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Gérards Heirat

André Theuriet: Gérards Heirat - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorAndré Theuriet
titleGérards Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 15
year1885
translatorNatalie Rümelin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel.

Seit dieser Begegnung hatten sich Gérard und Helene mehr als einmal im Höllengrund getroffen. Marius begleitete seine Schwester stets; aber als wenig störender Beschützer ließ er die Liebenden allein, sobald sie an der Quelle angekommen waren, und wanderte im Walde umher oder nahm im Wirtshause von Savonnières einen Imbiß ein.

Als der erste September kam, verzichtete Marius ganz auf seine Mentorrolle, um mit den Jägern von Juvigny die Ebene zu durchstreifen. Helene und Gérard waren ganz sich selbst überlassen, aber die Gewohnheit war einmal angenommen und war zu süß, als daß man den Mut gehabt hätte, sie wieder aufzugeben. Ihre Zusammenkünfte waren das einzige in ihrem täglichen Leben, was Wert für sie hatte.

Helene gewann gerade durch die Offenheit ihrer Liebe und die Aufrichtigkeit ihres Herzens eine mutige Heiterkeit, die ihr über die Angst vor dem Gerede der Leute, aus der die landläufige Moral zur Hälfte besteht, hinweghalf. Sie verstand nichts von jenen klugen Zugeständnissen, jener heimlichen Gewandtheit, durch welche sich die Bewohner kleiner Städte, die immer voreinander auf der Hut sind, auszeichnen.

In Liebesangelegenheiten zeigt sich die Pariserin, trotz des Skeptizismus, von dem sie angekränkelt ist, und trotz ihrer anscheinenden Leichtfertigkeit, weit natürlicher und unbefangener als die Kleinstädterin.

Helene glaubte an Gérards Liebe; sie wußte, als sie in den Höllengrund ging, um ihn zu treffen, daß sie sich in den Augen der Welt eine Unvorsichtigkeit zu schulden kommen lasse, aber in ihrem Gewissen fühlte sie sich nicht schuldig. Wenn man die Herzen der beiden jungen Leute erforscht hätte, würde man gewiß in Gérards schüchternem Geist mehr Bedenken und Vorurteile entdeckt haben als in Helenens starker, von reiner Leidenschaft erfüllter Seele.

Unterdessen war der Herbst gekommen. Mit dem September und den Ferien kehrte auch ein Vergnügen wieder, für das die Bewohner Juvignys ganz besonders viel Sinn haben: die Vogelstellerei. In jener waldreichen Gegend gibt es nicht einen Waldbesitzer, der nicht aus feinen, biegsamen Haselstauden zwei- bis dreihundert Sprenkel angefertigt und diese an den Fußwegen seines Gehölzes gestellt hätte. In diesen Fallen fangen sich eine Menge Rotkehlchen, Grasmücken, Finken und Ammern, und die Landeskinder finden eine grausame Freude daran, jeden Morgen die Runde zu machen und die Opfer zu sammeln. Sogar Damen beteiligen sich dabei. Für sie ist dieser Vogelfang ein Vorwand zu Picknicks und Tänzereien im Freien.

So begab es sich denn auch, daß gegen Ende September ein Holzhändler, mit dessen Söhnen Marius bekannt war, die Ferien benutzte, um eine Jagd zu veranstalten, die mit einem guten Frühstück im Walde endigen sollte. Um das Fest zu verschönern, sollten einige Damen ihre Männer begleiten, darunter auch Frau Grandfief, deren sanfter Gatte ein gewaltiger Nimrod war. Natürlich befand sich auch Marius unter den Eingeladenen; man hatte ihn um seiner Lebhaftigkeit und seiner übersprudelnden Fröhlichkeit willen gerne. Er galt trotz seines überspannten Wesens und seines Hanges, beim Nachtisch seine Sonette vorzutragen, für einen angenehmen Gesellschafter und wurde zu allen Lustbarkeiten geladen.

An jenem Tage war man schon in der Morgendämmerung aufgebrochen; vier Stunden lang hatte man die Brachen abgetrieben und der Dichter erfreute sich eines beträchtlichen Appetits, als die Gesellschaft gegen zehn Uhr unter den Bäumen anlangte, in deren Schatten die lange Tafel gedeckt worden war. Marius saß Frau Grandfief gegenüber, Georginens Mutter war allein gekommen, da sie die keuschen Ohren ihrer Tochter den etwas derben Scherzen eines Jagdfrühstückes nicht aussetzen wollte. Sie dankte mit einer kalten Kopfbewegung für Marius' Gruß und nahm eine so majestätische Miene an, daß sich der junge Laheyrard beeilte, diesem hochmütigen Blick, der ihm den Appetit verdarb, auszuweichen. Seine Augen hielten sich schadlos an dem erfreulichen Anblick, den die Tafel gewährte, auf der sich eine appetitliche Sammlung von kleinen Schinken, Pasteten und Krebsen zwischen zwei Reihen von Gläsern und Flaschen ausbreitete. Als man die am Spieß gebratene Hammelkeule herumbot, erschloß sich das Herz des Dichters. Er hatte als Nachbarn zwei auf dem Lande wohnende Jäger von ziemlich einfältigem Aussehen und offenem Wesen.

Die anscheinende Harmlosigkeit dieser friedlichen Bürger verlockte Marius und er beschloß, sich das Frühstück dadurch zu erheitern, daß er die biederen Philister zum besten habe. Sobald er ein schönes, saftiges Stück auf seinem Teller hatte, entkorkte er eine vor ihm stehende Flasche und füllte die Gläser seiner Nachbarn nebst dem seinen.

»Wir wollen diesen blaßroten Wein einmal versuchen,« rief er, »ich habe, wie Sankt Amandus sagt, einen so brennenden Durst, daß nichts ihn zu löschen vermag,

Salz hat's geregnet zur Stund',
als das Licht der Welt ich erblickte!«

»Trauen Sie unserem gewöhnlichen Landwein nicht,« sagte sein Nachbar zur Rechten, »er sieht harmlos aus, ist aber gefährlich und steigt leicht zu Kopfe.«

»Gefährlich? Diese unschuldige Milch! Mag sein – für andere!« entgegnete Marius, sein Glas leerend; »Sie müssen wissen, lieber Herr, daß das Blut der Rebe überhaupt die Klarheit meines Kopfes nicht zu stören vermag. Um mich trunken zu machen, braucht man das Opium der Chinesen, das Haschisch der Inder und das Raki der Polynesier.«

»Das ist etwas anders!« sagte sein Nachbar mit jenem albernen Lachen, hinter dem der Landmann aus der Meuse seine Kniffe und Tücken versteckt. Zugleich winkte er hinter Marius' Rücken dessen Nachbarn zur Linken bedeutungsvoll mit dem Auge.

Der Dichter scherzte weiter, während er den Hammelbraten verschlang und reichlich dazu trank.

»Sehen Sie,« fuhr er fort, »zwei oder drei Gläser Wein können gesetzte Leute, die an langweilige Geschäfte gewöhnt sind, aus dem Gleichgewicht bringen, aber wir Künstler, die wir an Gedankenstürme gewöhnt sind, können mehr vertragen. Wir segeln wie der Albatros durch den Sturm!«

»Das heißt,« spottete sein Nachbar, »ihr lebt im Wein wie der Fisch im Wasser!«

»Gut gesprochen, biederer Tischgenosse!« rief Marius, »zur Strafe schenken Sie mir ein ... Kecklich bis zum Rand. Und nun auf Ihr Wohl!«

Das laute Gelächter der Gäste, das Klappern der Gabeln und Teller und die wunderbaren Erzählungen der Jäger übertönten diese Unterhaltung. Der Dichter, von seinen eigenen Reden trunken und von seinen Nachbarn, die sein Glas keinen Augenblick leer ließen, angefeuert, wurde immer beredter, je größer der Lärm an der Tafel wurde. Ueberspannte Vergleiche, sonderbare Bilder, lyrische Ergüsse strömten, vermischt mit cynischen Erinnerungen, von seinem Munde.

»Beim Zeus,« sagte er plötzlich, »ich glaube, Sie geben mir die Wasserflasche! Pfui über diesen Gänsewein! Halten Sie mich für einen Wassertrinker, wie meinen edlen Freund Gérard von Seigneulles?«

»Ich glaubte Herrn Gérard zu treffen,« sagte der Nachbar rechts, »man sieht ihn neuerdings nirgends mehr.«

»Sein Vater hält ihn in Groß-Allard eine Weile in Haft,« antwortete der Nachbar zur Linken, der Notar in einem nahe bei dem Meierhof gelegenen Dorfe war; »ich habe sagen hören, der junge Mann habe ein zu leicht entzündbares Herz, und Herr von Seigneulles habe ihn aufs Land geschickt, damit er sich etwas beruhige, wie man den Wein in den Keller legt, um ihn aufzufrischen.«

»Haha!« lachte Marius, »ein schönes Versprechen, das man nicht hält!«

»Was wollen Sie damit sagen, junger Mann?«

»Ich sage,« entgegnete der Dichter, »daß die Liebe der Drohungen der Väter und der Kerkerpforten spottet. Man kann nicht immer an alles denken ...«

Der Notar blinzelte seinen Nebensitzern zu, wie um ihnen anzudeuten, daß er den Dichter geschickt ausholen wolle. »Wie?« erwiderte er, »behaupten Sie, der junge Seigneulles sei nicht in Groß-Allard?«

»Er ist dort und ist nicht dort,« antwortete Marius mit drollig geheimnisvollem Wesen. – Plötzlich bemerkte er, daß der kalte Blick Frau Grandfiefs fest auf ihm ruhte und kam wieder ein bißchen zu Vernunft.

»Pst! Sie wollen mich zum Plaudern bringen, Gevatter; aber ich bin verschwiegen wie das Grab ... Ich werde Ihnen nicht erzählen, in welchem grünen Waldwinkel dieser junge Endymion die Diana seiner Träume finden wird ... Trinken wir eins!«

Der Champagner war entkorkt worden, und der schäumende Wein perlte lustig rings um den Tisch. »Ihr Wohlsein, junger Mann,« sagte der Notar und stieß mit Marius an, »machen Sie uns aber keine solche Flausen mehr vor. Es ist weit von der Meierei bis Juvigny und, mag er so verliebt sein, wie er will, so wird es doch niemand einfallen, drei Meilen hin und drei Meilen zurück zu laufen, nur um unter dem Fenster seiner Dulcinea zu girren.«

»Was wissen denn Sie davon?« entgegnete Marius, durch den Widerspruch gereizt. »Sie sprechen wohl wie der Blinde von der Farbe! Für Liebende ist nichts unmöglich. Der Wald bietet ihnen seine belaubte Einsamkeit, und die Buchen im Höllengrund sind dicht genug, um das Flüstern der Liebe nicht bis zu den Ohren der Schwätzer dringen zu lassen ...«

Er glaubte nur halblaut zu reden, sprach aber, wie alle, denen der Wein die Zunge löst, sehr laut, und seine Worte übertönten das Geräusch der einzelnen Gespräche. Frau Grandfief, aufrecht auf ihrem Stuhle sitzend, hielt ihre Achataugen fest auf Marius Laheyrard gerichtet und verlor kein Wort von dieser Unterhaltung.

»Sie glauben also, daß sie sich im Höllengrund treffen?« wiederholte der Notar hinterlistig.

»Wer hat vom Höllengrund gesprochen?« stotterte Marius; »ah, du Notar, du, du bist eigensinniger als ein Maulesel; du versteckst deine Gedanken, um die meinen zu erfahren! Aber ich habe nichts gesagt und werde nichts sagen ... Reinen Mund gehalten! die Freundschaft ist mir heilig ... Ich bringe mein Glas der Göttin der Verschwiegenheit, der Stille der Wälder und der leidenschaftslosen, olympischen Poesie!«

Von diesem Augenblick an hatte Marius nur noch ein undeutliches Bewußtsein von dem, was um ihn herum vorging. Durch die Nebel der Trunkenheit schienen Frau Grandfiefs Augen auf seine Vernunft zu wirken, wie der starre Blick einer Schlange, die einen Vogel bannen will. Beim Nachtisch erhob sich jemand, um zu singen und erregte furchtbares Gelächter; dieser selbe Jemand stürzte, als er seinen Platz verlassen wollte, schwer auf den Rasen nieder, und Marius hatte ein unbestimmtes Gefühl, als ob er derjenige sei, der sich so unschicklich benahm. Er wiederholte beständig: »Die Beine zittern, aber der Kopf ist fest!« Trotz seines Widerstandes fühlte er sich von zwei mitleidigen Armen aufgehoben und in einen leichten, zweiräderigen Wagen getragen, der nach Juvigny zu fuhr. Während der Fahrt glaubte er zu bemerken, daß ein starker Wind wehe und die Bäume ihn im Vorüberfahren grüßten. Der Wagen hielt vor dem Hause des Schulrates und der Dichter wurde, von denselben menschenfreundlichen Armen unterstützt, in sein Zimmer hinausgeschafft und angekleidet auf sein Bett gelegt. Alle Möbel drehten sich mit schwindelerregender Schnelle um ihn herum. Er schloß die Augen und verlor das Bewußtsein.

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