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Gérards Heirat

André Theuriet: Gérards Heirat - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/theuriet/gerards/gerards.xml
typefiction
authorAndré Theuriet
titleGérards Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 15
year1885
translatorNatalie Rümelin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110708
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Erstes Kapitel.

Welch beruhigenden Klang haben nicht die Glocken, die noch in manchen Landstädtchen den Abend einläuten! Die vertrauten Töne beschließen das Tagewerk so friedlich und schläfern die Kinder in ihren Korbbettchen besser ein als ein Schlummerlied. Es liegt etwas Inniges, Tröstliches in diesen vollen, tiefen und friedlichen Klängen... Die Glocken von Juvigny haben diese Klänge auch; sie ertönen jeden Abend, im Winter um acht, im Sommer um neun Uhr, von dem stattlichen Turm, der einzigen Zierde, die Ludwig XIV., dieser große Zerstörer der lothringischen Festungen, der Mauerkrone der alten Stadt gelassen hat.

An einem schönen Julisonntag des Jahres 1868, in dem Augenblick, mit welchem unsere Geschichte beginnt, verhallten die letzten Töne der Abendglocke über den Rebgeländen der Hügel, an denen sich die im Grünen versteckten Häuser Juvignys bis zu dem Flusse Ornain hinabziehen wie eine Herde zerstreut weidender Schafe, die zur Tränke eilen.

In einem der Gärten, die hinter den Wohnhäusern der oberen Stadt liegen, lehnte ein junger Mann an der Mauer einer Terrasse und betrachtete sinnend die Abhänge der Schlucht von Polval, die, zwischen zwei Weinbergen eingezwängt, sich schon in der Dämmerung verlor. Die ersten Sterne blinzelten mit ihren Diamantaugen hinter dem Saum der Wälder hervor, die den Horizont begrenzen, und aus der Ferne ließ sich das Rollen der Lastwagen auf der steinigen Landstraße vernehmen, das sich immer weiter entfernte. Während der Stille, die auf den letzten Ton des Abendgeläutes gefolgt war, trug plötzlich der Westwind stoßweise die fröhlichen Weisen einer Tanzmusik aus einer benachbarten Gartenwirtschaft herüber, unter deren Bäumen ein Ball abgehalten wurde. Der junge Mann erhob das Haupt und atmete tief auf, als ob er die im Wind zerstreuten, melodischen Töne ganz in sich aufnehmen wollte.

»Herr Gérard,« rief plötzlich hinter ihm die näselnde Stimme der alten Magd des Hauses, »Herr von Seigneulles ist schon schlafen gegangen; Baptist und ich möchten auch ins Bett, gedenken Sie denn noch nicht hereinzukommen?«

»Gleich, Marie!«

Nachdem die Magd die Gartenthüre, die in die Weinberge führte, sorgfältig abgeschlossen hatte, kam sie wieder zu ihrem jungen Herrn zurück.

»Gute Nacht,« sagte sie, »aber vergessen Sie nicht, wenn Sie hinauf gehen, die Flurthür gut zu verriegeln. Sie wissen, daß Ihr Vater nicht gerne bei offenen Thüren schläft.«

»Ja, ja!« antwortete er ungeduldig, »Gute Nacht!«

Gérard von Seigneulles war ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren, etwas zart, aber hübsch gewachsen. Seine matte Hautfarbe und seine tiefblauen Augen wurden durch das schwarze Haar und den glänzenden Bart gehoben. Der Ausdruck seines Gesichtes war beweglich und doch fest und zeigte eine gewisse verschleierte, durch große Schüchternheit unterdrückte Leidenschaftlichkeit. Diese Gegensätze gaben seinem ganzen Wesen etwas Zurückhaltendes, das man leicht für Hochmut halten konnte.

Sein Vater, Ritter des Ludwigsordens, war Gardeoffizier unter der Restauration gewesen, er hatte sich erst spät verheiratet und seine Gattin nach Verlauf einiger Jahre verloren. Gérard war das einzige Kind des Herrn von Seigneulles, der ihn streng nach der alten Sitte erzogen hatte. Der »Chevalier«, wie man ihn in Juvigny nannte, ein leidenschaftlicher und halsstarriger Legitimist, hatte zwar einen wenig entwickelten Verstand, aber das Herz am rechten Fleck, und war von einer sprichwörtlich gewordenen Ehrenhaftigkeit. Er war der Ansicht, daß die Söhne bis zu ihrer Volljährigkeit, die bei ihm, nach dem alten Recht, erst mit fünfundzwanzig Jahren eintrat, den Eltern blindlings zu gehorchen hätten.

Mit zwölf Jahren war Gérard in die Jesuitenschule nach Metz gebracht worden. Er dachte noch zitternd an die Angst zurück, die ihn stets erfaßt hatte, wenn er in den Ferien mit schlechten Zeugnissen nach Hause gekommen war. Gar oft war er fünf- oder sechsmal um die obere Stadt gelaufen, ehe er es gewagt hatte, die Klingel am väterlichen Hause zu ziehen und den lärmenden Zornesausbrüchen des Herrn von Seigneulles standzuhalten. Sobald er das Baccalaureat erlangt hatte, war er zum Studium der Rechte nach Nancy gegangen; allein auch hier hielt ihn der gestrenge Chevalier fest im Zaum. Er hatte seinen Sohn bei einer frömmelnden, ständig ans Zimmer gefesselten alten Verwandten in Kost und Wohnung gegeben. Um in sein Zimmer zu gelangen, mußte Gérard durch das dieser ehrbaren Witwe gehen, was ihn nötigte, stets früh nach Hause zu kommen, und jeden nächtlichen Ausgang unmöglich machte. Man wird begreiflich finden, daß der junge Mann unter diesen Umständen seine Studien nicht sehr in die Länge zog. Nachdem er Schlag auf Schlag seine vier Prüfungen bestanden, hatte er kürzlich doktoriert und war nun seit kaum vierzehn Tagen nach Juvigny zurückgekehrt. Trotz dieser klösterlichen Erziehung war Gérard durch und durch weltlich gesinnt und trug sehr schwer an seiner Tugend. Man kann seine Neigungen so wenig ändern als sein Temperament, und der junge Seigneulles fühlte sich von den Freuden dieser Welt stark angezogen. Er war heißblütig und neugierig und hatte sich vorgenommen, die Vergnügungen, die man ihm so lange vorenthalten, in vollen Zügen zu genießen, sobald sie ihm zugänglich werden würden. Unglücklicherweise mußte er vom ersten Tag seiner Rückkehr an seine Erwartungen niedriger spannen, denn obwohl Juvigny der Sitz einer kleinen Präfektur war, bot es doch keinen Ueberfluß an Zerstreuungen, und auch das Leben, das man bei Herrn von Seigneulles führte, hatte nichts Verlockendes für einen Jüngling, der seine dreiundzwanzig Jahre so gerne genossen hätte. Der Chevalier sah niemanden bei sich, als den Geistlichen seiner Pfarre und zwei oder drei biedere Edelleute aus dem Orte. Wohl gewährte er seinem Sohne nun ein wenig mehr Freiheit, allein er gab ihm nicht die Mittel, dieselbe zu benutzen; dazu kam auch noch der Umstand, daß sich Gérard in der Gesellschaft der jungen Leute von Juvigny, mit denen er weder Sprache noch Sitten gemein hatte, fremd und linkisch fühlte.

Und doch wollte er so gerne leben. Ungeduldige Erwartungen machten sich geltend und schwellten sein Herz. Feurig, den Kopf voller Wünsche und den Körper voll Kraft, sagte er sich, daß jede Stunde dieses trübseligen Daseins seiner Jugend gestohlen werde, und während er sich in seiner Einsamkeit herumtrieb wie ein Eichhörnchen in seinem Käfig, gähnte er vor Langeweile und Mattigkeit. Erst gestern hatte ihn noch Regina Lecomte, eine junge Arbeiterin, die von Marie im Taglohn beschäftigt wurde, in dieser Stimmung überrascht, als er in dem väterlichen Garten spazieren ging, die Arme reckte und streckte und sich fast die Kinnbacken ausrenkte. Das lebhafte und gefallsüchtige Mädchen hatte ihn verstohlen beobachtet, während sie Wäsche von der Wiese aufnahm.

»Herr Gérard,« sagte sie plötzlich zu ihm, »Sie sehen aus, als ob Sie sich rechtschaffen langweilten!«

»Es ist wahr,« antwortete er errötend, »die Tage werden mir recht lange.«

»Weil Sie sie nicht durch Vergnügen auszufüllen verstehen. Warum kommen Sie denn Sonntags nie zum ›Weidenball‹?«

»Zum Ball,« flüsterte Gérard, der fürchtete, sein Vater könne ihn hören.

»Ja, wie alle die jungen Herren. Man könnte glauben, Sie verschmähten die Bälle von uns Arbeiterinnen aus Stolz.«

»Da würde man mir unrecht thun,« entgegnete er, »wenn ich nicht hingehe, so kommt dies nur daher, daß ich niemanden dort kenne.«

»Bah, es wird Ihnen nicht an Tänzerinnen fehlen; wenn Sie morgen kommen, so verspreche ich Ihnen einen Kontertanz.«

Während sie so plauderte, nahm die kleine Regina ihre Wäsche auf, und die Mittagssonne beleuchtete die lachenden Augen, das Stumpfnäschen und die blitzenden Zähne.

Sie entfernte sich, den jungen Mann auf eine Weise anlächelnd, die ihn nachdenklich machte.

Seit dem frühen Morgen hatte er sich hin und her überlegt, wie er sich fortstehlen und an dem Ball teilnehmen könnte, und hatte sorgfältig die Lockungen der verbotenen Frucht und den drohenden, väterlichen Grimm gegeneinander abgewogen.

Ein an den freien Genuß seiner Jugend gewöhnter Pariser hätte über diese Aufregung wegen eines Arbeiterinnenballes gelächelt, aber für Gérard, der wie ein Mädchen erzogen worden war und nur selten ein Vergnügen gekostet hatte, besaß dieser Ball den ganzen geheimnisvollen Zauber einer zum erstenmal begangenen Sünde. Die Gartenwirtschaft war für ihn ein verschlossenes Paradies voll lockender, unbekannter Genüsse. Die plötzlich lauter ertönende Tanzmusik besiegte seine letzten Bedenken. Es war keine Möglichkeit, durch die Thüre, zu der Marie den Schlüssel mit sich genommen hatte, hinauszukommen, und so kletterte Gérard auf die Mauer, sprang leicht auf die weiche Erde des Weinberges hinab, glitt behutsam durch die Reben und schritt eine Viertelstunde später unter den Bäumen des Spazierweges dahin.

Die lange Platanenallee, die einen Arm des Ornain begrenzt, war in tiefen Schatten gehüllt. Ganz im Hintergrund, am Eingang zum Tanzplatz schimmerten bunte Glaslampen wie Glühwürmchen durch das Laub.

Als die Musik verstummte, vernahm man das silberhelle Plätschern des Wassers zwischen den Baumwurzeln. Gérard fühlte, als er atemlos und glühend an dem rohen Holzsteg ankam, der in die Gartenwirtschaft führte, all seine Kühnheit schwinden. Er wußte nicht, wie er sich in diese Gesellschaft, deren Sitten ihm unbekannt waren, einführen sollte, und begann unentschlossen am Ufer des Flusses hin und her zu irren. Das Orchester spielte einen Walzer. Zwischen den Weißdornhecken hindurch konnte man die Gewinde aus bunten Glaslampen unterscheiden, und sehen, wie sich die Paare langsam in dem lichthellen Kreise drehten. Lautes Gelächter vermischte sich mit den schmeichelnden Klängen der Flöten und den grelleren Tönen der Geigen; von den nahen Blumenbeeten stieg der Duft von Reseda und Clematis empor und machte Gérard vollends ganz trunken. Er eilte über die Brücke, bezahlte mit niedergeschlagenen Augen dem Portier, der in seinem tannenen Häuschen hockte, das Eintrittsgeld und glitt, wie ein verschämter Armer, im dichtesten Schatten der Bäume entlang bis hinter die Reihen der sonntäglich geputzten Mütter und der neugierigen Bürgersfrauen, aus denen die Zuschauer dieses Balls unter freiem Himmel bestanden.

Kaum hatte er sich ein wenig von seiner Verwirrung erholt, als er unter den Tänzerinnen das unregelmäßige aber hübsche Gesichtchen der kleinen Regina entdeckte. Die Nähterin sah ganz gesetzt aus in ihrem bedruckten Mousselinkleidchen und dem winzigen Hütchen mit roten Bändern, die im Winde flatterten. Sie tanzte mit einem großen, kräftigen Burschen mit starkem blondem Bart und offenem, schalkhaftem Gesicht, der ausgezeichnet walzte und der Löwe des Balles zu sein schien. Er trug einen breitränderigen, weichen Filzhut und eine weite, schwarze Sammetjuppe, über deren Umschläge die Enden eines hochroten Halstuches herabfielen; ein Beinkleid von weißem Tuch, an den Außenseiten mit schwarzen Streifen verziert, vervollständigte diesen nachlässigen und doch gesuchten Anzug, der von den regelrechten Ueberröcken und steifen, hohen Hüten der anderen jungen Leute scharf abstach. Die Gewandtheit, das Feuer und die Sicherheit des Herrn in der schwarzen Sammetjuppe schienen die Bewunderung der Zuschauer zu erregen.

»Sehen Sie,« sagte eine der Klatschbasen, »die kleine Regina hat gerne hübsche Tänzer; sie geht Herrn Laheyrard nicht von der Seite!«

»Sie rächt sich am Bruder für die Possen, die ihr die Schwester spielt,« sagte ein häßliches Mädchen, das sitzen geblieben war. »Fräulein Laheyrard hat Regina ihren Liebhaber weggeschnappt.«

»Was! der kleine Finoël sollte sich's in den Kopf gesetzt haben, die Pariserin zu heiraten?«

»Er ist immer hinter ihr her, sie zieht ihn überall nach wie ihren Schatten!«

Der Walzer war zu Ende und Gérard suchte mit laut pochendem Herzen die kleine Regina auf. Da er gesehen hatte, daß die meisten jungen Leute zum Tanzen Handschuhe anzogen, so durchstöberte er seine Taschen, fand aber nur ein Paar schwarze Handschuhe darin. Man gab nicht viel auf Eleganz bei Herrn von Seigneulles und schwarz war dort eine sehr beliebte Farbe. Während Gérard die Trauerfarbe noch kläglich betrachtete und sich überlegte, ob es nicht ratsamer sei, mit bloßen Händen zu tanzen, wurde das Zeichen zum Kontertanz gegeben und plötzlich stand er vor Regina Lecomte.

»Ah, das ist schön,« rief die Nähterin lustig, »daß Sie Wort halten; geben Sie mir Ihren Arm!«

Gérard zog schleunigst den trübseligen, schwarzen Handschuh an, und Regina, die an seinem Arm hing, führte ihn siegbewußt an den bestbeleuchteten Stellen des Tanzplatzes vorbei. Sie zeigte den Zuschauern nicht ungern, daß sie einen hübschen Jungen, der obendrein auch noch der Erbe einer der besten Familien Juvignys war, zum Tänzer hatte. Der junge Mann bemerkte, daß alle Augen auf ihn gerichtet waren und verlor seine Fassung vollends ganz. Einige Tänzer, die ihn kannten und nicht leiden mochten, sahen ihn verächtlich an oder kicherten verstohlen, Gérard fühlte sich unbehaglich und begann schon, seinen leichtsinnigen Streich zu bereuen, als die Musik das Vorspiel begann. In demselben Augenblick trat der lustige Bursche in der Sammetjuppe auf die kleine Regina zu und rief halb spöttisch, halb anspruchsvoll: »Wie, Königin meines Herzens, Sie haben Ihr Wort gebrochen und verschwenden Ihre Gunst an einen Fremden!«

»Ja,« entgegnete sie geziert, »Herr von Seigneulles ist zum erstenmal hier, und man muß die Anfänger ermutigen.«

»Ich weiß, daß Sie mit Vorliebe erziehen,« erwiderte der junge Mann mit lautem Lachen, nahm seinen Filzhut ab und sagte zu Gérard, der sich errötend auf die Lippen biß: »Ich gratuliere Ihnen, mein Herr.«

»Schweigen Sie, Ungezogener!« rief Regina wütend; dann wandte sie sich zu ihrem Tänzer und erkundigte sich, ob er schon ein Gegenüber habe. Auf die verneinende Antwort, rief sie den Herrn mit blondem Bart zurück, »Gehen Sie, Taugenichts,« sagte sie, »fordern Sie eine der Damen auf und seien Sie unser Gegenüber!«

»Zu Ihren Diensten, Gebieterin!« Er verbeugte sich scherzhaft, drehte sich rund um und kam bald mit einer Tänzerin zurück.

Der Kontertanz begann. Gérard wußte nicht, was er zu Regina sagen sollte, da ihm die Sprache, die man mit dieser Art Mädchen reden muß, vollständig fremd war. Die Unterhaltung stockte und der Sohn des Herrn von Seigneulles fand es nicht halb so schön auf dem Balle, als er es sich geträumt hatte. Er zitterte bei dem Gedanken, er könne beim Tanzen eine Ungeschicklichkeit begehen; zum Glück für ihn wurde der Tanz so nachlässig ausgeführt, daß selbst ein Kind sich hätte wohl dabei fühlen müssen; nach jeder Tour umfaßten die Herren ihre Tänzerinnen und drehten sich mit ihnen im Kreise herum.

Der » Cavalier seul« war die einzige Schwierigkeit, die sich Gérard bot; er glaubte zu fühlen, daß sich alle Blicke auf ihn richteten, und bewegte sich schüchtern, mit niedergeschlagenen Augen, vorwärts und wußte durchaus nicht, was er mit seinen Armen anfangen sollte. Wie wenig er seiner Aufgabe gewachsen war, wurde Gérard erst ganz klar, als er sein Gegenüber im Sammetrock an der Arbeit sah. Der junge Mann begann mit ein paar tollen Luftsprüngen, zu welchen er die Arme über dem Kopf zusammenschlug, so daß sie sich wie die Fühlhörner eines riesigen Insektes ausnahmen; plötzlich hielt er inne, bewegte sich langsam und ernsthaft vor Gérard hin und her, schleuderte statt eines Grußes seinen Filzhut hinter sich, warf den beiden Tänzerinnen Kußhändchen zu, reichte ihnen die Hand und beschloß das Ganze durch eine zügellose Ronde.

Gérard war ganz verblüfft. »Wer ist denn dieser junge Herr?« fragte er Regina.

»Das ist ja Ihr Nachbar, der Sohn des Schulrats. Ah, haha, ich wette, daß Sie seine Schwester, die schöne Helene Laheyrard, besser kennen!«

»Nein, ich komme von Nancy und kenne hier niemanden mehr.«

»So werden Sie sie bald kennen lernen,« fuhr die kleine Regina mit boshafter Absichtlichkeit fort, »sie macht wenigstens genug von sich reden. Ach, du lieber Gott! wenn unsereins sich auch nur halb so viel erlauben wollte als diese Pariserin, da gäbe es nicht Steine genug, um uns zu steinigen.«

»Wirklich! ist sie denn hübsch?«

»Das ist Geschmacksache,« antwortete Regina verächtlich; »gewisse Leute sind ganz vernarrt in sie, weil sie große Augen hat, die sie weit aufreißt, als ob sie die ganze Welt damit verschlingen wollte, und lange, lockige Haare, die sie über den Rücken herunterhängen läßt. Ich, für meine Person würde nicht den Kopf drehen, um sie anzusehen, aber die Männer sind ja so dumm.«

Der Schlußgalopp brach die Unterhaltung kurz ab; Gérard, der wieder etwas Sicherheit gewonnen hatte, faßte seine Tänzerin fest um die Taille und stürmte, wie die anderen, wild mit ihr dahin. Diese Art zu tanzen gefiel ihm außerordentlich. Ganz stolz, daß er seine Sache so gut gemacht hatte, wollte er eben aufs neue beginnen, als ihn ein Ausruf, der von der Bank her kam, auf die er Regina geführt hatte, veranlaßte, sich umzudrehen. Eine Nachbarin zeigte der Nähterin eben die fünf Finger von Gérards Handschuh, die sich auf dem weißen Kleiderleibchen schwarz abgedrückt hatten.

»O, Herr von Seigneulles,« rief das wütende Mädchen, »Sie sind mir ein netter Tänzer! Sehen Sie, wie Sie mein Kleid zugerichtet haben!«

Der arme Bursche war ganz reumütig und bestürzt und wünschte sich hundert Klafter unter die Erde. Es bildete sich ein Kreis um sie und an boshaften Lachern war kein Mangel. Gérard errötete, murmelte Entschuldigungen und verwickelte sich in seinen Sätzen.

»Meiner Treu,« sagte hinter ihm die spöttische Stimme eines dicken Ladendieners, »wenn Herr von Seigneulles seinem Sohn erlaubte, auf den Ball zu gehen, so hätte er ihm wohl auch ein Paar gelber Handschuhe bezahlen können!«

»Bah,« fuhr ein anderer fort, »die Adligen in der oberen Stadt sind alle gleich: sie trauern um ihre leeren Kleiderschränke und um ihre Hoffnungen.«

Gérard war nicht geduldig; er drehte sich nach dem Spötter um, faßte ihn am Rockkragen, schüttelte ihn heftig und rief: »Mein Herr, ich glaube, Sie erlauben sich, mich zu beleidigen!«

In einem Augenblick sah er sich von einem Trupp junger Ladendiener umringt, die ihm gerne übel mitgespielt hätten.

»Hinaus mit ihm! werft ihn hinaus!« schrieen sie, »glauben denn diese Krautjunker, sie könnten hier auf unserem Ball die Herren spielen? ...«

»Nur gemach, meine Herren!« ertönte eine schallende Stimme, »übt man so die Gastfreundschaft bei Ihnen?«

Mit zwei Stößen seiner kräftigen Schultern hatte sich Herr Laheyrard Bahn gebrochen und pflanzte sich kampfbereit neben Gérard auf.

Die Fäuste trotzig in die Seite gestemmt, den Hut in den Nacken zurückgeschoben, betrachtete der junge Mann mit schalkhafter Miene die Gegner des Herrn von Seigneulles. »Das ist wahrhaftig Geschrei genug um ein verdorbenes Kleid!« fuhr er fort. »Herr von Seigneulles wird sich ein Vergnügen daraus machen, Fräulein Regina ein neues zu verehren, das sind seine Sachen. Ist das aber für euch ein Grund, euch zu gebärden wie Dorfköter, die bellen, wenn ein Fremder durch den Flecken geht? Ihr kommt mir sehr wunderlich vor, und ich sage euch nur so viel: der erste, der einen Schritt auf meinen jungen Freund zu macht, wird in erster Linie mit meinen beiden Fäusten Bekanntschaft machen. Dies dem Liebhaber zur Notiz.«

Die Angreifer blickten sich an und berechneten innerlich die Kraft der Arme des jungen Laheyrard und zerstreuten sich brummend bei den ersten Takten der Musik, die zu einem neuen Tanze lud.

Gérard bedankte sich herzlich bei seinem Verteidiger, der ihn achselzuckend in einen einsamen Baumgang führte.

»Sie sind wohl zum erstenmal auf dem ›Weidenball‹?« fragte er und fuhr, nachdem er eine bejahende Antwort erhalten hatte, fort:

»Ja, ja, man sieht es wohl! Sie lassen sich noch zu leicht außer Fassung bringen; doch das gibt sich, sobald Sie erst ein wenig mehr Uebung haben.«

Gérard erwiderte, daß ihm dieser Skandal die Lust zu öffentlichen Bällen für lange verdorben habe, und wollte sich von seinem neuen Freund verabschieden.

»Einen Augenblick!« rief dieser, »ich verlasse Sie nicht. Der Weg ist dunkel und einsam; vielleicht könnten diese Dummköpfe da dies benutzen, um sich an Ihnen zu rächen.«

Sie gingen miteinander hinaus; als sie einige Schritte unter den Platanen gemacht hatten, sagte Gérard:

»Wenn ich mich nicht täusche, sind wir Nachbarn. Ich heiße Gérard von Seigneulles und glaube, die Ehre zu haben, mit dem jungen Herrn Laheyrard zu sprechen.«

»Ja,« antwortete sein Gefährte und strich sich wohlgefällig durch den Bart, »Marius Laheyrard, Student der Pariser Fakultät und Redakteur des ›Nordlichts‹, der Zeitschrift der neuen Schule ... Sie konnten oft genug Gedichte von mir darin lesen.«

»Um Vergebung,« antwortete Gérard höflich, »ich muß leider gestehen, daß ich diese Zeitschrift nicht kenne, ich werde sie mir aber zu verschaffen wissen ...«

»Ich zeichne ›Mario‹,« fuhr Laheyrard fort, »aus Rücksicht für den Alten ...«

»Für welchen Alten?« fragte Gérard, der ihn nicht verstand.

»Für den alten Laheyrard ... meinen Vater,« setzte der Dichter nachlässig hinzu. »Er verabscheut alle Verse und wollte mich vom Schreiben abhalten, unter dem Vorwand, meine anakreontischen Lieder beeinträchtigen seine akademische Würde; aber ich habe ihm den Mund gestopft.«

»Oh!« murmelte der junge Seigneulles ganz verdutzt von der Rücksichtslosigkeit, mit welcher der Dichter die väterliche Autorität behandelte.

Dann wollte er sich liebenswürdig zeigen und fügte hinzu: »Ich selbst liebe die Dichtung sehr; ich bewundere besonders Lamartine.«

»Lamartine! Diese ausgestopfte, alte Nachtigall!« rief Marius unehrerbietig.

»Aber,« warf Gérard ein, »Jocelyn ist doch immerhin ...«

»Jocelyn, der alte Kram!« unterbrach ihn Laheyrard unbarmherzig und begann seinem Gefährten mit viel Feuer eine ganze poetische Theorie zu entwickeln, nach welcher die kunstvolle Verbindung seltsam klingender, farbenreicher Worte an Stelle der Empfindung und des Gedankens treten sollte.

»Sehen Sie,« rief er mit stolzer Miene.

»Wir, die wir Worte schmieden wie das harte Erz,

wir brauchen die Begeisterung nicht mehr, die in einer Nacht die Gedichte wachsen läßt wie den Löwenzahn auf den Wiesen, wir brauchen Lampenlicht, unerhörte Anstrengung und unvergleichliche Seelenkämpfe.«

Gérard machte große Augen.

Um seine Vorschriften durch Beispiele anschaulicher zu machen, begann Marius in den nächtlichen Straßen Sonette herzusagen, in denen nur von fahlen Jahrhunderten, von dunklen Schrecknissen und von milden Sehnsuchtsschmerzen die Rede war; die untergehende Sonne wurde mit einem mit Wein beschmierten Trunkenbold, und die Sterne mit Goldfischen, die in einer himmelblauen Glaskugel schwimmen, verglichen ... Nachdem er eine gute Viertelstunde lang deklamiert hatte, blieb der Dichter stehen, um seine Pfeife zu stopfen und anzuzünden. Beim Flackern des Streichholzes betrachtete Gérard das lustige, pausbäckige Vollmondsgesicht Marius', seine breiten Schultern, seine stämmige Gestalt, und er wunderte sich, daß dieser Rabelaissche. Kopf, der ihn an Bruder Jean, den Begleiter Gargantuas erinnerte, solch düstere, totentanzartige Gedichte hatte hervorbringen können.

»Ich bin so trocken wie die Wüste Sahara,« rief Laheyrard und schnalzte mit der Zunge, »es ist ein Jammer, daß schon alle Wirtshäuser geschlossen sind ...«

Damit wechselte er den Gegenstand des Gespräches, kehrte wieder zur Wirklichkeit zurück und rühmte die guten Eigenschaften des Märzenbieres, ging von der Aesthetik zur Gastronomie über und begann in epischem Stil die üppigen Mahlzeiten zu verherrlichen, die man in Juvigny zu sich nehme. Marius' Wesen zeigte eine solche Mischung von sonderbarer Geziertheit und Kinderei, von gutmütigem Frohsinn und gekünstelter Überspanntheit, daß Gérard sich fragte, ob er es mit einem Narren oder mit einem Spaßvogel zu thun habe. Wahrend ihres Geplauders waren sie in der Straße angelangt, in der sie beide wohnten. Marius zog einen riesigen Hausschlüssel aus der Tasche.

»Das ist das zierliche Schlüsselchen, das mir die väterliche Burg erschließt, aber ich will Sie zuerst bis an Ihre Thüre begleiten.«

O, das ist nicht nötig! ich – ich habe nämlich keinen Hausschlüssel,« stotterte Gérard verlegen, »und ich möchte meinen Vater nicht gern aufwecken.« Er erzählte nun, wie er über die Gartenmauer gesprungen war.

Marius schüttelte sich vor Lachen.

»Ach, ach,« sagte er und hielt sich die Seiten, »die schwarzen Handschuhe, Ihr verschämtes Tanzen und die Umstände, die Sie mit der kleinen Regina machten, das erklärt sich nun alles ... Sie sind ein guter junger Mann, und ich hoffe, daß wir uns wiedersehen werden. Erklimmen Sie Ihre Mauer wieder, mein Freund und schlafen Sie wohl!«

Er trat pfeifend in das Haus. Gérard bog um die Ecke der Straße, stieg durch die Weinberge hinauf und begann die Terrasse zu erklettern. Dank den alten bemoosten Spalieren, die eine natürliche Leiter bildeten, langte er gesund und wohlbehalten oben auf der Mauer an; er saß noch rittlings auf derselben, als ihm eine spöttische Stimme »Bravo!« zurief, und als er den Kopf erhob, entdeckte er den Dichter, der rauchend auf einem Baume im Nachbarsgarten saß. Das Schlimmste war überstanden. Vorsichtig trat Gérard in die Hausflur und schlich auf den Fußspitzen die Treppe hinauf. Schon hatte er das Stockwerk erreicht, in dem seines Vaters Zimmer lag, schon glaubte er sich in Sicherheit, als er sich unglücklicherweise in der Dunkelheit an einem Möbel stieß. In demselben Augenblick öffnete sich die Thüre des Zimmers und Herr von Seigneulles erschien, in ein Flanellgewand gehüllt, eine Kerze in der Hand, auf der Schwelle.

»Donnerwetter! Bursche!« rief er, »hältst du mein Haus für ein Wirtshaus? Ich dulde nicht, daß meine Thüren länger als bis zehn Uhr offen bleiben. Du solltest das wissen ...« Und als Gérard sich zu rechtfertigen suchte, fügte er strenge hinzu: »Genug, mach', daß du zu Bette kommst, du kannst morgen deine Entschuldigungen vorbringen.«

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