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Gräfin Polly

Palle Rosenkrantz: Gräfin Polly - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorPalle Adam Vilhelm Rosenkrantz
titleGräfin Polly
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1910
firstpub1907
translatorFr. Bernh. Müller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150331
projectid944129ae
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Schluß

»So ist denn die Sache abgetan, Doktor,« sagte Skram, »und damit ist dieser Tag gut eingeleitet; es bleibt übrigens noch ein gut Teil zu tun übrig, und als Testamentsvollstrecker haben wir auch noch einiges zu leisten.«

Es war nun Morgen, und der Kreisarzt saß in der Gartenstube des Richters an dem großen grünbezogenen Tisch, den Skram als Arbeitstisch benutzte.

Der Kreisarzt war ernst gestimmt; es hatte ihn doch einige Überwindung gekostet, hier von Grundsätzen, die ihm über jeden Zweifel erhaben erschienen, abzuweichen. Doch Skram unterstützte seinen Entschluß mit guter Begründung. Viffert war ja nicht ermordet worden, sondern an einem Herzschlag gestorben, und die Gräfin hatte Skram eingestanden, in einer Art plötzlichen Wahnsinns einer unwiderstehlichen Eingebung gefolgt zu sein.

Der Kreisarzt brummte zwar: »Hätte sich dieses Drama oben beim versoffenen Böttcher an der Ecke abgespielt, dann säßen die Leute jetzt alle Mann hoch hinter Schloß und Riegel und warteten auf ihre Verurteilung.«

»Doktor,« sagte Skram, »merken Sie auf dies Wort: ich will Gleichheit für alle, aber ich will nicht, daß man diese Gleichheit dadurch zuwege bringt, daß man an denen unrecht handelt, gegen die man gegenwärtig, weil sie hoch in der Gesellschaft stehen, kein Unrecht verübt. Die wahre Gerechtigkeit besteht darin, daß man gegen die Kleinen ebenso gerecht ist wie gegen die Großen, und nicht etwa, daß man gegen die Großen ebenso ungerecht ist wie gegen die Kleinen. Mag der Himmel geben, daß diese leicht verständlichen Prinzipien allen – sowohl den Kleinen als auch den Großen – einleuchten. Ich bin gerecht gewesen. Ich habe nichts andres tun können, als was ich getan habe.«

Der Doktor lächelte. »Sie haben ja gar nichts getan, Skram!«

»Eben, lieber Doktor, und das ist in neun von zehn Fällen gerade das, was ein Richter tun soll. Aber das werden die guten Leute gewiß erst sehr spät begreifen. Ich habe Zoll für Zoll die Sache zu verstehen gesucht, und ich habe sie verstanden. Wenn man dagegen, wie die meisten es tun, bei einer falschen Vermutung stehen bleibt, so ist damit freilich nicht gesagt, daß man nicht dennoch zur richtigen gelangen könne, aber man erreicht sie nur auf einem weiten Umweg, und während dessen wird über viele Unglück und Elend gebracht. Und daß ich das nicht getan, erfüllt mich mit dem Bewußtsein, daß ich recht habe. Sie sollten bloß ahnen, wie viele wahnwitzige Fehlschlüsse gestern mein Gehirn durchkreuzt haben. Die richtige Vermutung kam erst, als ich einen Blick in des toten Mannes Herz und – in mein eigenes geworfen hatte. Schließlich war mein Fehler der, daß ich glaubte, ein Weib könne einen Mann ermorden, der sich zwischen sie und den von ihr Geliebten stellt. Ein Weib kann aus diesem Grunde wohl ein andres Weib umbringen – doch schwerlich einen Mann. Es war eine Vermutung ohne rechte psychologische Grundlage, und davor müssen wir uns in acht nehmen, Doktor. Im Grunde genommen, gibt es nur ein Moment, das nicht ganz aufgeklärt ist, nämlich, wie es möglich sein soll, daß sie das Messer aus des Toten Hand genommen und ihm die Schneide auf die Kehle gesetzt hat. Sie selbst sagt, daß ein unwiderstehlicher Drang sie dazu getrieben habe, es muß also eine Art Wahnsinn gewesen sein, und dergleichen ist ja natürlich denkbar, aber ein derartiger Ausbruch von Wahnsinn bei geistig ganz gesunden Personen kann doch kaum auf Verständnis rechnen. Wahr ist es indessen, daran hege ich keinen Zweifel. Aber es bedarf hier nicht allein der objektiven Wahrheit, sondern auch einer plausiblen Begründung. Und hier, glaube ich, sollte der Arzt ein Wort mitreden können.«

»Ich finde es auch gar nicht so schwer verständlich,« sagte der Doktor. »Gehen wir davon aus, daß eine seelische Abspannung vorlag, daß sie alles auf eine Karte setzte, alle Geisteskräfte auf ein Ziel gerichtet hielt, und fügen wir dann zu dieser Sammlung aller Kräfte die plötzliche Erschlaffung, die über sie kam, als sie bemerkte, daß sie gegen nichts mehr zu kämpfen hatte, so erscheint es mir durchaus nicht so schwer, die Ideenverbindung zu verstehen. Viffert hat mit dem Messer in der Hand ausgestreckt im Bett gelegen; alle ihre Gedanken waren auf diesen Selbstmord gerichtet, und die Lust, seinen Selbstmord vorzutäuschen, ist ihr zum Zwangsgedanken geworden. Sie hat sich schon immer mit dem Gedanken beschäftigt, daß dieser Mann von eigener Hand sterben müsse. Der Zwangsgedanke wurde geboren, und die Hemmung, die seiner Ausführung entgegenwirkte, wurde dadurch abgeschwächt, daß die kräftigste Gegenvorstellung: Du sollst nicht töten, nicht eintrat. Die Gräfin folgte also willenlos dem Zwange und griff nach dem Messer, dessen Schärfe sie als Frau nicht kannte und nicht beurteilen konnte. Der Schnitt wurde somit tiefer als sie gedacht hatte; es floß Blut – sie hielt inne und wurde wieder Herr über sich. Das Übrige erklärt sich aus dem Selbsterhaltungstrieb. Ich darf sagen, daß ich recht wohl verstehe und es auch nicht für allzu schwer halte, andre zum Verständnis zu bringen. Einem Arzt gegenüber wird Ihnen das jedenfalls mit Leichtigkeit gelingen. – Aber Sie haben recht, es ist am besten, diese Sache fallen zu lassen, wie Sie vorschlugen.«

»Das meine ich auch,« sagte Skram. »Also ist die Sache nunmehr tatsächlich abgetan. Wir haben jetzt bloß noch als Vollstrecker des Testaments zu handeln. Das wird nicht weiter schwer sein, da nur eine Erbin vorhanden ist – die Gräfin Polly. Das Allgemeinwohl ist somit um sein Erbteil gebracht, und auch Leonie und ihr praktischer Geliebter müssen sich mit den Zehntausend begnügen. Sie dagegen, lieber Doktor, erhalten das ganze Exekutorhonorar, das Sie in den Stand setzen wird, umfassende soziologische Studien zu treiben.«

»Wollen Sie denn gratis fungieren?« fragte der Doktor erstaunt. »Und warum, wenn ich fragen darf?«

Skram lachte.

»Nein, lieber Doktor, vielmehr wünsche ich gar nicht, die Erbmasse des Kammerjunkers zu bearbeiten.«

»Warum nicht?« fragte der Doktor erstaunt.

»Weil die Zeit es vielleicht mit sich bringen wird, daß ich die Gräfin noch lehre, was es heißt: zu leben!« –

 

Ende.

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