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Gérards Heirat

André Theuriet: Gérards Heirat - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorAndré Theuriet
titleGérards Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 15
year1885
translatorNatalie Rümelin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel.

Von seiner ersten Begegnung mit Frau Grandfief befriedigt, hatte sich Herr von Seigneulles entschlossen, die wichtige Angelegenheit, die Heirat Gérards, rasch zum Abschluß zu bringen. Auf seine Bitte hatten der Abbé Volland und Frau von Travanette bei Grandfiefs auf den Busch geklopft, und da ihr Vorgehen günstig aufgenommen worden war, hatte Herr von Seigneulles seinen Notar beauftragt, den geschäftlichen Teil der Sache ins reine zu bringen. Als kluger Mann war er der Ansicht, man müsse Geldverhältnisse und Liebesangelegenheiten getrennt behandeln.

Als das beiderseitige Beibringen genau festgestellt war, setzte sich Herr von Seigneulles mit Herrn und Frau Grandfief selbst in Verbindung, und man kam überein, daß Gérard sich nun regelrecht um das junge Mädchen bewerben dürfe.

Der alte Edelmann wünschte, daß sein Sohn ihr als liebenswürdiger Mann annehmbar scheine und nicht als Gatte aufgezwungen werde. Die Heirat sollte erst vollzogen werden, wenn die beiden jungen Leute unter sich einig geworden wären, und Frau Grandfief ging auf diese Bedingung ein, obgleich sie ihr lächerlich romantisch vorkam, weil sie des Gehorsams ihrer Tochter und der unwiderstehlichen Anziehungskraft von Georginens Schönheit sicher war.

Gérard verbrachte nun in der Woche zwei Nachmittage in Salvanches, in dem Hause der Grandfiefs, das am äußersten Ende des Spazierganges »unter den Weiden« inmitten eines großen Parkes lag, den der Ornain mit seinen rauschenden, fischreichen Fluten bespülte. Der junge Mann begab sich, bald von seinem Vater begleitet, bald vom Abbé oder Frau von Travanette beschützt, dorthin. Diese feierlichen Zusammenkünfte verliefen immer sehr trübselig. Georgine befolgte gewissenhaft die Vorschriften ihrer Mama und saß steif und hochnäsig, mit sittsam niedergeschlagenen Augen auf ihrem Stuhl und beteiligte sich nur mit weiser Zurückhaltung an dem Gespräch. Wenn Gérard sie anredete, schlug sie langsam die von langen Wimpern eingefaßten Lider auf und sah zuerst Frau Grandfief an, als ob sie die Antwort in den Augen ihrer Mutter lesen müsse. Wenn sie sich zu sprechen entschloß, klang es gerade, als ob sie etwas auswendig Gelerntes hersage. Sie war hübsch, und obgleich ihre großen schwarzen Äugen mehr Feuer als Tiefe hatten, so verliehen ihr doch das Stumpfnäschen, die frischen Wangen und der kleine Mund einen gewissen anmutigen Reiz; sie hatte aber einen beschränkten und wenig entwickelten Verstand, und ihr oberflächliches Geschwätz über Putz und anderen Kram war nicht geeignet, Gérard anzufeuern.

Der junge Mann war eine jener zurückhaltenden Naturen, die sich nur da voll erschließen, wo ihnen Anregung und Teilnahme entgegengebracht wird. Er blieb auch schweigsam und kühl, und ließ den Abbé oder Frau von Travanette die Kosten der Unterhaltung allein bestreiten. Diese regelmäßigen Besuche in Salvanches waren ein schwerer Frondienst für ihn; er kam stets schläfrig, müde und traurig zurück.

An einem Augustabend ging er nach einem solchen Aufenthalt bei den Grandfiefs ganz mißgestimmt nach Hause. Er hatte den Weg durch die Weinberge eingeschlagen und stieg eben den Fußpfad zwischen seines Vaters und des Nachbarn Besitzung hinan, als ihn fröhliches Geschrei und Gelächter veranlaßte, sich umzusehen. Er bemerkte zwei Kinder, die eine Leiter fortzogen und bei seiner Annäherung hinter dem dichten Gebüsch der Terrasse verschwanden.

»Toni! Benjamin! wollt ihr wohl die Leiter wieder bringen?« rief eine silberhelle Stimme, die aus der Luft zu kommen schien. – Triumphierendes Gelächter war die einzige Antwort auf diesen Ruf. »Abscheuliche Schlingel!« fuhr die geheimnisvolle Stimme fort.

In dem Obstgarten des Nachbarhauses bewegten sich plötzlich die Blätter eines kräftigen Baumes und Gérard entdeckte Fräulein Helene Laheyrard, die zwischen zwei Hauptästen desselben saß und in der einen Hand ein großes Stück Brot, hielt, während sie mit der anderen Reineclauden pflückte. Sie sah reizend aus mit dem bloßen Kopf, den frei herabfließenden Haaren, den großen, glänzenden Augen und dem leichten, rosigen Schimmer, der auf den belebten Zügen lag. Die im Laubwerk zerstreuten Sonnenstrahlen huschten ihr flüchtig über Hals und Antlitz; ein leichter Wind, der den Saum ihres Kleides bewegte, ließ zwei winzige Stiefelchen und manchmal sogar die feinen Knöchel sehen. Als sie Gérard bemerkte, faßte Helene mit einer anmutigen, mädchenhaften und doch koketten Bewegung die weiten Falten ihres Leinwandkleides über ihrem Fuß zusammen; dann begegneten ihre Augen denen Gérards, und sie konnte das Lachen nicht mehr unterdrücken.

»Erlauben Sie, daß ich Ihnen eine Leiter hole, Fräulein,« sagte Gérard, sie begrüßend.

»Machen Sie sich keine Mühe, Herr von Seigneulles,« antwortete sie, »die Kinder werden von selbst wiederkommen, sobald sie merken, daß ihr Schabernack keinen Eindruck auf, mich macht.«

Gérard fand sie wunderbar schön in dieser Umrahmung von grünen Blättern. Die erste Wirkung dieser glänzenden Offenbarung der weiblichen Schönheit bestand darin, daß sie seine Zurückhaltung und Schüchternheit aus dem Felde schlug.

»Erlauben Sie wenigstens, daß ich Ihnen Gesellschaft, leiste, bis Toni die Leiter wiederbringt.«

Er fürchtete, sein Gesuch könne schlecht aufgenommen werden, aber Helene schien es ganz natürlich zu finden.

»Gerne,« sagte sie. »Da wir übrigens Nachbarn sind, möchte ich mich in ein besseres Licht bei Ihnen setzen. Es ist nun schon das zweite Mal, daß ich Anstoß bei Ihnen errege, und doch wäre es mit der Johannisbeertraube schon mehr als genug gewesen.«

Der junge Mann wollte widersprechen.

»Sehen Sie,« unterbrach sie ihn ungezwungen, »Sie müssen mich nicht nach meinen Unbesonnenheiten beurteilen, und wenn mein Bruder Marius hier wäre, so würde er Ihnen sagen, daß ich ein ganz verständiges junges Mädchen bin, wenn auch ein wenig geschuckt

Bei diesem letzten Worte machte Gérard große Augen.

»Ich wollte sagen ein bißchen närrisch,« erklärte sie lachend. »Ach! ich bin eben leider keine so wohlerzogene, kluge junge Dame wie Georgine Grandfief! ... Sie kennen sie, glaube ich? ... Wenn ihre Mutter sie, so wie Sie mich, auf einem Pflaumenbaum überraschte, welche Predigt würde das geben! Ich höre sie schon sagen: ›Pfui doch, Fräulein!‹«

Sie rollte ihre Augen, kniff die Lippen zusammen und ahmte den gezierten Ton der Dame so komisch nach, daß Gérard in ein lautes Gelächter ausbrach. »Sie haben ein hübsches Nachahmungstalent,« sagte er.

»Ich habe eine ganze Menge solch hübscher Talente, wegen deren ich für ein sehr schlecht erzogenes Mädchen gelte ... Manchmal versuche ich meine mutwilligen Einfälle in einen Käfig zu stecken, aber ich vergesse meistens die Thüre zu schließen und sofort fliegen die nichtsnutzigen Vögel wieder aus. Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten taugt bei mir die erste Regung nie etwas, dagegen kann ich Sie versichern, daß die zweite immer sehr gut ist.«

»Davon bin ich überzeugt,« sagte Gérard entzückt. – Auf den Gartenzaun gelehnt, betrachtete er Helene mit wahrer Begeisterung.

Die eine Hand des jungen Mädchens bewegte sich zwischen den Blättern hin und her, wo sie nach Reineclauden suchte, zwischen deren rosiger, schon geplatzter Haut das saftige, goldene Fleisch durchschimmerte. Sie verzehrte dieselben mit köstlichem Behagen und fuhr, wie eine Katze, ab und zu mit der Zungenspitze über die feuchten Lippen, oder biß ohne Umstände in ihre Brotkruste. Ihre kleinen Zähnchen blitzten in der Sonne, die ab und zu auch die frischen Umrisse des weißen Armes beleuchtete.

Der geblendete Gérard fühlte sich wie verwandelt und entdeckte Empfindungen in sich, die er nie geahnt hatte. Diese plötzlichen Gemütsbewegungen stiegen ihm zu Kopf wie neuer Wein, und er war versucht, dem jungen Mädchen zuzurufen: »Es ist um mich geschehen! Du bist anbetungswürdig schön! ...« Seine Augen wenigstens sagten es ihr, während sich die Lippen bewegten ohne zu sprechen; sie fanden oder wagten nichts zu sagen; endlich öffneten sie sich. »Ja,« wiederholte er, »ich glaube, daß Sie ebenso gut als schön sind, gut, wie alles, was frisch und frei ist, gut und schön wie die Sonne und die Blumen!«

»Nur keine Komplimente,« entgegnete sie in entschiedenem Ton, »außerdem hinkt Ihr Vergleich! Die Sonne ist durchaus nicht immer gut; heute abend zum Beispiel verbrennt sie mir Arme und Schultern so, daß ich sie auf dem nächsten Ball bei Frau Grandfief kaum werde zeigen können ... Sie wissen doch, daß in Salvanches getanzt werden soll? ... Sie tanzen gerne, glaube ich?« setzte sie hinzu und warf ihm einen schelmischen Blick zu.

Bei dieser Anspielung auf den »Weidenball« wurde Gérard rot und stammelte einige unverständliche Worte.

»Ich,« fuhr Helene fort, »würde fünf Meilen zu Fuß und im Regen zurücklegen, um eine Quadrille zu tanzen. Es ist mir auch nichts schrecklicher, als sitzen zu bleiben; ich habe mir Mühe gegeben, mich heute abend von meiner wenigst unvorteilhaften Seite zu zeigen, damit Sie sich Dienstag nicht schämen, mit mir zu tanzen.« Sie wurde durch eine hellklingende Stimme unterbrochen, die rief:

»Werde nicht ungeduldig, Helene, ich bringe die Leiter, um dich aus der Gefangenschaft zu befreien!«

Marius Laheyrard kam hinter einem Haselnußstrauch hervor und zog die von den Kindern entführte Leiter herbei; in demselben Augenblick bemerkte er Gérard.

»Beim Zeus!« rief er, »das ist mein Tänzer mit den schwarzen Handschuhen! Du kennst also Herrn von Seigneulles, Duckmäuserin?«

Gérard erklärte ihm die Zufälligkeit dieser Begegnung, während Helene die obersten Sprossen der Leiter betrat. Sie raffte ihre Kleider zusammen, sprang auf den Rasen und hing sich an den Arm ihres Bruders. Der junge Seigneulles wollte sich von ihr verabschieden, doch Marius hielt ihn am Arm zurück.

»Nein,« rief er gebieterisch, »Sie haben unser Gebiet betreten, und wir halten Sie fest ... Es gibt heute einen anständigen Braten und Sie müssen mit uns essen!«

Gérard wollte ablehnen, aber Helene wandte sich zu ihm und wiederholte die Einladung in heiterem Tone, und er ließ sich mit in die Wohnung des Schulrats führen, wo ihn Marius seiner Mutter vorstellte. Frau Laheyrard schien sehr stolz auf den neuen Freund ihres Sohnes zu sein, und der ehemalige Professor empfing ihn zwar ernst, aber so wohlwollend, daß er sich gleich ganz behaglich fühlte. Das Essen konnte sich diesmal sehen lassen; die Kinder waren artig, das Tischtuch weiß und der Braten vorzüglich. Marius, durch die gute Mahlzeit und die Anwesenheit eines Fremden aufgeheitert, begann seine überspanntesten Theorien zu entwickeln Helene lachte hellauf; der stille Herr Laheyrard begnügte sich damit, von Zeit zu Zeit, wenn die Übertreibungen des jungen Dichters alles Maß überschritten, achselzuckend zu sagen: »Marius, mein Sohn, du setzest mich Unannehmlichkeiten aus,« was dann unfehlbar einen noch furchtbareren Ausbruch von Umsturzideen hervorrief, um den Alten zu foppen.

In dieser fröhlichen Umgebung, das blendende Lächeln und den geistvollen Blick Helenens vor Augen, taute auch Gérard langsam auf. Er kam sich vor wie ein Theeblatt, das ganz zusammengeschrumpft in die Theekanne geworfen wird und sich dann unter dem Einfluß des warmen Wassers erholt, entfaltet und seinen Wohlgeruch ausströmt. Als der Kaffee herumgereicht wurde, war er schon ein anderer Mensch. Er war gesprächig und mitteilsam geworden. Er erzählte von seiner einsamen Kindheit in dem alten Hause, von seiner im Jesuitenkloster in Metz verlebten Jugend, von seinen juristischen Studien, die er unter der Obhut der uralten Witwe in Nancy gemacht hatte ... Helene fing an zu lachen. »Aber Sie haben ja einen ganz barbarischen Vater! Wie sehr muß ich ihm neulich im Pfarrhaus mißfallen haben! ... Ach! da ist unser Papa, unser lieber einziger Papa, doch ganz anders, der wäre nicht so hart!« rief sie und streichelte Herrn Laheyrard.

»Ja,« brummte der alte Professor, »mich führt man an der Nase herum.«

»Und zwar so arg,« fuhr das schelmische Mädchen fort und nahm die Nase ihres Vaters zwischen ihre schlanken Finger, »so arg, daß die Nase ganz lang geworden ist; aber man hat den Vater sehr lieb!« setzte sie hinzu und drückte ihre seidenweiche Wange an den langen Bart des Professors. Eine plötzliche Anwandlung von Zärtlichkeit überkam sie; Vater und Tochter umarmten sich innig, während Gérard ergriffen die schöne Gruppe bewunderte, welche der Greis in grauem Haar mit seinem Kinde in goldenen Locken bildete. Helene hatte, auf den Zehen stehend, ihren Arm fest um des Vaters Nacken geschlungen und schien ihn nicht mehr freigeben zu wollen.

Nachdem Herr Laheyrard sich endlich losgemacht hatte, zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück. Frau Laheyrard brachte die Kinder zu Bette und Marius rauchte im Garten; Helene und Gérard blieben allein unter einem großen Maulbeerbaum, der sie mit seinen purpurnen Beeren überstreute. Die Dämmerung war hereingebrochen, die Grillen zirpten, die Nachtfalter summten über dem blühenden Phloxe. Helene näherte sich einem Fliederstrauch, und es gelang ihr, einen der um die Blüten herumflatternden Schmetterlinge in der Hand zu fangen. Sie kam zu Gérard zurück, öffnete die Finger halb, um ihm das Insekt zu zeigen, das heftig mit seinen rot und grauen Flügeln schlug. »Ist er nicht eigentümlich,« fragte sie, »mit seinem spitzen Kopf und den großen Augen, die wie schwarze Diamanten glänzen?«

Gérard hatte, um den Schmetterling besser sehen zu können, Helenens Hand erfaßt und hielt sie fast in gleicher Linie mit seinen Lippen fest, Fräulein Laheyrard fühlte den Atem des jungen Mannes an ihren Fingern.

»Welch hübsche Farbe haben seine Flügel,« flüsterte er.

»Ich möchte ein Kleid in dieser rosaroten Farbe!« rief Helene, »ich habe Lust, ihn unter einem Glas gefangen zu halten, daß ich ihn morgen malen kann!«

»Nein,« sagte Gérard, »seien Sie großmütig ... Er hat so lange eingekerkert gelebt in seiner trübseligen Puppe!«

»Wie Sie,« sagte sie unbesonnen.

»Ja, wie ich,« entgegnete er lustig.

»Diese Nacht ist vielleicht sein einziges Fest, rauben Sie es ihm nicht!«

»Wohlgesprochen,« sagte Helene, »fliege weiter Landstreicher, in die Freiheit und genieße sie fröhlich.«

Sie öffnete die Hand und der Nachtschmetterling entfloh surrend. Gérard blieb sinnend. Vielleicht dachte er daran, daß hier der Vergleich zwischen ihm und dem Schmetterling schon zu Ende sei; während dieser freien Fluges zu dem vom Nachttau befeuchteten Phloxe zurückkehrte, blieb sein Herz als Geisel zwischen den kleinen Händen Helenens zurück. Als er in seines Vaters Haus zurückkehrte, schien es ihm, als habe sich mit seinem ganzen Wesen eine Umwälzung vollzogen; in ihm graute eine halbe Dämmerung, ähnlich jener matten Helle, die sich über den Wäldern verbreitet, ehe der Mond aufgeht.

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