Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > André Theuriet >

Gérards Heirat

André Theuriet: Gérards Heirat - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/theuriet/gerards/gerards.xml
typefiction
authorAndré Theuriet
titleGérards Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 15
year1885
translatorNatalie Rümelin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110708
projectid7caf35ad
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Von der ganzen Familie verstand und liebte nur Helene ihren Vater. Sie sah ihn von den närrischen Ansprüchen Frau Laheyrards gequält, von Marius lächerlich gemacht; sie sah, wie ihm die jüngeren Kinder, denen man weder Gehorsam noch Achtung vor ihm eingeflößt hatte, kaum gehorchten. Trotzdem fühlte sie, daß er den übrigen Familienangehörigen an Herz wie an Geist weit überlegen war, und bemühte sich, ihn all dieses kleinliche, häusliche Elend durch ihre Zärtlichkeit vergessen zu machen. Sie interessierte sich für seine Arbeiten; er dagegen ermunterte sie in ihren Malstudien. Wenn er seiner Bücher müde war, erheiterte sie ihn durch ihre neckischen Einfälle. Für Herrn Laheyrard war inmitten seiner vielen Verwaltungsgeschäfte die Heiterkeit Helenens das, was der Gesang eines Rotkehlchens an einem trüben Wintermorgen ist. Diesen Abend wandelten sie lange Arm in Arm in den grasbewachsenen Wegen des Gartens auf und ab; dann küßte der alte Professor seine Tochter auf die Stirne und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, während Helene die Kinder suchte, um sie ins Bett zu schaffen.

Als sie, müde von dem Gezanke der Kinder, wieder herunterkam, war die rastlose Frau Laheyrard in die Stadt gegangen, um Besorgungen zu machen. Helene zog sich in ein großes, an den Garten stoßendes Gemach zurück, das sie sich zum Atelier eingerichtet hatte. Rings an den Wänden waren Studien aufgehängt, in einer Ecke stand neben dem mit Noten bedeckten Klavier eine Staffelei; auf einem Seitentischchen prangte in einem Steinguttopf ein großer Feldblumenstrauß. Der erste Blick des jungen Mädchens siel auf den Abdruck der fünf kleinen Finger Tonis auf der Leinwand, auf der eine Landschaft eben erst entworfen worden war. Helene stampfte zornig mit dem Fuß. »Elende Wirtschaft!« rief sie und setzte sich dann in sehr schlechter Stimmung auf die steinernen Stufen, die in den Garten führten. Die Ellbogen auf die Kniee gestützt, die Hände in den Haaren vergraben, ließ sie ihre trüben Blicke über die von dem letzten Tagesschimmer rosig angehauchte Schlucht von Polval schweifen. Juvigny drückte sie nieder. In Paris geboren, Pariserin bis zur Spitze ihrer rosigen Finger, konnte sie sich an diese scheinheilige Ruhe, an diese engen Gesichtskreise, an die kleinlichen Interessen des Landstädtchens nicht gewöhnen. Das Leben in der Provinz kam ihr vor wie ein zu langer Besuch bei langweiligen Menschen in einem dumpfig und schimmelig riechenden Haus. Von weitem, aus der Vorstadt herüber drang der näselnde Ton einer Drehorgel, auf der eine Melodie gespielt wurde, die sie sich erinnerte, voriges Jahr in einem der Boulevardtheater gehört zu haben. Alle Eindrücke ihres Pariser Lebens stürmten der Reihe nach auf sie ein. Sie erinnerte sich ihrer Altane im vierten Stock eines Hauses in der Assasstraße, des Luxemburggartens, des Ballspieles und der Spieler in den weiß und roten Jacken, der Orangenbäume, die in Kübeln auf der Terrasse aufgestellt waren, auf der die Bürger und Studenten des Stadtviertels zur Zeit der Dämmerung so lustig spazieren gingen. In Gedanken stieg sie wieder die Stufen des Museums hinan, sah wieder die Ecke, in der sie sich mit ihrer Staffelei und ihrem Stück Wachsleinwand eingerichtet hatte, um Rosa Bonheurs Bild »Das Pflügen in Nevers« zu kopieren. Sie hatte Heimweh nach all diesen Dingen; sie hätte zwei Jahre ihres Lebens darum gegeben, wenn sie wieder den Ruf der Aufseher: »Es wird geschlossen!« unter den großen Kastanienbäumen hätte hören können! Von einem Gefühl des Aergers und der Empörung ergriffen, reckte sie die Arme aus und rief zornig:

»Ach! ich langweile mich schrecklich!«

»Wenn ich Ihnen wenigstens behilflich sein könnte, sich zu zerstreuen,« sagte hinter ihr eine scharfe, sehr klangvolle Stimme.

Sie drehte müde den Kopf und sagte: »Ach, Sie sind's, Herr Finoël! Guten Abend!«

»Ich hatte dienstlich bei Herrn Laheyrard zu thun; er sagte mir, Sie seien in Ihrem Atelier und ich habe mir die Freiheit genommen, einzutreten ... Störe ich vielleicht?«

»Gewiß nicht; ich bin nur ein wenig abgespannt, das ist alles ... Sie sind mir sehr willkommen!«

In dem dämmerigen Halbdunkel konnte man die kleine Gestalt und das blasse, von langen Haaren umrahmte Antlitz des Besuchers nur noch undeutlich erkennen. Seine großen, rötlichgelben Augen, seine mageren Wangen und schmalen Lippen hatten jenen leidenden und doch geistvollen Ausdruck, der das Anzeichen einer rhachitischen Körperbildung ist. In der That litt Frank Finoël auch an einer Verkrümmung des Rückgrates, und dieser Mißbildung gerade verdankte er zum Teil seinen nahen Verkehr mit der Familie Laheyrard. In seiner Stellung als zweiter Kanzleivorsteher auf der Präfektur war er zu dem Schulrat in dienstliche Beziehung gekommen, und da er verbindlich, ein angenehmer Gesellschafter und guter Musiker war, hatte Frau Laheyrard, die von der Gesellschaft in Juvigny wenig verwöhnt wurde und ihn für ungefährlich hielt, diesen abgezehrten, kränklichen Besucher sehr entgegenkommend aufgenommen.

»Wie geht es Ihnen heute?« fragte Helene und reichte ihm ihre Hand, die er mit seinen langen, mageren Fingern lebhaft drückte. In dem Tone und der Bewegung des jungen Mädchens lag etwas Freundschaftliches und Weiches. Ihre Herzensgüte trieb sie dazu, gegen dieses kränkliche, mißgestaltete Wesen liebevoll zu sein. Diese teilnehmende Vertraulichkeit überraschte viele, und wer das junge Mädchen nicht kannte, konnte dieses Mitleid leicht für ein wärmeres Gefühl halten. Nach dem plötzlichen Aufleuchten der Augen Frank Finoëls hätte man glauben können, auch er irre sich und tausche sich selbst über die Natur der Freundschaftsbezeigungen des Fräulein Laheyrard.

»Es geht mir immer gut, sobald ich hier bin,« sagte er mit zärtlicher Stimme, »schon die Berührung Ihrer Hände macht mich gesund.«

Sie lachte, zündete die Lichter am Klavier an und sagte:

»Wollen Sie, daß ich vollständig liebenswürdig bin, so erlauben Sie, daß ich mich wieder auf die Staffel setze; die Abendkühle wird meine Nerven beruhigen.«

Auf eine Bewegung des jungen Mannes hin nahm sie ohne Umstände wieder die Stellung ein, in der er sie gefunden hatte, das Haupt in die Hände gestützt, den Blick in die Ferne gerichtet, Frank Finoël saß auf dem Klavierstuhl und verschlang sie mit den Blicken, während sie sich schweigend in ihre Träumereien verlor.

»Sie entsetzen sich hoffentlich nicht allzusehr über meinen Mangel an Höflichkeit?« begann sie wieder. »Ich gereichte nämlich heute im Pfarrhaus schon einmal zum Aergernis und möchte nun diesen Abend nicht noch einmal Anstoß erregen. Dabei fällt mir ein, ich habe heute beim Abbé einen unserer jungen Nachbarn getroffen, einen Herrn von Seigneulles; kennen Sie ihn?«

»Sehr wenig, aber genug, um ihn nicht leiden zu können.«

»Warum? Er hat ein ausdrucksvolles Gesicht, einen stolzen Blick, einen schwarzen Bart und errötet dabei wie ein Schulmädchen, Schüchternheit kleidet dunkle Männer so gut wie der Blütenschmuck einen großen Baum.«

»Gérard von Seigneulles,« fuhr Finoël verächtlich fort, »ist einer jener hübschen Burschen, die schon in Glacéhandschuhen auf die Welt kommen ... Eitel, von beschränktem Verstand, glänzende, unnütze Zierpflanzen ...«

Helene unterbrach ihn. »Ich liebe die Blumen, die zu nichts nutzen,« rief sie in entschiedenem Ton, »ich liebe alles, was farbenreich und glänzend ist!«

Der Abend war warm und Schmetterlinge, die vom Garten hereingekommen waren, flatterten um die Kerzen.

»Diese auch!« entgegnete der kleine Bucklige spöttisch und deutete auf die Insekten, die sich an der Flamme verbrannten.

»Sie sind heute abend sententiös, Herr Finoël!« Helene erhob sich, ging an ihm vorbei und setzte sich ans Klavier.

»Singen Sie mir etwas, das wird unsere trüben Gedanken zerstreuen.«

Sie schlug einige Accorde an und wies mit dem Finger auf eine Partitur des »Don Juan«, die bei der Serenade aufgeschlagen war, Frank gehorchte und begann zu singen. Er hatte eine wunderbar reine und klangvolle Stimme; die Töne quollen von seinen Lippen und erregten den Eindruck einer Musik; die zu erhaben war, um irdisch sein zu können. Während Helene ihn begleitete, unterlag sie dem Zauber dieser eigenartigen, ergreifenden Stimme.

Als die Arie zu Ende war, wandte sie sich um und begegnete dem tiefen, mit verwirrender Beharrlichkeit auf ihr haftenden Blick des Buckligen.

»Was Sie für schöne Haare haben,« sagte er leise.

»Finden Sie?« sagte sie und fuhr unbefangen mit der Hand durch die Locken, »Bah! was nutzt mir das? Ich werde sie doch eines schönen Tages in ein häßliches Haarnetz packen und in einer trübseligen Erziehungsanstalt Lehrerin werden müssen!«

»Welcher Scherz!« sagte Finoël achselzuckend.

»Ich scherze nicht; wir sind arm, ich bin ein Mädchen ohne Mitgift und muß mein Brot verdienen, Erzieherin oder Unterlehrerin, das ist mein Los; das ist übrigens noch besser, als in diesem Nest sitzen bleiben!«

»Sie gehören nicht zu denen, die sitzen bleiben!« entgegnete er warm; »haben Sie denn keinen Ehrgeiz? Haben Sie denn, so schön und so reich begabt, nie von einer Häuslichkeit, von Kindern, von einem Gatten geträumt, der glücklich wäre, Sie zur Königin dieser kleinen Stadt, die Sie zu sehr verachten, machen zu dürfen?«

Sie schüttelte das Haupt. »Hausfrau in der Provinz, nein, mein Rücken ist nicht breit genug ...« Kaum war ihr dies letzte Wort entschlüpft, als sie an dem bitteren Ausdruck, den Finoëls Gesicht plötzlich annahm, bemerkte, daß sie eine Dummheit gemacht habe. Im Nu wurden ihre braunen Augen feucht. Aergerlich über ihre Unbedachtsamkeit, durch die sie den jungen Mann verletzt hatte, reichte sie ihm rasch die Hand. – »Ich wollte sagen,« setzte sie verlegen hinzu, »ich habe einen zu schlechten Charakter, um eine gute Hausfrau zu werden.«

Eine leichte Röte überflog die Wangen des Buckligen.

»Ich habe Sie verstanden,« sagte er traurig; er hielt Helenens Hand mit der seinen leidenschaftlich fest.

»Sie halten mich für Ihren Freund, nicht wahr?« rief er aus, »dann versprechen Sie mir aber auch, keinen entscheidenden Entschluß zu fassen, ohne vorher mit mir gesprochen zu haben ... Schwören Sie es mir!«

Sie sah ihn erstaunt an. – »Ich verspreche es Ihnen,« sagte sie etwas erschrocken, »sind Sie nun zufrieden?«

»Danke,« flüsterte er und gab ihre Hand frei.

Mittlerweile war Frau Laheyrard von ihrem Gange in die Stadt zurückgekommen und trat in das Atelier. Es schlug Zehn Uhr. Finoël verabschiedete sich von den Damen und ging nach Hause.

Er wohnte in einem ziemlich ärmlich aussehenden Hause auf halber Höhe des Hügels, einige Schritte vom alten Gymnasium entfernt. Ein Weber hatte die Kellerräume und das Erdgeschoß inne; die Zimmer im ersten Stock wurden möbliert an kleine Beamte und Arbeiterinnen vermietet. Frank trat in sein mit Scharteken angefülltes Zimmer und begab sich, da er noch keine Lust zum Schlafen hatte, an das auf die Gärten und das kleine Wäldchen des Gymnasiums gehende Fenster.

Frank war ein natürliches Kind; seine Mutter, Taglöhnerin und Wäscherin von Beruf, war vor kaum sechs Jahren gestorben. Er war als Freischüler in demselben Gymnasium, dessen Bäume sein Fenster beschatteten, erzogen worden, er hatte fleißig gelernt und durch seine Willensstärke war es ihm gelungen, sich aus der armseligen Umgebung, in der er seine Kindheit verlebt hatte, aufzuschwingen. Stufe um Stufe war er bis zur halben Höhe der gesellschaftlichen Rangordnung Juvignys emporgestiegen. Er war mit fünfundzwanzig Jahren zweiter Kanzleivorstand und bei dem Obersekretär der Präfektur wohl gelitten; das war zwar ein Erfolg, aber nur ein sehr kleiner in den Augen eines so ehrgeizigen und zähen Burschen wie Frank. Der Sohn der Wäscherin träumte davon, in den höheren Kreisen mit den reichen Fabrikanten und hohen Beamten Juvignys auf gleichem Fuße zu verkehren. Seine musikalische Begabung hatte ihm schon in einigen Familien Zutritt verschafft, allein andere Häuser, und zwar die besten, blieben ihm beharrlich verschlossen. Durch die Ankunft der Familie Laheyrard war sein Ehrgeiz mächtig angespornt worden. Geblendet von Helenens Schönheit, berauscht von ihrer anmutigen Vertraulichkeit und ihrem herzlichen Wesen, ging er seither wie im Traum umher und dachte an nichts mehr, als wie er Fräulein Laheyrards Gatte werden könne.

»Warum nicht?« sagte er an diesem Abend zu sich selbst, während er dem Ticktack der in der Vorstadt zerstreuten Webstühle lauschte. »Helene ist arm und wird nicht so leicht Gelegenheit finden, zu heiraten; ich bin an Geist und Willenskraft den anderen jungen Leuten hier überlegen. Mit einer Frau wie sie fühle ich die Kraft in mir, ganz Juvigny auf den Kopf zu stellen und über all diese Menschen wegzusteigen, um mein Ziel zu erreichen. Ich könnte mich zum Gemeinderat ernennen lassen, den Bürgermeister, der eine Null ist, verdrängen und, wer weiß? in dieser Zeit des allgemeinen Stimmrechts es am Ende noch bis zum Abgeordneten bringen ...«

Das leise Tropfen frischbegossener Blumen und das Glucksen einer Wasserflasche auf dem Gesimse des benachbarten Fensters rief ihn in die Wirklichkeit zurück und veranlaßte ihn, sich rasch zurückzuziehen. Im selben Augenblick fing die Stimme eines jungen Mädchens an zu trillern, ein Kopf beugte sich vor und beim Scheine des aufgehenden Mondes zeigte sich das schlaue Gesicht der kleinen Regina zwischen zwei Balsaminentöpfen, »Sind Sie heimgekommen, Frank?« fragte die Nähterin.

Regina Lecomte war die Nichte des Webers im Erdgeschoß; sie hatte schon als ganz kleines Kind mit Finoël gespielt und die beiden hatten sich lange Zeit geduzt. Auch sie hegte seit drei oder vier Jahren einen Traum: sie wollte eine Dame werden und einen Hut tragen. Um dies zu erreichen, genügte es, Frank zu heiraten, und die ehrgeizige Arbeiterin fragte auch ihrerseits: »Warum denn nicht?«

Als der junge Mann sich ruhig verhielt, wiederholte sie ihre Frage.

»Ja,« erwiderte Frank, der sich über die Störung ärgerte, trocken, »ich bin eben heimgekommen und gehe jetzt zu Bett.«

»Sie sind sehr stolz geworden, seit Sie die schönen Damen in der oberen Stadt so oft besuchen! Diese Pariserinnen werden Ihnen den Kopf verdrehen, mein armer Frank.«

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese Damen in Ruhe lassen wollten,« sagte Finoël übellaunig; »gute Nacht!«

»Nur Geduld,« brummte Regina, die das letzte Wort haben wollte. »Wer auf die Weide geht, kommt geschoren zurück, und du wirst ganz kahl geschoren werden, mein schönes, blökendes Lamm.«

Finoël warf heftig das Fenster zu und ging wütend zu Bette.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.