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Grenadier Wordelmann

Georg Hermann: Grenadier Wordelmann - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleGrenadier Wordelmann
publisherDas Neue Berlin
printrun2. Auflage
editorBernhard Kaufhold
year1976
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131104
projectidc4bf36ee
wgs9110
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Und es fiel nicht schwer, die Zusammenhänge aufzudecken, da sie ja stadtbekannt waren. Und alle Beteiligten sogleich – auch die Schaafen, die Mutter Schaafen, das arme, kleine, alte, brave Tier, die Dünklern und die zierlich-hektische Annemarie Pflaster – zur Voruntersuchung festzusetzen. Ebenso den Schmitzdorff im »Pulverhorn« ausheben zu lassen, damit man ihn den Soldaten gegenüberstellen könne. Und damit er seine Schuld eingestehe und somit die Soldaten entlaste. Die Offiziere nämlich legten gar keinen Wert darauf, daß nun etwa das Militär in dieser Sache besonders schlecht abschnitte, denn man müßte ja die Akten alsbald dem König einreichen, dem man schon als Chef des Bataillons sofort hatte Mitteilung machen müssen und der sich sehr ungehalten darüber hatte verlauten lassen, daß in seiner königlichen Garnison Potsdam so etwas geschehen sei und daß es zudem noch gerade Soldaten seines Bataillons gewesen seien, die mit seinem Namen diesen Spott getrieben hätten.

»Jetzt biste geliefert«, sagte sich Wordelmann und nahm statt des Eßgeschirrs mit Offiziersmenage sein Kommißbrot unter den Arm, um in den Arrest sich abführen zu lassen. Aber anmerken ließ er sich doch nichts. Denn er sagte sich, daß das einzige, was ihm noch helfen könnte, ein freundliches Gesicht den Vorgesetzten gegenüber sein könnte, die ihn ja mochten, denen er leid tat und die es sehr ungern sahen, wenn ihre Elitetruppe durch Strafen, die sie verhängen mußten, in der Garnison in einen schlechten Ruf käme.

Gewiß, Wordelmann hatte recht, seine Vorgesetzten, der Hauptmann von Greiffenberg an der Spitze, hätten ihn lieber als gern aus dieser Sache, wie aus so vielen vorher, mit einem blauen Auge und vierzehn Tagen Kasten wieder herauswutschen lassen. Und wirklich, es wäre auch nicht halb so schlimm gewesen, wenn man es nicht wegen der Zivilanzeige dem Ollen hätte melden müssen und die Sache so unter sich hätte abmachen können. Aber so war es sehr fraglich, ob der Obrist von Scheelen noch etwas bei ihm ausrichten konnte. So viel Sinn nämlich für gallischen Esprit Friedrich auch hatte, so wenig hatte er für Humor. Denn ein Mann, der gerade soeben über Shakespeare hatte sagen können, »da erscheinen Lastträger und Totengräber und halten Reden, die ihrer würdig sind«, von dem hatte solch ein armer Kerl wie Wordelmann nicht allzuviel Verständnis zu erhoffen.

Am Abend des gleichen Tages aber und es war ein unfreundlicher später Septemberabend, solch einer, an dem die gelben Ahornblätter fallen und die braunen Lindenblätter und sich naß und wie vollgesogen von Wasser mit dem ganzen Gesicht auf die Pflastersteine drücken, damit ja sie die Menschen mit Füßen treten können. Es sieht ordentlich aus, als fänden sie eine Wollust darin, ihr absterbendes Leben von sich und in den Schmutz zu werfen An einem solchen Abend, an dem die wenigen Laternen, die in ihren Schnüren schaukeln, wie rotgeweinte Augen durch die dichte Feuchtigkeit blicken und man in den Zimmern das erstemal bedauert, daß nicht eingeheizt wurde – doch tagsüber war es eigentlich noch gar nicht besonders kühl gewesen –, aber diese Feuchtigkeit jetzt drang durch jede Ritze, und man mochte einen dickeren Rock anziehen und sich ganz winterlich machen, man fröstelte eben doch. Und frösteln ist schlimmer als frieren An einem solchen Abend also, der den Tagen folgte, da man sie, auch die Soldatenliebsten, ausgehoben hatte, ließ sich durch das kleine Mädchen mit der Spitzenhaube in dem Haus Ecke Charlotten- und Lindenstraße im ersten Stock bei dem Hauptmann von Greiffenberg ein junger Mensch melden, der angab, daß er den Herrn Hauptmann noch heute abend unbedingt sprechen müsse.

Und da die Frage des Herrn Hauptmann, wie der Fremde aussähe, dahin beantwortet wurde, daß er seiner Kleidung nach wohl ein reisender Edelmann sein müsse, denn er trüge einen veilchenfarbenen, samtenen langen Rock mit Schößen, der reichlich mit bunten Blumen und Rankenwerk in Seide bestickt sei, einen Stock mit Griff aus Achat, Eskarpins und auch eine seidene Weste – da aber seine Schuhe kein Spürchen der Straße und ihres Schmutzes zeigten, so müsse er wohl mit einem Reisewagen gekommen sein, den er vielleicht drüben im »Braunen Roß« eingestellt habe –, ließ durch dieses vertrauenerweckende Signalement der Hauptmann von Greiffenberg, der sonst vorsichtig im Empfang von Besuchen war – denn trotzdem er erst Hauptmann war, hatte er doch Schulden wie ein Major –, sich bewegen, den Fremden vorzulassen.

»Mein Name, Herr Hauptmann«, sagte der kleine, zierliche Mensch und suchte dabei mit den Blicken irgendeinen Gegenstand im Zimmer, den er fixieren könnte, um der inneren Unruhe Herr zu werden, denn das Weinen war ihm näher als das Lachen, und strich sich dabei mit der weichen und kleinen Hand über die leise angepuderten und frisch rasierten Backen, »mein Name ist – Sie werden mich nicht kennen, Herr Hauptmann – Simon Hirsch-David.«

Der Herr Hauptmann von Greiffenberg drehte verlegen sein Schnurrbärtchen und sah den jungen Menschen mit dem schmalen Kopf und den zitternden Lippen erstaunt an. Er war gewohnt, von mancherlei Glaubensgenossen keineswegs immer angenehmen Besuch zu empfangen oder mit ihnen keineswegs immer besonders angenehme Gespräche und Verhandlungen zu führen, wenn wieder irgendwelche Wechsel von ihm aufgenommen werden mußten, fällig waren, nicht bezahlt werden konnten oder verlängert werden mußten. Kurz, wenn er wieder einmal hin und her schieben und jonglieren mußte, damit er nicht in die fatale Lage käme, seinen Rock, an dem er hing und der ihm Nimbus und Ansehen im Leben gegeben hatte, ausziehen und an den Nagel hängen zu müssen. Aber der Besuch dieses Simon David, des Sohns und Mitinhabers der größten und reichsten Seidenmanufakturen in Potsdam, in deren Haus selbst die Gardeoffiziere sich gerne zu den Festen einfanden, war ihm doch durchaus neu, erstaunlich und unerklärlich. Er wußte gar nicht, daß sich das Haus Hirsch-David auch mit Geschäften dieser Art abgab.

Der junge Hirsch-David setzte sich umständlich in einen Sessel, dessen Seidenbezüge ihm bekannt vorkamen. Dieser Blumenkranz auf rosa Grund war vor zehn Jahren bei ihnen gewebt worden. Er hatte sich zu Hause alles ausgemalt, wie er das machen würde, wie er klug und geschickt und energisch die Unterhaltung führen würde. Seine lederne Brieftasche, die er noch dieses Frühjahr aus Paris mitgebracht hatte, war voller Wechsel, er hatte sie aufkaufen lassen, er hatte sie in Zahlung genommen, er hatte sie beliehen, er hatte sie sich verschafft und all das in den letzten vierundzwanzig Stunden, und nun würde er sagen: Herr Hauptmann von Greiffenberg, ich habe hier einige Wechsel von Ihnen, manche sind prolongiert. Manche sind in der nächsten Woche fällig. Andere nächsten Monat. Wünschen Sie, daß ich diese Wechsel hier vor Ihren Augen zerreiße? Wenn ja, so werden Sie mir dafür einen ganz kleinen Gegendienst erweisen, der Sie nichts kostet und der mich wieder froh macht. Sie glauben nicht, wie ich erschrocken war, als ich das hörte: Sie haben da vorgestern ein armes Mädchen abführen lassen. Die wird Ihnen kaum bekannt sein. Sie heißt Annemarie Pflaster, und sie ist die Geliebte des Leibgrenadiers Peter Glasen. Was sie mir ist, danach fragen Sie mich bitte nicht. Sie ist nur eine Angestellte in unserem Geschäft. Das mag Ihnen genügen. Unsere Leute kommen weit herum, ziehen überall auf die Märkte und Messen. Wir werden sie verschwinden lassen. Und sie wird, ohne daß es jemand merkt, in Dresden oder in Stuttgart wiederauftauchen, um dort bei uns oder bei Freunden eine neue Stelle zu finden.

Aber von alldem sagte der junge Simon David, wie er nun dem Hauptmann von Greiffenberg, der sich für den vornehmen Fremden in seine beste Montur geworfen hatte, gegenübersaß, nicht eine Silbe. Denn er sah plötzlich die Uniform. Und eine Uniform hatte er nicht in seine ihm so klar erscheinende und glatt aufgehende Rechnung gestellt. Er wies nicht einmal darauf hin, daß er für dreihundert Friedrichsdor schlechte Wechsel mit den Namenszug »von Greiffenberg« in seinem Portefeuille hatte, sondern er schlug plötzlich die Hände vors Gesicht und begann zu weinen.

»Herr Hauptmann«, sagte er, »da is e Buch von ein jungen Mann, Wolfgang Goethe, der jetzt in Weimar lebt, als de rechte Hand vom Herzog. Es heißt ›Werther‹. Oder richtiger: ›Die Leiden des jungen Werther‹. Haben Se mal von dem gehört?«

»Nein«, sagte der Hauptmann von Greiffenberg nicht ohne Ironie. »Ach wissen Sie, lieber Simon David: Sie haben's jut Sie können Bücher lesen. Früher hab' ich so was auch mal jetan. Aber wo läßt der Dienst einem preußischen Gardehauptmann für so was Zeit. Und denn außerdem will man ja auch leben, verstehen Sie, junger Herr David?«

»Schade«, sagte Simon David, »schade, Herr Hauptmann! Ich hätte Ihnen dies Buch gerne gegeben, oder der Nathan Reimann beschafft's Ihnen. Es ist ein schönes Buch. Es ist ein wahres Buch. Und wenn Se's gelesen hätten, Herr Hauptmann, würden Se besser verstehen, weswegen ich zu Ihnen gekommen bin. Wissen Se, da ist 'ne Stelle drin, die hab' ich sogar auswendig behalten; ich kann se Ihnen aufsagen, aber ich fürchte, Se werden se nich begreifen. Se heißt:

›Umsonst strecke ich meine Arme nach ihr aus, morgens, wenn ich von schweren Träumen aufdämmere, vergebens suche ich sie nachts in meinem Bette, wenn mich ein glücklicher Traum getäuscht hat, als wäre ich neben ihr.‹«

Der Herr Hauptmann von Greiffenberg lachte kurz und militärisch. »Aber das ist doch wirklich nicht so schwer zu verstehen, junger Herr David«, sagte er. (Was wollte der nur? Er führte doch irgendwas im Schilde? Sicher klappte da was mit den Wechseln nicht. Jedenfalls mußte er freundlich zu ihm sein.)

»Sehen Se«, sagte Simon wieder und begann mit einer Schnupftabakdose aus schlesischem Chrysopras, auf der Blumen in echten Brillanten waren, nachlässig und wie zufällig mit seinen schmalen Kinderhänden zu spielen. »Sehen Se, Herr Hauptmann, da is een Mädchen, das haben Se gestern aufheben und wegführen lassen. Es ist ein liebes Mädchen. Es ist ein nettes Mädchen. Und es ist ein schönes Mädchen. Und eine Schönheit, wie man sie selten trifft. Wissen Se, Herr Hauptmann, wenn man sich von jung an, wie ich, nur mit Farben und Couleuren und mit Mustern und mit Seidensachen und mit Blumen und mit Stickereien und all so was beschäftigt hat, da kriecht man e Blick dafür, was hübsch is, einfach hübsch is, und was neu is und was apart is und seltsam und eigenartig, um es Ihnen kurz zu sagen: was e Schönheit is, die mehr als nur e Schönheit! Un sehn Se, das Mädchen, das werden Se nich verstehen, das is so en Geschöpf. Se hat e Dummheit gemacht – ich weiß! –, e lächerliche Dummheit, gar nichts. Ich weiß: se is unschuldig. Und ich weiß ebenso genau, se werden de Annemarie Pflaster einsperren.«

Herr Hauptmann von Greiffenberg lachte verlegen.

»Aber, Herr Simon David«, sagte er, »ich wußte gar nicht, daß Sie Ihre Amouren mit den gemeinen Soldaten teilen. Doch das geht mich ja endlich gar nichts an. Ich möchte Sie aber da jedenfalls beruhigen: Wat kann denn dem Mädchen schon jroß passieren? Sie hat doch nichts jemacht, wie den Rock geholt und über die Straße jetragen. Wenn mir einer den Talar von dem Hallelujafähnrich jegeben hätte und jesagt hätte, ich soll das machen, hätte ich's vielleicht auch getan. Sie regen sich da ganz unnütz auf. Vielleicht können wir die Pflaster schon morgen wieder freilassen.«

»Herr Hauptmann, lassen Se se heute frei. Was braucht das Mädchen in die Sache hineingezogen werden. Unten steht mein Wagen. Morgen is se nich mehr in Potsdam. Un Sie werden se hier nie wieder sehen.«

Der Hauptmann von Greiffenberg war aufgesprungen und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Er fühlte jetzt, daß er dafür haben könne, was er auch nur fordere. Aber er empfand auch, daß dies eine schwere Versuchung für ihn war, in die man eigentlich einen preußischen Offizier nicht bringen dürfte. Simon David klappte umständlich den Deckel seiner kostbaren Dose auf. Das Gegenstück dazu, vom gleichen Künstler stammend, war das, das der König benutzte. Nur daß die den Namenszug F. R. trug und die seine eben nur einen Blumenstrauß aus Brillantrosen. Er nahm umständlich eine Prise und reichte dann die Dose dem Hauptmann von Greiffenberg hin, der nachdenklich zögerte hineinzugreifen. »Se bewundern die Dose«, sagte er, »se is sehr schön«, sagte er. »Aber ich liebe solche Dosen. Ich hab' 'ne ganze Menge davon. Ich hab' noch viel schönere zu Hause. Wenn se Ihnen gefällt, wird es mir 'ne Freude sein, Ihnen e kleines Cadeau damit zu machen.«

»Hören Sie«, sagte der Hauptmann von Greiffenberg, »was Sie da von mir verlangen, kann ich nicht tun. Wenn die Sache Wordelmann noch nicht dem hohen Chef gemeldet worden wäre, wäre die Frage, ob wir das arme Mädchen, das ja zu dieser ganzen Sache kommt wie die Jungfer zum Kind, nicht doch unter irgendeinem Vorwand noch vor der Hauptuntersuchung hätten entlassen können. Und das Weitere wäre dann Ihre Sache gewesen. Aber nachdem einmal Meldung erstattet ist, kostet das mich den Rock, verstehen Sie, junger Mann, den Rock und den Degen. Das macht Hauptmann von Greiffenberg nicht.«

Der junge Simon David nahm langsam sein ledernes Portefeuille mit der zierlichen Goldpressung aus dem Schoß seines bestickten Samtrocks, öffnete es und hielt dem Hauptmann von Greiffenberg zwischen zwei Fingern den Packen von Wechselformularen und Schuldscheinen entgegen. »Auch nicht dafür?« sagte er.

»Nein, auch nicht dafür. Ich bedauere die Kosten, die Sie sich dafür gemacht haben«, rief der Hauptmann von Greiffenberg, »und nun ersuche ich Sie, mein Zimmer zu verlassen.«

»Verzeihen Sie«, sagte Simon David. »Ich fürchte, Sie haben mich falsch verstanden, denn aus Ihren Worten konnte ich so einen Beiklang heraushören, als läge mir vielleicht etwas daran, meine dreihundert Friedrichsdor nutzbringend angewandt zu haben.« Und damit riß er, daß es einen knirschenden Laut gab, den Packen Wechsel und Schuldscheine mitten durch und warf ihn auf den Teppich. »Ich wollte das arme Mädchen aus Ihren Klauen haben, weiter nichts, Herr Hauptmann von Greiffenberg.« Der aber lachte hinterher, als Simon David, von Schluchzen geschüttelt, mit ganz krummem Rücken und vorgebeugt zur Tür ging. Als er die Klinke in der Hand hatte, drehte er sich noch einmal um. »Diese Soldaten«, schrie er zurück, »nicht einmal mit solch einem armen Mädchen haben sie Mitleid!«

Als er aber die Treppe herabging zu seiner Chaise, die draußen wartete, da übermannte ihn eine ohnmächtige Wut, und er, der sonst immer so fein und so leise und so beherrscht war, brüllte durch das Treppenhaus: »Diese Balmechowes, nich emal mit so e arme Schickse haben se Rachmones.«

 

Dem Obrist von Scheelen fiel der Weg nicht leicht, den er am nächsten Nachmittag antrat. Er war gar nicht so spät, die Sonne ging nur schon früh unter, hinten über dem Ruinenberg tauchte sie langsam als ein roter Feuerball in die sich verfärbenden blaugrauen Herbstwolken hinein. Der Park war müde und stäubte gelbe Blätter. Noch nicht allzuviel, aber es stäubte schon. Und all die Marmorgötter, die im Frühling und im Sommer hier in Nischen und Winkeln ein frohes Heidendasein mit schwellenden Formen der Frauen und jugendlich prallen Muskeln der nackten Marmormänner geführt hatten, froren und fröstelten nun und wären gewiß gerne wieder diesem feuchten Land und dem Nebel, der durch die Büsche schon zu ziehen begann, entflohen, wenn sie nicht eben an ihren Sockeln festgebannt und festgewachsen wären. Ganz leer war es. In den langen Alleen, die der Obrist herunterblickte, schob sich nur ein Wagen entlang, auf den man schon zusammengekehrte welke Blätter gehäuft hatte an ein paar Lakaien vorbei, die jetzt Dienst in einem andern Schloß hatten und gähnend und gelangweilt durch all die Herbstlichkeit trotteten. Die Orangenkübel waren nach dem Frost wieder in ihre Glasställe zurückgebracht worden. Die Heliotropbäumchen waren schon schwarz, dort, wo sie vor kurzem noch violett und duftend gewesen waren. Und nur ein paar gelbe Studentenblumen blühten grell wie ihr scharfer und unfreundlicher Duft, neben dem Rand der großen Fontäne, um dessen goldenen Neptun Wasserfenchel und Schilf wucherten.

Noch nie war dem Obrist von Scheelen diese ganze hierhergezauberte Welt so sterbend und so vergänglich vorgekommen. Genau wie dieser alte, mürrische und seltsame und immer seltsamer und mürrischer werdende alte Mann da oben, der jetzt da noch – selbst wie ein Herbstabend schon – in dieser stadtabgelegenen, schönen und traurigen Einsamkeit hauste, statt längst wieder die Stadt, die Feste, die Geselligkeit, die Menschen, das Leben und vor allem die Wärme zu suchen, nach der sein alter, gichtischer, verzogener Körper doch fror.

Dem Obrist von Scheelen war sehr wenig gut zumute, als er so langsam mit seinem hängenden Mantel über der Uniform, in seinen Stulpenstiefeln, mit den roten Federn am Dreispitz, mit breiten Orden auf der Patte, mit silbernem Bandelier und vielen Schleifen und mit all dem behangen und umgeben, mit dem er eben als Obrist, wenn er zu seinem König befohlen war, um ihm Bericht zu erstatten, sich behängen und umgeben mußte, dahintrottete. Wenig gut war ihm zumute, als er, ganz langsam und absetzend, die breite Treppe der Terrasse von Sanssouci emporstieg.

Oben mußte er unter der runden Marmorkuppel eine ganze Weile warten, ehe ihn der Page und eine ganze Zahl dieser schlanken Jungen mit den weißen Röcken rekelte sich auf den schmalen Bänkchen im Gang ... ehe ihn der Page zum Bibliothekzimmer führte, in dem der Alte, von seinen Hunden umspielt, fröstelnd, lesend und arbeitend den Nachmittag über gesessen hatte. Er hatte Briefe geschrieben, feine und kluge Briefe, denn er liebte es, sein Alter und seinen Unmut in melancholischen Aphorismen zu verspritzen. Er hatte den ganzen Nachmittag spanischen Tabak geschnupft, und sein blauer, einfacher Militärrock war voller Flecke von dem braunen Zeug. Zwischen erwähltesten Dingen saß er. In einem der schönsten Räume der Welt. Ganz geschlossen, ganz gerundet, mit tiefen Fenstern, die von der Höhe weit ins Land blickten. Zwischen tausend Büchern in gepreßten Lederbänden hinter den Glasscheiben. Zedernholz, Gold und die antiken Büsten der Philosophen waren um ihn. Aber die Vorhänge und Tischdecken im Schloß waren zerschlissen und die Fauteuils in siebenunddreißig Jahren abgewetzt. Und draußen von der Terrasse her aus der Gartenlaube streckte der uralte, zierlichste Ephebe, der Adorant, seine schmalen Bronzearme halb gen Himmel, halb zu ihm herüber.

Aber er war trotzdem sehr schlecht gelaunt. Seinen Briefen merkte man das nicht an, die er geschrieben hatte; über denen spielte es nur wie gerade der gleiche herbstliche Abendhauch, der da draußen über dem vergilbenden Park lag. Und eben der dünne, silbrige Nebelschleier wie von Alter und Abschied lag auch über dem alten Mann, der, leise vor sich hin fröstelnd, in seinem alten, abgewetzten Schreibtischsessel hockte. Er war mürrisch; er liebte es, gerade in dieser Stunde vor sich hin zu träumen und mit den Hunden zu spielen, da er seine Augen in dem Dämmerlicht nicht mit Lesen anstrengen wollte und nicht mit Schreiben – das zwar besser ging – ermüden mochte und noch weniger nun schon so vorzeitig die Kerzen anstecken lassen wollte. Wirklich, die Tage wurden doch immer grauer, immer kürzer. Gerade wie sein alter Körper, der auch immer mehr zusammenschrumpfte, immer grauer, immer blutloser wurde. Es war sehr einsam um ihn geworden, zum Erfrieren einsam. Von all seinen Freunden hatte ihn einer nach dem anderen verlassen. Entweder waren sie ihm weggestorben oder hatten es vorgezogen, glücklichere Gefilde aufzusuchen, wo es mehr Sommer und weniger Winter gab und wo die Menschen weniger pflichttreu, aber dafür espritvoller und beweglicher von Geist waren. Er aber war dazu verdammt, hier bei sich selbst auszuharren. Und der witzigste Mensch ist auf die Dauer für sich selbst doch nur ein melancholischer Gesellschafter. Er war längst überaltert. Das fühlte er selbst. Und gerade doppelt an einem späten Nachmittag wie dem. Er war aus einem Heros zu einer Sagenfigur und dann zu einer Jahrmarktspuppe geworden, dessen Gaul die Kinder umtanzten, wenn er durch die Straßen ritt. Er drückte nur auf die Zeit, die ihn gerade eben noch bewundernd ertrug. Und er war viel zu gescheit, um sich nicht das alles hundertmal in mürrischen Sarkasmen selbst zu sagen. Sein ganzes Dasein war jetzt nur noch ein Ausharren auf einem verlorenen Posten, ohne Erben, ohne Nachfolger für ihn. Und er war trotz der unermüdlichen Arbeit, die er brauchte, um die Bänder und Gelenke seines Pflichtbewußtseins nicht ganz versteifen zu lassen, ein einziges Warten auf den Tod, gegen den ihn alle Philosophie nicht genug wappnen konnte.

Jetzt aber war eigentlich stets seine beste Stunde am Tag, da es sich noch nicht lohnte, eine Kerze anzustecken, da man sich mit den Hunden beschäftigen, da man sich eine Tasse warme, gequirlte Schokolade bringen lassen und vor sich hin träumen konnte. Und gerade da mußte er sich wegen der fatalen Sache mit dem Leibgrenadier Wordelmann diesen Obristen von Scheelen herbestellt haben, um ihm den Kopf zu waschen. Er war ja sonst ein tüchtiger Offizier ... andere kann man auch an der Stelle nicht brauchen; aber der Alte liebte überhaupt keine Offiziere. Wurde schon knurrig und mürrisch, wenn er sie nur von Ferne sah, bekam sein unangenehmes und verkniffenes Vorgesetztengesicht. Er mochte sie nicht, waren ihm eben zu ehrgeizig, zu unkompliziert und zu unphilosophisch.

»Scheint ja eine nette Malproprietät da in meinem Bataillon zu sein, von Scheelen, daß solchartige Impossibilites an der Tagesordnung sind oder da einreißen konnten und die Mannschaften meinen königlichen Namen zu einer Moquerie à vil prix machen konnten. Solches wäre unter seinem Vorgänger, dem Schmettow, niemals passieret«, fuhr er den Obristen von Scheelen an, als der von dem Pagen hereingeführt worden war und die Tür – aber es war keine Tür, es war ein Stück der geschnitzten Täfelung – wieder sich ganz in die Wand eingepaßt hatte, so daß der gewölbte Raum wie eine hölzerne und goldige Glocke um ihn sich schloß und um den alten Mann da, der an seinem Schreibtisch mit den geschweiften Beinen auf einem kleinen, mit rosigen, aber verschlissenen Bezügen überzogenen Sessel saß und die Beine mit den braunen Reiterstiefeln, die in Runzeln um seine Knöchel fielen und die, da sie nicht geputzt waren, wie der ganze Mann einen recht malproperen Eindruck machten, von sich streckte. Seine beiden Locken waren schlecht gemehlt und sein Zopf unvorschriftsmäßig geflochten. Einen Mann, der so 'rumliefe, hätte der Obrist von Scheelen sofort ins Loch gesteckt. »Also was haben Sie weiter eruiert, von Scheelen, in der incroyablen Affäre Wordelmann?«

»Zu Befehl, Majestät, wir haben keinerlei Schwierigkeiten gehabt, alles herauszubringen. Denn da die Mannschaften, die bei dem Fall in Frage kommen, es mehr als eine Pläsanterie, als einen Wachtstubenscherz, Majestät, gemeint und auch aufgefaßt haben und sich eigentlich keiner Schuld dabei bewußt waren, so stimmen ihre Aussagen, die sie, wohl hoffend, daß die Strafe nur eine ganz geringe Arreststrafe sein wird, ohne jeden Druck von uns machten, völlig überein, so daß man sich unschwer ein Bild der ganzen Vorgänge machen kann. Die Hauptschuld trifft ohne Zweifel den Bauern Schmitzdorff, der die Leute eigentlich dazu anstiftete, zum mindesten ihrem Vorhaben, Majestät, weitgehend entgegenkam. Ich möchte noch bemerken, Majestät, daß es sich bei der ganzen Angelegenheit durchweg, vielleicht bis auf den Grenadier Minde, um vorzügliche und pflichttreue Soldaten handelt, denen man im Dienst nur das beste Attest ausstellen kann. Wieweit eine Verführung durch ihre Liebsten vorliegt, kann schwer abgeschätzt werden, Majestät.«

Die ganze Zeit hatte der mürrische Alte da im Stuhl, ohne ein Zeichen des Mißfallens oder Wohlgefallens von sich zu geben, den Obrist von Scheelen hart, groß und böse angesehen, und er hatte mit den vielen Runzeln seines Gesichts und seines eingefallenen Mundes kaum gezuckt. Er sah und fühlte, der Mann da wollte seine Leute weißwaschen.

»Mag die Conduite der Leute sein, wie sie will«, sagte er glasscharf, während er mit seinen nervösen Fingern, von denen jeder – vielleicht durch das viele Flötenspielen in seinem Leben – ein selbständiges Wesen geworden war, die Hündin Alkmene, die erst eine Weile an seinem Knie gebettelt hatte mit ihren großen Achatkugeln von Augen und ihrem rosigen Naschen auf der spitzen Schnauze (denn es sah aus, als ob die noch mehr fröstelte als er und als ob sie Sehnsucht nach dem einzig warmen Platz in all dieser kalten Pracht hier hätte, nämlich den Knien eben dieses alten Mannes da), während er Alkmene über die mageren Flanken und das hohe kernige Rückgrat fuhr; was die aber als die Erlaubnis nahm, mit einem Satz auf seinen Schoß zu springen und sich da einzukuscheln, um zu den vielen Spuren ihrer Füße, die sie schon im Laufe des Nachmittags auf den blauen Hosen und auf der Weste zurückgelassen hatte, noch einige neue hinzuzufügen. »Mag die Conduite der Leute sein, wie sie will. Conduite hin, Conduite her – das dulde ich nicht! Sie haben Mißbrauch mit meinem Namen getrieben, und sie haben in leichtsinniger Weise, wie aus den Akten hervorgeht, das Ansehen meiner Landeskirche untergraben. Das dulde ich nicht. Ich nehme an, Herr Obrist, daß Sie darüber auch nicht anders denken werden als ich, auch wenn vielleicht in Ihrem persönlichen Leben Ihre kirchlichen Ansichten von den meinen nicht allzu entfernt sein mögen; und ich nehme weiter an, daß die Herren Offiziers, die über diesen Fall abzuurteilen haben, das mit der äußersten, vor dem Gesetz zu verantwortenden Strenge tun werden. Es liegt mir vollkommen fern, diese Herren Offiziers im geringsten beeinflussen zu wollen, aber meine Meinung über Wordelmann ist, ohne daß ich ein Wort davon zurücknehmen möchte, Ihnen damit bekannt. Ich sage immer, verheiratete Offiziere sind selten noch einen Schuß Pulver wert, aber wenn Mannschaften sich erst mit ihren Mädchen 'rumzerren, da scheint das ja noch viel schlimmer zu sein. Ich glaube, daß auch hier eine durchgreifende Remedur geschaffen werden müßte, Herr Obrist von Scheelen. Möchte Ihnen noch einmal bemerken, daß ich aufs tiefste resigniert und ungehalten darüber bin, und hoffe, daß das Bataillon nicht mehr weiter Anlaß zu solchen oder ähnlichen Klagen geben wird. Wenn so etwas beim Leibbataillon vorkommt, was können wir denn in Striegau oder in Küstrin bei der Linie erwarten? Ich kann nicht umhin, Herr Obrist, Ihnen über diese Affäre Wordelmann meine allerhöchste Mißbilligung auszusprechen, und bitte Sie, das Ihren Herren Offiziers mitzuteilen. Weggetreten.«

Der Obrist von Scheelen hatte oft schon Gelegenheit gehabt, das militärische Gesicht des Alten kennenzulernen, denn für seine Offiziere hatte er nur selten seine angenehme und bestechende Art des Zuhörens, der Repartie, des Plauderns, des Dialogführens, all das, was ihn zu einem geborenen Freund seiner Freunde machte und zum lächelnden Tisch- und Geistesgenossen seiner Zeit. Die Militärs kannten nur sein hartes Pflichtgesicht, Für sie ritt er mit eisernen Sporen, die doppelt geschärft waren. Denn das waren ja die Leute, denen die Aufgabe zufiel, nach seinem Tode das zusammenzuhalten und zu verteidigen, was er in einer vierzigjährigen Regierung schon angefügt und ineinandergeschweißt hatte.

Vielleicht hatte ihn diese Affäre Wordelmann sogar innerlich belustigt, aber er wußte genau, daß durch solche Dinge der Geist seiner Truppe, der zäh und schlachtfertig erhalten werden mußte, sich langsam zernagte. Ganz gleich, wie der Mann war und die andern, die er da hereingezogen hatte, dieser Erzfilou mußte ausgemerzt und zertreten werden. So wollte es der Sinn der Sache, der er sein Leben geopfert hatte und neben der er nur kümmerlich das hatte erfüllen können, was ihm eigentlich vom Leben vorgeschwebt hatte. Denn von allen Künsten schätzte er innerlich die Kriegskunst am wenigsten und von allen Berufen dieser Welt am wenigsten die des Herrschers. Ein reicher Privatmann hätte er sein mögen, irgendwo im schönen Frankreich, ein Philosoph, ein Liebhaber der schönen Künste und ein gleichberechtigter Freund der Besten seiner Zeit, statt hier zwischen diesen Barbaren, die nur essen, trinken und lieben und sich schlagen konnten, ein einsames und verbissenes Dasein zu führen. Wie angenehm hätte er diese Nachmittagsstunde noch verträumen können, und da mußte er dem Kerl, den Scheelen, der sein schönes Bataillon verlottern und verkommen ließ, statt dessen den Kopf zurechtsetzen. Und wenn man ihn wegjagte, einfach schaßte, was dann? Sein Nachfolger war auch nicht anders!

Und mit einer Handbewegung warf der alte Mann, ganz wider seine Art, Alkmene vom Schoß herunter, daß sie sich zweimal überkugelte und leise winselnd über den Boden hin unter einen Stuhl kroch. Er wollte noch den Brief an D'Alembert zu Ende schreiben. Aber dieser blöde Oberst hatte ihm die ganze Lust verschlagen. Und so zog er lieber, nachdem er eine Weile am Fenster gestanden und über den Park und unten über die verdämmernde Stadt hinweggeträumt hatte – der Adorant hatte ihm vergeblich die Arme entgegengestreckt –, seinen Marc Aurel, der ihn nie verließ und den er besonders liebte, weil er wie er selbst zwischen den Schlachten ein philosophierender Herrscher und doch nur wie er ein kluger Dilettant geblieben war, vor die Augen und las im Stehen, während er das Blatt so kehrte, daß das Licht vom Fenster es noch genügend beleuchten konnte, genau dort, wo er aufgehört hatte. »Denn dann wirst du weder über ihre unvorsätzlichen Fehler zürnen noch ihre Anerkennung verlangen, wenn du einen Blick in die Quellen ihrer Meinungen und Triebe getan hast. Jede Seele, sagt Plato, wird nur gegen ihren Willen der Wahrheit beraubt. Ebenso auch der Gerechtigkeit, der Selbstbeherrschung, des Wohlwollens und jeder anderen Tugend. Es ist aber sehr nötig, daran immer zu denken. Wenn man wird so milder gegen jedermann!«

Aber dann war es so dunkel geworden, daß ihm die Buchstaben zu schwimmen begannen, und er schloß den Saffianband und rief den Pagen, daß er die Kerzen anzünden sollte. Wirklich, diesen Marc Aurel bekam er von Tag zu Tag immer noch lieber. Quel sagesse! Seit vierzig Jahren las er ihn nun, und seit vierzig Jahren fand er immer neue wundervolle Schönheiten und Maximen in ihm. »Ich halte es mit meinem Marc Aurel«, schrieb er an D'Alembert weiter, als der Page die Kerzen angezündet hatte. »Vollkommenheit beim Menschen suchen heißt Wein aus einem Brunnen schöpfen.«

Der Obrist von Scheelen ging sehr langsam, mit gesenktem Kopf die Terrasse herunter. So hatte er den Alten noch nie gesehen. Um diese Affäre Wordelmann hätte er ja um ein Haar seinen Dienst quittieren müssen. Schade um die Jungens! Gewiß, es war eine große Schwindelei, aber so böse hatte es doch keiner gemeint. Na, seinen Offizieren würde er aber heute noch gehörig den Generalsmarsch blasen, und wenn ein halbes Dutzend davon um die Ecke gehen soll. Donner und Doria, von jetzt an sollte aber ein anderer Tritt ins Bataillon kommen. Und den Herren vom Gericht wird er auch die Meinung des Königs gewiß nicht vorenthalten. Die sollten etwas zu hören bekommen. Denn es ist beim Militär immer so wie im Gebirge. Oben reißt sich ein Stein los, ein harmloser Stein, und unten kommt eine Lawine an. Und das war kein harmloser Stein gewesen, das war schon ein gottverdammter Felsblock, der sich da losgerissen und ihn, den Obristen von Scheelen beinahe zerschmettert hätte.

Und wie der Obrist von Scheelen sich durch die in einem sprühigen Regen herabstäubenden Herbstblätter langsam dem Tor mit dem Obelisken davor näherte, zog draußen trittlos eine kleine Abteilung Grenadiere, die noch spät vom Bornstedter Feld aus hereinkamen, vorüber. Und da sie etwas müde und naß war, so sang sie eben zur Ermunterung auf Befehl des führenden Offiziers. Eine Mannschaft nämlich darf nicht schlapp in die Garnison zurückkommen. Das macht einen schlechten Eindruck auf die Zivilisten. Und laut und klar schlugen zu dem Obristen von Scheelen, der fröstelnd seinen Mantel etwas fester zog – ekelhaftes Wetter heute abend! –, die alten Liedzeilen herüber:

»Es lebe durch des Höchsten Gnade
der König, der uns schützen kann.«

Am übernächsten Nachmittag aber war der Obrist von Scheelen noch immer sehr übler Laune, als er in der Kanzlei, auf und nieder gehend, dem Bataillonsschreiber die Antwort an den Magistrat von Brandenburg diktierte.

»Wohl- und hochedelgeborene Herren«, begann er, auf und nieder gehend und die Hand an der Stirn.

»In sonders hochzuverehrende Direktor, Bürgermeister und Ratsmänner! Auf die von einem hiesigen Magistrat mir erteilte Nachricht wegen der Euern Wohl- und Hochedelgeboren bewußten Trauungsgeschichte des Bauern Schmitzdorff zu Wust mit seiner Stieftochter und der darin geschehenen fälschlichen und betrügerischen Trauung, wobei verschiedene Grenadiers von der Garden impliziert seien sollen, veranstaltete ich die strengsten Untersuchungen, wodurch ich in ganz kurzer Zeit alle an dieser Betrügerei teilgenommenen Personen erfuhr. Euer Wohl- und Hochedelgeboren übersende ich also auf das unter dem gestrigen Dato erlassene Anschreiben dies sämtlichen Untersuchungsakten mit der Bedingung, mir selbige so bald als möglich wieder zurückzusenden. Es ist mir allerdings befremdend, daß man diesen Bauern noch immer als unschuldig und betrogen ansehen kann und in dieser Meinung hier von sich ein Attest erbittet, da doch derselbe ein vorzüglicher Betrüger in dieser Sache ist, wie solches das beigefügte, von ihm eigenhändig aufgesetzte Konzept zu dem gemachten falschen Trauungsattest, worauf ich besonders Rücksicht zu nehmen bitte, sogleich und augenscheinlich beweiset. Denn ob mir gleich anfänglich dieser Bauer durch Sie als ein einfältiger, dummer, unschädlicher Mensch geschildert war, so maß ich dennoch dieser Nachricht keinen Glauben bei. Die Sache war mir gleich verdächtig, und meine Mutmaßungen gingen dahin, daß freilich im Anfang der Bauer den Betrug nicht gemerket, nachher aber, wie er denselben wohl eingesehen, auch viel Gelder darauf verwendet hatte, allein, daß er um seiner Tochter fernerhin als Frau genießen und Euer Wohl- und Hochedelgeboren ein Blendwerk vorspiegeln zu können, herzlich gerne in diesen Betrug gewilligt und zu dessen Ausführung hilfreiche Hand geboten. Diese meine Mutmaßungen erlangten auch zum Teil ihre Gewißheit. Der Bauer ward in dem militärischen scharfen Verhör hierorts überzeuget, ja, er hat sogar den beigefügten Aufsatz zu dem falschen Trauungsattest eigenhändig entworfen und solchen nachher durch einen Grenadier ins reine schreiben lassen.

Ich kann also nicht umhin, Euer Hoch- und Wohledelgeboren meine Verwunderung zu erkennen zu geben, wie es möglich gewesen, daß dieser einfältige Bauersmann mit seiner vorgeblichen äußersten Dummheit und Einfalt, die beinahe alle Möglichkeiten überschreitet, zwei so ansehnliche Collegia eine so lange Zeit hat hintergehen und die Sache fälschlich verdrehen und ihnen sogar seine Unschuld hat glauben machen können.

Es freut mich also, daß ich denenselben das Gegenteil hiervon haben sagen können, dahero auch dieser Bauer, da er sich unterstand, mit Ihrer Geduld eine so lange Zeit sein Gespötte zu treiben, um so mehr wegen seiner Canaillerien bestrafet werden muß. Denn Seine Königliche Majestät haben diesen Vorfall, wobei man den Königlichen Namen gemißbrauchet und mit den Kirchen- und Landesgesetzen, die zur Ordnung und Wohlfahrt bestimmt sind, auf den deshalb von mir an allerhöchst denenselben abgestatteten Bericht sehr ungnädig – unterstreiche er ›sehr ungnädig‹, Bataillonsschreiber! – aufgenommen, wie solches dieselben aus der strengsten Bestrafung beurteilen können, womit alle Personen, so an dieser Betrügerei teilgenommen, belegt worden sind.

Der Grenadier Wordelmann als die Hauptperson hat dreißigmal Gassen lauffen müssen und ist zwei Jahre nach Spandau gekommen.

Der Grenadier Kleidt, der von Anfang bis zu Ende der Mitgehilfe dieses Betrügers gewesen Mettich, der den Priester vorgestellt, trotzdem er Katholik war, und Kattenborn, der das falsche Trauungsattest, so der Bauer entworfen, ins reine geschrieben, ist jeder mit einundzwanzigmaligem Gassenlauffen bestraffet worden.

Der Grenadier Minde hat zwanzigmal und der Grenadier Schaaf, der von der vorzunehmenden Trauung Nachricht gehabt, hat zehnmal Gassen lauffen müssen.

Die Liebste des Wordelmann, die Dünklern, bei der die Trauung geschehen, die Schaafen, die den Priester angekleidet, und die Liebste des Grenadiers Glasen, die den Mantel geholt, die Annemarie Pflaster, sind drei Tage nacheinander jedesmal öffentlich in der Fiddel gestanden und auf zwei Jahre ins Spinnhaus gebracht worden.

Da nun der Grenadier Kattenborn, der nur das Attest ins reine geschrieben, so scharf bestraffet, was für Bestrafung verdienet nicht der Bauer als Verfasser, der diesen Aufsatz, worin man den Königlichen Namen so vorzüglich gemißbraucht, eigenhändig entworfen? Seine wissentliche Teilnahme an dieser schändlichen Betrügerei muß in ähnlichem und gleichem Grade bestraffet werden; welches ich auch von denenselben überzeuget bin, damit dadurch in der Folge jedermann abgeschrecket wird, dergleichen schändliche Betrügereien zu spielen.

Ich bin in vollkommener Hochachtung

Obrist von Scheelen

Potsdam, den dreißigsten September 1780«.

Der Obrist von Scheelen war, während er das dem Bataillonsschreiber, der die Feder nur so fliegen ließ, diktierte, in langsamen, wiegenden Schritten mit seinen schweren, bespornten Reiterstiefeln in dem langen, kahlen Schreibzimmer auf und nieder gegangen und hatte die Hand am Kinn gehalten, mit jener Lieblingspose des alten Haudegens, des Generals von Ziethen, unter dem er einstmals gedient und gefochten hatte. Die Sache tat ihm schwer leid. Gewiß, er hatte dem Greiffenberg, dem Waltersdorff, dem Czetteritz und dem Auditeur Pitschel sagen müssen, was Ihre Majestät für eine Meinung in dieser Angelegenheit hätten und wie Ihre Majestät die Soldaten und vor allem ihre Liebsten in keiner Weise zu decken gedacht hatten. Aber sie waren doch etwas böse mit den Leuten umgesprungen. Waren doch eigentlich alles vorzügliche Soldaten. Und wie hatte sich der Wordelmann gehalten bei der Vernehmung! Nicht gebäbbert, geflennt oder gebeten, nicht versucht, sich 'rauszureißen, ganz klar gesagt: So und so war die Sache. War sogar gar nicht dumm, was der Mann sagte, als ihn der Greiffenberg fragte, ob er irgendwelche Motive für sein verbrecherisches Tun angeben könne. »Ach Gott«, sagte der Wordelmann, »Herr Hauptmann, der Bauer hat mir leid getan, er war so unglücklich, und da habe ich mir jedacht, es macht ihm Freude, und wir haben unsern Spaß daran. Und wenn sich die Herren Pastoren ärgern, na, denn sollen sie's tun. Denn sehen Sie, Herr Hauptmann, verstehen tu' ich ja eigentlich nicht, warum sie nun dem Mann das verboten haben.«

Als ihm aber dann der Auditeur Pitschel das Urteil verlas, wurde er nur etwas blaß, trotzdem er genau wußte, was das heißt: dreißigmal Gassen laufen. Ebensogut hätten sie vierzigmal sagen können oder hundertmal, so was ist im Erfolg vollkommen gleich. Als er dann gefragt wurde, ob er das Urteil annehme oder ob er irgend etwas zu bemerken hätte, da schüttelte er nur den Kopf und sagte was, das mir bis in diese Sekunde noch nachgeht, ohne daß ich es eigentlich recht begriffen habe, was denn der Kerl, der Wordelmann, damit sagen wollte. Wie war das doch gleich? »Wer in 'ne Jacke geboren is, Herr Hauptmann der kommt sein Lebtag in keinen Rock.« Das muß wohl so irgendein bäurisches Sprichwort sein, da oben aus Westpreußen wo der Kerl, der Wordelmann, her war. Er war ein Erzfilou, ein Halunke, ein Gauner, aber ein famoser Kerl und ein Prachtsoldat. Schade – dreißigmal Gassen laufen, das hält kein Stier aus. Und wenn der Wordelmann auch so'n Kerl wie 'n halber Stier war. Zehnmal is genug. Einundzwanzigmal is eijentlich eine Sauerei. Aber dreißigmal, da hätten sie ihn lieber auch jleich aufhängen können.

Und so war es gewesen. Im Langen Stall mußten die Grenadiere sich aufstellen, eine lange Kette, rechts und links die Mannschaften, und dazwischen mußte nun der Wordelmann mit entblößtem Oberkörper, nur mit so einer kleinen Stallhose an, dreißigmal hin- und herlaufen an solchem grauen und ekelhaften Regentag. Und jeder schlug zu, mußte zuschlagen. Alle, die hier standen, wollten Wordelmann eigentlich wohl. Keiner gönnte ihm etwas Böses. Jeder hatte ihn gern. Er hatte nur Pech gehabt, und deshalb mußten sie auf ihn einschlagen. Aber Wordelmann hatte eben einen so prachtvollen, breiten, rosigen, fleischigen Rücken. Es war ein Vergnügen, darauf zu hauen. Und außerdem stand ein Offizier dabei, der die Exekution – zu deutsch die Ausführung, Erfüllung – überwachte und der den bestraft hätte, der nicht oder nur zaghaft zugeschlagen hätte. Und der Offizier ist nun mal, solange es Heere gibt, roher als der Mann. Seit Urzeiten. »Kein Soldat würde«, diesen Ausspruch eines alten römischen Feldherrn notierte sich Friedrich der Große einmal, »in die Schlacht gehen, wenn er nicht seinen Offizier mehr fürchten würde als den Feind.« Und mit der Zeit gefiel es auch den Grenadieren immer mehr. Es klatschte so nett, und daß man sich ein bißchen die Hände rot dabei machte denn solch ein Rücken bleibt bei dreißigmal Gassenlaufen nicht gerade heil, da springt schon die Haut ein bißchen auf; aber das macht nichts. Das heilt wieder zu. Sicher würde Wordelmann auch seinen Spaß dran haben.

Aber als der zusammensank, kam ihm Blut aus dem Mund; Gott – dreißigmal war eben ein bißchen viel. Und davon, daß Blut aus dem Mund kommen sollte, hellrotes Blut, hatte eigentlich nichts im Programm gestanden. Und das hatte auch keiner gewollt. Und wenn er aufhustete, kam immer neues, seltsam hellrotes Blut, wie es eben aus einer Lunge kommt, die lädiert ist und langsam kaputtgehen wird.

Ja, und den Schmitzdorff brachte man dann nach Brandenburg zurück. Und man kann auch nicht sagen, daß er sehr renitent gegen seine Richter war. Er beschwerte sich nur, daß man ihn in Potsdam unfreundlich behandelt hatte. »Du Hund«, hatte der Offizier geschrien und ihm die Faust unter die Nase gehalten. »Du Hund wärst wert, daß man dich jleich hier das Leder volljerbte.« Und dabei hatte er doch nichts anderes sagen können als das, was wahr war. Auch die kleine Sophie gab jetzt alles zu. Es hatte doch keinen Sinn mehr zu lügen. Sie gab zu, daß sie Schmitzdorff seit Jahren geliebt hätte und daß Malchen ein Kind von ihm sei, ebenso wie das Kind, das sie jetzt noch von ihm erwarte. Das Gericht ging milde mit ihr um und gab ihr nur drei Monate Zuchthaus ohne Willkomm und Abschied, das heißt ohne Prügelstrafe bei Ein- und Austritt aus dem Zuchthaus, und salva fama, also ohne daß ihr Ruf dadurch beschädigt würde.

Schmitzdorff aber war das Brandenburger Gefängnis, in das man ihn gebracht hatte, nicht gut bekommen. Die Streu von der Nachteule, das schmierige Lager im »Pulverhorn«, war ein Krönungssaal gegen diesen Aufenthalt. Und während er erst nur am Tag gehustet und des Nachts geschwitzt hatte, hustete er jetzt auch des Nachts und schwitzte auch am Tage. Und so blieb er ziemlich ruhig und apathisch und ließ alles über sich ergehen, als die Straßenwalze der Justiz über ihn hinzurollen begann. Nur, als man ihm sagte, ob er noch etwas zu bemerken hätte, da wuchs er noch einmal zu seiner alten Wut und Wucht empor. »Sie sagen, Herr Gerichtshof, daß ich ein Betrüjer wär. Sie haben recht: Wer arm is, muß dafor bestraft werden. Ach Jott, wenn ick so viel betrogen hätte, wie ich betrogen worden bin von die Herren, die hier stehen und über mir urteilen wollen, dann stände ick nich hier, sondern säße schon seit dreißig Jahren im Zuchthaus. Ick habe mein Blut verspritzt. Hier habe ick 'ne Narbe, daß Sie zwei Finger 'reinlegen können. Hier sitzt mir eine Kugel, und hinken tu' ich noch heute, seit zwanzig Jahren bald, wie 'ne lahme Sandkrake. Aber um den Jnadentaler als Invalide, darum bin ick betrogen worden.«

»Das gehört nicht zur Sache, Schmitzdorff«, unterbrach der Justizkommissar von Raumer.

»Und Sie sagen: Ick hätte Blutschande jetrieben. Wat heißt denn Blutschande? Det tut der Schmitzdorff nicht. Aber wenn der alte Winkelmann, der erst mit die Karoline Linke zusammen gelebt hat und jetzt mit ihre Tochter, die Aujuste, zusammen lebt, von der man nicht weiß aber ick weiß es, wer der Vater zu ihr is' nich wahr, des is keene Blutschande! Nur, weil se nicht dran gedacht haben, zum Pastor zu laufen. Und auch denn wär' es keene – weil er ja mit die Mutter nie verheiratet war. Un wenn ein Knecht erst mit die Bäuerin un denn mit de Tochter wat anfängt – da is det keene Blutschande. Und wenn der Nölke jetzt die Tochter von seine Schwester geheiratet hat, wozu er doch der Onkel is und sein Vater ihr Großvater is, da verbietet es kein Gesetz, weil eben das keine Blutschande is. Aber wenn mir ollen Kerl das erstemal in meinem Leben ein Mädchen wirklich jern hat und ick ihr, denn wollen Sie mir und sie, das arme Wesen, ins Zuchthaus sperren, weil ick mal, wie die längst uff de Welt war, mit eene Frau zum Altar gegangen bin, die mir später det Leben zur Hölle gemacht hat. Det is keene Gerechtigkeit, was Sie da treiben. Det is Mord! Sie haben gesagt, ick hätte meinen Lüsten frönen wollen. Ick würde so grobe Worte nich brauchen, Herr Justizkommissar. Man soll niemand ein Gefühl ausreden.«

Bis dahin hatte der Kämmerer Maurer ruhig zugehört. Nun kreischte er auf: »Büttel, führe Er den Kerl ab und schließe Er ihn krumm.«

Als sich aber dann noch später andere für Schmitzdorff hineinmischten und versuchten, die hohe Zuchthausstrafe von zwei Jahren herabzudrücken aber das war gleich, denn ein Freiluftmensch, ein Bauer, hält es sowieso nicht so lange im Zuchthaus aus. So ein Bauer kriegte, wenigstens damals, sehr bald Schwindsucht und ging ein. Und Schmitzdorff war ein Bauer, und die Schwindsucht hatte er schon. Also wozu hätte man da eigentlich reklamieren brauchen? Aber irgendwelche Leute, die sich der Sache annahmen, versuchten es, aber sie hatten wenig Erfolg, denn der Kriminalsenat des Königlichen Kammergerichts zu Berlin teilte mit, daß die Strafe von zwei Jahren durch ein Reskript des Königlichen Staatsrats, wovon beglaubigte Abschrift beigefügt war, in Ansehung des Schmitzdorff verschärft und letzterem eine dreijährige Zuchthausstrafe diktieret – wegen getriebener Blutschande und verdächtiger Teilnehmung an einer betrügerischen Zusammentrauung!

Und da die achtzig Taler Gerichtsgebühren und solche noch an die Gerichtsdiener, die selbst bis in Lichtgeld und das Leihen des Nachtgeschirrs wöchentlich mit zwei Groschen präzisiert waren, von Schmitzdorff nicht aufzubringen waren, so stiegen alsbald auch die Leichenraben auf, stürzten sich über seinen Besitz, zerhackten und entwerteten und verschleuderten ihn, nährten sich von Sporteln und Gebühren, fraßen sich voll nach ihrer Art. Alles wurde verschleudert und vertan: die Äcker, der Krug, das Haus, das lebende und tote Inventar kamen meistbietend unter den Hammer, um diese Handvoll Taler dem Staat zu decken. Aber da niemand Geld gerade jetzt hatte, die Ernte noch unverkauft in den Scheunen lag und vielleicht auch niemand sonst mitbieten wollte, so wurde all das für einen Spottpreis zugeschlagen: dem Eue – dem Fußangelgesicht.

 

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