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Grau und Golden

Fritz Stavenhagen: Grau und Golden - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrau und Golden
authorFritz Stavenhagen
year1904
firstpub1904
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
titleGrau und Golden
pages178
created20170719
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Krischan Kattun

Skizze in Hamburger »Missingsch«

Jeide Minsch hat ja sein' Stern, ünner den er geborn' ward; mein war 'n richtigen vergold'tn ans Blick. Der hung nämlich vörn vör unse Dör. »Gasthaus zum Stern« stünn da ünner, aber die meisten Lüd nannten es »Räukerbaud zum krumm'n Kringel«. Kann ja sein, daß er 'n bischen verbogen war, aber 'n Stern war das da draußen vor unse Dör, und kein Kringel!

Verbogen haben mich denn die Lüd all mein Lebtag genannt; verbogen oder: 'n Happen dumm!

Das konnt aber blot daher komm'n, von wegen den Stern, un denn, daß ich zu spät gekommen bün. Ich wär nämlich binah 'n Sonntagskind un 'n Hochtiedskind worden. Aber ick käm um eine halbe Stunde to spät.

Wie das sick zugetragen, erzähl ich später mal, wenn ick so 'n ganzen lütten in de Kist hab. Denn klingt das besser. 128

Da ich aber 'n anständigen Minschen bün, weiß ich, was sich schickt, und da kümt zuerst die Vorstellung. Wie ich heiß, wissen Ihr schon un, um es gleich zu sagen: ick wär Droschkenkutscher, bin es aber längst nich mehr.

Wenn ein Minsch schlecht makt warden will, denn muß er sich verheiraten, un will he sick vörstelln, möt er seine Hochtied vertelln. Un das will ick.

Kinners, Ihr kennt alle die greune Kirch, nich? die da draußen, wo Georg sank; ick mein: von das Pferd gefalln is, als sonne Schwanzeidechs es in seine Fesseln biß.

Aber da steiht nu die Kirche und in diese Kirche sind wir getraut: »Mein Herz is noch jung«, und ick – –

Ick bün nämlich auch 'n bischen recht spät to 'n Frau kam'n. Sie war schon an die Fünfzig ran, aber sie sagt mir immer: »Mein Herz is noch jung!« Un das hat sie so oft gesagt, daß ich sie nu all nich anners nennen tu.

Ich weiß noch bis heut un düssen Dag nich, wie ich eingtlich dazu kam, so viel Minschen auf mien Hochtied zu sehn. Alles wär schwart vull Minschen, die ganze Borgeschstrat rup, un ründüm bei die greune Kirch. Ick hatt woll vorher af un an, wenn ich so'n kleinen Duhndje hatt, auf Straß eine große Bußpredigt halten, aber dat kümt doch 129 nich drop an! Aber was geht die Minschen meine Hochtied an?!

Na, Korl Beerbom, was mein Knecht war, un der auch woll mal mit fahren mußt, wenn es hild war, der hatt sich sein' niegen Rock antrocken, mit blanke Knöp un grot witte Fausthanschen an, wenngliek es an ein' warm'n Herbstdag wär. Die beiden Appelschimmels machten sich ornlich kröhnsch vorn Wagen. Un der sah auch nich mehr aus, wie so'n olle Droschke. Korl Beerbom hatt ihn sein mit Gurlands ümsneurt – he wär sünst aber kein Sneuernmaker, sondern 'n drögen Minschen – un de Peer hatten auch Blaumen an'e Sternbänners um die Rosetten.

Höllsch fein säg dat alles ut. »Mein Herz is noch jung« sagt zu mir: »Du, Krischan, dat kommt mir grad so für, as wenn wir nach 'n Himmel rein fahrn täten.«

»Ja,« seggt ich, »süh mal, deshalb stehn da auch die Schutzengel.«

Sie schürköppt ihre blaubunte Spitzenkapp. »Wo denn, mein Krischan, du meinst doch nich die Schutzlüd?«

»Ja,« lach ick ihr grad ins Gesicht. »Ja, süh mal, was die vör'n süße Engelsnauze machen. Dat sünd unsere Schutzengel. Hähähä! Und nu man los, Korl Beerbom, abers fahr mir keine Kinners dod!« 130

»Hurra! Hurra!« schreiten da die Kinner. »Krischan Kattun sall leben!« Das wär schön. Aber da schrieen auch welche: »Krischan Kattun – mit sien olle Kuhn!« Und grad das wurd immer lauter. Die Kinners kam'n dicht an'n Wagen ran, denn unsere Schutzengel hatten da keine Macht mehr über. Un immer schrieen die Beester: »Krischan Kattun mit sien olle Kuhn!«

Als wir denn auf'n Borgesch war'n, da schoben sie den Wagen so doll, daß meine beiden ollen treuen Appelschimmels nich mehr so snell laufen konnten. Na, un Korl Beerbom, was 'n ganz einsichtigen Minschen war, der haut denn nu auch zwischen die Bande. Die krieschten nich schlecht.

Aber da kriegt ein von die vermaledeiten Flegels die Snur zu fassen, un da schrein un lachen die noch viel doller. Korl Beerbom zieht an seine Peitsche, zieht ümmer döller, aber der Kanallj läßt die Snur von die Peitsche nich los. Korl Beerbom macht »brr! brr!« zu die Appelschimmels, un die hätten ja gern gestand'n, – aber konnten sie denn? Nee! Die Bengels schoben den Wagen immer döller, krieschten immer lauter, un Korl Beerbom zog an seine Peitsche un rief: »Brr! brr!« Aber nichs, nichs war da zu machen.

»Mein Herz is noch jung« sagt da zu mir: »Du, mein lieber Krischan, bedeut' das nu Gutes oder bedeut' das Schlechtes?« 131

»Sei man nich bang' un fang man nich an zu plinsen, dat bedeut' doch bloß Glück, wenn man so in die Ehe von frohen und frischen Kindern reingeschubst wird. Laß sie man immer schuben, wir wissen woll, was wir haben un was wir kriegen.«

Da legt sie ihre große Fust grad auf ihr Herzfleck un schielt mir von die Seite an: »Krischan, glaub mir: mein Herz is noch jung!«

Daß sowas angehn kann, das weiß ich jetzt sülmst, wenn man auch sechzig Jahr alt is, das Herz kann noch ümmer jung sein.

Na, un wir komm'n denn nu bei die grüne Kirche an, un da is die ganze Kirche voll Minschen. Mit Hurra wurden wir in Empfang genommen.

Als »mein Herz is noch jung« ausstieg, da wollten einige von die Hurrajungs ihre lange weiße Schleppe tragen, un dabei kriegten sie sich das Kloppen.

»Wöhlt Ji infamten Stratenköters hierweg!« rop ick, un hau auch gleich mit mein' nagelneu'n Zylinder dazwischen. Die Jungs fliegen aus'nander un reißen dabei »mein Herz is noch jung« 'n großes Stück von ihr schönen witten Sleier kaput.

»O! Krischan, mein lieber Krischan!« rief sie, »wie süht nu dein Bibi aus!? Kuck mal bloß an!«

Ja! Den hatt ich denn bei die Klopperei ganz total verbuhlt. Aber ich dacht, warum soll 'n 132 verbogen Minschen nich mit 'n verbuhlten Zylinner vor unsen Herrgott treten? Mach ihn zurecht un setz ihn wieder auf. Eine olle Frau, die auch dastand, gab uns denn 'n paar Stecknadeln, und wir stecken auch den Sleier wieder zusamm'n. Un denn: rann an die Krüw! Un wir gehn denn rein.

Drinn war es nich so still, als sonst in 'ne Kirch, die tuscheln alle zusammen un stoßen sich an, als wir reinkomm'n. Aber als dann gesungen wurd, da haben sie alle feste mitgegröhlt. Das wär, wie wenn die Engel in' Himmel sing'n taten – nur nich so billig, denn die Chorjungs kosten drei harte Dahler.

Na, in' groten un ganzen ging das ganz gut ab, wenn auch der Pastor grad als er die Hände über »mein Herz is noch jung« hält, um 'n büschen mehr Ruhe gebeten hat und sie sollten ihn nich in seine Handlung stören.

Als wir wieder rauskam'n, da war'n da noch viel mehr Minschen.

Korl Beerbom hatt in de Tiet das eine Achterrad festbund'n, damit daß die verdammten Jungs den Wagen nich wieder die Appelschimmels auf die Hacken schieben konnten, und denn hatt er noch die ganze Schnur mit greune Seep eingesmeert.

Trüch ging es denn auch besser, die Bengels bilangs den Wagen konnt Korl Beerbom fix ein' mit die Peitsche rüber recken, un wenn sie nach 133 die Schnur greifen taten, denn rutscht sie ihn' immer wieder weg; dat wär von wegen die greune Seep!

Bloß von hinten konnten sie noch düchtig schuben, un daß das eine Rad schleifen tat, das merkten die Pösels gar nich, un schiebten ümmer döller. Dütmal lachten wir nu, un Korl Beerbom schreit ümmer bloß: »Hü!« Ganz swebendigen natt war'n die Snösels nachher, aber die haben kein Bucht gegeben, büs de Wagen wieder vör unse Dör stand.

Als ich dunn ausgestiegen war, dunn krieschten und juchten die Jungs, was dat olle Tüch holln wull:

Krischan Kattun
Mit sien olle Kuhn!

»Mein Herz is noch jung« wurd ornlich fünsch, sie knallt de Dör zu, daß die Finstern zittern, un wull snell reinlaufen. Raatsch! Die Sleep war eingeklemmt un blieb da nu bei hängen. Da fung sie an zu jauln un zu schimpfn: »Ji ulln verdreihten Görn! Ick will jugen Schaulliehrer dat seggen . . . huch!«

Wieder käm sie nich, denn von denn Knall mit de Dör hatten die Appelschimmel antrocken, wie sie das so geweuhnt wärn, un da reißen sie »mein Herz is noch jung« 'n ganz Stück mit, was sie auch spatteln tat, ehr daß Korl Beerbom sie wieder zum Stoppen kriegen konnt. 134

Na, von dat Gejuch denn, kann 'n sich licht 'n Begriff von machen. Alle krieschten durchnanner, daß 'n sein eigen Wurt nicht verstahn künn. »Mein Herz is noch jung« jault so lut und fluckert so düchdig, daß ich sie reindragen müßt ins Haus.

»Mein Krischan,« sagt sie drinn, »mein Krischan, was soll das nu bloß? Hab ich nich alldag zu unsen Herrgott beden, daß er uns Kinner schenken mög. Aber denn hab ich gemeint, he deiht das blot darüm nich, weil wir uns nich richtig hatten insegen loten. Un nu grad muß ich von die Kinner so viel Verdruß un Agerniß haben. Soll ich nu noch weiter beten?«

»Nee,« sag ich zu ihr, »nee, holt man erst damit 'n Tied in. Viellicht hett 't uns' Herrgott falsch verstahn. Wolln de Sak mal erst aflurn.«

Da war denn 'n ziemlich große Hochtiedsgesellschaft, aber die meisten wärn doch man kamen, von wegen dat Supen. An sonn' Tag hat man so viele Freunde un alle wünschen ein' immer bloß Glück, das is, wenn 't man umsünst zu fressen un zu saufen giebt!

Das durt aber nich so lang, wir sitten grad bei Tisch, as de Jungs sik schon wieder wat anners uthockt hatten. Mit 'n mal ging das los: bum! bum! Da smeißen sie mir wieder all ihr alten Scherben vör de Dör. Den vorigten Abend hatten sie schon die ein Türfüllung eingesmeißt. 135

Na, dat kümmt da nich drop an! denk ich bei mir: je gröter de Leiw, je gröter de Hochtied! Un da war denn auch 'n Barg Leben binn' und buten Hus. Den ganzen Nahmiddag un den ganzen Abend.

Aber dat dicke End kümt nah, heit dat, un so saßen wir auf einmal da, wie mit de Fust opt Oog slan. Wir saßen alle ganz still un hörten zu, denn up einmal käm da sonn' richtigen Männerchor un süng, aber fein: »Wer nur den lieben Gott läßt walten.«

»Krischan! Krischan!« schreit »mein Herz is noch jung«: »Krischan, de verdreihten Görns, dürfen die denn nu so spotten?«

Die Jungs gröhlten nämlich immer was dazwischen, und das war so:

Wer nur den lieben Gott läßt walten –

»De hett nichs!« gröhlten die Jungs.

Und hoffet auf ihn allezeit –

»De kriegt nichs!«

Da bin ich aber aufgesprungen voll Wut, un hab mit sonn' alten abgesappelten Bradenknaken dazwischen gesmissen, daß sie man so aus'nanner störten.

»Mein Herz is noch jung« sitzt ganz still, die Hände gefalten un plinst 'n lütten Strähmel, daß ihr die snapplangen Tranen man immer so die Backen dahlrenn'. 136

»Sei man still,« sag ich zu ihr, »unse Herrgott will sie woll strafen.« –

Un denn sind wir bald in de Klapp stegen. Davon 'n annermal.

 


 

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