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Grashalme

Walt Whitman: Grashalme - Kapitel 21
Quellenangabe
typepoem
authorWalt Whitman
titleGrashalme
publisherVerlag Deutsche Volksbücher GmbH.
yearo.J.
translatorJohannes Schlaf
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140424
projectid2faf22c8
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Ein Sang der Freuden

Oh, das höchste Jubellied anzustimmen!
Strotzend von Melodien! – Strotzend von Mannheit, Weibhaftigkeit, Kindlichkeit!
Strotzend von gemeinsamen Dingen! Von Bäumen und Korn!
Oh die Stimmen der Tiere! Oh die Hurtigkeit und das Gleichgewicht der Fische!
Oh das Fallen der Regentropfen! Alles in einem Lied!
Oh Sonnenschein! Fluten und Wogen! Alles, alles in einem Lied!
Oh die Wonne meiner Seele – schrankenlos wie der Blitz schießt sie dahin!
Der Besitz dieses Erdballs oder einer begrenzten Zeit genügt nicht,
Tausend Erdbälle sollen mein sein und alle Zeit!
Oh die Lust für einen Ingenieur, mit der Lokomotive zu fahren!
Das Zischen des Dampfes zu hören, das fröhliche Schrillen der Dampfpfeife; das Lachen der Lokomotive.
Auf glatter Bahn hurtig loszustürmen in die Ferne!
Oh das wundersame Schlendern durch Felder und über Hügelhänge!
Die Blätter und Blüten der gewöhnlichsten Kräuter, die feuchte, frische Stille der Wälder,
Der köstliche Duft des Erdbodens bei Tagesanbruch und den ganzen Vormittag hindurch!
Oh die Freuden des Reiters und der Reiterin!
Der Sattel, der Galopp, der Druck auf den Sitz, das frische Sausen der Luft um die Ohren, durch das Haar!
Oh des Feuerwehrmannes Freuden!
Ich höre den Alarm in der totstillen Nacht.
Glocken! Rufe! Ich dringe durch die Menge. Ich renne.
Der Anblick der Flammen macht mich rasend vor Vergnügen!
Oh die Freude des muskelstarken Fechters; hochaufgereckt steht er in tadelloser Verfassung in der Arena, seiner Kräfte sich bewußt, darauf brennend, seinem Gegner zu begegnen.
Oh die Wonne der mächtigen, elementarischen Sympathie, die allein die menschliche Seele fähig ist zu erzeugen und aus sich hervorfluten zu lassen in steten, unaufhörlichen Strömen.
Oh die Freuden der Mutter!
Die Abwartung, die Geduld, die köstliche Liebe, die Pein, die geduldige Hingabe des Lebens.
Oh die Freuden des zunehmenden Wachstums und der Erneuerung,
Die Freude des Tröstens und Beruhigens, die Freude der Übereinstimmung und des Einklangs.
Oh, mich zurück zu begeben an die Stätte meiner Geburt!
Noch einmal die Vögel singen zu hören;
Noch einmal um das Haus, um die Scheunen, und noch einmal durch die Felder zu schweifen;
Durch den Obstgarten und die lieben alten Wege entlang!
Oh, auferzogen zu sein an Meerbuchten, Lagunen, Schluchten oder am Küstenrand;
Dort beständigen Aufenthalt zu haben, das ganze Leben dort zu verbringen;
Der feuchte Salzgeruch, das Gestade, der Tang, der zur Zeit der Ebbe bloßgelegt wird;
Die Arbeit der Fischer, der Aal- und Muschelfischer;
Ich komme mit Muschelharke und Spaten; komme mit meinem Aalstecher;
Ist schon Ebbezeit? Ich begebe mich mit den andern Muschelgräbern auf die Sandbänke;
Ich lache und arbeite mit ihnen und bin unter meiner Arbeit lustig wie ein übermütiger junger Mann.
Im Winter nehm' ich meinen Aalkorb und -speer und marschiere auf das Eis hinaus – ich habe eine kleine Axt, um Löcher in das Eis zu hauen;
Sieh mich, warm angezogen, guter Dinge hinauswandern und am Nachmittag unter Begleitung einer Rotte strammer Jungen wieder zurückkommen;
Meine Rotte erwachsener oder halbwüchsiger Jungen, die bei niemand so gern sein mögen wie bei mir,
Die am Tage mit mir arbeiten und bei Nacht gemeinsam mit mir schlafen.
Zu andrer Zeit wieder bei warmem Wetter hinaus, im Boot, um die Hummerkörbe zu holen, wo sie mit schweren Steinen belastet versenkt sind (ich kenne alle Bojen);
Oh die Morgenfrische des fünften Monats auf dem Wasser, wenn ich kurz vor Sonnenaufgang nach den Bojen hinausrudere!
Schräg zieh ich die Körbe herauf, verzweifelt wehren sich die dunkelgrünen Hummer, wenn ich sie heraufhole, Holzkeile schieb' ich in die Gelenke ihrer Kneifzangen;
Ich rudere nach allen Stellen hin, einer nach der andern und kehre dann zum Ufer zurück;
Dort in einem großen Kessel mit kochendem Wasser sollen die Hummern kochen, bis sie scharlachrot werden.
Ein andermal bin ich beim Makrelenfang.
Gefräßig, wild schnappen sie nach dem Haken, dicht unter der Oberfläche; meilenweit scheinen sie das Wasser zu füllen;
Ein andermal beim Klippenfischfang in der Chesapeake-Bai, und ich einer von der sonnengebräunten Schar;
Ein andermal beim Blaufischfang mit Schleppnetzen vor Paumanok; ich stehe mit straffem Leib;
Mein linker Fuß auf dem Außenbord, mein rechter Arm wirft die aufgerollten dünnen Stricke weit hinaus;
Rings um mich herum das hurtige Halsen und Wenden von fünfzig Schaluppen, meinen Begleitern.
Oh das Bootfahren auf den Flüssen!
Die Fahrt den St. Lorenzstrom hinab; die herrliche Szenerie, die Dampfer;
Die Segelschiffe, die tausend Inseln, ab und zu Holzflöße, und die Floßlenker mit ihren langen Schwungrudern;
Die kleinen Hütten auf den Flößen; die Rauchstreifen, wenn das Abendessen gekocht wird.
(Oh auch etwas Verderbliches und Furchtbares!
Etwas weitab vom kleinen und frommen Leben!
Etwas Unerprobtes! Etwas in der Verzückung!
Etwas vom Anker Losgerissenes und Freitreibendes!)
Oh, in Minen zu arbeiten oder das Eisen zu schmieden.
Eisen zu gießen; die Gießerei selbst; das grobe hohe Dach; der weite schattige Raum;
Der Hochofen; die heiße Flüssigkeit, wie sie ausgegossen dahinläuft.
Oh, noch einmal die Freuden des Soldaten durchleben!
Das Gefühl der Gegenwart eines tapferen Kommandanten und seiner Sympathie.
Seine kaltblütige Ruhe zu gewahren – sich erwärmt zu fühlen von dem Strahl seines Lächelns.
In die Schlacht zu rücken – das Spiel der Hörner zu hören und das Rasseln der Trommeln!
Das Krachen der Artillerie zu hören! – das Glitzern der Bajonette und der Gewehrläufe in der Sonne!
Männer fallen und sterben zu sehen ohne Klage!
Den wilden Blutgeschmack zu schmecken – so teuflisch sein zu können!
So über den Tod und die Wunden der Feinde zu triumphieren!
Oh die Freuden des Walfischfängers! – Oh, ich kreuze noch einmal meine alte Kreuzerfahrt!
Unter mir fühl' ich das Schaukeln des Schiffes; fühle das Fächeln der atlantischen Brise.
Noch einmal hör' ich den Ruf vom Mastkorb herab: »Da – blasen sie!«
Noch einmal springe ich mit den andern das Takelwerk hinauf, um Auslug zu halten – und wieder hinunter, toll vor Aufregung.
Ich springe in das niedergelassene Boot; wir rudern auf unsere stilliegende Beute zu;
Vorsichtig, still pirschen wir uns an sie heran; ich gewahre die bergähnliche Masse, die schläfrig sich sonnt;
Ich sehe, wie der Harpunier aufrecht steht – sehe, wie die Waffe seinem kräftigen Arm entsaust;
Oh eilig weit hinaus der verwundete Wal in den Ozean; er taucht unter, flieht windwärts, schleppt mich hinter sich her;
Und dann seh' ich ihn auftauchen, um Luft zu holen; wir rudern näher heran;
Ich sehe, wie eine Lanze ihm in die Seite getrieben, tief eingebohrt und in der Wunde herumgedreht wird;
Wir wieder rückwärts von ihm ab; ich sehe ihn nochmals untertauchen; schnell schwindet ihm das Leben;
Wie er auftaucht, stößt er Blut aus; mit engeren und immer engeren Kreisen seh' ich ihn rund herum schwimmen und das Wasser scharf durchschneiden – ich sehe ihn sterben;
Er macht einen krampfhaften Sprung im Zentrum des Kreises und fällt dann flach auf die Seite, regungslos im blutigen Schaum.
Oh mein Greisenalter! Die edelste aller meiner Freuden!
Meine Kinder und Enkel, mein weißes Haar und mein weißer Bart;
Meine Reife, meine Ruhe und Würde, der Abschluß meiner langen Lebensstrecke!
Oh Freude gereifter Weiblichkeit! Oh Endglück!
Ich bin über 80 Jahre alt; ich bin die ehrwürdigste Mutter.
Wie klar ist mein Geist. – Wie alle sich zu mir hingezogen fühlen!
Was für Anziehungskräfte sind denn das, die stärker sind als alle früheren? Was doch für ein Blühen, mehr als das Blühen der Jugend?
Was für eine Schönheit senkt sich auf mich herab und steigt aus mir empor?
Oh die Freuden des Redners!
Die Brust zu dehnen; aus Hals und Brustkasten den vollen Donner der Stimme hervorrollen zu lassen!
Die Menge mit mir rasen, weinen, hassen, begehren zu machen!
Amerika zu leiten! – Amerika mit gewaltiger Zunge zu bezwingen!
Oh die Freude meiner Seele, die mit sich selbst im Gleichgewicht ruht; das wahre Sein aus der Materie hervorholt und es liebt; Charakter wahrnimmt und in sich
aufnimmt!
Meine Seele, die zu mir zurückgestrahlt wird aus allem, aus Gesicht, Gehör, Gefühl, Verstand, Lautbildung, Gedächtnis und dergleichen!
Das wirkliche Leben meiner Sinne und meines Fleisches, das über mein Fleisch und meine Sinne hinausgeht;
Mein materieller Leib und meine leiblichen Augen;
Jetzt steht es mir über jeden Zweifel fest, daß es nicht meine leiblichen Augen sind, die in letzter Hinsicht sehen,
Noch mein materieller Leib, der in letzter Hinsicht liebt, geht, lacht, ruft, umarmt und zeugt.
Oh des Farmers Freuden!
Des Mannes von Ohio, Illinois, Wisconsin, Kanada, Jowa, Kansas, Missouri, Oregon!
Bei Tagesanbruch sich zu erheben und sogleich zur Arbeit zu eilen!
Im Herbst das Land für die Wintersaat zu pflügen;
Obstgärten zu pflegen, Bäume zu pfropfen und im Herbst die Äpfel zu ernten.
Oh, im Schwimmbad zu baden oder an einer schönen Stelle am Ufer;
Im Wasser zu platschen! Bis über die Knöchel drin zu waten! Oder nackt am Gestade entlang zu rennen!
Oh die Raumvorstellung!
Die Vorstellung vom Überfluß aller Dinge, und daß es keine Grenzen gibt!
Aufzutauchen und eins zu sein mit Firmament, Sonne, Mond und eilenden Wolken!
Oh die Wonne des männlichen Selbstbewußtseins!
Niemandem Untertan zu sein! Niemandem, weder einem bekannten noch unbekannten Tyrannen, willfährig zu sein!
In aufrechter Haltung einherzuschreiten, mit leichtem, elastischem Schritt!
Mit voller sonorer Stimme aus breiter Brust zu sprechen,
Und die eigene Persönlichkeit allen andern Persönlichkeiten der Erde entgegenzustellen.
Kennst du die herrlichen Freuden der Jugend?
Freuden an lieben Gefährten, Scherzwort und lachenden Gesichtern?
Freude am frohen, lichtstrahlenden Tag? Freude am hochatmenden Kampfspiel?
Freude an holder Musik? Freude am hellstrahlenden Ballsaal und an Tänzern?
Freude an reichlicher Mahlzeit, kräftigem Trinkgelage und am Trinken?
Doch, oh meine erhabene Seele!
Kennst du die Wonnen des stillen Denkens?
Die Wonnen des freien, einsamen Herzens; des zärtlichen, trauernden Herzens?
Die Wonnen des einsamen Ganges mit niedergedrücktem und doch stolzem Gemüt, das Leiden und Mitsichringen?
Die geistigen Wehen, die Ekstasen, die Wonnen feierlicher Selbstvertiefung bei Tag und bei Nacht?
Die Wonnen des Todgedankens; an die großen Sphären: Zeit und Raum?
Die ahnungsvollen Wonnen besserer, höherer Liebesideale; am göttlichen Weibe, dem süßen, ewigen, vollkommenen Gefährten?
Dies alles sind deine eigenen unsterblichen, die deiner würdigen Freuden, oh Seele!
Oh, Zeit seines Lebens ein Herrscher und nicht ein Sklave des Lebens zu sein!
Dem Leben zu begegnen als ein Eroberer!
Keine Dünste, keine Langeweile, keine Klagen mehr noch höhnische Kritiken;
Nur diese stolzen Gesetze von Luft, Wasser und Erde, die mir beweisen, daß meine innerste Seele unerschütterlich ist!
Und daß nichts außer mir jemals über mich Gewalt bekommen soll!
Doch nicht einzig die Freuden des Lebens seien besungen – ich denke auch wieder an die des Todes:
Die schöne Berührung des Todes, die besänftigt und betäubt für einen Augenblick, wie's in der Natur liegt;
Ich lege meinen unreinen Leib ab, damit er verbrannt, zu Asche gemacht und beerdigt werde;
Mein wirklicher Leib aber bleibt mir sonder Zweifel für andre Sphären;
Mein verlassener Leib ist mir nichts mehr; er kehrt zurück zur Reinigung, zu weiterer Verwertung und zu ewiger Nützung der Erde.
Oh, anzuziehen mit mehr als gewöhnlicher Anziehungskraft!
Wie das ist, weiß ich nicht – doch sieh! etwas, das keinem andern sonst gehorcht,
Das immer angreift, nie sich zu verteidigen hat – wie magnetisch doch zieht es an!
Oh, gegen eine große Übermacht zu kämpfen; Feinden unerschrocken zu begegnen!
Ganz allein ihnen gegenüberzustehen; zu erproben, was einer allein imstande ist!
Streit, Pein, Gefängnis, öffentlicher Ächtung fest ins Gesicht zu blicken!
Das Schafott zu besteigen oder mit vollkommenem Gleichmut den Mündungen der Kanonen entgegenzugehen!
In Wahrheit ein Gott zu sein!
Auf einem Schiff zu segeln auf See!
Das langweilige, ewige Festland zu verlassen!
Zu verlassen die ermüdende Gleichmäßigkeit der Straßen, Bürgersteige und Häuser;
Dich, du unbewegliches festes Land zu verlassen und ein Schiff zu besteigen,
Und segeln, segeln, segeln!
Oh, das Leben hinfort zu besitzen wie ein Gedicht immer neuer Freuden!
Tanzen, händeklatschen, jauchzen, hüpfen, springen, weiter rollen, weiter schwimmen!
Ein Seefahrer der Welt zu sein, nach allen Häfen bestimmt!
Selber ein Schiff (sieh, wie ich wirklich meine Segel der Sonne und der Luft entgegenschwelle!)
Ein hurtiges, schaukelndes Schiff voll reicher Worte und Freuden!

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