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Gräfin Polly

Palle Rosenkrantz: Gräfin Polly - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorPalle Adam Vilhelm Rosenkrantz
titleGräfin Polly
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1910
firstpub1907
translatorFr. Bernh. Müller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150331
projectid944129ae
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III.

Der Kreisarzt frühstückte richtig bei Skram, und während der Mahlzeit sprachen sie über die Sache. Skram gehörte nicht zu denen, die gleich allen ihr volles Vertrauen schenken, aber in dieser Sache war der Kreisarzt sein Mitwisser, der einzige, den er in sein Geheimnis einweihte. Dazu kam, daß Doktor Kühn, der vertretungsweise auch als Gemeindephysikus fungierte, der einzige amtliche Arzt war, der mit dieser Sache zu tun bekam. Er war ein freisinniger und vorurteilsloser Mann, ein Mensch, auf den Skram in jeder Hinsicht rechnen konnte. Aufs höchste interessiert lauschte er den Berechnungen des Richters und brummte ab und zu mißbilligend oder beistimmend.

Als sie im Gartenzimmer beim Kaffee saßen, fragte der Doktor: »Was wollen Sie nun eigentlich tun?«

»So wenig als möglich,« erwiderte Skram. »Am meisten Lust hätte ich, mich bei der Bezeichnung ›Selbstmord‹ zu beruhigen. Viffert war mir immer zuwider, und sein Tod ist ihm außerdem nicht unerwartet gekommen. Schließlich gereicht sein Ableben keinem Menschen zum Verdruß, sondern im Gegenteil allen, die davon überhaupt berührt werden, zum Nutzen und zur Freude, Sie, lieber Doktor, und mich nicht ausgenommen. Nun ist es jedoch eine komische Eigenschaft von uns Menschen, daß wir rein instinktmäßig aus dem Selbsterhaltungstrieb der Gesellschaft heraus uns gegen jede Art von Verbrechen wehren. Mir würde selbst als Laien unzufrieden und unbehaglich zumute sein, wenn ich wüßte, daß ein Mord in aller Stille als Selbstmord ad acta gelegt werde. Als Amtsperson nun gar kann ich mich ganz und gar nicht da hineinfinden, und als Behörde dieses Ortes bin ich ja geradezu gezwungen, mich weiter mit der Sache zu befassen.«

»Das wollen Sie also auch tun?«

»Selbstredend.«

»Aber wo beginnen?«

»Das will ich Ihnen sagen,« erwiderte Skram. »Sehen Sie, Vifferts Zimmer liegt in der zweiten Etage, und die Tür zum Korridor war wie immer fest verschlossen. Die Tür dagegen, die aus demselben Zimmer auf die Wendeltreppe führt, war nicht verschlossen. Er hat mir einmal selbst erzählt, daß er es nicht liebe, bei offenen Türen zu schlafen, aber sich anderseits auch davor fürchte, bei einer etwaigen Feuersgefahr im Schlafe verbrannt zu werden, weil niemand zu ihm hätte dringen können; er schlief nämlich auffallend fest. Ja, der gute Viffert war sehr besorgt um sein Leben, aber hier auf der Edelsburg – das gestand er selbst ein – fühlte er sich einigermaßen sicher, denn seine Tür zum Korridor konnte er verschließen, die Tür zur Wendeltreppe dagegen ruhig offenstehen lassen. Aufwärts führt diese Treppe ja nur zum Zimmer der Kammerjungfer Leonie, abwärts aber zum Schlafzimmer der Gräfin, das nach dem Korridor zu ebenfalls stets verschlossen ist. In der untersten Etage schließlich liegt an der Treppe nur das Dienerzimmer, in dem Jörgen mit dem Dienerburschen John wohnt. Sehen Sie, in dieser Gruppierung haben wir alle Personen bei einander, die für einen Verdacht in Frage kommen. John will ich aus dem Spiel lassen.«

»Und die Gräfin?« fiel der Doktor ein.

»Selbstredend auch die Gräfin. – Es bleiben demnach: der Graf, Jörgen und Leonie. Von diesen ist vor allen Jörgen verdächtig. Freilich ist er ein tüchtiger Mensch, über den nichts Unvorteilhaftes bekannt ist, aber er ist der letzte, den ich mit Viffert zusammen gesehen habe, und zugleich derjenige, der den Toten gefunden hat. Außerdem hat er selbst – und auch Viffert – von dem leicht begreiflichen Haß, den er gegen den Ermordeten hegte, geredet. Ich habe selbst gehört, wie Viffert ihm erzählte, daß er nach dem Tode des Kammerjunkers ein wohlhabender Mann sein würde, und Viffert schlug ihm dabei scherzweise selbst die Methode vor, nach der er den Erblasser umbringen sollte, wie es jetzt ja auch geschehen ist. Und da Jörgen gerade derjenige ist, der das Messer des Grafen bereit zu legen hatte und auch das Etui auf den Toilettentisch des Kammerjunkers gesetzt hat, so kann ihm sehr leicht die Idee gekommen sein, die Messer nach dem Morde umzutauschen, um das Verbrechen zu verbergen. Der einzige schwierige Punkt hiebei ist, daß er bei der Umwechslung die Tagesnamen nicht beachtet haben sollte. Dies Versehen ist jedoch insofern erklärbar, als die englischen Namen Tuesday und Thursday von einem Manne, der wie Jörgen nicht englisch versteht, leicht verwechselt werden können. Seine Unwissenheit erklärt auch den ungeschickten Schnitt. Es war ihm leicht, sich ins Zimmer des Kammerjunkers zu schleichen, und ebenso leicht, sich wieder hinabzuschleichen. Wie Sie sehen, liegt ein prächtiges Indizienmaterial vor, das durchaus genügen würde, eine augenblickliche Verhaftung vorzunehmen. Der arme Jörgen ist im Grunde genommen ganz wehrlos, und daher nehme ich es auch nicht eilig mit seiner Verhaftung.

Was seine Liebste betrifft, so liegt die Sache derart, daß man sie nicht gut von dem Verdachte der Mitwissenschaft befreien kann. Die Idee zu der Tat kann leicht in ihrem fixen, kleinen Kopf entstanden sein, und sie hat sich in den schönen dänischen Diener sicher ebenso sehr vergafft, als ihr der gräfliche Kammerjunker, mit dem sie sich nur aus finanziellen Gründen abgab, zuwider war. Sie können mir glauben, lieber Doktor, in neun von zehn Fällen würde es nicht nur klug gehandelt, sondern einfach meine Pflicht sein, hier mit Verhaftungen vorzugehen. Arrest, Verhör, Aufwicklung der Indizien und des ganzen Tatbestandes könnten in acht Tagen mit Glanz erledigt sein!«

»Warum tun Sie es dann nicht?« fragte der Doktor aus einer mächtigen Rauchwolke heraus.

»Weil Sie es auf eine solche bloße Vermutung hin ebenfalls nicht tun würden. Keiner von uns mag einen Justizmord begehen, und außerdem haben wir uns bisher nur mit den Leuten der Dienerstube und der Mansarde beschäftigt. Die Herrschaft im ersten Stock haben wir ganz außer acht gelassen!«

»Tja!« rief der Doktor, stutzig geworden.

»Wir nahmen vorhin die Gräfin aus. Schön, das will ich auch jetzt tun. Nicht etwa, weil sie am Tode Vifferts kein Interesse hätte, denn sie ist ja seine Erbin. Aber es ist mir einfach unmöglich, mir die Gräfin Polly als – Lady Macbeth vorzustellen. Wenn ich sage unmöglich, so meine ich damit, daß dieser Gedanke meine letzte Zuflucht ist, wenn alle Stränge reißen, und daß ich diesen Verdacht nur auf eine mündliche Unterredung mit ihr, nicht auf Vermutungen begründen will.

Mit dem Grafen dagegen ist es eine andere Sache. Er hat mir selber erzählt, daß er den Mann hasse; er bringt nämlich den Entschluß der Gräfin, ihn zu verlassen, mit Viffert in Verbindung. Er hat sich – als Hirtennatur, die er Ihrer Theorie nach ist – sicher oft mit dem Gedanken beschäftigt, Viffert aus dem Wege zu räumen, und von der Überlegung zur Handlung führt nur ein Schritt. Um das Zimmer Vifferts nachts zu erreichen, mußte der Graf freilich das Schlafgemach der Gräfin passieren, aber dieses ist zweifellos nach seinem Zimmer zu unverschlossen gewesen. Schwerer läßt sich der Umstand mit den Messern erklären. Seiner ganzen Natur nach zu urteilen, dürfte er ein solches Versehen kaum begangen haben. Daß er sich, als er zur Tat schritt, mit einem Messer bewaffnet haben möchte, traue ich ihm schon zu, doch daß er sich hinterher dadurch kompromittiert haben sollte, daß er ein falsches Messer aus dem Etui nahm, das traue ich ihm nicht zu. Es ist, wie gesagt, ein schwieriger Punkt. Und wenn ich vorhin die Messer auf dem Tisch des Grafen umtauschte, so geschah es in der Absicht, ihm eine Falle zu stellen.«

»Sie halten ihn also wirklich für den Täter, ihn, den edlen, rechtsinnigen Grafen Henrik?«

»Den Hirten, ja,« sagte Skram lächelnd. »Aber ich sagte Ihnen ja schon, daß ich einen bestimmten Verdacht auf niemand werfe. Ich meine bloß, daß er Grund zu dem Mord gehabt haben kann. In diesem Fall muß er so aufgeregt gewesen sein, daß er aus reiner Nervosität den Fehler begangen hat, als er das Messer umtauschen wollte. Wenn er nun nach seiner Rückkehr von der Ausfahrt das eigene Messer benutzte, so würde er nicht umhin können, den Fehler zu entdecken, und demzufolge gründlich auf seiner Hut sein. Ich weiß ganz genau, daß ich gestern abend die sieben Klingen mit den Tagesnamen gesehen habe, aber was würde einem Manne wie dem Grafen Henrik Eisenbart gegenüber, der Lehensgraf, Kammerherr und Danebrogritter ist, der Verdacht eines jungen, soeben ernannten Richters zu bedeuten haben, der sich zu behaupten unterfängt, nachdem er ein Diner von acht Gerichten nebst den dazu gehörigen Weinen und Whiskys mit Soda eingenommen, mitten in der Nacht ein paar mattgeschliffene Namen auf einigen Barbiermessern gesehen zu haben? Und anders ist es doch in Wirklichkeit nicht!«

»Nein,« sagte der Doktor, »da haben Sie recht. Aber anderseits sehe ich auch gar nicht ein, inwiefern die von Ihnen vorgenommene Umwechslung der Messer die Sache verbessert?«

»Dadurch erreiche ich etwas sehr Wichtiges: ich verhindere, daß Jörgen, der ja auch der Täter sein kann, aber, falls der Graf die Tat begangen hat, völlig unschuldig ist, in ein Gespräch über die Messer hineingezogen wird. Beide zusammen sind sie wohl kaum schuldig, und so würde es nicht zu umgehen sein, daß sie über den merkwürdigen Umstand, daß im Etui des Grafen zwei Donnerstag-Messer stecken, miteinander reden. Und das will ich verhindern; es soll über diese Messer nicht eher geredet werden, als bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Der Schuldige, der den Tagesnamen auf dem Messer nicht beachtet haben kann – denn sonst hätte er das Versehen nicht begangen – soll nicht Gelegenheit haben, über die Messer zu reden, und der Unschuldige soll in dem Glauben verbleiben, daß Selbstmord vorliege – bis ich selbst über den Mord zu reden beginne!«

»Das kann sich freilich als klug erweisen,« sagte der Doktor, »aber ich glaube dennoch, daß die Messer ein vorzüglicher Anhaltspunkt sind.«

»Für mich, für uns, ja,« unterbrach ihn Skram. »Sie liefern uns die nahezu absolute Gewißheit, daß ein Mord begangen worden ist. Ich kann mich nicht irren, das weiß ich bestimmt, denn ich habe die Namen gestern abend deutlich gelesen. Aber es besteht ein Unterschied zwischen den Momenten, die dem Wissen des Richters zu Grunde liegen, und den Momenten, die für Dritte einen Beweis bedeuten. Aus diesem Grunde erleiden zahlreiche Untersuchungsrichter mit Unrecht Schiffbruch in der öffentlichen Meinung, die mit Mißtrauen auf die Richtervermutungen sieht. Ich verlange niemals, daß andre an die Beweisgründe glauben, die ich nur mit meinen Augen sehe. Was ich zu tun habe, ist: die Messer so auszuspielen, daß die Aussagen der Verdächtigen sie selber verraten, weil sie meine Ansichten bestreiten und ich kein Interesse habe zu lügen.«

»Wollen Sie die Messer denn jetzt noch nicht ausspielen?« fragte Kühn.

»Nein,« erwiderte Skram, »ich will heute – und vielleicht auch noch morgen – Vifferts Tod für Selbstmord gelten und keinen Verdacht durchblicken lassen. Ich will nicht als Richter, sondern als Freund des gräflichen Hauses mit allen Bewohnern des Schlosses reden und von dem Barbiermesser ganz und gar schweigen. Und es müßte merkwürdig zugehen, wenn ich nicht vermittels der scharfgeschliffenen Waffe, die ich in der Reserve habe, bereits morgen mit aller Gewißheit davon reden könnte, worüber wir uns jetzt nur in schlecht fundierten Hypothesen ergehen können. Nehmen Sie nun die Obduktion vor; es ist wohl am besten, gleich jetzt die Sache zu besorgen, bei der ich ja nicht zugegen sein brauche. Dann will ich heute mit dem Grafen und der Gräfin reden und auch Jörgen und Leonie verhören.«

So schieden die beiden Herren und gingen an ihre Arbeit.

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