem.«

»Den nimmt Wordelmann aus wie 'n milchernen Hering«, grinste der schwarze Peter und zog den Mund von einem Ohr zum andern.

Schmitzdorff humpelte in seinen Wollstrümpfen und mit seinen blauen Hosen still neben Wordelmann her, das Bukett in der einen Hand und das Pfefferkuchenherz mit dem Gardestern aus weißem und blauem Zuckerguß vorsichtig in der andern. Er war jetzt sehr müde, und doch fühlte er sich freier als den ganzen Tag über. Gekostet hatte es ihn was; aber nun würde ja doch die Sache ins Lot kommen. Die würden das schon bei dem Ollen schaffen.

»Also, paß auf«, sagte Wordelmann. »Jetzt jehste hier links 'runter an den Haus mit die Ochsenköpfe vorbei, und dann jehste immer de Nase lang, und da kommt gleich das Pulverhorn. For sechs Dreier kriegste da eine vorzügliche Streu. Die Flöhen brauchste nicht extra zu bezahlen. Und ick denke, in vierzehn Tagen wer' ich mal von mir hören lassen. Vorher hat's keinen Zweck und Sinn nich, nachzufragen. Adjüs, Kamerad!«

Und Schmitzdorff humpelte davon. Hinten am Horizont lagerte eine lange, schmale, veilchenblaue Wolke und unter ihr ein Schwarm kleiner Wölkchen, die die große ängstlich umschwammen. Es sah aus wie ein riesiger jagender Hai inmitten eines Heringsschwarms.

Wordelmann war an der Ecke der Mammonstraße stehengeblieben und pfiff den drei anderen. Der Vater Louis war schon von seiner Alten fortgezogen worden, in den ersten Tönen der Reveille. »Willem, meine Enke, wo biste?« rief er laut, und als die sich umdrehten und stehenblieben, kam er langsam und die Hände in den Taschen, sehr wenig militärisch, angeschlendert. »Paß uff, Wordelmann, da lacht die janze Garnison drüber«, sagte Georg Minde.

»Aber warum soll ich denn den Mann nicht glücklich machen? Ihn freut's doch«, meinte Wordelmann versöhnlich und in seiner netten Art, die ihm soviel Anhang im Bataillon und über das Bataillon hinaus geschaffen hatte. »Det olle Humpelbein hat doch sicher keinen Dunst, wer wir sind. Ihr habt ihm doch nicht etwa die Namen gesagt? Johannes und Jeorge kann ja zum Schluß jeder mal heißen. Der find' uns sicher nicht wieder. Und jetzt hab' ich ihn 'rumgeführt wie 'n Brummkreisel. Die nächsten acht Tage aber sieht mir wenigstens Vater Mettke nicht mehr ... Doch nu mach' ich mir dünne. Dahinten von Lustgarten her kommt schon eine Patrouille mit 'n Korporal angelatscht. Und nachher kriegen se 'raus, daß ick heute eigentlich hätte Wache schieben müssen. Ne, Jungekins«, rief er, sich noch einmal umwendend, indem er schnell in eine Seitenstraße beim Langen Stall witschte, »for so dumm könnt ihr den Johannes Wordelmann nicht kaufen!«

Christian Friedrich Schmitzdorff aber saß noch eine ganze Weile in der Gaststube des »Pulverhorn« – sie war nicht viel größer, aber sicherlich weniger blank als eine mittlere Bratenschüssel aus der manufacture du roi. Schmitzdorff saß wieder in einer Fensternische und starrte auf die langsam in dämmrigem Dunkel ersterbende Straße und auf die roten Ziegelböschungen des Kanals hinaus, der von zwei, drei Brücken hintereinander überwölbt war. Er sah über die runden, tiefschwarzen Umrißlinien der mächtigen Kastanien und Platanen, die die graden Striche der Dächer unterbrachen, in den meergrünen Himmel der Juninacht hinein, in einen Himmel aus einem unerhört durchsichtigen, einem unerhört leichten und einem unerhört lichtgrünen Gas mit wenigen, nur ganz wenigen, sehr hellen, aber nicht strahlenden Sternen.

Die Öllampen in den an ihren Ketten hängenden Laternen waren heute stumm geblieben und warteten, schwarz und klar gegen den Himmel gezeichnet, auf Winternächte, um ihr Licht sprechen zu lassen. Nur manchmal schwankten dem Schmitzdorff in der Ferne – mehr geahnt als erkannt über das Halbrund einer Brückenwölbung, mit Pferdegetrappel, wie Glühwürmchen die Lichter einer Kalesche oder die lautlosen Lichter einer Sänfte vorbei. Und jenseits des Kanals tänzelten die kleinen Handlaternen, die von den Offiziersburschen den heimkehrenden oder jetzt erst ausfliegenden Leutenants und ihren Damen vorangetragen wurden den hohen Staatsräten von ihren Lakaien – oder den reichen Fabrikanten, die von der Sommerbelustigung auf dem Tornow mit ihren Frauen kämen, von ihrem Gesinde.

Aber Schmitzdorff sah das eigentlich nicht recht. Er erkannte nur die wandernden rötlichen Kreise auf dem Boden, in denen auf Schnallenschuhen die Katzenaugen von falschen Steinen sich bewegten ahnte etwas, wie die goldenen Knöpfe und Schleifen und die roten und weißen Federn auf den Dreispitzen der Militärs ... den hechtgrauen Seidenschal und die blitzenden Agraffen in den Toupets der Damen die silbernen Revers und die gestickten Stulpen auf den heliotropfarbenen Ministerfräcken und die riesigen Glockenröcke der dahintänzelnden Kaufmannsfrauen, Monstra von Röcken, die mit ihren gerafften Seidenfestons und ihren hochaufgenähten Rosetten wie Theatervorhänge schwankten, die soeben erst niedergegangen waren.

Dabei war es – das verwunderte Schmitzdorff – hier in der Stadt fast noch stiller als bei ihm im Dorf auf dem freien Land, wo man den Wind immer hörte, der über die Ebene zog, Hundegebell – selbst wenn die Dorfhunde schwiegen – von fernen Weilern herüberklagte ... die Rohrdommeln in der Ferne ihre Hornrufe gaben, ein Schleierkauz plötzlich auf dem Kirchturm zu lachen begann und das Vieh in den Ställen grunzte und muhte, mit den Ketten rasselte und die Pferde mit den Hufen gegen die Verschlage ballerten.

Hier zersägte nur eine Baumgrille glashell und ohne Aufhören die Lautlosigkeit der Juninacht. Und da man sie immer hörte, hörte man sie bald nicht mehr. Ab und zu kam auch ein leises Kluckern und Glucksen vom Kanal herauf. Vielleicht von einem schlafenden Schwan, der da unten, den Kopf unter dem Flügel, mit dem schwarzen Blattpaddel seines Fußes im Traum weiterruderte ... vielleicht von einer Wasserratte, die triefend auftauchte, um an der Böschung emporzulaufen und drüben in die Keller zu huschen. Vielleicht war es auch nur das träge und modrige Wasser selbst, das sich in seinem langsamen Zug durch die Stadt an den Wänden rieb. Oder der Glöckchenruf der Feuerunke aus der Ferne vom Bassin her.

Und alles: Häuser, Straßen und Laute und Menschen und die Glühwürmchen der Laternen waren alle Viertelstunden einmal überspült von dem hellen Singsang der Glockenspiele von den Kirchen her und von einer hauchenden Wolke von Lindenduft, der von sehr weit her kam, vielleicht aus Sanssouci oder dem Park her. Und die stets bald wieder zerstob wie ein flüchtiger Briefgruß eines lieben Menschen aus der Ferne, der uns beweist, daß der, wenn er auch nicht bei uns sein kann, doch an uns noch denkt.

Schmitzdorff wunderte sich immer, wenn er in einer Stadt war – von jeher –, wie es eigentlich kam, daß Menschen hier und so wohnten, und so viele Tausende auf einem Fleck sogar, von denen doch eigentlich keiner sein Brot hatte. Wie konnten sie das nur wagen? Wo waren ihre Felder? Ihr Korn? Ihre Ställe? Ihre Weiden? Ihr Vieh? Und doch hatten sie alle ihr Brot und viele Kuchen dazu. Keiner konnte auch nur den Ellenbogen bewegen. Wie die Kletten hockten sie zusammen, neben-, unter- und übereinander. Und wie die Ameisen im zerwühlten Bau, liefen sie haltlos durcheinander. Jeder trieb dabei seine Sache, ob es der andere brauchte oder nicht. Und zum Schluß hatten sie es alle genausogut, ja, viel besser hatten sie zu essen als er, dem es doch zuwuchs und der es aus dem Boden riß. Das war doch eine tiefe Ungerechtigkeit in der Welt, die er nie begriff. Warum mußte er mit seiner Hände Arbeit diese Tagediebe, die nicht einmal ihm »Danke« sagten, noch durchfüttern? Nur, damit er die paar Taler sich in den Sparstrumpf stecken konnte, die er nun diesen Menschen hier wieder in den Rachen werfen mußte, um nichts und wieder nichts. Einfach nur, weil die Welt dümmer als der dümmste Bauer war.

Und doch tat es ihm eigentlich nicht leid, daß er es getan hatte. Was hätte ich denn davon, wenn ich's nicht getan hätte? Jetzt werden noch so zwei, drei Wöchekins ins Land gehen, und wenn dann wieder solch eine rotnasige Dröge von Gendarm mir etwas will ... Bitte, sage ich, hier ist mein Trauschein. Und hier ist die königliche Konsins, Herr Gendarm. Und mit dem Biertrinken bei mich und dem Nachher-nicht-Zahlen ist es nichts mehr. Damit ist es jetzt Essig, Herr Gendarm!

Gerade unter seinem Fenster am Rand des Kanals kam in dem zarten Lichtkreis einer vorherschwebenden Laterne, an der vielleicht ein Dienstmädchen mit weißer Spitzenschürze und einem Häubchen sitzen konnte – denn eben sie war am wenigsten beleuchtet, den Gesetzen der Lichtverbreitung nach –, kam also, laut sprechend und mit ausladenden Handbewegungen der Linken, ein junger, sehr zierlicher Mann in blauem, gesticktem Rock mit langen, geschweiften Schößen, ein Malakkarohr mit goldener Krücke vor dem hagern Gesicht mit der großen, schmalen, gebogenen Nase. Er trug es mit gebeugtem Arm und trug es so, daß der Griff fast seine große, schmale, gebogene Nase berührte und sie durch die Reflexe der goldenen Krücke gleichsam etwas mehr Licht noch empfing, als es ihr, den Umständen nach, zustand.

Und neben ihm trippelte eine zierliche Dame in einem sehr weiten, seidenen Glockenrock, der wie eine Qualle in der Dünung hin und her sich schwang und bunt dabei schillerte. Und nicht genug damit, trug sie noch einen winzigen Mops von der Farbe heller Milchschokolade im Arm.

Diese Stadtnärrin schleppt sich mitten in der Nacht mit einem Hund herum, dachte Schmitzdorff noch, als er plötzlich staunend feststellen mußte, daß dieses Dämchen da – sie war so gepudert und rosig gestrichen, daß sie schon jetzt wie ein Pastell von sich selbst aussah –, daß ihn also dieses vornehme Dämchen zwar heimlich, daß es ihr Begleiter nicht gewahrte – aber der war in seine eigenen Worte viel zu verliebt, um darauf zu achten –, heimlich, aber durchaus unverkennbar ihn anblinzelte und dann sogar ihm zunickte. Ihm und niemand sonst. Wem auch? Es war niemand da. Ihm zunickte über die ganze Breite des Uferwegs, solche richtige, adlige Demoiselle, die er nie gesehen hatte, nicht kannte, die nie wieder ihm begegnen würde nein, ganz so alt kann ich doch nicht sein. Merkwürdig, wie ähnlich sich doch die Frauen in der Stadt sehen. Man sollte wirklich glauben, es wäre diese Anna Marie gewesen, aber die war doch blaß wie seine weißen Verbenen hinterm Haus, und die hier war rosig und blühend wie Nelken und hatte ein Mündchen wie Klatschmohn.

Nur eines stellte Schmitzdorff doppelt verwundert fest, wie sich jene da, ein paar Schritte weiter, sogar noch einmal nach ihm im Fenster umdrehte, daß auf der Riesenbreite ihres Rocks ein Muster, auch das gleiche Muster von solchen hohen spitzigen Bauten von vielen Etagen war, vor denen Menschen mit langen Zöpfen spazierten und noch längere Tonpfeifen dabei rauchten. Ja, das war ihm doch heute schon einmal begegnet! Aber darauf kann man nichts geben. Das ist wohl jetzt so Mode bei die feinen Damens in Potsdam. Und gewiß hat eine von denen dem netten Mädchen, das ihm vorhin noch die Blumen für Sophie mitgegeben hat, so ein Kleid, weil sie es nicht mehr tragen will und ein neueres und schöneres von ihrem Galan geschenkt bekommen hat, so in einer Laune ihr das alte als Präsent gemacht. Denn wo soll solche einfache, arme Soldatenliebste sonst zu solch einer kostbaren Kledage kommen?

Und damit hatten seine, Schmitzdorffs, Wachträume wieder bei seiner Sophie Kühlbrodt eingehakt. Das heißt, die ganze Zeit hatten sie sich da unten in ihm mit nichts sonst beschäftigt. Wenn es auch schien, als ob es andere Dinge wären, die seine flatternden Gedanken bewegten und hin und her trieben. Nein, all seine eigentlichen Gedanken waren die ganze Zeit über nur bei Sophie gewesen. Das war wie eine Quelle, wie ein Bach, wie ein kleiner Fluß nur, der plötzlich versintert. Wo ist er hin? Gewiß, wir sehen ihn nicht, aber wir können versichert sein: Er fließt in seinem unterirdischen Bett, wühlt sich seinen Weg selbst durch das härteste Gestein, sammelt Tropfen und Zuflüsse von überall, von allen Seiten her. Und all das nur, um an anderer Stelle dann mit bisher ungekannter Gewalt wieder ans Licht emporzubrechen.

Es ist ja nicht wahr: Er, Schmitzdorff, wollte ja gar nichts gewinnen bei dem Handel. Nur nichts verlieren. Nur sich seinen Besitz sichern. Noch gestern hatte er das Licht auf dem Leuchtturm ganz nahe und hell schon gesehen. Und nun war es seit gestern plötzlich fort, aus, dunkel. Er hatte keine Ahnung mehr, auf welchen Punkt hin er sein Lebensschiff steuern sollte, und es schien ihm, als führe er immer nur im Kreise und käme nur immer wieder auf den gleichen Fleck zurück, wo ihn die Wellen von allen Seiten zugleich zu überrennen drohten Allein, mit eigener Kraft würde er da nicht aus dem Strudel wieder herauskommen. Er müsse eben Lotsen an Bord nehmen, was sie immer forderten. Dieser lange Leibgrenadier ja, wie heißt er eigentlich? Johannes! Aber es kann doch ein Mensch nicht nur Johannes heißen! Aber er war ein ehrlicher und honetter Mann. Er hatte gewiß es nur vergessen, das ihm zu sagen. Und wie hieß doch der andere? Willem! Aber es kann doch einer nicht nur Willem heißen! Und George? Und Vater Louis? Und wie nannten sie doch den Wirt? Aber sie werden schon die Sache bei dem Ollen ins Lot bringen. Wie ich heiße und wo ich her bin, das haben sie sich ja aufgeschrieben. Wer soll's denn sonst machen, wenn nicht so'n Leibgrenadier, wenn er bei ihm gut angeschrieben ist.

Schmitzdorff glaubte es, glaubte es fest, das heißt, eigentlich glaubte er's nicht, aber er wollte es glauben, und er mußte es einfach glauben, daß es sein Glück wäre, daß er dem Grenadier Johannes in die Hände gelaufen draußen im Park, ganz durch Zufall, denn er wollte ja erst gar nicht durch den Park gehen. Und daß er nur damit und durch ihn die Sache zum guten Ende brächte. Es war ihm das jetzt schon wie Religion geworden, daß er aus seinen Dilemmas nur so Erlösung finden könnte wie Religion, deren Kern ja von einem klugen Mann einmal dahin definiert wurde: Glauben heißt etwas glauben, trotzdem man genau weiß, es ist nicht so.

Das heißt, jener unterirdische Fluß in Schmitzdorff, der da tief in ihm sich durch die dicksten Felsen nagte, wußte das. Aber nicht er, der hinkende, wetterbraune Bauer, der Mann mit der roten Weste und mit dem weißen Leinenrock mit den langen Schößen und den Silberknöpfen, mit dem Loch über der Stirn und mit den vielen Falten um die tiefliegenden blaugrauen Augen, mit dem storren, angegrauten Dachshaar über den großen Ohren der Mann, der hier am Fenster in die Juninacht hinaussah.

Der Wirt strich schon so eine Weile um ihn herum. Er liebte es nicht, wenn seine Gäste allzulange bei einem Glase sitzen blieben.

»Hör mal, Bauer«, sagt er endlich – er war selbst schwarz und dürr und zerrupft und unscheinbar wie eine alte Kirchturmdohle und im Gegensatz zu Vater Mettke nur aus starren Graden und Konkaven zusammengesetzt wie eine mathematische Ulkzeichnung in einem schlechten Witzblatt –, »hör mal, Bauer, morgen früh ist die Nacht kurz. Kriech in deine Streu. Ich will Schluß machen hier. Heute kommt doch keiner mehr.«

Grenadier Wordelmann hatte recht gehabt, was die Streu betraf. Sie war billig. Schmitzdorff war da ungestört. Denn das »Pulverhorn« lag etwas abseits und hatte heute keine Gäste. – Weder Fuhrleute – die schliefen auch liebet in der Stallung unter ihren Pferden – noch wandernde Handwerksburschen, die einem die Geldkatze stehlen konnten und lange vor Tau und Tag sich davonmachen konnten. Noch Bauernmägde, die von weit her gekommen waren, um ihre Schätze beim Kommiß aufzusuchen und sich bei ihnen wieder liebend in Erinnerung zu bringen.

Schmitzdorff war ganz allein auf der Streu, in dem viereckigen Raum, der einer Schachtel glich, in die Kinder für Maikäfer ein paar kümmerliche Luftlöcher hineingeschnitten haben. Er hatte eine niedrige Holztür und eine Luke, die nach einem Pferdestall hinging. Dem Geruch nach. Hatte vor Feuchtigkeit triefende Wände, auch jetzt im Sommer, und ein großes Plantuch, wie es die Rollwagen brauchen, über der Schütte von Stroh auf dem Lehmboden. Ganz pünktlich wurde diese Schütte jeden Herbst erneuert. Aber jetzt hatte man Juni. Eine schlechte Zeit für eine Strohschütte. Selbst für jemand, der noch weniger heikel gewesen wäre als Schmitzdorff, der, während die zerzauste Kirchendohle von Wirt die Stallaterne hochhielt, den Rock abwarf – alles sonst behielt er am Leibe – und sich hinhieb.

Dann aber blies die zerzauste Dohle – phütt – die Laterne aus, ging ohne Abschied hinaus und schloß mit einem riesigen Schlüssel die Eichentür von außen ab. Das tat er nur bei Gästen, die nicht vorher zahlten. Die aber, die vorher bezahlten, konnten fortgehen, wann und sobald sie wollten. Daran lag ihm dann nichts mehr. Im Gegenteil, er sah es lieber, wenn sie seine Lagerstatt nicht allzusehr strapazierten, was öfter vorkam.

Denn Wordelmann hatte Schmitzdorff nicht zuviel gesagt: »Die Flöhe werden nicht extra berechnet.« Sonst wäre die Rechnung nämlich zu hoch geworden. Selbst Schmitzdorff, der von seiner Soldatenzeit und seinem spätem Dasein manches davon gewohnt war und ziemlich unempfindlich geworden war, zeigte sich dem raffinierten Geplänkel ihrer Massenangriffe kaum gewachsen. Es dauerte eine ganze Weile, bis Schmitzdorff in seiner hemmungslosen Müdigkeit in dem aufreibenden Kampf einen Pyrrhussieg davontrug und einschlief, steinschwer und traumlos.

Aber schon um einhalb fünf saß er wieder vorn in der Gaststube. Er mußte sich auch dranhalten, wenn er bis zur Nacht wieder in Wust sein wollte. Der Schlaf hatte ihn nicht erquickt, aber die Luft und das Gehen immer die Landstraße herunter würde ihn schon wieder munter machen. Seltsam: Früher konnte er des Nachts im nassen Heu und mit dem Kopf auf einem Stein liegen, und sowie: es hell wurde, sprang er auf und war frisch und munter wie ein Aprilmorgen. Und jetzt, wenn er selbst in Schwanendaunen gelegen hätte er war immer am nächsten Morgen im besten Fall nur noch wie eine Oktoberfrühe. Es dauerte eine ganze Weile, bis da die Sonne so allmählich durchkommt. Nun, heute habe ich ja wirklich nicht auf Schwanendaunen gelegen. Aber trotzdem, woher das nur kommen mag?

Wie anders doch solche Stadt am frühen Tag ist wie am Abend. Alle Heimlichkeit ist fort. In der jungen Sonne, die noch tief steht, sind die Häuser und Straßen klar und scharf wie auf den angemalten Kupfern eines Guckkastenbildes; wie auf jenen Städteansichten, die auf den Jahrmärkten verkauft werden und von denen man sich eine als Erinnerung zu Hause an die Holzwand der Gaststube pinnt.

Die mächtigen Gevierte des Schlosses, Kirchen und Kasernen und Kuppeln wölben sich wieder ganz und rund in den Himmel hinauf. Die dämmrigen Liebeszelte der hohen Bäume sind abgebrochen worden, und unter ihnen, in der klaren Helligkeit, laufen nun einzig und allein die Grenadiere, noch halb angezogen, sich im Gehen die Koppeln anziehend und die gedrehten Locken anmehlend, daß es nur so stäubt. Manche mit den Parademonturen, die noch einmal aufgebügelt wurden, über dem Arm. In kurzen Trippelschritten drängten sie sich aus ihren Bürgerquartieren zum ersten Appell nach den Höfen der neuen Kasernen, nach dem Langen Stall und nach dem Lustgarten hin und kauen noch im Gehen an großen Scheiben Kommißbrot. Wagen aller Art werden aus den Toren gezogen und die Pferde an den Trensen aus ihren Remisen auf die Straßen hinausgeführt. Die Trompeter, die einmal und zweimal schon Reveille geblasen hatten, setzen kicksend zum dritten Mal an.

Am Neustädter Tor drängen sich Postwagen und Rollfuhrwerke und saubere rot und grün gestrichene Reisekaleschen mit livrierten Kutschern und Wappen am Schlag, aus denen, wie junge Schwalben aus dem Nest, mit aufgesperrten Schnäbeln, französisch plappernde Komtessen aus der Uckermark heraussehen, die hier ihre Brüder bei der Armee besucht haben im Regiment Prinz von Preußen. Beamte in schlichten Wagen, die mit Kind und Kegel in eine andere Ecke des Staates nach Düsseldorf oder Königsberg versetzt worden sind, haben Sack und Pack hinten aufgeschnallt.

Handwerksburschen nehmen ihre Felleisen noch auf die leichte Achsel und pfeifen. Des Abends werden sie beides nicht mehr tun. Kleine Hausierer haben ihre Packen mit Stoffballen und Leinenstücken und Posamenten, ihre Kästen voll Brillen und Kalendern, Rechenknechten und Traumbüchern, ihre Pfeifenrohre und Schwämme und Kiepen voll irdenen Geschirrs, ihre Bündel alter geflickter Schirme und Stöcke vor sich auf den Boden gestellt. Alle fluchen und schmälen, daß der Torwächter noch schläft. Es ist fünf Minuten über die Zeit schon. Aber der richtet sich nach den Kirchenuhren. Und was eine richtige Kirchenuhr ist, die geht immer nach und nie vor. Dem Lausewenzel wird man es aber geben. Der Kerl wird es kriegen. Doch als der Torwächter endlich, noch mit verschlafenen Lidern, sein Kläppchen aufmacht, ruft alles lachend und laut durcheinander: »Na, Torwächterchen, schon ausgeschlafen?« und ist zufrieden, daß er überhaupt da ist.

Aber schnell wickelt sich das nicht ab; so leicht geht das nicht Denn draußen haben sich die Karren und Rollen und Wagen der Bauern, die in die Stadt wollen, angesammelt mit ihren Milchkübeln, ihrem Gemüse, ihrem Obst, den Spankörben voll Erdbeeren und Kirschen, dem Spargel und den grünen Stachelbeeren, ihren Hühnern, Schweinen und Kälbern. Haben sich zusammengedrängt schon und wollen zuerst hinein. Und hinter ihnen hält auf hohem, schwankendem Thron der Postillion aus Magdeburg, der noch Vormittag in Berlin sein muß, flucht von seinem Bock dazwischen herunter. So wie eben nur ein Postillion fluchen kann. Und das kann er besser als fahren.

Eine Hökerin mit einer schwarzen Wachstuchschute hat einen ganzen Korb voll mit lustigen Holzstäben, an die sie wie an einen Blumenstrauß kunstvoll immer zwei junge grüne Zuckerschoten und zwei frühreife Kirschen gebunden hat. Den ganzen Stock entlang ein eßbares Bukett Und Schmitzdorff nimmt so eines noch für einen roten Pfennig zu dem Strauß aus den Vergißmeinnicht und den hängenden Herzen, den ihm das kleine blasse Mädchen für seine Sophie geschenkt hat. Nun hat er auch etwas für Malwinchen. Das Herz mit dem Gardestern wird Sophie gewiß wieder in dem Glassturz aufheben wollen bei dem ersten Brautkranz ihrer Mutter. So ist sie.

Was weiß solch ein Kind wie das Malwinchen schon von Blumen? Aber das hier wird sie gleich in den verschmierten Mund mit den drei Zähnen – der vierte ist auch schon unter der Haut zu sehen (noch vorgestern früh hat ihm das Sophie gezeigt) – hineinstopfen und daran zu knabbern beginnen, so lange, bis die Sophie es ihr wegnehmen wird

Aber dann kam es ja Schmitzdorff zum Bewußtsein, daß er sicher gar nicht Zeuge davon sein würde, daß ja die Sophie nicht mehr in seinem Haus war und seine Kleine, die immer auf den Dielen herumrutschte, auch nicht mehr. Außer dem Hund und den Hühnern, den Tieren in den Ställen war da überhaupt keiner mehr bei ihm zu Hause. Und das machte ihn im Augenblick sehr traurig und vollkommen hoffnungslos. Aber dann gewann doch wieder der Glaube in ihm die Überhand über alle Zweifel. Denn das soll der Glaube ja immer tun. Das ist sein Wesen, sein Sinn und sein Zweck. Und er sagte ihm, dieser Glaube, daß es doch nur ein kurzes Zwischenspiel wäre und daß er sie und das Kind schon in wenigen Wochen wieder in seinem Haus haben würde. Er malte sich aus, wie er zu ihr käme, sie holend von dem Fischer Krüger – das war ein braver Mensch, aber dem Eue traute er nicht übern Weg – käme, ohne vorher etwas davon zu sagen, so gerade in der Abendstunde, wenn's schummrig wurde. Und wie er dann von dort fortgehen würde, wenn es erst ganz dunkel war. Er wollte die Sophie wieder ein Stück auf dem Arm tragen, wie er das so oft getan hatte, als sie in andere Umstände gekommen war. Wenn man außen den Feldweg um den Ort herumging, da begegnete ihm doch keiner um diese Zeit.

Und so mit dem kleinen Blumenstrauß in seiner Manschette und dem Stock mit den grünen Schoten und Kirschen daneben auf dem sauber in blaues Glanzpapier eingeschlagenen Pfefferkuchenherz mit dem Gardestern – das und einen schönen Gruß an sein Mädchen war das einzige, was er bisher für zehn, zwölf harte Taler geerntet hatte –, so alles drei vorsichtig zwischen groben Fingern seiner mächtigen, durch Ackern, Eggen und Pflügen ausgearbeiteten Hand, denn so leichte Dinge zu tragen, war sie nicht gewohnt ... all das also mit der Linken gleichsam vor sich her tragend, faßte er mit der Rechten seinen Weißdornstock fester und begann, mit seinem knappenden Gang zu marschieren, schob sich an den wartenden Kaleschen vorbei mitten durch die andrängenden Bauern und Hökerinnen mit ihren Kiepen voll Eiern und Spinat und Suppenkräutern und Karotten hindurch und bekam freie Fahrt. Nun hatte er gottlob die Stadt hinter sich und sein Leben wieder vor sich. So drin möchte er nicht leben, da fiel ja einem das Dach über dem Kopf zusammen.

Und je weiter er von Potsdam, das in lichtdurchtränkter Niederung hinten zwischen den Hügeln diesseits und jenseits der Havel und ihren blanken Seen mit seinen Kirchen, Schlössern und Kuppeln wie eine breite, eben erschlossene Blüte mit vielen Stempeln und hohen Staubgefäßen schwamm je weiter er von dort fortkam, desto sicherer wurde er seiner Sache. Nun hatte er schon gesiegt. Alles würde glatt gehen. Er begann wieder Märsche zu flöten und Lieder von der »Wachtparade von Berlin« zu singen. Schade, daß der Olle nicht dagewesen war. Das wäre vielleicht doch noch schneller gegangen, und er hätte schon die rechten Worte für ihn gefunden. Angst hätte er, Schmitzdorff, nicht vor ihm gehabt. Endlich ist er ja auch ein alter Grenadier, und sein Bataillon war ebenso fein wie das von den Leibgrenadieren, wenn die sich auch einreden, daß sie die Allerersten bei den Preußen sind.

Es war wieder ein schöner Tag. Die Sonne war ganz klar aufgegangen. Der Tau war früh gefallen. Die Haifischwolke mit dem Heringsschwarm um sich hatte sich zusammen mit seinen Sorgen und Bedenken in nichts gelöst.

An der Ecke, an dem Kornfeld auf dem Meilenstein die von ihm gestern zerpflückten Mohnblumen welkten noch auf dem Boden in kleinen, zerfetzten Stückchen von roter Seide dahin –, machte er halt, knabberte, gemächlich mimmelnd, an einem Stück magern Specks, das er aus dem Sack zog, und schnipselte sich Brotstücke dazu ab.

Das weite, grüne Korn wellte und stäubte wieder. Die fernen Kiefernschläge und die blauen Waldinseln in den Feldern zitterten im Licht und in der gläsernen Luft. Aber keine Gesichter tauchten ihm zwischen dem Gewühl der durcheinanderfallenden Halme auf. Keine kleinen Mädchen spielten krähend hier mehr am Boden. Und die Halme sanken nicht nieder in der Attacke vor den Hufen der Gäule, die durch das Korn wie durch einen Fluß zu schwimmen schienen.

Und wenn man Schmitzdorff gesagt hätte, daß er all das vor noch nicht vierundzwanzig Stunden hier gesehen hätte, während ihm dabei die Tränen nur so über die Backen zogen, so hätte er einen sicher blöd angestarrt, weil er sich durchaus nicht mehr dessen hätte entsinnen können.

 

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