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Grau und Golden

Fritz Stavenhagen: Grau und Golden - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrau und Golden
authorFritz Stavenhagen
year1904
firstpub1904
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
titleGrau und Golden
pages178
created20170719
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Alleinmädchen

Hamburger Skizze

Gewöhnlich wollen sich die Alleinmädchen nicht zu den »Kökschen« gerechnet wissen, denn sie genießen – nach ihrer Meinung – einen ungeheuren Vorzug: sie brauchen nicht »in hell« zu gehen! Kommt dann noch hinzu, daß die Wäsche »aus dem Hause« ist und die Madam sich wenig um den Haushalt kümmert, so ist es eine gute Stelle. Aber wehe! wenn die geizige Madam nichts vom Kochen versteht – und doch kocht! den Speisekammerschlüssel stets bei sich in der Tasche trägt und dem Mädchen Katzenrationen zumißt! dann: gute Nacht! Es ist nur noch beständig – bei den Mädchen der Wechsel und bei der Madam die Klage über schlechte Dienstboten!

Danach gerechnet hatte es die kreuzfidele Anna bei Vogel sehr gut. Durch einen flotten Milchhandel hatte sich das Ehepaar Vogel einen ansehnlichen Haufen preußischer Taler zusammengescharrt und hochkant gestellt. Als sie endlich genug hatten, waren sie angejahrt, und nun kümmerten sie sich nur noch um ihre leiblichen Genüsse. 140

Sie mag gern gut und viel essen, was ihr Leibesumfang bestätigt, und er treibt ungefährliche Politik, indem er gern darüber hört, aber nie darüber spricht – es sollen sogar einige solcher Schlauen in unserer Bürgerschaft sitzen! – zudem trinkt er – trinkt Grog; unter vier Gläsern, wenig kleiner als ein Pferdestalleimer, geht er nie heim. Von seinem Ehedreiviertel – denn sie ist weit mehr als die Hälfte! – hat er keine Gardinenpredigten zu erwarten. Sie legt sich um neun Uhr zu Bett und steht um fünf bereits wieder auf, weil sie es einmal so gewohnt ist. Und wenn er mitternachts heimkommt, schläft sie sicher und fest.

Da hat die lustige Anna denn eine Menge Freiheit; wenn sie morgens aus den Federn klettert, ist regelmäßig der Kaffee fertig. Sie kann kochen, was und soviel – ihr Brögam, der Quellwassermann, will. Der wird denn auch immer reichlich satt und hat nicht nötig, von seinem Quellwasser zu trinken, denn er kriegt Bier genug.

In ihrem kleinen Giebelstübchen hat sie es sich sehr gemütlich eingerichtet. Sie kann dort heizen und bringt fast den ganzen Nachmittag nähend und strickend dort zu. Die beiden Alten halten dann ihr ausgedehntes Mittagschläfchen; aber selbst wenn die dicke Madam, vom »Trecken twischen de Schullern« geplagt, durch sämtliche Zimmer wandert, ist Anna oben sicher und allein, denn noch 141 nie hat während ihrer Dienstzeit einer der Alten einen Fuß auf die Treppe gesetzt, die zu ihrem Zimmer führt. Und das achtet Anna als das Allerbeste an der ganzen Stelle.

Als neulich abends der Herr Vogel noch nicht lange ins Wirtshaus verschwunden war und die Madam vor dem Schlafengehen noch einen Augenblick in die Zeitung kuckte, »üm möd to warden«, drang ein verdächtiges Geräusch an ihre Ohren. Sie horchte auf – da wieder!

»Anna! Anna!« schrie sie auf, daß das Haus schallte. Da keine Antwort erfolgte, polterte sie hinaus. »Anna!«

»Ja, Madam, ick kom gliek,« rief Anna von ihrem Stübchen aus.

»Ach so, Se sünd dat. Ick dacht, Se wärn in de Kök. Hem Se denn all opwuschen?«

Anna kam die Treppe herunter. »Nee, het dat son'n Il?«

»Ach nee, nee, ick meen man. Mi wär man op eenmol so bang, ick dacht, dat sick een noh boben rop sleeken har.«

»Nanu! Wat sull denn dat vor een sien? Se sind ok manchmol to gruglich.«

»Jo, jo, wenn man öller ward. Na, denn god'n Nacht!« damit wandte sie sich wieder in ihre Gemächer.

Wer aber glaubt, sie habe sich bald über das 142 gehörte Verdächtige beruhigt, weil es sich doch aufgeklärt, der irrt sehr. Es ist seit alther bekannt, Fett setzt Melancholie, Furchtsamkeit und böse Träume. Und – was schlimmer ist als alles das: einen felsenfesten Glauben an das wahrhafte Eintreffen dieser Träume!

Während sie die einzelnen Kleidungsstücke langsam und sinnend ablegte, kam ihr die Sache immer verdächtiger vor. »Mi wär doch ganz dütlich, als wenn dor . . . Na, nee doch, ick mutt mi jo verheurt hebben . . . Ober dennoch, dat käm mi so – so geheem vör. . . . Na lot!« Damit kletterte sie denn doch endlich in das breite, tiefe Daunenbett. – –

Bevor sie einschlief, hörte sie noch Anna laut in der Küche hantieren, die beim Tassenaufwaschen war. Die hatte doch nichts gehört, also konnte es auch nichts gewesen sein.

Das gab denn der Madam Vogel so viel Beruhigung, daß sie sich langsam in einen tiefen, traumreichen Schlaf hinübergleiten ließ. Aber das Vorgekommene gab ihren Träumen eine bestimmte Richtung.

Sie sah eine männliche Person die Treppe hinaufschleichen, sich oben neben Annas Zimmer verkriechen, um, wenn alles zur Ruhe, alle zu ermorden.

Mit einem Schrei sprang sie auf, schlüpfte in 143 ein halb Dutzend Unterröcke und lief ganz entsetzt in die Küche. Anna war eben mit dem Aufräumen fertig geworden und wollte gerade die Gasflamme ausdrehen.

»Mi is jetzt grad so, as ob dor boben ein' sitt – ick hew't dräumt, un ganz gewiß, Se söln man seihn, dor boben hett sick ein verkropen. Lopen Se doch mol gau hen, un holn mien Mann. Jo, jo, jo! ick lot mi dat nich afstrieden.«

»Ah, watt! Madam! Wi süll he denn dor rop komen? Se hem weder wat dräumt, wat in söben Johr nich meuglich is.«

»Nee, nee, seggn Se mi nichts. Wo hett mien Mann denn Revolver liggen? Ah, ick weit all!« Sie warf sich auf die Kniee, holte unter dem Kleiderschrank den Nagelkasten hervor und suchte einen alten verrosteten Revolver heraus. Damit pflanzte sie sich dann vor der Treppe auf.

»So, jetzt lot em man komen. Lop man gau hen. Wat is denn eingtlich de Klock? He möt ja woll so wie so bald komen, mien Mann.«

»Madam, nu moken Se doch blot keen Opseihn. De Lüd gläuwt jo slieslich, wat Se dräumt hem. Wi bruken keen' Revolver un keen Manslüd wieder, ick goh ganz alleen rop, un Se söln man seihn, dat dor nich mol'n Katt in düstern muschelt. Is jo alls blin' Larm! Ick goh rop.«

Aber Frau Vogel hielt sie sehr energisch zurück. 144 »Nee, nee, dat lied ick nich, Anna, dat lied ick nich! Keen Minsch sall sick in Gefohr begeben. Mien Mann sall ropgohn. Wenn he doch blot bald komen deh. Lopen Se doch eben gau röber.«

»Ach wat, nee, woto denn? De Lüd lacht uns jo wat ut!« Anna wurde kribbelig. »Ick goh nich röber! Wat sall all de Spektokel, blot wil Se wat Dummes dräumt hem! Ick goh nich! Is jo rein lächerlich. – Wenn Se dat öberhaupt nochmol seggn – denn smiet ick denn ganzen Krom Ihnen vor de Feut! Dat is jo bald grod so, as wenn ick Kerlstüg mit rop nehm! Äks püh!« Sie spuckte aus vor Abscheu.

»Ober, Anna, Anna, wie könn' Se blot gläuben, dat ick sowat von Ihnen denken doh. Nee, mien Lew nich! Sowat is mi nie in denn Sinn kom'n. – Ober, Anna, Se weeten doch, wenn ick sowat dräum, denn het dat immer wat op sick. Un Se söln man seihn, dat . . . .«

»Nichs ward wi seihn! Un ick mag keen Wort mehr dorvon hörn, dat kümt ein' jo lang ut'n Hals. Wil Se wat dräumt hebben, schreet wi hier Mord! Hahaha! dat is jo tum Piepen! Hahahaha!« Und Anna lachte, lachte, daß das ganze Haus schallte.

Dies machte die ängstliche Frau Vogel stutzig. Sie ließ den Revolver, den sie bei all ihrem Räsonnieren mit ausgestrecktem Arm auf die Treppe 145 gerichtet hielt, sinken, und schaute ihr Alleinmädchen mit großen Augen an. Nun kam ihr ihre Situation doch auch etwas komisch vor. Aber . . . .

Und wie es immer ist, wenn man vom Wolf spricht, ist er nicht weit, was auch vom Vogel gelten kann; denn Herr Vogel kam in die Tür. Nicht etwa, um sich gegen zehn Uhr schon zur Ruhe zu begeben, sondern um sich von seinem eigenen Tabak nachzuholen, denn ihm war die Pfeife leer geworden, und Wirtshaustabak schmeckt bekanntlich oftmals nach Cichorien und Eichenblättern.

Das plötzliche Erscheinen ihres Ehegatten brachte in Madam Vogel die ganze Traumgeschichte wieder hoch. Atemlos stürzte sie auf ihn los.

»Sühst du woll! Di hett wat ropen! Di hett wat ropen! Hier geiht dat nich mit rechten Dingen to! Hör mol: dor sitt ein' boben, dor hett sick ein' verkropen! Un dat is ganz gewiß. Du möst mol ropgohn, mien Hinrich. Hier is dat Ding, un nu goh mol rop, ick will di lüchten. To, Hinrich!«

Herr Vogel war aber absolut nicht von der Aufgeregtheit seiner starken Gattin. Er nahm weder den Revolver, den sie ihm in die Hand drücken wollte, noch machte er Miene, die Treppe hinaufzusteigen.

»Werkeen sall mi ropen hem? Mien Tabak is all, dat sühst doch. Wenn dor een boben sitt, 146 denn lot em doch runner kom'n. Wat deiht he dor boben in' Düstern? Worum sall ick erst de Treppen ropklaspern?«

»Mann! Mann! dat du ok nichs versteihst! dor boben sitt ein', de will uns dod moken! all noh de Rieg! dat hew ick dräumt, un dat is wohr!«

»Dat du dat dräumt hest? jo, dat mag woll wohr sien. Ober wi lewt doch noch, also, denn lot em man kom'n. Du büst doch sünst nich so bang.«

»Hör doch to! hör doch to, Mann! Ick hew dat nich blot dräumt, ick hew dat jo vörher ok hört! Kannst di to verloten, ick hew dat hört, wi dor ein' ganz lies de Treppen rop slieken deh. Un dorbie is he eemol utglippt! Ganz gewiß! Un dat lot ick mi nich afstrieden!«

»So? Un wo wär Anna denn?«

»Anna wär woll in der Kök, oder sünst wo, se seggt, se hett nichts hört.«

»Nanu! Anna, komen Se mol her.«

Das Alleinmädchen hatte die Eheszene nicht mit anhören wollen und war in die Küche gegangen, wo sie sich etwas zu schaffen machte. Sie konnte aber alle Worte hören und kam auf den Ruf des Herrn sofort herbeigestürzt, und das durchaus nicht in freundlicher Art.

»Wat denn? Was is nu all weder?«

»Wo hem Se steeken, as mien Fro dat verdächtige Geräusch hörn deh?« 147

»Ick weet nichs von' verdächtiges Geräusch, dat is jo all Unsinn! Worum frogen Se mi dat öberhaupt, wat? Worum frogen Se mi dat?« Sie fuhr unsanft auf den alten Herrn nieder und hatte ihm am liebsten die letzten zwanzig Haare ausgerissen.

»Mein Gott! ick dörf doch woll frogen.«

»Nee! Un dat kön' Se ganz un gor nich! Ick weet ganz genau, wat Se sick dorbi denken! As wenn ick . . . as wenn ick son' Mäken wär . . .« Tränen erstickten ihre Worte; sie bedeckte ihr Gesicht mit der Schürze und heulte los.

»Na, Anno, so is dat ganz seeker nich meent.«

»Loten Se mi tofreden! Ick weet ganz genau, wo Se noh rut willn! Ick bliew keen Dag länger bi Ihnen! Kein Stün'! Sowat dörf ick mi nich gefalln loten! Alls wegen so 'n dumm'n Drom! Ick kann Se anzeigen, weeten Se ok, wat dat is! Ick kann Se bi de Polizei anzeigen, wegen Verleumdung! Se gläuben von mi, dat ick dor ein' mit ropnohm'n hew. Jowoll! gewiß gläuben Se dat! Un ick goh sofort hen! Ick . . . ick . . .«

»Anno, Anno, mein Gott! nu hör'n Se doch blot mol to! Dorvon seggt doch keen Minsch wat. Moken Se doch man blot keen Dummtüch . . .«

»Nee, ick lot mi nu nich mehr begäuschen, ick goh! ick goh op de Stell.«

»Dat dohn Se nich, Anno! Se weeten doch, 148 mien Fru de häurt manchmal wat. Dat is jo nu all got un Se blieben weder. Wi könt gern 'n por Dohler toleggen. Ober Se kön mi dat toglöben, an son' Krom hew ick nich dacht.« Anna saß in der Küche auf dem Stuhl und wußte sich vor Weinen und Schluchzen kaum zu fassen.

»– Ober – ober gewiß, ick kann mi jo ok irrt hem; seeker is ober doch immer seeker! So, as Anno seggt, hew ick dat jo ok nich meent. Ober ick hew doch wat hört! Un wenn du nich rop gohn wullt, goh ick rop! Ick mutt erst Gewißheit hebben, sunst slap ick nich weder in. Nee, Hinrich, ick lot mi dor nich von afholn!«

»Stin! ick segg di, du letst dat noh. Wat wulgekkült du in de Nachtjack dor noh denn kohlen Bön ropklattern. Mok, dat du in'e Feddern kumst. To, stell di nich an!«

»Ick slop nich in, ick hew keen Ruh ehr, as ick dat unnersöcht hew! Wenn dor doch nichs is, worum sall ick denn nich rop gohn?!«

»Ji Fronslüd sünd doch all 'n Happen mall! Denn gew her, ick will ropgohn.«

Da war auch Anna schon wieder aus der Küche da. »Woto denn? Dat is doch de reine Unsinn! Woto denn umsünst de Treppen rop? Is jo Verrücktheit!«

»Se seihn doch, mien Fro giwt nich ehr Bucht, wat sall ick denn moken?« 149

Mit einem Licht und dem alten Revolver stieg er langsam die Stufen hinauf.

Und Anna stieg ihm erst ein paar Stufen nach, dann lachte sie auf: »Pah! hahaha! dat is jo Dummheit, ha! son'n Unsinn!« Dann lief sie wieder hinunter. Als Herr Vogel dann bald oben war, schrie sie aus Leibeskräften hinauf:

»Krischan! versteek di!«

 


 

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