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Gräfin Polly

Palle Rosenkrantz: Gräfin Polly - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPalle Adam Vilhelm Rosenkrantz
titleGräfin Polly
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1910
firstpub1907
translatorFr. Bernh. Müller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150331
projectid944129ae
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V.

»Nehmen Sie sich eine recht lange Zigarre, – diese hier, das ist eine echte Garcia und hält eine Stunde lang vor. Mich freilich würde sie in fünf Minuten umbringen. Schenken Sie sich nun noch einen Whisky nebst Soda ein. Heute abend nämlich soll das Testament aufgesetzt werden. – Aber entschuldigen Sie noch einen Augenblick.«

Der Kammerjunker verließ das Turmzimmer, in dem Skram auf einem lederbezogenen Lehnstuhl saß, und ging in das danebenliegende Schlafgemach.

Skram sah sich im Zimmer um. Es war fünfeckig und mit Fenstern, die nach Osten und Norden gingen, versehen. Die Wände waren mit Reproduktionen französischer Kunstwerke, sowie mit Bildern von Pferden und Soldaten bedeckt. Über dem Sofa hingen "Tannhäuser im Venusberge", sowie eine Gruppe schöner Frauenköpfe von etwas banalem Stil. Zwischen den beiden Fenstern, wo die Wand etwas schräg stand, führte eine Türe auf die Turmtreppe hinaus. Sonst hatte das Zimmer noch zwei Türen, eine, die auf den Korridor und eine, die in das Schlafzimmer, einen etwas kleineren Raum, führte. Die Zimmer lagen in der zweiten Etage, unmittelbar über den Schlafzimmern der Herrschaft.

Als Viffert wieder erschien, trug er ein kurzes, kokettes Rauchjackett mit mehrfarbigem Schnurbesatz.

Gleich darauf klopfte es an der Tür.

»Herein,« rief Viffert ein wenig ärgerlich und fügte brummend hinzu: »Zu dieser Stunde – in später Nacht – sollte man doch meinen, ungestört sitzen und schwatzen zu können.«

Es war Jörgen, der Kammerdiener des Grafen.

»Nun, was wollen Sie, Jörgen?« fragte Viffert und drehte sich auf seinem Sessel zu dem Diener herum.

Jörgen hielt Viffert ein kleines Kästchen entgegen.

Viffert ergriff es. – »Ah,« sagte er, »das sind die berühmten Barbiermesser. Hier sehen Sie, Obrigkeit, dies nette Kästchen mit sieben feinen englischen Klingen.«

Skram nahm das Etui und betrachtete die Messer.

Viffert war aufgestanden und beugte sich über ihn.

»Ah, sehen Sie mal, da steht eingraviert: Sunday, Monday, Tuesday und so weiter, alle englischen Tagesnamen. Das ist raffiniert. Jeder Tag hat sein Messer, damit nicht das eine mehr abgenutzt werde als das andere. Das ist ein hübsches Geschenk – und der Graf wirklich ein netter Mann.«

Jörgen mischte sich nunmehr ins Gespräch. – »Der Herr Graf hat genau so eine Kassette wie diese hier, und er benutzt die Messer Tag für Tag. Jeden Abend muß ich das zum nächsten Morgen passende Messer bereitlegen. So weiß der Herr Graf immer gleich, welchen Tag wir gerade haben.«

Viffert lachte. »Das gleicht seiner ordentlichen Seele. Nun, setzen Sie das Kästchen auf den Tisch dort und überbringen Sie dem Grafen meinen Dank. Grüßen Sie den Herrn und sagen Sie ihm, daß ich versuchen werde, ihm zum Gedächtnis mir mit einem dieser vorzüglichen Messer den Hals abzuschneiden.«

Jörgen verbeugte sich ernst wie ein Grab und nahm das Etui weg.

»Stellen Sie es auf den Tisch dort im Schlafzimmer,« sagte Viffert und fügte dann nach kurzem Nachdenken hinzu: »Hören Sie mal, sind Sie der einzige, der noch auf ist?«

»Nein,« sagte der Diener, »der Tafeldecker ist noch nicht nach Hause gegangen.«

»Gut,« versetzte Viffert. »Sie sollen beide zehn Kronen bekommen, wenn Sie eine halbe Stunde warten, bis ich Sie beide brauchen werde. Nicht wahr, Herr Amtsrichter, wir können das Testament noch heute abend erledigen; es sind ja nur zwei Zeugenunterschriften nötig, und Sie selbst sind ja Notarius publicus.«

Skram lächelte. »Wollen wir nicht lieber bis morgen warten?«

»Nein, auf keinen Fall,« erwiderte Viffert bestimmt. »Es muß noch heute gemacht werden! – Also Sie warten, Jörgen?«

Dieser verbeugte sich und ging.

Viffert schwieg, bis sich die Tür hinter Jörgen geschlossen hatte, dann sagte er mit leisem, bitterem Lächeln: »Wenn ich – wie ich vorhin schon sagte – diesem vortrefflichen Diener und seinem noch vortrefflicheren Herrn wirklich die Freude machen muß, mir mit einem dieser sieben Messer die Pulsader zu durchschneiden, so dürfte es sich doch empfehlen, beizeiten meine Papiere in Ordnung zu bringen.«

»Wenn es nicht gescheiter wäre, diese Operation bis zum nächsten Tag zu verschieben,« fiel Skram ein. »Denn ehrlich gesagt, Herr Kammerjunker – ein Ding wissen wir Menschen doch ganz genau, nämlich: daß uns der Tod nicht wegläuft! Und zweitens,« fügte er hinzu, »irren Sie sich wohl in Ihrer Annahme, daß der Graf Ihren Tod wünschen könnte.«

»Hier ist Papier und Feder,« sagte Viffert. »Laßt uns nun endlich mit dem Testament beginnen.«

Skram nahm die Feder, tauchte sie ein und schrieb mit seiner gleichmäßigen, eleganten Kanzleischrift nieder, was Viffert ihm am Nachmittage angegeben hatte. Es fiel ihm nicht einmal ein, zu fragen, ob der Text verändert werden solle; nur als er zu den Legaten gekommen war, fragte er, wer damit bedacht werden solle, woraus Viffert bemerkte, daß das vom Testamentsvollstrecker nach Gutdünken bestimmt werden könne. »Es ist gebräuchlich, zwei Testamentsvollstrecker einzusetzen,« sagte Skram. – »Gut, nehmen Sie noch Doktor Kühn hinzu. Der ist ein vortrefflicher, wenn auch etwas langweiliger Soziologe.«

Während Skram schrieb, saß Viffert und blätterte in einem Roman. Schließlich las Skram das Testament laut vor, und Viffert fand es ausgezeichnet. Nun wurden die beiden Diener gerufen, um als Zeugen das Testament zu unterschreiben. Der Text wurde ihnen nicht vorgelesen, vielmehr erklärte ihnen der Amtsrichter lediglich, daß er als Notarius fungiere.

Das Testament nahm er gleich an sich, um es in amtliche Verwahrung zu geben.

Nachdem somit die Formalitäten erledigt waren, zog Viffert seine Banknotentasche hervor und sagte, indem er Jörgen einen Zehnkronenschein reichte, lächelnd: »Nun können Sie Ihrer Liebsten erzählen, daß sie, wenn mir etwas Menschliches zustoßen sollte, ein Vermögen erben wird, das Sie vielleicht noch zum Grundbesitzer machen kann.«

Jörgen warf dem Kammerjunker einen scharfen, zornigen Blick zu, den Skram, ohne es zu wollen, auffing.

Dann gingen die beiden Diener hinaus.

»Es beginnt spät zu werden,« sagte Viffert, »und ich glaube, wir beide haben Ruhe nötig. Ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, daß Sie außerhalb Ihrer Bureauzeit den Amtsrichter gemacht haben. Ich werde Sie jedenfalls nicht weiter plagen. Und nun gute Nacht.«

Damit reichte er Skram seine weiße, mit Ringen besetzte Hand. Dieser ergriff sie und fühlte, daß sie etwas feucht war; auch fand er, daß Viffert müde aussah, und als er seine Hand losließ, faßte jener nach dem Herzen.

»Sie sehen müde aus,« sagte Skram.

Viffert zuckte die Achseln. »Das macht das Herz. Wenn man bloß seine Nachtruhe haben könnte; mitunter nämlich ist es höchst unbehaglich, still dazuliegen und wie ein aufs Land geworfener Karpfen nach Luft zu jappen. Aber was soll man sich beklagen! Man hat fünfzig Jahre lang die Freuden des Lebens genossen und muß daher auch die désagréments der nächsten fünfzig Jahre auf sich nehmen, ha, ha! Das wäre in der Tat nicht übel, wenn ich nach Ihnen in die Grube fahren sollte. Die Energie dazu habe ich jedenfalls. Das kann ich Ihnen versichern!«

– – – Skram ging.

Es war schon spät, doch der Mond stand am Himmel, und als Skram an seinem Fenster stand und zum Schloß hinübersah, lag es von bleichem Licht umgossen wie in tiefem Schlaf. Von Vifferts Fenster her blinkte noch ein Schein über den Graben, und Skram glaubte, auch aus dem Fenster der Gräfin, das genau unter dem Vifferts lag, einen schmalen Lichtstreifen hervordringen zu sehen. –

Er war müde und ging gegen Mitternacht zur Ruhe.

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