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Grau und Golden

Fritz Stavenhagen: Grau und Golden - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrau und Golden
authorFritz Stavenhagen
year1904
firstpub1904
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
titleGrau und Golden
pages178
created20170719
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fischerjugend

Eine Liebesgeschichte

Das weite Schilfmeer, das vom Deich bis nahe an die Fahrrinne des Stromes reichte, hatte wieder einmal Manneshöhe erreicht. Die Halme blitzten in der Sonne, und ein heimliches Flüstern schwebte mit dem leichten Winde über dem Wasser.

Der kleine Hafen lag gedrängt voller Fischerfahrzeuge, Kutter, Ewer und Jollen. Die weitmaschigen Netze waren zwischen den Masten und Wanten zum Trocknen aufgehißt, und niemand schien sich an Bord zu befinden: denn es war Markt in dem Fischerdorf.

Die langgezogenen Orgeltöne von den Karussels und die schrille Blechmusik eines Hundetheaters scholl herüber; aber die aufspritzenden Wellen verschlangen diese Stimmen, und weiterhin auf der kleinen Insel war es still.

Die Insel bildete einen einzigen Werftplatz mit vier Helgen. Auf zweien lagen schwerfällige Ewer, 10 und auf dem einen ein schlanker Fischerkutter. Aber kein rastloses Hämmern und Hobeln war hörbar, keine tönenden Amboßschläge klangen aus der Schmiede hervor.

Alles wie ausgestorben. Nur der bald stärker, bald schwächer werdende Ostwind spielte am Boden und auf den schwankenden Gerüsten um die Fahrzeuge mit zusammengerollten Spänen, die gleich kleinen Kugeln vor ihm herrollten.

Um diese Stunde des niedrigsten Wasserstandes segelten nur wenige Schiffe auf dem breiten, spiegelnden Elbstrom weit draußen. Aus dem kleinen Hafen – von den Schiffern kurzweg »Loch« genannt – war das Wasser meist heraus. Eine Menge grausandiger Inseln und Inselchen lagen frei, die das schmutzige Grundwasser umspülte, als wollte es sie in sich hinabziehen.

Dicht neben dem leeren Helgen, im Schatten einer weit über das Wasser hinausragenden Weide ward plötzlich eine scheltende Mädchenstimme laut:

»Nee, nee, Hinnick – lat mi tofreeden – du . . .!«

Dann schaukelte eine Jolle unter den überhängenden Zweigen hervor. Das Wasser spritzte auf: ein kräftiges, hellhaariges Mädchen plätscherte mit dem schwereichenen Riemen am Gatt des kleinen Bootes. Sie versuchte eifrigst zu wriggen, brachte es aber nicht fertig. Ihren Zweck hatte sie dennoch 11 erreicht: aus dem dunklen Blätterversteck ins Sonnenlicht zu kommen.

Sie zog den Riemen ein, warf ihn polternd über die Duchten und ließ sich dann selbst trotzig nieder.

»Du büst tau unnasch hüt. Wat mag di blot in 'e Kron trocken sien? – Wär' ick bloß nich mit di rümfohrt!«

»Ah wat, unnasch!« warf der junge Fischerknecht dagegen ein: »Dat seggt ji Frugnslüt jümmers, un nahsten könt ji nich 'naug kriegen.«

Er saß auf der vordersten Ducht, spielte mit den Händen in der kühlen Flut und sah lauernd zu ihr herüber. »Do du man recht as son'n Zierpopp; häst de Welt ok nich glieks kennt, as kam'n büst.«

Sie hörte nicht auf ihn und schwieg. Sie schaute wie abwesend nach dem breiten Strom hinüber, wo mit lautem Getut ein Fischdampfer aufkam.

Eine schwüle Wolke lag zwischen ihnen, keiner wagte sie zu durchbrechen. Die melancholischen Töne der großen Karusselorgel klangen wieder deutlich herüber:

»Das Mee–e–er erglä–nzte weit hinaus
Im letzten A–bendscheine – –«

Hinnick sah sich unruhig um: er suchte nach einer Ablenkung. 12

Da, wie er nach vorn sah, veränderte ein breites Lächeln sein braunes Gesicht: er bemerkte, daß eben Flut eingetreten war und das Boot langsam dem weiten und hohen Schilfmeer entgegentrieb. Da packte ihn der Mutwille, schnell sprang er auf und tat mit dem Riemen ein paar kräftige Stöße auf den Grund.

Schurrend und knirschend schoß das Boot in das auseinanderschlagende Schilf. Kaum zwei Bootslängen wühlte es sich hinein: da saß es wie eingekeilt.

Hinnick rieb sich die Hände vor Vergnügen. Gesa aber ließ äußerlich durch nichts merken, wie erbost sie war. Als er ihr lächelnd zunickte, drehte sie ihm den Rücken zu. Den Ellbogen auf den Bord des Bootes gestützt, blickte sie ruhig in den leicht bewegten, rauschenden Schilfwald: nur ihn nicht merken lassen, wie sie sich ärgerte.

In der Mitte drückte der Bug des Schiffes das Schilf weit auseinander, doch vorn und hinten neigten die Halme schwankend herein.

»Kumm, Gesa, sie nich görig. Schall ick ein'n hebben? Einen man bloß! Heww di doch nich so. Kumm nu.«

Als sie noch schwieg, überkletterte er die Ruderbänke und legte seine Hand auf ihren Nacken.

»Gesa – ick denk, dat du mi 'n bitten leiw hest . . .« 13

Aber sie schüttelte seine Hand ab. »Lat mi tofreeden! segg ick di. Du büst to driest worden in letzt' Tiet. Ick will nicks miehr von di weeten!«

»Blot dorüm nich?« Hinnick wurde ernst, aller jugendlicher Übermut war von ihm gewichen, sein vergnügtes Lächeln verschwunden.

»Öberhaupt nich!« Entrüstet schleuderte sie es ihm entgegen.

Ohne ein Wort zu erwidern, kletterte Hinnick wieder zurück. Er stützte seinen Kopf in beide Hände: das hatte ihn zu tief geschmerzt! Da hörte der Scherz auf.

Aber so wollte es Gesa erst recht nicht gefallen. Ihre schnellen herben Worte wurden ihr leid.

»Hinnick,« rufte sie endlich leise, »Hinnick, büst vertürnt?«

Er antwortete nicht. Sein Instinkt sagte ihm sofort: was du bei der nicht durch Bitten erreichst, erreichst du mit Trotz. Und er spann sich immer mehr in seine Ärgerlichkeit hinein.

Gesa ward es jetzt inne: sie hatte ihm wehgetan, sie mußte nachgeben. Sie versuchte es mit Schmeicheleien und Scherzen; sie zwang sich sogar zu einem Lächeln und gab ihm Kosenamen.

»Mien lütt leiw Kruskopp, nu segg mi doch, wat fehlt di?«

Schwerfällig, mit finsterem Gesicht erhob sich Hinnick, trotzig-dumpf warf er ihr die Worte zu: 14

»Mit de TiedTied, lang gesprochen: Tiede; zum Unterschied von: Tiet, kurz: Zeit. hüt nacht gah wi nah buten,nach draußen, in die Nordsee zum Fischen denn kannst di ja 'n annern seuken. – Vielleicht kam ick ok nich weder.« Dann griff er zum Riemen und arbeitete das Boot widerwillig heraus. Er mußte seine ganze Kraft gebrauchen; es war, als hielten die langen, dünnen Schilffinger das bewegungslose Boot umspannt – wie Gesa es wünschte. Sie hätte es lieber noch weiter hineingetrieben, denn nur nicht mit ihm im Bösen auseinandergehen: dann war sie wieder allein, wieder allein und gehaßt!

»Hinnick – Hinnick! Nu wees doch weder got. – Ick – ick . . . Du kannst ja . . .«

»Ick will nicks! – Wi kennt uns nich mehr!«

Das Grausam-Menschliche war in ihm erwacht, und wie sie immer mehr in Demut vor ihm versank, wurde die Wollust nur größer, ihr noch Tritt auf Tritt zu versetzen.

Tränen stiegen ihr auf. Stammelnd kam es von ihren Lippen: »Du weißt doch, Hinnick, dat ick di leiw heww. – Ick do ja alles . . . Wenn ick nu to Hus kam, sleiht mi mien Mudder, wiel ick doch weggahn bün – un ick heww dat doch bloß dien'nhalben dohn . . . All sünd se to Mark gahn, aber ick dörf nich ut de Baud' . . . Un blot, wiel ick kein'n 15 richtigen Vader heww. – Wat kann ick denn daför, dat mien Swestern ehr Vader all twei Johr verdrunken wier, as ick kam'n bün? Aber darünner möt ick nu jümmers lieden – ick dörf nich to Mark – ick dörf nich up'n Danzböhn – mi dörft se all slahn un triezen so veel as s' wöllt . . . un du – du deist dat nu ok . . .« Sie weinte still vor sich hin.

»Ah, watt ok! Lat dat Plinsen man nah. Irst wußt du nich, nu will ick nich!« Er stieß zugleich kräftig auf den Grund und brachte endlich den Kahn los; schaukelnd trieb dieser dem Strom ein Stückchen entgegen.

»Du sast aber nich so mit mi sien, Hinnick!« Sie erhob sich entschlossen und ging zu ihm. »Du sast nich so mit mi sien! – As ick hürt heww, du harst ok kein'n Vader und kein Mudder, dunn har ick di leiw, dunn wier mi't, as hürten wi tosam. Un ick will di ja ok jümmers leiw hebb'n, Hinnick. – Kiek mal eins, all de annern hebbt ehr Öllern, wo s' to seggen könn': Vader, ick much man in 'e Kark gahn, un he köfft ein' neies Tüg; oder: Mudder, ick hew Liewwehdag, un de gaud Mudder packt ein' int Bett un leggt ein' heiten Tellern upt Liew. – Wie beiden kön'n dat nüms seggen, denn mien Mudder sleiht mi alle Weihdag mit 'n Knüppel ut. Süh, wi beiden hürt tosam'n, wi möten uns einanner biestahn.« 16

Hinnick hatte den Riemen in die Gaffel am Gatt der Jolle gelegt und wriggte mit großer Kraftanstrengung, denn der Strom wurde mit jeder Minute stärker. Nur langsam kam das Boot dem Lande näher.

»Dat is ja nu all egal. Ick sett di bie 't Stack af, denn geihst du nah Hus un fauderst de Swien.«

»Aber ick kam naher weder; nich? Du bliwst doch an Burd? – Hinnick, ick kam ganz gewiß weder, wenn't schummern ward. – Sall ick dat?«

Sie fragte ihn weich und heimlich, mit der bangen Hoffnung auf ein einziges gutes Wort zum Schluß. Er fühlte ihre heiße Hand in seinem Nacken und konnte sich wohl denken, warum ihre Finger so schmeichlerisch in seinem Nackenhaar spielten – aber er zwang sich zur Kälte.

»Mientwegen. – Ick will nahher mal up 'n Salon kieken.«

»Nee!« Sie schrie es, und ihre Hand packte fest zu. »Nee, Hinnick, gah nich dorhen; Hinnick . . . oder do, wat du wullt!« Sie hatte sich besonnen, aus ihrem Blick sprach eine herbe Entschlossenheit. Schwer ließ sie sich auf den Sitz niederfallen und sah mit zornig zusammengezogenen Brauen über das hundertfältig aufblitzende Wasser.

Auf dem Wege nach Hause machte eine eigene Angst ihren Ärger über den Trotzkopf verschwinden. 17 Wenn nur daheim nichts passiert war! Wenn nur niemand vom Markt zurückgekommen und bemerkt, daß sie nicht zu Hause geblieben!

Sie lief schneller, langte zitternd den großen Schlüssel durch das kleine Küchenfenster hervor und drehte ihn hastig im Schloß um.

Alles leer, einsam, still, wie sie es verlassen hatte. Ein Zimmer nach dem andern durchschritt sie, nirgend eine Spur, daß jemand hier gewesen. Beruhigt ging sie in die Küche zurück und setzte sich auf die grüngestrichene Holzbank, neben den halbgefüllten Wassereimer.

Da saß sie sinnend eine ganze Weile. Es überkam sie eine große Traurigkeit. Starr blickte sie vor sich hin, ihre Lippen zuckten zuweilen, ein paar helle Tränen standen zitternd in ihren Aughöhlen.

Nun war sie wieder allein, ganz allein. Wie auf dem weiten, einsamen Meere schwimmend kam sie sich vor, um sie das ewige Rollen der mörderischen Wogen. Und der Mast, an den sie sich um Rettung angeklammert, war um ein Stückchen von ihr fortgerissen. Aber sie konnte ihn noch erreichen – und das wollte sie!

Gesa sprang auf, wischte sich über die Augen und ergriff den Wassereimer, um ihn frisch am Brunnen zu füllen. Es ging ihr jetzt alles leichter, flinker von der Hand. Wie sie Feuer machte unter dem schweren Kessel, ihn mit roten 18 Schweinskartoffeln und Wasser füllte, dann in den Hühnerstall lief, den sie umdrängenden Tieren das Futter streute und die frisch gelegten Eier aufnahm, tat sie alles dies mit einer fast fröhlichen Geschwindigkeit. Und sie lächelte wirklich öfters leicht vor sich hin; sie war sich ja zu sicher, daß sie ihn wiedergewinnen werde! Er soll sie nicht nur gern küssen dürfen, wenn sie beim Schummern mit ihm zusammentraf, sie wollte ihm mit ausgebreiteten Armen entgegeneilen, ihn fest umfassen . . . ihn küssen – und dann nicht mehr loslassen: wie man auf dem wilden Meere einen treibenden Mast nicht läßt, der einen einzig retten kann.

Ein solcher Glückstag war für die arme Gesa lange nicht gewesen: denn als ihre älteren Schwestern und die Mutter zum Abendessen heimkamen, hatte ihr Elsabe, die älteste, sogar ein Geschenk vom Markte mitgebracht: ein Stückchen blaues Atlasband. Und die Mutter sagte sogar zu ihr: sie könne sich nachher den Trubel auch einmal ansehen, aber sie solle nicht zu lange bleiben.

Es schien ihr, als seien alle freundlicher zu ihr, als sie es sonst gewesen waren – sie konnte es sich kaum enträtseln und nahm es als gute Vorbedeutung. Der Grund lag jedoch einfach in der fröhlichen Marktstimmung, in der man selbst einem fremden Hunde einen Knochen zuwirft.

*

19 Für die Mutter bedeutete Gesa eine lebende Schande, die sie und jeden andern stets an ihre Schuld gemahnte. Darum sperrte sie das Mädchen möglichst von der Außenwelt ab. Daß sich die drei Schwestern, als sie mehr und mehr zu Verstand kamen, über diesen verspäteten Zuwachs ihrer Familie nicht freuten, war verständlich. Aber sie waren keineswegs immer häßlich zu der Willigen und Fleißigen, die ihnen fast alle Arbeit abnahm. Gesa war eben ein geistig stets beschäftigtes, sehr feinfühliges Mädchen: die geringste Äußerung, die oft unabsichtlich von einer der Schwestern gemacht wurde, daß sie doch nur halb hierher gehöre und weniger Recht habe, grub sich tief bei ihr ein und machte sie ängstlicher und zurückhaltender, wodurch das Verhältnis immer schlechter wurde.

So war sie solche Gunst, von einer Schwester etwas geschenkt zu erhalten, gar nicht gewohnt und freute sich gerade an dem Tag recht herzlich darüber, wenn auch die Gabe nur gering war. Aber daß sie nun gar mit Erlaubnis der Mutter aus dem Hause gehen durfte, war ihr schier unfaßlich.

Sie konnte vor Aufregung nicht essen: sie dachte nur immer daran, wie sie ihrem Hinnick entgegenlaufen wollte; vom Markt mochte sie nichts sehen.

Als sie endlich das Geschirr abgetragen hatte, 20 warf sie sich schnell ihr blaßblaues Kleid über, das früher der Elsabe gehört hatte, band sich die Bänder ins volle offene Haar und kam sich vor wie eine reiche glückliche Prinzessin. Den kleinen Streit von vorhin hatte sie natürlich längst vergessen.

Sie drehte sich immer wieder vor dem Spiegel und freute sich, wie ihr das Blau so gut stand. Ihre Wangen hatten sich gerötet, ihre dunklen Augen blickten groß und staunend. Sonst hatte sie es nie bemerkt, daß die Sonne auch in ihre kleine Kammer kam, aber jetzt stand wirklich ein rötlicher Fleck der späten Nachmittagssonne an der weiß getünchten rohen Wand. Das Geranium, welches das zwergenhafte Fenster fast ausfüllte und wie zusammengedrückt erschien, streckte seine lichtroten Blüten verwundert dem geputzten Mädchen entgegen.

Gesa steckte die beiden gekochten Eier zu sich, die sie nicht gegessen hatte, riß noch einige Blumen ab, alles, um es ihrem Hinnick zu schenken, und eilte dann, ohne sich vorerst noch in der Stube sehen zu lassen, hinaus.

Unter derselben großen Weide, unter der sie ihm am Nachmittag aus seiner Umarmung entschlüpft, saß sie nun gegen Abend und erwartete ihn; diesmal nur nicht im Boot, sondern auf der Werftinsel, ein Haufen aufgestapelter rauher Bretter diente ihr als Sitz. 21

Da hatte sie schon eine Stunde gewartet, die Sonne war da fern an der Mündung des Flusses rotglühend in die spiegelnde Flut versunken, schon zeigten sich Sterne als weiße Fleckchen am weißlich-blauen Himmel, und Hinnick hatte sich noch immer nicht blicken lassen.

An Bord war er nicht, sie konnte den Fischkutter von ihrem Platz aus genau sehen. Erst hatte sie gedacht, er läge wohl in der Koje und schliefe, aber nach einigem Nachdenken sagte sie sich: Nein, er ist nicht in der Koje, denn da kann nicht das Schloß von draußen vor der Luke liegen.

Also war er doch zum Markt gegangen . . .

Und dann versank sie in Sinnen: sie grübelte schwer darüber nach, warum sie erst so glücklich gewesen war. Nun stand das zornige Gesicht Hinnicks wieder dicht vor ihr; ein Frösteln überlief sie: keinen Gruß, nicht einmal einen Blick hatte er ihr gegönnt, als sie von ihm heimgegangen.

Wo sollte sie ihn nur suchen?

Sie nahm das blaue Band aus ihrem Haar und zog es glättend durch die linke Hand. Nun war ja doch alles vorbei.

Das Blau des Himmels wurde allmählich dunkler, die Sterne bekamen einen silbernen Glanz, und die Blinklichter mitten im Fahrwasser der Elbe waren mit jeder Minute deutlicher zu bemerken. Ein frischer Westwind, Regen verkündend, war 22 aufgestiegen und fegte über den Werftplatz, der in unheimlicher Ruhe dalag.

Sie glitt langsam von ihrem hohen Sitz und schritt schwerfällig über das zertretene Gras, das spärlich zwischen schmutzigen Spänen und Holzstückchen hervorschaute.

Müde, betrübt schritt sie über die Laufbrücke bis zu der glattbodigen Fähre, die mittelst einer schweren Kette von einem Ufer zum anderen gezogen wurde.

Als sie den Kahn zu sich herübergezogen hatte, sah sie sehnsüchtig den Fluß hinunter. Das Wasser war bis dicht an den Deich vorgedrungen, von dem Schilf waren nur spannlange Spitzen bemerkbar. Die Spiegelfläche war leuchtend weiß, es schien, als gäbe der Strom das Licht zurück, das er tagsüber eingesogen.

Weit im Westen bemerkte sie schwere, schwarze Wolken, die langsam, gleichsam mit dem Wasser von Cuxhaven heraufkamen. Es würde also tüchtigen und anhaltenden Regen geben. Sie dachte dabei gleich wieder an Hinnick: es war doch gut, daß er daheim, denn auf der Nordsee mochte jetzt ein unheimliches Wetter niedergehen. Und dann ist die Fischerei ein böses Geschäft.

Endlich stieg sie in den Kahn und zog sich nach der anderen Seite hinüber.

Sie spielte noch immer mit dem blauen 23 Atlasband, und ihre traurig fragenden Blicke ruhten beständig darauf. Sie wußte selbst nicht so recht, wohin sie nun eigentlich wollte. Dennoch setzte sie sacht einen Fuß vor den anderen. So schritt sie über den Deich, kam in die Niederung und ging, immer längs der wilden Hecke, den Tönen rauschender Tanzmusik und lustiger Männerstimmen entgegen.

*

Hinnick wollte eigentlich nur einmal auf dem Deich entlang, zwischen die Budenreihe hindurchgehen. Aber da lockte ihn zuerst das Karussell an: verdammt! er müßte doch den Ring greifen können! Nur einmal wollte er mit herumfahren und den Gaffenden schon zeigen, wie leicht der Ring aus der Holzbirne zu ziehen sei!

Also stieg er auf einen galoppierenden Gaul, der den rechten Hinterfuß schon zur Hälfte verloren hatte und nicht mehr recht Farbe bekennen wollte, und sauste im Kreise durch die Luft, wobei er sich tapfer an den lang geratenen Ohren festhielt.

Als er dann einige Male in die Luft gegriffen, und immer wütender geworden war, langte er so eifrig zu, daß er bald von dem stümperhaften Gaul herabgekollert wäre. Aber er hielt sich zu guter Letzt an dem alten, schmutzigen Holzhals so 24 ängstlich fest, daß alles in lautes, spottendes Gelächter ausbrach.

Das war ihm etwas aufrührerisch in die Krone gefahren; er fühlte sich in seinem Heroismus verkannt und versuchte gleich in der nächsten Aalbude von neuem sein Glück.

»Ünner de Söben un öber de Veertein!«

Und er warf siebzehn Augen mit drei Würfeln. Da bekam er denn schon ein ziemliches Ende; dafür paßte der beliebte Name »geräucherter Regenwurm« nicht recht mehr.

Er schlug sich den strohbeflochtenen Smuttaal über die Schulter und trollte mit kühn erhobenem Haupte über den Deich.

Nun wurde er natürlich angeschaut und von den Mädchen geneckt, seine erhebende Stimmung wuchs fortwährend; ebenso nahm auch seine Sicherheit zu, er blieb bald keinem der ihn Neckenden eine Antwort schuldig.

Dann setzte er sich in der Harmonie, dem allgemeinen Tanzlokal, fest, aß seinen Aal und trank ein Glas Bier nach dem andern.

Hier ging es, wie immer an einem Markttage, außerordentlich lustig zu. Die Mädchen juchten und kreischten, und die jungen Fischerknechte hatten schon längst ihre Jacken ausgezogen. Sie tanzten in ihren weißen und blauen flatternden Hemdsärmeln, daß ihnen die großen Schweißtropfen im 25 rot aufgelaufenen Gesicht standen. Aber trotzdem hieß es: »Noch 'n Schott'schen!« Und der Trompeter hielt wieder sein blinkendes Instrument in die Höhe, zählte: eins, zwei, und bei drei strich und blies alles mit kaum gesammelter Kraft von neuem darauf los.

Der niedrige Saal mit dem freiliegenden Gebälk unter der Decke war angefüllt mit Rauch und Dunst. Die Girlanden von Spargelkraut und Eichenlaub mit Astern und Georginen waren kaum noch zu erkennen, die große Hitze im Saal hatte sie in wenigen Stunden schlaff und welk gemacht. Dazu konnte nicht viel Licht hereindringen, denn die dunklen Wetterwolken kamen immer näher, verdunkelten den Himmel immer mehr, und dann waren die ohnehin nicht großen Fenster von jungen schulpflichtigen Mädchen umlagert. Da ihnen der gestrenge Herr Pastor das Betreten des Tanzsaales verboten, wollten sie wenigstens von draußen zuschauen.

Das Bier und die dumpfe Luft taten denn auch auf Hinnick ihre Wirkung: er winkte einem der tanzlustigen Mädchen, die, einander eingeöst, in einem großen Kreis auf dem spiegelnden Boden standen, stampfte mit seinen schweren Stiefeln einen Schott'schen herunter, und tat dabei, unter lautem Händeklatschen der Burschen, wirklich seine Pflicht. Der Zuersttanzende hatte nämlich den Tanzplatz 26 von den Mädchen zu säubern, die, um ja einen »Herrn« zu kriegen, immer weiter in die Mitte drängten. Hinnick tanzte sie einfach um, daß sich die Mädchen mit Gekreisch und Gelächter zwischen die Tische zurückzogen.

Dann nahm er seine flotte Tänzerin mit auf seinen Platz, trank etliche Glas Bier zur Kühlung und war bald im besten Fahrwasser. Es gesellten sich sogar Fischerknechte zu ihm – was für ihn, der er nur als »Koch«Koch: auf einem Fischerewer der jüngste der Bemannung, die aus dem Fischer, dem Knecht und dem Koch besteht. fuhr, eine Ehre war – die ihn einen Kerl nannten: sonst hieß er Jung.

Sie waren zuerst lustig, wurden ausgelassen, und dann begann das Necken.

Der Fischerknecht Marten wollte durchaus auch einmal mit Elsabe, Hinnicks »Dame«, tanzen, was dieser aber nicht zugeben wollte. Dann reichte Marten dem lachenden Mädchen sein Glas, nachdem er zuvor daraus getrunken hatte. Hinnick nahm es ihr aus der Hand und schob ihr seines hin.

»Hüt möst du ut mien Glas drinken. Ick kann ok noch för di betohlen!«

Marten lachte nur dazu; er tat, als nähme er sein Glas zurück, goß dann aber schnell den Rest seines Bieres in das Glas des Mädchens. Alles lachte, und das Mädchen trank. 27

In Hinnick stieg die Wut auf. Aber was sollte er machen? Sie würden ihn ja doch alle nur auslachen. Er trommelte mit den Knöcheln auf die Tischplatte und brummte:

»Lütt' Martens hett den Pudel stohl'n, Pudel stohl'n,
Den Pudel ut de Pann!
He wull kein Fleisch nich mehr betohl'n, nich betohl'n,
Is dat nich Schimp und Schann?
He stünn de ganze Nacht vör Dör, vör de Dör,
Bie sien Veronika,
Un speelt ehr alle Stünn wat vör, ehr wat vör,
Op sien Harmonika!«

Nun hatte Hinnick die Lacher auf seiner Seite. Er bemerkte mit innerem Behagen, wie den Marten das Spottlied getroffen.

Dieser antwortete auch jetzt noch nicht. Als aber der nächste Tanz begann, zog er Elsabe einfach vom Stuhl auf und legte seinen Arm um ihren Leib.

»Kumm, wi willn danzen!«

Dem Mädchen war es sehr recht; wie allgemein, galt auch bei ihr ein Knecht mehr, als ein Koch. Und sie tanzten los.

Hinnick sah ihnen mit großen, wütenden Augen 28 nach. Er stürzte den Rest Bier herunter, sprang auf und eilte in den Garten hinaus.

Draußen hatte der Regen schon kräftig eingesetzt. Große schwere Tropfen fielen auf das dunkle Laub der Ulmen und Kastanien. Die Plätze unter den starken Kronen waren längst verlassen worden, und das Wasser lief von den Bänken und Tischen auf die Erde, wo sich schon große Lachen gebildet hatten.

Hinnick trat direkt in den strömenden Regen und empfand die kalten Tropfen angenehm durch das schweißtriefende Hemd.

Bald stieg eine feine Dampfwolke von seinem Buckel auf, die immer stärker wurde, aber er schlich weiter, immer in den lichterhellten Saal schielend, ob er die untreue Elsabe nicht entdecken könne. Barhaupt, mit geballten Fäusten, rachebrütend, schritt er langsam an den offen stehenden Fenstern vorüber, aus denen die heiße, dumpfige Luft des überfüllten Raumes hervordrängte.

Hinten im Obstgarten, nahe dem Elbstrom, saß er in einer dunklen Laube unter dichten Pflaumenbäumen. Verflucht! er hätte dem Marten am liebsten sein Messer zwischen die Rippen gestoßen!

Und wie er mit ihr dahinhopste. Verdammt! Dieses Lächeln auf seinem gemeinen Gesicht! Ha! ihm sollte das dumme Lachen schon noch vergehen! Den dicken Schädel wollte er ihm einschlagen! – 29 Wenn er auch jünger war, aber so viel Kräfte und mehr wie der Marten hatte er doch.

»Hinnick,« klang es leise von seiner Seite, und eine leichte Hand legte sich schüchtern auf sein nasses Haar.

»Hinnick!«

Erschrocken, unwillig wandte er seinen Kopf zur Seite. Da stand Gesa. Das blaue Waschkleid war durchnäßt und klebte an ihren jungen Gliedern. Das hellblonde Haar hing aufgelöst in feuchten Strähnen über ihre bloßen Schultern.

»Wie kummst denn du hierher? – Goh doch noh Hus!« Hart warf er ihr die Worte zu.

Sie besah stumm ihre starren Finger, die von dem vielen Regen ganz weiß, fast durchsichtig geworden waren, warf aber dazwischen ängstliche Blicke auf ihn und blieb am selben Fleck stehen.

»Hest du 't nich hürt? Ick hew seggt, du sast noh Hus gohn. – Wat wullt du öberhaupt?«

»Büst du noch bös von hüt nahmiddag? – Ick bün weder ünner de Wied west – bie 't Schummern – 'n Stunns Tiet hew ick up't Holt seten und lurt – aber du büst ja nich kam'n. – – Du kannst aber schön danzen – ick hew seihn, wie du mit Elsabe danzt hest. – – Segg mal wat, Hinnick.«

Sie wagte es wieder, ihre Hand leicht auf seinen Nacken zu legen. So stand sie eine Weile, 30 zitternd vor Nässe und Kälte, bange, was er sagen würde.

Aber er blieb stumm, das Haupt trotzig auf der Faust gestützt.

Kalter Westwind fuhr durch die Baumkronen und schüttelte die schweren Tropfen von den herniederhängenden Blättern auf sie herab. Vom Strom herauf scholl um diese Zeit des höchsten Wasserstandes unablässig das Tuten der aufkommenden Dampfer und Schlepper. Und aus dem Saale klang die schrille Musik, das Lachen und Kreischen der Burschen und Mädchen.

Nur zwischen den beiden in der engen Laube blieb es still; sie schienen beide nur auf das prickelnde Platzen des auf den Boden und in die Pfützen tropfenden Regens zu horchen.

Gesa neigte sich leise, damit er es nicht merke, seinem Haupte immer näher zu, und dann drückte sie es sanft gegen ihre Hüfte.

Als seine heiße Wange endlich an ihrem feuchten Kleide lag, hob Hinnick den Kopf und sagte ruhig, fast weich:

»Du büst ja dorch natt. Goh doch noh Hus un legg di to Bett. – Wenn du so noch rumlöppst, kannst du di licht dorbi wat upsacken.«

Sie war zuerst erschrocken zusammengefahren und hatte ihn plötzlich losgelassen. Aber als er so gut zu ihr sprach, da stieg es ihr warm in der 31 Brust auf, und befriedigt lächelnd schüttelte sie das triefende helle Haar zurück.

Sie setzte sich zu ihm, rückte ganz nah und legte ihren rechten Arm um seinen Rücken.

»Nich, Hinnick, du büst nich mehr bös? – Ick hew di ja ok gor nicks dohn. – Wie hew ick up di lurt, ick dacht all, di wär wat passert. – Goh man nich weder noh'n Saal rin. Du möst ja ok möd sien; goh man an BurdDer Koch muß als Wache stets an Bord logieren, auch wenn das Schiff einige Tage im Heimatshafen liegen bleibt. un rauh di ut. – Du hest uk schön rumspelunkt, ick hew di all dörch't Finster seihn.« Sie lächelte dabei, denn sie wollte ihm nicht wehtun. Dann setzte sie lauernd hinzu, neugierig, was er wohl sagen würde:

»Danzt Els'be schön?«

»Ach ja, danzen kann se god, – aber se döcht nicks! Se geiht mit jedenein.«

Gesa antwortete darauf nichts, sie schloß nur ihren Arm fester um seinen Rücken und lehnte das Haupt an seine Schulter. Sie fühlte sich glücklich.

Der Regen ging immer stärker nieder, und um die beiden wurde es immer dunkler, immer heimlicher.

»Warum büst du denn nich rinkamen?« Hinnick richtete sich dabei etwas auf und sah ihr voll ins Gesicht. 32

Sie rieb ihre Wange an seiner Schulter und schloß ihre Augen.

»Ick dacht, du wärst mi bös.«

»Dumm'n Snack! warum sull ick di bös wesen? – Hm? segg doch.« Er legte seinen Arm um sie und zog sie fest an sich. »Segg doch, Gesa.«

»Ick weit ja nich.« Eng schmiegte sie sich an ihn. –

»Du büst dumm, Gesa! Du büst dumm!«

Er sagte es nur, damit sie es nicht so bemerken sollte, daß er sein Gesicht dem ihren immer näher brachte. Und dann küßte er sie und wiederholte jedesmal: »Du büst dumm!«

Diesmal sträubte sie sich nicht. Sie hatte ihr Haupt auf seine Schulter gelegt, die Augen geschlossen, und ein leichtes Lächeln lag auf ihrem Gesicht; zwischen den fingerbreit geöffneten, blutroten Lippen sahen gesunde Zähne hervor.

So saßen sie eine ganze Weile, alles um sich her vergessend. Hinnicks Lippen ruhten minutenlang auf den ihren, und ihre Hand strich fortwährend liebkosend über seinen Arm.

Da schreckte sie plötzlich ein häßliches Lachen ganz in ihrer Nähe aus ihrem seligen Zustand.

Marten und Elsabe wollten für sich ein verstecktes Plätzchen suchen und hatten nun die beiden dort gefunden, die des starken Regens wegen die Schritte nicht hatten hören können. 33

»Kiekt!« rief Elsabe, als sie sich etwas ausgelacht, ins Saalfenster: »Kiekt! Hier sitt uns lütt Hinnick. Wat he sick bloß för 'n nette Brut anschafft het.« Und dann lachten sie wieder, und die ans Fenster Geeilten lachten mit, obgleich sie nur ganz schwach ein helles Kleid aus dem Dunkel konnten schimmern sehen. Elsabe war aber nur deshalb am meisten aufgebracht, weil sich Hinnick über ihren Verlust so schnell getröstet hatte. Sie wollte doch noch etwas gelten.

»Sall ick juch nich 'n bitten lüchten?« fragte Marten ironisch. »Ick hew sachts noch 'n Striekholt för juch öber.« Er holte Feuerzeug aus der Tasche hervor.

»Ah wat, nee!« rief Elsabe wieder dazwischen. »Kumm, Marten, wi will'n 'n Tusch för de beiden blasen loten un se as verlor'n gohn utraupen loten.«

Sie zog Marten am Arm, und beide liefen lachend in den Saal.

Hinnick war bei den letzten Worten aufgesprungen, vor Wut keines Wortes fähig. Gesa hatte sich scheu in die tiefste Ecke gedrückt und saß dort bewegungslos.

Wenn man ihn als verloren ausrief, – das wäre ein Spott, der ewig auf ihm sitzen bliebe. Er mußte lustig sein, lachend durch den Saal tanzen, anders konnte er sich nicht retten. 34

Aber die Elsabe sollte es fühlen! Die Elsabe und der Marten, dies Verbrecherpaar!

Er wollte in den Saal stürzen, aber Gesa, die ihn beobachtet hatte, war schnell aufgesprungen und hielt ihn ängstlich umklammert.

»Goh nich rin, Hinnick! Ji kriegt juch dat Strieden, un viellicht noch dat Slohn. – Hinnick, kumm mit mi hier weg.«

»Lot mi los! Wat weißt du dorvon. – Lot mi los, segg ick di! Du büst ja doch man schuld doran. Wenn du nich so narrsch hier rumseten harst, wär dat all nich komen!«

Doch sie hielt ihn nur um so fester.

»Du dörfst nich gohn, Hinnick. Hür mi doch! Dor kann to licht wat passier'n. – Kumm, Hinnick, kumm! – Ick – ick will ok alles dohn, wat du wullt. Kumm ok!«

Aber im Saal blies jetzt wirklich die Trompete das Signal.

»Weg hier!« rief Hinnick, und wollte sich losreißen, doch sie hielt ihn zu fest.

Ihre Finger hatten sich in sein Zeug festgekrallt, ihr bleiches Gesicht sah bittend zu ihm auf, und ihre Stimme zitterte vor Besorgnis um ihn:

»Ick hew di ja leiw, Hinnick – bliew bi mi!«

Drinnen ertönte das Signal zum zweiten Male.

Da packte es Hinnick, er schüttelte sie mit ganzer 35 Kraft von sich ab, daß sie in den Schmutz fiel, und eilte über sie hinweg in den Saal.

Als Gesa am Boden lag, suchte sie ihn noch am Fuß festzuhalten, aber er war zu flink fort.

Sie erhob sich, und ohne erst nach ihrem schmutzigen Kleide zu sehen, eilte sie ans Fenster, um in den Saal zu schauen. Gerade erscholl das Signal zum drittenmal, als Hinnick erschien.

Er klatschte lachend in die Hände. Aber sie konnte wohl merken, wie schwer ihm dies Lachen wurde. Alle wurden auf ihn aufmerksam, der Lärm schwoll immer mehr. Das Ausrufen hatte er sicher vereitelt.

Gesa atmete etwas beruhigter. Sie bog sich über das Gesims, ihre Hände krallten sich inwendig an die Fensterbank fest; so beobachtete sie voll erregter Spannung jede Bewegung Hinnicks.

Aber jetzt! Sie hätte ihm eine schnelle Warnung zurufen mögen, aber das Wort blieb ihr in der Kehle stecken. Ihr Kinn sank auf das Fensterbrett, und angstvoll zitterte ihr Körper.

Er war auf Elsabe zugelaufen, hatte sie dem Marten entrissen und zog sie mit Gewalt, hopsend durch den Saal, dabei das Spottlied von vorhin anstimmend:

»Lütt' Martens hett den Pudel stohl'n, Pudel stohl'n,
Den Pudel ut de Pann! 36
He wull kein Fleisch nich mehr betohl'n, Nich betohl'n,
Is dat nich Schimp un Schann?«

Das entfachte ein Gejohle und Gelächter, daß der Saal erdröhnte. Und Hinnick kam immer mehr ins Zeug. Er wollte seine Rache schon kühlen!

Aber Gesa bemerkte das zornige Gesicht des Marten, der nie viel zu sagen pflegte, aber immer gleich zur Tat bereit war. Sie sah, wie sich seine Hände ballten, und wie er seine Zähne zusammenbiß. –

Hinnick schleppte die sich arg Sträubende, trotz ihres Schimpfens, weiter durch den Saal. Er sang sogar auch auf sie einen Vers, und keinen anständigen:

»Dull Els'be, de har Stuten freeten,
Denn kunn se nich verdaun,
Dunn het se up de Brak . . . . .
. . . . . . . . . . . . .«

Das war aber den halb und dreiviertel Angetrunkenen gerade recht. Nun war Hinnicks Sieg vollständig. Er konnte sich ruhig mit erhobenem Haupte sehen lassen.

Elsabe hatte er endlich losgelassen; und mit Tränen in den Augen, vor Wut und Scham, rannte sie in den Garten.

Nun war Hinnick obenauf. Er rief ihr nach: »Hallo, Els'be, sall ick di lüchten? – Teuw 'n bitten.« 37

Unter mächtigem Fußtrampeln aller Anwesenden eilte er ihr nach. Sie lachten sich nun alle erst ordentlich aus.

Gesa aber hatte noch mehr bemerkt: auch Marten war hinausgestürzt!

Schnell verließ sie ihren Platz und suchte durch das vollständige Dunkel den Weg um das Lokal zu dessen Eingang. Sie war kaum aus dem Obstgarten heraus und in den großen Biergarten gelangt, da hörte sie auch schon Elsabes streitende Stimme.

»Un ick segg di, du lätst mi tofreden, Hinnick! De Streich ward di insolt, dat is ein Deil, wat gewiß is!«

»Du bist't ja nich beder wert! Un för dien' saubern Moschü Urjan sünd wi ok noch nich bang.«

Er hatte eben diese Worte gesprochen, als ein dumpfes Grunzen folgte, dann ein Tumult, kräftige Schläge fielen, und endlich ein Brechen von Zweigen tief im Gebüsch.

Nichts war zu sehen, tiefe Finsternis umhüllte alles. Kein Wort wurde gesprochen, nur einmal ein unterdrückter, warnender Ausruf Elsabes: »Marten!«

Gesa lief voll der schrecklichsten Erwartung zu der Stelle; aber sie fand nicht gleich etwas. Sie fühlte mit dem Fuß über den Boden hin: nichts. Dann drang wieder lautes Gelächter aus dem Saal herüber; sie hörte Rufe: »Hallo, Els'be!« 38

Sie warf sich auf die Kniee und suchte kriechend den ganzen Fleck ab. Ihre Augen füllten sich von neuem mit Tränen, ihr Haar schleppte über den schmierigen Boden: sie fühlte nichts als den nassen Schmutz, der sich in einer dicken Schicht um ihre Hände legte.

Endlich, als sie weiter ins Fliedergebüsch gekrochen war, faßten ihre Finger einen Körper. Sie sah nicht, wer es war, aber sie wußte doch, daß es nur ihr Hinnick sein konnte.

Die große Erregung, die Anspannung hatte ihr Kraft und Stimme genommen; gebrochen fiel sie auf den Daliegenden und preßte in erstarrtem Schmerz ihr Gesicht gegen das seine. Kein Laut kam über ihre Lippen, nur ihre Brust rang mühsam nach Atem, ihre fühllosen Finger bohrten sich zitternd in den Erdboden.

So lag sie eine Weile, ehe sie wieder recht zur Besinnung kam.

Es regnete mit unverminderter Heftigkeit; vom Gesträuch fielen die großen Tropfen platschend auf sie nieder, wenn der Wind hindurchfuhr. Im Saale spielten sie einen verrückten Galopp; die rasende Musik, das wilde Stampfen und Schleifen drang bis heraus. . . . Gesa hob endlich den Kopf, horchte und wußte im ersten Augenblicke nicht, was mit ihr geschehen war. . . .

Doch dann umklammerte sie den Kopf ihres 39 stumm daliegenden Hinnick und küßte stürmisch sein kaltes Gesicht, und endlich merkte sie auch, wie es warm an der Stirn, dicht unter seinen Haaren, hervorsickerte und über die Schläfen hinablief.

Schnell war sie aufgesprungen und eilte zum Strande. Ihr blaues Kleid hatte weißes Futter; also riß sie ein Stück herab, wusch es im Strom ordentlich aus und eilte mit dem nassen Stück Zeug wieder zu dem Besinnungslosen.

Sie wusch ihm die Stirn und das Gesicht, riß wieder ein Stück Futter aus ihrem Kleid und verband seinen Kopf, so gut es ihr gelingen wollte. Zeug hatte sie zu der Binde wirklich genug verwendet.

Sollte sie nun eilen und Hilfe holen? Aber sie mochte ihn keine Sekunde verlassen. Sie hoffte, daß er jeden Augenblick erwachen würde.

Und sorgend über ihn gebeugt, rief sie seinen Namen: »Hinnick!« und immer wieder: »Hinnick!«

Endlich war es ihr, als bewege er seinen rechten Arm. Nun schüttelte sie ihn und schrie: »Hinnick!«

Da antwortete ihr ein staunendes, fragendes »Hm?« Und er legte sein Haupt auf die Seite.

»Hinnick, is di noch nich 'n bitten beder? – So antwur mi doch, mien Hinnick.«

»Wat? – wat is?« kam es schwach von seinen Lippen. Er hatte das Haupt etwas aufgerichtet, 40 doch ließ er es gleich wieder sinken und stöhnte: »Uh, mien Kopp.«

Sie legte ihren Arm unter seinen Rücken und suchte ihn etwas zu heben. Dabei stieß ihr Knie gegen seinen rechten Arm, da entrang sich wieder ein Schmerzenslaut seinem Munde.

»Deiht dat di hier ok weih, Hinnick?« Sie betastete vorsichtig seinen Arm, und richtig zuckte er zusammen, als sie kurz über den Ellbogen kam.

Er wand sich vor Schmerz und richtete sich auf, mit der Linken nach der Wunde greifend. »Verflucht! Deiht dat weih!« Ihm wollten Tränen aufsteigen, aber er kämpfte sie tapfer nieder.

»Kumm, stoh up, Hinnick! Kom mit noh mien Hus, ick will Mudder beden, dat se di bi uns hüt nacht slopen lät. – Kumm up.«

Er war verwirrt, als sei er plötzlich aus einem tiefen Schlaf gerissen. Nur mit großer Anstrengung gelang es ihm, sich aus dem Gebüsch zu arbeiten. Erheben konnte er sich schon gar nicht allein, da mußte ihm Gesa mit ihren nicht geringen Kräften helfen.

»Sall ick di ok den Arm verbinn'n?«

»Nee – lot man –« Ihm wurde selbst das Sprechen schwer.

Langsam gingen sie nun den Damm hinauf. Alle paar Schritt mußte Hinnick Atem schöpfen.

»Wist du mit noh mien Hus?« 41

»Nee. – Ick goh an Burd.«

»Womit het he di slogen?«

»Ah, de verdammte Kerl! – Krieg ick denn bloß mal twischen de Finger! – Dat mut 'n Slagring wesen sien oder sünst 'n Stück Isen. – Lop doch nich so.«

»Nee, nee.«

Sie hatte ihren Arm um ihn geschlungen und brauchte ihre ganze Kraft, ihn zu stützen, sie hätte ihn am liebsten getragen. Hätte sie ihm nur die Schmerzen abnehmen können!

Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie beim Steg anlangten, wo das Boot lag. Sie war ihm behilflich beim Einsteigen, machte das Tau los, legte den Riemen in die Wrickkrampe und wollte abstoßen. Aber Hinnick hielt es noch mit seiner linken Hand zurück.

»Du möst doch erst utstiegen, Dern.«

»Ick kann di doch nich in dissen Tostand allein loten! Nee, Hinnick, dat dörfst du mi nich an Sinn sien.«

»Aber wie wullt du denn weder röber kamen?«

»Dat lot man mien Sorg sien. Irst möt ick di to Rauh weten. – Dor ward denn woll sachts ein komen, de mi eben röbersett.«

Hinnick konnte das Boot nur mit der linken Hand regieren, und da hatte er denn mit dem Strom seine liebe Not. Der rechte Arm hing schlapp 42 am Körper nieder, dickes Blut lief über die Hand und tropfte von den Fingern herunter. –

In der Kabüse waren sie endlich im Trocknen. Hinnick ließ sich, als er Licht angezündet hatte, sogleich ermattet in die Koje fallen und schloß die Augen.

Das griff Gesa bis ans Herz. Nun brach die Tränenflut los, die sie so lange mühsam zurückgehalten. Sie warf sich weinend über ihn und sog und küßte dann ihre eigenen Tränen von seinem blassen Gesicht.

Aber sie kam bald zur Besinnung und sagte sich, daß hier mit Schreien nicht zu helfen sei. Sie zwang ihn, den rechten Arm zu entblößen. Da es ihm aber des Schmerzes wegen unmöglich war, ihn aus dem Ärmel zu ziehen, mußte sie den blauen Flanell aufschneiden.

Dicht unter dem Muskel hatte er eine tiefe Wunde. Das Blut war rings herum schon zum Teil schwarz und geronnen, nur aus der Mitte quoll es noch immer frischrot hervor.

Sie holte einen Eimer Wasser und reinigte und verband auch diese Wunde.

Hinnick ließ alles ruhig mit sich geschehen. Er schaute mit halboffenen Augen sinnend ins Licht. Ihn hielt eine wohlige, traumhafte Stimmung umfangen. Wann in seinem Leben hatte ein weibliches Wesen so um ihn gesorgt? Wann hatten ihm zarte 43 Mädchenhände so zart und liebkosend über die Wangen gestrichen?

Und dieses Glück hatte er auf dem Wasser! Ein geborener Schiffer fühlt sich nicht recht wohl auf dem Lande. Er konnte sich sogar einbilden, sie seien auf hoher See, denn die aufgeregten Wellen schlugen mit dumpfem Plumpplump gegen die Schiffswände. Nach dem Regen war ein heftiger Wind aufgestiegen und rumorte in der Takelage; das pfiff und heulte, und die Windfahne hoch oben am Hauptmast piepte dazwischen.

»Du büst bit up't Fell natt, Gesa, du möst di wat Dröges antreggen.«

»Ach, dat lot man. Wenn du di man erst 'n bitten beder feuhlst.« Sie legte ihr Haupt sanft auf seine Brust.

»Mi is god to Maut. Aber du kannst in dat quutschige Tüch nich blieben, du sackst di 'n böse Krankheit op.« Seine Linke strich über ihr nasses Haar. »Dör ünner in'e Bucht liggt noch Flanellhemden, hol se mol rut.«

Sie wurden zusammen wie Kinder. Das Außergewöhnliche ihrer Lage hatte jede Begierde getötet. Wie zwei glückliche, unschuldige Geschwister standen sie zusammen und vergaßen die ganze Welt, die außerhalb des Schiffsraumes lag: eine Welt, die sie verurteilte!

Gesa warf ihre Kleider ab und hing sie über 44 die Leine zum Trocknen. Sie zitterte vor Frost, ihre Zähne schlugen zusammen, schnell rieb sie ihren Körper trocken und zog das dicke blaue Wollhemd über. Dann wollte sie zunächst in dem kleinen Ofen Feuer anlegen, aber Hinnick forderte, daß sie sich zuerst noch seinen Rock überziehe. Dazu stieg sie in des Fischers langschäftige Wasserstiefel und schritt in possierlicher Gangart den kleinen Raum auf und nieder.

Darüber mußte Hinnick nun doch lachen, obgleich ihm der Kopf dabei wehtat. Und sie freute sich über sein Lachen so sehr, daß sie gleich zu ihm lief, ihn mit beiden Armen freudig lachend umfing und bald die linke, bald die rechte Wange heftig gegen sein Gesicht preßte. Dann schaute sie ihm eine Weile in die Augen, schüttelte den Kopf, daß ihr loses Haar hin und her über sein Gesicht strich, lachte wieder hell auf und drückte ihre Nase so lange auf die seine, bis er den Kopf zur Seite wandte.

Dann versuchte sie Feuer anzulegen, aber es wollte nicht brennen; sie stopfte einen Haufen Holz hinein in den Ofen und riß ein Zündholz nach dem andern an. Es glimmte wohl, aber es brannte nicht. Sie steckte Papier hinein, das flackerte auf, aber nachher lag alles wieder wie tot.

»Lot dat man sien, wat quälst di dorbi af. Ick hew gestern Deck schürt un alls up 'Hupen packt, viellicht liggt wat up 'n Schosteen.« 45

»Denn schall ick nicks anmoken?«

Hinnick drückte sich tief in die Ecke, um für Gesa Platz zu machen.

»Nee, lot man – kumm man. Dat räukert uns blot de Baud vull. Kumm man, dat warm warst.«

Gesa lag auf den Knieen vor dem kleinen Ofen und sah mit großen, sinnenden Augen in die aufflackernde Flamme; wenn eine Papierkugel verkohlt in sich zusammensank, drehten ihre Hände mechanisch eine neue und entzündeten sie an dem sengenden Holz. . . .

. . . Wäre es nicht gerade gut, wenn sie hier zusammen verräucherten – erstickten? – Was würde ihr der nächste Tag bringen? Von der Mutter Hiebe und Lästerung! Von den Schwestern schmerzvolle Sticheleien und Kränkungen! Von allen anderen Schmähungen und Spott! – Ach! lieber sterben! – Ja! . . . würde morgen Hinnick nicht doch wieder mit Elsabe oder einer andern scherzen und tanzen? Und sie, sie darf es dann wieder aus einer dunklen Ecke zermartert mit ansehen . . .

Nein! – –

Jetzt kam wieder Leben in ihren Körper; mit beiden Händen stopfte sie Papier, Holz und Lumpen in den Ofen.

Sie wollte sterben! sterben! – und mit ihm!

»Kumm doch!« klang es wieder aus der Koje. 46

Da sprang Gesa auf, schleuderte die schweren Stiefel von den Füßen, daß sie bis unter die Decke flogen, ließ ihren Rock auf die Erde gleiten und kletterte zu ihm hinein.

Noch einmal blickte sie sich um; aber das Feuer im Ofen brannte, brannte lichterloh.

Dann preßten ihre Arme seinen Kopf krampfhaft an ihren jungen Busen . . . . . . .

. . . Am nächsten Morgen, als der Fischer an Bord wollte, sah er schon vom Deich aus, wie grauer Rauch zwischen den Ritzen der Luke hervordrang. Da Hinnick auf sein Rufen nicht erschien, nahm er ein fremdes Boot und ruderte schnell hinüber.

Als er die Luke geöffnet und der Rauch sich etwas verzogen hatte, fand er Gesa und Hinnick erstickt in der verräucherten Koje liegen.

Sie hielten sich beide fest umschlungen.

 


 

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