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Gérards Heirat

André Theuriet: Gérards Heirat - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/theuriet/gerards/gerards.xml
typefiction
authorAndré Theuriet
titleGérards Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 15
year1885
translatorNatalie Rümelin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

Der Garten, der zu der Wohnung des Abbé Volland gehörte, war der sonderbarste Pfarrgarten, den man sich denken kann. Er war an Stelle der früheren Stadtgräben terrassenförmig angelegt und bot, vom Abbé, der nichts vom Gartenbau verstand, sehr vernachlässigt, dem Auge ein wunderbares Bild der verschiedensten Kulturen. In diesem Durcheinander wuchs der Salat brüderlich neben den Centifolien, Lilien wechselten mit Stachelbeeren ab und langstielige Engelwurz, buschiger Fenchel, kugelförmig verschnittener Buchs vermischten ihren würzigen Duft mit dem Wohlgeruch der Waldrebe. Eine Allee von hundertjährigen Buchen zog sich die untere Terrasse entlang und bildete in der Mitte ein Rundell, das mit einem steinernen Tisch und Gartensesseln ausgestattet war. Hier waren die jungen Mädchen versammelt, die unter Anleitung der Vorsteherin der Kongregation und eines jungen, kleinen, sehr beweglichen Vikars mit gelocktem Haar Papierblumen anfertigten. Als Herr von Seigneulles und Gérard in die Hausflur traten, vernahmen sie weibliche Stimmen, die wie das Gesumme eines Bienenstockes aus der Buchenallee herausdrangen.

Die Dienerin führte sie in ein Zimmer, in dem sie den Abbé im Gespräch mit Frau Grandfief fanden. Neben einem Ehrfurcht gebietenden, abgemessenen Benehmen, war dieser großen, mageren, grobknochigen Dame eine herrische, ausdrucksvolle Art zu sprechen eigen. Ihre eckige, von dünnen, braunen Haaren eingefaßte Stirne, ihre außerordentlich lange Nase, ihr rechtwinkeliges Gesicht, das in einem derben Kinn endigte, erinnerte unbestimmt an die dem Geschlecht der Pferde eigene Grundform. Der Abbé stellte seine Besucher vor und Herr von Seigneulles begann eine förmliche Unterhaltung mit ihr, die sich um gemeinschaftliche Beziehungen drehte. Dieses Gespräch unterhielt Gérard nur wenig, und er unterdrückte gerade ein Gähnen, als der Geistliche den Vorschlag machte, in den Garten hinunterzugehen. Der junge Mann ließ sich dies nicht zweimal sagen, sondern verließ, sobald sie im Freien waren, den Abbé und seine Gäste und ging auf den Buchengang zu, von dem fröhlichen Gesumme angezogen, das dorther drang. Als er dort angelangt war, blieb er einen Augenblick an dem Eingang dieses schattigen, grünen Baumganges stehen, von wo aus er wie im Hintergrund eines Panoramas die Mädchen in ihren hellen Gewändern, von denen die Soutane des Vikars sich dunkel abhob, betrachtete. Inmitten dieser Gruppe stand ein junges Mädchen von sehr weißer Gesichtsfarbe, dessen starke blonde Haare frei über die Schultern herabflossen; sie hielt einen Teller voll roter Johannisbeeren in der Hand, von denen sie mit der Zierlichkeit eines naschhaften Vogels schnabulierte.

»Sie essen wohl gerne Johannisbeeren, Fräulein Laheyrard?« fragte in demselben Augenblick der Vikar mit stark lothringischer Betonung.

»Ja, besonders pflücke ich sie gerne! Und Sie, Herr Vikar?«

»Ich auch, aber ich mag nicht nur die, die ich selbst pflücke,« entgegnete er mit begehrlicher Miene.

»Wollen Sie von den meinen?«

Der Vikar nickte bejahend, und im Handumdrehen hatte die reizende Schelmin, ohne sich um die entrüsteten Gesichter ihrer Nachbarinnen zu kümmern, eine große, sehr appetitlich aussehende Johannistraube mit den Fingerspitzen erfaßt und bewegte sie nun vor dem Munde des Vikars hin und her.

Der Aermste war glühend rot geworden. Er betrachtete verblüfft die verlockende Frucht, die sich in der kleinen Hand leicht bewegte, und bemerkte gleichzeitig einen weißen Arm, den der sehr weite Aermel unbedeckt ließ. Er stotterte einige unzusammenhängende Worte, wandte sich um und zog sich wohlweislich an das entgegengesetzte Ende des Buchenganges zurück, von wo der Geistliche, Herr von Seigneulles und Frau Grandfief diese Scene mitangesehen hatten. – »Welch unpassendes Benehmen!« flüsterte die letztere dem Abbé ins Ohr, der etwas den Mund verzog.

Unterdessen hielt das junge Mädchen die Traube immer noch zwischen den Fingerspitzen.

»Jetzt werde ich sie wohl selbst essen müssen,« sagte sie mit silberhellem Lachen und beerte sie zierlich mit dem Munde ab, Gérard hatte sich genähert, sie bemerkte ihn, machte eine überraschte Bewegung und ihre hellbraunen Augen begegneten den erstaunten Blicken des jungen Mannes.

»Georgine,« sagte Frau Grandfief strenge zu einem der arbeitenden jungen Mädchen, »setze deinen Hut auf, es ist Zeit, uns zurückzuziehen!«

Ein zweites junges Mädchen, mit dunklem Haar und pfirsichfarbenen Wangen, einem Kirschenmund, sittsam niedergeschlagenen großen Augen und vollen Formen, trat aus der Gruppe, die Fräulein Laheyrard entsetzt betrachtete, hervor und näherte sich Frau Grandfief.

»Dies ist meine Tochter, Herr von Seigneulles,« sagte die Dame, während Fräulein Georgine eine feierliche Verbeugung machte.

»Sie ist reizend,« flüsterte der höfliche Chevalier.

Abbé Volland hatte versucht, sein salbungsvolles Gesicht in ärgerliche Falten zu legen und hatte die blonde Schelmin beiseite genommen.

»Helene,« sagte er, »ich bitte dich, künftig meinem Vikar mit mehr Achtung zu begegnen.

»Aber Herr Pfarrer,« erwiderte das junge Mädchen in etwas boshaftem Ton, »ich achte ihn nicht nur sehr, ich bewundere ihn sogar. Wenn Sie gesehen hätten, wie er mit dem Gesicht eines verscheuchten Schafes der Versuchung widerstanden hat ... Er hat mich unwillkürlich an den heiligen Antonius im Puppentheater erinnert!«

»Abscheuliches Mädchen,« brummte der Geistliche kopfschüttelnd.

Als Herr von Seigneulles und Gérard aus dem Pfarrhaus traten, fragte der erstere:

»Wie findest du dieses junge Mädchen?«

»Ganz bezaubernd,« antwortete der junge Mann noch ganz nachdenklich, »welch schöne, klangvolle Stimme und welch prächtiges blondes Haar!«

»Blondes Haar?« wiederholte der Vater und blieb stehen, »bin ich denn blind? Ich hielt sie unbedingt für braun.«

»Blond, Vater, mit langen, seidenen Locken, die über die Schultern fallen.«

Herr von Seigneulles runzelte die Stirne.

»Zum Kuckuck, so bleib doch bei der Sache! Wer spricht denn von jenem kecken Geschöpf mit der Löwenmähne? Es handelt sich um Fräulein Grandfief.«

»Ach so,« sagte Gérard, »ich habe sie kaum gesehen.«

»So! wenn du wieder einmal die Ehre haben solltest, mit ihr zusammen zu sein, so habe die Güte, sie dir anzusehen. Ich habe sie gesehen, und es würde mir nicht mißfallen, wenn sie meine Schwiegertochter würde.«

Unterdessen hatte auch das junge Mädchen, das Herr von Seigneulles »ein keckes Geschöpf« genannt hatte, das Pfarrhaus verlassen und hatte, langsam gehend, die Straße erreicht, in der Herr von Seigneulles und ihre Eltern wohnten. »Wie zimperlich thun doch diese Kleinstädterinnen,« dachte sie, »und welcher Einfall von Papa, nach diesem Juvigny zu ziehen!« Doch trotz ihres Aergers seufzte sie, als sie sich der traurigen Ursachen erinnerte, die ihre Familie in die Provinz zurückgeführt hatten. Ihr Vater, ehemaliger Professor der Naturwissenschaften an der Ludwigsakademie, hatte aus der Not eine Tugend gemacht, als er Paris verließ, wo ihm das Leben mit vier Kindern und einem geringen Gehalt zu drückend wurde. »Und zu denken, daß man in Juvigny verschimmele, vielleicht sogar eine häßliche, alte Jungfer mit einem Ledergesicht wie die Vorsteherin der Schwesterschaft, werden würde! ... O nein, niemals! ...« In diesem Augenblick wandte sich Gérard, der hinter seinem Vater ging, um, erkannte Fräulein Laheyrard und grüßte sie, ehe er ins Haus trat. Das junge Mädchen brach ihre traurigen Betrachtungen rasch ab und sagte zu sich selbst: »Da! unser Nachbar sieht recht gut aus ... Er ist ein hübscher Junge und macht keinen so anmaßenden Eindruck wie die jungen Leute aus der Stadt. Er hat sich sicher über mein Benehmen im Pfarrhause entsetzt,« Sie fing an laut zu lachen, als sie an das bestürzte Gesicht des Vikars dachte.

Kindergeschrei empfing sie, als sie in den Hof des alten, von dem Schulrat bewohnten Hauses trat.

»Nun, Toni, brennt's denn?« fragte sie ein neunjähriges Mädchen mit zerzaustem Haare, das ihr in einem zu kurzen Kleidchen, das die mageren Beine und die schwärzlichen Kniee sehen ließ, entgegengelaufen kam.

»Helene,« rief das Kind, »der Benjamin hat seine Hose zerrissen, und Mama sagt, du sollest sie sogleich flicken!«

»Angenehme Arbeit!« murmelte Helene, »konnte dies nicht auch jemand anderes thun?«

»Mama sagt, du habest den schwarzen Faden mitgenommen.«

»Das ist wahr,« sagte das junge Mädchen und stöberte in ihrer Tasche herum, aus der sie lachend ein Buch, einen Schlüssel, grüne Pflaumen und schließlich ein kleines Strohtäschchen, das Nadel und Faden enthielt, hervorbrachte.

Toni faßte sie am Rock und zog sie in ein großes, aufs einfachste ausgestattetes Gemach, das zugleich als Wohn- und Speisezimmer diente. Benjamin, ein sorgloser Junge von elf Jahren, hockte auf dem Rand des Speiseschrankes und wartete pfeifend, bis ihm jemand sein einziges Paar Beinkleider flicken werde, Helene steckte den Fingerhut an und erbarmte sich der Hose, in der ein riesiger Riß gähnte, und stopfte denselben; unterdessen mißbrauchte Toni die hilflose Lage des unglücklichen Benjamins und kniff ihn mit gellendem Gelächter in die nackten Beine.

»Bravo!« rief Marius, dessen spöttisches, an eine große Dahlie erinnerndes Gesicht, in der Thüre erschien, »welch rührendes Familienbild! die Jungfrau mit den Hosen, wundervolles Thema für einen Dichter aus der Schule des gesunden Menschenverstandes! ... Aber ißt man denn in diesem Hause gar nicht mehr? Es ist sechs Uhr!«

»Werde doch nicht ungeduldig!« sagte Frau Laheyrard,, die sich auf der Schwelle der Küchenthüre zeigte, »man wird gleich decken.«

Helene nahm Teller aus dem Speiseschrank und verteilte sie auf dem nur mit einfachem Wachstuch bedeckten Tisch. Währenddem hatte Benjamin, der wieder in den Besitz seines unentbehrlichsten Kleidungsstückes gelangt war, seinen Vater geholt. Bald war die ganze Familie in dem Speisezimmer vereinigt.

Das Essen verriet die Abwesenheit einer Köchin, sogar die Art und Weise, in der es angerichtet war, ließ die Eile merken, mit der diese Mahlzeit ohne Geschmack und ohne Kunst bereitet worden war.

»Ich bin ganz erschöpft,« stöhnte Frau Laheyrard und legte ihre fleischigen Ellbogen auf den Tisch. Sie war nahe an den Fünfzigen, aber sie hatte eine gewisse Jugendschöne besessen und davon waren ihr noch schönes blondes Haar, lebhafte Augen und prächtige Schultern geblieben. Sie war unaufhörlich beschäftigt und rührig; aber ihre geräuschvolle Thätigkeit trug nichts zum Wohlbehagen des Hauses bei. Sie verlor ihre Zeit durch Verhandlungen mit den Lieferanten, durch Zank mit ihren Dienstboten und mit Klagen über die hohen Preise der Lebensmittel und die geringen Hilfsquellen der kleinen Stadt.

Diesen Abend waren ihre Klagen während der Mahlzeit noch wortreicher und noch bitterer als gewöhnlich; sie hatte ihr Mädchen weggejagt, und das Essen hatte darunter gelitten. »Abscheuliches Nest!« rief sie und schleuderte ihrem Gatten, der friedlich seinen Nachtisch aß, wütende Blicke zu; »man hat uns sehr schlecht behandelt, als man uns in dieses Dorf schickte!«

»Aber, liebe Freundin,« antwortete Herr Laheyrard und warf die langen grauen Haare zurück, die ihm in den Nacken Herabsielen, »hilf deinem Gedächtnis ein wenig nach! Du selbst hast bei dem Ministerium um Juvigny gebeten.«

Der Schulrat sprach langsam. Schon an seiner abgemessenen, nachdrücklichen Art zu reden, erriet man den alten Professor, der lange auf dem Katheder gethront hatte. Dieses gehaltene Sprechen schon konnte Frau Laheyrard im höchsten Grade aufbringen.

»Jawohl, ich bin daran schuld! Du läßt mich's ja nicht vergessen! Ich habe mich getäuscht und büße nun dafür! Die Gegend ist nicht mehr zu erkennen; die Stadt ist trübselig, von den Einwohnern gar nicht zu reden, eingebildete Menschen ohne Lebensart. Wir haben mehr als vierzig Besuche gemacht, und man hat uns kaum zehn davon erwidert. Es ist auch dein Fehler ... Laheyrard.«

»Mein Fehler!« sagte der alte Professor leise, »kann ich die Leute zwingen; zu mir zu kommen?«

»Du hast es nicht verstanden, in Juvigny die richtige Stellung einzunehmen. Man gibt überall Diners; hast du auch nur einen einzigen Schritt gethan, damit deine Frau und Tochter eingeladen würden?«

»Ich habe den Grundsatz, mich niemand aufzudrängen,« antwortete der brave Mann; »das erfordert die Würde.«

»Das ist nur Egoismus! Sage doch lieber, daß du es vorziehst, dich mit deinen Büchern einzuschließen!«

Herr Laheyrard erhob den Kopf und richtete seine müden, klugen Augen einen Augenblick fest auf seine Frau.

»Melanie,« sagte er sanft, »du gehst zu weit. Wenn man uns in Juvigny vernachlässigt, so müßtest du dich erinnern, daß es vielleicht mehr dein als mein Fehler ist.«

Frau Laheyrard biß sich auf die Lippen. Diese leise Anspielung auf ihre Jugend wirkte wie eine kalte Douche auf ihre nervöse Aufregung. Marius stopfte seine Pfeife und schickte sich mit ungeduldiger Miene an, den Abend auswärts zu beschließen. Der Schulrat flüchtete, um sich neuen Klagen zu entziehen, in den Garten. Helene deckte eilig den Tisch ab und suchte dann ihren Vater im Obstgarten auf.

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