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Gérards Heirat

André Theuriet: Gérards Heirat - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorAndré Theuriet
titleGérards Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 15
year1885
translatorNatalie Rümelin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel.

Seit jenem Abend kam Gérard öfter zu Marius. Vermittelst einer scharfsinnigen Abfindung mit seinem Gewissen betrachtete er diese seinem Vater verheimlichten Besuche als eine Entschädigung für die Langeweile, die er in Salvanches ausstehen mußte. Er betrachtete sich nicht als mit Georginen verlobt; er ging zu Grandfiefs, um Herrn von Seigneulles nicht ungehorsam zu sein, allein wenn er dieser lästigen Pflicht nachgekommen war, hielt er sich durch einen Ausflug zu Laheyrards schadlos, wo er mit jenem Entgegenkommen empfangen wurde, das den Parisern eigen ist, die an rasch angeknüpfte Bekanntschaften gewöhnt sind. Frau Laheyrard machte ihm Vorwürfe, daß er nicht öfter komme, und Helene behandelte ihn wie einen Freund.

Sie fühlte sich zu diesem schüchternen und doch schwärmerischen, trotz seiner Zurückhaltung manchmal gesprächigen jungen Mann wunderbar hingezogen; er war sehr unterrichtet und doch kindlich, und die Erziehung, die er in der Provinz erhalten hatte, verlieh ihm die Frische und Anmut einer Waldblume. Nach und nach wurde sie vertrauter mit ihm, zeigte ihm ihre Zeichnungen, musizierte mit ihm und erzählte ihm von Paris, das er noch nie gesehen hatte. Helenens geistvolle, abwechslungsreiche, mit der in den Ateliers gelernten Kunstsprache durchwirkte Unterhaltung eröffnete Gérard bisher ungekannte, reizvolle Gesichtspunkte. Er kam sich erzdumm vor neben ihr und doch war er nirgends gesprächiger und fühlte sich nirgends behaglicher als bei ihr. Das junge Mädchen flößte ihm eine Sicherheit und ein Selbstvertrauen ein, dessen er sich nie für fähig gehalten hätte. Es war zwischen ihnen auch nie ein Wort von Liebe gefallen, ja selbst keine Spur jener leichten Galanterie, die sich jetzt fast in jedem geselligen Gespräch fühlbar macht, war vorhanden; nur traten manchmal beunruhigende Pausen in der Unterhaltung ein, nur wurde die Berührung zweier Hände, die dasselbe Notenblatt umwenden wollten, unmerklich verlängert, beim Abschied wurde eine Blume gepflückt und überreicht – es war nichts und doch war es köstlich! Das beste der Liebe liegt in jenen stummen Anfängen, und Gérard genoß mit Wonne dieses Andante der Liebessymphonie.

Einige Abende später hatte Gérard eben Helene verlassen, als Frank Finoël in das Atelier trat. Das junge Mädchen saß am Klavier und wiederholte gedankenvoll eine der Lieblingsmelodien Gérards. Man hätte glauben können, daß etwas in der Atmosphäre die kürzliche Anwesenheit des jungen Mannes verraten habe, denn Frank lenkte die Unterhaltung sofort auf Herrn von Seigneulles.

»Er ist eben fortgegangen,« sagte Helene.

»So,« entgegnete Finoël, »Sie sehen ihn also jetzt?«

Dann fuhr er mit boshafter Absichtlichkeit fort:

»Man spricht in der Stadt viel von seiner bevorstehenden Vermählung mit Georgine Grandfief.«

Helene erbleichte. Diese unerwartete Nachricht verursachte ihr eine peinliche Empfindung. Sie hatte sich gut sagen, sie habe kein Recht auf Gérards Herz, sie empfand doch einen bitteren Schmerz, und wußte Finoël wenig Dank für diese unangenehme Mitteilung.

»So!« sagte sie mit scheinbarer Ruhe, »das wundert mich nicht; Herr von Seigneulles hat das Alter zum Heiraten, und Georgine ist eine gute Partie. Ueber den Grandfiefs fällt mir ein – wissen Sie, daß sie einen Ball geben?«

»Wann?« fragte Finoël ängstlich.

»Nächsten Dienstag ... Die Einladungen sind ausgegeben; Papa hat die unsere gestern erhalten, und Sie werden die Ihre ohne Zweifel zu Hause vorfinden.«

Frank fühlte sich sichtlich beunruhigt. Es war stets sein heißer Wunsch gewesen, zu Frau Grandfief eingeladen zu werden, denn bei ihr versammelte sich die auserlesenste Gesellschaft Juvigyns. Von ihr empfangen zu werden, bedeutete für den jungen Mann die Einlaßkarte zu der guten Gesellschaft. Seine Aufregung trat so offen zu Tage, daß Helene ihn beruhigen wollte.

»Ich sprach mit Georginen von Ihnen,« sagte sie, »es soll auch musiziert werden, und Sie sind ein viel zu bedeutender Musiker, als daß man Sie hätte vergessen können.«

Trotzdem war Frank nur halb beruhigt. Er konnte nicht mehr stillehalten, kürzte seinen Besuch ab und rannte nach Hause. Zitternd steckte er den Schlüssel ins Loch und zündete eine Kerze an. Sobald das flackernde Licht einigermaßen die Dunkelheit erhellte, warf der Bucklige einen raschen Blick über den ganzen Raum. Nirgends sah er die so heiß ersehnte Einladung, und sein Herz zog sich zusammen. Er begann seine Nachforschungen von neuem und untersuchte ein Möbel ums andere. Nichts! Dann sprang er wütend die Treppe hinunter, um die Frau des Webers zu fragen, und traf mit Regina Lecomte zusammen, die ihm ein zusammengefaltetes Papier hinreichte. Er riß es ihr aus den Händen, – aber ach! es war nur die Zeitung aus der Kreishauptstadt, die noch unberührt in dem gräulichen Kreuzband steckte!

»Sind Sie sicher, daß nicht eine Einladung für mich zum Ball in Salvanches gekommen ist?«

»Meine Tante hat nichts in Empfang genommen,« entgegnete Regina, während ein schadenfrohes Leuchten durch ihre grauen Augen zuckte.

Frank erblaßte bis zu den Lippen.

»Das muß ein Versehen sein,« flüsterte er mit erstickter Stimme.

»Nein, es ist kein Versehen,« sagte die Nähterin kurz und bündig; sie war über das Mißgeschick ihres alten Kameraden durchaus nicht unglücklich.

»Was wissen denn Sie?« grollte er und warf ihr einen stechenden, giftigen Blick zu.

»Ich weiß es,« wiederholte Regina unbarmherzig, »weil ich gerade in Salvanches war, als Fräulein Georgine ihrer Mutter vorschlug, Sie einzuladen, worauf Frau Grandfief trocken antwortete: ›Nein, nein, ich gebe nicht gerne gemischte Gesellschaften ...‹ Ist Ihnen dies deutlich genug?«

Der kleine Bucklige verstummte. Dumpfer Zorn erfüllte sein Herz, Thränen der Wut und der Demütigung quollen aus seinen geröteten Augen. Regina bemerkte dies; sie bereute ohne Zweifel, ihm den Schlag so schonungslos versetzt zu haben, denn sie begann in liebevollem Ton:

»Ich habe Ihnen wehe gethan, armer Frank; aber es ärgert mich, wenn so gescheite Leute wie Sie sich in dieser Weise lächerlich machen, und ich kann das nicht mit ansehen, ohne Sie zu warnen!«

Finoël schwieg noch immer. Die Nähterin legte freundschaftlich ihre Hand auf seinen Arm.

»Sehen Sie,« fuhr sie fort, »diese reichen Leute zeigen uns wohl manchmal ein freundlich Gesicht, aber sie verachten uns doch und glauben, sie seien aus einem anderen Teig gebacken. Ich weiß es gut, ich arbeite ja im Taglohn bei ihnen und habe feine Ohren. Halten Sie sich zu Ihresgleichen, Frank, die haben Sie wenigstens um Ihrer selbst willen lieb. Was ist denn dieser Ball so Großes? Wenn Sie neugierig sind und wissen wollen, was dort geschieht, so werde ich's Ihnen erzählen; ich bin bestellt worden, um den Damen beim Ablegen zu helfen; ich kann Ihnen nachher von jeder sagen, was sie angehabt hat, und Sie sollen auch den Namen eines jeden erfahren, der mit Fräulein Laheyrard getanzt hat.«

Jedes Wort, das Regina sprach, drang wie ein Pfeil in Finoëls Herz; bei dem letzten Satz aber zuckte er zusammen vor Schmerz; er stieß die Hand der Nähterin heftig zurück und rief:

»Sie quälen mich, ich bin krank und will allein sein.«

Regina ging achselzuckend hinaus und warf die Thüre heftig ins Schloß. Frank setzte sich ans Fenster. Die Nacht war prächtig; der tiefklare Himmel wimmelte von Sternen; alle Augenblicke durchschnitten Sternschnuppen den Himmelsraum und glitten leise hinter die Bäume des Gartens des Gymnasiums. Man hätte glauben können, es werde im Himmel ein großes Fest, ein geheimnisvoller Sternenball gefeiert. Finoës tiefverletztes Herz schwoll von Haß und Neid. Er hätte wünschen mögen, daß diese tausende und aber tausende von funkelnden Gestirnen plötzlich als Feuerregen auf diese Stadt herabfielen, in der man ihn wie einen Paria behandelte ...

Wie verschieden doch die Eindrücke sein können! Der Bucklige betrachtete grollend die glitzernden Sterne, und die fallenden Meteore riefen in seinem Geist nur das Bild eines unheilvollen Zusammensturzes hervor. – Zweihundert Schritte weiter oben aber blickte Gérard von Seigneulles aus seinem kleinen Zimmer traumverloren zu dem sternenbesäten Himmel empor und hing seinen Gedanken nach. Die Klänge von Helenens Klavier drangen aus der Ferne zu ihm; er erinnerte sich jeder Bewegung, des unbedeutendsten Wortes, welches das junge Mädchen gesprochen hatte, und während sein trunkener Blick der lichtvollen Flucht der Sternschnuppen folgte, verglich er diese in seiner Schwärmerei mit strahlenden Lilien, die wie ein Liebesregen auf das Haus der Geliebten herabsanken.

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