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Gräfin Polly

Palle Rosenkrantz: Gräfin Polly - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorPalle Adam Vilhelm Rosenkrantz
titleGräfin Polly
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1910
firstpub1907
translatorFr. Bernh. Müller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150331
projectid944129ae
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II.

Skram war ein tüchtiger Jurist, der seine Examina glänzend bestanden hatte. Seine Erziehung hatte in den Händen eines Vaters gelegen, der selbst ein hervorragender Jurist war. Von frühester Jugend an hatte er im Hause seines Vaters Gelegenheit gehabt, die berühmtesten Richter des Landes zu sehen und zu hören. Er selbst war beim Kopenhagener Amtsgericht und darauf fünf Jahre lang beim Justizministerium tätig gewesen. Er verstand seine Sache gut und war außerdem ein gebildeter und sehr belesener Mann, der das Studium von Verbrechen zu seinem Lebensstudium gemacht hatte, aber auch gleichzeitig seine Zeit zum Studium von Menschen benutzte.

Skram war Aristokrat; er gehörte einem alten dänischen Adelsgeschlecht an; sein Vater war konservativ, und das war er, wenigstens in politischer Hinsicht auch. – –

Was die Sache betraf, die er jetzt vornehmen wollte, so fühlte er, daß diese das Einsetzen seiner ganzen Kraft verlangte. Unter Bewahrung völligen Stillschweigens nach außen hin mußte sie geführt werden. Er war überzeugt davon, daß hier ein Mord vorlag, aber dennoch beeilte er sich nicht, seinen Verdacht gegen eine bestimmte Person zu richten, ja, er kämpfte sogar dagegen an, um nicht eine falsche Spur zu betreten. Er mochte mit keiner Hypothese beginnen, deren Wurzel in einem Umstand außerhalb der Situation, wie er sie zuerst vorgefunden hatte, zu suchen war. Dadurch, daß er jeden Verdacht zurückwies, schloß er von vornherein jeden Fehlgriff aus. Auf schnelles Handeln kam es hier nicht an, denn verwischt konnte die Spur, die er gefunden hatte, nicht werden. Sie bestand nur aus einem Umstand, der aufgeklärt werden mußte – aus einem einfachen, beweglichen Gegenstand – dem gefundenen Barbiermesser, das auf seinem Rücken den Tagesnamen Dienstag trug! Und das einzige, was er jetzt tun konnte, war, daß er das Etui sowie das Messer, das in des Toten Hand gesteckt hatte, an sich nahm.

Während Jörgen bei der Tragbahre beschäftigt war, ging Skram hastig die Turmtreppe hinab, die zu den Schlafzimmern im ersten Stockwerk führte. Er öffnete die zur Wohnung führende Tür und stand im Schlafgemach der Gräfin, das unmittelbar unter Vifferts Wohnzimmer lag.

Das Zimmer war mit reichlichem und stilvollem Luxus ausgestattet. Niemand war zugegen, und Skram, der die Wohnung bereits früher gesehen hatte und sie daher kannte, schritt eilig zu der gegenüberliegenden weißlackierten Tür, durch die er ins Ankleidezimmer des Grafen trat.

Hier stand ein großer Toilettentisch dem Fenster gegenüber. Auf dem weißen Tuch, das ihn bedeckte, lagen Bürsten, Kämme und allerhand kostbare Toilettengegenstände – mitten unter ihnen neben einem blanken Metallschälchen auch ein Barbiermesser, das genau dem glich, das er im Zimmer des Kammerjunkers gefunden hatte. Er nahm es betrachtend in die Hand – – auf dem Rücken der Klinge stand Donnerstag!

Skram schaute sich in der Stube um. Alles war in strenger Ordnung gehalten, denn dem Grafen war jede Unordnung zuwider. Auf einer Etagere am Fenster erblickte Skram einen kleinen Kasten, der genau dem Etui glich, das er in der Hand hielt; er trat zur Etagere hin und öffnete das Kästchen, und wie es sein mußte, so war es: in diesem Etuis lag noch ein zweites Donnerstagmesser, während das Dienstagmesser fehlte.

Skram zögerte einen Augenblick lang; es war augenscheinlich, daß der Graf das Rasieren bis auf spätere Zeit verschoben hatte; denn die kleine Metallschale war noch unbenutzt, und das Messer anscheinend erst zum Gebrauch hervorgeholt worden. Demnach hatte der Graf die Absicht, nach seiner Rückkehr seine Toilette zu vollenden, und er mußte dann entdecken, daß es nicht das richtige Messer war, er mußte entdecken, daß eine Umwechslung zweier Klingen stattgefunden hatte und dann – – – In einem Falle würde er schweigen, in einem Falle, den Skram bereits in Betracht gezogen, doch unter die anderen Vermutungen zurückgewiesen hatte. In allen anderen Fällen würde er reden.

Skram überlegte. Würde es sich nicht empfehlen, das richtige Messer an die Stelle des falschen zu legen? Sowohl er als auch der Kreisarzt hatten ja den verdächtigen Fall konstatiert; er gehörte bereits zu den Akten. Insofern also würde das Umwechseln der Messer nicht schaden, doch in diesem Falle griff Skram das Beweismaterial an und ließ einen Anhaltspunkt fahren, der unter Umständen von großem Nutzen sein konnte.

Was sollte er tun?

Er wandte sich hastig um und eilte durchs Zimmer der Gräfin zur Wendeltreppe zurück, die nach Vifferts Zimmer führte. Als er ins Turmzimmer eintrat, stand der Kreisarzt allein vor dem Bett und untersuchte die blutbefleckten Bettstücke.

»Doktor,« sagte Skram, »kommen Sie mit.«

Sie schritten nun zum Ankleidezimmer des Grafen hinab, und während der Doktor verständnislos danebenstand, tauschte Skram die Messer um, so daß die Klinge, die jetzt auf dem Toilettentisch lag, den Vermerk Dienstag trug, wie es der Ordnung entsprach.

»Doktor,« sagte Skram, »ich habe nicht Zeit, Ihnen den Grund dieses Tuns zu erklären, ich will Ihnen jetzt bloß sagen, daß ich meine Gründe dazu habe. Ich deute hier mit Bleistift die Stelle des Tisches an, auf der wir das Messer fanden; dieses stecken wir nunmehr in Vifferts Etui, in das es sicher hineingehört. Ich bitte Sie, genau darauf zu achten. Warum ich dies tue, werde ich Ihnen später erklären. Wir können ja jetzt nach Hause gehen, und wenn Sie bei mir frühstücken wollen, werde ich mit ein paar Worten versuchen, Sie in die ganze Situation hineinzuversetzen. Das Barbiermesser ist in Wirklichkeit die einzige Grundlage meines ganzen Wissens in dieser Sache. Diese kann außerordentlich einfach und simpel sein und bis Sonnenuntergang ihre Erklärung gefunden haben. Aber ebenso gut kann sie sich auch sehr verwickelt gestalten und Ihnen und mir viel zu denken aufgeben, bevor wir sie abschließen können. Kommen Sie, wir wollen gehen; hier können wir ja doch nichts weiter ausrichten.«

So gingen sie.

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