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Gérards Heirat

André Theuriet: Gérards Heirat - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/theuriet/gerards/gerards.xml
typefiction
authorAndré Theuriet
titleGérards Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 15
year1885
translatorNatalie Rümelin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110708
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Zweites Kapitel

Am anderen Morgen – es war ein Rasiertag – saß der Herr von Seigneulles in einem mit Leder bezogenen Lehnsessel mitten in seiner Küche zwischen seiner Dienerin Marie und seinem Barbier Magdelinat. Marie hatte ein helles Holzfeuer angezündet, um das zum Seifenschaum bestimmte Wasser etwas zu erwärmen, und die Flamme warf ihren lichten Schein auf die Beschläge des Bratspießes, auf die blanken Reihen der Pfannen und Kupferkessel und auf die mit Porzellan beladene Anrichte. Ein Sonnenstrahl drang durch die Gardinen aus rotem Kattun und umwob die weißen Haare des Herrn von Seigneulles und das verwitterte bartlose Gesicht Magdelinats, der das Rasiermesser über den schwarzen Lederriemen zog, mit einem rosigen Schimmer. Der Barbier war ein schmeichlerischer, kriechender Schönredner und nebenbei tückisch wie eine Wespe und furchtsam wie ein Hase. Er kannte zuerst die kleinsten Skandalgeschichten, die sich in Juvigny ereigneten, und verstand es, dieselben mit boshaften Glossen zu würzen und ihnen, je nach dem Gaumen seiner Kunden, einen mehr oder weniger gepfefferten Geschmack zu geben. Herr von Seigneulles war der einzige, der die Geschichten des Barbiers schlecht aufnahm, und Magdelinat grollte ihm deshalb im geheimen. Er hatte schon beim Aufstehen das Abenteuer vom »Weidenball« erfahren und hätte es für sein Leben gern dem Chevalier aufgetischt, um dessen hochmütiges, absprechendes Wesen etwas zu dämpfen. Er konnte kaum den Mund halten, fürchtete aber andererseits die stürmischen Zornesausbrüche des Herrn von Seigneulles; während er sein Rasiermesser abzog, sann er hin und her, um einen sinnreichen Ausweg zu finden, der ihm ermöglicht hätte, seine Lust zu büßen, ohne Gefahr zu laufen, sich mit seinem Kunden zu entzweien. An jenem Tag schien der alte Gardeoffizier sich weniger als je auf eine Unterhaltung mit dem Perückenmacher einlassen zu wollen. Er war schon sehr übellaunig aufgewacht; sein mageres Gesicht war streng, die grauen Augen starrten fest vor sich hin, die Brauen waren finster zusammengezogen und die Adlernase schien noch spitziger als sonst zu sein. Er that den Mund nicht auf und blieb selbst für die Schmeicheleien seiner beiden Lieblingskatzen unempfindlich, die sich vergeblich an seinen langen Beinen rieben und ein leises, kurzes Miauen dabei hören ließen.

»Wo ist mein Sohn?« fragte er plötzlich. Marie antwortete, daß Herr Gérard, der schon in aller Frühe in den Wald gegangen sei, gesagt habe, er wisse nicht, ob er bis Mittag zurück sei, und man solle mit dem Essen nicht auf ihn warten. Herr von Seigneulles brummte unzufrieden vor sich hin.

»Herr Gérard,« sagte freundlich der Barbier, »ist ein hübscher junger Mann und verspricht ein höchst angenehmer Tänzer zu werden.«

»Woher wissen denn Sie das?« sagte Herr von Seigneulles trocken.

»O, ich weiß es nur vom Hörensagen!«

»Was soll das heißen mit Ihrem Hörensagen? ... Mein Sohn hat noch nie einen Fuß in einen Ballsaal gesetzt, und ich glaube nicht, daß er auf dem Marktplatz Luftsprünge macht.«

Magdelinat hustete zurückhaltend, während er seinen Seifenschaum in dem Barbierbecken schlug.

»Kennen der Herr Baron vielleicht den jungen Laheyrard?«

»Diesen Tölpel, der das Horn bläst und mich im Schlafen stört? ... Gott sei Dank, nein! und ich habe auch nicht die geringste Lust, ihn kennen zu lernen.«

»Herr Laheyrard ist auch ein hübscher Tänzer, und dazu noch ein lustiger Bursche, der vor nichts zurückschreckt.« Herr von Seigneulles machte eine ungeduldige Bewegung, und Magdelinat beeilte sich, ihm mit seinem Pinsel über Kinn und Wangen zu fahren; aber als das Gesicht des Chevaliers mit einer dicken Lage Schaum beschmiert und er so außer stand gesetzt war, zu sprechen, in jenem kritischen Augenblick, in dem der Kunde dem Barbier vollständig preisgegeben ist, fing der hinterlistige Magdelinat wieder an: »In der ganzen Stadt spricht man von nichts als von dem Handel, den der junge Laheyrard gestern auf dem ›Weidenball‹ hatte. Stellen Sie sich vor, gnädiger Herr, daß er gestern abend fünf oder sechs bösartigen Tölpeln standhielt, die einem jungen Mann, der mit den dortigen Gebräuchen noch unbekannt und zum erstenmal auf dem Ball war, Angelegenheiten machen wollten! Ist es zu glauben? Mit einem reizenden Jungen Streit zu suchen, nur weil er von Adel ist und sein Vater Karl X. betrauert! ...«

Er wurde von dem Chevalier, der seinen Arm so fest hielt, wie ein Schraubstock, heftig unterbrochen. »Seinen Namen!« schrie Herr von Seigneulles durch den wogenden Schaum. »Es war Gérard, nicht wahr? Zum Kuckuck! Verschonen Sie mich mit Ihrer Geheimniskrämerei und reden Sie offen heraus!«

»Au! au! Lassen Sie mich los!« stöhnte der erschrockene Barbier, »ich war nicht dort ... Man hat allerdings unbestimmt auch von Herrn Gérard gesprochen, aber ich bestätige nichts ... Halten Sie sich ruhig, Herr von Seigneulles, Sie könnten sich sonst an meinem Rasiermesser verletzen ...«

»Erzählen Sie mir alles!« entgegnete der Chevalier mit finsterer Miene.

Der boshafte Friseur ließ sich nicht lange bitten. Ohne auf die Grimassen Mariens zu achten, die ihm hinter dem Lehnsessel drohend die Faust zeigte, spann er seine Erzählung bis zu Ende weiter und verweilte insbesondere bei dem von Gérard getanzten Kontertanz, bei seiner Bewunderung für die kleine Regina und dem Auftritt mit den schwarzen Handschuhen, und schloß mit dem siegreichen Dazwischentreten von Marius Laheyrard. Herr von Seigneulles hörte ihm zu, ohne sich zu rühren; die Muskeln seines Gesichts waren schlaff, seine Stirne düster geworden, und die Augen glänzten nur noch trübe. Er schien so verdrießlich zu sein, daß Magdelinat fürchtete, er sei doch zu weit gegangen und die Sache dadurch zu verbessern suchte, daß er hinzufügte, alles in allem sei Regina ein ganz hübsches Mädchen, und mancher möchte an Gérards Stelle sein.

»Genug!« zürnte der finstere Chevalier, »glauben Sie denn, mein Sohn sei fähig, sich an diese Arbeiterin zu hängen?«

»Ha, wenn das auch wäre,« erwiderte der Barbier lachend, »solange ein junger Mann mit heiler Haut nach Hause kommt, braucht man sich um das übrige nicht zu kümmern.«

»Aber er kann das junge Mädchen ins Gerede bringen!« rief Herr von Seigneulles entrüstet.

»Bah! Regina ist schlau genug! Im übrigen sind das ihre Sachen und kann für Herrn Gérard doch nicht in Betracht kommen.«

»Herr ... Magdelinat,« sagte der Chevalier so verächtlich, als er konnte, »diese Moral mag bei euch Krämern in der unteren Stadt gelten; aber hier, bei mir, herrscht der Grundsatz, daß man für den Schaden aufkommt, den man stiftet. Die Seigneulles haben stets tadellos gelebt, und mein Sohn wird auf dieses junge Mädchen Rücksicht nehmen. Ich will nicht, daß er auf einen anstößigen Vergleich oder noch Schlimmeres eingeht. – Marie,« fügte er hinzu, während er sich stolz, erhob und sein Kinn abtrocknete, »Marie, sage Baptist, er solle Bruno satteln!«

Herr von Seigneulles ging hinaus, ohne Magdelinat, der, von Mariens Vorwürfen überhäuft, seine sieben Sachen zusammenpackte, auch nur noch eines Blickes zu würdigen.

Als Bruno gesattelt war, kam der Chevalier in seinem langen braunen Ueberrock, den breitränderigen Hut auf dem Kopf, in den Hof hinab, bestieg sein altes Pferd und trat seinen täglichen Spazierritt an. Jeden Morgen machte er, nachdem er seinen Anzug vollendet und die Siebenuhrmesse gehört hatte, einen zweistündigen Ritt in die Umgegend. Aufrecht im Sattel sitzend, verlor er nicht einen Zoll breit von seiner stattlichen Größe und ritt so im Schritt durch die Straßen Juvignys. So oft er an einem der gipsenen Muttergottesbilder vorbeikam, welche die Häuser der Weingartner zieren und die am Marienfest mit einer blauen Traube geschmückt werden, versäumte er es nie, Bruno anzuhalten und fromm das Haupt zu entblößen. Er mußte in sehr ernste Gedanken versunken sein, denn an diesem Tag bemerkte er weder die rebumwachsenen Häuser, noch die Madonnenbilder. Er hatte das Haupt gesenkt und grübelte bekümmert über Magdelinats Klatscherei nach.

»Also ist Gérard der Ansteckung doch nicht entgangen,« dachte er. »Ich habe ihn vergeblich überwachen und fromm erziehen lassen und ihm den Anblick einer leichtfertigen, gottlosen Welt vorenthalten – es hat nichts genutzt! ... Elendes Jahrhundert!« fuhr er fort und versetzte Bruno, der sich die Zerstreuung seines Herrn zu nutze gemacht und begonnen hatte, die jungen Triebe einer Hecke abzugrasen, einen Hieb mit der Reitgerte, »Zeitalter ohne Grundsätze und ohne Ehrfurcht, deine Verderbnis teilt sich selbst den nach den heiligsten Grundsätzen gebildeten Seelen mit! Sich auf einem solchen Balle bloßzustellen! Hat Gérard denn gar kein Schamgefühl? ... Es ist schrecklich, Söhne zu haben! Sobald sie ihre zwanzig Jahre fühlen, gleichen sie jenen Weinen, die zur Zeit der Traubenblüte in Gärung treten und die Flaschen zersprengen, wenn man nicht aufpaßt ... Zum Kuckuck, sind denn die Herzen der jungen Männer stets dieselben?«

Mein Gott, ja, alle sind gleich! Und wenn Herr von Seigneulles, der einen von Lindenbäumen begrenzten Rain entlang ritt, nur umgeschaut hätte, so würde er gesehen haben, daß in der Schöpfung selbst das geringste Tierchen den zwanzigjährigen Jünglingen glich, und denselben Versuchungen zur Beute fiel; die ganze Natur trug das Zeichen dieser Erbsünde. Unter dem honigreichen Laubmerk der Lindenbäume verfolgten sich prächtige, perlmutterglänzende Schmetterlinge, zu zwei und zwei; grüne Libellen schaukelten sich paarweise auf den Stengeln der Weiden, und jenseits der Hecke küßten die Schnitter die Schnitterinnen ohne jede Scheu im hellen Sonnenschein. Ich weiß nicht, ob der Chevalier diese Dinge sah, und ob sie Eindruck auf ihn machten, aber er gab Bruno einen kräftigen Peitschenhieb in die Weichen. Das Tier setzte sich in Trab und hielt erst auf den Brachen von Saronnières wieder an, um auszuschnaufen. Die Sonne stand schon hoch und goß ihr goldenes Licht über eine abwechslungsreiche ländliche Landschaft. Ueber den schattigen Gründen der Schlucht von Saronnières wogte noch ein leichter Nebel, doch gegenüber, auf den Hochebenen und Abdachungen, war alles voll fröhlichen, blendenden Lichtes, Zwischen zwei Baumgruppen sah man wie durch einen leichten Dunstschleier die Häuser Juvignys, die sich staffelförmig den Hügel hinaufzogen und deren rote Dächer einen kräftigen Gegensatz bildeten zu dem dunklen Grün der Gärten; die Fensterscheiben blitzten herüber, und über dem entweichenden Rauch hoben sich die Spitzen des Glocken- und des Sankt Stephanturmes hell von dem reinen Blau des Himmels ab. Jenseits der Stadt Weinberge und wieder Weinberge – eine weite Fernsicht auf grünende, wellenförmige Hügel, bis zu den großen Wäldern der Argonnen, die sich in weiter Ferne bläulich hinzogen und die äußerste Grenze des Horizontes bildeten. Und durch den lichten Sonnenschein und die durchsichtige Luft klangen die klaren, vollen Töne der Glocken von Juvigny herüber. Der Chevalier ließ Bruno ausruhen und genoß mit Wonne diese Harmonie der Außenwelt. Diese Gegend war seine Heimat; von Kindheit auf hatte er ihre kräftige Luft geatmet, und er bewunderte sie mit patriotischem Stolz. Die Aussicht auf die in Duft gehüllten Wälder und die Weinberge voll zirpender Heuschrecken, der Anblick der alten Häuser der oberen Stadt und das Geläute der nämlichen Glocken, die schon zu seiner Taufe erklangen, erinnerten ihn ohne Zweifel an die Zeit, in der auch er noch jung gewesen, in der auch er ein weiches, der Versuchung zugängliches Herz besessen hatte. Er fühlte sich besänftigt und wie von einem inneren Taubad erfrischt. Einen Augenblick wurde der strenge Edelmann weich und kehrte zu menschlicheren Gefühlen zurück. »Vorwärts!« seufzte er und gab Bruno die Sporen, »ich werde den Jungen verheiraten müssen ... es ist höchste Zeit!«

Gérard verheiraten! Dies war der Gegenstand seines Nachdenkens während des Mittagmahles. Der junge Mann hatte sich aus Angst vor dem väterlichen Zorn wohl gehütet, zurückzukommen. Herr von Seigneulles beschleunigte seine Mahlzeit und ging dann zu einer ihm befreundeten Witwe, Frau von Travanette, in die untere Stadt hinab. Das Haus der Witwe ist in der Gegend berühmt wegen seiner hübschen, mit einem Geländer aus Schmiedeisen versehenen Freitreppe und seiner aus dem sechzehnten Jahrhundert stammenden Vorderseite mit den kunstvollen steinernen Schnauzen an den Dachrinnen. Dieses Haus war damals der einzige Vereinigungspunkt der wenigen Ueberbleibsel des alten am Ort ansässigen Adels. Jeden Tag von ein bis vier Uhr spielten die Freunde der Witwe abwechslungsweise Tricktrack mit ihr. Als Herr von Seigneulles in das altmodische, mit Eichen getäfelte und mit einer flandrischen Baumtapete bekleidete Empfangszimmer trat, sah er den Abbé Volland schon neben der guten Dame sitzen. In dem bläulichen Zwielicht, das durch die halbgeschlossenen Fensterläden entstand, inmitten dieses großen, mit verblichenen Möbeln und trübgewordenen Vergoldungen ausgestatteten Gemaches bildeten diese beiden Personen ein liebenswürdiges, anziehendes Familienbild. Frau von Travanette saß, in bräunliche Seide gekleidet, trotz ihrer siebzig Jahre, aufrecht in ihrem Lehnsessel; sie zeigte unter ihren falschen, schwarzen Haaren ein vertrocknetes, galliges Gesicht und strickte emsig an einem großen wollenen Strumpf.

Auf die Arme seines Lehnstuhles gestützt, blinzelte der Abbé Volland, Pastor von Sankt Stephan, leicht mit den Augen, während er den vertraulichen Mitteilungen der alten Dame lauschte. Der Abbé war ein kleiner, dicker Mann mit kurzen, fleischigen Händen und sorgfältig gepflegtem Aeußeren. Er war nahe an den Sechzigen. Sein Mund, mit dicken, roten, in der Mitte gespaltenen Lippen sah aus wie eine Doppelkirsche; wenn er lachte, sah man unter diesen feinschmeckerischen Lippen zwei Reihen kleiner, weißer, äußerst regelmäßiger Zähne. Dieser rosige Mund, die dicke, aufgestülpte Nase, das kluge Auge und das dichte, graue und lockige Haar sagten deutlich, daß der Geistliche ein reizender, fröhlicher Tischgenosse mit geschmeidigem Wesen und scharfem Geist sein müsse.

Bei dem Eintritt des Herrn von Seigneulles erhob sich der Abbé mit jenem den geistlichen Herren eigenen Gruß, der einer Verbeugung gleicht. Man sprach erst von gleichgültigen Dingen, dann fragte Frau von Travanette, nachdem Gérards Name ausgesprochen worden war: »Wie geht es ihm? Ist es wahr, daß Sie ihn zum Beamten bestimmt haben?«

»Nein,« sagte der Chevalier, »solange die gegenwärtige Regierung besteht, wird Gérard nie einen Eid leisten, den er nicht würde halten können. Ich halte meinen Sohn bereit für den Tag, an dem unser rechtmäßiger König wiederkehrt, und dieser Tag wird nicht mehr allzuferne sein ...«

»Amen!« seufzte Frau von Travanette, »Gott erhöre Sie; aber ich fürchte, daß ich diesen Tag nicht mehr erleben werde ... Die verbannten Könige sind stets im Unrecht; es geht ihnen mit ihren Unterthanen wie alten Freunden, die einen seit Jahren unterbrochenen Briefwechsel wieder aufnehmen wollen; wenn es darauf ankommt, zur Feder zu greifen, merkt man, daß man auch nicht mehr einen Gedanken gemein hat, und man weiß sich nichts mehr zu sagen ...«

Der Abbé, der sich vor der Politik scheute, nahm eine zerstreute Miene an und begann, unsichtbare Stäubchen von dem Aermel seiner Soutane zu entfernen.

»Was wollen Sie aber einstweilen mit Gérard anfangen?« sagte Frau von Travanette.

»Ich will ihn verheiraten!«

»So schnell! ...«

»Es ist höchste Zeit,« erwiderte der Chevalier. – Er erzählte hierauf die Geschichte vom »Weidenball«, und der Abbé lächelte dazu wie einer, der längst auf dem Laufenden ist. Als Herr von Seigneulles den Namen Marius Laheyrard aussprach, faltete Frau von Travanette die Hände und rief: »Ach! diese Laheyrards! Was ist dies für eine Familie! Ich glaube, es hat nie eine ungeordnetere Haushaltung gegeben; niemals nimmt man in diesem Hause eine Nähnadel in die Hand. Ich sage nichts vom Vater, das ist ein armer Mann; aber die Mutter, welche Närrin ... Keine Magd kann's bei ihr aushalten. Man kann es wirklich kaum glauben, daß sie taktlos genug war, ihrem Mann in dieser Stadt, in der sie eine so stürmische Jugend verlebt hat, eine Anstellung zu verschaffen. Jedermann weiß, daß es keinen Aufschub litt, als sie Herrn Laheyrard heiratete ... Sie hat mir einen Besuch gemacht, den ich nicht erwidert habe, und ich hoffe, daß sie sich damit zufrieden gibt.«

»Ihre älteste Tochter ist recht talentvoll,« warf der Abbé ein.

»Das arme Kind! Sie dauert mich, sie ist so schlecht erzogen! Ist es wahr, Abbé, daß sie mit einem unbedeutenden Beamten von der Präfektur allein spazieren geht und daß sie Nuditäten zeichnet?«

Wieder entfernte der Abbé unsichtbare Stäubchen.

»Ich versichere Sie, gnädige Frau, daß man mehr sagt, als wahr ist.«

»O, Sie verteidigen sie natürlich, Abbé Volland; Sie haben eine Schwäche für die räudigen Schafe.«

»Aber, gnädige Frau,« entgegnete der Abbé sanft, »ist denn dies nicht die wahre christliche Liebe? Uebrigens ist Frau Laheyrard eine entfernte Verwandte von mir; Helene ist mein Patchen und singt mit viel Feuer und Eifer zur Orgel.«

»Immerhin,« fuhr Frau von Travanette hartnäckig fort, »wird sie von niemand empfangen!«

»Verzeihen Sie, Frau Grandfief, so streng sie ist, hat kein Bedenken, Fräulein Laheyrard bei sich zu sehen ...«

»Die ihrer Tochter Georgine Zeichenstunden gibt! Ah! Frau Grandfief ist eine schlaue Dame!«

»Sprechen Sie nicht,« fiel Herr von Seigneulles ein, »von der Frau des ehemaligen Hüttenbesitzers von Salvanches? Hat sie denn eine Tochter?«

»Ja,« entgegnete Frau von Travanette, »und da Sie eine Frau für Gérard suchen, so haben Sie hier schon, was Sie brauchen.«

Der Chevalier spitzte die Ohren, Frau von Travanette, die eine Leidenschaft fürs Heiratstiften hatte, begann sofort Georgine Grandfief außerordentlich zu loben: achtzehn Jahre, hübsch, ausgezeichnet erzogen, zweimalhunderttausend Franken Mitgift, – kurzum, eine ausgezeichnete Partie. Herr von Seigneulles hätte eine weniger bürgerliche Familie vorgezogen; aber die alte Dame wies ihm nach, daß in Juvigny die adligen Mädchen sehr arm und sehr ältlich seien; sie schloß mit dem Anerbieten, selbst die Vermittlung zu übernehmen. Der Chevalier blieb nachdenklich. Ehe er einen weiteren Schritt that, hätte er gerne Mutter und Tochter gesehen, um selbst urteilen zu können ...

»Hören Sie,« sagte plötzlich der Abbé, und erhob sich, um fortzugehen, »was ich Ihnen vorschlagen will, ist vielleicht nicht ganz passend für einen Geistlichen, aber ich denke, der Himmel wird es mir um des guten Zweckes willen vergeben, Frau Grandfief und ihre Tochter werden morgen den Nachmittag im Pfarrhaus zubringen, um mit den jungen Mädchen von der Rosenkranz-Schwesterschaft die Blumen für das Marienfest zu machen. Besuchen Sie mich gegen vier Uhr und bringen Sie Gérard mit, dann werden Sie die Damen treffen, und der junge Mann kann uns sagen, ob sie ihm gefallen.«

Herr von Seigneulles willigte ein, der Abbé empfahl sich, und die Tricktrackpartie begann.

Des Abends, beim Nachtessen empfing der Chevalier seinen Sohn in guter Laune und erwähnte die Ereignisse des gestrigen Tages mit keiner Silbe. Ehe er zu Bett ging, sagte er zu Gérard: »Morgen wirst du dich nicht entfernen. Wir werden den Abbé Volland miteinander besuchen ... Und,« fügte er hinzu, »außerdem wirst du mir den Gefallen erweisen, dir graue Handschuhe zu kaufen, die schwarzen habe ich satt!«

Dies war die einzige Anspielung, die er sich in Bezug auf den »Weidenball« erlaubte.

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