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Grau und Golden

Fritz Stavenhagen: Grau und Golden - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrau und Golden
authorFritz Stavenhagen
year1904
firstpub1904
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
titleGrau und Golden
pages178
created20170719
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nordwest-Sturm

Hamburger Skizze

Vor einer Wirtschaft auf dem Schaarsteinweg stand Mile und ließ sich vom Sturm an den Röcken zausen. Krampfhaft hielt sie das Kopftuch auf der Brust zusammen, fest biß sie die Zähne aufeinander. Ihr Gesicht war fahl, ihre Glieder zitterten, ihr Atem ging schnell.

Sollte sie hineingehen? Hinein in die qualmige Stube, in den erregten Lärm und den – Gestank? – Ja! Gestank! sagte sie sich fest, denn der Geruch in einem Wirtslokal legte sich ihr jedesmal auf die Brust, wenn sie nur daran vorüberging. Drinnen aber würde sie ersticken!

Und es hat doch die Mutter – heißt: Heins Mutter – noch besonders zu ihr gesagt: »Ober goh nich rinn! Dat könnt de Kerls gor nich verdregen, wenn man se ut de Wirtschaft halt. – Lot em man, he ward all to Insicht kam'n.«

Mile ging vor dem Lokal auf und ab, der Sturm heulte durch die enge Straße; die Fenster klirrten, und juchend und kreischend wehten Weiber und Kinder an ihr vorüber. 116

Bum! – Es dröhnte ein Warnungsstoß vom Stintfang. Weit trug ihn der Wind fort, übers Wasser, durch alle Straßen.

Zugleich Lärm und Klatschen in der Wirtschaft. Mile horchte. Es sang jemand; es war Hein, sie erkannte seine Stimme:

»Son lütten Amazonenhot
Ziert jetzt denn Damenkopp.
Is wie een Botterteller grot,
Kleed nüdlich jede Popp!
Bloß olle Schachteln steiht he nicht;
Vörerst enn zuckerig Gesicht,
Denn kleed he wunderscheun.
                  Juch! –
Junge, das kann woll sein!«

Wieder Händeklatschen und ausgelassenes Bravo! Mile hielt es nicht länger, sie mußte hinein! »Noch 'n Barmbecker för den Sänger!« Sie hörte deutlich, wie man ihn von allen Seiten zum Trinken ermunterte. Und war Hein erst fest im Trinken, dann – – – Herrgott, was sollte sie anfangen?! Da sang er schon den nächsten Vers:

»Drum, lütten Deerns, mokt mit de Mod.
Ehr s' juch veröllern deiht.
Köpt juch een Amazonenhoot,
Een Rock, de stief wegsteiht!
Denn schafft juch 'n hübschen Minschen an,
De düchtig mit juch danzen kann; 117
Wiest em de slanken Bein!
                  Juch! –
Junge, das kann woll sein!«

Sie eilte hinein. Mit lautem Jubel wurde sie empfangen. Hein faßte sie um die Taille und wollte mit ihr herumtanzen. Ärgerlich riß sie sich los.

»Hein, kumm to Hus! Dien Mutter sitt dor alleen un hult. Kumm, Hein!« Sie zog ihn am Arm mit hinaus. Draußen weinte sie ihm ein Stückchen vor: »Sieh, Hein, dat fin' ick nu scheußlich von di! Du hest mi seggt, du mußt jeden Groschen spor'n, darmit wi uns unsen Husstand nich ob Afbetohlung holn bruken. Un nu, nu versupst du jeden Penn'. Hein, doh mi doch denn Gefalln un kom mit mi noh Hus.«

»Ick will di mol wat seggen, Mile. Wärst du nich rinn komen, ick wär bald to Hus west, ober nu hest du mi vor all de Kollegen rünner mokt –.«

»Ick hew doch keen Wurt seggt, Hein!«

»Dat wär all grod genog! Wenn ick nu nich wedder rinn kom, denn uzt se mi op Schritt un Tritt, de ganze Week. Greut Mutter un segg, se sall das Plinsen man nohloten.«

»Hein, Hein! Goh nich! Du hest't selber seggt, wie dien Vadder to Schoden kom'n is. Wenn du nu hüt obend so veel drinkst, denn kannst 118 du di morgen nich op'n Schutenrand holn. Un denn passiert wat. Hein! Goh nich!« Sie weinte und hielt ihn mit beiden Händen krampfhaft an seinem blauen Flanellhemd fest.

»Mok hier keen Opsechn! Lot mi los! Mile, ick segg di dat in' Goden!«

»Goh nich weder rinn noh de Supbood, Hein! Du weeßt doch, wie dat mit uns steiht – un Mutter kann dat ok nich lieden.«

»Lot mi los! Ick goh rinn, un wenn 't 'n Dohler kost!«

»Hein!«

»Goh doch weg hier, Deern! Un plins' morgen mehr!« Damit stieß er sie zur Seite und wehte wieder ins Lokal hinein, wo ihn Jubel und Stichelreden empfingen.

Mile ging weinend durch den Schaarsteinweg nach der Wohnung im Eichholz. Heulend strich der Wind über den Schaarmarkt; vom Hafen her schallte fortwährend ein dumpfes Tuten aufkommender Dampfer. Einige Straßenlaternen hatte der Sturm ausgeblasen, andere flackerten nur von Zeit zu Zeit auf, immer nahe am Erlöschen.

Wieder und wieder dröhnten die Schüsse vom Stintfang, Hochwasser kündend. Zugleich ein Zeichen, daß auch der Sturm weiter wüten werde, die Nacht hindurch.

Und während der ganzen Nacht saßen Mile 119 und Heins Mutter bei einem schwachen Licht wachend und weinend in der kleinen Küche. Es war schon gegen Morgen, als Mile auf dem Stuhl einschlief und ihre zukünftige Schwiegermutter einen wollenen Unterrock sorgsam über ihre Kniee deckte, damit die Braut ihres einzigen Sohnes nicht frieren und nicht erwachen möge.

Traurig betrachtete die alte Frau das blasse, gramvolle Gesicht des Mädchens, und immer horchte sie gespannt, bei jedem Laut auf der Treppe – aber Hein kam nicht und kam nicht.

*

Wild peitschte der Nordweststurm die brandenden Wogen, spielte mit den grau aufgurgelnden Schaumkämmen und schleuderte kleine Blasen und Tropfen weit aufs Land.

Aufgeregtes Leben herrschte in der Hafengegend. Lärmte schon das schäumende Wasser und schlug aufklatschend in die Jollen und Schuten, so wurde es durch das Tuten, Pfeifen und Klingeln der kleineren und größeren Schleppdampfer noch überboten.

Mitten im Strom, gegenüber dem Staatsspeicher, lag der Südamerikaner »Paraguassu« und rüstete sich zur Abfahrt. An dem mächtigen Schiffsrumpf spritzten die Wellen empor, aber bewegungslos lag er da. Schwarzer Rauch stieg aus den 120 Schornsteinen, und geschäftig lief die Mannschaft hin und her. Laut schallten die Rufe der Ewerführer und Stauer: »Hiew!« – »Los!«

Die Schuten drängten sich um den Koloß, und immer kamen neue hinzu, von denen noch Waren zu übernehmen waren. Des Sturms wegen wagte es kein Ewerführer, vom schmalen Schutenbord aus sein Fahrzeug zu führen; nur einer stolzierte als »sühst mi woll?« auf dem schaukelnden Rande munter hin und her.

Es war Hein.

Die ganze Nacht hatte er in lustiger Gesellschaft herumgetrunken, und nun sah er keine Gefahr. Im Gegenteil: er wollte den anderen noch zeigen, wie viel mehr er konnte, als sie alle zusammen. Soweit neckte ihn der Übermut, daß er nicht einmal seine Augen stets nach vorn hatte.

Er brauchte sein Fahrzeug nicht zu schieben, denn der Sturm trieb es den rechten Weg; immer näher kam es dem Rudel der sich drängenden Schuten. Doch Hein machte Kunststücke und benutzte den Haken als Balancierstange.

Dann hörte er durch das Pfeifen des Sturmes einen lauten Warnungsruf: »Hein, holl di!«

Immer noch ulkig, rief er: »Kiek ut!« und wollte sich umdrehen, – doch da prallte die schnell treibende Schute schon gegen eine andere, und kopfüber stürzte Hein in die aufspritzende Flut. 121

*

Heins Mutter lief hin und her in ihrer kleinen Wohnung am Eichholz. Hatte sie ihm doch versprochen, zum morgigen Sonntag »Ochsenaugen« auf den Tisch zu setzen, und die backte sie gewöhnlich schon einen Tag vorher.

»Mutter, hest nich glieks een fardig?« fragte er vom Bett aus, das in der Küche stand.

»Ach watt, Jung! Nu wißt mi woll ok noch driewen? Lot di man Tiet! Mi zittert de Been ornlich noch, so hew ick mi verfiehrt, as du de Treppen so ropgeklaspert kämst. Dat dor wat nah kom'n deh, gestern obend, dat war so gewiß, as Amen in de Kirch! Worum künnst du denn ok nich hör'n!? Dat is . . . .«

»Nu doh mi bloß denn eenzigen Gefalln un holl di nich länger in 'n Snack op, dat ick endlich mol wat Warm's in' Liew krieg. Verdammi nochmolto! ick kann doch woll int Woter falln, wenn mi dat geföllt? Oder nich? – Na, denn nich, is ok god!« Er warf sich ins Bett zurück und seufzte übertrieben auf: »Och joh! wat bün ick von 'n goden Minschen!«

»Jo, du büst 'n Seel von Minsch, bloß möst dat Supen nohloten!«

»Harrischeeses! Wat wullt du nu eingtlich von mi? Häh? segg mol!« Er schlug mit der Hand auf den Bettskopf und setzte dazu eine Miene auf, als ob er es wirklich ernst meinte. »Wat wullt du nu eingtlich von mi? Wieveel wullt du? Büst 122 mit 'n Groschen tofreeden? Oder wullt noch mehr hem?«

Mit seinem scherzhaften Aufbrausen erreichte er, was er wollte: seine Mutter lächelte. »Du büst rein utloten; mit di kann man nich eenmol 'n ernstes Wort snacken.«

»So? Frog Mile man! frog Mile, wat ick ernst sien kann, wenn wir alleen sind. Wo bliwt se denn so lang?«

»In de Stuw, wo sall se sünst sien? Se taast sick von mien Tüch an. Denn ganzen Morgen is se in Regenwetter rumlopen un hett di söcht. Quutschen natt is so dorbi worden, nu kann se doch nich mit 'n natten Liew rumlopen.«

Die Mutter stak einen Löffel voll Teig aus der Kumme und ließ ihn in den Fetttopf laufen. Dann beobachtete sie sinnend, wie der Teig schnell aufquoll und die untere Hälfte braun wurde.

»Nee, nee!« schüttelte sie plötzlich den Kopf: »Een Deel is immer nich genog. Wie licht har dor 'n Unglück passiern kunt.«

Mile war eben eingetreten. Die Kleider waren ihr viel zu lang und zu weit. Um nicht darauf zu treten, mußte sie das Kleid vorn etwas heben.

Sie sah in diesem Aufzug so possierlich aus, daß Hein und seine Mutter laut auflachen mußten.

»Kiek, kiek! de drigt jetzt ornlich 'n Sleep. Du sühst di woll all bi lütten vor, wenn mol dicker 123 warst. Dor sust doch man noch 'n bitten mit teuwen; hest noch lang Tiet!«

Mile war schnell ans Bett getreten und hielt ihm mit beiden Händen den Mund zu. Dann preßte sie ihre Wange gegen die seine.

»Hein, du sähst erst genau ut, as ob du verdrunken wärst.«

»Wat ok, 'n bitten verschrocken hew ick mi. Denn hewt se mi 'n ornlichen ›Lebenselexier‹ gewen, un ick bün wedder up de Been sprung'n.«

»Na, swach wär't ober doch man,« sagte die Mutter.

»Ach, ji Fronslüt snackt man immer öber dat Drinken und nich öber denn Dost. Man mutt to Tieden 'n Lütten genehmigen.«

»Jo, Jung, 'n Lütten kann woll af un an nich schaden, aber dat brukt doch nich glieks öbern Dost to sien.« Sie brachte ihm einen Teller mit Ochsenaugen vors Bett. »Da, un nu pleeg di!«

»Na, de will ick doch mol kosten – ja, Mutter, to Tieden ward de Dost ober immer gröter, je mehr man drinkt.«

»Dat sind slechte Tieden! – Du kannst hüt obend bi denn Storm nich to Hus, Mile, to, leg di in de Stuw op 'n Bett. Ick pack mi denn op 'n Sofa.«

»Nee, nee, ick will op 'n Sofa liggen; ick will di dien Bett nich nehmen, Mutter.« 124

»Quassel nich immer dorgegen, to, leg di to Bett, du verkeulst di sünst! Du harst di gornich erst wat ansleupen brukt. Marsch!

To Bett, to Bett!
Wer 'n Liebsten hett!
Wer keen'n hett,
Möt ok to Bett!
Nimmt sick de Katt in' Arm,
De slöpt ebenso warm!«

»Mutter, ick hew ja 'n Liebsten.«

Aber unbarmherzig trieb die Mutter sie hinaus. »Ick will di bald helpen! Rut!«

Mile nahm wieder ihr Kleid auf und ging. An der Tür drehte sie sich noch einmal um.

»Du, Hein, sing mal 'n büschen!«

Und Hein sang:

»Drum lütten Deerns mokt mit de Mod,
Ehr s' jüch veröllern deiht
–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –
–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Und in dieser Nacht legte sich der Sturm.

 


 

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