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Gérards Heirat

André Theuriet: Gérards Heirat - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorAndré Theuriet
titleGérards Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 15
year1885
translatorNatalie Rümelin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebzehntes Kapitel.

Der erschöpfte Jüngling blieb einige Zeit verblüfft und wie gebrochen in seinem Lehnstuhl sitzen. Die Vorwürfe und Verwünschungen seines Vaters klangen ihm noch in den Ohren. Alles, was sich in der letzten Viertelstunde begeben hatte, kam ihm vor wie ein qualvoller Traum. Nur verworren hörte er vom Hofe herauf das Stampfen Brunos, den Baptist am Zügel hielt, die laute Stimme seines Vaters und die Antworten der erstaunten Marie. »Bringt meinen großen Mantelsack!« schrie der Chevalier.

»Den Mantelsack?« wiederholte die Dienerin, »Heilige Jungfrau! Seit zehn Jahren hat man den nicht mehr gebraucht! Sind Sie denn ganz von Sinnen, Herr von Seigneulles?«

Darauf antwortete der wütende Chevalier mit Stampfen und Fluchen. Endlich nach vielem Hin- und Herlaufen und lautem Rufen, wurde der Mantelsack dem Pferde hinten aufgeschnallt und Gérard, der sich dem Fenster genähert hatte, sah, wie sein Vater in den Sattel sprang und dem Pferde einen heftigen Peitschenhieb versetzte. Bald erklangen die Hufschläge Brunos auf dem Straßenpflaster; der Chevalier war abgereist.

Als Gérard den Kopf wieder erhob, bemerkte er Marius Laheyrard, der unter den Buchen auf der Terrasse rauchend auf und ab ging. »Ach,« dachte er, »so werde ich doch endlich Aufklärung erhalten!« Ohne die von seinem Vater abgeschlossene Thüre weiter zu beachten, stieg er aus dem Fenster und ließ sich, zwei Schritte von dem verblüfften Baptist, in den ungepflasterten Hof hinabgleiten. In zwei Minuten war er bei Marius unter den Bäumen im Obstgarten.

»Das ist schön!« rief dieser und streckte ihm die Hand entgegen. »Sie haben sich nicht wie ein Schuljunge einsperren lassen... Ich mußte gewiß, daß Sie uns zu Hilfe eilen würden.«

»Helene?...« fragte Gérard.

»Abgereist,« antwortete Marius seufzend; »nach dem Angriff im Höllengrund war der Platz nicht mehr zu halten... Ach, mein armer Freund, ich habe ein schweres Unrecht gegen Sie begangen!« Und der Dichter begann, alle falsche Scham beiseite setzend, ihm ehrlich sein tolles Benehmen bei dem Jagdfrühstück und dessen unheilvolle Folgen zu berichten. »Helene ist vor dem Grolle Frau Grandfiefs geflohen: aber ich bin hier geblieben und in die Bresche getreten und werde dieser abscheulichen Scheinheiligen ein Gericht aus meiner Küche zu kosten geben.«

Gérard bestand darauf, den Aufenthaltsort Helenens zu erfahren, und Marius nannte ihm schließlich die Straße und das Haus, in dem seine Schwester Zuflucht gesucht hatte.

»Danke!« rief Gérard aus, »ich werde sofort nach Paris reisen; wollen Sie mich begleiten?«

»Nein, jetzt nicht... ich brüte meine Rache aus und weiche nicht vom Platz; aber, lieber Freund, was wollen Sie denn dort thun?«

»Ich will,« sagte Gérard mit entschlossenem Ton, »Helenen sehen, ihr zeigen, daß mein Herz sich nicht geändert hat und erst hierher zurückkehren, wenn ich sie als meine Gattin heimführen kann.«

Seine Augen blitzten und sein Gesicht hatte einen so ungewohnten, energischen Ausdruck angenommen, daß Marius ihn einen Augenblick verwundert betrachtete, ihm dann aber kräftig auf die Schulter klopfte und sagte:

»Sie gefallen mir, Sie sind ein Mann!... Reisen Sie also und gut Glück! Steigen Sie im Hotel Parnaß ab; der Wirt ist ein gescheiter Kerl; aber berufen Sie sich nicht auf mich, sonst setzt er Sie schmählich vor die Thüre!«

Unterdessen trabte Herr von Seigneulles auf der Landstraße dahin zur Station. Dem ungeduldigen Chevalier schienen die Kilometersteine gar kein Ende nehmen zu wollen, und er spornte daher den friedlichen Bruno, der aus diesem Benehmen gar nicht klug werden konnte, bis aufs Blut. Trotz seines Widerwillens gegen die Eisenbahn und alle modernen Erfindungen wäre der alte Edelmann gerne schon in seinem Zuge und auf dem Wege nach Paris gewesen.

»In diesem Augenblick gibt es Leute auf der Welt,« dachte er bei sich, »welche das Recht haben, die Seigneulles einer unehrenhaften Handlung zu beschuldigen. Ihr bis dahin reines, azurfarbenes Wappenschild zeigt nun einen schmachvollen schwarzen Flecken.« Dieser Gedanke genügte, ihm die Schamröte auf die Stirne zu treiben. Er fühlte, daß er nicht eher Ruhe finden würde, als bis dieser Flecken ausgelöscht wäre. Wie er dies anfangen wollte, wußte er noch nicht, und er wagte es kaum, diesen wunden Punkt näher ins Auge zu fassen. Während er den Zwang verwünschte, den ihm die Thorheit seines Sohnes aufgedrungen hatte, sagte er sich: »Vor allem muß ich dieses unselige Geschöpf einmal sehen. Was für eine Art Mädchen mag sie sein? Gott allein weiß es! Irgend eine Abenteurerin mit verführerischen Augen und herausforderndem, bezauberndem Wesen. Wenn Gérard wenigstens irgend ein armes, schüchternes und zurückhaltendes Mädchen bloßgestellt hätte, aber nun muß ich mit so einer Pariser Sirene ohne Grundsätze und ohne Erziehung zusammentreffen ... Zum Henker auch!« Er verachtete Helene von ganzem Herzen, er grollte ihr, daß sie nach Juvigny, gekommen war, um seine Pläne zu vereiteln und die Zukunft seines Sohnes zu verderben. Und doch konnte er durch einen seltsamen Widerspruch nicht ohne Entrüstung daran denken, daß dieses achtzehnjährige Mädchen durch Gérards Schuld zu Grunde gerichtet worden war. Adelsstolz, Ehrgefühl und väterlicher Egoismus kämpften heftig in dieser zwar beschränkten, aber ehrenhaften Seele. – »Ich werde keine Ruhe haben, ehe ich sie gesehen habe!« rief er querfeldein; »verfluchter Weg! will er denn gar kein Ende nehmen!«

Nichtsdestoweniger verminderte sich die Entfernung nach und nach; von der Höhe eines Abhanges herab sah Herr von Seigneulles das Bahnhofsgebäude und vernahm den Pfiff einer Lokomotive. Er fürchtete, der Zug fahre ohne ihn ab, gab dem Pferd beide Sporen und ritt in toller Eile bergab. Unglücklicherweise entsprachen Brunos Kräfte nicht der Ungeduld seines Herrn; an einer Biegung stolperte das Pferd und stürzte, und der hitzige Edelmann wurde gegen einen Steinhaufen geschleudert. Bauern, die ein benachbartes Feld bestellten, kamen herbeigelaufen. Herr von Seigneulles, der sich nicht auf den Füßen halten konnte, wurde mit zerschundenem Gesicht aufgehoben und in die einzige Herberge des nahen Dorfes gebracht, wohin ihm auch sein an den Knieen verletztes, lahmendes Pferd folgte. Dann wurde der Bahnarzt gerufen.

Herr von Seigneulles hatte heftige Schmerzen am Bein und biß sich auf die Lippen, um nicht zu schreien, während man ihn entkleidete, aber der physische Schmerz war nichts im Vergleich zu der psychischen Gereiztheit, die er empfand, wenn er an die durch den unglücklichen Fall verursachte Verzögerung dachte. Nachdem er den Kranken gründlich untersucht hatte, erklärte der Arzt, daß er nichts gebrochen habe. Nur das Bein war stark gequetscht und schwoll zusehends an. »Es hat nichts auf sich,« sagte er, »trinken Sie Arnika und setzen Sie sich zehn Blutegel oberhalb des Kniees und alles geht gut.«

»Und ich werde morgen weiterreisen können?« rief Herr von Seigneulles.

»Das nicht, aber in vier Tagen, wenn Sie folgsam sind... Zehn Blutegel, haben Sie gehört?«

»Vier Tage,« zürnte der Chevalier, sobald der Arzt gegangen war, »das ist unmöglich; dieser Tölpel will meinen Tod.« Dann setzte er sich auf und befahl, man solle ihm auf der Stelle vierzig Blutegel holen.

»Ich bitte um Vergebung,« wendete die Wirtin ein, »der Arzt hat gesagt zehn ...«

»Der Arzt ist ein Esel,« erwiderte herrisch Herr von Seigneulles, »gehorchen Sie!«

Als die Blutegel gebracht morden waren, schickte er alles hinaus und begann, sich nacheinander die vierzig Blutegel über dem Knie zu setzen. In seiner Eigenschaft als Soldat glaubte Herr von Seigneulles nur an Pferdekuren, und er war in aller Stille zu der wunderbaren Schlußfolgerung gelangt: ›Wenn ich mit zehn Blutegeln in vier Tagen gesund werde, so kann ich morgen wieder auf den Beinen sein, wenn ich die Dosis vervierfache.‹ Das nannte er eine energische Behandlung der Sache; sehr energisch in der That, denn nach drei Stunden, nachdem er fast all sein Blut verloren hatte und weißer aussah als sein Betttuch, wurde der Chevalier ohnmächtig und hatte nur eben noch Zeit, um Hilfe zu rufen. Der in der Eile herbeigerufene und von der Heldenthat seines Patienten unterrichtete Arzt erhob ein Zetergeschrei: »Nun sind Sie in einem schönen Zustand!« zürnte er, »nun haben Sie genug für vierzehn Tage ... Man ist nicht ungestraft so furchtbar dumm!«

Zu anderer Zeit hätte Herr von Seigneulles die Unverschämtheit dieses ländlichen Aeskulap derb gerügt, aber jetzt war er nicht einmal kräftig genug, um böse zu werden. Er begnügte sich damit, traurig aufzuseufzen, und vergrub sich verzweifelnd in seine Decken.

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