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Grashalme

Walt Whitman: Grashalme - Kapitel 51
Quellenangabe
typepoem
authorWalt Whitman
titleGrashalme
publisherVerlag Deutsche Volksbücher GmbH.
yearo.J.
translatorJohannes Schlaf
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140424
projectid2faf22c8
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Der geheimnisvolle Trompeter

1.

Hört, ein wilder Trompeter, ein fremder Musikant;
Unsichtbar schmettert er nächtens seltsam vibrierende Töne in die Luft.
Ich höre dich, Trompeter! Aufmerksam lausch' ich und bewahre deine Klänge.
Jetzt schwellen sie an, umwirbeln mich im Sturm;
Jetzt tönen sie leise, halblaut, verlieren sich nun in der Ferne.

 

2.

Komm näher, Körperloser! Es tönt vielleicht aus dir
Ein toter Komponist; vielleicht auch war dein verträumtes Herz
Voll hohen Strebens und voll dunkler Ideale;
Wellen melodischer Meere in chaotischer Brandung,
Was jetzt, verzückter, zu mir hergeneigter Geist, der Widerhall deines schallenden Hornes
Ausgießt in mein Ohr, in meines allein, und freigebig,
Damit ich's deute.

 

3.

Blase, Trompeter! frisch und hell; ich folge dir.
Während unter deinem sanften, heiterfrohen Vorspiel
Die tosende Welt, die Straßen, die lärmenden Tagstunden versinken,
Senkt sich der Tau heiliger Ruhe auf mich nieder.
In kühler, erfrischender Nacht wandl' ich paradiesische Pfade;
Grasduft atm' ich, frischfeuchte Luft und Rasen;
Dein Lied befreit meinen starren, gefesselten Sinn,
Du läßt ihn schweifen und schweben, sich sonnen auf himmlischem See.

 

4.

Blase weiter, Trompeter! und meinen begierigen Augen
Bringe herauf die Pracht der Antike; die Vision der Feudalwelt.
Zauberisch läßt dein Getön an mir vorüberschreiten
Längst verblichene Damen und Ritter; es sitzen in ihren Schloßhallen Barone, und es singt der Troubadour;
Es ziehen bewaffnete Ritter aus, Unbilden zu rächen, oder den heiligen Gral zu suchen;
Ich sehe das Turnier; sehe die Kämpen in schwerer Rüstung auf stattlichen Streitrossen sitzen;
Ich höre die Rufe, die Schläge, den klingenden Stahl;
Ich sehe der Kreuzfahrer brausende Heere. – Horch, wie die Zymbeln tönen!
Dort, wo die Mönche vorangehen mit hocherhobenem Kreuze.

 

5.

Blase weiter, Trompeter! Wähle zum Thema,
Das, was alles umschließt, die erlösende Ordnung;
Liebe, den Herztakt des Alls, der Freuden und Leiden;
Herz von Mann und Weib zur Liebe geschaffen.
Kein andres Thema als Liebe – einende, alles umfangende, alldurchdringende Liebe.
Oh wie ewige Gesichte rings mich umkränzen!
Ich sehe den ungeheuren, ewig wirkenden Kreis; sehe und kenne die Flammen, welche die Welt durchwärmen:
Das Glühen, die Röte, der Liebenden klopfende Herzen;
So wonneselig die einen; die andern so still, so finster, dem Tod nah.
Liebe, alle Welt der Verliebten! – Liebe, die über Zeit und Raum spottet!
Liebe, die Tag und Nacht – die Sonne ist, Mond und Sterne.
Liebe, purpurn, prunkend, siech von Wohlgerüchen.
Keine andern Worte als Worte der Liebe; keine andern Gedanken als Liebe.

 

6.

Blas' weiter, Trompeter! Kriegslärm beschwör' herauf.
Auf dein magisches Wort gleich erhebt sich dumpfes Gedröhn wie rollender Donner.
Sieh, Bewaffnete stürmen. – Sieh, durch Staubgewölk die Bajonette gleißen!
Ich gewahre grimmig blickende Kanoniere; Feuerlohe seh' ich durch Pulverdampf schlagen; ich höre das Knattern der Gewehre.
Nicht nur Krieg – dein schauerlich Lied, du wilder Spieler, bringt jegliches Schreckensgesicht;
Untaten fühlloser Mörder, Raub, Mord. – Ich höre den Schrei um Hilfe.
Schiffe seh' ich scheitern im Meer; auf und unter dem Deck erblick' ich grausige Szenen.

 

7.

Oh Trompeter! bin ich selbst das Instrument, auf dem du spielst?
Du schmelzest mein Herz, mein Hirn – du erschütterst mich, ziehst mich an, spielst mit mir, wie du willst.
Mit Finsternis jetzt durchdringt mich dein düstres Lied.
Du beraubst lieblichen Lichts und jeglicher Hoffnung.
Ich sehe die Geknechteten, die Unterdrückten, Geschlagenen der ganzen Erde;
Fühle der Menschheit endlose Schmach und Erniedrigung, alles betrifft mich;
Auch die Rache der Menschheit, der Zeitalter Sünden, verheerende Fehden und Zwietracht;
Gänzliche Niederlage lastet auf mir! alles verloren; siegreich der Feind.
(Doch unter Trümmern unerschütterlich steht und gigantisch der Stolz bis zum äußersten,
Ausdauer und äußerste Entschlossenheit.)

 

8.

Jetzt, Trompeter! zum Schluß
Stimm' ein höheres Lied an als alle bisher!
Sing' meiner Seele, belebe ihr schwindend Vertrauen und Hoffen;
Stärk' meinen schwachen Glauben; gib mir ein Zukunftsbild;
Gib mir mit Vorahnung zugleich Wonne der Erfüllung.
Oh frohes jauchzendes Lied der letzten Höhe!
Mehr als irdische Kraft lebt in dem Klang.
Siegesmärsche! – Freiheit! – Endlich Sieger der Mensch!
Hymnen einem Gott von allen Menschen! – Freude!
Eine neugeborene Rasse im Licht! – Eine vollkommene Welt! Freude!
Männer und Frauen in Weisheit, Unschuld und Gesundheit! – Freude!
Laute, lachende Feste erfüllt mit Freude!
Krieg, Sorgen, Leiden dahin! Vom Übel gereinigt die Erde! – Nichts blieb übrig als Freude!
Die Ozeane erfüllt von Freude! – Die Luft voll Freude!
Freude! Freude in Freiheit, Anbetung, Liebe! Freude in des Lebens höchster Steigerung!
Genug zum Sein! Genug zum Atmen!
Freude! Freude! Überall Freude!

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