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Gräfin Polly

Palle Rosenkrantz: Gräfin Polly - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorPalle Adam Vilhelm Rosenkrantz
titleGräfin Polly
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1910
firstpub1907
translatorFr. Bernh. Müller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150331
projectid944129ae
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Erstes Buch.
Das Barbiermesser

I.

Es war am nächsten Morgen um zehneinhalb Uhr, als Skram, der ein Aktenstück durchlas, plötzlich den Kopf erhob und über den Garten hinweg nach dem Schloßgraben schaute. Was er sah, war das kleine Boot der Gräfin, das sich der Anlegestelle unter den hängenden Weiden näherte. Skram erhob sich und blickte aufmerksamer hin. Das Boot wurde von einem Manne gerudert, – nun legte es an, der Mann stieg heraus und machte es an einem der morschen Pfähle fest. Es war der Tafeldecker Ole Hansen, der ergraute Haushofmeister von Edelsburg.

»Was mag er nur wollen?« dachte Skram und nahm seinen Platz am Schreibtisch wieder ein, während der alte Mann eilig über den Rasen schritt. Gleich darauf stand er im Bureau.

»Entschuldigen Sie, Herr Amtsrichter,« sagte er, »aber heute nacht ist ein entsetzliches Unglück geschehen.«

Skram fuhr in die Höhe.

»Ja, der Herr Kammerjunker hat sich entleibt.«

»Was sagen Sie?! – Das ist ja –« Skram brach ab; er mußte sich eingestehen, daß es eigentlich gar nicht so überraschend kam, hatte er doch bereits daran gedacht, daß etwas Derartiges geschehen könne.

»Auf welche Weise denn?« fragte er.

»Er hat sich mit einem Barbiermesser den Hals abgeschnitten.«

»So, so,« sagte Skram nachdenklich. – »Wie fanden Sie ihn denn?«

»Ich habe ihn nicht gefunden, Herr Amtsrichter,« sagte der Tafeldecker, dessen Stimme bebte wie bei einem Menschen, der sich lange darauf vorbereitet hat, etwas Entsetzliches zu erzählen, und es nun endlich aussprechen darf. »Jörgen fand ihn, als er mit Rasierwasser zu ihm hinaufging. Es war schon nach zehn Uhr, denn der Kammerjunker pflegte sich nicht wecken zu lassen, und es war ja auch schon spät in der Nacht, als der Herr Amtsrichter ihn gestern verließen. Er lag in seinem Bett, als ob er schliefe, aber Jörgen sah wohl, daß er am Halse einen häßlichen Schnitt hatte, und das Bett triefte vor Blut.«

»Haben Sie ihn auch gesehen?«

»Nein. Jörgen rief mir wohl zu, zu kommen, denn ich war in der Nähe des Zimmers mit dem Silberzeug beschäftigt, aber ich mochte die Leiche nicht sehen, weil mir davor graute. Ich kam an Stelle dessen gleich hier herübergefahren. Jörgen meinte auch, es wäre am besten, wenn ich als der Älteste das täte.«

»Na,« sagte Skram, »dann vermögen Sie also auch nichts weiter auszusagen. Haben Sie nach dem Kreisarzt geschickt?«

»Jörgen hat telephoniert. Es hieß, der Doktor werde sofort kommen. Und Jörgen wollte so lange warten.«

»Hm – was sagt denn der Graf dazu?«

»Der Herr Graf ist schon früh des Morgens mit dem Inspektor nach der Mooshofer Ziegelei gefahren, und die Frau Gräfin ist um neun Uhr mit Johann, dem zweiten Kutscher, ausgeritten.«

»Na, dann gehen Sie nur gleich zum Kreisarzt und sehen Sie nach, ob er zu Hause ist. Wir fahren dann alle mit dem Boot nach dem Schloß hinüber. – Hm, ob das Boot wohl vier Mann tragen kann?«

»O, gewiß,« sagte Hansen. Dann eilte er zum Kreisarzt, dessen Haus der Amtsrichterwohnung gegenüber lag.

Skram öffnete die Tür zum Bureau, in dem sich augenblicklich nur das Amtspersonal befand.

»Herr Holm,« sagte er, »das Testament, das Sie da bearbeiten, hat Kammerjunker Viffert wahrlich zur rechten Zeit aufsetzen lassen. Wie mir eben mitgeteilt wird, hat er sich heute nacht den Hals abgeschnitten.«

»Was?« Der Sekretär sprang auf.

Skram zuckte die Achseln. »Ja, geschehen ist geschehen. Er ist tot. Die Welt verliert nichts weiter an ihm, und nur wenige werden ihn betrauern. Es ist wohl am besten, wir gehen sogleich hinüber und nehmen die Leichenschau vor. Der Graf und die Gräfin sind ausgefahren. Lassen Sie Jensen gleich zum Krankenhaus gehen und eine Ambulanz bestellen, wenn die Leute eine haben. Nehmen Sie das Protokoll und kommen Sie mit zum Boot hinab. Dort kommt auch schon der Tafeldecker mit dem Kreisarzt an.«

Der Polizeibeamte Jensen erhob sich eilig, um die Ambulanz zu bestellen.

»Aber, Jensen,« rief ihm Skram nach, »zu keinem ein Wort darüber reden! Die Sache muß geheim bleiben, solange es möglich ist. Ich will nicht, daß die Blätter schon vor Zeiten mit ihrem Gewäsch beginnen.«

Der Kreisarzt trat ein.

Skram reichte ihm die Hand.

»Das ist ja entsetzlich,« sagte der Doktor, »und ich bin gestern abend eine ganze Stunde lang mit ihm spazieren gegangen und hab' nachher noch Billard mit ihm gespielt, ohne etwas an ihm zu merken!«

»Hm,« sagte Skram, »ich habe ihm gestern abend ein Testament aufsetzen müssen, und da schien es mir allerdings, daß er Eile habe, mit der Sache zu Streich zu kommen. Und wenn ich noch in Betracht ziehe, was er mir gestern abend erzählte, so bin ich über seine Tat gar nicht sonderlich erstaunt. Jetzt gilt es bloß, den Grafen und die Gräfin gegen das Gerede der Leute und das Gewäsch der Zeitungen zu schützen.«

Der Sekretär stand mit dem Protokoll in der Hand zum Gehen bereit, und so begaben sich die drei Herren zum Boot hinab, das der alte Ole Hansen schon losgebunden hatte.

Während sie über den Graben ruderten, sagte Skram lächelnd zum Kreisarzt: »Ich kann Ihnen übrigens etwas Erfreuliches mitteilen: Sie sind zum Vollstrecker der Erbmasse ernannt, die sich auf sechs- bis siebenhunderttausend beläuft; das Honorar ist also schon ganz mitnehmenswert.«

»Ich?« fragte der Doktor und öffnete den Mund vor Erstaunen.

»Ja, Sie und meine Wenigkeit. Sie haben Viffert gestern abend mit Ihrer Soziologie imponiert; Sie wissen ja, die Wissenschaft macht sich bezahlt. Wenn wir erst mit der Leichenschau fertig sind, werden Sie etwas Interessantes zu erfahren bekommen. Doch davon später.«

Schweigend ruderten sie weiter.

Die Leiche des Kammerjunkers lag entkleidet im Bett – lang auf dem Rücken ausgestreckt wie im Schlaf, den Kopf halb von der Wand abgekehrt. An der linken Seite des Halses saß eine klaffende Wunde, der rechte Arm hing zur Seite hinab und seine Hand hielt ein blankes, mit Blut beflecktes Barbiermesser lose zwischen den Fingern. Das Laken war mit Blut benetzt und einiges davon über die Bettkante auf den Boden getropft.

Der Arzt trat ans Bett und beugte sich über den Toten. Die Gesichtszüge des Kammerjunkers waren ruhig, seine Augen fest geschlossen, so daß es aussah, als schlafe er; nur die Nase trat scharf hervor, und der Bart zeichnete sich grauschimmernd über dem fest geschlossenen Munde ab. Doch wenn man von der Wunde am Halse absah, hatte der Tote nichts Unheimliches an sich.

»Skram,« sagte der Doktor, nachdem er seine Untersuchung beendet hatte, »da stimmt etwas nicht.«

Skram trat näher und betrachtete den Leichnam.

»Sehen Sie, er hat sich wie ein rechter Dummkopf benommen,« fuhr der Doktor fort, »wenn man sich den Hals abschneiden will, so tut man es doch hier an der Seite, wo die Pulsader liegt. Dieser Schnitt aber liegt ungefähr in der Mitte, von links beginnend, und ein solcher Schnitt verursacht nimmermehr den Tod. Und dann sehen Sie das Blut! Das ist ja gar nichts, kaum ein kleines Waschbecken voll, während es nach einem solchen Schnitt in Strömen geflossen sein müßte. Ich kann nicht begreifen, wie dieser Schnitt ihn getötet haben soll. Vielleicht, daß er sich die vena jugularis verletzt hat, was seine Folgen für die Lungen gehabt hätte; das kann ich indes erst feststellen, wenn ich die Leiche geöffnet habe. Aber so sieht die Sache höchst merkwürdig aus. Der Mund ist auch ganz geschlossen. Und die Augen – na, ja, das gibt sich wohl noch. Das Messer hält er ganz regelrecht in der rechten Hand, leicht gefaßt – sehen Sie, es hängt bloß zwischen den Fingern.«

Skram wandte sich um. Im Zimmer stand außer ihnen nur der Sekretär Holm.

»Das ist wahr,« sagte Skram, »Jensen kann noch nicht zurück sein; denn der Weg außen um die Stadt herum und über den Schloßgraben ist lang. Wo ist Ole Hansen?«

»Hier,« rief der Tafeldecker aus dem Vorzimmer.

»Dann kommen Sie herein,« sagte Skram.

»Kann ich nicht davon befreit werden?« erwiderte der Tafeldecker ängstlich. »Ich bin schon ein alter Mann, und Jörgen ist ja auch da.«

»Jörgen,« rief Skram – doch dann überlegte er einen Augenblick lang. – »Nein, das geht doch nicht. Wir müssen warten, bis Jensen kommt.«

»Jörgen paßt doch aber sehr gut zum Zeugen,« meinte der Arzt.

»Er ist derjenige, der die Leiche gefunden hat,« sagte Skram, »und wird daher schon deswegen für sich allein vernommen. Zum Zeugen können wir ihn nicht brauchen. – Kommen Sie herein,« rief er dann Jörgen zu.

Dieser trat ein.

Skram sah ihn fest an.

»Haben Sie den Kammerjunker tot aufgefunden?«

»Ja,« antwortete der Diener, dessen Antlitz unbeweglich, aber sehr ernst war.

»Und Sie haben nichts an der Leiche verändert?«

»Nein, Herr Amtsrichter.«

Skram sah ihn forschend an, dann versetzte er ruhig:

»Konnten Sie den Kammerjunker leiden, während er noch lebte?«

Jörgen hob den Kopf hoch und erwiderte fest: »Nein, Herr Amtsrichter, denn er war ein sehr schlechter Mensch und hat uns alle geärgert. Mag ihm der Herr jetzt gnädig sein.«

Der Kreisarzt stutzte.

»Gut, Jörgen,« sagte Skram, »gehen Sie in die andere Stube.«

Nachdem sich die Türe hinter ihm geschlossen, beugte sich der Arzt über die Leiche. »Die Vene muß durchschnitten sein,« sagte er, »denn bei einem Schnitt in die Pulsader wäre das Blut bis zur Decke gespritzt. Ich kann die Sache nicht begreifen, aber natürlich liegt Selbstmord vor; es kann nur Selbstmord sein.«

»Davon bin ich auch überzeugt,« sagte Skram. »Ich fragte Viffert selbst gestern abend, ob er daran denke, und ich hatte allen Grund zu einer solchen Frage. Über die Motive können wir ja später noch reden. Außerdem aber hatte er ein Herzleiden. Davon wissen Sie wohl?«

»Nein,« versetzte der Arzt – »er hat niemals darüber mit mir gesprochen. Er hielt nichts von den Ärzten, wie er sagte. – Herzkrank soll er gewesen sein?« fügte er kopfschüttelnd hinzu.

Skram fuhr fort. »Der Gedanke liegt nahe, daß er in der Nacht einen Anfall bekommen und aus diesem Grunde und den andern Motiven seinem Leben ein Ende gesetzt hat.« – –

Der Polizeibeamte meldete sich nunmehr, und so nahmen sie ein Protokoll über den Toten und seine Lage im Bett auf.

Skram nahm darauf das Barbiermesser betrachtend in die Hand und drehte es so, daß die Sonne sich in der breiten Klinge spiegelte.

»Komisch,« sagte er, »gestern abend erzählte er mir noch, daß er kein Barbiermesser in der Hand halten könne, weil er fürchte, vielleicht Lust zu bekommen, sich die Kehle abzuschneiden, und als er gestern dieses Messer vom Grafen zum Geschenk erhielt, sagte er – –«

Skram schwieg plötzlich, wandte sich dann um und ging zum Toilettentisch, auf dem das Etui mit den Messern stand.

»Sehen Sie mal, Herr Kreisarzt, da liegt Methode darin; auf dem Rücken dieses Messers steht Tuesday. Und heute ist auch richtig Dienstag. Er hat Ordnung in den Dingen haben wollen. Da können Sie die anderen Messer sehen.«

Damit öffnete er das Etui und schaute die Messer an. Doch plötzlich ergriff er den Kreisarzt beim Arm.

»Doktor,« rief er erstaunt, »was ist das? – – Sehen Sie her – gestern abend habe ich selbst die Messer im Etui gesehen, und da waren sie alle mit den Namen der Tage von Sonntag bis Sonnabend versehen. Hier ist nun das Messer, das wir in Vifferts Hand gefunden haben.«

Skram hatte seine Stimme zum Flüstern herabgedämpft. Der Sekretär und Jensen standen im Vorzimmer, wo sie das Protokoll auf dem Tisch ausgebreitet hatten.

»Herr Kreisarzt, die Sache stimmt nicht,« sagte Skram. »Sehen Sie sich die Messer an, die hier im Etui liegen; auf ihnen steht: Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch – – – Donnerstag fehlt – Freitag und Sonnabend. Donnerstag fehlt, und auf dem Messer, das ich hier in der Hand halte, mit dem Viffert sich den Hals abgeschnitten haben soll, steht Dienstag!«

Der Kreisarzt begriff nicht.

»Ja, sehen Sie,« fuhr Skram in demselben gedämpften Tone fort, »ich habe diese Messer gestern abend selbst im Etui gesehen; und ich weiß bestimmt, daß sie alle mit dem Namen der Wochentage versehen waren. Hier sind nun zwar auch sieben Messer, aber zwei davon sind mit Dienstag gekennzeichnet, während das Donnerstagmesser fehlt.«

»Ich begreife nicht,« sagte der Doktor, »wie das möglich ist.«

Skram flüsterte jetzt ganz leise. – »Unten auf dem Toilettentisch des Grafen steht genau solch ein Etui mit Messern wie dieses hier, und ich sage Ihnen, in dem werden Sie zwei Donnerstagmesser, aber dafür kein Dienstagmesser finden. Verstehen Sie jetzt?«

Der Arzt war bleich geworden. – »Das bedeutet ...«

»Mord,« vollendete Skram. »Der Mann da hat nicht Selbstmord begangen; sondern ist ermordet worden.«

Der Kreisarzt schritt langsam zum Bett hin.

Skram fuhr fort. »Ich erinnere mich deutlich, daß Viffert mir gestern abend im Scherz vormachte, daß er sich den Hals abschneiden werde; und dabei führte er die Hand ganz richtig über die Pulsader an der rechten Seite, nicht aber wie der Schnitt ausgeführt ist, über die Mitte.«

»Wer kann es aber begangen haben?«

Skram schwieg eine Weile lang.

»Herr Doktor Kühn,« sagte er dann. »Sie und ich, wir sind Amtspersonen, und wir haben unsere Pflichten; außerdem sind wir die Vollstrecker des Testaments. Ich werde sicher meine Pflicht tun, aber ich sage Ihnen schon jetzt – wäre ich frei und ohne amtliche Verantwortung, dann würde ich diese Sache als Selbstmordssache schließen. Ich weiß, was Sie sagen wollen, Doktor Kühn, aber Sie brauchen es nicht zu sagen. Ich kenne meine Pflicht und werde danach handeln. Bloß um das eine bitte ich Sie: bewahren Sie Stillschweigen über unsere Entdeckung, denn eben nur dann kann ich meine Pflicht tun. Wir nehmen eine gesetzmäßige Leichenschau vor und geben Selbstmord als Todesursache an. Alle Umstände zeugen dafür. Verstehen Sie mich recht, nur dann kann meine Untersuchung von Erfolg begleitet sein, wenn der Täter sich in Sicherheit glaubt. Nur Sie und ich – und der Täter wissen, daß es Mord ist. Für alle anderen ist es Selbstmord.«

Der Arzt nickte schweigend. –

Noch vor Rückkehr des Grafen von seinem Ausflug war die Leichenschau beendet und der Körper des Kammerjunkers auf einer Bahre ins Krankenhaus gebracht worden, wo der Kreisarzt die Obduktion vornehmen wollte.

Das furchtbare Begebnis konnte nicht verborgen bleiben, und gegen Nachmittag redete die ganze Stadt von dem Selbstmord des Kammerjunkers. Vom Schloß her aber war nichts zu erfahren, und das Kreisamt verweigerte jede Auskunft.

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