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Gérards Heirat

André Theuriet: Gérards Heirat - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/theuriet/gerards/gerards.xml
typefiction
authorAndré Theuriet
titleGérards Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 15
year1885
translatorNatalie Rümelin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110708
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Sechzehntes Kapitel.

»Wenn ich erst fort bin, wird alles vergessen werden,« hatte Helene oft zu sich selbst gesagt, um sich zur Abreise Mut zu machen; aber sie kannte die Provinz schlecht, oder war vielmehr zu sehr Pariserin, um sie verstehen zu können.

In Paris wird ein Ereignis, wenn es auch noch so viel Aufsehen erregt und noch so viel Staub in der Gesellschaft aufwirbelt, schnell erstickt durch das Gewoge der stets wechselnden Menge und durch die Entrüstung über noch größere neue Skandalgeschichten. Anders ist es in der Provinz, in der das Leben einem ruhigen, stillen See gleicht; der kleinste Kieselstein, der in diese schlummernden Wasser geworfen wird, erweckt ein tiefes, lang anhaltendes Echo und zieht leise Kreise an der Oberfläche, die sich mehr und mehr vergrößern. Der Bewohner einer kleinen Stadt, dessen einzige Zerstreuung darin besteht, daß er hinter bescheidentlich zugezogenen Gardinen das Thun und Lassen seiner Nachbarn belauscht, bewillkommnen einen Skandal wie ein seltenes Wildbret, wie ein Gericht mit Hautgout, das man mit Verstand genießen muß. Er würzt es mit den wunderbarsten Zuthaten, bereitet es bei gelindem Feuer mit seltener Kunst und zehrt dann monatelang davon.

Die rasche Abreise Helenens, weit entfernt, das Abenteuer im Höllengrund vergessen zu machen, hob dies nur um so mehr hervor und bot Veranlassung, es mit ebenso wohlwollenden als scharfsinnigen Ausschmückungen zu versehen. Die wahren Beweggründe zu dieser Flucht waren zu einfach und zu edel, als daß jemand hatte auf den Einfall kommen können, sie für wahrscheinlich zu halten; man suchte andere, und die Bewohner Juvignys ließen ihrer Einbildungskraft die Zügel schießen.

Die kleine Regina war eine der ersten, die den Kopf schüttelte und andeutete, daß die Ursache dieser überstürzten Abreise wahrscheinlich ernster sei, als man glaube. »Wenn man sich nichts vorzuwerfen hat,« sagte dieses gewissenhafte Wesen, »so flieht man nicht wie eine Verbrecherin, und wenn Fräulein Laheyrard die Stadt heimlich verlassen hat, so wird sie dies wohl gethan haben, um die sichtbaren Folgen ihrer Waldspaziergänge zu verbergen.«

Dabei zwinkerte die Nähterin mit den Augen und summte wie als Schlußfolgerung einen bekannten zweideutigen Vers vor sich hin. In Bälde flüsterte man sich zu, daß Gérard von Seigneulles Helene ernstlich kompromittiert habe. Diese Verleumdung, die zuerst mit geheucheltem Unglauben aufgenommen wurde, verbreitete sich durch die ganze Stadt, und da das junge Mädchen durch ihr unabhängiges Wesen, ihre geistvollen Schelmenstreiche und ihre auffallende Schönheit mehr wie einmal Eifersucht und Mißgunst erregt hatte, so fand diese boshafte Voraussetzung fast überall Glauben.

Unter Helenens Anklägerinnen war Frau Grandfief die erbittertste und gefährlichste. Sie griff sie nicht offen an, aber sie hatte eine furchtbare Art, sie zu entschuldigen. »Ich für meine Person,« sagte sie, »habe nie an das Böse glauben können, und die christliche Liebe verbietet uns ein voreiliges Urteil; allein wenn ich an die trostlose Erziehung dieses unglücklichen Kindes denke, dann sehe ich mich genötigt, zuzugeben, daß alles möglich ist. Keine Grundsätze, kein Anstand und eine Mutter, die sie nie beaufsichtigt hat... Wie ist es anders möglich, als daß es mit einem so vernachlässigten Wesen ein schlechtes Ende nimmt? Darum werde ich nie müde, den Müttern, die Töchter haben, zu wiederholen: ›Meine Damen, wir müssen Grundsätze haben; ohne diese sind auch die besten Eigenschaften wertlos.‹ – Gott sei dank, Georgine ist anders erzogen worden. Ich habe sie nicht einmal dem Kloster anvertrauen mögen, meine Augen haben stets über ihr gewacht; sie hat kein Geheimnis vor ihrer Mutter, und ich lese in ihrem Herzen wie in einem Buch. Aber ich kann auch für sie einstehen wie für mich selbst.«

Was Fräulein Georgine anbelangt, so stimmten sie all diese Gerüchte, die über Helenen im Gange waren, tief nachdenklich. Obgleich sie in gewissen Dingen sehr unwissend war und auch keinen durchdringenden Verstand besaß, so erregten doch die versteckten Bemerkungen über die Abreise Fräulein Laheyrards und die im Flug aufgefaßten Anspielungen auf die Art und Weise, in der sie bloßgestellt worden war, die Einbildungskraft des unschuldigen, aber neugierigen Mädchens aufs äußerste. Sie fragte sich, nicht ohne eine gewisse Unruhe, wie es denn möglich sei, daß diese geheimnisvollen Spaziergänge im Höllengrund so schnell so mißliche Folgen nach sich ziehen konnten. – Dieses Muster eines nach Grundsätzen erzogenen Mädchens fühlte sich um so mehr beunruhigt, als ihr Gewissen sich in Beziehung auf Marius Laheyrard einige kleine Sünden vorzuwerfen hatte: ein unklugerweise auf dem Balle angenommenes Sonett, ein inniger Händedruck nach einem Tanz, ja sogar zwei oder drei sehr zärtliche, auf der Straße gewechselte Liebesblicke. In ihrer treuherzigen Unwissenheit fragte sich Georgine bedenklich, ob sie nicht selbst den gefährlichen Weg betreten habe, auf dem Helene einen so schrecklichen Fall gethan hatte, und doch konnte sie durch einen eigentümlichen Widerspruch es nicht unterlassen, zwischen ihre Gewissensbisse hinein mit Wohlgefallen an diesen großen, schönen Dichter zu denken, der so kühn, so lebhaft und so verführerisch war ...

Die Klatschereien waren im Gange und verbreiteten sich von Haus zu Haus. Nur an der Schwelle der Familie Laheyrard und an der Thüre des Herrn von Seigneulles gingen sie vorüber. Sogar in das Haus des letzteren kamen sie mit Marie, die sie von ihren Einkäufen mit nach Hause brachte; die alte Dienerin kannte aber ihren Herrn viel zu gut, als daß sie nicht reinen Mund gehalten hätte; der schweigsame Baptist sagte wie gewöhnlich kein Wort. Trotz dieser Zurückhaltung war Herr von Seigneulles unruhig; man hätte glauben können, er wittere, wie ein alter wachsames, sein Lager umkreisender Eber, etwas in der Luft. Als er den Tag vorher bei Frau von Travanette in das Zimmer getreten, war die begonnene Unterhaltung plötzlich verstummt; die täglichen Gäste hatten zurückhaltende und verlegene Gesichter gemacht; sogar die alte Dame selbst schien etwas befangen zu sein und hatte sich nicht nach Gérards Befinden erkundigt. Ein neu hinzugekommener Besucher begann plötzlich von der Flucht Fräulein Laheyrards zu sprechen; allgemeines Schweigen folgte auf diese unzeitgemäße Bemerkung, wahrend es schien, als ob gewisse schiefe, dem Sprechenden zugeworfene Blicke denselben auf die Anwesenheit des Chevaliers aufmerksam machen sollten. Herr von Seigneulles war sehr nachdenklich nach Hause zurückgekehrt und hatte die Lippen nur zum Essen und Trinken geöffnet; dann hatte er sich in sein Zimmer zurückgezogen und eine gewisse Melodie gepfiffen, die, nach Mariens Erfahrung, immer »Sturm« bedeutete.

Der nächste Tag war wieder Rasiertag; Herr von Seigneulles befand sich schon in seiner Küche, als Magdelinat mit noch unterwürfigerem Wesen und noch geschmeidigerem Rückgrat als gewöhnlich erschien. Dem Barbier waren natürlich alle diese Gerüchte bekannt, durch welche die Stadt in Aufregung versetzt worden war; allein er war durch Schaden klug und vorsichtig geworden und trotz seiner Schwatzhaftigkeit schwieg er während der ganzen Operation. Herr von Seigneulles brach zuerst das Schweigen und sagte: »Nun, Magdelinat, was gibt's Neues?«

»Nichts, Herr Baron, absolut nichts.«

»Hm!... Für einen Mann Ihres Zeichens sind Sie nicht sehr auf dem Laufenden... Wissen Sie denn nicht, daß unsere Nachbarin, Fräulein Laheyrard, die Stadt verlassen hat?«

»Verzeihung,« antwortete der Barbier, »ich wußte es wohl, allein ich fürchtete, Sie mit solchen Klatschereien zu langweilen.«

»Das ist keine Klatscherei, es ist eine Thatsache,« fuhr Herr von Seigneulles unschuldig fort.

Magdelinat betrachtete ihn verblüfft. Durch die gleichgültige Miene seines Kunden getäuscht, glaubte er, der Chevalier wisse von dem Abenteuer seines Sohnes und kümmere sich weiter nichts darum. Deshalb fuhr er mit seiner süßlichsten Miene fort:

»Ja, die Thatsache unterliegt keinem Zweifel ... unglücklicherweise; aber Sie wissen es ja, es wird immer alles übertrieben und man muß nie mehr als den achten Teil von dem glauben, was erzählt wird.«

Herr von Seigneulles sprang auf: »Und was, zum Henker, erzählt man denn?« schrie er und durchbohrte den zurückfahrenden Barbier mit seinen grauen Augen. – Dieser Unglückliche begriff, daß er eine Dummheit gemacht hatte, und versuchte, wieder einzulenken. – »Dummheiten,« sagte er und nahm eine zwanglose Miene an, »die Welt ist so schlecht! Ich meinesteils möchte wetten, daß nichts an der Sache ist als ein bißchen Leichtsinn, und daß Herr Gérard nicht schuld ist...«

»Gérard!... Alle Wetter, was soll denn mein Sohn nun wieder mit dieser lächerlichen Geschichte zu thun haben?«

Der Chevalier hatte sich wütend erhoben und mit einer zornigen Bewegung Magdelinat in eine Ecke der Küche gedrängt. Der Friseur war weißer als sein Handtuch und versuchte sich zu befreien, wobei er der Thüre verzweifelte Blicke zuwarf.

»Habe ich Herrn Gérard genannt?« stöhnte er, »ich werde mich versprochen haben. Weiß man denn je in solchen Fällen, wer der Vater ist?«

»Der Vater?«

Herr von Seigneulles faßte den unglücklichen Magdelinat an der Halsbinde, drückte ihn gegen die Wand und schrie mit vor Aufregung erstickter Stimme: »So, du verdammte Bestie, du weißt mehr als du sagen willst! Sofort sprich deutlich und klar, sonst reiße ich dir deine niederträchtige Zunge aus und nagle sie zwischen zwei Eulen an die Thüre meiner Kelter!...«

»Was soll ich denn sagen?« stotterte Magdelinat halb erwürgt, »ich weiß nur das, was man in der ganzen Stadt erzählt: es wird behauptet, die Tochter des Schulrates habe nur allzu gut gewußt, warum sie habe verschwinden müssen, und es gibt Menschen, die schlecht genug sind, vorauszusehen ...«

»Daß mein Sohn sie ins Unglück gestürzt hat?«

»Es scheint, daß man dies sagt; aber ich glaube es nicht.«

»Glauben Sie's oder glauben Sie's nicht!« schrie der Chevalier und zwirbelte Magdelinat im Kreise herum, »bilden Sie sich denn ein, ich kümmere mich um Ihre Meinung?... Packen Sie sich, Herr... Magdelinat, und setzen Sie nie mehr einen Fuß in mein Haus.«

Der Friseur machte sich schleunigst aus dem Staube; der Chevalier blieb starr wie eine Bildsäule auf der Schwelle stehen. Er war ganz niedergeschmettert. Marie sah ihn an allen Gliedern zitternd an; man hätte eine Stecknadel in der Küche fallen hören. Plötzlich riß sich Herr von Seigneulles den Schlafrock vom Leibe, warf ihn Marien ins Gesicht und sagte mit dumpfer Stimme: »Meinen Rock!«

Sobald er angezogen war, eilte er zu Abbé Volland, den er einem regelrechten Verhör unterwarf. Der Geistliche wußte, daß Helene in Paris, in einer Pension in der Rue de Vaugirard, Zuflucht gesucht habe; er kannte alle die Verleumdungen, die über das junge Mädchen in Umlauf gebracht worden waren und mußte, obgleich er sie nicht für schuldig hielt, seufzend zugeben, daß das arme Kind den Schein gegen sich habe. Dies war weit davon entfernt, den Chevalier zu beruhigen; er blieb eine Stunde mit dem Abbé eingeschlossen und kaum hatte er das Pfarrhaus verlassen, als an einer Biegung der Straße auch Gérard staubbedeckt erschien.

Der junge Mann sah hohläugig und abgespannt aus und schien sehr beunruhigt zu sein. Vier tödlich lange Tage hatte er in Groß-Allard auf den versprochenen Brief Helenens gewartet. Er schlief nicht mehr, fand nirgends Ruhe und lief jeden Tag verzweifelt bis an die Grenze der Wälder. Jeden Augenblick war er auf dem Sprung, Helenens Verbot zu übertreten und nach Juvigny zu eilen. Nur die Furcht, das schon verursachte Unheil durch seine Anwesenheit noch zu vergrößern, hielt ihn am Waldsaum fest oder trieb ihn wieder entmutigt nach Groß-Allard zurück. Endlich, am Morgen des fünften Tages, konnte er es nicht mehr aushalten; er hatte die Meierei verlassen und kam nun fieberhaft erregt und atemlos in Juvigny an und stand in demselben Augenblick vor der Hausthüre, als auch Herr von Seigneulles vom Pfarrhaus zurückkam.

Beim Anblick des Schuldigen schleuderten die Augen des Chevaliers wütende Blitze, und er war im Begriff, seinem Zorn auf offener Straße Luft zu machen; trotzdem hatte der hitzige Edelmann noch die Kraft, an sich zu halten; er zeigte Gérard, der mit entblößtem Haupte vor ihm stand, mit einer Handbewegung die Thüre und sagte: »Geh auf mein Zimmer, ich habe mit dir zu reden!«

Der Ton, in dem dieser Befehl erteilt wurde, ließ Gérard nicht im Zweifel über die Stimmung seines Vaters. Gérard erkannte in dem unruhigen Leuchten der grauen Augen und den harten Linien um die blassen Lippen die Vorboten eines großen Sturmes. Als er die Stufen hinaufstieg, dachte er bei sich: »Kein Zweifel, er weiß schon um das Abenteuer im Höllengrund; um so besser, so bin ich der Verlegenheit enthoben, es ihm selbst zu erzählen, und er ist schon vorbereitet.«

Als sie im ersten Stock auf der Flur angelangt waren, dessen Fenster nach dem Hof und den Gärten ging, warf Gérard einen flüchtigen Blick hinaus, um vielleicht Helenens Antlitz zwischen den Bäumen zu entdecken, was ihm wieder ein wenig Mut eingeflößt hatte; Herr von Seigneulles ließ ihm aber keine Zeit. Mit einer gebieterischen Bewegung wies er seinen Sohn in sein Zimmer.

Nachdem der alte Edelmann heftig die Thüre zugeworfen hatte, sagte er:

»Sieh mir in die Augen und antworte mir einmal in deinem Leben ehrlich... Kennst du die Geschichte, die in der Stadt in Umlauf ist?«

»Ja, Vater,« entgegnete Gérard, überzeugt, daß sein Vater auf die entdeckte Zusammenkunft im Höllengrund anspiele.

»Also ist es wahr... und du gestehst es selbst!« rief Herr von Seigneulles schmerzlich bewegt.

»Ich gestehe es.«

Der Chevalier schwieg einen Augenblick; die Sicherheit seines Sohnes verwirrte ihn. »Welche Schande,« dachte er, »und er wagt, es zu bekennen; gerechter Himmel, in was für einer Zeit leben wir? – Du solltest dich hundert Klafter tief unter die Erde verkriechen,« begann er wieder, »nachdem du eine solche Ruchlosigkeit begangen hast.«

»Das Wort ist ein bißchen stark,« sagte Gérard, dem die väterliche Übertreibung ein Lächeln entlockte.

»Donnerwetter!« zürnte Herr von Seigneulles entrüstet, »du hast noch die Stirne zu lachen? Ich habe Ruchlosigkeit gesagt, und ich bleibe bei dem Wort; es ist nicht zu stark, um diese Sache zu bezeichnen.«

»Diese Sache ist doch nur natürlich. Du bist auch einmal jung gewesen Vater, und hättest gerade so gehandelt wie ich.«

»Niemals!« entgegnete der finstere Chevalier verdutzt; »Bist du ein Ehrenmann, Bursche?«

»Ich glaube.«

»Ich, für meine Person, fange an, daran zu zweifeln. Nun, was gedenkst du denn bei dieser Lage der Dinge zu thun?«

»Das wollte ich dich eben fragen,« antwortete Gérard mit unterwürfiger Miene.

»Mich fragen!« schrie Herr von Seigneulles ganz außer sich. »Fließt denn kein Blut in deinen Adern? Ehe du den Fehler begangen hast, hättest du meine Meinung hören sollen. Du sagst, ich sei jung gewesen wie du... Meinst du, wenn mir ein ähnliches Unglück zugestoßen wäre, hätte ich um Rat gefragt, wie ich mich benehmen sollte? Wir Alten hatten eine andere Art, unsere Pflichten aufzufassen! Was ich gethan hätte? Ich hätte ein Pferd gesattelt und hätte das junge Mädchen aufgesucht, das du hast abreisen lassen, nachdem du sie in unwürdiger Weise bloßgestellt hattest.«

»Helene ist abgereist!« stammelte Gérard.

»Spiele doch nicht den Unwissenden!« fuhr der Chevalier fort, während er im Zimmer hin und her rannte; »konnte sie hier bleiben, in der Lage, in die du sie versetzt hast? Nun! wo soll es hingehen?« fügte er hinzu, als Gérard nach der Thüre stürzte.

»Ich will thun, was du mir vorwirfst, nicht eher gethan zu haben,« antwortete der junge Mann, der sehr bleich geworden war; »ich will sie aufsuchen.«

»Bleib!« sagte Herr von Seigneulles herrisch und hielt seinen Arm fest.

»Vater, laß mich fort!«

»Ich verbiete es dir! Du hast genug Dummheiten begangen; jetzt ist es an mir zu handeln, wie ich es für richtig halte.«

Gérard, durch den Widerstand gereizt, machte verzweifelte Anstrengungen, die Thüre zu gewinnen. Der Chevalier war wütend geworden; der junge Mann bäumte sich wie ein wildes Pferd unter dem Sporn, und nun entspann sich zwischen ihnen ein stummer Kampf, der tragisch zu enden drohte. Vater und Sohn kannten sich selbst nicht mehr, sie waren vom Zorn vollständig überwältigt. Glücklicherweise besaß der alte Gardeoffizier noch eine kräftige Faust; er fand etwas von seiner früheren Stärke wieder, und so gelang es ihm schließlich, Gérard, der nach und nach ermattete, in einen Lehnsessel zu drücken. Dann riß sich der Chevalier mit einer für sein Alter erstaunlichen Behendigkeit los, war in einem Satz an der Thüre, schloß seinen Sohn ein und ging fort.

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