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Gérards Heirat

André Theuriet: Gérards Heirat - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/theuriet/gerards/gerards.xml
typefiction
authorAndré Theuriet
titleGérards Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 15
year1885
translatorNatalie Rümelin
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel

Wie eine intensive Kälte entsteht, wenn stark erhitzter Aether sich plötzlich verflüchtigt, so folgt auf die Aufwallungen unseres Gemütes als Gegenwirkung die ruhige und kühle Ueberlegung. Dieses Gesetz beherrscht die moralische wie die physische Welt. Auch Gérard von Seigneulles sollte diese Erfahrung an sich machen, als er am Morgen nach dem Balle in Salvanches in seinem Zimmer voll strahlenden Sonnenscheines aus einem unruhigen Schlummer erwachte. Die Erregung vom gestrigen Abend verflüchtigte sich wie leichter Dunst, und machte die kalte Vernunft frei. Er liebte Helene und hatte es ihr gesagt; allein er war gleichzeitig in den Augen seines Vaters und der Familie Grandfief der Verlobte Georginens. Es wäre nicht ehrenhaft gewesen, diese doppelte Rolle weiter zu spielen. Seine Ehre und seine Liebe forderten gleich gebieterisch eine möglichst baldige Klärung dieser Verhältnisse: andererseits aber dachte er nicht ohne Schrecken an die Wege, die er einschlagen mußte, um aus seiner zweideutigen Stellung herauszukommen, und an den Zornausbruch, mit dem Herr von Seigneulles eine solche Entwickelung aufnehmen würde. Indessen, es mußte etwas geschehen. Gerard sehnte sich nach Helenen, aber er wollte nicht wieder vor sie treten, ehe er mit den Grandfiefs ganz abgebrochen hatte. Er beschloß gleich am nächsten Tage nach Salvanches zu gehen und es nicht zu verlassen, ohne klar und deutlich auf jeden Anspruch auf Georginens Hand verzichtet zu haben. Er wollte sich bis dahin nichts merken lassen, um die Sache nicht noch verwickelter zu machen und den väterlichen Zorn nicht heraufzubeschwören, ehe alle Schiffe hinter ihm verbrannt wären.

Auf dem Wege nach Salvanches wollte es ihn, trotz seines äußerst gemessenen Schrittes, bedünken, als ob die Bäume zu beiden Seiten des Weges mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit aufeinander folgten. Im voraus malte er sich die kommenden Ereignisse aus; er erfand sich die Fragen und Antworten und hörte schon die feierlichen und sententiösen Reden Frau Granfiefs und sah vorher, daß er alles in allem eine sehr klägliche Rolle spielen würde.

Nachdem er am Thore die Glocke gezogen hatte – jeder Ton ging ihm durchs Herz – fragte er zögernd, ob die Damen ihn empfangen könnten. »Ja, die Damen arbeiten im kleinen Wohnzimmer.« Und damit eilte ihm die Kammerjungfer leichten Schrittes in die Hausflur voraus. Hier überlief es ihn noch einmal eiskalt; aber er beschwor das Bild seiner blonden Helene herauf und fand dann schnell seinen Mut wieder, so daß er mit dem festen Vorsatze eintrat, die Sache zu einem guten Ende zu führen.

Frau Grandfief zählte stehend einen Stoß Wäsche. Am Fenster saß Georgine vor einer jener hübschen Garnwinden, die man auf Chardins Bildern sieht, und war damit beschäftigt, Garnsträhne auf einen Knäuel zu wickeln. Frau Grandfief mochte es gerne, wenn ihre Tochter bei der Beschäftigung mit diesen unbedeutenden Einzelheiten des häuslichen Lebens überrascht wurde, das ließ sie gesetzt und häuslich erscheinen.

Nach einem Austausch alltäglicher Redensarten trug Frau Grandfief ihren Stoß Wäsche fort, und die jungen Leute blieben allein. Auch die Mutter fand, daß Gérard sich doch ein wenig allzu zurückhaltend benehme; und da sie glaubte, er fühle sich durch ihre Anwesenheit eingeschüchtert, beschloß sie, ihn zum erstenmal mit ihrer Tochter allein zu lassen; natürlich blieb sie als vorsichtige Mutter in Hörweite hinter der Thüre des Nebenzimmers.

Gérard hatte sich in einen Lehnsessel gesetzt und besann sich, wie er seine Rede beginnen sollte; Fräulein Georgine fuhr fort, ihr Garn zu wickeln, während die Bignonien, die ihre Zweige durch das offene Fenster bis in das Zimmer streckten, ihr schwarzes, glattgescheiteltes Haar leise berührten. Bisweilen vernahm man das Rauschen des Ornain, der hier mit der reißenden Schnelligkeit eines Gebirgsbaches fließt. Das junge Mädchen brach das Schweigen zuerst und bat um Entschuldigung, daß sie in ihrer Beschäftigung fortfahre; als Gérard seine Verwunderung ausdrückte, sie so bald nach einem Balle so fleißig zu sehen, sagte sie:

»Was wollen Sie? jeder füllt seine Zeit aus, so gut wie er kann, und ich habe nicht die geistigen Hilfsquellen Fräulein Laheyrards.«

Gérards Benehmen auf dem Ball hatte ihre Eigenliebe tief verletzt, und sie zeigte dies durch ihren herausfordernden Ton. Der junge Mann beeilte sich, den Vorteil, den sie ihm gab, zu benutzen, um zur Sache zu kommen.

»Ich glaube nicht,« sagte er, »daß Fräulein Laheyrard viel müßig geht, sie beschäftigt sich fleißig.«

»Mit ihren Kleidern, ja ... und die sind wichtig, das ist wahr ... Wie fanden Sie ihren Anzug am Dienstag?«

»Einfach und geschmackvoll.«

»Einfach, das mag sein; das armselige Gazekleidchen hat sie gewiß nicht viel gekostet; was aber den Geschmack anbelangt, so sind die Meinungen darüber sehr geteilt.«

»Dies ist die meine,« antwortete Gérard trocken.

»So!« sagte Georgine ärgerlich; dann fuhr sie immer aufgeregter fort: »Da Sie zu ihren Freunden gehören, so raten Sie ihr doch, sich keine Schmetterlinge mehr auf die Schulter zu setzen.«

»Ich werde mich wohl hüten, Fräulein Laheyrard braucht in Beziehung auf Geschmack von niemand einen Rat; dafür ist sie viel zu sehr Pariserin.«

»Und viel zu kokett, um auf etwas zu verzichten, was alle Blicke auf sie zieht.«

Der Kampf war eröffnet. Bittere Worte flogen wie Pfeile hinüber und herüber.

Unter den Mispelbäumen des Gartens erhob auch der Fluß seine Stimme immer lauter, als ob er mit den Streitenden Schritt halten wollte.

»Sie ist hübsch genug,« entgegnete Gérard, »um auf das Kokettieren verzichten zu können.«

»Mit welchem Feuer Sie sie verteidigen!« rief boshaft Fräulein Grandfief, welcher die Eifersucht zum erstenmal in ihrem Leben Geist verlieh. »Sie sind ein sehr warmer Freund!«

»Das ist mehr, als Fräulein Laheyrard von mancher ihrer Freundinnen behaupten könnte.«

»Der Vorwurf trifft mich nicht ... Fräulein Laheyrard ist nicht meine Freundin. Gott sei Dank! ich weiß meine Freundschaft besser anzubringen!«

»Jeder verfügt über sein Herz so, wie er kann,« erwiderte Gérard, der nun auch böse wurde, »ich liebe sie und werde nicht dulden, daß man sie in meiner Gegenwart angreift ...«

Dies war der Tropfen Bitterkeit, der das Gefäß vollends zum Ueberlaufen brachte. Fräulein Georgine erhob sich mit funkelnden Augen und schrie: »Mir das zu sagen! mir! Das ist denn doch zu stark!« – Als die Worte ihr vor Wut versagten, griff sie zum letzten Hilfsmittel der Frauen, wenn sie in die Enge getrieben werden, und fing an in Thränen zu zerfließen.

Frau Grandfief, welche die ganze Zeit hinter der Thüre auf der Lauer gelegen hatte, erschien rasch auf der Schwelle des Wohnzimmers und rief:

»Herr von Seigneulles, Ihr Benehmen ist unwürdig ... Ich bereue es bitter, Ihnen mein Haus geöffnet zu haben ...«

»Gnädige Frau,« sagte Gérard, während er seinen Hut nahm und sich verbeugte, »ich werde Ihnen künftig diese Reue zu ersparen wissen.«

Er ging. Von diesem Kampfe noch ganz erhitzt, atmete er nicht ohne ein gewisses Vergnügen die linde Luft draußen und schlug raschen Schrittes den Weg nach der oberen Stadt ein.

Während Gérard seinen Staatsstreich in Salvanches ausführte, hatte Frank Finoël, der es auf seiner Kanzlei nicht mehr aushalten konnte, beschlossen, im Hause Laheyrard einen Besuch abzustatten. Er hatte von dem Balle in Salvanches bis jetzt erst ganz unbestimmte Nachrichten, da Regina seit der Festlichkeit nicht zu ihrer Tante zurückgekommen war; man hatte sie in Salvanches zurückbehalten, um alles in Ordnung bringen zu helfen, und sie hatte auch dort übernachtet. Wahrend der kleine Bucklige in die obere Stadt hinaufging, schien er große Pläne in seinem Kopf zu wälzen; sein ausdrucksvolles Gesicht war noch bleicher als gewöhnlich und sein eiliger Gang verriet eine fieberhafte Angst. Ehe er die Schwelle des Hauses überschritt, blieb er auf den Treppenstufen stehen, um sich die Schweißtropfen abzuwischen, die auf seiner Stirne perlten. Im Garten, wo die ganze Familie unter dem Maulbeerbaum versammelt war, erwartete ihn ein Anblick, der ganz dazu gemacht war, seine aufgeregten Nerven zu beruhigen. Auf einem Kohlenbecken dampfte ein Kessel aus rotem Kupfer voll kochenden Zuckersafts; goldfarbene Mirabellen waren in Körben aufgetürmt und Frau Laheyrard entsteinte dieselben vorsichtig und legte dann eine um die andere in große Steingutschüsseln, von denen der appetitliche Geruch reifer, gequetschter Früchte ausströmte. Zur Rechten und Linken überwachten Benjamin und Toni, mit gefräßigen, mit Eingemachtem beschmierten Gesichtern und lautem Gelächter, die Vorbereitungen. Helene, mit einer weißen Latzschürze geschmückt, mit bis zum Ellbogen aufgestülpten Aermeln, stand vor dem Kessel und rührte mit einem langen Spatel den Inhalt desselben um: von Zeit zu Zeit ließ sie die perlenden Tropfen des Saftes in der Sonne glänzen. Sobald sie Finoël bemerkte, rief sie ihm entgegen:

»Kommen Sie! Sie müssen dem großen Werk des Einmachens beiwohnen; man soll noch einmal sagen, ich sei keine Frau fürs Haus! Sahen Sie je eine geschäftigere Hausfrau als mich?« Sie war sehr munter; die Hitze des Kohlenbeckens hatte Stirne und Wangen mit einem rosigen Hauch übergossen, ihre Augen lachten und alle ihre Züge bekundeten eine tiefe innere Freude. Frank warf einen unzufriedenen Blick auf Frau Laheyrard und die Kinder; er hatte darauf gerechnet, Helene in dem Atelier zu finden, und seine Enttäuschung verriet sich nun in einer verdoppelten, nervösen Unruhe. Er ging vor dem Kohlenbecken auf und ab, ohne auf die lustigen Zurufe der Kinder zu antworten und betrachtete, mit einem bitteren Zug um die Lippen, die eigenartigen Umrisse seines kleinen Schattens auf dem Sande des Gartenweges.

»Haben Sie sich auf dem Balle gut unterhalten?« sagte er endlich zu Helene.

»Ausgezeichnet!« antwortete das junge Mädchen und warf einen ganzen Napf voll Früchte in den kochenden Zucker, in dem sie mit ihrem langen Spatel herumrührte.

Der süße, lockende Duft der Mirabellen, den die Kinder in vollen Zügen einatmeten, erfüllte die Luft.

»Wie gut das riecht!« rief Helene, »man könnte die Luft statt Eingemachtem aufs Brot streichen, so sehr ist sie mit Wohlgeruch erfüllt ... Doch, sagen Sie, ich habe mich neulich bei Frau Grandfief vergeblich nach Ihnen umgesehen ... Warum sind Sie nicht gekommen?«

»Es war mir nicht möglich,« erwiderte Finoël errötend.

Er hätte sich nicht gescheut, Helenen allein die Wahrheit zu gestehen, aber vor Frau Laheyrard und den Kindern würde seine Eigenliebe bei einem so demütigenden Geständnis zu sehr gelitten haben. Er schlug die Augen nieder und setzte verlegen seinen Spaziergang fort. Seine doppelsinnige Antwort täuschte das junge Mädchen nicht; sie betrachtete ihn von der Seite, bemerkte sein Erröten und erriet die Ursache seiner Abwesenheit.

Sobald das Eingemachte genug gekocht hatte, setzte sie den Kessel auf die Stufen der Freitreppe und winkte Finoël mit dem Finger: »Kommen Sie ins Atelier, ich muß Ihnen neue Noten zeigen!«

Sobald sie allein waren, sah sie den jungen Mann forschend an und sagte: »Sie haben mir etwas zu sagen?«

»Ja,« flüsterte er. Er ging zwei oder dreimal auf und ab, dann begann er wieder: »Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an ein Gespräch erinnern, das wir vor etwa vierzehn Tagen hier gehabt haben ... Sie sprachen davon, Juvigny zu verlassen, um Erzieherin zu werden und haben mir versprochen, nichts zu beschließen, ohne mit mir darüber zu beraten ... Sind Sie noch immer entschlossen, abzureisen?«

»Ich weiß es nicht,« entgegnete sie nun ihrerseits errötend, »ich muß gestehen, daß ich kaum mehr daran gedacht habe. Haben Sie zufällig von einer vorteilhaften Stelle gehört?«

»Nein, aber seit vierzehn Tagen habe ich selbst einen großen Entschluß gefaßt; meine Stellung ist gesichert, mein Gehalt wird erhöht, und ich denke daran, mich zu verheiraten.« – Er stockte einen Augenblick unter Helenens erstaunten Blicken. – »Das überrascht Sie,« fuhr er fort, »und Sie haben recht, von geringer Herkunft und mißgestaltet wie ich bin, kann mein Gedanke wohl sonderbar erscheinen! Die jungen Mädchen in Juvigny, die einen Mann nur nach der Außenseite beurteilen, würden jedem ins Gesicht lachen, der ihnen einen solchen Vorschlag machen würde. Aber unter ihnen will ich auch meine Frau nicht suchen. Die Frau, die ich mir träume, müßte einen weniger oberflächlichen Sinn haben; ihr kluger Blick müßte durch meine ungefällige Rinde dringen, um jene Eigenschaften in mir zu entdecken, die dem wirklich starken Manne eigen sind. Ich bin ehrgeizig, ich habe Geist genug, nach einer hohen Stellung zu streben, und ich besitze auch die nötige Willenskraft, um dies zu erreichen. Das ist die Bürgschaft für das Glück, das ich meiner zukünftigen Frau zu bieten vermag.

Je länger er sprach, desto größer wurden Helenens verwunderte Augen. Sie lehnte am Klavier und glaubte den verschleierten Sinn von Finoëls Worten zu erraten, und sie fürchtete sich, ihn merken zu lassen, daß sie ihn erraten hatte. In ihrem erstaunten Blick lag ebensoviel unruhige Besorgnis als sanftes Mitleid. Finoël ging mit niedergeschlagenen Augen auf und ab und fuhr fort:

»Diese einsichtsvolle Frau mit dem weichen Herzen und dem starken mutigen Geist – sie lebt! Ein glücklicher Zufall hat mich in ihre Nähe geführt und ihr eröffne ich jetzt mein Herz ...«

Er blieb Helenen gegenüber stehen und blickte sie fest an. »Würden Sie sich meiner als Ihres Gatten schämen, Fräulein Helene?«

Diesmal hatte er nur zu deutlich gesprochen, und sie mußte antworten.

»Ich!« rief sie voll Schrecken.

»Sollte ich mich getäuscht haben?« fuhr er mit einem Anklang von Bitterkeit fort; »haben Sie mich nicht trotz meiner geringen Herkunft herzlich aufgenommen? Haben Sie mir nicht Ihre Gedanken und Ihre Sorgen anvertraut wie einem Freunde?«

»Ja, als dem Gefährten mancher langweiligen und einsamen Stunde!«

»Nicht wie dem, der Ihr Begleiter für Ihr ganzes Leben werden könnte?«

»Für mein ganzes Leben?« rief Helene. »Nein, daran habe ich nie gedacht!«

Er biß sich in die Lippen. »Aber,« begann er wieder mit einer gewissen Schärfe, »haben Sie sich auch nie überlegt, daß wenigstens meine Gedanken sich so weit versteigen könnten? Wenn Sie so freundlich mit mir sprachen, wenn wir zusammen sangen, wenn Sie mir die Hand drückten, haben Sie nie daran gedacht, daß dieser vertrauliche Verkehr Hoffnungen in mir erwecken könne, ja mir sogar gewisse Rechte geben?«

»Rechte?« sagte sie lebhaft. »Sie haben sich seltsam geirrt, mein Herr, ich liebe Sie nicht!«

Stumm blieb er ihr gegenüber stehen und blickte sie groß und vorwurfsvoll an. Sie fürchtete, zu hart gewesen zu sein und fuhr in ruhigerem Tone fort: »Wenn meine Unbedachtsamkeit und mein vertrauliches Benehmen Sie veranlaßt haben, das für Liebe zu halten, was nur freundliche Kameradschaft war, so bedaure ich dies von ganzem Herzen und bitte Sie, mir zu verzeihen.«

Ihr Herz war in der That voll Mitgefühl und Thränen glänzten in ihren Augen. Allein Frank Finoël war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, seine Eigenliebe war zu tief verwundet, als daß er den aufrichtigen Ton des jungen Mädchens hätte verstehen können. – »Ich habe mich nicht so sehr getäuscht, wie Sie sagen,« rief er mit erhobener Stimme, »sondern es hat sich in den letzten vierzehn Tagen etwas ereignet, was Ihr Herz verwandelt und Ihren Gedanken eine andere Richtung gegeben hat. Ich brauche nicht weit zu suchen, um dieses Geheimnis zu entdecken.«

»Sie werden beleidigend,« sagte sie ärgerlich über die Beharrlichkeit Finoëls, »ich verstehe Sie nicht und will nichts weiter hören!«

Sie wandte sich nach der Thüre, allein der kleine Bucklige hatte sich vor sie gestellt und versperrte ihr den Weg.

»Sie werden mich trotzdem zu Ende hören,« entgegnete er heftig und schleuderte zornige Blicke auf sie. »Ich bin nicht so leicht anzuführen und habe wohl erraten, daß Ihnen der Name ›von Seigneulles‹ besser gefällt als ›Finoël‹; allein, wenn ich mich getäuscht habe, so mögen Sie Ihrerseits zusehen, daß Sie sich nicht gewaltig verrechnen. Der schöne Gérard wird Sie ins Gerede bringen, das ist alles, was diese Art Menschen zu thun versteht!«

»Sie werden unverschämt!« rief Helene. Heftiger Zorn erfüllte sie; ihre Lippen erblaßten, ihre Augen blitzten voll Entrüstung. Sie griff nach dem Hut, den Finoël auf einen Tisch gelegt hatte, warf ihm denselben in die Hände und öffnete, wahrend der kleine Bucklige vor ihren verächtlichen Blicken zurückwich, weit die in die Flur führende Thüre und sagte mit bebender Stimme: »Leben Sie wohl,« und als der verblüffte Finoël unbeweglich blieb, wiederholte sie heftig auf den Boden stampfend: »Gehen Sie! Gehen Sie!«

Er stürzte wütend aus dem Hause und stieß auch noch auf seinen Nebenbuhler, der gerade über die Straße kam; seine Verzweiflung wurde dadurch vollends auf die Spitze getrieben. Finoël warf ihm einen giftigen Seitenblick zu, der bei Gérard ein ähnliches Unbehagen erregte, wie man es dem magnetischen kalten Blick der Klapperschlange zuschreibt.

Es begann zu regnen; der Bucklige nahm den Hut ab und fühlte mit Wollust die kühlenden Tropfen auf seiner brennenden Stirne. Er trat in sein armseliges Junggesellenzimmer, stützte die Arme auf den Tisch und nun konnte er endlich dem Ausbruch seines Hasses und seiner Wut vollen Lauf lassen. Seine kränklichen Züge verzerrten sich, und die zuckenden Finger wühlten krampfhaft in den schwarzen Haaren. So war während dieser unseligen Woche seine Eigenliebe zweimal tödlich verletzt worden: durch die Weigerung Frau Grandfiefs, ihn nach Salvanches einzuladen und durch Helenens Geringschätzung. Zwei herbe Schläge hatten ihn wiederum die Stufen hinabgestürzt, die sein ehrgeiziger Wille so mühsam erklommen hatte. Nun konnte er wieder von vorne anfangen; er fühlte sich von einer fieberhaften Entmutigung befallen. In ihm tobte ein Sturm von Groll und Aerger, und wie ein Echo seiner Verzweiflung strömte draußen der Regen auf die Bäume herab und schluchzte in den überströmenden Dachrinnen. Mitten durch seine wirren, bitteren Gedanken erhob sich vor ihm, wie die Erscheinung eines verlorenen Paradieses, das verführerische blonde Bild Helenens und neben ihr das siegesfrohe Antlitz Gérards von Seigneulles. Seine Wut verdoppelte sich. »O! ich werde mich noch rächen! ich werde mich rächen!« schrie er und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Ein leichtes Geräusch veranlaßte ihn, sich umzudrehen; er sah Regina Lecomte hinter sich stehen. Die Nähterin kam von Salvanches zurück und das unbezwingliche Verlangen, alles zu erzählen, was sie wußte, hatte sie veranlaßt; bei Finoël einzutreten. Als sie seinen Ausruf hörte und seine verstörten Züge sah, glaubte sie, er habe die Einzelheiten der Ereignisse auf dem Balle schon erfahren und nahm eine teilnehmende Miene an.

»Nun,« sagte sie »mein armer Frank, habe ich nicht recht gehabt, als ich sagte, Sie sollten dieser Pariserin nicht trauen? Sie wissen doch, was auf dem Ball geschehen ist?«

»Was? was ist geschehen?« schrie Finoël und blickte sie zornig an.

»Wirklich? Sie wissen noch gar nichts! ... Die ganze Stadt spricht ja davon ... Fräulein Laheyrard und Herr von Seigneulles haben sich den ganzen Abend nicht voneinander getrennt, und ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sie sich zärtlich die Hand drückten.«

Sie schilderte nun die Begebenheit im Billardzimmer mit den nötigen Uebertreibungen.

»Jedermann hat es bemerkt wie ich,« fügte sie hinzu, »und ich bin sicher, daß die Heirat Fräulein Grandfiefs zu Wasser geworden ist ... Man hat sich über Sie lustig gemacht, Frank, und Sie haben ganz einfach als Deckmantel gedient, um das Spiel dieser beiden Liebenden zu verbergen.«

Finoël biß sich in die Lippen. Seine fahlen Augen schleuderten Blitze.

»Aber nur Geduld,« fuhr die kleine Regina fort, »Vater Seigneulles läßt nicht mit sich spaßen und wird einen schönen Spektakel machen, wenn er die Neuigkeit erfährt, und die Pariserin hat ihr Ziel noch lange nicht erreicht.«

»Glauben Sie, daß er seinen Sohn verhindern wird, sie zu heiraten?«

»Ich bin dessen gewiß, und wenn Sie meinem Rat folgen wollten ... Sehen Sie, Frank, ich bin gutmütig, ich trage Ihnen Ihre Unfreundlichkeiten nicht nach: schließen wir Frieden!«

Sie streckte ihre Hand aus und ergriff, halb gegen seinen Willen, die langen, mageren Finger Finoëls, der sie mit ängstlich fragendem Blick betrachtete. »Lassen Sie uns wieder Freunde sein,« sagte die Nähterin, ihm die Hand drückend, »und ich werde Ihnen helfen, sich zu rächen!«

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