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Gérards Heirat

André Theuriet: Gérards Heirat - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/theuriet/gerards/gerards.xml
typefiction
authorAndré Theuriet
titleGérards Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 15
year1885
translatorNatalie Rümelin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel

Am anderen Morgen bei Tagesanbruch begann der bleischwere Schlaf, der Marius achtzehn Stunden lang an sein Bett gefesselt hatte, langsam zu weichen. Der Dichter erwachte mit trockenem Mund und schwerem Kopf und bemerkte, daß sein Bett nicht aufgedeckt und er in den Kleidern eingeschlafen war. Er rieb sich die Augen, öffnete das Fenster und tauchte sein Haupt in kaltes Wasser, und als ob dies eine plötzliche Verflüchtigung der Weindünste, die seinen Verstand umnebelt, bewirkt hätte, kehrte ihm die Erinnerung wieder zurück. Er sah plötzlich seine beiden Tischnachbarn mit dem schlauen Lachen, die bis zum Rand mit diesem heimtückischen, zwiebelfarbenen Wein gefüllten Gläser, die seltsamen Blicke Frau Grandfiefs wieder vor sich und erinnerte sich auch der eigentümlichen Art, in der die Unterhaltung auf Gérards Liebesangelegenheit gelenkt worden war. Es überlief ihn eiskalt. – »Dummes Vieh, das ich bin,« rief er und versetzte sich einen furchtbaren Schlag mit der Faust, »gewiß habe ich Unsinn geschwatzt!«

Er suchte sofort seine Schwester im Atelier auf, wo sie damit beschäftigt war, ihre Pinsel und Farbenschachteln einzupacken. Er trat niedergeschlagen und ganz fassungslos ein, »Meine arme Helene,« begann er kleinlaut, »ich habe mich gestern betrunken wie ein Student und fürchte sehr, mehr geschwatzt zu haben als gut ist.« – Darauf berichtete er ihr von dem Frühstück. Je mehr er sprach, desto lebendiger wurden seine Erinnerungen und desto deutlicher wurde ihm sein unverzeihlicher Vorwitz.

Helene reichte ihm die Hand.

»Ja, Marius,« antwortete sie sanft, »du hast zu viel gesprochen und wir müssen alle darunter leiden.« Darauf berichtete sie ihm von dem Auftritt im Höllengrund und dem Benehmen der Frau Grandfief.

Marius mußte sich setzen, die Kniee wankten ihm. »Esel! Schafskopf, der ich bin!« rief er und nahm sich selbst bei den Haaren, »warum habe ich mir nicht lieber die Zunge ausgerissen? ... Jetzt begreife ich, warum diese sittsame Dame ihre Blicke so beständig auf mich gerichtet hielt! Sie hat meine dummen Reden aufgeschnappt und sich zu nutze gemacht ... Ach, meine arme, liebe Schwester, was soll nun aus dir werden, ach, ich erbärmlicher Mensch!« – Und der Riese Marius begann zu weinen wie ein Kind.

»Sei nicht betrübt,« sagte Helene, von seiner Verzweiflung gerührt, »wir sind alle schuld daran, und ich am meisten ... Ich bin dir nicht böse darum, alter Leichtsinn!« Sie klopfte ihm sanft auf die Schultern und versuchte seine Hände zu ergreifen.

»Zum Kuckuck!« zürnte Marius plötzlich, »diese Sache darf nicht auf sich beruhen bleiben ... Ich laufe nach Groß-Allard, Gérard ist ein Ehrenmann; wir suchen zusammen seinen Vater auf, und dieser ehrwürdige Perückenstock wird gern oder ungern seine Einwilligung geben müssen.«

»Du wirst dies alles nicht thun, Marius!« unterbrach ihn Helene mit Entschiedenheit.

»Wie?« rief der Dichter aufspringend, »du willst dich bloßstellen lassen, ohne die Genugthuung zu verlangen, die dir zukommt?«

»Ich will bleiben, was ich bin: ein anständiges Mädchen, und wünsche nicht, daß man mich mit Recht beschuldige, mir einen Skandal zu nutze zu machen, um mich zu verheiraten. Es ist unnötig, weiter darauf zu dringen,« fuhr sie fort und legte Marius, der Einwendungen erheben wollte, die Hand auf den Mund, »mein Entschluß ist gefaßt, ich habe an Frau Le Mancel geschrieben und reise heute abend nach Paris.«

Der verblüffte Dichter zuckte die Achseln. »Mein lieber Marius,« fuhr Helene fort, »du sollst mich hören und mir, zu deiner Strafe; gehorchen ... Wenn ich einmal abgereist bin, wird man mich vergessen, und um jeden Preis muß ein Skandal vermieden werden, der auf unseren Vater zurückfallen könnte. Denke daran, was aus unserer Familie werden würde, wenn er seinen Platz verlöre? ... Ich reise heute abend ab, wenn es Nacht ist; du wirst einen Wagen mieten und mich bis Blesmes begleiten, von wo ich mit der Eisenbahn weiterfahre ... Das ist noch nicht alles, du mußt mir schwören, Gérard nichts zu sagen, ehe ich es dir erlaube ... Ich will nicht, daß er irgend einen tollen Streich macht.« – Sie hielt einen Augenblick inne, nahm eine Feldblumenstudie von der Wand und fuhr dann fort: »Später, wenn sich alles beruhigt hat, gib ihm dieses kleine Bild zum Andenken an mich ... Es wird ihn an unsere schönen Spaziergänge mahnen ...«

Thränen erstickten ihre Stimme und ließen sie nicht weitersprechen, aber sie wollte tapfer bleiben bis zum Schluß und verschluckte sie energisch. Marius schloß sie voll Bewunderung in seine Arme, – »Ich bin nicht wert, den Saum deines Kleides zu küssen,« rief er, »aber es ist einerlei, wenn du nur wolltest ...«

Mit entschlossenem Blick unterbrach sie ihn: »Thu, was ich dir sage, laß mich allein und sprich hier von nichts vor dem Frühstück!«

Marius ging; Helene setzte ihren Hut auf und schlich sich durch eine abgelegene Straße in die Sankt Stephanskirche. Sie gehörte nicht zu den Frommen, aber sie hatte ihre eigene Religion voll kindlichen Aberglaubens und jäher Inbrunst. Sie ließ eine Kerze anzünden, die der Kirchendiener auf einen dreizackigen Kerzenstander steckte, auf dem zwei qualmende Lichterstümpfe im Verglimmen waren; dann kniete sie im Schatten nieder und verrichtete ein inniges Gebet. »Mein Gott, laß mein Gehen eine genügende Sühne sein; gib, daß ich allein für meine Fehler leide!« Sie wagte nicht, hinzuzusetzen: »Mache, daß Gérard mich nicht vergißt!« – aber dieser Wunsch erhob sich, unter den Schwingen ihres Gebetes, vom tiefsten Grund ihrer Seele. Als sie ihr Haupt wieder aufrichtete, schien ihr die alte Kirche noch kälter und düsterer als gewöhnlich zu sein. Der Christus, der zwischen den beiden Schachern am Kreuz hing, hatte einen so herzzerreißenden leidenden Ausdruck und der schwarze marmorne Tod, das Werk eines alten lothringischen Künstlers, streckte seine Sanduhr drohend nach ihr aus. Es lief ihr kalt über den Rücken und sie verließ die Kirche ganz erstarrt. In dem Augenblick, in dem sie um die Ecke des Gefängnisses bog, fand sie sich plötzlich Frank Finoël gegenüber. Der Bucklige hatte sie in die Kirche treten sehen und ihr Herauskommen abgepaßt. »Ich möchte nur zwei Worte mit Ihnen sprechen,« sagte er, noch ehe sie ihm hatte ausweichen können; »obgleich Sie mir die Thüre gewiesen haben, trage ich Ihnen nichts nach, und Sie haben keinen zuverlässigeren Freund als mich ...«

Helene beschleunigte ihre Schritte ohne zu antworten, aber er war entschlossen, ihr zu folgen.

»Nun,« fuhr er fort, »was ich vorhergesagt habe, hat nicht lange auf sich warten lassen ... Sie sind nun kompromittiert, man spricht in der ganzen Stadt von nichts als von Ihnen; ich für meinen Teil glaube nichts von allem, was man sagt, und der Beweis ist, daß ich jetzt meine Anfrage bei Ihnen erneuere ... Wollen Sie mir Ihre Hand für meinen Namen geben?«

Zornesröte bedeckte Helenens Stirne. Der Skandal mußte sehr groß sein, da Finoël sich zu dieser beleidigenden Bewerbung ermutigt fühlte ...

»Sie haben eine niedrigere Gesinnung, als ich Ihnen zugetraut hätte,« antwortete sie entrüstet.

»Und Sie eine sehr zähe Hoffnung!« entgegnete er. »Rechnen Sie denn auch nach dem, was gestern geschehen ist, noch darauf, Herrn von Seigneulles zu heiraten?«

»Ich rechne darauf, heute abend die Stadt zu verlassen, mein Herr, und der letzte Aerger, den ich beim Scheiden empfinde, ist der, Sie noch gesehen und gesprochen zu haben!« Sie erhob das Haupt, warf dem kleinen Buckligen einen verächtlichen, niederschmetternden Blick zu und trat in ihr Haus.

Beim Frühstück flüsterte ihr Marius ins Ohr: »Der Wagen ist auf heute abend um acht Uhr bestellt.«

Nun war der Augenblick gekommen, das Schweigen zu brechen, und Helenens Herz klopfte laut; sie konnte sich nicht entschließen, Herrn Laheyrard, der sie mit Unruhe und Sorge ansah, ihren Entschluß mitzuteilen. »Ich werde es gleich sagen,« sagte sie zu sich selbst und schob den gefürchteten Augenblick immer weiter hinaus.

Endlich, als man eben vom Tische aufstehen wollte, sagte sie mit leiser, unsicherer Stimme: »Lieber Vater, du weißt, daß Frau Le Mancel darauf besteht, daß ich zu ihr zurückkomme, ich habe mir ihren Vorschlag reiflich überlegt und bin entschlossen, ihn anzunehmen.«

Herr Laheyrard erbleichte und seine Frau blieb mit offenem Munde stehen.

»Ich werde sobald wie möglich abreisen,« fuhr Helene eilig fort, »ich habe meinem Bruder meine Gründe angegeben und er hat sie gebilligt; nicht wahr, Marius?«

Der Dichter ließ einige unverständliche Worte als Zeichen des Einverständnisses hören und begann, da er nicht wußte, wie er seine Fassung bewahren sollte, seine Pfeife zu stopfen.

»Wie, wie!« stammelte der alte Lehrer, »wir wollen sehen, ... es eilt ja nicht.«

»Man muß die gute Stimmung Frau Le Mancels benutzen und ich denke, ich werde heute abend abreisen.«

Bei dem Wort »abreisen« brachen Toni und Benjamin, die Helene leidenschaftlich liebten, in Thränen aus und klammerten sich an sie an.

»Das ist ja rein verrückt,« rief Frau Laheyrard ganz verblüfft; »heute abend! was denkst du denn? Deine Wäsche ist noch nicht in Ordnung, dein Koffer nicht gepackt!«

»Verzeih! ich habe das Nötige schon eingepackt; das übrige kannst du mir ja später schicken.«

»So etwas ist noch nie dagewesen,« fuhr die Schulrätin fort, »nur du kannst solche Launen haben ... Was werden denn die Leute sagen, wenn du plötzlich abreisest, als hättest du ein Verbrechen begangen?«

»Die Leute werden sagen, was sie wollen,« entgegnete Helene kurz, »ich bin nicht gewöhnt, mich um ihre Meinung zu kümmern.«

Herr Laheyrard schwieg; er nahm seine Tochter an der Hand und zog sie in den Garten.

»Mein Kind,« seufzte der arme Mann, »diese plötzliche Abreise muß einen Grund haben, den du mir verheimlichst ... Hat dir hier jemand Ungelegenheiten gemacht?«

»Nein, Väterchen, ich bin so glücklich wie möglich, nur, weißt du, muß man auch an die Zukunft denken ... Die Kinder werden größer und deine Einkünfte vermehren sich nicht in dem Maße, in dem der Hunger der beiden Kleinen wächst.«

»Ich verstehe, ich verstehe, du bist eine gute Tochter ... aber ich ... was soll aus mir werden ohne dich? Du warst meine Gefährtin, meine einzige Freude ... Aber Väter dürfen nicht zu egoistisch sein... Gib mir einen Kuß!«

Sie warf sich an seine Brust und bemühte sich, ihre Thränen zu verbergen. Der Nachmittag schlich traurig vorüber. Als die Nacht einbrach, hielt der von Marius gelenkte Einspänner vor der Thüre. Frau Laheyrard hielt den Augenblick für gekommen, um ihren Schmerz zu zeigen, und zerfloß in Thränen. Die Kinder machten ihr dies nach. Helene umarmte sie alle, aber ihre letzten Küsse sparte sie für ihren Vater auf.

»Schreibe mir recht lange Briefe!« sagte der gute Mann mit thränenerstickter Stimme.

»Vorwärts!« rief Marius, der sich die größte Gewalt anthat, um nicht zu weinen; »es wird spät, und wir dürfen den Zug nicht verfehlen.«

Helene kletterte unter das Verdeck des Wagens, der in leichtem Trab davonfuhr. Um nicht durch die Stadt fahren zu müssen, machte Marius einen Umweg über die Landstraße nach Combles. Sie erreichten die Wälder gerade als die Abendglocke neun Uhr läutete. Beide schwiegen: man vernahm nichts als den Hufschlag des Pferdes auf der Landstraße und das Knallen der Peitsche, die Marius ziemlich aufgeregt handhabte. Plötzlich sagte er zu seiner Schwester: »Also du willst nicht, daß ich Gérard benachrichtige?«

»Nein, ich bitte dich!« antwortete Helene entschlossen.

Marius, der sich über die Standhaftigkeit seiner Schwester zu ärgern schien, begnügte sich, ein dumpfes Brummen hören zu lassen, und damit schlief die Unterhaltung wieder ein.

Als sie auf dem höchsten Punkte der Hochebene angelangt waren, warf der Mond, der plötzlich am Horizont aufging, einen langen Lichtstreifen über die Wipfel des Waldes und beleuchtete die Dächer eines Meierhofes.

Marius stand von seinem Sitze auf und deutete mit der Peitsche auf die Giebel, die sich am Himmel abzeichneten, und brummte in seinen Bart: »Da sieht man schon die Dächer von Groß-Allard ... Und zu denken, daß der arme Gérard sich dort zu Tode langweilt, ohne zu ahnen, daß wir auf Büchsenschußweite an seiner Stätte vorbeifahren!«

Helenens Herz pochte heftig; sie konnte es nicht lassen, sie mußte sich auf ihrem Sitz aufrichten und nach der bezeichneten Richtung blicken. Dank dem hellen Mondenschein konnte man deutlich die Meierei mit ihren vom Gehölz umschlossenen Feldern, ihren niedrig gebauten Scheunen und das Türmchen des Taubenschlages unterscheiden. Der sehnsüchtige Blick des jungen Mädchens umfaßte all diese Einzelheiten. Sie hätte nur ein Wort zu sagen gebraucht und Marius hätte sich nicht lange bitten lassen, sein Pferd nach dem Hofe zu lenken, Sie würde Gérard überrascht haben, wie er nachdenklich in der Herdecke in der Küche saß; sie hätten sich einmal noch die Hand gedrückt ...

Die Versuchung war groß und einen Monat früher wäre sie ihr sicherlich erlegen; aber der Kummer der letzten Tage hatte ihren Verstand gereift und die übermütige Ader, die sonst in ihrem Köpfchen schlug, schien erstorben zu sein. Sie preßte die Lippen zusammen, schloß die Augen, lehnte sich in ihre Ecke zurück und begnügte sich damit, zu ihrem Bruder zu sagen: »Treibe das Pferd an; wir kommen sonst zu spät auf den Zug!«

Marius ließ ein langgezogenes Pfeifen ertönen und das Pferd fiel in Trab.

»Es ist doch etwas Erstaunliches um die Frauen,« rief Marius aus und betrachtete seine Schwester von der Seite ... »in ihnen liegen so viele geheimnisvolle Züge verborgen, daß ich sie nicht zu enträtseln vermag.«

»Auf wen beziehst du diese Bemerkung?« fragte Helene leise.

»Auf dich, zum Kuckuck! ... Du verläßt Juvigny ohne Sang und Klang, um Kinder zu lehren, wie man Augen und Ohren zeichnet; ich gebe zu, daß dies von Mut zeugt, aber schließlich denkst du gar nicht daran, was Freund Gérard leiden wird ... Immerhin liebt er dich, wenn er auch ein bißchen ein Hasenfuß ist, du scheinst dies aber gar nicht zu berücksichtigen.«

Alle diese Betrachtungen drangen wie Pfeile in Helenens Herz, Sie hatte nicht den Mut zu antworten und beschränkte sich darauf, den Kopf abzuwenden, damit der Mondschein nicht die Thränen verrate, die ihre Augen füllten.

»Ja,« fuhr der Dichter unbarmherzig fort, während er seinen Rosinante antrieb, »ihr Frauen seid anders geartet als wir, ihr seid hart, ihr seid grausam, ihr versteht nicht zu lieben!«

»Genug, Marius,« stammelte sie mit flehender Stimme, »du thust mir weh!«

Sie verbarg ihr Gesicht im Hintergrund des Wagens und that, als ob sie schliefe. Infolge der schaukelnden Bewegung des Wagens und der letzten schlaflosen Nacht wurden ihre Lider nach und nach schwerer, ein Halbschlummer schloß die noch feuchten Augen. Es war mehr Betäubung als wirkliche Ruhe; beim geringsten Stoß öffneten sich ihre Augen wieder. Wie in einem Traume sah sie die Wälder, die sich am Rand der kahlen Felder erhoben, die Weinberge mit den leichtbewegten Reben, die Almen am Wege, deren Umrisse drohende Gestalten anzunehmen schienen, an sich vorüberziehen; dann kamen sie durch Dörfer mit verschlossenen Häusern und dunklen Fenstern, wo in Scheunen eingesperrte Hunde den vorüberfahrenden Wagen mit lautem Bellen begrüßten. Von neuem senkten sich die Lider; als sie sich wieder hoben, fuhr man über die wellenförmigen Ebenen der Champagne, wo Schafherden neben dem zweiräderigen Karren des Schäfers lagerten; in der Ferne ertönte das Pfeifen einer Lokomotive, Lichter blinkten herüber. Es war der Bahnhof von Blesmes.

Nun erwachte Helene vollends ganz, die Thränen auf den Wangen hatten noch nicht trocknen können und schon waren sie am Ziel. Marius lud flink den Koffer ab und gab das Gepäck auf. Bald waren sie miteinander allein in dem von einer qualmenden Lampe schlecht erhellten Wartesaal. Jetzt erst sah der arme Bursche das verstörte Antlitz seiner Schwester und sein Herz zog sich schmerzlich zusammen. Helene betrachtete, die Stirne an die Fensterscheibe gepreßt, die schnaubende Lokomotive, die sie fortführen sollte von allem, was sie liebte. »Lebe wohl, lieber Marius,« sagte sie, »sei gut gegen den Vater! ...«

»Tausend-Element!« schrie der Dichter, »du weinst, Helene, und ohne meinen Leichtsinn wäre dies alles nicht geschehen! ... Wenn ich diese verwünschte Frau Grandfief einmal in meiner Gewalt hätte, sie sollte mir ihre Ränke teuer bezahlen!«

»Friede, Marius, sei vernünftig!« sagte Helene und drohte ihm mit dem Finger.

»Vernünftig sein, das ist gerade weniger mein Fall; aber bei den Erynnien, ich schwöre dir, dich zu rächen!«

»Einsteigen! Nach Paris einsteigen!« rief der Schaffner und öffnete die Thüre.

Bruder und Schwester umarmten sich noch ein letztes Mal, dann wurden die Thüren geschlossen; Helene warf durch das offene Fenster Marius noch einen Kuß zu, und der Zug fuhr hinaus.

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