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Gräfin Polly

Palle Rosenkrantz: Gräfin Polly - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorPalle Adam Vilhelm Rosenkrantz
titleGräfin Polly
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1910
firstpub1907
translatorFr. Bernh. Müller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150331
projectid944129ae
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IX.

Als Skram zurückgekehrt war, traf er die Gräfin allein im Gartenzimmer an. Sie saß in der Türöffnung und starrte zum Schloß hinüber.

Als sie Skrams Schritte hörte, erhob sie sich schnell und trat ihm entgegen.

»Wünschen Euer Gnaden, daß ich Licht anzünde?« fragte Skram.

»Nein,« erwiderte sie schnell, »das würde Sünde sein. Die Nacht ist so herrlich, und ich liebe die Dämmerung.«

»Und die Einsamkeit,« fügte er hinzu. »Euer Gnaden, nun ist es dahin gekommen, wohin es kommen mußte. Ich hatte erwartet, Sie allein zu treffen, und nun müssen Sie mit mir reden. Ich bin nicht Ihr Feind, aber ich bin in diesem Augenblick Ihr Richter. Ich habe gewartet und geschehen lassen, was geschehen ist. Sie sind nicht gewohnt, vor jemand zu zittern, und doch haben Sie heute vor mir gezittert. Ich will ehrlich sein: ich habe ein Doppelspiel mit Ihnen getrieben. Doch nun kann diesem Spiel ein Ende gemacht werden, wenn Sie es nur wollen.«

Sie trat einen Schritt zurück.

»Wollen Sie mir drohen, Skram?«

»Nein,« sagte er, »drohen nicht, aber Gewißheit will ich haben. Ich bezichtige Sie nicht, Viffert ermordet zu haben, weil ich jetzt weiß, daß dieser Mann an einem Herzschlag gestorben ist. Aber ich weiß auch, daß Sie, Gräfin, heute nacht an seinem Bett gestanden haben, und ich frage Sie bloß das eine: Wußten Sie da, daß dieser Mann tot war?«

Skram konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber die Umrisse ihrer Erscheinung waren – wenn auch nur undeutlich – erkennbar, und er sah, daß sie bebte.

Dann sagte sie mit heiserer Stimme: »Wollen Sie mich etwa der gaffenden Pöbelmenge ausliefern?«

»Nein,« versetzte Skram, »ich habe Ihnen gesagt, was ich will. Ich will Ihr Geständnis.«

Sie machte einen Schritt zur Tür, doch Skram ergriff sie beim Handgelenk.

»Ich weiche nicht von Ihnen, Gräfin. Sie sind in meiner Gewalt.«

»So –! Also an sich gelockt haben Sie mich – in einen ganz erbärmlichen Hinterhalt gelockt!«

Sie suchte ihre Hand freizumachen.

Skram sprach kurz und bestimmt.

»Sie haben die Wahl, Euer Gnaden. Entweder reden Sie mit mir wie mit einem Freunde, oder ich klingle und rufe mein Personal herbei; dann ist die Brücke hinter uns abgebrochen, das Verhör beginnt und niemand kann den Verlauf der Dinge mehr aufhalten.«

»Wollen Sie meine Hand loslassen?«

Skram tat es.

»Warum sagten Sie das nicht früher – bevor Sigismund kam?«

»Weil ich Ihnen eine Chance lassen wollte. Ich gebe jedem, mit dem ich kämpfe, eine faire Chance. Hätten Sie sich ihm gegenüber ausgesprochen und wäre er derjenige, für den Sie ihn hielten, dann hätte er Sie in Sicherheit gebracht und einen Vorsprung erzielt, den ich jetzt nur schwer würde einholen können – jedenfalls nicht, ohne einen gefährlichen Schritt zu tun, der mich große Anstrengung kosten würde. Ich traf Sie aber hier allein und es wurde mir klar, daß Sie entweder nicht zu ihm geredet hatten, oder daß er nicht derjenige ist, für den Sie ihn hielten. Was geschehen ist, bleibt sich gleich. Ich nehme an, daß es vorbei ist.«

Sie beugte den Kopf. »Sie haben recht. Ich redete nicht, ich brachte es nicht übers Herz; er ist ja nur ein Kind. Ich habe mich nicht an ihm, sondern an mir selber geirrt. Es ist vorbei, wie Sie sagen, ganz vorbei. Und nun bitte ich Sie, lassen Sie mich gehen.«

»Euer Gnaden,« sagte Skram. »Sie haben Ihr Leben heute schon einmal aufs Spiel gesetzt, und da waren Sie so wenig rücksichtsvoll, auch mit dem meinigen nicht zu rechnen. Lassen Sie's bei dem einen Mal genug sein. Sprechen Sie sich aus, sagen Sie mir alles. Ich bin kein Kind; Sie selbst haben mir die Ehre erwiesen, mich einen Mann zu nennen. Gut, ich bin ein Mann, und ich kann Sie, wenn Sie wollen, von diesem ganzen Handel los und ledig machen.«

»Was wollen Sie wissen?« fragte sie heiser.

»Das habe ich Ihnen schon gesagt. Ich weiß, daß Helmut Viffert an einem Herzschlag gestorben ist, aber ich weiß auch, daß ein andrer seinen Hals mit einem Barbiermesser durchschnitten hat. Dieser andre sind Sie. Und ich frage Sie nun bloß, ob Sie mit der Absicht zu ihm gekommen sind, ihm das Leben zu nehmen.«

»Nein, nein, nein!« sagte sie.

»Gut, Sie kamen also nicht mit dieser Absicht. Aber als Sie in sein Schlafzimmer traten, sahen Sie ihn im Bett liegen, als ob er schlafe. Das Messer hielt er in seiner rechten Hand.«

»Ja,« flüsterte sie kaum hörbar.

»Und Sie traten an das Bett in dem Glauben, daß er Hand an sich gelegt habe. Sie mußten hintreten, nicht wahr? Sie konnten das Zimmer nicht verlassen, ohne sich vergewissert zu haben, daß er tot war?«

»Er hatte mir ja gesagt, daß er sterben wolle,« sagte sie langsam. Es war, als ob sie unter Skrams Worten zum Bewußtsein gelange.

»Sie beugten sich über ihn und sahen, daß er tot war...«

»Ja, und da kam es, daß ich, ohne mir darüber klar zu sein, was ich tat, das Messer nahm und zuschnitt. Ich wollte, er solle von dem Tod betroffen zu sein scheinen, mit dem er gedroht hatte. Ich haßte den Mann, Skram, ich haßte ihn noch im Tod.«

Skram ergriff ihre Hand. »Das Verhör ist zu Ende, Euer Gnaden. Ich sage Ihnen bei meiner Ehre, keine Behörde der Welt hat das Recht, Sie mit einem Wort über das Geschehene zur Verantwortung zu ziehen. Und keine Seele – mit Ausnahme des Doktors – soll etwas darüber erfahren. Das Verhör ist beendet, und die Sache damit auch. Sie sind frei Euer Gnaden, verstehen Sie, frei, und haben nichts mehr zu fürchten.«

Sie zögerte.

»Aber wünschen Sie, noch mehr zu sagen, so bin ich bereit, alles anzuhören, was Sie zu sagen haben. Ich selbst glaube, daß Sie sich nun leicht werden aussprechen können.«

Sie nickte bloß.

»Es ist unten kühler,« sagte er – und sie schritten über den kiesbelegten Weg des Gartens zu den grünen, über das stille Wasser hängenden Weiden hinab. Der Nachtwind sauste in ihren Ästen und kräuselte die Fläche des Grabens, der im Dunkel tiefgrün erschien und mit seinen kleinen Wellen schluchzend gegen die Landungsbrücke und den Steinbelag der Raseneinfassung schlug.

Sie redete zuerst.

»Er hat wohl viel Häßliches über mich geschrieben?« fragte sie.

»Nein,« sagte Skram, »er hat viel Häßliches über sich selbst geschrieben, so viel, daß ich zu der Annahme neigte, Sie hätten den Entschluß gefaßt, ihn aus der Welt zu schaffen, um den Mund zu schließen, der Sie jahrelang verhöhnt und verletzt hatte.«

»Mir,« sagte sie, »erzählte er heute nacht, daß er sterben wolle, aber, so fügte er hinzu, noch im Tode werde er bei mir bleiben, und Sigismund solle alles erfahren. Darum suchte ich ihn nochmals auf. Nicht, um ihn zu töten. Ich hätte meine Hand nicht gegen ihn erheben können. Ich war in seiner Gewalt und wollte frei sein. Aber er sollte mit selbst die Freiheit schenken. Doch es kam ganz anders. Ich glaubte heute morgen, daß nun alles vorbei sei, denn ich ahnte ja nicht, daß Sie mich verfolgen würden. Ich glaubte, Sie seien mein Freund, Skram.«

»Das bin ich auch,« versetzte Skram ernst. »Ich habe Ihnen meine Freundschaft in höherem Maße bezeugt, als Ihnen vielleicht klar geworden ist. Und doch hätte ich Sie, wenn Sie den Mord begangen hätten, in die Hand der Obrigkeit geben müssen. So aber habe ich meine Pflicht nicht verletzt.«

Sie lächelte trübe. »Und das waren Sie, Skram, der einstmals mich zu lieben glaubte?«

»Gräfin Polly,« sagte Skram, »Sie haben mir heute abend Ihr Vertrauen geschenkt. Wenn Sie es mir auch fernerhin zuwenden, so werden Sie vielleicht noch einmal erfahren, was Liebe ist.«

Sie sah ihn an und ergriff seine Hand.

»Heute besiegeln wir also bloß unsre Freundschaft!«

Skram redete mit leiser, aber fester Stimme, wie er zu tun pflegte, wenn er seinen Worten Nachdruck verleihen wollte.

»Und als Sigismund Sie verließ, begriff er da, daß es vorbei für ihn ist?«

»Ja,« sagte sie.

»Aber wie konnten Sie Ihren Gefühlen für ihn ein solches Gewicht beilegen, daß Sie bereit waren, mit allem zu brechen, um aufs neue zu leben, wie Sie es nannten? Und wie konnten Sie in mir eine solche Überzeugung von der Tiefe Ihres Gefühls wachrufen, daß ich zu glauben vermochte, Sie könnten aus reiner Liebe zu dem jungen Manne – – einen Mord begehen? Denn daß ich das glaubte, wissen Sie ja.«

»Es war der Selbsterhaltungstrieb, der Kampf ums Glück, ums Leben. Ich war in Helmuts Gewalt. Er sagte, er liebe mich, aber seine Liebe zu mir war nur ein Teil seiner Liebe zu sich selbst, der einzigen wahren Liebe, die er zu empfinden vermag. Ich habe früher versucht, mich von seiner Gewalt freizumachen; doch er stellte sich gegen mich, und ich fiel ihm zu Füßen, um es aufs neue zu versuchen und – um mich wieder bezwingen zu lassen. Ich war sein Sklave und konnte seine Macht nicht brechen. Ich richtete alle meine Gedanken auf Sigismund Viffert, um mit seiner Hilfe, ohne daß er etwas ahnte, der Knechtschaft, die mich gefangen hielt, zu entrinnen. Ich fühlte, daß das nur durch Liebe geschehen könnte. Ich erdichtete mir Sigismund größer als er war, ebenso wie ich meine Liebe zu ihm größer erdichtete, als sie war. Und als Helmut das sah und mir den Weg zu versperren suchte, da bat ich, daß er sterben möge, und ich frohlockte, als er mir sagte, daß er sterben wolle. Doch als ich einsah, daß er mich selbst übers Grab hinaus noch verfolgen wolle, da wurde ich von Entsetzen erfaßt. Und dann geschah alles, wie Sie es herausgebracht haben, ohne daß ich zu sagen wüßte, wie.«

»Ich aber verstehe alles,« sagte Skram. »Bloß das eine ist mir nicht klar, inwiefern Sie der tote Mann sollte verfolgen können. Wodurch sollte der Ihnen schaden? Er konnte den jungen Viffert wissen lassen, was zwischen Ihnen und ihm vorgefallen war, aber Sie konnten ja selbst seinem Wort den Stachel nehmen. Sigismund weiß, daß Sie des Grafen Gattin sind, und wenn er Sie liebte, müßte er Ihnen auch vergeben können, daß Sie – die Geliebte seines Onkels gewesen sind.«

»Das eben sollte er nicht erfahren. Noch heute abend war alle meine Hoffnung auf ihn gerichtet, und ich weiß, hätte er es erfahren, dann würde ich ihn verloren haben.«

»Und nun – heute abend – baten Sie ihn selbst zu gehen?«

»Es ist heute viel geschehen, Skram,« sagte sie. – »Und ich habe den Mann kennen gelernt, der mich schützen kann. Auch gegen mich selbst.«

»So überantworte ich Vifferts Brief dem Feuer und lasse jede Erinnerung an ihn in Vergessenheit sinken,« sagte Skram.

Sie reichte ihm die Hand, indem sie sich erhob – und dann schieden sie. Skram aber stand noch geraume Zeit an der Brücke und sah dem Boot nach, das über das dunkelgrüne Wasser glitt, dem Schloß mit seinen starken Mauern zu.

Die standen jetzt nicht mehr trennend zwischen ihm und ihr!

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