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Grashalme

Walt Whitman: Grashalme - Kapitel 28
Quellenangabe
typepoem
authorWalt Whitman
titleGrashalme
publisherVerlag Deutsche Volksbücher GmbH.
yearo.J.
translatorJohannes Schlaf
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140424
projectid2faf22c8
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Du, mir aus freier Fülle spendende Natur

Du, mir aus freier Fülle spendende Natur;
Liebevoller Tag, aufsteigende Sonne, Freund, mit dem ich glücklich bin;
Arm der Freundschaft, der lässig sich um meine Schulter schlingt;
Du Hügelhang, licht gesprenkelt mit der Bergesche Blüten;
Du auch, spät im Herbst, mit deinen Schattierungen von Rot, Gelb, Blau, Purpur, Hell- und Dunkelgrün;
Des Grases üppiger Teppich, Tiere und Vögel, einsames rauhes Gestade, Wildäpfel, Kieselsteine.
Ihr träufelnden Steine der Schönheit, ungefähres Verzeichnis und Reihenfolge, wie es sich trifft, daß ich euch benenne oder euer gedenke,
Ihr erst, wahrhafte Gedichte (was wir sonst Gedichte heißen, ist bloß Abbild);
Poesie der Nachteinsamkeit, der Menschen, die mir gefallen;
Und dieses spröde und unsichtbare Gedicht, das ich allzeit in mir trage, und das alle Menschen in sich tragen;
(Bekannt dennoch allen und mit Absicht anerkannt, wo immer Menschen sind, die ich gern habe, sind unsere munteren, heimlichen Gedichte von Mannheit);
Liebesgedanke, Liebesseim und Liebesduft, Willfährigkeit der Liebe, Umarmung und der Umarmung Saft;
Liebentflammter Arm und liebentflammte Hand, liebentflammte Lippe, Glied, Brüste, Leiber, liebevoll gegeneinander gepreßt und verschmolzen;
Erde der keuschen Liebe, Leben, das einzig Leben ist nach empfangener Liebe;
Leib meiner Liebe, Leib des Weibes, das ich liebe; Leib des Mannes und der Erde;
Sanfte Morgenlüfte, die aus Südwest wehen;
Die behaarte Wildbiene, die sehnsuchtsvoll summend hin und wieder fliegt, die vollentfaltete weibliche Blume ergreift, sie umklammert mit liebevoll starken Beinen, ihr ihren Willen nimmt und bebend sich festklammert, bis sie gesättigt ist;
Tau der Wälder in den Morgenstunden;
Zwei Schläfer, die engvereint zur Nachtzeit im Schlaf beisammen liegen; der eine hat den andern mit dem Arm schräg unter die Hüfte gefaßt;
Apfelduft, Aroma von zerstoßenem Salbei, von Minze und Birkenborke;
Des Knaben Sehnsucht, die Wärme seines Druckes, als er mir anvertraute, was ihm geträumt;
Das welke Blatt, das in zitternder Spirale herabbebt, still und zufrieden auf den Erdboden nieder;
Die heimlichen Stachel, mit denen die Erscheinungen, Menschen und Dinge mich stechen;
Der mir selbst eingefügte Stachel, der mich ebenso sticht als er immer einen andern könnte;
Die empfindlichen runden Zwillinge unten, die vielleicht die auserlesenen, einzig zuverlässigen Fühler sind;
Der seltsame Schweifende, dessen Hand über den ganzen Körper reicht, das schamvoll verborgene Fleisch, in welchem ihre Finger lind sich selbst anhalten und reizen;
Die helle Flüssigkeit in dem jungen Mann;
Das gequälte Ätzen so ernst und peinvoll;
Die Pein, der reizbare Strom, der nicht gehemmt sein will;
Das entsprechende von dem gleichen, das ich fühle; das entsprechende von dem gleichen, was andere;
Der junge Mann, der glüht und glüht; und das junge Weib, das glüht und glüht;
Der junge Mann, der in tiefer Nacht wacht; seine glühende Hand, die zurückzuhalten sucht, was ihn meistern will;
Die mystische, zärtliche Nacht; die herbe, halb willkommene Pein, Visionen, Schweiß;
Der Pulsschlag, der durch die Handfläche stößt und durch die umklammernden Finger bebt; der junge Mann ganz rot erglüht, voller Scham und Gereiztheit;
Die Salzflut meiner geliebten See über mich hin, wenn ich in dargebotener Nacktheit liege;
Die Lustigkeit der Zwillinge, die im Sonnenschein über das Gras hinkriechen; während die Mutter nicht einen Augenblick ihre wachsamen Augen von ihnen läßt;
Der Walnußstamm, die Walnußschalen und die reifenden oder gereiften länglichrunden Walnüsse;
Die Selbstbeherrschung von Pflanzen, Vögeln, Tieren,
Und meine ihr gegenüber ausgemachte Kläglichkeit, ob ich mich verstecken soll oder mich unzüchtig finden soll, wo Vögel und Tiere nicht ein einziges Mal sich verbergen oder sich selbst unzüchtig finden;
Die erhabene Keuschheit der Vaterschaft, im Wetteifer mit der erhabenen Keuschheit der Mutterschaft;
Der Schwur der Zeugung, den ich schwur, meine munteren Adamstöchter;
Die Gier, die mich frißt bei Tag und Nacht mit hungrigem Magen, bis ich das sättige, was Knaben erzeugen soll, die meine Stelle ausfüllen sollen, wenn ich hindurch bin;
Die gesunde Erleichterung, Ruhe, Zufriedenheit;
Und dies Bündel, das ich von mir riß aufs Geratewohl, –
Es hat sein Werk getan. – Achtlos werfe ich's fort; falle es, wohin es mag. –

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