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Gräfin Polly

Palle Rosenkrantz: Gräfin Polly - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorPalle Adam Vilhelm Rosenkrantz
titleGräfin Polly
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1910
firstpub1907
translatorFr. Bernh. Müller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20150331
projectid944129ae
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VI.

Sollte sie doch etwas über den Umstand mit den vertauschten Messern erfahren haben?

Alle diese Vermutungen, die er aufgestellt hatte, so wie sie in seinem Gehirn entstanden waren, hatten gewiß ihr Gutes an sich, und manche von ihnen traf vielleicht das Richtige – aber ebensogut konnten sie auch allesamt irrig sein. Wenn Skram das Ganze überdachte, so gestalteten sich die nächtlichen Begebenheiten zu einem richtigen Romankapitel. Die Szene bildete der Seitenflügel des Schlosses, dessen vier Etagen bewohnt waren: Im Erdgeschoß wohnte der Diener, im ersten Stock die Gräfin, im zweiten der ermordete Viffert und ganz oben unter dem Dach die Kammerjungfer Leonie. Die vier Etagen waren durch eine Wendeltreppe verbunden, die durch den Turm aufwärts führte. Auf dieser Wendeltreppe nun hatte sich in der Nacht ein Verkehr entwickelt, der an und für sich wohl ganz berechtigt sein mochte, aber doch recht unwahrscheinlich erschien.

Die Gräfin behauptete, daß Viffert auf dieser Treppe um halb ein Uhr zu ihr herabgestiegen und nach etwa zehn Minuten wieder hinaufgegangen sei. Zu etwa derselben Zeit mußte er, wenn Leonie die Wahrheit redete, wieder die Treppe passiert haben, um der Mamsell den Brief und den Scheck zu geben. Dies war nicht unwahrscheinlich, da die Mamsell ja Scheck und Brief gezeigt hatte. Und da man Viffert in seinem Bett im zweiten Stock gefunden hatte, so mußte er die Treppe zu seinem Zimmer wieder hinabgestiegen sein. Daß Leonie darauf dieselbe Treppe hinabgeschlichen war, ließ sich wohl durch Zeugen beweisen, ebenso daß sie – sicher erst gegen sieben Uhr – wieder in ihre Kammer zurückgekehrt war. Aber noch blieb die wichtigste Benutzung der Treppe zu erklären übrig. War es die Gräfin gewesen, die sich um zwei Uhr in den zweiten Stock begeben hatte, und war dann wirklich geschehen, was Skrams Vermutungen zu Grund lag?

Skram mußte sich – mit einem Lächeln – eingestehen, daß auf dieser Treppe in dieser Nacht ein Verkehr stattgefunden hatte, wie ihn ein französischer Lustspieldichter nur schwerlich seinem Publikum bieten dürfte. Als Inhalt eines Theaterstückes wäre das Ganze unwahrscheinlich und unnatürlich erschienen, als Glied in einer Kette von Tatsachen aber stellte es Möglichkeiten vor, mit denen man rechnen mußte. Man hätte einige Glieder ausschalten und dadurch das Ganze wahrscheinlicher gestalten können, doch dann war man wieder ohne Erklärung für die Ereignisse, die das zuverlässige Gepräge des wirklichen Lebens trugen.

Skram saß in seinem Bureau und machte auf einem Foliobogen Notizen. Bis jetzt hatte er sich noch zu keinem positiven Schritt entschlossen. Allerdings hatte er Leonie verhört und aus dem Gespräch mit der Gräfin entnommen, daß Viffert in ihrem Zimmer gewesen war und selbst die Messer umgetauscht hatte. Aber direkt gesagt hatte sie ihm dieses letztere nicht; sie wußte ja gar nichts von den beiden Etuis, sondern glaubte nur, daß Viffert das Messer des Grafen, mit dem die Tat geschehen war, an sich genommen habe. Sie mußte also noch ein Geständnis ablegen – daß sie an dem nächtlichen Verkehr auf der Treppe teilgenommen und Vifferts Zimmer nach seinem Tode betreten hatte.

Und um dieses Geständnis zu erlangen, hatte Skram sie gebeten, noch an demselben Abend zu ihm zu kommen.

Ob sie nun kommen würde?

Daß sie den mißglückten Selbstmordversuch noch einmal wiederholte, war wohl ausgeschlossen, denn Skram hatte ihr ja gesagt, daß er keinen Verdacht mehr gegen sie hege, und außerdem in seinem Schreiben bemerkt, daß er unter gewissen Umständen Vifferts Brief vernichten wolle.

Würde sie nun alles eingestehen?

Das zu erreichen, war seine Aufgabe. Noch hatte er sich nichts vorgenommen. Die verschiedensten Vermutungen hatten sein Gehirn durchkreuzt, er hatte sie auf ihre Richtigkeit geprüft und war zu einem Resultat gekommen, über das er lächeln mußte, zu einer Theaterszene, die einem kritischen Publikum schwer auf die Brust fallen dürfte!

Es klopfte, und Mamsell Leonie und Jörgen traten ein. Skram empfing sie freundlich und bat sie, Platz zu nehmen; dann schrieb er, indem er Leonie ausfragte, dieselbe Erklärung, die sie schon einmal abgegeben hatte, nieder, und Leonie wiederholte sie ohne die geringste Abweichung. Jörgen saß während dieses Verhörs, das auf französisch geführt wurde, stillschweigend auf seinem Stuhl. Nun bat Skram die Mamsell, das Zimmer zu verlassen, und verhörte darauf Jörgen, der mit knappen Worten, aber in glaubhafter Weise eine Erklärung abgab, die mit der der Mamsell übereinstimmte. Schließlich wurde noch John vernommen, der so lange im Vorzimmer gewartet hatte, und Skram gewann die Überzeugung, daß alle diese Menschen die Wahrheit redeten. Der zweite Teil des Verhörs bestand darin, daß Skram konstatierte, die Mamsell habe um halb neun Uhr bei der Gräfin angeklopft und ihr beim Ankleiden geholfen, worauf diese sogleich durch John die Reitpferde habe bestellen lassen. Nachdem dann die Gräfin gefrühstückt, war sie ausgeritten. Sie hatte vorher noch mit dem Grafen geredet, der ebenso wie sie im Begriff gewesen war auszufahren, doch sonst hatte sie nur mit Leonie, John und dem Tafeldecker, der zusammen mit Jörgen den Frühstückstisch besorgte, gesprochen. Unterwegs konnte sie sicher nichts erfahren haben, was sie auf den Gedanken hätte bringen können, die Erzählung von dem nächtlichen Besuch Vifferts zu erfinden. Und was sie auf Waldhof erfahren hatte, das mußte Sigismund Viffert bezeugen.

Skram stellte somit fest, daß weder Jörgen noch Leonie verdächtigt werden konnten, sondern daß die Gräfin im Zimmer Vifferts gewesen sein mußte, wenn sie schon bei ihrem Besuch auf Waldhof vom Tode Vifferts gewußt hatte. Skram entließ daher die Dienerschaft mit einigen freundlichen Worten und bereitete sich vor, den vierten Zeugen, Sigismund Viffert, zu empfangen.

Der junge Mann kam. Er kam von selbst und mußte also etwas auf dem Herzen haben. Skram sagte sich, daß allein auf diesem Wege das Geständnis zu erreichen sei, nach dem er trachtete. Aber während er vorhin, als das Automobil ihn nach Waldhof führte, sie, die einem Menschen das Leben genommen, fällen wollte, war sein Ziel jetzt ein andres. Er wollte ihr die Sache ganz ebnen und zurechtlegen, sie vielleicht sogar schonen. Und dennoch – das Geschehene aus ihrem Leben tilgen wollte er nicht. Hatte sie das Messer gegen den schlafenden Menschen erhoben – war er also noch ihr Feind, so sollte sie ihm auch nicht an der Seite des jungen Mannes entschlüpfen, um ihr Leben zu genießen, als ob nichts geschehen wäre. Das war eine Forderung der Gerechtigkeit, und sie mußte erfüllt werden – nicht wie gewöhnlich vor der Schranke des Richters, sondern zwischen Mensch und Mensch. –

»Herr Viffert,« sagte Skram, »darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen und mir zu sagen, was mir die Ehre Ihres Besuchs verschafft?«

Der junge Mann brachte seine Antwort etwas stammelnd hervor. »Ich glaubte, mit Ihnen reden zu müssen. Die Sache ist nämlich die, daß Gräfin Polly und ich verabredet haben – – sie hat es ja selbst gesagt und so wissen Sie ja, daß wir – daß sie und ich ein neues Leben beginnen wollen...«

Skram nickte. »Ja, das kam mir recht überraschend.«

»Mir auch!« bekannte Viffert offen und wurde blutrot. »Sie ist ja eine Königin, eine Madonna, so rein, so stolz...«

»Sie hatten wohl bloß an eine Bewunderung auf Abstand gedacht,« sagte Skram. »Und heute nun hat sie Sie mit einem Male überrascht! Sind Sie wirklich nie auf den Gedanken gekommen, daß sie –« Skram zögerte, dann fügte er lächelnd hinzu: »Sie ebenfalls liebe?«

»Nie,« sagte Viffert. »Ich wußte freilich, daß sie nicht glücklich war, das konnte ich ja sehen, aber mit ihr über Liebe reden, wie hätte ich das können? Und außerdem war sie ja mit Henrik vermählt.«

»So ist es also erst heute geschehen, daß die Gräfin Ihnen ihre Pläne verriet und Sie vor Glück wie aus den Wolken fielen?«

»Das tat ich allerdings! Ich traute ja meinen Ohren kaum. Es überwältigte mich. – – Doch was ich Ihnen sagen wollte, ist etwas ganz andres. Gräfin Polly will sich nun also von ihrem Manne trennen. Aber dann muß ich auch das Pachtgut verlassen, denn ich kann doch nicht länger Henriks Pächter sein. Ich selbst besitze rein nichts; im Gegenteil, ich müßte noch Schulden machen, da ich Besitz und Inventar nach Joachimsen, der vor mir den Waldhof hatte, übernommen habe. Ich hätte gewiß Onkel Helmut bewegen können, mir zu helfen, denn er war ja sehr reich; das glaubte ich wenigstens, aber nun verstehe ich nicht einen Muck von der ganzen Sache.«

»Na,« versetzte Skram, »der Zusammenhang ist an sich nicht so schwer zu verstehen. Ihr Onkel hat geahnt, worauf weder Sie noch sonst jemand gekommen ist. Er war wohl der Freund der Gräfin, aber auch der des Grafen. Und aus letzterem Umstand erklärt sich sein Wunsch zu verhindern, daß die Gräfin aus der Bahn breche. Das kann ihm keiner verdenken.«

»Aber wie ist es dann möglich, daß Gräfin Polly mir heute morgen sagen konnte, sie sei reich und unabhängig; nun sei endlich die Stunde gekommen, da sie dem Drange ihres Herzens folgen könne?«

Skram zuckte die Achseln, aber er spitzte aufmerksam die Ohren. »Damit hat sie wohl gemeint, daß der Graf ihr eine große Apanage geben werde.«

»Nein,« sagte Viffert, »das kann sie nicht gemeint haben, denn sie sagt ausdrücklich, daß sie von Henrik keinen Pfennig nehmen wolle.«

»Dann hat sie vielleicht schon gewußt, daß Ihr Herr Onkel tot ist, und es ist ja möglich, daß er ihr vorher gesagt hat, daß sie seine Erbin sei, ohne aber hinzuzufügen, welch fatale Bedingung er daran knüpfe.«

Skram sah den jungen Mann scharf an.

»Unmöglich,« sagte dieser arglos. »Sie wußte ja nicht, daß Onkel Helmut gestorben war.«

»Hm, ich glaube aber doch, daß sie es wußte,« unterbrach ihn Skram. »Und wenn Sie recht nachdenken, so wird Ihnen vielleicht auffallen, daß die Gräfin bei der Todesnachricht gar keine Überraschung zeigte.«

Viffert sah ihn verdutzt an. »Nein,« stammelte er – »nein. Sie haben recht – sie war gar nicht überrascht – sie faßte es ganz ruhig auf. – – Ja, Sie haben recht! Sie muß es gewußt haben!«

»Sind Sie darin sicher?«

»Ja, beinahe – oder richtiger, ich bin ganz sicher darin. Denn als ich ihr sagte, ich wolle Onkel Helmut gleich mitteilen, was wir beide verabredet hätten, da lächelte sie so sonderbar. Und als ich sie fragte, warum sie lächle, antwortete sie bloß: ›Denk nicht an Onkel Helmut. Der steht ganz außerhalb der Sache.‹ – Erst jetzt fällt es mir ein, aber das waren ihre Worte.«

Skram rieb sich die Hände.

»Also hat die Gräfin gewußt, was geschehen war,« sagte er, »und sich bloß hinsichtlich der Erbschaft verrechnet. Schade, daß Sie keine Frau wie sie ernähren können. Sie sind sicher zu stolz, um vom Grafen Geld zu nehmen, und selbst haben Sie nur Schulden. Und ich sage Ihnen mit Bestimmtheit – deswegen sind Sie wohl auch nur gekommen – weder Sie noch die Gräfin werden vom Kammerjunker Viffert einen Pfennig erben.«

Der junge Mann wurde rot vor Ärger.

»Herr Amtsrichter,« sagte er. »Sie haben kein Recht, mich zu beleidigen. Für mich handelt es sich hier nicht um Geld – ich bin gewohnt zu arbeiten. Ich bin wohl arm – in Armut geboren, aber ich habe gelernt, meine Hände zu gebrauchen, und bin sogar bereit, wieder als Verwalter zu gehen.«

»Ein gutes Wort!« sagte Skram freundlich. »Sie werden schon mit dem Leben fertig werden – wie aber sie? Können Sie es verantworten, sie aus all dem, was sie jetzt besitzt, herauszureißen – aus der Gräfin Eisenbart eine Verwaltersfrau zu machen? Sie sind doch ein nüchterner und ruhiger Mann, Viffert. Denken Sie doch ein bißchen nach. Das ist ja nichts als eine Grille von ihr! Sie ist sechs Jahre älter als Sie. Sie beten sie mehr an, als daß Sie sie lieben. Wie, wenn es sich herausstellen sollte, daß sie sich an sich selbst geirrt hat, daß alles nur eine Laune von ihr ist, eine Grille, die Langweile und Überdruß ihr eingegeben haben? Wenn es sich zeigen sollte, daß sie eine ganz andre ist, als Sie jetzt glauben? Wie wollen Sie dann dem Unglück begegnen, das Sie durch Ihre Unbesonnenheit angerichtet haben?«

In Viffert gärte es.

»Sie reden von Irren? An ihr kann sich niemand irren. Sie vermag nicht zu lügen. Sie hat wie ein unerfahrenes Kind Graf Henrik geheiratet, sie tat es nur um ihrer Mutter willen, damit diese im Alter keine Not leide. Sie hat nie eine niedrige Handlung begangen, nie jemand belogen oder betrogen. Und das wagen Sie auch nicht zu behaupten!«

»Herr Viffert,« sagte Skram, »Sie ereifern sich! Ohne Grund. Ich behaupte gar nichts. Es ist durchaus nicht meine Gewohnheit, Menschen zu verleumden, die mir Freundschaft erwiesen haben. Aber wenn Sie sich nun irrten, wenn die Gräfin doch eine ganz andre wäre, als Sie glauben? Wenn Sie nicht der erste Mann wären, den sie liebt? Verstehen Sie mich wohl, das ist bloß ein Gedankenexperiment von mir. Aber würden Sie es dann – trotz alledem – verantworten können, sie aus der Herrlichkeit, in der sie lebt, herauszuführen und ihr dafür zu bieten, was ein armer Landmann zu bieten vermag?«

»Ich verstehe mich nicht auf solche Dinge,« sagte Viffert kurz. »Ich selbst bin ein ehrlicher Mann, und Ihre Gedankenexperimente gehen mich nichts an. Ich habe tief in ihre Augen gesehen, und die lügen nicht. Das Weib, das ich mein nennen soll, muß ohne Flecken und Makel sein, so wie sie es ist. Und wenn ihre Ehe mit Graf Henrik erst gelöst ist, wird das Einzige, was mich jetzt noch von ihr trennt, ganz aus ihrem Leben getilgt sein. Ich nehme nicht die Frau eines andern Mannes, aber wenn sie freiwillig zu mir kommt – mit ihrer Liebe – –« Viffert schwieg.

»Und wenn sie Ihnen nun doch nicht die Wahrheit gesagt hätte?« fragte Skram ruhig.

Viffert erhob sich hastig, um zu gehen.

Doch Skram hielt ihn auf und sagte bestimmt: »Herr Viffert, jetzt ist es acht Uhr. Um zehn Uhr werde ich hier anläßlich des Todes Ihres Onkels Verhör abhalten. Wollen Sie so freundlich sein und sich dann hier in meinem Bureau einfinden. Es liegt eine Sache von großer Wichtigkeit vor.«

Viffert blickte ihn verständnislos an, dann neigte er als Antwort den Kopf und ging.

Skram folgte ihm bis zur Tür und – in sein Zimmer zurückgekehrt – flüsterte er vor sich hin: »Sie hat gewußt, daß er tot war.«

Hatte sie also die Unwahrheit geredet, als sie erzählte, daß Viffert sich das Messer selbst aus dem Ankleidezimmer des Grafen geholt habe? Es konnte immerhin wahr sein, denn die Vermutung, es liege Mord vor – auf die Skram ja nur dadurch gekommen war, daß er das Messer des Grafen in der Hand des Toten gefunden hatte – konnte von Viffert selbst beabsichtigt worden sein, und allein zu diesem Zweck konnte er sich das Messer geholt haben.

Doch wie war es nun mit der Todesursache bestellt? War es Mord, Selbstmord oder nur Herzlähmung?

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