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Grashalme

Walt Whitman: Grashalme - Kapitel 25
Quellenangabe
typepoem
authorWalt Whitman
titleGrashalme
publisherVerlag Deutsche Volksbücher GmbH.
yearo.J.
translatorJohannes Schlaf
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140424
projectid2faf22c8
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Aus gepressten, schmerzhaften Strömen

Aus gepreßten, schmerzhaften Strömen heraus,
Aus dem Teil von mir, ohne den ich nichts wäre,
Aus dem, das als erhaben hinzustellen ich bestimmt ward, als ich noch einsam stand unter den Menschen,
Aus dem Widerhall meiner eigenen Stimme heraus singt der Phallus,
Singt der Sang der Zeugung,
Singt die Notwendigkeit stattlicher Kinder und eines aus ihnen erwachsenden stattlichen Volkes,
Singt der Drang des Muskels und die Mischung,
Singt der Sang der Lagergenossen. (Oh unwiderstehliches Gefühl!
Oh wechselseitige Anziehung des Körpers für alle und jeden!
Oh für dich, wer auch immer du seist, dein dir entsprechender Leib! Oh das, was über alles andre sonst dich erfreut!)
Aus dem gierigen Nagen heraus, das an mir frißt bei Tag und Nacht,
Aus gebärerischen Einflüssen, aus schamhaften Qualen heraus sing' ich,
Und suche etwas, das noch ungewiß ist, obschon ich es mit Sorgfalt manch langes Jahr hindurch gesucht habe,
Singe den wahren Sang von der auf's Geratewohl sich verändernden Seele;
Wie sie wieder ins Sein tritt aus der mächtigen Natur heraus oder unter den Lebewesen;
Von alledem und allem, was mit ihm im Zusammenhang, geben meine Gedichte Bescheid;
Von dem Duft der Äpfel und Limonen, von der Paarung der Vögel;
Vom Saft der Wälder, von den hüllenden Wogen,
Von dem wilden Wogendrang auf das Land hinaus sing' ich;
Lasse fröhlich meine Ouvertüre erschallen, in der ich die Weise vorausnehme;
Die willkommene Nähe, der Anblick des vollkommenen Leibes;
Den Schwimmer, der nackt im Bade schwimmt oder regungslos auf dem Rücken liegt und treibt, besing' ich;
Die Annäherung der weiblichen Gestalt: und ich, verloren, das Liebesfleisch in zuckendem Schmerz,
Ich stelle das göttliche Verzeichnis auf für dich und jeden:
Das Antlitz, die Glieder, den Inhalt vom Kopf bis zum Fuß, und was ihn in Erregung versetzt,
Die mystische Raserei, die verliebte Tollheit, die äußerste Verlorenheit,
(Horche genau und aufmerksam, was ich dir jetzt zuflüstere:
Ich liebe dich; o völlig bin ich dein eigen!
Oh, daß du und ich den andern entrinnen und weit fort von dannen gehen könnten, frei und gesetzentbunden,
Zwei Falken in der Luft, zwei Fische, die in der See schwimmen, nicht gesetzentbundener als wir;)
Den Sturm der Leidenschaft, der mich durchfährt, unter dem ich glühend erzittere,
Den Schwur der Unzertrennlichkeit der beiden Geeinten, des Weibes, das mich liebt, und das ich mehr liebe als mein Leben, diesen Schwur, den ich schwöre:
(Oh, gern und willig setz' ich alles für dich aufs Spiel!
Oh, laß mich untergehn, wenn's nicht anders sein kann!
Oh, du und ich, was gilt es uns, was die andern tun und denken?
Was bedeutet uns alles sonst andres, als daß wir uns miteinander erfreuen und miteinander zugrunde gehen, wenn es so sein soll?)
Vom Herrn als Lotse bringe ich das Fahrzeug,
Von dem, der über mich, der über alle Oberbefehl hat; von ihm mit Vollmacht betraut,
Beschleunige ich von nun an das Programm, (ich habe in Anbetracht seiner Länge schon zu viel Zeit vertan):
Vom Geschlecht, vom Garn und vom Gewebe,
Von der Zurückgezogenheit, vom vielen heimlichen Seufzen,
Von der Gegenwart der vielen Personen, aber die rechte ist noch nicht da;
Vom linden Streicheln der Hände über mich hin, und vom Gekrabbel der Finger in meinem Haupthaar und Bart;
Von den lang haftenden Küssen auf Mund und Busen;
Von der engen Umarmung, die mich und jeden Mann berauscht, der Ohnmacht nach dem Überschwang;
Vom Wissen göttlichen Gattentums, vom Werk der Vaterschaft,
Von Wonnejauchzen, Sieg und Erleichterung; von der Umarmung der nächtlichen Lagergenossin;
Von der lebensvollen Poesie der Augen, Hände, Hüften und der Brüste;
Von der Umschlingung des bebenden Armes;
Von der Krümmung des Leibes und der Umklammerung,
Von der weichen, durch das Seite bei Seite liegen, zurückgestoßenen Bettdecke;
Von der einen, die bekümmert ist, mich lassen zu müssen, und mir, der ich ebenso betrübt bin, sie lassen zu müssen,
(Nur ein kurzer Augenblick; o süßes Warten! und ich kehre wieder zurück)
Von der Stunde der schimmernden Sterne und des sinkenden Taues;
Von der Nacht, über die ich, für einen Augenblick aus ihr emportauchend, fliehend mich erhebe;
Preis dir, göttlicher Akt! und euch, die ihr zu ihm bereit seid!
Und euch, starke Lenden!

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