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Gräfin Polly

Palle Rosenkrantz: Gräfin Polly - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPalle Adam Vilhelm Rosenkrantz
titleGräfin Polly
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1910
firstpub1907
translatorFr. Bernh. Müller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150331
projectid944129ae
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III.

Gräfin Polly hatte einst begehrt, daß die Edelsburg umgebaut werde, denn diese war ein pittoreskes, halbverfallenes Raubnest gewesen, von dem nur die Hälfte bewohnbar war. Graf Henrik hatte das Schloß durch einen hervorragenden Architekten nach den Angaben seiner Gattin umbauen lassen und es im vollendeten Renaissancestil wiederhergestellt. Auf die Bewohnbarkeit war besonders Rücksicht genommen worden, und die neue Edelsburg stellte somit einen kleinen Wunderbau dar.

Besonders prächtig war der Speisesaal. Die Balken der Decke waren mit reichem Schnitzwerk geschmückt, das Wappenschilde und Figuren bildete; alles war schwer vergoldet oder nach Art des Ratshauses zu Siena bemalt. Die Wandstücke zwischen den Fenstern bestanden aus altertümlichem Kirchengetäfel, das man von überall her zusammengetragen hatte; in Mannshöhe lief ein breites Gesims an den Wänden entlang, und seltene venezianische Gläser, Rheinweinkruken und schwere Silberpokale standen darauf. Die Tapete aus echtem Goldleder war kaum zu sehen, da rings an den Wänden die Bilder der früheren Besitzer der Edelsburg hingen – teils Originale aus flämischer Schule – teils Kopieen von Galeriebildern, sowie echte Jens Juelsche Werke.

Zwei mächtige florentinische Kronleuchter hingen von der Decke herab, die dadurch in drei Abschnitte geteilt wurde. Das große bunte Glasfenster, das am Ende des Saales gegen Süden ging, war nach der Zeichnung eines Malers – einer Kopie des Altarbildes der Kirche zu Odense – in New York angefertigt worden und stellte den König Hans mit der Königin Christina und ihren Kindern dar. Die bleigefaßten Scheiben mit ihren bunten Farben ließen das Licht kirchenartig hereinfallen und verliehen dem Saal etwas Ernstes, Erhabenes.

Der Tisch, der in der Mitte des Saales unter den Kronleuchtern stand, war an diesem Nachmittag zum Sechsuhrdiner gedeckt worden. Zu den vier gegen Westen gehenden Fenstern sandte die Sonne ihre grellen, vom Widerschein des Grabens verstärkten Strahlen herein. Außer den zum Hause gehörenden Dienern waren nur der Graf, die Gräfin, die beiden Vifferts, Skram und der Kreisarzt Kühn – er selbst nannte sich Hofarzt – zur Stelle.

Der Tisch war mit einer Unmenge von Blumen geschmückt, die aus hohen vergoldeten Empirevasen hervorschauten und um einen Aufsatz mit steifen Göttern und Göttinnen gruppiert standen, die sich in ovalen Glasfeldern bespiegelten. Zum Schmücken des Tisches brauchten zwei Gärtner unter eigner Aufsicht der Gräfin täglich vier Stunden, und es war ihre Aufgabe, jeden Tag eine andre Anordnung zu ersinnen. Das Hauptaugenmerk wurde darauf gerichtet, Schutz und Deckung des einzelnen gegen den Gegenübersitzenden zu schaffen. Die Gräfin liebte eine intime Unterhaltung, und es machte ihr viel Freude, durch hohe Blumendekorationen in der Mitte des Tisches das Treiben der Ehemänner vor den ja so leicht eifersüchtigen Gattinnen auf der andren Seite zu verbergen. Sie verstand es meisterhaft, die Plätze der Tischgäste zu ordnen. Immer sorgte sie dafür, daß die jungen Ehemänner auch junge und lebhafte Tischdamen erhielten, während sie den jungen Frauen die älteren Honoratioren zuschob. Sie selbst saß am Ende des Tisches, von wo aus sie – dank der Zweckmäßigkeit, mit der die Blumen arrangiert waren – das Ganze überschauen konnte. Von diesem Überblickspunkt aus fachte sie das Feuer der Unterhaltung durch kleine neckende Zwischenrufe zu beständigem Glimmen an.

Interesse hatte sie nur für die Herren – Damen fand sie langweilig, und sie tyrannisierte sie vermöge ihrer Würde als Schloßherrin.

An diesem Tage hatte sie am einen Ende des Tisches einen kleinen geschützten Winkel für sich und zwei Herren arrangiert – für Skram, den sie selbst an den Tisch zog und durch besondere Liebenswürdigkeit auszeichnete, und für Sigismund Viffert, der vor Bewunderung, mit der er sie anstarrte, fast das Essen vergaß.

Graf Henrik saß ihr gegenüber am andren Ende des Tisches und wurde von dem Kammerjunker und dem Kreisarzt flankiert.

Ab und zu flogen Vifferts scharfe Bemerkungen über die Blumenhecke herüber – wie Tennisbälle über ein Netz – und die Gräfin sandte sie zurück, häufig so kräftig und geschickt, daß er sie behalten mußte; aber hin und wieder gelang es auch ihm, den Ball so geschickt zu werfen, daß sie ihn behalten mußte. Skram fand im stillen, daß das Duell heute schärfer geführt wurde als sonst. Schließlich aber wurde die Gräfin verstimmt, und der Kreisarzt übernahm die Leitung des Gesprächs.

Kreisarzt Kühn war ein älterer, martialisch aussehender Herr mit einem Henriquatre. Er hatte die überlegene Ruhe des Hausarztes, die er um so lieber hervorkehrte, als er sich seiner ehemaligen Tätigkeit in der Hauptstadt erinnerte; immerhin war sein zwanzigjähriger Aufenthalt unter Bauern nicht spurlos an ihm vorübergegangen, und von Eleganz war an ihm nichts zu bemerken. Er liebte es, ein wenig dozierend zu reden und bei seinen eigenen Worten länger zu verweilen. Doch war er ein kluger Mann, und seine Paraden wurden in würdiger Weise vollführt.

Außerdem war er ein eifriger Soziolog, und gegen Ende der Mahlzeit pflegte er mit Vorliebe sich über seine verschiedenen Themata auszusprechen, die alle das Gepräge trugen, soeben aus Büchern geschöpft zu sein. Viffert gab seinen Senf dazu, so gut er konnte, und er ergänzte den Doktor nicht schlecht, denn der Kammerjunker hatte viele Menschen und Städte gesehen und ihre Sitten kennen gelernt; nur beim Hauptbraten hüllte er sich in apathisches Schweigen.

»Es ist zweifellos ein Irrtum,« dozierte der Kreisarzt, »anzunehmen, daß die Menschheit sich aus der Ursprungsform des Jägers zum Fischer, Hirten, Nomaden und so weiter bis zum heutigen Städtebewohner entwickelt habe. Die Menschen haben sich mit ihrer Beschäftigung immer nach ihrem Aufenthaltsort gerichtet, und alle Formen sind zu allen Zeiten zugleich vorhanden gewesen. So ist es ja noch heute. – Nehmen Sie beispielsweise den Jägertypus – also den Typus, der, um zu leben, das vernichtet, wovon er lebt, es geradezu ausrottet, ohne für Erneuerung zu sorgen. Den Typus finden wir heute beim Kriegerstande – beim Lehnsadel – ja, zum Beispiel, bei Ihnen, Herr Kammerjunker. Sie sind von ausgeprägtem Jägertypus.«

Viffert lachte. »Ich spreche mit Papageno: ›Ein Vogelfänger bin ich ja!‹ – ich und unser braver Wirt.«

Der Kreisarzt goß ein großes Glas Bordeaux hinter seinen Henriquatre. »Der Graf gehört – beachten Sie wohl – trotz seiner Würde entschieden zum Hirtentypus. Er pflegt und hegt das, wovon er lebt, er sorgt für die Zukunft, verteidigt und baut auf. Er ist der echte dänische Bauerntypus, der Haupttypus in diesem Lande. Nur infolge des beharrlichen Schaffens der Bauerngeschlechter sind unsere alteingesessenen Familien so wohlgenährt geworden.«

»Und ich?« fragte die Gräfin, hinter der Blumenhecke hervorsehend.

»Sie, Euer Gnaden ...«

»Papagena,« fiel Viffert spottend ein. »Entschieden Jägertypus. Die Obrigkeit dagegen ist eine interessante Mischung von denen, die das, wovon sie leben, füttern, um es beizeiten zu schlachten; – ähnelt somit den Mastviehzucht treibenden Bauern Jütlands und weicht von den Milchvieh ziehenden Bewohnern Seelands ab. Ungeheuer interessant.«

Der Kreisarzt hatte aufmerksam zugehört und fuhr nun fort: »Es ist interessanter, als Sie glauben, denn in diesen Theorieen liegt eine Erklärung für die ganze gegenwärtige politische Lage Europas.«

»Aha,« unterbrach ihn Viffert, »nun wird es verwickelt.«

»Ja, sehen Sie,« fuhr der Kreisarzt fort, »die ganze Bewegung in Rußland zum Beispiel kann man sich daraus erklären, daß das Volk ein patriarchalisches Hirtenvolk ist. Die speziell in Osteuropa geltende Gesellschaftsordnung setzt den Patriarchen zum Herrn über die Gemeinde, und ihm hat jeder zu gehorchen. Wird er nun zum Tyrannen, erweist er sich als unerträglich, so räumt man ihn aus dem Wege, rottet ihn aus, bringt ihn um. Das geschieht mit Hilfe der Bomben. Der Westeuropäer dagegen – der Jäger, der seinem Wesen nach weit aggressiver ist, hat nach und nach ganz andere Mittel gefunden, um seine Tyrannen zu zähmen. Er schafft Gesetze und Einrichtungen, die den Tyrannen beständig in Schach halten, ihn unschädlich machen und zum Volke herabziehen.«

»Hm, das klingt ganz plausibel,« ließ sich Viffert vernehmen, »aber nach Ihrer Theorie, Doktor, müßte zum Beispiel Henrik, der doch zum Hirtentypus gehört und auch ganz außerordentlich patriarchalisch aussieht, derjenige unter uns sein, der zur Bombe greifen würde, während zum Beispiel ich, der ich in soziologischem Sinne Jäger bin, zum – na, sagen wir, zum Mundwerk greifen würde.«

»Das meine ich auch,« bestätigte der Kreisarzt eifrig.

Graf Henrik lächelte; er folgte der Diskussion ein wenig langsam und ließ sich zum Denken reichlich Zeit.

»Sie meinen also, daß ich, um mich von einem Tyrannen zu befreien, diesen nach Hirtenweise umbringen würde?«

»Gott bewahre,« sagte der Doktor. »Ich meine selbstverständlich nicht, daß Sie, Herr Lehnsgraf, einen Mord begehen könnten, aber Ihr Naturell würde zweifellos, ohne daß Sie selbst darauf reagieren, Ihnen den Gedanken eingeben, jenen umzubringen. Nur als Ausweg. Ich zweifle natürlich nicht daran, daß Sie noch niemals in einer solchen Lage gewesen sind, aber ...«

Viffert unterbrach ihn. – »Da irren Sie sich denn doch, Herr Kreisarzt, denn ich kann Ihnen berichten, daß unser vortrefflicher Wirt, der Weichherzigste aller Weichherzigen, eines Tages in Paris ...«

»Aber Helmut!« rief der Graf dazwischen, und sein Gesicht wurde dunkelrot.

»Passons au dessus de ça,« sagte Viffert und leerte sein Glas.

Dann wurde es still am Tisch.

Das Dessert war inzwischen herumgereicht worden, und die drei aufwartenden Diener hatten den Saal verlassen. So wünschte die Gräfin es.

Viffert brach zuerst das Schweigen.

»Um bei dem Hirtentypus zu bleiben, will ich bemerken, daß dein getreuer Diener Jörgen – den unser gelehrter Doktor auch als Hirten klassifiziert, denn er ähnelt dir so sehr, daß ich mitunter an der ehelichen Treue der seligen Exzellenz Zweifel hege – es übrigens ganz genau so machen würde wie du. Wie du weißt – denn die gnädigste Gräfin benutzt liebenswürdigerweise jede Gelegenheit, mich darauf aufmerksam zu machen – interessiere ich mich stark für die kleine Leonie, die mich – ohne Prinzessin zu sein – an Paris erinnert, an den einzigen Ort, wo ein Junggeselle ein menschenwürdiges Dasein führen kann. Diese Jungfrau soll nun mit Jörgen fest verlobt sein! Seitdem sich mein vortrefflicher François mit einem Teil meines Bargeldes aus dem Staube gemacht hat, muß ich mich Tag für Tag vom Barbier Sörensen unten am Marktplatz mißhandeln lassen, einfach weil ich es nicht zulassen kann, daß Jörgen mich barbiert. Ich habe beständig das kribblige Gefühl, daß dieser ›Hirtentypus‹ noch auf den Gedanken verfallen könnte, mir beim Rasieren den Hals abzuschneiden.«

Die Gräfin lachte. »Da können Sie sehen, Doktor, was dabei herauskommt, wenn man gelehrt ist. Nun haben Sie unsere ganze Mittagsandacht gestört und sind vielleicht Schuld daran, daß Helmut noch eines Tages gegen alle Mode mit einem Vollbart erscheinen und auf diese Weise schließlich einem Ziegenbocke gleichen wird.«

»Keineswegs, liebe Polly – keineswegs,« erwiderte Viffert. »Von jetzt an werde ich mich selbst rasieren. Ich will nämlich eine gewisse Nervosität überwinden und versuchen, ob ich es noch nicht vergessen habe. Schade, daß man in diesem Klatschnest kein ordentliches Barbiermesser bekommen kann, ich würde sonst gleich hier en famille mit der Übung beginnen. Auf Nachsicht des Publikums dürfte ich wohl rechnen, selbst wenn das Resultat nur ein mäßiges sein sollte.«

Graf Henrik, der anscheinend wieder milder gestimmt war, lächelte gutmütig.

»Du weißt, Helmut, daß ich zwei Etuis mit vortrefflichen englischen Messern habe. Wenn du willst, kannst du eins davon nehmen.«

»Ho, ho, ho,« lachte Viffert. »Sie haben recht, Doktor, nun kommt die Hirtennatur in Henrik zum Vorschein. Er will natürlich, daß ich die Exekution wirklich vornehme. – Doch um von diesen blutigen Dingen abzukommen – zu welchem Typus, Herr Doktor, meinen Sie, gehört eigentlich mein lieber Neffe Sigismund hier. Er hat, während wir bei Tische saßen, nicht ein einziges Wort geredet, sondern sich darauf beschränkt, seine schöne Tischdame mit ein Paar Augen anzustarren, als ob er sie verschlingen wolle, während sie, die sich offenbar für Unterhaltungen über Barbiermesser nicht interessiert, ihm allerhand zugeflüstert und freundliche Blicke zugeworfen hat. Ist das nun Hirtennatur, oder Jägernatur?«

Da stieß die Gräfin heftig ihren Stuhl zurück und – hob die Tafel auf. –

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