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Grau und Golden

Fritz Stavenhagen: Grau und Golden - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrau und Golden
authorFritz Stavenhagen
year1904
firstpub1904
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
titleGrau und Golden
pages178
created20170719
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Jollenführer

Hamburger Skizze

In der niedrigen, dumpfen Gaststube einer Taverne an den Kajen saßen Fischer, Jollen- und Ewerführer. Meist wind- und wetterharte Gestalten mit starkem Nacken und Fäusten, die das Leben zu meistern verstanden.

Eben hatte der dicke Wirt – wie immer, halb betrunken – eine gepfefferte Schmugglergeschichte erzählt und wiederholte den letzten Satz seiner Erzählung wohl ein Dutzend mal, stets selbst darüber lachend: »Ick segg jo. mit denn ein'n verteurnst di, un denn annern sleist opt Oog!«

»Jansen! Jansen!« rief einer der Gäste den Wirt, dessen Gelächter kaum zu übertönen war: »Jansen! Un is dat nie rutkomen?«

»Nee, nee! mien Dag nich. Dorto hebt de Herrn veel to veel lernt! Sowat kummt nich rut. Ick segg jo! mit denn ein'n verteurnst di, un denn annern sleist op't Oog.« Und wieder lachte er, daß er sich mit beiden Händen an der Toonbank halten mußte.

Die Gäste lachten mit und gossen in ihrer Lustigkeit voll Behagen gleich den ganzen Grog 50 hinunter. Dem Wirt aber verging das Lachen sofort, wenn er leere Gläser sah, und im Einschenken hatte er eine fabelhafte Geschicklichkeit. Er verstand eben sein Geschäft.

»Sowat geiht hier ober nich an. Hier lot se sick nich so licht anmeiern.«

»Hoho! Ebensogot! Dor möt man de richtige Kerl kom'n, de 't versteiht.« Der Jollenführer Siemsen sprach es mit deutlicher Geberde zum Fischer Teckelnburg hinüber.

»Wat? Du? Holldi Jung! – Du smuggelst ok nich 'n vörn Groschen Kautabak dörch, dat segg ick di! Hier stoht se di Mann an Mann mit 'n Konstoblerblick op 'n Ponton un seiht all op teihn Schreet, dat du wat to vertolln hest.«

»Jo, wenn ick 'n Fischer wär, ober so . . .«

»Na, na, speel di man nich op. Dohn is 'n Ding, snacken könnt wi all!«

»Jo!« fiel ein anderer dazwischen: »so is 't, snacken könnt se all; jeder will all mol wat rinsmuggelt hebben, un all hebt se sick 'n neien Rock dorbi antrocken, bloß wie kriegt em nie toseihn.«

»Un ick segg juch: morgen hol ick 'n Demjonn mit Rum ut 'n Freihoven un bring em unvertollt hierher!«

»Siemsen krigt dat farrig!«

»Jo, jo! – Ick segg juch: Siemsen krigt dat farrig!« Damit setzte sich der Wirt wieder zu ihnen 51 an den Tisch. »Dat is 'n Kerl wie Appelmaus, he backt Pankoken op de Fürkiek.«

»Un lett se doch noch anbrenn'n!«

Helles Gelächter erscholl, nur Siemsen rührte emsig und ernst mit dem Glasstöker in seinem Grog, als werde er angemustert, und seine eben ausgesprochene Prahlerei wurde zum festen Entschluß.

»Ick will juch dat wiesen!«

»Jo, jo!« sagte der Fischer, »ober denn Rum ok. Denn wölt wi uns op Staatskosten ornlich ein' ansuseln.«

»So ward 't mokt! Siemsen bringt denn Rum un ick gew Warmwoter . . .«

»Mi sall dat recht sien,« unterbrach Siemsen den Wirt, »so wölt wi wetten: mutt ick denn Rum vertolln, betohl ick ut mien Tasch Rum un Toll. Mutt ick em ober nich vertolln, dat se mi so dormit dorch lot, denn betohlt Teckelnborg beides. Sla to!« –

Alle riefen: »Jo! jo!« Nur Teckelnburg besann sich.

»Wat? Dor kunn ick woll licht min fofteihn, twindig Mark bi los warden?«

Der Wirt stieß ihn an. »O watt, bist narrsch! Wo will de denn 'n Fieflieter-Demjonn versteeken? Dat geiht woll mit 'n Prüntje, ober . . . sla to, sünst do ick 't!« 52

Und da der Fischer noch länger zögerte, schlug der Wirt in Siemsens dargereichte Hand.

Der Pakt war abgeschlossen.

*

Am andern Tag um die Mittagszeit kaufte der Jollenführer bei Meyer auf Steinwärder eine Korbflasche mit fünf Liter Rum und ging damit zum Reiherstieg, wo seine Jolle lag.

Mutig bestieg er das schaukelnde Fahrzeug, band es los und ruderte mitten auf den Elbstrom, wo sich ebenfalls die Mittagstunde geltend machte und verhaltnismäßig geringer Verkehr herrschte. Als er sich allein sah, fernab von den kleinen Zollkreuzern und sicher vor den grünen Fährdampfern, band er die Korbflasche an die zwei Meter lange Fangleine und – – ließ sie ins Wasser.

Siegessicher lächelnd nahm er die triefenden Riemen von den Duchten, schwang sie zwischen die Dollen und ruderte munter vorwärts. Es war Flut, da konnte er mit dem leichten Ostwind spielend fertig werden. Seiner Berechnung nach brauchte er nicht einmal viel zu arbeiten, das Boot würde fast allein in den Zollkanal treiben. Aber es war »frisch« – das sagt der Schiffer noch, wenn die Landratten meinen, es sei »furchtbar kalt« – also wollte er lieber in Bewegung bleiben.

»Verdammi nochmol!« fluchte er nach einer 53 Weile los: »Ick kumm jo nich von 'n Plack'n. Wat is denn dat? Beter bi!« Nun legte er sich mit ganzer Kraft in die Riemen, daß sie sich wie zwei Rohrstöcke bogen und seine Muskeln so groß wurden wie Kindsköpfe. Denn in dem blauen Flanellhemd steckte ein Kerl, der schon ein Dutzend mal den Äquator passiert hatte.

Aber nach wieder einer Weile angestrengter Arbeit war er nach seiner Meinung höchstens zwei Bootslängen vorwärts gekommen. Ist das auch mitten auf dem Strom schwer zu bestimmen, so kann doch ein Schiffer, der tagtäglich auf dem Wasser liegt, ungefähr die Fahrgeschwindigkeit seines Bootes feststellen. Und Siemsen sah zu seinem größten Schrecken sogar noch mehr: trotz seiner ungeheuren Anstrengung floß das aufflutende Wasser an ihm vorüber, während es ihn eigentlich nicht nur mitreißen, sondern er noch viel schneller fahren mußte. Der schwache Ostwind konnte nicht so viel tun – und tat es auch nicht . . . Dann plötzlich fiel es dem guten Siemsen wie Schuppen von den Augen.

Der reichlich zwanzig Pfund schwere Demijohn in zwei Meter Wassertiefe schwamm nicht so einfach mit, als wenn er in der Jolle lag; er zog das Fahrzeug um eine halbe Bootslänge zurück, hatte Siemsen es mühsam eine vorwärts gebracht. Das hatte er nicht mit in seine schlaue Berechnung 54 gezogen. Ihn überlief es heiß und kalt. Würde es den Zollbeamten nicht verdächtig vorkommen?

»O, wat ok!« Er legte sich mit aller Kraft in die Riemen, das umgesetzte Leder knirschte und piepte zwischen den Tollen, und Schweiß trat auf seine Stirn. »Ick will nich nahgeben, mag 't bögen oder breeken! Erst lot ick dat mol dorop ankom'n.«

Als er unter großer Anstrengung ein Stück vorwärts gekommen war, gewahrte er, auf der äußersten Spitze der Umfahrt stehend, den dicken Wirt und einige Gäste vom vorigen Abend. Der Wirt, dick eingemümmelt, hielt ein meterlanges Fernrohr vor'm Auge. Als sie ihn alle erkannt hatten, gaben sie durch allerhand Bewegungen Siemsen zu verstehen, wie sie sich schon auf das Grogsaufen freuten. Natürlich waren die Gäste rein unklug. Denn so oder so, sie waren es immer, die »vor natt« mittranken.

Dieses ärgerte Siemsen noch mehr; also sie wollten sich sogar an seiner Niederlage freuen, Hurra! schreien, wenn er beim Schmuggeln abgefaßt würde. Den Triumph konnte er ihnen versalzen.

So wandte er seine Jolle statt durch die Umfahrt nach den Vorsetzen. Am Wachtschiff holte er die Riemen ein und wischte sich erst den Schweiß von der Stirn. Dabei wurde ihm aber doch klar, daß er unmöglich in einer leeren Jolle so angestrengt »puhlend« die Zollgrenze passieren dürfe. Sollte er nicht doch lieber umkehren und ein andermal 55 den Versuch wiederholen? Wenn sie ihn abfaßten? »Denn Deubel ok. Dat wär n' böse Sok! Un alls för son' dumme Wett. Ick will mi woll wohrn. Villicht giw t' Kittje. Holl di Hein!«

Er holte sein Taschenmesser hervor, um die Fangleine zu durchschneiden, damit sie mit dem echten schweren Jamaica-Rum in die Tiefe versinke. Nochmals blickte er nach der Umfahrt, ob jene schadenfrohen Gäste es auch gewahrten. Dort sah er sie nicht mehr. Die waren über die Drehbrücke zum Baumwoll-Ponton gelaufen und suchten sich von dort aus ihm bemerkbar zu machen.

Er warf das Messer auf die Ducht. »Dorto is noch immer Tied!« Der teure Rum tat ihm leid. Ihm war eine Idee gekommen: er wollte sich krank stellen! Krank, und von so geringen Kräften, daß er kaum imstande, die leere Jolle vorwärts zu bringen. Freilich, im geheimen mußte er dennoch seine ganzen Kräfte brauchen.

Wieder griff er zu den Riemen und steuerte auf die Zollstation am Baumwall los. Er versuchte es mit dem ersten Kniff: fuhr, sich besoffen stellend, unbekümmert zwischen den beiden Zoll-Pontons hindurch.

»Pst!« rief ihn der Stationsbeamte.

Wie ihm auch die Kniee zittern mochten, er mußte ranhalten und der Beamte revidierte das ganze Boot, sogar in die Plicht langte er bis hinter 56 das letzte kleine Knie. – Denn es war eine Spitzgattjolle und da hat schon mancher ein Pfund Tabak oder ein Bund Vanille versteckt gehabt.

»Mien Joll is leddig,« sagte Siemsen und war ganz entsetzt, eine so gründliche Revision zu erfahren. Aber nicht genug, es kam noch ein zweiter, höherer Beamter.

»Na, Sie setzen mich wohl eben drüben am Kehrwieder ab?«

Siemsen dachte, ihn solle der Schlag rühren. Hatte etwa der Wirt ihn schon vorher angezeigt? Was sollte er auf der Hauptzollstation Kehrwieder?

Bevor er die Riemen nahm, griff er noch einmal nach dem Messer. Aber dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn und warf das Messer auf die Fußbretter.

»Hm, na, Sie schwitzen aber nicht schlecht. Und es ist doch wirklich nicht warm heute.«

Siemsen puhlte unter die Drehbrücke hindurch. Das Herz schlug ihm in der Kehle, kalter Angstschweiß stand auf seinem Gesicht und sein Atem flog. »Verdammi nochmol!« dachte er, »wenn se di nu op veer Wochen fastsett?« Ihm kam das Unkluge seines Beginnens voll zum Bewußtsein. Er verfluchte die Taverne mitsamt dem plusterbackigen Wirt. Wahrhaftig! käm' er hier glücklich von ab, wollte er auf den Knieen drei Vaterunser beten, und hinterrad, was er sonst nie getan. 57

»Na, das Boot geht ja gräßlich schwer. Ist wohl der Boden lange nicht geschrubbt worden? Wenn das da unten alles bewachsen ist, das hält mächtig zurück.«

»Ne – jo – schrubbt is se ok lang nich – ober dor ligt dat ok nich an. – Ick feul mi bannig flau!« Und damit sprach er unbedingt die Wahrheit! »Ick hew gestern son' lütten tofoten hatt. – Dor bin ick jawoll kolt un warm bie worden, un nu kann 'ck kum noch op min Knoken stohn.« Um es zu beweisen, fiel er kurz hintereinander zweimal auf die Kniee.

»Ja, ja, sowas sitzt einem immer ein paar Tage in den Knochen. Na, wird wohl vorüber gehn. – Nun lassen Sie mich hier man aussteigen. Kommen Sie doch eben mit herein; binden Sie die Jolle so lange an.«

Das nahm dem Jollenführer den letzten Rest der Fassung, mit großen Augen und zuckenden Lippen wollte er schon den Worten des Beamten nachkommen. Doch als er nach der Fangleine greifen wollte, fiel er stöhnend auf die Ducht nieder, denn um die Jolle anbinden zu können, hätte er ja zuerst den Demijohn ans Tageslicht ziehen müssen.

»– Nee – nee – mi is to slecht. – Ick weet gornich, wo dat so op eenmol herkumt.«

»Na, denn warten Sie, ich laß Ihnen ein Glas Kognak rausbringen.« 58

Ein zweites Stöhnen ließ Siemsen hören, diesmal aber als ein Zeichen der Erleichterung. Er trank den Kognak, und seine Hand zitterte dabei in Wirklichkeit, daß die Hälfte überschüttete.

Dann holte er, allmählich sich beruhigend, zu den Kajen hinüber und klemmte seine Jolle durch die vielen Schuten bis zum Ponton vor.

Gleich waren auch schon der Wirt und die Gäste bei ihm.

»Wo hest denn nu denn Rum? Hebt s' em di wegnohmen? Denn mutt ick woll man erst op dien Reknung inschenken. Ober ward denn dor nichs mehr noh komen? Du bist jo bannig einsilbig.«

»Holt man de Fanglien op,« sagte Siemsen, »denn seiht ji denn Demjonn mit Rum. Ober ick will keen'n Sluck dorvon drinken! Eenmol in mien Leben hew ick smuggelt, und dat geschüt nu un nimmer 'n tweetes Mol!«

Dann stolperte der Jollenführer die Steintreppen hinauf. Er ist nie wieder in die Taverne gegangen.

 


 

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